deutsche, russische und polnische Elemente sich berühren, erlebte ich
eines Nachts, es war im Winter, und das flache Land war mit Schnee
bedeckt, eine Wirtshausszene, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben
ist, und die ich darum gern aufzeichnen möchte. Ich und ein paar
Burschen hatten uns zu einem tapferen Gelage im miserablen, düsteren und
räuberhüttenähnlichen Gasthaus eingefunden. Das Bier, wenn ich so
zurückdenke, war entsetzlich schlecht, und das Gastzimmer, dortig
herrschender Volksarmut entsprechend, schrecklich unsauber; doch das
hinderte uns junge vergnügliche Leute nicht, wacker zu trinken und
lustig zu singen und zu johlen. Nach und nach kamen noch andere Kerle,
ein Schreiner, Maurer, und dann war ja vor allen Dingen ein Bursche da,
den sie August nannten, ein junger Stallbursche aus dem gräflichen
Schloß, welches mit seinen stolzen, herrischen Türmen unfern in der
Winternacht lag. Der junge Pole, das war er, fing, da er schon mehrere
Gläser von dem abscheulichen Zeug getrunken hatte, zu der Musik, die ein
anderer bereitwillig zum besten gab, zu tanzen an, und er tanzte auf
polnische Weise, wobei er über das ganze Gesicht lachte. Überaus anmutig
sah es aus, wie der junge Tänzer in dem wüsten, von aller Grazie und von
allem Edelsinn so weit entfernten Lokal die Grazie und das artige
Benehmen verkörperte, dadurch, daß er sich bald, wie vor einer
unsichtbaren Dame, verneigte und bald wieder sich stolz in die Brust
warf, als stehe er einem Gegner auf dem Kampfplatz gegenüber. Er
spreizte seine bestiefelten jungen Beine nach dem Takte der Musik, bog
wieder das Knie, und mit Arm und Hand führte er sehr manierliche
Bewegungen aus. Von Zeit zu Zeit wollte er, in dem Rausch, in dem er
sich befand, wild und ungebärdig werden, doch wie wenn er wieder seinen
strengen Herrn und Meister vor sich sehe, bändigte er die Wildheit und
beugte sich unter die guten und schönen Formen, derartig, daß es wie die
Selbstzucht aussah, und daß es duftete wie nach höherer Erkenntnis. Das
Bild, das der junge hübsche Mensch darbot, indem er solchermaßen mit der
Ausschweifung kämpfte, ist mir unvergeßlich geblieben. Gibt es auf Erden
doch nichts Besseres und Erquicklicheres zu sehen als den Kampf, den der
Mensch kämpft gegen die Untugenden, die in ihm schlummern, als den
stolzen Streit des Menschen mit sich selber. Der Bursche hatte nun
ausgetanzt und setzte sich wieder zu dem Volke der Johlenden,
Schreienden und Trinkenden. Der, der die Handharfe gespielt hatte,
spielte aber munter weiter, und da war es mir, als müßten die Töne von
dem Instrument in der dicken Rauchluft des Zimmers hängen und kleben
bleiben, so garstig voll von Dunst und Rauch war die jämmerliche Stube.
Immer mehr wurde getobt und getrunken. Da mit einem Male, wie ein Blitz
aus dem Himmel, war Streit unter den Leuten, und in eines Kerle Faust
zückte ein Messer. »Wollt ihr mir so kommen, ihr Bösewichte? Wartet
nur!« schrie voller sonderbarer Autorität die Wirtin. »Wenn ihr raufen
wollt, so macht das draußen auf der Straße miteinander ab!« Die ganze
Stube schien betrunken. Alles drehte sich. Es war eine höllische Szene.
Einige von uns gingen in die Nacht hinaus, ich mit ihnen. Wie schön war
die Nacht mit ihrem Schnee und mit ihrem silbernen, hohen, großen Mond
am Himmel. Es zwang mich hinaufzuschauen zum Mond und zu den süßen
Sternen.
Der Doktor
Eines Tages, in der heißen Mittagssonne, schon viele inhaltreiche Jahre
sind seither vergangen, sah ich, noch erinnere ich mich dessen deutlich,
auf dem menschenbelebten Platz, auf dem ich stand, aus der Masse von
vielerlei unbedeutenden Leuten, welche er gewissermaßen mit seiner
sonderbaren Erscheinung überragte, einen Mann auftauchen, der ganz in
edles, schönes, feierliches Schwarz gekleidet war, eine Art Doktorhut
auf dem Kopfe hatte, und einen eleganten Spazierstock beinahe
gravitätisch in der Hand trug. Ich nannte den Mann ohne weiteres für
mich im stillen einen Doktor der schönen Literatur, und ich darf sagen,
er faszinierte mich. Alle übrigen Menschen, verglichen mit ihm,
erschienen mir platt, unfein und gedankenlos, so, als habe sich kein
einziger von ihnen je bemüht, sich Rechenschaft darüber abzulegen, warum
und wozu er eigentlich lebe. Mit meinen Augen verfolgte ich den
seltsamen und in gewissem Sinne abenteuerlichen Mann, der einem
Geistlichen oder fast besser noch einem vermummten Fürsten glich in der
Lässigkeit, mit welcher er seines Weges ging. Ein Zauberer schien er zu
sein, denn er trug eine unzweideutige Verachtung gegenüber seiner
Umgebung zur Schau, und zwar so, als fühle er sich genötigt, sich selber
gering zu achten, deshalb, weil er unter keinen besseren Leuten lebe.
Eine Brille verunzierte nicht, sondern zierte und schmückte sein
bleiches, gedankenvolles Gesicht. Das Gesicht schien ohne die Brille
nicht sein Gesicht zu sein. Edel, gleich einem Gesandten, der gewöhnt
ist, an königlichen und kaiserlichen Höfen zu verkehren, schritt die
schlanke, leicht vornüber geneigte, feine Gestalt dahin, und indem der
Mann so ging, war es, als fühle er sich belästigt von einem
unabweisbaren Reichtum von Gedanken. Er schien etwas wegzuwerfen und
abzuweisen, und gleichzeitig schien er wiederum irgend etwas zu suchen,
etwas, das schöner sei als alles andere. Was dieser Mann sein eigen
nannte, betrachtete er als etwas, dessen er auch schon Grund hatte,
überdrüssig zu sein. Nur was er ersehnte, vermochte er zu achten, und
nur was er erstrebte, schien er zu besitzen. Auffallend war mir, wie er
sich so leicht durch die Menschen schlängelte, als befinde er sich auf
vergnüglich-liederlichen Wegen, als etwa auf dem Weg in die nächstbeste
elegante Konditorei, zum zierlichen Rendezvous mit einer Dame. Doch das
war die Maske, in die sich die Person zu hüllen liebt, die nicht mag und
nicht will merken lassen, wie ernsthaft sie denkt, damit sie es um so
besser tun kann. Ich wollte mir eingebildet haben, daß er mir wie der
privilegierte und berechtigte Vertreter alles dessen erscheine, was
geistvoll sei, und daß er auf mich den Eindruck mache, der mir sagte,
daß es zu des Mannes Leidenschaften gehöre, stets eine Leidenschaft zu
nähren. Jedenfalls gefiel er mir im höchsten Grade, und in dem
Augenblick, wo ich ihn sah, liebte und verehrte ich ihn auch schon. Bald
indessen verschwand er, und auch ich entfernte mich von dem Standort,
von wo aus ich ihn so aufmerksam betrachtet hatte.
Der Liebesbrief
Ich habe einen kleinen sorgfältigen Streifzug in die Gegend hinaus
gemacht, damit ich dir mitteilen könne, was ich Schönes gesehen habe.
Auf dem Weg hatte ich allerlei Einfälle, doch sie mußten sich alle
wieder auf und davon machen und mußten verschwinden neben dem Gedanken,
der sich nur mit dir beschäftigte, du liebes Mädchen, du süßes, liebes
Wesen. In meinen Gedanken gingest du neben mir und vor mir her. Ich war,
indem ich so ging, ganz nur Denken, ganz nur Sinnen, ganz nur Gedanke,
ganz nur treues, zartes Bei-dir-sein. Lächelst du? Bald sollst du noch
mehr über mich zu lächeln haben mit deinem lieben Mund. Es ist schön für
einen Mann, treu an seinem Mädchen zu hängen und sich zu sehnen mit
leiser immerwährender Sehnsucht nach der Gegenwart der Holden. Ich kam
in einen wunderhübschen kleinen Wald hinein, wo es still und weich und
artig war, und wo die goldenen Vormittagssonnenstrahlen zwischen den
Ästen und Stämmen ins grüne Heiligtum, ins grüne Waldesinnere
hereinbrachen. Da ich so bei deinem Bilde war, kams mich an, die
Sonnenstrahlen mit deinem hellen, wogenden Haar zu vergleichen, und als
ich hinauskam aus dem zarten, kühlen, schüchtern-stillen Waldesdunkel in
das helle, blaue, weite Freie, stand ich Wanderer wieder still. Der
Himmel mit seinem sanften, lieben Blau erinnerte mich an deine Augen.
Weiter ging ich, und da stand ich bald vor einem Haus mit Garten, und im
Garten standen die schönsten Blumen, die ihre leichten Köpfchen so
zierlich-schwankend trugen. Da stand dein Köpfchen vor mir mit seiner
Stirne, Wangen und Lippen, und indem ich das Haus betrachtete, das so
lieblich nach Behaglichkeit und Wohnlichkeit duftete, dachte ich, es
müsse süß sein, mit dir zusammen häuslich darin zu hausen. Bald nachher
traf ich Äpfel an, die an den Zweigen eines Apfelbaumes hingen und mich
mit ihren roten und gelben Backen freundlich anlachten. Ich bildete mir
ein, dein rundes Gesicht mit seinen roten, blaßroten Wangen lächele
zauberisch aus dem Blätterwerk zu mir herab. Reizende Illusionen. Ruhig,
wie es meine Art ist, und von Träumereien umfangen, ging ich meinen
bescheidenen Weg weiter, der mich hügelabwärts zu einem blauen, breiten,
sonnigen Strome führte. Mit sanfter, wohliger Gewalt floß das schöne
Wasser dahin zwischen grünen glücklichen Ländereien. Ich dachte, wie
dein sanftes, zartes Wesen mich mit Gewalt zu dir ziehe und wie ich
glücklich sei darüber. Bist du glücklich? Wenn du es bist, bin ich es
auch.
Der Hanswurst
Da ist einer, sie nennen ihn Hanswurst, weil er so ein dummer Mensch
ist, der zu nichts Rechtem zu gebrauchen ist. Ich kenne ihn wohl, den
liederlichen, unklugen Burschen. Es ist mir im Leben noch keiner
begegnet, zu dem ich rascher hätte sagen mögen: »Du bist ein Schelm«,
und keiner, der mich mehr nötigte, über ihn zu lachen. Wenn dumme und
ungesunde Einfälle Zinsen eintragen, so gehört er zu den reichen Leuten,
aber die Wahrheit ist: er ist arm wie eine Spitzmaus. Ein Sperling hat
nicht so wenig Aussicht, es in der Welt zu etwas zu bringen als er, und
dennoch kennt er nur Fröhlichkeit, und es ist mir noch nie gegönnt
gewesen, einen Zug von Unlust in seinem Spitzbubengesicht zu entdecken.
Einmal wollte ihn jemand befördern, Hanswurst aber ergriff die Flucht
vor der Beförderung, als wenn sie ein Unheil sei; so dumm benahm er sich
im wichtigsten Moment seines Lebens. Er ist und bleibt ein Kind, ein
Dummkopf, der das Bedeutende vom Unbedeutenden, das Schätzenswerte vom
Wertlosen nicht zu unterscheiden vermag. Oder sollte er am Ende klüger
sein, als er selber ahnt, sollte er mehr Witz haben, als er fähig ist zu
verantworten? Liebe Frage, ich bitte dich, bleibe hübsch unbeantwortet.
Hanswurst ist jedenfalls glücklich in seiner Haut. Eine Zukunft hat er
nicht, aber er begehrt auch gar nicht, etwas derartiges zu haben. Was
soll aus ihm werden? Bete doch einer für ihn! Er selber ist zu dumm
dazu.
Sonntagmorgen
Heute, am Sonntag, ging ich früh ins nahegelegene Land hinaus. In
unserer Gegend berühren sich Stadt und Land wie zwei gute wackere
Freunde. Ich machte nur hundert Schritte, oder vielleicht noch hundert
dazu, und da lag schon der ländliche, zarte Winter vor mir mit seinen
strubbligen Bäumen und seinem lieblichen Wiesengrün. Ich kam zum Wald,
der so schön, so still in der grauen, kalten Luft dastand mit graziösen
Tannenwipfeln. Aus einem entfernteren Pfarrdorf klangen die
Sonntagsglocken laut und doch leis und still daher über den Waldsaum
hinüber. Kälte und hartgefrorener Weg und ein schönes breites Bauernhaus
in dem Gewirr von schwärzlichen Winterbäumen. Ein zarter, friedlicher
Rauch stieg wie lächelnd aus dem Kamin, und ein kleiner, lustiger,
kecker Feldweg schlängelte sich quer durch den Acker in den Wald hinein.
Ich ging an sonntäglich gekleideten Menschen vorbei in meinen alten,
lieben Wunderwald hinein, später jenseits wieder hinaus, wo wieder Weg
und Feld, grauer Himmel, Baum und Haus und andre Leute mir begegneten.
Es lag in aller Winterkälte und -gestorbenheit so viel warmer Friede, so
viel uraltes und ewig wieder junges und frohes Leben. Eine grüne Anhöhe
guckte schelmisch zu mir hernieder. Ich liebe, liebe mein Land mit
seinen Pfaden, Ecken, Kreisen und Winkeln. Bald war ich zu Hause im
angenehm geheizten Zimmer. Ich setzte mich an den Tisch, ergriff die
Feder und schrieb dieses.
Ausgang
Ich ging hinaus in das kalte Morgengrauen. Bäume und Häuser schwarz und
Rauch in der Straße. Nach und nach hellte es sich auf. In den Stuben
brannten die Lampen. Wovon ich aber besonders sprechen will: ich ging
hinter drei Mädchen, die zur Schule liefen. Viele andere kleine Kinder
liefen ebenfalls zur Schule. Eines der drei Mädchen ging so schön. Ihre
kleinen, weichen und schon so vollen Beine machten die lieblichste
Musik. Ich konnte mich nicht satt daran schauen. Zwei winzige Zöpfe
hingen ihr den Nacken herab über den Rücken. Die Kleine war schon so
weiblich bei der Jugendlichkeit, schon so reif bei der unschuldigen
Unreife. Herrlich sah es aus, wie die Schuhe so weich, mild und voll
waren mit dem Fuß, und wie die ganze Figur so leicht und doch so
angenehm schwer vor mir hinlief, und wie das kleine zierliche
Stiefelabsätzchen sich so anmutig krümmte unter der schönen, leichten,
weichen Last. Die Formen an dem Kind waren so groß, redeten so weich.
Bald traten indessen die Mädchen in das Schulhaus, und ich ging meines
Weges durch den kalten, dunklen Wintermorgen weiter. Ein paar Häuser und
ein paar Bäume und wenige Menschen. Es tat mir alles so wohl. Der Weg
und die Wiese waren hartgefroren, und die Berge entlang lag eine graue
Wolkenschicht, so fest, als könne sie nicht mehr weggehen. Zierlich wie
Kinder standen kleine Bäume im Wiesengrün, und dann sah ich eine zarte,
liebe, feine, grüne Anhöhe und das altersgraue Dach von einem
Bauernhaus, zwei Hunde, noch einen anderen Hund, der mich mit seiner
warm-nassen Nase antupfte, als sei es ihm darum zu tun, mir guten Morgen
in aller frischen, kalten Frühe zu wünschen, Arbeiter, die Steine
abluden. Einmal sah ich zu einem niedrigen Fenster hinein. Eine schöne
junge Frau im schneeweißen, reizenden Morgengewand stand hinter den
Fensterscheiben und schaute mich an. Manches schaute auch ich an. Man
sieht immer etwas.
Die Millionärin
In ihrer fünfzimmerigen Wohnung wohnte ganz allein eine reiche Dame. Ich
sage da Dame, aber die Frau verdiente nicht, Dame genannt zu werden, die
Arme. Sie lief unordentlich daher, und die Nachbarsleute titulierten sie
Hexe und Zigeunerin. Ihre eigene Person erschien ihr wertlos, am Leben
hatte sie keine Freude. Sie kämmte und wusch sich oft nicht einmal, und
dazu trug sie alte und schlechte Kleider, so sehr gefiel sie sich in der
Vernachlässigung ihrer selber. Reich war sie, wie eine Fürstin hätte sie
leben können, aber sie hatte keinen Sinn für den Luxus und auch keine
Zeit dazu. Reich, wie sie war, war sie die Ärmste. Ganz allein mußte sie
ihre Tage und ihre Abende zubringen. Kein Mensch, außer etwa der Emma,
ihrem ehemaligen Dienstmädchen, leistete ihr Gesellschaft. Mit allen
ihren Verwandten war sie verfeindet. Etwa noch Frau Polizeirat Stumpfnas
besuchte sie zuweilen, sonst niemand. Die Leute hatten einen Abscheu vor
ihr, weil sie wie eine Bettlerin daherkam, sie nannten sie eine
Geizhalsin, und freilich war sie geizig. Der Geiz war ihr zur
Leidenschaft geworden. Sie hatte kein Kind. So war der Geiz ihr Kind.
Der Geiz ist kein schönes, kein liebes Kind. Wahrhaftig nicht. Aber
irgend etwas muß der Mensch haben zum Herzen und Liebkosen. Die arme
reiche Dame mußte oft in der stillen Nacht, wenn sie so allein saß im
freudelosen Zimmer, in ihr Taschentuch weinen. Die Tränen, die sie
weinte, meinten es noch am ehrlichsten mit ihr. Sonst wurde sie nur
gehaßt und betrogen. Der Schmerz, den sie in der Seele fühlte, war der
einzige aufrichtige Freund, den sie hatte. Sonst hatte sie weder Freund
noch Freundin, noch Sohn, noch Tochter. Sie sehnte sich umsonst nach
einem Sohne, der sie kindlich würde getröstet haben. Ihr Wohnzimmer war
kein Wohnzimmer, sondern ein Bureau, überladen mit Geschäftspapieren,
und in ihrem Schlafzimmer stand der gold- und juwelengefüllte eiserne
Kassenschrank. Wahrlich: ein unheimliches, ein trauriges Schlafzimmer
für eine Frau. Ich lernte diese Frau kennen, und sie interessierte mich
lebhaft. Ich erzählte ihr mein Leben, und sie erzählte mir das ihrige.
Bald darauf starb sie. Sie hinterließ mehrere Millionen. Die Erben kamen
und warfen sich über die Erbschaft. Arme Millionärin! In der Stadt, wo
sie lebte, sind viele, viele arme kleine Kinder, die nicht einmal
genügend zu essen haben. In was für einer sonderbaren Welt leben wir?
Erinnerung
So viel ich mich erinnere, war es so: er, der sonderbare ältere Mann und
ich, der ebenso seltsame, sonderbare, jedoch junge Mann, saßen einander
in seinem, des älteren Mannes, Zimmer gegenüber. Er schwieg nur immer,
und ich, ich redete nur immer. -- Was war es, was mich bewegen konnte,
so stürmisch zu reden, und was war es, was ihn, der mir gegenüber saß,
bewegen konnte, so beharrlich zu schweigen? Je ungeduldiger, feuriger
und offenherziger ich sprach, um so tiefer hüllte er sich in sein
geheimnisvolles, düsteres und trauriges Schweigen. Mit traurigen Augen
betrachtete er mich vom Kopf bis zu den Füßen, und von Zeit zu Zeit, und
das war mir das Allerunangenehmste, gähnte er, indem er die Hand wie
entschuldigend zum Munde führte. Seltsame Käuze, sonderbare Sonderlinge
waren wir sicherlich beide, er mit seinem Gähnen und beharrlichen
Stillschweigen und ich mit meinem fortgesetzten Bestürmen eines Ohres,
das offenbar auf alles, was ich sagte, gar nicht hörte, das ganz wo
anders hinhorchte, als auf mein herzliches Reden. Jedenfalls war es eine
bedeutungsvolle Stunde, und darum ist sie mir so lebhaft in der
Erinnerung geblieben. Auf der einen, d. h. auf seiner, des älteren,
gereiften Mannes Seite ein glanzloses Auge und ein Benehmen, welches
Gelangweiltheit verkündete, und auf der anderen, d. h. auf meiner Seite
idealisch loderndes Wesen und eine hingeworfene, hingegossene
Beredsamkeit, die, der leichten Welle ähnlich, am Felsen von des
mürrischen Mannes trockenem und hartem Betragen zerschellte. Sonderbar
bei der ganzen Sache war, daß ich wohl wußte, wie wenig Wert all mein
Reden und Sprechen habe, wie wenig Eindruck es machen müsse, und daß ich
vielleicht gerade darum mich nur um so inniger in das beseelte Sprechen
hineinsprach. Ich glich einem Brunnen, der nicht anders konnte als zu
sprudeln, einer Quelle, die hervorbrach mit all ihrem drängenden Inhalt,
ohne daß sie es wollte. Ich wollte und wollte wieder absolut nicht
reden. Es drang so heraus, und alles, was ich fühlte und dachte, sprang
mir als Wort und Satz über die Lippen, welche öfters in der Eile und in
der seltsamen Beklemmung anfingen zu stottern, wobei es mir war, als
sehe ich mein Gegenüber spöttisch lächeln, als habe er eine Art von
dunkler, stiller Freude, mich in der Bedrängnis zu sehen, welche mich
umflatterte.
Die Schneiderin
In einem alten, wenn nicht gar uralten Haus in der Obergasse wohnte,
wie man mir erzählte, eine junge hübsche Frau, Schneiderin ihres
Lebenszweckes und Berufes. Sie bewohnte ein großes, saalartiges Gemach,
welches nach unserer Meinung eher als Versammlungslokal für gelehrte
Häupter, Stadträte und mehr derlei Personen denn als Wohnzimmer für eine
lebenslustige und zierliche Frau gepaßt haben würde. Die jugendliche
Modekünstlerin vermochte des Nachts in ihrem Bett kaum einzuschlafen.
Leser, wie hättest du es? Möchtest du in solch einem schaurigen,
traurigen, alten Zimmer leben? Gewiß könntest auch du dort keinen
rechten Schlaf finden. Das Zimmer war so groß, die Stille, die in dem
Zimmer herrschte, war so sonderbar, und die Finsternis so dick,
geheimnisvoll und unergründlich. Du hättest deinen Finger können in die
Dunkelheit stecken wie in eine Art dicker schwarzer Milch, so
dickfinster war die unheimliche Stube. Wie von aller gesitteter und
gebildeter Welt verlassen, lag in den langen zweideutigen finsteren
Nächten die junge schöne Frau da, sie kam sich so hilflos und schutzlos
vor, und es war ihr stets zumute, als solle sich etwas Schreckliches,
Entsetzliches und Ungeheuerliches zutragen. Ihr Zimmer erschien ihr wie
eine Totengruft, und wenn sie ins Bett stieg, flüsterten ihr die
ängstlichen Einbildungen ins Ohr, daß sie in einen Sarg hineinsteige.
Eines Nachts, mitten in der totenstillen, unaussprechlich ruhigen
Mitternacht, erwachte die Schneiderin; ein Geräusch war in all der
Geräuschlosigkeit vernehmbar, deutlich, oh, nur zu deutlich hörte sie
es, und indem sie es hörte, meinte sie, ihren Verstand vor Schreck
verlieren zu müssen. Es blätterte jemand in der Finsternis in ihrem
Modejournal. Die Frau, die sich im Bett aufgerichtet hatte, wollte laut
aufschreien vor Angst, doch die Angst selber unterdrückte den
Angstschrei, das Entsetzen selber weigerte sich, den Schrei des
Entsetzens auszustoßen. Der Schrecken selber, wie ein entarteter Vater,
erstickte seinen Sohn, den Schreckensschrei. Stelle dir das vor, lieber
Leser, und jetzt stelle dir vor, wie es zu der Schneiderin in das Bett
hineinstieg. Es war der Tod, der in stiller Mitternacht die junge Frau
besuchte, um sie mit seinen eisigen Armen zu umfassen, um sie zu küssen
mit seinen fürchterlichen Küssen. Am anderen Morgen, da jemand zur
Schneiderin kam, fand er sie tot. Sie lag tot im Bett.
Das Stellengesuch
Hochgeehrte Herren!
Ich bin ein armer, junger, stellenloser Handelsbeflissener, heiße
Wenzel, suche eine geeignete Stelle und erlaube mir hiermit, Sie höflich
und artig anzufragen, ob vielleicht in Ihren luftigen, hellen,
freundlichen Räumen eine solche frei sei. Ich weiß, daß Ihre werte Firma
groß, stolz, alt und reich ist, und ich darf mich daher wohl der
angenehmen Vermutung hingeben, daß bei Ihnen ein leichtes, nettes,
hübsches Plätzchen offen ist, in welches ich, wie in eine Art warmes
Versteck, hineinschlüpfen kann. Ich eigne mich, müssen Sie wissen,
vortrefflich für die Besetzung eines derartigen bescheidenen
Schlupfwinkels, denn meine ganze Natur ist zart, und mein Wesen ist ein
stilles, manierliches und träumerisches Kind, das man glücklich macht,
dadurch, daß man von ihm denkt, es fordere nicht viel, und dadurch, daß
man ihm erlaubt, von einem ganz, ganz geringen Stück Dasein Besitz zu
ergreifen, wo es sich auf seine Weise nützlich erweisen und sich dabei
wohlfühlen darf. Ein stilles, süßes, kleines Plätzchen im Schatten ist
von jeher der holde Inhalt aller meiner Träume gewesen, und wenn sich
jetzt die Illusionen, die ich mir von Ihnen mache, dazu versteigen, zu
hoffen, daß sich der junge und alte Traum in entzückende, lebendige
Wirklichkeit verwandle, so haben Sie an mir den eifrigsten und treuesten
Diener, dem es Gewissenssache sein wird, alle seine geringfügigen
Obliegenheiten exakt und pünktlich zu erfüllen. Große und schwierige
Aufgaben kann ich nicht lösen und Pflichten weitgehender Natur sind zu
schwer für meinen Kopf. Ich bin nicht sonderlich klug, und was die
Hauptsache ist, ich mag den Verstand nicht gern so sehr anstrengen, ich
bin eher ein Träumer als ein Denker, eher eine Null als eine Kraft, eher
dumm als scharfsinnig. Sicherlich gibt es in Ihrem weitverzweigten
Institut, das ich mir überreich an Ämtern und Nebenämtern vorstelle,
eine Art von Arbeit, die man wie träumend verrichten kann. -- Ich bin,
um es offen zu sagen, ein Chinese, will sagen, ein Mensch, den alles,
was klein und bescheiden ist, schön und lieblich anmutet, und dem alles
Große und Vielerforderische fürchterlich und entsetzlich ist. Ich kenne
nur das Bedürfnis, mich wohl zu fühlen, damit ich jeden Tag Gott für das
liebe, segensreiche Dasein danken kann. Die Leidenschaft, es weit in der
Welt zu bringen, ist mir unbekannt. Afrika mit seinen Wüsten ist mir
nicht fremder. So, nun wissen Sie, was ich für einer bin. -- Ich führe,
wie Sie sehen, eine zierliche und geläufige Feder, und ganz ohne
Intelligenz brauchen Sie sich mich nicht vorzustellen. Mein Verstand ist
klar; doch weigert er sich, Vieles und Allzuvieles zu fassen, wovor er
einen Abscheu hat. Ich bin redlich, und ich bin mir bewußt, daß das in
der Welt, in der wir leben, herzlich wenig bedeutet, und somit,
hochgeehrte Herren, warte ich, bis ich sehen werde, was Ihnen beliebt zu
antworten Ihrem in Hochachtung und vorzüglicher Ergebenheit ertrinkenden
Wenzel.
»Geschwister Tanner«