Der hinreißende Glanz in den dunklen hauptstädtischen Straßen, die

Lichter, die Menschen, der Bruder. Ich in der Wohnung meines Bruders.

Ich werde diese schlichte Dreizimmerwohnung nie vergessen. Es war mir

immer, als sei ein Himmel in dieser Wohnung mit Sternen, Mond und

Wolken. Wunderbare Romantik, süßes Ahnen! Der Bruder bis in alle Nacht

im Theater, wo er die Dekorationen machte. Um drei und vier Uhr des

Morgens kam er heim, und dann saß ich noch da, bezaubert von all den

Gedanken, von all den schönen Bildern, die mir durch den Kopf gingen; es

war, als bedürfe ich keines Schlafes mehr, als sei das Denken, Dichten

und Wachen mein holder, kräftigender Schlaf, als sei das stundenlange

Schreiben am Schreibtisch meine Welt, mein Genuß, Erholung und Ruhe. Der

dunkelfarbige Schreibtisch so altertümlich, als sei er ein alter

Zauberer. Wenn ich seine feingearbeiteten, kleinen Schubladen aufzog,

sprangen, so bildete ich mir ein, Sätze, Worte und Sprüche daraus

hervor. Die schneeweißen Gardinen, das singende Gaslicht, die

länglich-dunkle Stube, die Katze und all die Meeresstille in den langen

gedankenreichen Nächten. Von Zeit zu Zeit ging ich zu den munteren

Mädchen in die Mädchenkneipe, das gehört auch mit dazu. Um nochmals die

Katze zu erwähnen: sie setzte sich immer auf die beiseite gelegten,

vollgeschriebenen Papiere und blinzelte mich mit ihren unergründlich-gelben

Augen so eigentümlich an, so fragend. Ihre Gegenwart glich

der Gegenwart einer seltsamen, schweigsamen Fee. Ich habe

vielleicht dem lieben stillen Tier viel zu verdanken. Was kann man

wissen? Ich kam mir überhaupt, je mehr ich vordrang mit Schreiben, wie

behütet und wie beschützt vor von einem gütigen Wesen. Ein sanfter,

zarter, großer Schleier wob um mich. Es sei hier allerdings auch der

Likör erwähnt, der auf der Kommode stand. Ich sprach ihm so viel zu, als

ich durfte und konnte. Alles, was mich umgab, wirkte labend und belebend

auf mich. Gewisse Zustände, Verhältnisse, Kreise sind einmal da, um

vielleicht nie mehr wieder zu erscheinen, oder dann erst wieder, wo man

es am allerwenigsten voraussetzt. Sind nicht Voraussetzungen und

Vermutungen unheilig, frech und unzart? Der Dichter muß schweifen, muß

sich mutig verlieren, muß immer alles, alles wieder wagen, muß hoffen,

darf, darf nur hoffen. -- Ich erinnere mich, daß ich die Niederschrift

des Buches mit einem hoffnungslosen Wortgetändel, mit allerlei

gedankenlosem Zeichnen und Krizzeln begann. -- Ich hoffte nie, daß ich

je etwas Ernstes, Schönes und Gutes fertigstellen könnte. -- Der bessere

Gedanke und damit verbunden der Schaffensmut tauchte nur langsam, dafür

aber eben nur um so geheimnisreicher, aus den Abgründen der

Selbstnichtachtung und des leichtsinnigen Unglaubens hervor. -- Es glich

der aufsteigenden Morgensonne. Abend und Morgen, Vergangenheit und

Zukunft und die reizende Gegenwart lagen wie zu meinen Füßen, das Land

wurde dicht vor mir lebendig, und mich dünkte, ich könne das menschliche

Treiben, das ganze Menschenleben mit Händen greifen, so lebhaft sah ich

es. -- Ein Bild löste das andere ab, und die Einfälle spielten

miteinander wie glückliche, anmutige, artige Kinder. Voller Entzücken

hing ich am fröhlichen Grundgedanken, und indem ich nur fleißig immer

weiter schrieb, fand sich der Zusammenhang.

Eine Stadt

Eines Tages, mitten im Sommer, langte ich in einer Stadt an, in welcher

ich einstmals gewohnt hatte, die ich aber nun schon seit manchem Jahr

nicht mehr wiedersah. Sie sah so bleich, so farblos aus, die Stadt, daß

ich mich vor ihr fürchtete. Ich ging durch die altbekannten Gassen, in

der Vermutung, daß mich ihr Anblick ergötzen und erquicken werde, doch

es war ganz anders, der Anblick schlug mich nieder, und ein seltsames,

unbeschreibliches Verzagen ging mir durch die enttäuschte Seele. Es kam

mir alles so tot vor, die Leute erschienen mir wie Gespenster. Unerfreut

starrten mich die bleichen Häuser an, und ich wiederum betrachtete sie

voller Mißtrauen. Die Frauen kamen mir wie keine Frauen, die Männer wie

keine Männer vor, und ich selber war zum unglücklichen Gespenst geworden

in der gespenstischen und unglücklichen Umgebung. Das elektrische Tram

erschien mir wie irrsinnig, die ganze Stadt machte mir den kummervollen

Eindruck eines traurigen, hoffnungslosen Traumes. Gebeugt von der Unruhe

und niedergeschlagen von den üblen Eindrücken, trat ich in ein

Wirtshaus, um mich ein wenig zu erfrischen, aber ich fand nur

neuerlichen Schrecken. »Warum bin ich nur hierher gekommen,« dachte ich,

und ich verließ die Halle. In der Gasse, durch die ich nun ging, roch es

wie nach dem Entsetzen. Ein altes geschminktes Weibsbild lächelte

gräßlich aus einem Fenster zu mir herunter. Mir schien, als wenn der

Mord hier herum zu Hause sei. Ich sehnte mich nach einer Tiefe, nach

einer Kühle, aber es war ringsum alles flach, schwül und leer. Staub in

den engen, fürchterlich kleinen Gassen, in denen Zwerge und

ungezieferartige Tiere zu leben und zu hausen schienen und nicht

Menschen. Die Fenster grinsten wie Grimassen mich an, und die offenen

Haustüren sahen aus, als seien sie sperrangelweit offen für jegliche Art

von Verrat, Laster und Verbrechen. Keine Tugend, keine Ehrlichkeit,

keine Ehrsamkeit schien mehr in dieser weltverlassenen Stadt möglich,

ich konnte kein Kindergesicht finden, die Kinder schienen gestorben zu

sein in dieser Stadt des starrenden und stierenden Entsetzens. Ich ging

wie wund umher, ich hätte mich am liebsten am Straßenboden niedersetzen

und heulen mögen, wie ein Tier, wie ein armer Hund, der seinen lieben

gütigen Herrn verloren. Ohne Stern war diese Stadt, ohne Sonne und ohne

Mond. Traurig ging ich weiter. Da zog es mich in ein Haus, o, in ein

Haus hinein, in das ich früher so oft gegangen. In dem Hause hatte ich

einstens gewohnt, und wie fröhlich war ich aus- und eingegangen. Jetzt

konnte ich das gar nicht mehr begreifen. Furchtsam stieg ich die Treppe

hinauf, die schlecht gehalten war. Eine Beklemmnis begleitete mich

hinauf, und da sah ich das dunkle Zimmer wieder, in welchem ich ehemals

logiert hatte, aber es war ein anderes Zimmer. Ich kannte es nicht mehr.

Es glich einem Sarg, und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken.

Ich ging nun auf die Suche nach einer Frau, die ich geliebt hatte, aber

die Leute schauten mich fremd und verständnislos an, als habe ich mich

nach einer Frau erkundigt, die vor tausend Jahren lebte. Wie süß, wie

liebevoll war sie gewesen. Ich fühlte noch die sanften Liebkosungen

ihrer Hand auf meiner Stirn, und es war mir, wie ich nun so meines Weges

weiterging, als sollte sie auf mich hinzutreten und mich küssen. Aber es

begegnete mir niemand, der mich kannte. Alles, alles war fremd. Mir war

nichts wert, und ihnen allen, den fremden Leuten, war ich nichts wert.

Ich drehte der Stadt den Rücken und wanderte weiter.

Spaziergang

Ich habe einen wohligen, kleinen, appetitlichen Spaziergang gemacht,

leicht und angenehm wickelte er sich ab. Ich ging durch ein Dorf, dann

durch eine Art von Hohlweg, dann durch einen Wald, dann über ein Feld,

dann wieder durch ein Dorf, dann über eine eiserne Brücke, unter welcher

der breite, sonnige, grüne Strom vorüberfloß, dann den Strom langsam

entlang und so fort, bis es Abend wurde. Doch ich muß wieder zu dem Wald

zurückkehren. Übrigens werde ich sehr wahrscheinlich auch über die

Brücke noch etwas zu sagen haben. Im Wald war es so heilig-still, so

feierlich, und als ich aus dem feuchten, dunkelgrünen Tannenwald

herauskam, sah ich am Rand des Waldes zwei Kinder, die Holz

zusammengelesen hatten, und die so helle Gesichter und Arme hatten. Die

Wintersonne warf einen milden, goldenen Wunderglanz über den Feldhügel,

über grüne Wiesen und dunkelbraunes Ackerland. Kahle, schwarze Bäume

standen in der Sonne. Da sah ich, indem ich so ging, ein neues

Kindergesicht, ein süßes, welches mich anlächelte. Und dann kam ich, wie

gesagt, zu der Brücke, die ganz im Golde und im Silber der Sonne

schimmerte und zuckte. Wonnig und großartig floß das Wasser unter der

Brücke. Später, im Feldweg, begegnete mir eine Frau, deren ich mich

darum erinnere, weil sie mich so freundlich grüßte. Da dachte ich:

»Welch ein Vergnügen ist es doch, unter den Menschen sein zu dürfen.«

Die Häuser am anderen Ufer des Flusses standen so schön, so frei auf der

grünen Anhöhe, und die Fenster waren voll gelben Schimmers. Eine Schar

Vögel flog in den brennenden Abendschimmer hinein. Ich verfolgte mit

meinen Augen die Kette, bis sie verschwand. Eine Seite der Welt war

ruhig und warm und dunkel, die andere war kalt und goldig und

schimmernd-hell. Ruhig, Schritt für Schritt, ging ich weiter, bis ich

einbog ins Land. Alsdann sah ich einige Leute, eine Frau und ein Kind

unter abend-schwärzlichen Bäumen. Ihre Augen sahen mich so fragend an.

Dann ging ich neben einem Haus vorbei, das ganz allein auf freiem weiten

Felde stand, ein zierliches, wunderseltsames altes liebes Gärtchen davor

oder daneben. Das Gärtchen umzäunt von einer wunderlichen,

phantastischen Hecke. Nun wurde mir mit einem Mal alles zu Traum, Liebe

und Phantasie. Alles, was ich jetzt anschaute, nahm große und hohe Form

an. Die Gegend selber schien zu dichten, zu phantasieren. Sie schien

über ihrer eigenen Schönheit zu träumen. Das Land war wie versunken in

ein tiefes, musikalisches Denken. Ich blieb bezaubert von der Schönheit,

die mich umgab, stehen und schaute mich aufmerksam nach allen Seiten um.

Es war Abend geworden, das Grün sprach eine herrliche abendliche

Sprache. Farben sind wie Sprachen. Dem Haus, bei dem ich stand, hing das

Dach in die Fenster hinab wie eine Kopfbedeckung in die Augen. Sind

nicht die Fenster die Augen der Häuser? Ich mußte jetzt zum Halbmond

hinaufblicken, der hoch über dem Waldberg stand. Wundersam war es mir,

zu sehen, wie die dunkle Erde so warm, so gesellig, so wohlig-ruhig

dalag, und wie der Mond da oben in der schimmernd-blassen und kalten

Himmelseinsamkeit schwebte und glänzte. Seine Farbe war ein scharfes,

eisigkaltes Silbergrün. Göttlich schön und unaussprechlich dunkel stand

der Wald mit seinen reizenden Tannenspitzen unter dem graziösen

Herrscher, dem herrlichen Mond. Ich kam an einem anderen Haus vorüber,

eine Frau stand an der Tür, und ein Kätzchen kauerte neben ihr. Ich ging

mit meinen Gedanken in das Haus hinein und blieb mit ihnen darin wohnen.

»Wie sind Menschen und Häuser einander ähnlich,« sagte ich murmelnd zu

mir selber. Dunkler und dunkler wurde es. Abende sind Gottheiten, und im

Abend ist man wie in einer süßen, hohen, wehmutreichen Kirche. Am

blassen Himmel stand jetzt ein feuriges, süßes Rot. Es war, als sei der

Himmel eine Wange, die vor Glück und vor Seligkeit erglühe. Ein

Bauernbursche führte eine braune Kuh neben mir vorüber. Die kleinen

Dorfkinder sagten gar wunderschön aus dem zunehmenden Abenddunkel heraus

guten Abend. Alle Gesichter waren rötlich angeglüht vom rosig-glühenden

Abendrot. Schon zeigten sich die Sterne. Da war gerade das Wirtshaus am

Weg. Ich ging hinein.

Das Kätzchen

Ich kam nur eben vom Berg herab in eine kleine, nette, altertümliche

Vorstadt hinein. Ein Haus stand da, das war so zart, als blinzle es mit

seinen Augen, will sagen, mit seinen Fenstern. Eine alte Frau stand an

der Straße und streckte ihren Kopf in eines der Fenster, sie führte wohl

ein gehäkeltes Gespräch mit einer Nachbarin. Aber die Hauptsache ist:

ich sah vor dem Haus eine Katze, nein, keine Katze, sondern ein junges

Kätzchen, gelb und schneeweiß von Farbe. Durchs Fenster, welches

geschlossen war, sah ich eine gute alte Frau an der Nähmaschine sitzen

und fleißig nähen. Ganz entzückt von dem lieben kleinen Kätzchen blieb

ich stehen, um das Tier sorgfältig zu betrachten, welches da ganz still

saß, den Schwanz zwischen die Vorderpfoten geringelt. Die Frau sah, daß

da ein fremder Mann so still stand, sie trat ans andere Fenster, das

offen war, und schaute zu mir heraus mit freundlichen Augen. »Ach so,«

sagte sie, »Sie schauen sich wohl die Katze an.« »Ja,« sagte ich. Das

Kätzchen schaute zu der Frau hinauf und ließ ein kleines, feines, süßes

Miauen vernehmen, wobei es die Zähnchen zeigte. Ich grüßte die Frau und

ging weiter. Noch aber bog ich mich einmal zurück und sah, wie das

Kätzchen nach einem dürren Blatt haschte. Wie der Wind wirbelte das

liebe muntere Tier herum. Wirklich wehte auch gerade der Seewind. Ich

kam durch die Stadt, die nur eine einzige, dafür aber breite Straße

besitzt. Nun, und da kugelten zwei Jungen am Boden, zwei drollige

Jungen, noch nicht einmal für die Schule reif. Was vermag ich noch

beizufügen? Nicht sonderlich viel. Ein großes altersgraues Schloß war

da, und daneben floß ein Strom. Ich ging heim, und während ich so

heimwärts ging, hatte ich immer noch in Gedanken mit dem gelben und

weißen Kätzchen zu tun. Wie man doch nur achten mag auf so kleinliche

Dinge.

Tannenzweig, Taschentuch und Käppchen

An einem Vormittag stieg ich den waldbesetzten, steilen Berg hinauf. Es

war heißes Wetter, und der Aufstieg kostete mich manchen Schweißtropfen.

Der grüne Wald glich an Helligkeit und Schönheit einem Lied. Wie ich

oben auf der Höhe ankam, konnte ich so recht frei in die weiße

schimmernde Tiefe blicken. Das tat ich, und ich konnte mich an der

herrlichen Aussicht gar nicht satt schauen. Wie schön, wie wohltuend ist

eine Aussicht von einem hohen Berge. Der Blick schweift in die weite,

umflorte, helle Ferne und steigt nieder in die wohllüstige,

göttlich-schöne Tiefe. Wundersames Blau war am Himmel. Der Himmel

zerfloß in süßem Blau, war ganz getränkt von Blau. Blau und grün und die

goldene Sonne stimmen wunderbar zusammen, gleich einem süßen, milden,

dreistimmigen, freundlichen Lied, wo jede Stimme sich um die andere

schlängelt, wo jede Stimme die andere liebkost und küßt, wo alle drei

seligen, glücklichen Stimmen einander umwinden und umschlingen. Ich kam

nachher zu einer Bank mitten im kühlen, grünen, hohen Tannenwald

gelegen, und was sah ich darauf liegen? Einen Tannenzweig, ein

Taschentüchelchen und ein Puppenkäppchen. Wie stimmte mich nun wieder

dieser neue Anblick fröhlich, wo mich vorher der Anblick der Naturhöhe

und -tiefe beglückt, berauscht und erheitert hatte. »Ein Kind muß hier

gewesen sein und hat diese lieben Zaubersachen hier liegen lassen,«

sagte ich, indem mich ein Lächeln ankam, zu mir selber. Der grüne

Tannenzweig lag auf dem kindlich weißen, zarten und blassen Taschentuch

so weich, und das Käppchen, wie lächelte es den aufmerksamen Beschauer

so freundlich, so naiv an. »O Gott, o Gott,« rief es in mir, »wie ist

die Welt durch das Dasein süßer, lieber, unschuldiger Kinder schön und

ewig, ewig wieder gut. Daß man doch nie aufhöre und immer wieder von

neuem anfange, an die Güte, an die Schönheit, an das Glück, an die Größe

und an die Liebe der Welt zu glauben.« Noch warf ich auf Tannenzweig,

Taschentuch und Käppchen rasch einen Blick und eilte weiter, denn es

ging gegen Mittag, und ich wollte punkt zwölf beim Mittagessen sein.

Der Mann

Einmal saß ich in einem Restaurant am Viehmarktplatz. Es sitzen dort

mitunter sehr feine Herren, doch von den feinen Herren will ich nicht

reden. Feine Herren bieten gar wenig Interessantes dar. Wollen

unterhalten sein, sind selber absolut nicht unterhaltend. Ein Mann saß

in einer Ecke, der hatte einen heiteren, gütigen, freien Blick. Seine

Augen ruhten wie in unabsehbaren Fernen, in Ländern, die mit der Erde

nichts zu tun haben. Der spielte alsogleich auf einer Art von Flöte, daß

alle die, die im vornehmen Restaurant saßen, die Augen auf ihn richteten

und auf seine Musik lauschten. Wie ein großes, gut gelauntes, starkes

Kind saß der Mann da mit seinen sonnigen Augen. Nachdem das

Flötenkonzert vorbei war, kam ein Klarinett an die Reihe, welches er

nicht minder vortrefflich spielte und handhabte wie die Flöte. Er

spielte sehr einfache Weisen, aber er spielte sie vorzüglich. Hierauf

krähte er wie ein Hahn, bellte er wie ein Hund, miaute er wie eine Katze

und machte er mu! wie eine Kuh. Er hatte sichtlich seine eigene Freude

über die verschiedenen Töne, die er zum Besten gab, doch das Beste kam

hinterdrein, denn jetzt zog er aus einem Henkelkorb, den er unter dem

Tisch stehen hatte, eine Ratte hervor und spielte liebes Kindchen mit

ihr. Er gab der Ratte von seinem Bier zu trinken, und es zeigte sich

deutlich, daß Ratten sehr gerne Bier trinken. Ferner steckte er das

Tier, vor dem alle vernünftigen Menschen einen so entschiedenen Abscheu

haben, in die Rocktasche, und zu guter Letzt küßte er es auf sein

spitziges Maul, wobei er fröhlich vor sich hin lachte. Eigentümlich war

der Mann mit dem versonnenen, verlorenen Ausdruck in den glänzend-klaren

Augen. Ein Freund der Musik und ein Freund der Tiere war er. Sehr

sonderbar war er. Er machte auf mich einen tiefen, zum mindesten doch

nachhaltigen Eindruck. Überdies sprach er sehr gut französisch.

Das Pferd und die Frau

Daß ich zwei kleine Erinnerungen aus der Großstadt doch nicht vergesse

niederzuschreiben. Die eine betrifft einen Pferdekopf, die andere eine

alte arme Streichholzverkäuferin. Um beide Dinge, um das Pferd sowohl

wie um die Frau ist es Nacht. In einer Nacht, wie in so vielen anderen

Nächten, die bereits verbummelt und in das Vergessen hinabgeschüttet

waren, zog ich im eleganten, gleichwohl aber nur geliehenen Überzieher

durch die Straße, als ich an einer der belebtesten Stellen ein Pferd,

das vor ein schweres Fuhrwerk gespannt war, erblickte. Das Pferd stand

still da im undeutlichen Dunkel, und viele, viele Menschen eilten an dem

schönen Tier vorüber, ohne ihm eine Spur von Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch ich eilte, ich hatte es sehr eilig. Ein Mensch, der bestrebt ist,

sich amüsieren zu gehen, hat es stets furchtbar eilig. Doch betroffen

durch den wunderbaren Anblick des weißen Pferdes in der schwarzen Nacht

blieb ich stehen. Die langen Strähnen hingen dem Tier herab bis zu den

großen Augen, aus denen eine unnennbare Trauer schaute. Unbeweglich, als

sei es eine weiße Geistererscheinung, aus dem Grab herausgestiegen,

stand das Pferd da, mit einer Ergebenheit und Duldung, die an Majestät

mahnte. Doch weiter riß es mich, denn ich wollte mich ja amüsieren. Auch

in einer anderen Nacht war ich auf dem Sprung in das nichtswürdige

Vergnügen. Allerlei Lokale hatte ich bereits durchstreift, da bog ich in

eine finstere Straße hinein, und da rief's mich aus dem Dunkel an:

»Streichhölzchen, mein junger Herr.« Eine alte arme Frau hatte dermaßen

gerufen. Ich blieb stehen, denn ich war gerade voll herzlich guter

Laune, griff in die Westentasche nach einem Geldstück und gab es der

Frau, ohne ihr von ihrer Ware etwas abzunehmen. Wie sie mir da dankte

und mir Glück in die dunkle Zukunft wünschte. Und wie sie mir ihre alte,

kalte, magere Hand darreichte! Ich ergriff die Hand und drückte sie, und

froh über das kleine Erlebnis lief ich meinen Weg weiter.

Die Handharfe

Ich stand in der finsteren, sternenlosen Nacht an einer Straße, die

hinauf ins Gebirge führt. Da kamen mit Musik und lustigem Gespräche drei

Knechte oder Burschen an mir vorüber und gingen im kecken Taktschritt

weiter. Bald umfing sie die Finsternis, und ich sah schon nichts mehr

von ihnen, aber die Handharfe, welche einer von den dreien kunstgerecht

spielte, drang zurück aus dem Dunkel und bezauberte mein Ohr. Im Spiel

der Handharfe sind bisweilen simple junge Leute große Meister. Dieses

Instrument bedarf einer starken, festen Faust, und hieran lassen es

Burschen aus den Bergen gewiß nicht fehlen. So stand ich denn und

lauschte. Der prächtige, königliche Ton, sanft, groß und warm, ging

mit den Burschen in immer weitere Ferne. Sie mochten jetzt im Walde

angelangt sein, der Ton wurde weicher und leiser, in Wellen stieg er

auf und nieder. Ich dachte über einen Vergleich nach und verglich

den Klang mit einem Schwane, der tönend durch die Finsternis gleite.

Bald war alles still. In den Berggegenden ziehen die Knechte gerne

handharfespielend vor die Häuser, in denen ihre Mädchen wohnen.

Auch die drei Burschen gingen zu einem Mädchen.

Die Fee

Ein armer, junger Wanderbursche, eine Art umherziehender Dichter, kam

auf einer seiner wilden Wanderungen vor ein artiges, graziöses

Schlößchen, das ganz im leichten, hellen, süßen Frühlingsgrün versteckt

war. Aus einem Fenster schaute eine Frau und weil der junge Mann so

still stand und zu ihr aufschaute, so gefiel es der Dame, die eine Fee

oder etwas Feeähnliches war, zu ihm zu sagen, er solle doch zu ihr

hineinkommen. Das tat der Bursche, und aufs Allerfreundlichste hieß ihn

die schöne Frau willkommen. »Bleibe doch bei mir«, sagte sie zu ihm,

»was willst du nur immer weiter und weiter wandern?« Eine Zeitlang blieb

der Bursche bei ihr, eine Zeitlang gefiel ihm das Leben bei der süßen,

lieben, hohen Fee. Doch bald stellte sich in seiner Brust die

Wandersehnsucht wieder ein. Er wurde traurig, und er kam sich wie

versteinert vor. Das Marschieren fehlte ihm. »Was hast du? Gefällt es

dir nicht mehr bei mir?« fragte die Frau den Veränderten. Er gab aber

keine Antwort, sondern schaute zum Fenster hinaus in die grünliche,

bläuliche Ferne, wo für ihn der ganze Genuß des Daseins lag. Die Fee

wollte ihn küssen, doch er wich dem Kusse aus. Sie ging aus dem Zimmer

und weinte. Das ging so eine Weile, bis endlich der Bursche eines frühen

Morgens reisefertig vor der lieben Dame stand, um Abschied von ihr zu

nehmen. Göttliches, bezauberndes Morgenrot brannte am Himmel, und die

Vögel auf den grünen Zweigen sangen so verführerisch. »Ich will, ich

muß gehen,« sagte er, »ich muß wieder hinauswandern in die weite Welt.

Ich sterbe hier, ich fühle es. Ich muß meine Beine brauchen. Ich muß

Landstraßenluft einatmen, und wenn auch das Essen noch so schlecht ist,

so will ich doch lieber wieder im dürftigen Speisehaus essen als hier im

reizenden Schloß, wo ich träge bin. Lassen Sie mich ziehen und haben Sie

Dank für die vielerlei Freundlichkeit, die Sie mir zu genießen gegeben

haben.« So sprach der unkluge Bursche, und ohne auf das zu achten, was

die Fee sagte, ging er weg, und indem er wegging, sang er mit lauter,

frischer, fröhlicher Stimme ein Burschenlied in die offene, schöne,

warme Welt hinein. Weg war er, und die Fee hat ihn nie mehr wieder

gesehen.

Kleine Wanderung

Ich lief heute durch das Gebirge. Das Wetter war naß, und die ganze

Gegend war grau. Aber die Straße war weich und stellenweise sehr sauber.

Zuerst hatte ich den Mantel an; bald aber zog ich ihn ab, faltete ihn

zusammen und legte ihn auf den Arm. Das Laufen auf der wundervollen

Straße bereitete mir mehr und immer mehr Vergnügen, bald ging es

aufwärts und bald stürzte es wieder nieder. Die Berge waren groß, sie

schienen sich zu drehen. Die ganze Gebirgswelt erschien mir wie ein

gewaltiges Theater. Herrlich schmiegte sich die Straße an die Bergwände

an. Da kam ich hinab in eine tiefe Schlucht, zu meinen Füßen rauschte

ein Fluß, die Eisenbahn flog mit prächtig weißem Dampf an mir vorüber.

Wie ein glatter, weißer Strom ging die Straße durch die Schlucht und wie

ich so lief, war's mir, als biege und winde sich das enge Tal um sich

selber. Graue Wolken lagen auf den Bergen, als ruhten sie dort aus. Mir

begegnete ein junger Handwerksbursche mit Rucksack auf dem Rücken, der

fragte mich, ob ich zwei andere junge Burschen gesehen habe. Nein, sagte

ich. Ob ich schon von weit her komme? Ja, sagte ich, und zog meines

Weges weiter. Nicht lange, und so sah und hörte ich die zwei jungen

Wanderburschen mit Musik daherziehen. Ein Dorf war besonders schön mit

niedrigen Häusern dicht unter den weißen Felswänden. Einige Fuhrwerke

begegneten mir, sonst nichts, und ein paar Kinder hatte ich auf der

Landstraße gesehen. Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen. Man

sieht so schon viel.

Wirtshäuselei

Eines Tages, im heißen Sommer, geschah es, trug es sich zu und machte es

sich, daß ich mich ganz furchtbar für Gaststuben interessierte. Ich weiß

nicht, ob es ein Zauberspuk war, genug, es zog mich bald in dieses, bald

in jenes Wirtshaus hinein. Meistens sind ja die Wirtshäuser auch gerade

so schön bequem an der Straße gelegen. Und kurz und gut, ich kehrte dir,

lieber Leser, da und dort hübsch artig und solid ein. Ich bin sonst ein

sehr, ein sehr solider Mensch, doch an diesem Tag erreichte ich den

Gipfel alles dessen, was handwerksburschenhaft und unsolid ist. Wie eine

Leidenschaft war es über mich gekommen, daß ich alles, was einem

»Schwanen«, einem »Löwen«, einem »Bären«, einer »Krone« oder einem

»Rebstock« ähnelte, untersucht und erforscht haben mußte. Bald war es

ein Zweier, bald ein Dreier und bald ein halber Liter, was ich trank,

und ich trank mit dem größten Vergnügen beides, Rot- wie Weißwein.

Wollte ich ein Weinkenner werden? Lag eine dunkle Absicht in mir, mich

zum Weinhändler und -schmecker auszubilden? War das Ganze eine

Phantasie? Ein Traum? Nein, nein, es war Wirklichkeit. Die Sonne, o wie

lächelte sie so süß auf den heiter-blauen Tag herab, den ich vertrank.

Und so ging es von einer Einkehrsgelegenheit recht manierlich in die

nächstbeste andere. Es war ein Einkehren und draus wieder Herausfegen,

und als die Sonne untersank, hatte ich etwas so Schönes, etwas so

rätselhaft Schönes im Besitz. Etwas Herrliches hatte ich mir zu eigen

gemacht. Ich besaß Reichtümer, unerhörte Reichtümer, es flimmerte und

tanzte mir vor den Augen. Kaum vermochte ich noch zu gehen, so stark

drückte eine holde, reiche Last auf mich herab. Das Gehen kam mir wie

ein fremdartiges, unbegreifliches Etwas vor, und eine Lust war in mir,

umzufallen und friedfertig am Boden liegen zu bleiben. Was hatte, was

hatte ich denn nur jetzt? Was war's, was ich an mich gerissen, was ich

mir erobert hatte? Ich besann und besann mich, aber ich vermochte es mir

nicht zu erklären.

Der Morgen

Kleine Dichtungen · 第 8 / 12 段