In der Großstadt, mitten in dem unabsehbaren Meer von gleichförmigen

Häusern findet sich in einem finsteren Hof eine Art von Kapelle, in

welcher allerlei Leute aus den niederen Ständen zum freundlichen

Gottesdienst zusammenkommen. Auch ich war einmal in der Versammlung.

Ein drolliges, munteres Dienstmädchen, dem ich gut war, hatte mich

eingeladen, mitzukommen, und ich bereute nicht, daß ich mit ihr gegangen

war. Ehrbare Bürger, die mehr an die Hoheit des Geldes als an die Hoheit

und Herrlichkeit Gottes glauben, hängen den armen, schlichten Leuten,

die in die bescheidenen Versammlungen gehen, gern diesen oder jenen

Spottnamen an, und versuchen lächerlich zu machen, was den gläubigen und

unschuldigen Seelen heilig ist. Auch ich also ging eines Abends, da

schon in den dunklen Straßen die Lichter brannten, zu den Kindern in die

Versammlung. Ich will gern die Leute, die noch an einen Gott glauben,

Kinder nennen. Kinder sind mitunter geistreicher als die Erwachsenen,

und die Unklugen sind mitunter klüger als die Klugen. Gewiß! es kam auch

mich ein Anflug spöttischen Lächelns an, als ich eintrat in das

kindlich-fromme Lokal, dessen Wände weiß waren wie die zierlose,

schmucklose Unschuld selber. Ich setzte mich jedoch still nieder, und

alsbald fingen die Leute, Männer wie Frauen, an zu singen wie aus einem

einzigen frohmütigen Munde zum Lobe Gottes. Engel schienen zu singen,

nicht schlichte, schlechte Menschen. Von dem süßen jungen, blühenden

Glauben getragen, hallte der Gesang, gleich einem feinen Duft, der die

Eigenschaft hat, zu tönen, hin und her und verhallte an den Wänden. Ich

schaute mit eigentümlichen Empfindungen, ganz bezaubert von den Tönen,

zur Decke des Saales hinauf, welche blau war, wie ein milder

träumerischer Himmel. Weiße Sterne waren in den hellblauen Grund

hineingezeichnet, und die Sterne schienen zu lächeln vom göttlichen

Himmel hinab auf die jubilierende Versammlung. Eine heitere Kraft lag in

dem Gesang, und der Gesang selber war ein sonderbares, leichtes, liebes

Wesen, welches auf geistergleiche Weise lebte. Die, die sangen, schienen

sich zu freuen über den Gesang, doch schienen sie nicht zu ahnen, wie

die Töne sich von ihnen sonderten und ihr eigenes Leben in der Luft des

Saales lebten. Es klang, als werde es geboren und lebe eine kurze Weile

und müsse alsdann sterben. Aber es fing von Neuem wieder an zu tönen und

sich am sterblich-schönen Dasein zu erfreuen. Ruhig und liebevoll

glitzerten und schimmerten die goldenhellen Kerzenlichter hinab in das

Singen, das einem Himmel glich an Keuschheit und Schönheit, und als sie

mit dem Gesang innehielten, mußten sie lächeln, die lieben guten Leute,

wie kleine Kinder, die ihre Aufgabe vollendet haben und sich nun darüber

freuen. Nach einer Weile war der Gottesdienst beendet, und ebenso still,

wie sie die Kapelle aufgesucht hatten, verließen die Leute sie wieder.

Der Tänzer

Ich sah einst im Theater einen Tänzer, der mir und vielen anderen

Leuten, die ihn ebenfalls sahen, einen tiefen Eindruck machte. Er

verspottete den Boden mit seinen Beinen, so wenig Schwere kannte er, und

so leicht schritt er dahin. Eine graziöse Musik spielte zu seinem Tanz,

und wir alle, die im Theater saßen, dachten darüber nach, was wohl

schöner und süßer könne genannt werden, die leichtfertigen lieblichen

Töne oder das Spiel von des lieben, schönen Tänzers Beinen. Er hüpfte

daher wie ein artiges sprungfertiges, wohlerzogenes Hündchen, welches,

indem es übermütig umherspringt, Rührung und Sympathie erweckt. Gleich

dem Wiesel im Walde lief er über die Bühne, und wie der ausgelassene

Wind tauchte er auf und verschwand er. -- Solcherlei Lustigkeit schien

keiner von allen denen, die im Theater saßen, je gesehen oder für

möglich gehalten zu haben. Der Tanz wirkte wie ein Märchen aus

unschuldigen, alten Zeiten, wo die Menschen, mit Kraft und Gesundheit

ausgestattet, Kinder waren, die miteinander in königlicher Freiheit

spielten. Der Tänzer selber wirkte wie ein Wunderkind aus wunderbaren

Sphären. Wie ein Engel flog er durch die Luft, die er mit seiner

Schönheit zu versilbern, zu vergolden und zu verherrlichen schien. Es

war, als liebe die Luft ihren Liebling, den göttlichen Tänzer. Wenn er

aus der Luft niederschwebte, so war es weniger ein Fallen als ein

Fliegen, ähnlich wie ein großer Vogel fliegt, der nicht fallen kann, und

wenn er den Boden wieder mit seinen leichten Füßen berührte, so setzte

er auch sogleich wieder zu neuen kühnen Schritten und Sprüngen an, als

sei es ihm unmöglich, je mit Tanzen und Schweben aufzuhören, als wolle,

als solle und als müsse er unaufhörlich weitertanzen. Indem er tanzte,

machte er den schönsten Eindruck, den ein junger Tänzer zu machen

vermag, nämlich den, daß er glücklich sei im Tanze. Er war selig durch

die Ausübung seines Berufes. Hier machte einmal die gewohnte tägliche

Arbeit einen Menschen selig -- aber es war ja nicht Arbeit, oder aber er

bewältigte sie spielend, gleich, als scherze und tändele er mit den

Schwierigkeiten, und so, als küsse er die Hindernisse, derart, daß sie

ihn lieb gewinnen und ihn wieder küssen mußten. Einem heiteren, über und

über in Anmut getauchten Königssohne aus dem goldenen Zeitalter glich

er, und alle Sorgen und Bekümmernisse, alle unschönen Gedanken schwanden

denen dahin, die ihn anschauten. Ihn anschauen hieß ihn gleich auch

schon lieben und verehren und bewundern. Ihn seine Kunst ausüben sehen,

hieß für ihn schwärmen. Wer ihn gesehen hatte, träumte und phantasierte

noch lang nachher von ihm.

Die Sonate

Angenehme Wehmut -- Schmerz, der den Stolz nicht kränkt. Freude über

solcherlei Schmerz. Ein leichter, gefälliger Gram. Selige Erinnerungen.

Die Erinnerungen üppig wie eine blühende Wiese. Leises, wehmutreiches

Andenken. Jetzt eine Schar von Vorwürfen, die er sich selber macht. Nur

die Vorwürfe, die man sich selber macht, sind schöne. Die andern soll

man und will man vergessen. Man hat zuletzt niemandem als nur sich

selbst Vorwürfe zu machen. O, daß doch alle, alle Menschen nur allein

sich selbst und sonst niemandem etwas vorwerfen wollten. Reue? Ja, Reue!

Reue ist süß und tönereich. Die Reue ist ein Weltreich, unendlich und

unermeßlich an Ausdehnung. Aber die Reue ist etwas Zartes. Kaum vernimmt

man sie. Freude über die Reue. Ein edles Herz freut sich über eine edle

Empfindung. Dann will ich auch etwas von Hoffnungslosigkeit dabei haben.

Engel sind ohne Hoffnung, haben Hoffnung nicht nötig. Hofft ein Engel?

Nein. Engel sind über alle, alle Hoffnungen erhaben. Etwas Engelgleiches

soll in der Sonate tönen, die ich im Sinne habe. Doch soll auch Hoffnung

wieder dazwischen klingen, wie wenn jemand ganz, ganz arm und verlassen

ist und dennoch immer, immer wieder hofft, gleichsam wie aus lieber,

alter kindlicher Gewohnheit. Jetzt wieder Freude, und zwar Freude über

jemandes andern Freude. Reine Kindlichkeit, reines glückliches

Mitempfinden. Selig sein im Gedanken, daß jemand anders es ist. Ist

nicht die Musik selber so? Ist nicht die Musik selber selig, darüber,

daß sie Herrlichkeit, Heiterkeit und Seligkeit verbreitet? Dann und so

kommt eine unsagbare perlende Verzagtheit. Stilles, süßes Weinen.

Auflösung in eine göttlich schöne Schwäche. Ein Weinen über sich selber

und über alles, was da ist und je da war. Nicht ein Entsetzen, nicht ein

Grauen. Die Sonate hier verbietet derlei Heftigkeiten. Sanft wie ein

leicht betrübter blauer Himmel will und soll sie tönen. Ihre Farbe ist

das matte Edelweiß der Perle, und ihr Ton ist das Entschuldigen. Es gibt

keine Schuld, weil es zu viel gibt, es gibt keinen Schmerz, weil er zu

groß, zu gewaltig ist für das Verständnis. Weil es zu viel

Enttäuschungen gibt, gibt es keine, soll es mit ein -- einmal keine

geben, keine mehr, keine mehr geben. Ah, dergleichen und ähnliches soll

sich in der Sonate, von welcher ich träume, widerspiegeln, und ein

junges schönes Mädchen, welches sich mit Leichtigkeit einzubilden

vermag, sie sei ein Engel, soll sie spielen. Ein Engel muß die

engelgleiche Sonate spielen, und es muß herniedertönen aus dem Himmel

des Spieles wie himmlischer Trost, wie himmelreichähnliches Behagen,

denn eine reizende Behaglichkeit, eine tiefsinnige Vergnügtheit denke

ich dem Werke einzugeben. Schmerz und Freude sind wie Freund und

Freundin, die sich umhalsen, umarmen und küssen. Lust und Weh sind wie

Bruder und Schwester, die sich geschwisterlich lieben. Das liebliche

sonnige Entzücken ist die Braut, und der Kummer, der sich ihr ins Herz

schleicht, ist der Bräutigam. Genugtuung und Enttäuschung sind

unzertrennlich.

Das Gebirge

Ich mußte mich an die Stille erst gewöhnen, auch an die rauhe Bergluft.

Alles atmete Einsamkeit und Reinheit, alles war Ruhe, Stille und Größe.

Im Anfang meines Aufenthaltes schneite es noch. Es schneite noch

manchmal auf die ausgedehnten Weiden und auf die vielen schönen Tannen

herab, aber nach und nach wurde es wärmer. Auch in die Berge kam der

süße Knabe Frühling und beglückte das Land mit seinem schönen,

glücklichen Lächeln. Die blauen und gelben Blumen sprossen aus der Erde

hervor, und der Felsen bekam ein milderes, weißeres, weicheres Aussehen.

Des Nachts hörte ich in all der wundersamen tiefen Stille nur das

ruhige, leise Plätschern eines Brunnens. Einsam stand im Schwarz der

Nacht als noch schwärzerer Fleck das Wirtshaus da. Ein einzelnes Fenster

etwa war erleuchtet. Ich las viel. Bei schlechtem Wetter saß ich in der

kleinen, heimeligen, reinlichen Stube und beschäftigte mich mit dem

Ordnen und Zerlegen von allerlei Gedanken. Ich war ein rechter

Müßiggänger. Eine alte ruinenhafte Klosterkirche war in der Nähe. Doch

ich schenkte dem Gebäude längst schon keine Aufmerksamkeit mehr. Ich war

in der Gegend kein Fremder mehr. Mich lockte es, immer wieder zu den

Tannen, diesen Königinnen, zu gehen und bewundernd an ihnen

emporzuschauen. Ich staunte immer wieder von neuem über ihre

Zierlichkeit, Pracht und Schönheit, über die Hoheit, deren Abbild sie

sind, und über den Edelsinn, den sie verkörpern. Wohin ich schaute,

überall waren Tannen; in der Ferne und in der Nähe, unten in der

Schlucht und oben aus dem Rücken der Berge. Die Berge wurden immer

grüner und schöner, und es war süß für mich, im hellen warmen

Sonnenschein über ihre weichen, milden und üppigen Weiden zu gehen, auf

denen jetzt die lieben treuen Tiere friedlich und wonnig weideten.

Pferde und Kühe standen oder lagen, zu schönen Gruppen vereinigt, unter

den prächtigen, langästigen Tannen. Die Blumen dufteten, alles war ein

Summen, ein Singen, ein Sinnen und ein Ruhen. Die ganze Bergnatur schien

ein glückliches, liebes, fröhliches Kind zu sein, und ich ging jeden

Tag, am Vor- oder am Nachmittag, zu diesem Kinde hin und schaute ihm in

die glänzend-unschuldigen Augen. Mir war, als werde ich selber dadurch

mit jedem Tag schöner. Muß mich nicht die Betrachtung und der

sorgfältige Genuß von etwas Edlem und Schönem schön und edel machen? Ich

bildete mir solcherlei jedenfalls ein und ging in der Gegend herum wie

ein Träumer und Dichter. Die holde Dichterin Natur dichtete immer

größere und schönere Gedichte; indem ich so stand oder still davonging,

war es mir, als spaziere und lustwandele ich in einem Gedicht, in einem

tiefen, sonnenhellen, grünen und goldenen Traum herum, und ich war

glücklich. Es war kein Geräusch, das nicht anmutig klang, alles war ein

Klingen, ein Tönen, bald ein nahes, bald wieder ein entferntes, ich

konnte nur horchen, es genießen und mit meinem Ohr es trinken. Ein

paarmal machte ich weitere Ausflüge, meistens aber blieb ich in inniger

sanfter Nähe warm daliegen, bezaubert vom blauen Himmel und gebannt von

der himmlisch-schönen, weißen Götterlandschaft, die mich wie mit großen

weichen Götterarmen zu sich zog. Alle Begierden, weiter in die lichte

Ferne zu wandern, starben an dem Entzücken und am Genuß, die die Nähe

mich empfinden ließ mit ihrem beseligenden Tönen. Von allen Weiden

tönten die Glocken, die die Tiere am Halse leise schüttelten beim

sanften Grasen. Tag und Nacht tönte es und duftete es. Ich habe einen

solchen Frieden nie gesehen, und ich werde ihn nie wieder so sehen.

Eines Tages reiste ich ab. O wie oft, wie oft drehte ich mich beim

Weggehen um, damit ich all das Schöne, das ich nun verließ, noch einmal

sähe, die heiteren Berge, die lieben roten Dächer zwischen den edlen

Tannen, den stolzen Felsen, das ganze reizende Gebirge.

Der Traum

Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen

Nacht. Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als

sollte ich stets von neuem geprüft werden, fiel ich hinunter in die

Gewalt der düsteren Einbildungen, in die Macht des fieberartigen

Traumes. Mir träumte, daß ich in eine Art von Anstalt und Institut

hineingekommen sei, in einen Sonderbund, in eine verriegelte,

unnatürliche Absonderung, welche von höchst kalten und höchst

eigentümlichen Verordnungen regiert wurde. Elend war mir zumute, und

eiskalter Schauder rieselte mir durch die entsetzte, angsterfüllte

Seele, die sich vergeblich sehnte, ein Verständnis zu finden. Alles war

mir unverständlich, doch das Grausamste war, daß sie nur über die

Ratlosigkeit und Hilflosigkeit lächelten, in der sie mich sahen. Nach

allen Seiten schaute ich mich mit flehenden Augen um, damit ich ein

freundliches Auge sähe, doch ich sah nur den offenen mitleidlosen Hohn

mich mit seinen Blicken messen. Alle, die da waren, musterten mich auf

so sonderbare Weise, auf so rätselhafte Weise. Meine Angst vor der

ringsum herrschenden Ordnung, deren Wesen mich mit Grauen erfüllte,

wurde von Minute zu Minute größer, und mit ihr vergrößerte sich die

Unfähigkeit, die ich offenbarte, mich in die seltsamen, absonderlichen

Verhältnisse zu schicken. Deutlich erinnere ich mich, wie ich bald zu

diesem, bald zu jenem Beamten in kummervoller, bittender Tonart sagte,

daß ich »alles das«, so drückte ich mich in der höchsten Herzbeklemmung

aus, ja ganz und gar nicht verstehe, und daß man mich doch lieber hinaus

in die Welt ziehen lassen wolle, damit ich meinen Mut und meinen

angeborenen Geist wiederfände. Doch statt mir zu antworten, zuckten sie

nur die Achseln, liefen hin und her, zeigten sich sehr in Anspruch

genommen, gaben mir zu verstehen, daß sie keine Zeit hätten, sich näher

mit mir und mit meinem Unglück zu beschäftigen, und ließen mich in all

der unaussprechlichen, fürchterlichen Bestürzung stehen. Augenscheinlich

paßte, paßte ich gar nicht zu ihnen. Warum denn nun war ich zu ihnen

hineingekommen in diese enge und kalte Umgrenzung? Durch viele Zimmer

und Nebenzimmer tastete ich mich; ich schwankte hin und her wie ein

Verlorener. Mir war, als sei ich im Begriff, in dem Meer der Befremdung

zu ertrinken. Freundschaft, Liebe und Wärme waren verwandelt in Haß,

Verrat und Tücke, und das Mitempfinden schien gestorben seit tausend

Jahren oder schien in unendliche Entfernungen gestoßen. Eine Klage wagte

ich nicht zu äußern. Ich hatte zu keinem, zu keinem dieser

unverständlichen Menschen ein Vertrauen. Jeder hatte seine strenge,

enge, stumpfe, wohlabgemessene Beschäftigung, und darüber hinaus stierte

er wie in eine grenzenlose Leere. Ohne Erbarmen mit sich selber kannten

sie auch kein Erbarmen mit einem andern. Tot, wie sie waren, setzten sie

nur Tote voraus. Endlich erwachte ich aus all dem Hoffnungslosen. O wie

freute ich mich, daß es nur ein Traum war.

Der Jagdhund

Auf meinen kleinen, ich muß und darf sagen, winzig kleinen Wanderungen

sehe ich allerlei Hunde, und ich habe die drolligen vierfüßigen Burschen

schon ordentlich liebgewonnen. Da ist vornehmlich der Karrenhund, den

die Metzger und Milchhändler an ihre Handwagen spannen. Er ist ein

prächtiger, pflichtbewußter Kerl, und ich achte ihn ganz

außerordentlich. Längst schon hatte ich immer im Sinn, einmal ein Wort

über ihn zu sagen. Er verdient Anerkennung in jeder Hinsicht, und wer

sich die Mühe nimmt, ihn aufmerksam zu beobachten, wie er so ganz und

gar der Eifer und die Treue selber ist, wie er seinen Zweck und seine

Bestimmung so schön versteht und aufgeht in der Aufgabe, die er zu

erledigen hat, der wird nicht anders können als ihn loben. Freudig, ja

oft sogar feurig und stürmisch zieht er den Wagen vorwärts, und wenn er

so recht arbeiten, ziehen und seine Kraft anstrengen kann, läßt er ein

kräftiges, fröhliches Gebell vernehmen, daß man deutlich hört und sieht,

wie ihm der Dienst Vergnügen macht. Heute früh auf meinem Rundgang sah

ich einen Hund sich mit wahrer Wonne im frischen Schnee hin- und

herwälzen, was einen Anblick gewährte, der sich meinem Kopfe einprägte.

Reizend spielen oft große starke Hunde mit ganz kleinen Kindern, und

überaus sehenswert ist es, wie der kraftvolle Kerl sich da dem zarten

Kinde so hübsch, so gefällig anpaßt und auf die kleinste und feinste

Bewegung sorgfältig acht gibt, die das Kind beliebt auszuführen. An

Aufmerksamkeit ist der Hund ein König, und sein treues ehrliches

Verständnis leuchtet ihm überraschend schön aus den Augen. In unserer

Stadt gibt es viele Hunde, und daß sie gut gehalten und gut behandelt

werden, sieht man ihnen an. Beinahe schrecklich in ihrem wütenden Eifer

sind Jagdhunde. Ich saß einmal vergangenen Sommer im stillen tiefgrünen

Wald auf einem Stein. Ringsum wundersames, zartes, dichterisches

Schweigen. Mit einmal rast die klägliche, jämmerliche Jagd daher. Ein

armer Hase springt durch die Waldesstille, und hinter ihm her, mit

zornigem Geheul, welches die Stille jäh unterbricht, rennt der Hund mit

ungestümen Sätzen, der glühende, eingefleischte Verfolger, entsetzlich

hingegeben seiner grausamen Aufgabe. Er kriegte aber den Hasen nicht,

denn später sprang er wieder an mir vorbei, jetzt, so, wie wenn er

verwundet worden wäre, Jammerlaute ausstoßend. Er hatte sein Ziel nicht

erreicht, das leidenschaftlich ins Auge gefaßte Ziel, und gab sich jetzt

dem Schmerze hin. Er war ganz Trauer, ganz tödliche Enttäuschung.

Der Vater

Wenn ich durch das feine, elegante, französische Neuquartier spaziere,

dessen Häuser einen zierlichen Geschmack verraten, gelange ich, dicht

neben der Hauptpost vorbei, und manch ein altes, edles, gartenumsäumtes

Herrenhaus streifend, welches in seinem Parke liegt, wie das stille,

köstliche Kleinod in seiner Umfassung, langsam in die trauliche,

träumerische Altstadt, die mich jedesmal, wenn ich sie sehe, wie ein

reizendes und höchst nachdenkliches Denkmal aus der Vergangenheit

anmutet. Still und spitz und tiefsinnig, freundlich lächelnden

Greiseserscheinungen ähnlich, ragen dort die alten Türme in die Luft

empor, und wenn ich, den ehemaligen Festungsgraben entlang, noch ein

paar Schritte weitergehe, so stehe ich vor einem seltsamen, niedrigen,

großdachigen Haus, zu welchem, wie ich sehe, ein kleiner, hübscher,

tiefgelegener Garten gehört. In dem Hause wohnen eine alte Frau und zwei

alte Männer, und einer der beiden behaglichen Alten ist mein Vater, den

ich von Zeit zu Zeit, etwa nach dem Abendessen, besuche, um mit ihm zu

plaudern, der gerne ein Gespräch über die Stadt und ihre Bewohner führt.

Hier also, inmitten alter, phantastisch hoher Dächer und wunderbarer

Türme, im Bereiche dessen, was die Zeiten hartnäckig und standhaft

überdauert hat, wohnt er, der alte Mann mit seinen schneeweißen Haaren,

der noch jeden Morgen beizeiten aufsteht und seine kleinen idyllischen

Geschäfte immer noch besorgt mit fast jugendlichem Eifer. Alte Leute und

altertümliche Wohnungen passen vortrefflich zusammen, und es stimmt mich

fröhlich, zu wissen, daß er so gut haust und wohnt, der alte Mann, der

mir so nahe steht, dem ich so nahe stehe. Alles ist dort alt, die Gärten

und ihre hohen prächtigen Tannen, das steinerne Gewölbe und der liebe

stolze Berg mit seinem harten treuen Felsen. Gegenwärtig liegt Schnee

auf den Dächern, Türmen und Tannen, und auch in meines alten Vaters

Garten liegt er, wo im süßen, warmen, goldenen Sommer die heiße Sonne

ihre Gewalt entfaltete und die sanften Flammen, die Rosen, blühten.

Gerade sehr viel gehe ich nicht zum alten Manne. Es soll meinem Gefühl

nach eine zarte Scheu sein zwischen Sohn und Vater, und dann habe ich am

ersten Tage schon gemerkt, daß er der erklärte treue Freund gewisser

strikter wunderlicher Gewohnheiten ist, und in seinen lieben, guten,

eingesessenen Gewohnheiten mag, soll und will ich ihn nicht stören. Süße

zarte Rosen im kleinen grünen Garten und schneeiges Weiß auf dem alten

Kopfe. Welt, wie bist du wunderbar, wie bist du so leicht und doch so

schwer verständlich. Ewiges reizendes Geheimnis! Fast noch lieber als zu

ihm hineinzutreten und ihn zu sehen ist mir das bloße Draußenstehenbleiben

vor seinem schönen bescheidenen Haus und dann so das Denkendürfen,

daß er nun ruhig und behaglich drinnen sei, in der kleinen

Küche beim stillen friedlichen Abendbrot oder im lieblichen,

länglichen Wohn- und Schreibzimmer, seine Zeitung lesend. Das tut mir

wohl bis hinein in die Seele. Einmal stand ich auch so da und schaute zu

des Vaters rötlichem Fenster hinaus, sehend und wissend, daß er

wohlaufgehoben sei. Da war gerade der Mond am Himmel, und wundervoll

war's, wie er so mild, zart und freundlich, sanft und groß und gut auf

die schlafende dunkle Welt hinabblickte.

Der Träumer

Es lag einer im Grase auf einem kleinen Abhang am Waldesrande. Vor ihm

lag eine gemähte Wiese und hinter ihm standen ernste alte Tannen wie

treue Schützer und Wächter. Vormittag war's, und eine freundliche milde

Sonne schaute aus weißlichem Gewölk warm auf den Faulpelz herab, der die

trägen Glieder so lang als er konnte auf dem weichen Boden ausstreckte.

Über seine Beine, seinen Rücken und sein Gesicht krochen Ameisen, und

Mücken tanzten um ihn herum. Das plagte und ärgerte ihn aber nicht im

geringsten. Er lag da, als beabsichtige er, den ganzen lieben langen Tag

zu verfaulenzen, und in der Tat, er trug derlei Absichten. Die Welt sah

so leicht aus, so bläulich, so sorgenlos. Höchstens glich ein feiner

Dunst am Himmel einer Art von Kummer, aber der Kummer selber machte sich

nicht gar viel Gedanken. Eine Beigabe von Ernst macht die Fröhlichkeit

nur fröhlicher, und ein leiser Schmerz versüßt und verfeinert die

Freude, macht sie nur noch freudiger. Unserem Burschen und Tagedieb zu

Häupten hingen ein paar Tannenzapfen und ärmelartige Tannenzweige, und

noch weiter oben, nämlich am Himmel, schwebten weiße heiße Wolken. Er

träumte, der hier lag. Gab es keine Pflichten für den Lümmel? Ei was,

Pflichten! Braucht doch nicht jeder Mensch Pflichten zu haben. Ein Bach,

der zu des Träumers Füßen sich durch das Gras schlängelte, gab artige

glucksende Melodien zum besten. Einmal schaute ein Fuchs aus dem

gegenüberliegenden Waldrand heraus und floh, als der Mensch im Gras sich

regte, in weiten Sätzen hinweg. Das ging so, bis es Nachmittag und Abend

wurde, wo das Abendrot sich zeigte und die Singvögel anfingen wunderbar

wehmütig und süß zu singen. Der Bursche lauschte. Es wollte ihn ein

Bangen besuchen. Ein Weh wollte ihn beschleichen. Aber er war auf den

Besuch gefaßt, und da tat er, als merke er nichts davon. Der Abend mit

seinen Tönen und Farben und Düften sank einer Frau in die Arme. Die Frau

war die Nacht, und diese herrschte nun. Der Bursche blieb aber ganz

ruhig liegen. Das Gras war weich. Es kam ihm wie ein Bett vor, eben

recht zum Schlafen. Alles war finster geworden, und kein Sterbenslaut

regte sich mehr. Stille, Stille. Nichts war mehr zu unterscheiden. O, da

schlief der Waldmensch ein, und ungestörter hat nie ein junger oder

alter Mensch geschlafen. Schlief fleißig die ganze Nacht durch, und als

er erwachte, war es schöner, heller, gütiger, milder Morgen.

Der Pole

Kleine Dichtungen · 第 6 / 12 段