der Ferne, über dem Waldrücken war der Himmel glühend rot. Es war noch
vor Sonnenaufgang, die Welt war kalt und dunkel. Das Hochgebirge
zeichnete sich mit seinen zackigen Gipfeln herrlich-groß und dunkel im
brennenden Morgenrot ab. Ich zog mich rasch an, und ging hinunter, um in
den wundervollen, frischen Wintermorgen hinauszugehen. Der ganze Himmel
war voll rötlichen Gewölkes. Im Dorf, das nur wenige Schritte von
unserer Stadt entfernt ist, war die glänzende, rosige Straße voll
Schulkinder, die eilig zur Schule liefen. Rührend erschienen mir die
zahlreichen jungen Gestalten in ihrer Emsigkeit in dem goldenen Morgen,
der silberig glänzte. Eine seltsame, jugendliche Klarheit wehte, gleich
einem frischen Wind, durch die Gasse. Auch wehte ja der Morgenwind und
einige welke Blätter fingen über die Straße an zu tanzen. Prächtig
schimmerte der Glanz des Göttermorgens durch die Äste der kahlen Bäume.
Ich atmete aus voller Brust die köstliche Luft ein, einige Häuser
schimmerten grünlich, andere strahlten in süßem, reinem Rosarot, und das
Grün der Wiesen war so frisch. Aus der Nacht und ihrem Dunkel war alles
hell und unsäglich freundlich aufgestanden. Die Gesichter der Menschen
leuchteten so morgendlich. Die Augen blitzten und glitzerten, und am
Himmel schimmerten noch die Sterne in überirdischer, verzehrender
Schönheit. Überall ein Glanz und ein Wind. Der Wind fegte daher wie
jugendliche Hoffnung, wie neue, nie empfundene Zuversicht. Alles bewegte
sich, die Wäsche flatterte und knatterte, der Eisenbahnrauch flog auf
und verlor sich. Auch ich verlor mich. Ich war wie verzaubert, wie neu
geboren, und voll Entzücken schaute ich zum Morgenrot hinauf, wo das
selige, goldene Gewölke schwamm. In Herrlichkeit und in Seligkeit
zerrinnend löste es sich auf, und da trat die Sonne hervor, der Tag war
da.
Der Ausflug
Ich ging aus der Stube auf die Straße. Es war zu schönes Wetter, ich
vermochte nicht das schöne Wetter zu betrachten und dabei zu Hause zu
bleiben. Mild wie ein kleines, artiges Kind sah die Welt aus, so still
und hell, so freundlich-grünlich. Gravitätisch und ernsthaft schritt ich
vorwärts wie einer, der einen wichtigen Gang zu machen hat, etwa wie ein
sanfter, gesetzter Steuereinnehmer oder fast wie ein Notar, der über das
Land läuft. Es ist mir zur Gewohnheit geworden, stets so aufzutreten,
wie wenn ich Wichtiges und Nützliches im Sinne hätte. Man sieht gut aus
so, und die Leute achten einen. Beim Bahnübergang mußte ich warten, aber
ich blieb ganz gern eine kleine, feine Weile stehen. Alsdann und so ging
es weiter, durch ein Dorf, das ganz in Lieblichkeit gebadet dastand,
durch einen Wald, zum Wald wieder hinaus über ein Feld durch ein anderes
Dorf. Stellenweise war der Weg recht pappig, breiig und schmutzig. Da
tat ich, als sei ich weiß wunder wie entsetzt über die Unreinlichkeit,
wie der feinste Herr der Welt. Das Dorf war groß und schön, und da stand
auf der grünen sanften Anhöhe ein Bauernhaus, eine rechte Pracht von
einem Haus. Spielende Kinder auf der Landstraße und alles so leise, so
dunkel, so hell und so weich. Es war, als erwarte die ganze Welt etwas
Liebes und Schönes, stehe darum so zart da, so still. Das Dorf hatte ein
so kluges, gescheites Aussehen, und das Wirtshaus stand so imposant an
der Straße, daß ich recht ordentlich Respekt vor ihm bekam und kaum an
ihm aufzuschauen wagte. Auch war die gestrenge Ortspolizei in nächster
Nähe, bei deren Anblick ich mir so eigentümlich vagabundenhaft vorkam. O
das Gehen in die weite, saubere, stille Welt hinein ist eine Königslust.
Ein zweites Dorf tauchte bald danach auf. Dann ging ich den Berg hinauf.
Auf dem Berg oben stand in der Waldlichtung ein wunderschönes, altes
Gehöfte, so stolz, still und einsam. Bald ging ich wieder bergabwärts,
durch den winterlich kahlen Wald. Abends war ich zu Hause, gerade schön
pünktlich zum Abendessen. Ich bin und bleibe halt ein sonderbarer Freund
der Pünktlichkeit.
Schnee
Wir haben hier Schnee, lieber Freund, soviel du begehrst und du Lust
hast. Das ganze Land ist dick mit Schnee bedeckt. Wohin man blickt:
Schnee; Schnee da und Schnee dort. Auf allen Gegenständen liegt er, und
die Leute unserer Stadt, groß und klein, werfen sich, um sich ein
Vergnügen zu machen, Schneebälle an. Die Kinder können soviel Schlitten
fahren als sie wollen, und das wollen sie gern. Gestern stieg ich im
Schnee den Berg hinauf, und je höher ich kam, um so tiefer watete ich im
tiefen, weichen Zeug. Nicht nur die Zweige und Äste der Bäume, sondern
auch die hohen Stämme waren mit der weißen Last bedeckt. Es war nämlich
Schneesturm gewesen, und da fegte aus Westen das tolle Schneewesen
daher, als wolle es von seitwärts die Welt mit Weiß überschütten. Nimmt
mich wunder, daß nicht Haus und alles zugedeckt worden ist. Immer höher
in den verschneiten Wald hinauf stieg ich. Es ging nicht ab ohne einiges
Ächzen, denn im frischen tiefen Schnee läuft sichs schwer. Ich zog den
Hut vom schwitzenden Kopf ab wie im Sommer, und mein Wintermantel wurde
mir lästig. Da hörte ich Axtschläge. Ein junger Bursche stand ganz
allein in der weißen, abendlichen Waldeinsamkeit und machte sich mit
einer Tanne zu schaffen. Weiterhin und so stieß ich auf ein sonderbares
unerwartetes Hindernis. Zwei große Tannen, vom Sturm zu Boden gerissen,
lagen ihrer stattlichen Länge nach mitten im engen Waldweg und
versperrten denselben mit ihren weitausgreifenden Ästen. Doch ich
arbeitete mich wacker durch und ging weiter. Schon wurde es finster im
weißen Zauberwald. Da ging ich bergabwärts, durch all den Schnee. Einmal
warf es mich um, daß ich im Schnee saß, als habe ich mich zu Tisch
setzen wollen, um zu soupieren. Ich raffte mich auf, mußte lachen und
beschleunigte den Heimweg.
Der Blick
Eines Tages, im Sommer, es war in der Mittagsstunde, und ich ging
langsam nach Hause, um zum Essen zu gehen, begegnete mir in der
Gartenstraße des Villenquartieres, durch welches ich meine Schritte
lenkte, in all der Hitze und in all der Stille, die auf der
menschenleeren, hellen, ja, man muß sagen, grellen Straße herrschte,
eine so sonderbare Frau, als je eine vor kürzerer oder längerer Zeit mir
konnte begegnet sein. Müde und matt, so, als sehne sie sich im tiefsten
Innern nach einer Befriedigung und Sättigung, schritt sie auf der andern
Seite der Straße daher und indem sie mir näher kam, entdeckte ich an der
edlen Haltung, die sie nachlässig und fast verächtlich zur Schau trug,
eingeborener Gewohnheit gehorchend, und an den kostbaren Kleidern, daß
sie von vornehmem Stande sein müsse. Sozusagen träge und eine halbe
Interessiertheit ins Auge legend, schaute ich die fremde Dame kühl und
ruhig an; sie jedoch strafte mich, den sie ebenfalls anschaute, mit
einem langen und tiefen Blick voll Stolz und Klage. Es wollte mir später
vorkommen, als sei der Blick der schönen, stolzen, unglücklichen Frau,
bevor er mich getroffen habe, in den Himmel gedrungen und von hoch oben
herab auf mich gefallen, und noch heute sehe ich ihn, dunkelbraun und
voll Glut, auf mich gerichtet, den Blick der Frau.
Der Heidenstein
In dem Wald, der, weil er so schön ist, mich immer wieder zu sich zieht,
steht unter den hohen, schlanken, ernsten Tannen ein Stein, den die
Leute den Heidenstein nennen, ein schwärzlicher, moosüberzogener
Granitblock, auf welchen oft die Schulknaben klettern, ein wundersamer
Zeuge aus uralten, wundersamen Zeiten, bei dessen sonderbarem Anblick
man unwillkürlich stillsteht, um über das Leben nachzudenken. Still und
hart und groß steht er inmitten des lieben grünen heimeligen Waldes da,
gewaschen von unzählbaren Regengüssen, versteckt im Bereiche der
schweigenden treuherzigen Tannen, Bild der Vergangenheit, Ausdruck der
schier ewigen Beständigkeit und als ein Beweis vom unausdenklichen Alter
der Erde. Oft schon bin ich vor dem schönen Stein stillgestanden, den
zwei alte wunderliche Tannenbäume zieren, die auf dem ehrwürdigen
Gestein Platz zum kräftigen Wachstum gefunden haben. Auch heute habe ich
ihn wieder gesehen, und indem ich ihn so sah, sprangen mir folgende
leise für mich hingemurmelte Worte über die Lippen: »Wie schwach und
weich und leichtverletzlich ist doch das Menschenleben, verglichen mit
deinem Leben, du alter, unzerstörbarer Stein, der du lebst vom Beginn
der Welt an bis heute, der du leben und stehen wirst bis an das
fragwürdige Ende alles Lebens. Dich scheint das Alter eher zu festigen
und zu kräftigen, als anzugreifen und zu schwächen. Rings in der Gegend
sterben die empfindlichen Menschen. Geschlechter folgen auf
Geschlechter, die, Träumen ähnlich, und dem bloßen, zarten Hauch
verwandt, auftauchen und verschwinden. Dir ist keine Schwäche bekannt.
Ungeduld ist dir fremd. Gedanken rühren dich nicht an und das Gefühl
tritt nicht bis zu dir. Und doch lebst du, bist lebendig, führst dein
steinern Dasein. Sage mir, lebst du?« -- Voller sonderbarer Fragen,
voller Ahnungen entfernte ich mich von dem merkwürdigen alten,
trotzigen, steinharten Gesellen, und ich hatte das Gefühl, als sei er
ein Zauberer, als sei der Wald durch ihn verzaubert.
Der Waldberg
Ich bin um den einen von den beiden länglichen Waldbergen, die unserer
Stadt naheliegen, herumgegangen, wobei ich drei bis vier freundliche,
kluge, stille und sehr, sehr liebe Dorfschaften zu streifen, zu berühren
und zu passieren hatte. Wie ich mich entsinne, war das Wetter ein
winterliches-freundliches. Indessen ließ die Landstraße da und dort an
Sauberkeit und schöner, feiner Glätte zu wünschen übrig, was als großes
Unglück nun auch nicht gerade bezeichnet werden kann. Gibt es ja doch
Schuhputzer, die einem später das stark in Anspruch genommene Schuhwerk
wieder reinigen und in Ordnung setzen können. Die Welt gewährte einen
grünen, hauchartigen Anblick. Die Farben waren sehr zart, und was die
Formen und Erscheinungen betrifft, so begegneten mir auf der Straße
einige Fuhrleute mit Fuhrwerken, sowie eine alte behäbige,
korbdahertragende Bauersfrau und ein städtischer mürrischer Händler. Zur
linken Seite hatte ich fortlaufend und mit mir, dem Fußgänger, gleichsam
weitermarschierend, den Waldberg, während zur Rechten sich eine zarte,
schöne Ebene erstreckte, mit Feldern und Äckern und Moorlandschaft. Ein
kleines Landstädtchen mit Kirchturm in der Ferne und ein Stück Fluß, und
in einiger Nähe drei Frauen, die im Feldweg arbeiteten. Sie lachten und
redeten miteinander, als sie den einzelnen Wanderer so wacker und
fleißig dahermarschieren sahen. Ich muß und will gerne gestehen, daß
ich, wenn ich schon einmal marschiere, es mit einem gewissen sichtlichen
Eifer und Ernst tue, daß mir jedermann anmerkt, wie ich dabei genieße,
eine Offenherzigkeit, für die ich mich nicht schelten möchte. Ich kam
nun in ein Dorf und trat ohne viel Besinnen ins heimelige, einladende
Dorfwirtshaus, wo ich mir ein Glas Bier geben ließ. Nicht lange, und so
traten zwei der schönsten Bauerntypen herein, der eine langnasig und
mittelalt, der andere so alt und dabei so fröhlich, wie nur ein alter,
steinalter Landmann sein kann, der auf ein Leben voller Arbeit und
Mühsal gütig und heiter zurückblickt und fast -- herabblickt. Der
Langnasige hatte eine Tabakspfeife im Munde so trefflich eingeklemmt,
daß es aussah, als sei die Pfeife ein Teil des Gesichtes. Sein Gesicht
war das schönste Tabakspfeifengesicht, das ich je sah, und es war
unmöglich, sich das Gesicht ohne Pfeife vorzustellen. Die beiden
wackeren kernigen Erscheinungen setzten sich, nicht ohne vorher ein
wenig sich zu besinnen, zu mir an den Wirtstisch und verlangten vom
Mädchen ein Bäzzi- oder sogenanntes Drusenwasser. Ich erkundigte mich
sogleich nach der Beschaffenheit ihres Schnapses oder Branntweines, und
beide Leute beeilten sich, mit mir zu konversieren, was eine gar
freundliche und erquickliche Unterhaltung abgab. O es ist so ernst, so
schön, mit Menschen zu reden, die es hart haben im Leben. Der alte Bauer
war niemand anders als der Dorfälteste. Wie rührend erschien er mir. Ihm
zu Ehren trank ich zwei Gläser über den eigentlichen Durst hinaus und
verweilte länger im Gasthaus als ich zuerst wollte. Dann ging ich. Ich
zog den Hut vor den beiden, und sie beide lüpften oder besser lüfteten
die Kappen, und so zog ich hinaus, gleich einem kecken, gutgelaunten
Wanderburschen, auf die Straße, auf welcher es bereits Abend war, und
nun ging es leise, still und schön in die Welt und nachher in die Nacht
hinein. Viele liebe, rötlich-blasse Dorfkindergesichter sah ich noch,
und immer war der gute, herzliche, waldige Berg so warm und so
heimatanmutig mir zur Seite. Endlich kam ich auf einer feinen runden
Straßenwindung um ihn herum. So hatte ich ihn denn umgangen und umlaufen
und voller Stolz langte ich rechtzeitig zu Hause an.
Zwei kleine Sachen
I.
Es muß jedes zuallererst für sich selber sorgen, damit es sich überall
leicht und sorglos kann sehen lassen. In dir ist eine Neigung, stets an
das andere zu denken und dich selbst zu vergessen. Sagt dir dafür das
andere Dank, und kann es das? Man ist nicht gern dankbar. Es will jedes
sich selbst das, was es ist, verdanken. »Das verdanke ich mir selbst,«
sagt eins gern. Indem du nun aber an jemanden bloß nur denkst, hast du
ihm noch zu nichts geholfen, dich aber hast du vielleicht schon
bedeutend dabei vernachlässigt. Weißt du, daß man die nicht liebt, die
sich vernachlässigen.
II.
Ich ging so, und indem ich so meines Weges zog, begegnete mir ein Hund,
und ich schenkte dem guten Tier alle sorgfältige Beachtung, indem ich es
ziemlich lange anschaute. Bin ich nicht ein törichter Mensch? Ist es
denn etwa nicht töricht, eines Hundes wegen sich auf der Straße
aufzuhalten und kostbare Zeit zu verlieren? Aber indem ich so ging,
hatte ich ganz und gar nicht das Gefühl, daß die Zeit kostbar sei, und
so ging ich denn nach einiger Zeit gemächlich weiter. Ich dachte: »Wie
ist es doch heute heiß,« und es war in der Tat recht warmes Wetter.
Herbstnachmittag
Ich erinnere mich, einen schönen Nachmittag gehabt zu haben. Ich ging
über das Land, einen gemütlichen Zigarrenstumpen im Munde. Sonne
strahlte über die grüne Gegend. Im Felde arbeiteten Männer, Kinder und
Frauen, der goldene Kanal floß mir zur linken Seite, und zur rechten
hatte ich die Äcker vor den Augen. Schlendrig ging ich weiter. Ein
Bäckerwagen sprengte an mir vorüber. Sonderbar ist es, daß ich mich auf
jede Einzelheit wie auf eine Kostbarkeit so deutlich besinne. Es muß
eine große Kraft in meinem Gedächtnisse sein, ich bin froh darüber.
Erinnerungen sind Leben. So kam ich denn an manchem stattlich-heiteren
und behäbigen Bauernhaus vorbei, die Bäuerin beschwichtigte wohl etwa
den Hund, der im Sinne hatte, den Fußgänger und fremden Mann anzubellen.
Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von
ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher
Gruß tut wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich
ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind. Die Nachmittags-
und jetzt bald Abendsonne streute flüssiges Liebes- und Phantasiegold
über die Straße und machte sie rötlich zünden. Es war auf allem ein
Hauch von Violett, aber eben nur ein zarter, kaum sichtbarer Hauch.
Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen, sondern tastet und schwebt
nur über dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen als ahnungsvoller
Schimmer, als Ton, als Gefühl. Ich kam an einem Wirtshaus vorbei, ohne
einzukehren; ich dachte das später zu tun. Im Behaglichkeitstempo
schritt ich weiter, ähnlich etwa wie ein sanfter, milder Pfarrer oder
Lehrer oder Bote. Manch ein Menschenauge guckte mich neugierig an, um zu
enträtseln, wer ich sein könnte. Da wurde es im wunderbaren tönenden
Lande immer schöner. Jeder Schritt leitete in andere Schönheit hinein.
Mir war es, wie wenn ich dichtete, träumte, phantasierte. Ein blasses,
schönes, dunkeläugiges Bauernmädchen, dessen Gesicht von der süßen Sonne
überhaucht war, schaute mich mit dem glänzend-schwarzen Zauber ihrer
Augen fragend an und sagte mir guten Abend. Ich erwiderte den Gruß und
zog weiter, zu Bäumen hin, die voller roter, goldener Paradiesesfrüchte
hingen. Wundersam leuchteten die schönen Äpfel in der Abendsonne durch
das dunkele Grün der Blätter, und über alle grünen Wiesen tönte ein
warmes, heiteres Glockentönen. Prächtige Kühe von brauner, weißer und
schwarzer Farbe lagen und standen, zu anmutigen Gruppen vereinigt, über
die saftigen Wiesen verstreut, die sich bis zum silbernen Kanal hinab
erstreckten. Ich hatte nicht Augen genug, um anzuschauen, was es alles
anzuschauen gab, und nicht Ohr genug, um auf alles zu horchen. Schauen
und Horchen verbanden sich zu einem einzigen Genuß, die ganze weite
grüne und goldene Landschaft tönte, die Glocken, der Tannenwald, die
Tiere und die Menschen. Es war wie ein Gemälde, von einem Meister
hingezaubert. Der Buchenwald war braun und gelb; Grün und Gelb und Rot
und Blau musizierten. Die Farben ergossen sich in die Töne, und die Töne
spielten mit den göttlich schönen Farben wie Freunde mit süßen
Freundinnen, wie Götter mit Göttern. Nur langsam ging ich unter dem
Himmelblau und zwischen dem Grün und Braun vorwärts, und langsam wurde
es dunkel. Mehrere Hüterbuben kamen auf mich zu, sie wollten wissen, wie
spät es sei. Später, im Dorf, kam ich am alten, großen, ehrwürdigen
Pfarrhaus vorbei. Jemand sang und spielte drinnen im Haus. Es waren
herrliche Töne, wenigstens bildete ich es mir ein. Wie leicht ist es,
auf einem stillen Abendspaziergang sich Schönes einzubilden. Eine Stunde
später war es Nacht, der Himmel glänzte schwarz. Mond und Sterne traten
hervor.
Der Felsen
Sommerabend war's. Die Luft war mild. Ein lindes, leises Lüftchen wehte
über den Felsen, auf welchem der weiße Pavillon steht. Er gleicht einem
kleinen griechischen Tempel, und man kann ihn schon aus weiter Ferne
sehen, wie er so schlank aus dem grünen Gebüsch hervorragt. Der Felsen
erhebt sich steil über dem Rand unseres Sees. Nur schmale Fußpfade
führen über ihn, und daher muß man sorgsam auf die Schritte achtgeben.
Heute am schönen Sommerabend standen allerlei stille Leute, Männer wie
Frauen, am Geländer beim Pavillon und schauten in die farbige abendliche
Tiefe hinunter, wo der See in seinem Glanze lag, von der Wärme und von
den Abendwinden umstreichelt. Das Wasser glich einem süßen Spiegel an
sanfter schimmernder Unbeweglichkeit, und die da hinabschauten,
vermochten mit den Augen kaum aufmerksam und innig genug zu schauen und
sich in das schöne große Bild zu versenken. Das warme grüne Ufer hielt
den silbernen, goldenen Abendsee wie mit zarten, liebenden Mutterhänden
und -armen umschlossen, als sei das Ufer die zärtliche, wachsame Mutter
und der See, der einem Traum an Schönheit glich, das unschuldige Kind,
an Süße und an Liebreiz mit nichts als allein nur mit ihm selbst zu
vergleichen. Alles so weit, still und warm. Der leise Wind wehte aus
unbestimmbarer Ferne wie schüchtern daher; er schien sich leise zu
freuen über sich selber, er schien kaum recht zu wagen,
daherzustreichen, er war wie ein Kind, das sich die zarte, zaghafte
Frage vorlegt: »Darf ich wohl, oder darf ich nicht?« Ein Zagen, ein
Zittern, ein Schweben, ein Liebkosen, und zugleich alles so groß und so
klein, so fern und so nah. Unbeschreiblich und unfaßbar schön war es,
wie das Dunkel nach und nach zunahm und die Tageshelle sich in dem
dunklen Golde verlor. Wie ein Gedanke sich verliert in einen anderen,
schwand der reiche, stolze Sommertag dahin. Zweierlei Gemälde kämpften
miteinander. Ich schlug mich durch das dunkelgrüne Eichengebüsch, das im
Abendlichte goldig schwamm, und kam zu einer Gruppe anmutig lagernder
junger Burschen, von denen einer sagte: »Es ist ein milder Abend heute.«
Aus dem See heraus klangen Stimmen und Liedertöne, und dazwischen drang
der Ton einer Handharfe warm und wundersam zum Felsen hinauf, von
welchem aus man die Boote und Gondeln unten auf dem lieben Wasser hin
und her gleiten sehen konnte. Auf einem Felsvorsprung, der ein kühnes,
graziöses Lustplätzchen bildete, lagen ein Mädchen und ein Bursche eng
beieinander, die sich in der Sommerabendschönheit glücklich fühlten und
sich mit leisem, zweistimmigem, süßem Singen und mit Händedrücken und
mit fortwährendem Einander-Anschauen die Zeit vertrieben. Ich blieb
stehen, um zu lauschen, was sie sich zu sagen haben mochten. Doch sie
redeten kein Wort. Ganz in ein Schauen, in ein Sein und in ein Fühlen
versunken, lagen sie da, ganz nur Genuß, ganz nur Genügen und Vergnügen.
Jetzt küßten sie sich, und es sah aus, als wollten sie durch die ganze
liebe warme Sommernacht an dem Kusse hängen bleiben. Ich strich mich
weg, tiefer in das dunkele Gestrüpp, welches mir mit seinem Laub das
Gesicht berührte. Es war jetzt Nacht geworden.
Die Eisenbahnfahrt
Ich saß im Eisenbahnwagen. Es war so hell, appetitlich und still darin.
Gleichsam achtungsvoll und so säuberlich stiegen die lieben einfachen
Leute in den Wagen. Wer redete, der tat es ruhig und freundlich, wollte
nicht prunken und auffallen damit. Einige der Männer rauchten
Zigarrenstumpen. Auch ich rauchte. Ein paar junge Soldaten waren da, die
sich gar nicht lärmend benahmen, vielmehr dasaßen wie artige Kinder. Sie
machten aber einen durchaus soldatischen Eindruck. Die Kraft liebt zu
ruhen, und die erlittene starke Anstrengung verhält sich gern still. So
leis war es und ging es zu im Eisenbahnwagen. Alsbald setzte sich der
Zug ganz fein und vorsichtig in Bewegung, als sage er: »Nur hübsch
ruhig. Wir gelangen schon ans Ziel.« Wie schön war diese Fahrt; ich
werde sie nie vergessen. Warum vergißt man dieses nie und anderes so
bald? Das ist sonderbar und doch wieder leicht begreiflich. Sacht und
sanft also rollte unser Wagen nun hinaus ins grüne, freie Weite. Die
Welt sah so weit und doch zugleich so nah, klein und eng aus. So
wunderbar hell war's. Die höheren Bergketten hatten noch Schnee; die
Ebene aber duftete und grünte schon wie so recht mitten im lieblichen
Frühling. Etwas Frühlingshaftes rumorte mir im Herzen. Ich war glücklich
und wußte nicht warum. Am schönsten erschien's mir, zu sehen, wie
friedlich alle meine Reisegenossen im Wagen saßen. Heiterkeit und ein
gesunder warmer Zweck drückte sich auf ihren Gesichtern ab, und die
Gesichter, wie waren sie so hübsch verschieden. Wir fuhren über eine
Brücke. Manierlich baten die Bahnbeamten um die Fahrkarten. Ich hätte
schwören mögen, nie so honette, brave Leute gesehen zu haben. Ich
schaute immer aufmerksam aus dem Fenster, so recht der Welt, die da
draußen sich weit und breit erstreckte, ins große gute Auge.
Bauernhäuser und -gärten und weiße Landstraßen, Felder und grüne üppige
Hügel und die lieben dunklen Wälder. Es sah alles so sauber, so
wohnlich, so wohlhabend aus. Der Himmel zeigte ein schüchternes, feines
Blau, und weiße Wolken zogen aus der Nähe in die Ferne und aus der Ferne
in die Nähe. Es wechselte alles ab. Alles war Gleichheit, Ähnlichkeit
und doch auch Abwechslung. So ist es für mich am schönsten. Ich will
nicht verblüfft, sondern gern nur still immer wieder überrascht sein.
Auf einer ländlichen Station stiegen Bauersleute ein, stattlich
angezogen mit dem Sonntagskleid. Im Wesen und Benehmen des Bauern lag es
wie kluge, einfache Feierlichkeit, und die Bäuerin war geradezu schön zu
nennen durch einen Zug von Zurückhaltung, den sie höchst angenehm zur
Schau trug. Weiter ging's. Artig und gedämpft lief und dampfte es
vorwärts. Es war kein Rasen. Auch mit Gemächlichkeit wird ein Ziel
erreicht. Grad erst recht. Ah, das war eine recht, recht schöne
Eisenbahnfahrt, das! Ich will sie warm betten in die Erinnerung, daß sie
mir noch oft in Gedanken vor dem Gesicht erscheinen mag.
Das Lachen