Die ältesten in der Sammlung vorhandenen Stücke entstammen ägyptischen
Gräbern der griechisch-römischen Periode[12] und stellen eine der
frühest zustande gekommenen und vollständigsten Sammlungen dieser Art
dar. Vorherrschend sind tapisserieartige Gewebe, die man vielfach als
volkstümliche Nachahmungen spätantiker Seidengewebe aufzufassen hat.
Doch sind auch spätantike Seidengewebe selbst vorhanden (sogenannter
„Simsonstoff“ und Reiterdarstellung in Kreisen).
Die Sammlung umfaßt weiters Stoffmuster byzantinischer, sarazenischer,
romanischer und gotischer Herkunft, zumeist Seidenstoffe, da diese
eben für die edelsten Zwecke, vor allem also Kirchengewänder und
Reliquienhüllen, bestimmt waren und als solche auch besser bewahrt
wurden.[13] Es ist hier natürlich nicht möglich, eine Geschichte der
Textilkunst zu geben;[14] es sei nur erwähnt, daß die Seidenzucht
und -weberei ursprünglich nur in China und dem Grenzgebiete Khotan
heimisch war, daß aber das Rohmaterial in der römischen Kaiserzeit
schon in größerem Maße in die östlichen Mittelmeergebiete eingeführt
und hier auch sehr kunstvoll verwebt wurde, kunstvoller sogar als in
Ostasien selbst, so daß die vorderasiatischen Erzeugnisse auch dort
gesucht waren. Die Weberei wurde auf diese Weise ein Hauptmittel der
Überlieferung von Kunstformen von einem Gebiete in das andere.
[Illustration: Gebetteppich, Nordindien, um 1600]
Früh erlangt auch das von den Sassaniden beherrschte Persien
Wichtigkeit für die Seidenweberei und beeinflußt zum Teile auch die
griechisch-römischen Länder.
Im Mittelmeergebiete selbst wurde die Seidenzucht erst unter Kaiser
Justinian (zu Beginn des VI. Jahrhunderts) eingeführt; doch brauchte es
lange, ehe man von der Einfuhr des Webematerials unabhängiger wurde.
Dadurch, daß gerade die östlichen Gegenden des Mittelmeergebietes und
Persien Hauptsitze der Textilindustrie waren und die meisten dieser
Länder vom VII. Jahrhunderte an unter mohammedanische Herrschaft
gelangten, nahm der Einfluß der islamitischen Kultur auf diesen Zweig
des Kunstgewerbes ganz besonders an Umfang zu und zeigt sich natürlich
auch in der Weberei Spaniens, jedoch auch in Byzanz und weiterhin in
der vom XIII. Jahrhundert an stärker sich entwickelnden italienischen
Textilkunst. Hauptsitze dieser wurden Lucca, Venedig, Genua, dann
Bologna, Florenz, Mailand und andere Orte. Die frühen italienischen
Stoffe ahmen sehr häufig orientalische Schriftzüge nach; doch darf
man deshalb im einzelnen Falle nicht immer ein orientalisches Vorbild
voraussetzen.
Es ist dabei zu bemerken, daß im späteren Mittelalter infolge der
Mongolenherrschaft, welche den Osten und Westen Asiens verband, in
der ganzen orientalischen und auch in der italienischen Kunst die
ostasiatischen Einflüsse sehr stark werden und sich bei den Stoffen zum
Beispiel in Wolkenbändern, Strahlen, heiligen Kugeln und chinesischen
Tierformen, aber auch in der Unsymmetrie der Musterung, verraten.
Daneben machen sich in den späteren Jahrhunderten des europäischen
Mittelalters natürlich auch der selbständig entwickelte europäische
Naturalismus und auch in Italien die im besonderen gotische
Formensprache einigermaßen geltend.[15]
Unabhängiger wird die europäische Weberei mit der reiferen Gotik und
Renaissancezeit, obgleich ursprünglich orientalische und ostasiatische
Motive (Granatapfel und anderes) noch immer wirksam bleiben. Schon vom
späteren Mittelalter an exportiert Italien übrigens vielfach nach dem
Oriente, trotzdem sowohl Persien als die türkischen Gebiete im XVI. und
XVII. Jahrhunderte selbst ganz Hervorragendes schaffen.
In der Barock- und Rokokozeit werden dann in Europa wieder die
ostasiatischen Einwirkungen stärker.[16] Immerhin ist in den letzten
Jahrhunderten die europäische (zunächst die italienische, dann seit
1660 bis 1670 die französische) Weberei der Textilkunst aller andern
Länder (Orient, Ostasien) mindestens technisch überlegen und erlebt in
den naturalistischen Stoffen der Spätbarockkunst und denen des Rokoko
eine ganz eigenartige Blüte.
Besonders in der französischen Textilkunst erreichte die Technik
des Färbens und Webens damals eine bis dahin unerreichte Höhe. Von
der Mitte des XVIII. Jahrhunderts an beginnen mit dem Vordringen
des Klassizismus die Muster sich zu vereinfachen; die technische
Verfeinerung wächst aber ununterbrochen und führt endlich zur
Ausbildung des Jacquardstuhles, der seit Beginn des XIX. Jahrhunderts
die älteren Handzugstühle immer mehr verdrängt hat.
Gegen Ende des XVII. und im Laufe des XVIII. Jahrhunderts entwickelt
sich übrigens auch schon außerhalb Italiens und Frankreichs eine
höherstehende Webekunst, die in Österreich zur Zeit Maria Theresias und
zu Beginn des XIX. Jahrhunderts besondere Bedeutung erlangt; eine große
von den Wiener Fabrikanten Gebrüdern Mestrozi angelegte Mustersammlung
kann davon wenigstens teilweise einen deutlichen Begriff geben.
Nicht nur aus allen erwähnten Perioden der europäischen und
vorderasiatischen Textilkunst (sowie aus der späteren Zeit des XIX.
Jahrhunderts bis in unsere Tage) enthält die Sammlung hervorragende
Proben oder ganze Kirchengewänder,[17] sondern auch von der übrigen
mohammedanisch-orientalischen und der chinesisch-japanischen Erzeugung.
Unter den orientalischen Erzeugnissen sei besonders ein großes Pluviale
(Saal VI) hervorgehoben, das aus einem ungewöhnlich breiten und
prächtigen persischen Seidenstoffe des XVI. bis XVII. Jahrhunderts
angefertigt ist.
Reich ist die Sammlung auch an alten ostasiatischen Stoffmustern,
die großenteils noch vor Eröffnung Japans für den Welthandel dort
durch den bekannten Diplomaten und Forscher Freiherrn von Siebold
zusammengebracht wurden.[18]