wunderbares Gelächter, ein ganz feines, silberreines. Ein göttliches
Kichern war's. Ich kam gestern, Sonntag, gegen sieben Uhr heim, da hörte
ich's, und ich muß hier unbedingt Bericht davon erstatten. Wie arm in
ihrem Ernst und mit ihren trocken-ernsthaften Mienen sind die
Erwachsenen, die Großen. Wie reich, wie groß, wie glücklich sind die
Kleinen, die Kinder. Ein so volles, reiches, süßes Glück lag im Lachen
der zwei Kinder, die neben einer Erwachsenen einhergingen, eine so
überschwengliche, reizende Freude. Sie waren ganz Seligkeit, indem sie
sich dem Lachen hingaben. Ich lief absichtlich langsam, damit ich sie
recht lange lachen hören könne. Ein Genuß war's für sie, sie genossen
die ganze Köstlichkeit, die in einem Lachen liegen kann. Sie konnten gar
nicht aufhören mit Lachen, und ich sah, wie es sie schüttelte. Sie
krümmten sich förmlich darunter. O, so rein war's, so ganz nur kindlich!
Worüber sie vielleicht am unbändigsten und am lieblichsten lachten, war
die strenge Miene, die das erwachsene Fräulein neben ihnen zu ziehen für
nötig erachtete. Des großen Mädchens Ernst gab ihnen am meisten zu
lachen. Doch endlich, von so viel liebreizender Lustigkeit hingerissen,
lachte auch die Gemessene, die Ernste und die Große. Sie war besiegt von
den Kindern und lachte nun wie ein Kind mit den Siegerinnen, den
Kleinen. Wie sind über die Grämlichen die Glücklichen Sieger! Die zwei
Kinder lachten in ihrer Unschuld über alles, über Heutiges und
Gestriges, über dieses und jenes, über sich selber. Sie mußten über ihr
eigenes Lachen lachen. Ihr Lachen kam ihnen immer lächerlicher, lustiger
vor. Ganz deutlich fühlte und hörte ich's. Ich pries mich glücklich, daß
ich das Glöckchenkonzert, das Lachkonzert anhören durfte. Die ganze
Straße entlang lachten sie. Sie wollten fast umfallen, sich fast
auflösen und zergehen vor Lachen. Alles an ihnen, den lieben glücklichen
Kindern, lachte mit, die Köpfe, die Glieder, die Hände, Füße und Beine.
Sie bestanden ganz nur noch aus Lachen. Wie schimmerte und glitzerte die
Lachlust in ihren Augen! Ich glaube fast, sie mußten so gräßlich, so
grausam, so anhaltend lachen über einen dummen, kleinen Jungen. So
schelmisch und wieder so schön war's, so rührend und so ausgelassen.
Wahrscheinlich war der Lachanlaß nur ganz geringfügig gewesen. Kinder
sind eben Künstler im Erfassen eines Grundes, recht selig zu sein. Ein
kleiner, leiser Vorfall mag es gewesen sein, und da machten sie eine
große Geschichte daraus, hingen solch ein langes, großes, breites,
üppiges Lachen daran. Kinder wissen, was sie glücklich macht.
Der Berg
Ohne dich einer Anstrengung zu unterziehen freilich gelangst du nicht
hinauf auf den schönen Berg. Doch ich bilde mir ein, daß du die Arbeit
des Besteigens nicht scheuen wirst. Heller, warmer, ja sogar heißer,
heiterer Sommermorgen, Sommervormittag ist es, und die Welt, soweit du
zu schauen vermagst, besteht aus einem Meer, aus einem Strom, aus einem
Hauch von Blau und Grün. Oftmals bleibst du eine kleine Weile stehen, um
Atem zu schöpfen, dir den Schweiß vom Kopf abzuwischen, und hinunter in
die Tiefe zu blicken. Nun wirst du mir erlauben, zu denken, du seist
oben auf dem grünen, weichen und breiten Bergrücken glücklich und
freudig angekommen, wo dich auch gleich kühle, reine Bergluft umweht,
die du mit Entzücken einatmest, daß dir die Brust und das Herz sich
ausweiten. Göttlich schön mutet dich, lieber Freund, das Stehen auf der
erstiegenen Höhe an, und du bildest dir ein, daß du im Genuß der süßen,
hohen Bergesfreiheit ertrinken müssest. Ganz wie ertrunken im Meer der
köstlichen Luft und im Meer des Bergsteigerglückes kommst du dir vor.
Selig bist du, daß du hinabschauen kannst auf die Welt, die dir wie ein
heiteres, reiches Gemälde zu Füßen liegt, die da unten liegt und tönt
und duftet wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie eine Illusion. Langsam
gehst du unter Tannenästen und reizendem Buchengrün, welches dich mit
seiner frischen Götterfarbe wie mit einem Kinderlächeln anlächelt, auf
der Weide weiter, liegst vielleicht eine halbe oder ganze Stunde
glückselig und gedankenlos am Boden; erhebst dich wieder und schreitest
weiter durch all die ringsverbreitete süße, heiße Melodie von Blau und
Grün. Das Grün ist so üppig und saftig, daß du meinst, es sei eine Flut,
in welcher du watest, badest, schwelgst. Es ist ein Schwelgen, ein
lustumschlungenes Gehen und Lustwandeln in Arkadien. Griechenland ist
nicht edler und schöner, und Japan mit seinen Fürstengärten kann nicht
lust- und glücküberschütteter sein. Sanft, zart und fern dringt aus der
tiefen Menschenebene das Geräusch des tätigen, täglichen Lebens an dein
horchendes Ohr herauf, indes deine Augen das blendend schöne und liebe
Weiß der Wolke trinken, die wie ein Märchenschiff am blauen Himmel
schwimmt. Süßes Girren und Brausen, Summen und Lüftelispeln, und da
stehst du, unter all dem Licht, in all dem Licht, zwischen all den
Farben, und schaust hinüber zu den Nachbarbergen, welche, Traumfiguren
ähnlich, still und groß und gedämpft in die Luft hinaufragen, und du
grüßest sie wie Freunde, du bist ihnen Freund, sie sind es dir. Du bist
der Freund der ganzen Welt; ans Herz möchtest du ihr sinken, der
wunderbaren Freundin. Umschlungen hält sie dich und du sie. Du verstehst
sie, liebst sie und sie dich.
Schwärmerei
Ob ich mit ihr dann den Berg hinaufgehen werde? Nein, ich glaube, es
wird schöner sein, ins weiche niedere Land hineinzuspazieren mit ihr.
Bergsteigen und Anstrengungen überwinden kann ich, wenn ich allein bin.
Mit ihr soll es ein Lustwandeln sein wie in einem angenehmen, weichen,
leichten Garten. Zu überreden werde ich sie schon wissen. Sie wird schon
zu verführen sein. Will ich sie verführen? Ja! Aber ich will ihr treu
sein bis weit, weit hinaus. Treue und Liebe sollen kein Ende nehmen. Wie
ich schwärme! Also leise übers grüne Land soll es gehen, durch die
sanfte und offenherzige Gegend, an den Menschen, an den Tieren und an
den lieben, heimeligen Bauernhäusern vorbei, Bäume stehen links und
rechts neben dem Weg in den Wiesen, und weiße Wolken fliegen oder liegen
am hellblauen Himmel. Alles ist dort grün, weiß und blau, da und dort
das zarte, alte Rot eines Hausdaches, das bis an die Erde herabreicht.
Alles hell, alles freundlich, alles still. Nun und so kommen wir, denke
ich mir, in einen dunklen, grünen Wald, in ein rechtes Kircheninneres
von Wald, wo die hohen, schlanken, zarten Tannen wie Säulen stehen, und
wo es kühl ist, daß man leise schauert. Unsere Schritte sind nicht
hörbar auf dem tannenreisbelegten, weichen, braunen Boden. Wie ein
Sinnbild der Treue und des liebevollen Harrens ist der Wald; bald treten
wir aus dem Wald wieder heraus und sehen einen grünen Wiesenhügel mit
gelben, länglichen Kornplätzen. Der Wind streicht liebkosend über das
Korn und macht es wogen wie Wellen. Es ist so warm, und die Farben sind
so süß. Auf dem weißen Weg gehen wir langsam weiter. Jeder Schritt ist
ein Erleben, und in jedem Augenblick liegt es wie ein Ereignis.
Verständlich, als wenn es ein glückliches Lächeln sei, liegt das Leben
da und ist das treue, schöne Land vor unseren Augen ausgebreitet. Da
erkühne ich mich, bilde ich mir ein, des Mädchens zarte Hand leise,
leise anzufassen, und nun weiß sie auch schon alles, alles. Die
Herrliche, sie senkt die Augen, und indem sie das tut, bindet sie mich
für immer, schließt sie mich für immer ein in den weichen Kerker. -- Ich
bin ihr Gefangener. Ich will reden, doch alle Worte, die mir einfallen,
genügen mir nicht, und so schweige ich. Eine weiße und rote Rose geht
neben mir, das ist sie, sie, deren dunkler, wunderbarer Wunsch nun mein
Gesetz, Stern und Regierung ist. Still hat sie gewartet, bis ich käme
und sie bäte, Herrscherin zu sein -- -- --
Oskar
Sehr früh schon fing er dieses sonderbare Treiben an, daß er auf die
Seite ging und ein so ausdrückliches Gefallen am Alleinsein fand. Er
erinnerte sich in späteren Jahren deutlich, daß niemand ihn auf solche
Dinge aufmerksam machte. Ganz von allein kam es und war es da, das
seltsame Bedürfnis, einsam und abgelegen zu sein. Ganz allein aus sich
selber holte er den Gedanken, daß es schön sei, sich zu verschließen, um
so wieder frische Lust zu gewinnen, und neue Sehnsucht zu empfinden,
offen zu sein, und harmlos unter die Menschen zu treten. Es war eine Art
Rechnung, die er machte, eine Art Aufgabe, die er sich stellte. In ein
armseliges, halbzerstörtes Haus an der Bergstraße war er gezogen; hier
bewohnte er ein dürftiges, kleines Zimmer, welches ausgestattet und
ausstaffiert war mit einem bemerkenswerten Mangel an Mobiliar. Einheizen
ließ er nicht, obgleich es Winter war. Er wollte es nicht behaglich
haben. -- Rauh und unwirklich und schlecht sollte es rings um ihn sein.
Ausharren und etwas ertragen wollte er. Er befahl sich das. Und auch das
hatte ihm niemand gesagt. Er ganz allein war auf die Idee gekommen,
die ihm sagte, daß es für ihn gut sei, wenn er sich befehle,
Unannehmlichkeiten und Unholdheiten freundlich und gutmütig zu ertragen.
Er nahm sich wie in eine Art von hoher Schule. Er ging da, gleich einem
absonderlichen, wilden Studenten, in die Hochschule. Es galt für ihn,
die Beobachtung zu machen, wie weit er sich erkühnen dürfe, es zu
treiben, wie viel er imstande sei, zu wagen. Bisweilen kam das Bangen zu
ihm ins Zimmer und streifte ihn mit dem kalten Flor des Verzagens. Aber
er war einmal hineingetreten in das Wagnis, absonderlich zu sein, und es
mußte so weitergehen, fast ohne daß er es wollte. Wer in die
Seltsamkeiten hineingegangen ist, den nehmen sie und führen ihn mit
regierenden Händen weiter, reißen ihn fort, lassen ihn nicht wieder los.
Einsam verbrachte er die Tage und die Nächte. Zwei kleine Kinder lagen
im anderen Zimmer, hart an der Wand. Er hörte sie vielmal kläglich
weinen. Ganze lange dunkle Nächte lag er schlaflos da, als sei der
Schlaf sein Feind, fürchte und fliehe ihn, und als sei das Wachbleiben
sein guter Kamerad, der sich nicht von ihm zu trennen vermöge. Täglich
machte er denselben Gang durch die winterlich gefrorenen Wiesen, wobei
es ihm war, als befinde er sich auf tagelanger Wanderung durch fremde,
unbekannte Gegenden. Ein Tag glich dem andern. Kein junger Mensch würde
dieses Leben haben schön finden können. Er aber wollte es einmal so; er
befahl sich, daß er diese Lebensweise schön finde. Da er Reize sehen
wollte, sah er sie auch, da er die Tiefe suchte, fand er sie, da er Not
kennen lernen wollte, gab sie sich ihm zu erkennen. Freudig und stolz
ertrug er alle sogenannte Langeweile. Das Einerlei und die eine und
selbe Farbe waren ihm schön, und der eine Ton war sein Leben. Er wollte
nichts wissen von Langeweile. Es gab keine für ihn. So regierte er sich.
So lebte er. Er verkehrte wie mit sinnlich-körperlichen Wesen mit den
stillen Frauen, den Stunden. Sie kamen und gingen, und Oskar, so hieß
er, verlor nie die Geduld. Ungeduld bedeutete Tod für ihn. Ausdauer, in
die er sich mit freiem Willen wohllüstig senkte, war sein menschlich
Leben. Süß wie Rosenduft umstrickte und umduftete ihn der Gedanke, daß
er arm sei. Er gehörte mit Leib und Seele und mit allen seinen Gedanken
und Gefühlen und mit dem ganzen Herzen zu den Armen. Er liebte die
versteckten Wege zwischen den hohen Hecken, und die Abende waren seine
Freunde. Keinen höheren Genuß kannte er, als den Genuß von Tag und
Nacht.
Die Einfahrt
Lange Jahre war ich fern gewesen vom lieben alten Land, und nun saß ich
mit Landsleuten, mit stillen, bescheidenen Arbeitsleuten zusammen, im
Eisenbahnwagen, der mich schon als solcher in der Seele entzückte.
Langsam, als sei er die Beute einer tiefen Nachdenklichkeit und als sei
es ihm ein Bedürfnis, zögerlich vorzurücken, fuhr der Zug, es war ein
Arbeiterzug. Ich war recht froh, daß es ein so stiller Zug war und daß
ich jetzt zusammensaß mit den ärmlichen, ernsten Leuten aus dem Volk. Es
war mir, als lerne ich wieder mein Volk so recht aus dem Grunde kennen,
als fahre ich mit dem Eisenbahnzug in das Herz des Volkes hinein. Abend
wurde es. Auf jeder kleinen, dörflichen Station hielt der Wagen an, und
liebe, brave, arbeitsame Menschen stiegen ein und aus. Mich beschlich
eine wunderbare, angenehme Zärtlichkeit für das Land und für die Leute.
Land und Leute öffneten sich mir so still, so groß. Immer größer, immer
schöner wurde das abendliche Gebirgslandschaftsbild. Eine zarte, stille
Freundschaftsglut bemächtigte sich meines Innern, das mir zu blühen, zu
lachen, zu weinen schien. Ich fühlte, wie ein Glanz mir in die Augen
kam. Da schaute ich immer hinaus in die Landschaft mit ihren
phantastisch-steilen, grünen Höhen und immer fuhr der Zug zart und leise
weiter. Ich will die Fahrt nie, nie vergessen. Göttlich-schön war es,
wie ich und die andern Leute so still hineinfuhren, hineingleiteten in
die Berge, welche mir wie Lieder, wie alte großartige Melodien
entgegentönten. Unvergeßlich wird mir das goldig-dunkle Abendgebirge im
Sinne bleiben. Still redeten die Insassen des Wagens miteinander,
Männer, Jünglinge und Frauen. Die Nation trat mir nah; das Vaterland und
sein hoher, goldener Gedanke schwebten mir ums Herz. Lange Jahre war es
immer flach und glatt und öd vor meinem Auge gewesen, daß die weite,
hoffnungsarme Leere mir die Seele verdorren machen wollte. Jetzt
ging es wieder freundlich in die kühne Höhe und sank in reiche,
himmlisch-schöne, gedankenvolle Abgründe hinunter. Eine stille
Vaterlandeslust brannte in mir und eine alte, süße, wundervolle Liebe
wurde wieder wach zu meinem Entzücken. O das war ein schönes
Eisenbahnfahren mit mildgesinnten, klugen, ernsten Landsgenossen in die
Umschlungenheit hinein. Es umschlang uns mit Felsen und mit Bergen.
Liebe, grüne Täler lachten in der Tiefe und von der Höhe herab nickte
stolz die edle Tanne. Ich sah das Haus an der Halde stehen und Menschen
auf den Wegen gehen, die sich in die Wälder schlängelten. Das Land
öffnete die Arme, und ich, ich sank hinein in die Umarmung und war
wieder der Sohn des Landes und seiner Bürger einer. Allmählich wurde es
Nacht.
Die Vaterstadt
Der junge, rüstige Reisende langte mit der Bahn in der Stadt an, in der
er geboren war. Der Ort erschien ihm lieblich wie nie zuvor. Er trat in
einen Zigarrenladen und kaufte sich Tabak. Der Zigarrenhändler entpuppte
sich als ein Schulkamerad von ihm. Viele Jahre war der Reisende fort
gewesen, wie war er jetzt entzückt, daß in der Heimatstadt alles so
schön gleich geblieben. Wundersam, wie ein Kindheitstraum, wo
Engelsgestalten sich zu uns niederneigen, erschien ihm das altbekannte
Leben und Treiben in den schönen, stillen, feinen Straßen. Dunkle
Aprilfarben erfüllten die Luft und überraschend für des Fremdlings Augen
war der Glanz, der in der Sphäre und auf allen Gegenständen lag. Etwas
Niegesehen-Großes breitete sich deutlich vor ihm aus und ließ ihn
Erregungen gänzlich neuer Art empfinden. Er war erregt und beglückt
dabei, er zitterte und er hätte dazu lachen und spielen mögen. Es war
ihm um die Brust, als sei er, seit er die alte, liebe Stadt betreten,
wieder viel jünger und viel gütiger und viel freundlicher geworden.
Unbefangen und freundlich schauten die Leute ihn an, ohne ihn lang und
scharf und groß anzublicken. So behaglich und frei und warm und köstlich
kam ihm alles vor, die Häuser so zierlich, die Bäume so prächtig.
Grünliches Treiben und Knospen war schon an den weichen, kräftigen
Zweigen sichtbar, und dazu ließen die Singvögel aus allen Gassen und
Nebengassen ihren süßen, lieben, einschmeichelnden Gesang vernehmen. Der
Reisende schaute und horchte. Horchte, horchte! Er ging nur ganz langsam
weiter und blieb immer stehen. Seine Unbefangenheit kämpfte mit einer
Art von Bangen und Ahnen, welches sich seiner Seele bemeisterte. Er fand
zuletzt ein Häuschen, das am Felsen angeschmiegt lag. Die Bäume im
zierlichen Garten waren so klein. Alles schien zu lächeln, zu lispeln
und zu zwitschern. Tiefsinnig-grün schaute ihn ein Stück Wiese an. Er
besann sich auf alte längst vergessene Träumereien. Alte
Lieblings-Einbildungen erhoben ihr schelmisches, liebliches Geflüster,
und die Fenster des Häuschens schienen lustig zu blinzeln wie Augen
eines gescheiten Menschengesichtes. Da trat er hinein. In dem Hause
wohnte sein alter Vater.
Das Grab der Mutter
An einem Sonntag, gegen Abend, ging ich zum Friedhof, der nur wenige
Schritte von dem Ort entfernt liegt, wo ich wohne. Es hatte kurz vorher
geregnet, es war daher alles noch feucht, der Weg, die Bäume. Ich kam in
den Totenhof hinein zu den alten, stillen, heiligen Gräbern, und hier
empfing mich wie mit süßen, lieben, keuschen Armen ein so schönes,
frisches Grün, wie ich es nie gesehen. Leise schritt ich auf dem
kiesbelegten Wege vorwärts. Es war alles so still. Kein Blatt bewegte
sich, nichts regte und rührte sich. Es war, als lausche alles. Wie wenn
das Grün die ringsverbreitete Feierlichkeit empfinde und über das uralte
und immer wieder junge Rätsel vom Tod und vom Leben in ein langes und
tiefes Sinnen versunken sei, hing es und lag es da in seiner feuchten,
wunderbaren Schönheit. Ich habe nie so etwas gesehen. Gewaltig mußte es
mich ergreifen, zu sehen, wie der Ort des ernsten Todes und des
Schweigens für immer so süß, so grün, so warm war. Kein Mensch außer mir
ließ sich erblicken. Außer dem Grün und den Grabsteinen war nichts da.
Ich wagte kaum zu atmen in all dieser Lautlosigkeit, und mein Schritt
kam mir frech und unzart vor mitten in all dem heiligen, ernsten und
zarten Schweigen. Unendlich freundlich und lieblich hing das reiche Grün
eines Akazienbaumes über ein Grab herab, bei dem ich stehen blieb. Es
war das Grab meiner Mutter. Da schien alles nun zu flüstern und zu
lispeln, zu reden und zu deuten. Das lebendige Bild der Lieben und der
Verehrten stieg mit seinem Gesicht und mit des Gesichtes edlem Ausdruck
sanft und schleierhaft hinauf aus des grünen, stillen Grabes unfaßbarer
Tiefe. Lange stand ich da. Doch nicht traurig. Auch ich und du, wir, wir
alle kommen einst dahin, wo alles, alles still ist und beschlossen ist
und alles aufhört und alles sich auflösen muß zu einem Schweigen.
Abend
Ich saß in der Wirtsstube zu den drei Tannen still am Tisch wie ein
schweigender, denkender, nachrechnender Händler und stand jetzt auf und
ging hinaus auf die abendliche Straße, wo der Abendzauber mich mit
seinem Dunkel empfing. Das Wirtshaus liegt zart und nah am Waldberg,
über welchem jetzt der Halbmond herrlich leuchtete. Auf der Dorfstraße
war es unsäglich schön. Einige Helligkeit war am Verschwinden, war noch
da, hauchte und schwebte noch da und dort herum. Doch die Sterne
erschienen bereits, zwischen großen, warmen Wolken, am dunkleren und
dunkleren Himmel. Dunkelheit fing mehr und mehr an zu regieren. Die
Leute standen so schön undeutlich da und gingen im Dunkel so schön warm
und sanft dahin. Jemand sagte mir freundlich guten Abend. Es war ein
Mädchen. Ich vermochte in der zaubervollen Dunkelheit rote Wangen und
liebe, helle Augen noch zu unterscheiden. Kinder gingen und spielten
über den weichen Weg. Alles war so still, lautlos, freundlich-nachbarlich,
gut und groß. Ich wünschte, daß die Zeit zwischen Tag und
Nacht, die schöne Zwischenzeit, die liebe, schöne Abendzeit
ewig, ewig andauern möchte. Eine Ewigkeit lang Abend. Weiter
ging ich. Es war mir, als gehe und trete ich im Land der Poesie selber,
so hold und wunderbar kam mir die Welt vor in ihrem zarten Abendmantel.
Über allem lag der Schleier der Zartheit und der Verhaltenheit. Mildes,
dunkles, süßes Bangen hielt Schritt mit mir, ging neben und hinter und
vor mir. Da kam ich über die Brücke. Die großen Wolken sanken hinab in
das stille, fließende Wasser und die Sterne zitterten von unten aus dem
Fluß herauf, als sei die Natur verwandelt und die ganze Welt verzaubert.
Unten und oben, das Vordere und das Zurückgesunkene! Wie trunken von all
der Schönheit marschierte ich weiter, ein Glücklicher, ein Berauschter.
Ich trank am Bild und hing am Bild des Abends. Da war grad das Wirtshaus
zur Brücke, ich ging ohne zu denken hinein, es zog mich so, ich hatte so
das Bedürfnis, kaum wußte ich, was ich tat. Als ich wieder draus
heraustrat, war es völlige Nacht mit völlig-göttlich-schöner Finsternis.
Überall die Lichter nun in den Fenstern. Ich machte, daß ich nach Hause
kam, es war Zeit. Auf dem Heimweg sah ich noch eine Frau mit ihren zwei
kleinen Kindern. Die blonden Locken von dem einen Kind gaben einen
hellen, frohen Schein im dichten Dunkel, und süß war es für mich, wie
mich der Engel mit kindlich-lieber Stimme grüßte. O wie schön ist ein
Gruß aus Kindermund in dunkler Nacht.
An den Bruder
Fast mache ich mir einen Vorwurf, daß ich solch ein Schlenderer,
Herumfeger und Spaziergänger bin, aber es ist hier eine so schöne
Gegend, ein so heiteres, gut aufgeräumtes und ich möchte sagen
gesprächiges Land. Alles ist hell, schön, frei und warm. Land und Leute
scheinen sich gleich unbefangen zu geben. Das Land bietet sich dar wie
ein artiges, liebes, kleines Kind mit Unschuld-Augen und -Fragen, und
mit Unschuld-Farben. Die Farben, mein lieber Maler, sind ein
weitverbreitetes Blau und ein ebenso weit ausgebreitetes helles Grün,
und dazwischen sind Stellen, die blendend weiß sind, und dann kommt
wogendes, duftendes, herzerquickendes Gelb, und das ist das Kornfeld,
durch welches der Wind leise weht. Tag und Nacht, Morgen und Abend sind
unendlich schön, sind ein Schauspiel, so recht zum Satt-Anschauen. Man
wird nie müde, nie satt, nie matt; man ist immer wieder begierig, immer
wieder ungesättigt, immer wieder unbefriedigt. Und doch ist zugleich ein
wundersamer Frieden und ein so schönes, festes, leichtes Genügen in der
Luft. Wenn du spazieren gehst, so gehst du wie in der Luft spazieren und
meinst, du werdest zu einem Teil des blauen Hauches, der über allem
schwebt. Dann regnet es wieder, und alles Gegenständliche ist dann so
naß, feucht und voll süßen Glanzes. Die Leute hier fühlen die Süße und
die Liebe, die in der Natur ist, die in der ganzen lebendigen Welt ist.
Sie stehen angenehm herum, und ihren Bewegungen ist nachzuspüren, daß
sie freie Leute sind. Wenn sie zur täglichen Arbeit gehen, so sieht es
nicht aus wie mürrisches Müssen, sondern wie freisinniges Wollen. Sie
schlendern so, wenn sie gehen und wenn sie etwas verrichten, so brauchen
sie nicht zu hasten, und das bietet ein appetitliches, gesundes Bild
dar. Was macht die Hauptstadt mit ihren heftigen Energien? Meine Energie
ist hübsch schlafen gegangen einstweilen. Ich gehe sehr energisch baden
und träume voller Energie in die blaue Luft hinauf. Ich bin ungemein
energisch im Gehenlassen und Nichtstun. Sie rennen sich doch nur oft die
Köpfe an Mauern wund mit ihrem ewigen Großes-Verrichten-Wollen. Ich, ich
will mich hier wieder recht behaglich zurechtfinden. Ich will gedeihen,
ich will wachsen. Das heißt, Bester: ich will es nicht. So etwas darf
man nicht wollen, sondern man wünscht es, man hofft es bloß, man träumt
davon. Ich bin jetzt sehr oft ganz, ganz gedankenlos, und wie paßt das
zu all der Schönheit, zu all der Freude und zu all der Größe der Natur.
Eine himmelblaue Welle ist über mich gekommen und hat mich unter ihrem
flüssigen, liebevollen Leib begraben. Ich lebe wieder auf, weil ich viel
vergessen habe, ich führe wieder ein Leben, weil ich sehe, daß das Leben
schön ist. Zuweilen ist's mir, als möchte ich die Welt, die ganze Welt
umarmen und ans frohe Herz drücken. Ich schwärme! und ich bin von Herzen
froh, daß ich es noch kann. Ich möchte es nicht verlernen.
Frauenbund
zur Ehrung rheinländischer Dichter
gegründet 3. Juli 1909
zu Darmstadt
1914
Einbandzeichnung
von Karl Walser
Der geschäftsführende Vorstand:
Frau Guido Schoeller, Düren, 1. Vorsitzende
Frau Geheimrat Prof. Litzmann, Bonn, 2. Vorsitzende
Frau Prof. Trübner, Karlsruhe, 3. Vorsitzende
Frau Kom.-Rat Rudolph Schoeller, Düren, Schatzmeisterin
Frau Emma von Eynern, Düren, stellvertretende Schatzmeisterin
Frau Elisabeth Schäfer, Vallendar, Schriftführerin
Der erweiterte Vorstand: