und Sterne. Das rosige Licht des Tages und das bleiche Licht der Nacht.
Die Stunden und die Minuten; die Wochen und das ganze liebe Jahr.
Vielmals schaute ich zum Mond empor wie zum heimlichen Freund meiner
Seele. Die Sterne waren meine lieben Kameraden. Wenn in die blasse kalte
Nebelwelt hinab die Sonne goldig schien, wie freute ich mich da. Die
Natur war mein Garten, meine Leidenschaft, meine Liebste. Alles, was ich
sah, war mein eigen, der Wald und das Feld, die Bäume und die Wege. Wenn
ich in den Himmel sah, glich ich einem Prinzen. Aber das Schönste war
der Abend. Abende waren mir Märchen und die Nacht mit ihrer himmlischen
Finsternis war für mich ein Zauberschloß voll von süßen und
undurchdringlichen Geheimnissen. Oft durchdrang die Nacht der
seelenvolle Ton einer Handharfe, von irgendeinem armen Manne gespielt.
Da konnte ich lauschen, lauschen. Da war alles gut, gerecht und schön,
und die Welt war voll unaussprechlicher Herrlichkeit und Heiterkeit.
Aber ich war auch ohne Musik heiter. Ich fühlte mich umgarnt von den
Stunden. Ich redete mit ihnen, wie mit liebevollen Wesen und bildete mir
ein, daß auch sie mit mir sprächen, ich schaute sie an, wie wenn sie ein
Gesicht gehabt hätten, und hatte das Gefühl, als ob auch sie mich still
betrachteten, wie mit einer seltsamen Art von freundlichen Augen. Oft
kam ich mir wie im Meer ertrunken vor, so still und geräuschlos und
lautlos lebte ich dahin. Ich pflegte einen vertraulichen Umgang mit
allem, was kein Mensch merkt. Daran, an was zu denken kein Mensch sich
Mühe gibt, dachte ich tagelang. Doch war es ein süßes Denken, und nur
selten besuchte mich die Trauer. Mitunter sprang es wie ein unsichtbarer
übermütiger Tänzer zu mir in die abgelegene Stube hinein und reizte mich
zu einem Lachen. Ich tat niemand weh, und auch mir tat niemand weh. Ich
war so hübsch, so schön beiseit.
Das Liebespaar
Sie und er gingen zusammen spazieren. Allerlei reizende Gedanken kamen
ihnen in den Kopf, doch jedes behielt hübsch für sich, was es dachte.
Der Tag war schön, wie ein Kind, das in der Wiege oder im Arm seiner
Mutter liegt und lächelt. Die Welt war zusammengesetzt aus lauter
Hellgrün und Hellblau und Hellgelb. Grün waren die Wiesen, blau war der
Himmel, und gelb war das Kornfeld. Blau war wieder der Fluß, der sich in
der Ferne, zu des wohligen Hügels Füßen, durch die lichte, süße, warme
Gegend schlängelte, welche, wie wir bereits angedeutet haben, einem
Kinderlächeln an Schönheit und Lieblichkeit glich. Die beiden, die durch
die Landschaft gingen, schwiegen. Er hatte ihr etwas zu sagen, und sie,
sie fühlte es. Sie ging neben ihm her in der Erwartung dessen, was er
ihr sagen sollte. Längst schon hatte er ihr sagen wollen, was er jetzt
willens war zu sagen, und längst schon hatte sie gehofft, er werde ihr
endlich einmal sagen, was ihm, wie sie sah, auf den Lippen schwebte.
Eine Liebeserklärung, eine stotternde, lag ihm auf den Lippen, und sie
sah das. Seine Augen und der Ton seiner Stimme hatten ihr längst
gestanden, daß er sie liebe. Sie fühlte, daß sie reizend sei für ihn,
und indem sie dies fühlte, umstrickte sie ihn immer noch mehr mit ihren
Reizen, ohne es fast zu wollen. Gibst du einem Mädchen zu verstehen, daß
sie schön sei, so ist sie dadurch um so viel schöner, als du Verständnis
zeigst. Nie ist eine Frau so reizend als dann, wenn sie sieht, daß sie
reizt. Also wurde denn die, die hier ging, nur immer reizender, je
weniger sie mehr zu fürchten brauchte, es gebreche ihr an der Kunst und
an der Kraft, ihn, der dicht neben ihr herging, zu fesseln. Sie
betrachtete ihn im geheimen bereits als ihren Gefangenen, und sie
fühlte, daß sie für ihn der Zaubergarten sei voll von verführerischen
Düften, daß sie für ihn das Netz sei, in dessen Wunderfäden er sich
verstrickt hatte. Sie war sein Meer, in dessen Fluten er ertrunken war
-- sie war das Gesetz, dem er gehorchte. Er legte jetzt, statt irgend
etwas zu sagen, seinen Arm um ihren schlanken Leib, und damit war
bereits alles getan, um die beiden in gleich hohem Maß oder Unmaß zu
beglücken. Damit war alles gesagt, was er ihr schon so lange hatte sagen
wollen und hatte sagen sollen, und alles gestanden, was er Süßes um
ihretwillen fühlte. Sie kamen nun in einen kleinen, aber wunderbaren
Wald hinein, der ihnen wie ein Liebesort erschien. Es war so still, so
grün, so dunkel im Wald wie in einer uralten Kirche. Der Waldboden glich
einem grünen Teppich, einem grünen Bett. Kein Fürstensaal in alter und
neuer Welt war je so schön wie dieser liebe grüne Wald, der sie wie mit
weichen Märchenarmen umfing. Hier nun fing ein sanftes, überinniges und
über-übersüßes Küssen an, als schnäbelten und liebkosten sich zwei
Waldvögelchen in der Weltabgeschiedenheit, verloren und verborgen in
Verborgenheiten und Verlorenheiten. Bisher Stümper in der Liebe, war er
mit einmal ein Meister geworden. Er erdrückte und erstickte sein Mädchen
nicht mit Küssen; er setzte nur Lippe an Lippe und beharrte so in einem
langen, langen, himmlischen Brennen, die Hand ganz zart an ihr Haar
gedrückt. Es war nichts mehr da als der Wald und der Kuß, als die Stämme
im Wald und die beiden glücklichen Menschen, als die ununterbrochene
Stille und der ununterbrochene süße, herrliche Kuß.
Der Mond
Gestern war eine wunderbar schöne Mondnacht, so leise, so mild, so
still, als sei die ganze Welt in ein dunkeles süßes Entzücken gesunken.
Ich ging durch die Gassen und Gäßchen. Viele Menschen waren auf den
Beinen, als habe der Mondeszauber die Leute aus den Häusern ins Freie
hinausgezogen. Die Straßen ganz glatt und weich und hell im Mondlicht
und alles so still und so freundlich. Eine verhaltene Freude strahlte
durch alle Straßen, überdies war gerade in dieser schönen Nacht
Weihnachtsmarkt und darum viel Leben in der Stadt. Ich ging durch ein
enges Gartengäßchen, das sich den Berg entlang schmiegt. Dort war der
Zauber überwältigend. Es war wie ein Märchen, der felsige Boden klang
unter den Tritten und Schritten. Langsam ging ich weiter. Bei jedem
Schritt, den ich tat, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zum
göttlich schönen sanften Mond hinauf und zu den Tannen und uralten
Stadttürmen. -- Zwischen den aufwärts gebogenen, ärmelartigen
Tannenästen zitterten und schimmerten die Sterne, Liebesblicken ähnlich,
hindurch. Bald war ich oben am Berge, der sich über der traulichen Stadt
erhebt wie ein alter Riese. Eine in den weißen Felsen gehauene Treppe
führte mich hinauf, und oben angekommen, schaute ich hinunter in die
weiche, schleierhafte, milde Tiefe, die einer Traumerscheinung glich.
Ich ging noch weiter hinauf, durch den Wald, der ganz weiß war. Alles
war weiß vom Mond, so bleich, so süß. Ich dachte an Vater und Mutter,
und ein unnennbar zartes, weiblich-banges, zaghaftes Empfinden beschlich
mich. Ich wünschte, daß ich ewig so in der Mondnacht stehen und alten
lieben Gedanken mich überlassen könne, ewig so bleiben und in die
Vergangenheit zurückdenken könne. Der dunkelhelle Himmel mit seinen
weißlich-wolligen Wolken erschien mir wie eine schöne, liebe, üppige
Wiese. Der Mond glich dem träumerischen Schäfer, das weiche Gewölk den
Schäfchen, und die Sterne, die ab und zu daraus hervorblinzelten, waren
wie die Blumen. Aus der Stadt herauf drang Musik und Stimmenlärm.
Unsagbar feierlich war mir zumute. Es kam mir vor, als sei die ganze
weitausgedehnte stille Nacht ein körperartiges Wesen, und der Mond sei
seine Seele. Lange blieb ich noch stehen.
Ein Nachmittag
Ich ging den sonnigen Hang des langgestreckten, hohen Berges entlang auf
einem hübschen Weg unter niederhängenden Tannenzweigen, an vereinzelten
Bauernhöfen vorbei, bis ich zu einem Schlößchen kam, in welchem ehedem
ein adliger Sonderling wohnte. Oftmals schaute ich zu den hohen weißen
Felsen hinauf. Der Tag war so mild, es war Ende Dezember. Eine feine,
sozusagen sorgsame, zarte Kälte vereinigte sich mit der nachmittäglichen
Sonnenwärme. In der Luft lag es wie etwas Süßes, die ganze waldige
Gegend schien wie aus sich selber heraus schön und wie für sich selber
still-glücklich. Ich kam in das weite, breite, imposante und behagliche
Dorf. Die Häuser sahen aus, wie wenn sie stolz auf sich seien, so alt
und so schön waren sie. Frauen und spielende Kinder begegneten mir. Da
in dem Dorf die Uhrmacherkunst heimisch ist, so traf ich auch einen
Uhrmacher an. Ich stieg zu der alten, zierlich-ehrwürdigen Kirche
hinauf, die auf dicht mit dunkelgrünem Buchs besetzter kühner Anhöhe,
hart über dem Dorfe steht. Sinnend schaute ich mir die alten Gräber mit
ihren Inschriften an. Die Kirchuhr zeigte halb fünf, es fing an, Abend
zu werden. Da beeilte ich mich, den Berg hinaufzusteigen. Oben auf der
winterlichen Bergweide lag Schnee, der wunderbar glänzte, die
Schneefläche so silbern, und unten in der Tiefe so abendsonnig-dunkel
das weite, graugrüne Land, und in der Ferne das göttlich-schöne, kühne,
zarte Hochgebirge. Es war mir, als wolle meine Seele in die Seele der
Landschaft, die ich da so groß vor mir sah, hineintauchen. Ein Abendrot,
wie ich es so schön und so reich noch nie glaubte gesehen zu haben, kam
nun noch über die Welt und machte sie zur bezaubernden Rätselerscheinung.
Die Welt war ein Gedicht, und der Abend war ein Traum. Der
kalte, glänzendweiße Silberschnee und das glühende Rot befreundeten
sich miteinander, es war, als liebe der Abendhimmel den
bleichen Freund, den Schnee, und sinke in ein süßes, phantastisches und
überglückliches Erröten darüber. Schnee und Abendrot schienen sich
getraut zu haben, und es war, als küßten und liebkosten sie einander.
Herrlich standen auf der Winterweide die großen, kahlen Buchen, einst so
grün, so grün im vergangenen heißen Sommer. Ich kam ins Dorf, alles war
verschneit, es war schon dunkel geworden, eine Bauernfrau stand in der
Dorfstraße. Ich ging ins einsame Tal hinunter, es kam eine Kirche und
ein zweites Dorf. Es war Nacht, und ein prächtiger, wundersamer
Sternenhimmel schimmerte auf die dunkle, liebe, stille Welt herab.
Die kleine Schneelandschaft
Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfrühe ging ich
hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft.
Niedlich, wie ein artiges Kätzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt
das reiche, liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die
Schönheit einer Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere
Weiß ist so leicht verständlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes
liegt jetzt über der Erde, und eine süße, reizvolle Unschuld liegt
weißlich und grünlich ausgebreitet da. Ich freute mich über meine
Aufgabe, über das Amt, über die angenehme Pflicht, die mir vorschrieb,
sorgfältig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen zu nehmen.
Wunderbare Feinheit und Schönheit lag darin, daß das Gras so artig und
mit so zarten Spitzen aus der Schneefläche herausschaute. Ich ging
wieder zu meinem alten unverwüstlichen, gütigen Zauberer, zum Wald, und
zum Wald wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in
seiner Kinderfarbe. Die Bäumchen und Bäume schienen einen graziösen Tanz
auf dem weißen Felde aufzuführen, und die Häuser hatten weiße Mützen,
Kappen, Kopfbedeckungen oder Dächer. Es sah so appetitlich, so lockig,
so lustig und so lieb aus, ganz wie das zarte, süße Kunstwerk eines
geschickten Zuckerbäckers. Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem
Fenster, und ein anmutig Haus stand in einiger Entfernung, das hatte
Fenster wie Augen, welche fröhlich und listig blinzelten. Das Haus war
wie ein Gesicht, und die fünf grünen Fenster waren wie seine Augen. Geh
doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische Landbild da, mit
Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu träge sein und
sich vor ein paar hundert Schritten nicht fürchten, zeitig aus dem
Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig
hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbedürftige
Herz kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich
wie mit einem schönen freundschaftlichen Munde anlächelt. Lächle auch du
sie an und grüße sie von mir.
Das Mädchen
Vor einigen Tagen machte ich in einer anrüchigen Kneipe die
Bekanntschaft eines kühnen Professors der schönen Künste, der mich
huldvoll einlud, ihn in seiner Schaffenswerkstätte zu besuchen, um die
fertigen und werdenden Kunstwerke zu besichtigen. Doch was will das
bedeuten im Vergleich mit dem Schulkind, das ich vor noch nicht ganz
einer Stunde sah, als ich vom leisen, milden sauberen Morgenspaziergang
behaglich heimkehrte. Die süße Kleine, sie führte an ihrer Hand, gleich
einer überzarten und überjungen Mutter, eine noch Kleinere, die wohl ihr
Schwesterchen war. Göttlich mutete mich das lebendige, unschuldige,
liebe Menschenbildnis an, und ich wünschte allsogleich, daß ich doch ein
tapferer und meisterlicher Maler sei, damit ich das reizende Mädchen
abmalen könnte, frisch und wonnig nach der Natur. Still und unauffällig,
damit ihr meine Bewunderung und meine Rührung verborgen bleibe, und
damit sie ja nichts merke von dem Entzücken, in welches ihre Erscheinung
mich versetzte, ging ich hinter ihr her. Sie glich dem Wunder, das darum
so wunderbar ist, weil es sich selbst noch nie gelernt hat,
hochzuschätzen, und weil es lächelt in aller gütigen und kindlichen
Bescheidenheit. Zwei längliche zarte Zöpfchen hingen der Holden über
Nacken und Rücken, und an jeden lieben, lustigen Zopf war ein blaues
Band zierlich gebunden. Himmlisch weich ging sie dahin, und einmal
drehte sie das Köpfchen um, und da war es mir, als trete die Sonne aus
dem grauen kalten Gewölk hervor, um die Erde mit ihren süßen Strahlen zu
beglücken, so freundlich war das runde liebe Gesicht der kleinen
Schönen. -- Ihr Gang war wie eine herzumstrickende, jugendlich-fröhliche
Melodie. Mozartische Melodien können nicht schöner und frischer tönen.
Das Allersüßeste und -lieblichste war, wie von ihren Kinderhöschen der
schneeweiße Rand ein ganz klein wenig zum Vorschein trat. O, solch ein
Kind macht dich, wenn du es siehst, zum edleren, willigeren,
freundlicheren und besseren Menschen; du lernst wieder Gott für das
segenüberschüttete, bilderreiche Dasein danken; du bist wieder so recht
aus dem entzückten Herzen froh, darüber, daß du Mensch bist unter
Menschen. Eine Straßenecke kam, da bog ich links ab, um nach Hause zu
gehen.
Das Eisenbahn-Abenteuer
Einmal machte ich eine Eisenbahnfahrt, wobei ich ganz allein in einem
Wagenabteil saß wie der gedankenreiche Eremit in seiner schweigsamen,
weltabgelegenen Klause. Auf irgendeiner Station hielt der Zug an, die
Türe wurde mit beamtenhafter Schroffheit aufgerissen, und zu mir hinein
in das sonderbare, auf Rädern gestellte Zimmer stieg eine Frau. Es war
mir nicht anders, als wenn der Sonnenschein ins nächtlich-schwärzliche
Kupee einstiege, so hell mutete mich die liebe frauliche Erscheinung an,
die wie auf Besuch zu mir kam. Freundlich sagte sie guten Abend. Wer als
ich war glücklicher darüber? Der Zug setzte sich alsbald wieder in
Bewegung, und hinaus in die Nacht und ins unbekannte Land wurde die
Kammer getragen, in welcher nun zwei Personen saßen, die sich
gegenseitig freundlich anschauten. Ein Lächeln ergab ein Wort und indes
die Räder fleißig fort und fortrasselten, hatte ich wie ein Schelm und
Dieb die passende Gelegenheit wahrgenommen, saß schon an ihrer Seite und
legte den Arm um ihre reizende Figur. Emsig arbeiteten die Räder, und
Gegenden, die ich nicht kannte, flogen draußen in der stillen
Mitternacht an uns beiden glücklichen Leuten vorüber. Emsig arbeitete
ich mit meinen Lippen auf den ihrigen, die köstlich waren, wie Lippen
eines Kindes. Ein Kuß lockte den andern hervor, ein Kuß folgte auf den
andern. Ich ließ mir bei dem süßen Geschäft so recht Zeit, und da wurde
ich zum Künstler im Küssen, zum Künstler in der Liebkosung. O wie die
Liebe, die Süße lächelte mit dem schönen Mund und mit den schönen
dunklen Augen, welche, indem sie in die meinigen schauten, mich küßten.
Paradieseslüsternheit lag auf ihren Lippen, und Paradieseslust glänzte
ihr aus den Augen. Ich unterdessen hatte es so recht schön gelernt, wie
man es anstellen muß, um dem Kuß den höchsten Reiz abzugewinnen und ihm
die tiefste Wonne mitzugeben. Unter unserem lusterfüllten Liebesgemach
rasselten immerfort die Räder, und der Zug sauste durch die Länder, und
wir zwei hielten uns umschlungen wie die Seligen in den überirdischen
Gefilden, Wange an Wange gedrückt und Körper an Körper, als seien wir
vorher zwei verschiedene Gedanken gewesen, doch jetzt nur noch ein
einziger. Wie beglückte es mich, daß sich das süße Geschöpf durch das,
was ich tat, glücklich fühlte. Ihren wonnigen Liebesdurst zu stillen
machte mich zum Glücklichsten der Sterblichen, machte mich zum Gott.
Doch jetzt blieb der Eisenbahnzug wieder stehen, die reizendste der
Frauen stieg aus, während ich weiterfahren mußte.
Die Stadt
Es war an einem sonnigen Wintertag, als der Reisende mit der Eisenbahn
in der Stadt anlangte. Eine einzige zusammenhängende Freundlichkeit war
die ganze Welt. Die Häuser waren so hell, und der Himmel war so blau.
Zwar war das Essen im Bahnhofsrestaurant herzlich schlecht mit hartem
Schafsbraten und lieblosem Gemüse. Aber das Herz des Reisenden war mit
einer eigentümlichen Freude erfüllt. Er konnte es sich selber nicht
erklären. Die Bahnhofshalle war so groß, so licht, der arme alte
Dienstmann, der ihm den Koffer trug, war so dienstfertig mit seinen
alten Gliedmaßen und so artig mit seinem alten zerriebenen Gesicht.
Alles war schön, alles, alles. Selbst das Geldwechseln am Schalter des
Wechselbureaus hatte einen eigenen undefinierbaren Zauber. Der Reisende
mußte nur immer über alle die wehmütig-warmen Erscheinungen lächeln, und
weil er alles, was er sah, schön fand, fühlte er sich auch wieder von
allem angelächelt. Er hatte sein Mittagessen verzehrt, seinen schwarzen
Kaffee mit Kirschwasser ausgetrunken und ging jetzt mit eleganten,
leichten, scherzenden Schritten, so recht reisendenmäßig, in die
wundervolle uralte Stadt hinein, die da blendete im gelblich-hellen
Mittagssonnenlicht. Menschen jeglichen Schlages, Mädchen, Knaben und
erwachsene Leute gingen eilig an dem Gemächlichen und Vergnüglichen
vorüber. Der Reisende konnte sich so recht Zeit nehmen. Die Leute aber
mußten an ihre täglichen Arbeitsplätze eilen, daß es nur so an ihm
vorüberglitt, wie deutliche und doch wieder undeutliche und
unverständliche Geistererscheinungen. Wie kam dem schauenden und
denkenden Fremdling der Anblick des täglichen Lebens so rätselhaft und
fremdartig vor. Da kam er über eine hohe, breite, freie Brücke, unter
welcher ein großer blauer Strom herrlich-tiefsinnig vorüberfloß. Er
stand still, es überwältigte ihn. Zu beiden Seiten des Stromes war die
alte Stadt aufgebaut, graziös und kühn. Leichten, milden Schwunges
ragten die Dächer in die helle heitere Luft. Es glich einer romantischen
Musik, einem unvergänglichen, reizenden Gedicht. Er ging langsamen,
sorgfältigen Schrittes weiter. Mit jedem neuen Schritt ward er
aufmerksam auf eine neue Schönheit. Alles kam ihm wie altbekannt vor,
und doch war ihm alles neu. Alles überraschte ihn, und indem es das tat,
beglückte es ihn. Auf hoher Plattform stand ein uralter wunderbarer Dom,
der mit seinem dunkelroten Stein in der blauen Luft stand wie ein Held
aus undenklich alten Zeiten. In der Sonne, auf den Fensterbänken lagen
wohlig ausgestreckt die Katzen, und alte Mütterchen schauten zu den
Fenstern hinaus, als seien die alten schönen Zeiten wieder lebendig
geworden. O, es war so schön für den Reisenden, daß er in der
gassenreichen, halbdunklen, warmen Stadt so angenehm und leicht
umherspazieren konnte. Burgen und Kirchen und vornehme Patrizierhäuser
wechselten mit dem Marktplatz und mit dem Rathaus ab. Mit einmal stand
der Reisende wieder im Freien, dann stand er wieder in einer stillen,
feinen Vorstadtstraße, gelblich angehaucht vom süßen, lieben
Winterlichte, dann schaute er an einem Wohnhaus hinauf, dann ging er
wieder, dann fragte er einen Knaben nach dem Weg. Zuletzt stand er auf
einer kleinen anmutigen, von einer Mauer eingefaßten, luftigen Anhöhe,
und von hier aus konnte er die ganze Stadt so recht überblicken und aus
dem befriedigten Herzen grüßen.
Das Veilchen
Es war ein dunkler, warmer Märzabend, als ich durch das reizende,
gartenreiche Villenviertel ging. Vielerlei Menschenaugen hatten mich
schon gestreift. Es war mir, als schauten die Augen mich tiefer und
ernster an als sonst, und auch ich schaute den vorübergehenden Menschen
ernster und länger in die Augen. Vielleicht ist es der beginnende
Frühling mit der wohllüstigen warmen Luft, der in die Augen einen
höheren Glanz legt und in die Menschenseelen einen alten und neuen
Zauber. Frauen nehmen sich in der Frühlings- und Vorfrühlingsluft mit
den weichen Brüsten, die sie tragen, und von denen sie gehoben und
getragen werden, wunderbar aus. Die Gartenstraße war schwärzlich, aber
sehr sauber und weich. Es kam mir vor, und ich wollte mir einbilden, ich
gehe auf einem weichen, kostbaren Teppich. Voll Melodien schien die
Atmosphäre. Aus der dunklen geheimnisvollen Gartenerde streckten schon
die ersten Blumen ihre blauen und gelben und roten Köpfchen schüchtern
hervor. Es duftete, und ich wußte nicht recht nach was. Es schwebte ein
stilles, angenehmes Fragen durch die süße, dunkle, weiche Luft. Ich ging
so, und indem ich ging, schmeichelte sich ein zartes unbestimmtes
Glücksgefühl in mein Herz hinein. Mir war zumute, als gehe ich durch
einen herrlichen, lieben und uralten Park, da kam eine schöne, junge,
zarte Frau auf mich zu, violett gekleidet. Anmutig war ihr Gang
und edel ihre Haltung, und wie sie näher kam, schaute sie mich mit
rehartig-braunen Augen seltsam scheu an. Auch ich schaute sie an, und
als sie weiter gegangen war, drehte ich mich nach ihr um, denn ich
konnte der Lust und dem hinreißenden Verlangen, sie noch einmal,
wenn auch nur im Rücken, zu sehen, nicht widerstehen. Wie eine
Phantasieerscheinung glitt die reizende Gestalt mehr und mehr in die
Ferne. Ein Weh durchschnitt mir die Seele. »Warum muß sie davongehen?«
sagte ich mir. Ich schaute ihr nach, bis sie im zunehmenden Abenddunkel
verschwand und wie ein süßer, übersüßer Duft verduftete. Da träumte ich
vor mich hin, es sei mir ein großes, frauenförmiges Veilchen begegnet
mit braunen Augen, und das Veilchen sei nun verschwunden. Die Laternen
indessen waren schon angezündet und strahlten rötlich-gelb in den
blassen Abend. Ich ging in mein Zimmer, zündete die Lampe an, setzte
mich an meinen altertümlichen Schreibtisch und versank in Gedanken.
Die Kapelle