B. STICKEREIEN.

Schon unter den ägyptischen Funden der spätantiken Zeit (s. S. 67)

finden sich vereinzelt Stickereien, einige auch mit christlichen

Darstellungen. Eine größere Anzahl ist dann aber erst aus romanischer

Zeit vorhanden. Am hervorragendsten ist der sogenannte „Gösser Ornat“

(Saal VI), der wohl zu den bedeutendsten erhaltenen Textilwerken

älterer Zeit überhaupt gehört. Er umfaßt Antependium, Kasel, Pluviale,

das Gewand des Diakons und Subdiakons, ist somit ein vollständiger

und wohl der einzige vollständig erhaltene Ornat aus romanischer

Zeit. Die Entstehungszeit (zweites Viertel des XIII. Jahrhunderts)

und der Entstehungsort (Göß bei Leoben) sind unbedingt gesichert; die

Erhaltung, besonders der Farben ist fast einzig dastehend. Die Kasel

ist allerdings auf eine kleinere Form zugeschnitten; doch sind die

abgeschnittenen Teile größtenteils zur Ausbesserung der andern Stücke

verwendet worden.[19]

Die Stücke können in gewisser Beziehung als ein Formenschatz der

romanischen Kunst aufgefaßt werden.

Besonders zu bemerken ist noch die auffällige, der spätromanischen Zeit

aber entsprechende Unsymmetrie aller Teile.

Ausgeführt sind die Stücke in Seidenstickerei, die den Leinengrund

vollständig bedeckt; die Vorzeichnung, die heute stellenweise wieder

sichtbar ist, mag in Salzburg angefertigt worden sein.

An mehreren Stellen wird in lateinischen Inschriften die Äbtissin

Kunigunde (II.) als Verfertigerin des Ornats genannt. Bemerkenswert ist

auch eine eingestickte gereimte mittelhochdeutsche Inschrift.

Ein hervorragendes Werk der spätromanischen Kunstrichtung ist weiters

die Mitra von Arnoldstein, mit der Darstellung Christi und der Apostel

und reichem Rankenwerke.

Zahlreich sind die späteren gotischen Figurenstickereien in sogenannter

„englischer Stickerei“ sowie die Arbeiten in Lasurstich („burgundischer

Technik“), welch letztere Art noch bis in die Renaissancezeit geübt

wurde.

Von den mittelalterlichen Stickereien wären ferner verschiedene Paruren

von Alben (auf Leinwand) zu erwähnen, da solche ziemlich selten

erhalten sind.

Von den Renaissancestickereien wären besonders vier reiche

frühflorentinische figurale Szenen in Lasurstich, dann italienische

und spanische Applikationen[20] sowie zahlreiche Seidenstickereien auf

Leinen zu erwähnen; ferner eine große süddeutsche Applikationsarbeit

(Putten mit Festons und habsburgischem Wappen) aus der Zeit Erzherzog

Ferdinands von Tirol († 1595).

Aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert stammen des weiteren große

Stickereien in gros- und petit-point, wie sie besonders in Frankreich

ausgeführt wurden (Saal X).

Die Barockstickerei tritt am glänzendsten in einigen kirchlichen

Arbeiten hervor, unter denen besonders eine venezianische Kasel aus

der Zeit um 1700 (mit reicher Ornament- und Figurenstickerei) als ein

Meisterwerk der Zeit hervorgehoben sei.

Eine besonders in Österreich in der Barockzeit vertretene Technik

(Stoffapplikation mit ausgeschnittenen Papierrändern)[21] ist in einer

großen Anzahl von Mustern von den ersten bis zu den letzten Stadien der

Ausführung aber auch in einzelnen großen Stücken zu beobachten.

Sehr reich ist auch die Sammlung von Stickereimustern (für Herrenröcke

und Westen), wie solche in der Rokoko- und Louis XVI-Zeit in Frankreich

gearbeitet und in die andern Länder versendet wurden. Auch sind ganze

gestickte Gewänder von der Rokokozeit bis zur Biedermeierzeit vorhanden.

Aus der österreichischen Empirezeit ist eine besonders prächtige

Reliefstickerei in Gold mit Adler und Namenszug des Kaisers Franz zu

sehen (Saal VII).

Bei der Wichtigkeit der volkstümlichen Kunstentwicklung in

den verschiedenen österreichisch-ungarischen Ländern ist es

selbstverständlich, daß auch die +Volkskunst+ in der Textilsammlung

besonders Berücksichtigung finden mußte. Als umfangreichere Gruppen

wären die slowakische, die dalmatinische, die slawonische und

ruthenische hervorzuheben.

Von den orientalischen Stickereien ist ein persischer Männerrock mit

reicher Figurenstickerei als eines der hervorragendsten erhaltenen

Werke dieser Art aus dem XVI. bis XVII. Jahrhundert zu erwähnen (Saal

VI).

Führer durch das k. k. österreichische Museum für Kunst und Industrie · 第 32 / 89 题