sonst wahrscheinlich von niemandem aufgeschrieben würde. Heutzutage, wo
die Menschheit raffiniert geworden ist, kann es keine besonders kuriose
Sache mehr sein, wenn einer, wie ich, sich hinsetzt und anfängt, an
seiner eigenen Geschichte zu schreiben. Sie ist kurz, meine Geschichte,
denn ich bin noch jung, und sie wird nicht zu Ende geschrieben, denn ich
habe voraussichtlich noch lange zu leben. Das Hervorstechende an mir
ist, daß ich ein ganz, beinahe übertrieben gewöhnlicher Mensch bin. Ich
bin einer der Vielen, und das gerade finde ich so seltsam. Ich finde die
Vielen seltsam, und denke immer: »Was machen, was treiben sie nur alle?«
Ich verschwinde förmlich unter der Masse dieser Vielen. Wenn ich
mittags, wenn es zwölf Uhr schlägt, von der Bank, wo ich beschäftigt
bin, nach Hause eile, so eilen sie alle mit, einer sucht den andern zu
überholen, einer will längere Schritte nehmen als der andere, und doch
denkt man dabei: »Es kommen doch alle nach Hause.« In der Tat kommen sie
alle nach Hause, denn es ist kein ungewöhnlicher Mensch unter ihnen, dem
es arrivieren könnte, daß er den Weg nicht mehr fände nach Hause. Ich
bin mittelgroß von Gestalt und habe deshalb Gelegenheit, mich zu freuen,
darüber, daß ich weder hervorstechend klein, noch herausplatzend groß
bin. Ich habe so das Maß, wie man auf schriftdeutsch sagt. Wenn ich zu
Mittag esse, denke ich immer, ich könnte eigentlich anderswo, wo es
vielleicht fideler zuginge am Eßtisch, ebenso gut, oder noch feiner
essen, und denke dann darüber nach, wo das wohl sein könnte, wo die
lebhaftere Unterhaltung mit dem besseren Essen verbunden wäre. Ich lasse
alle Stadtteile und alle Häuser, die ich kenne, in meiner Erinnerung
vorübergehen, bis ich etwas ausfindig gemacht habe, das etwas für mich
sein könnte. Im allgemeinen halte ich sehr viel auf meine Person, ja,
ich denke eigentlich nur an mich, und bin immer darauf bedacht, es mir
so gut gehen zu lassen, wie nur irgend denkbar. Da ich ein Mensch aus
guter Familie bin, mein Vater ist ein angesehener Kaufmann in der
Provinz, so finde ich leicht an den Dingen, die sich mir nähern wollen,
und denen ich auf den Leib rücken soll, allerlei auszusetzen, zum
Beispiel: es ist mir alles zu wenig fein. Ich habe stets die Empfindung,
daß an mir etwas Kostbares, Empfindsames und Leichtzerbrechliches ist,
das geschont werden muß, und halte die andern für lange nicht so kostbar
und feinfühlig. Wieso das nur kommen mag! Es ist gerade, als wäre man zu
wenig grob geschnitzt für dieses Leben. Es ist jedenfalls ein Hemmnis,
das mich hindert, mich auszuzeichnen, denn wenn ich beispielsweise einen
Auftrag erledigen soll, so besinne ich mich immer erst eine halbe
Stunde, manchmal auch eine ganze! Ich überlege und träume so vor mich
hin: »Soll ich es anpacken, oder soll ich noch zögern, es anzupacken!«,
und unterdessen, ich fühle das, werden schon einige meiner Kollegen
bemerkt haben, daß ich ein träger Mensch bin, während ich doch nur als
zu empfindsam gelten kann. Ach, man wird so falsch beurteilt. Ein
Auftrag erschreckt mich immer, veranlaßt mich, mit meiner flachen Hand
strichweise über den Pultdeckel zu fahren, bis ich entdecke, daß ich
höhnisch beobachtet werde, oder ich tätschle mir mit der Hand die
Wangen, greife mich unter das Kinn, fahre mir über die Augen, reibe die
Nase und streiche die Haare von der Stirne weg, als ob dort meine
Aufgabe läge, und nicht auf dem Bogen Papier, der vor mir, auf dem Pult,
ausgebreitet liegt. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt, und
dennoch glaube ich zuversichtlich, daß ich es mit jedem Beruf so hätte,
so machen würde und verderben würde. Ich genieße, infolge meiner
vermeintlichen Trägheit, wenig Achtung. Man nennt mich einen Träumer und
Schlafpelz. O, die Menschen sind darin talentvoll, einem ungebührliche
Titel anzuhängen. Es ist allerdings wahr: die Arbeit liebe ich nicht
besonders, weil ich mir immer einbilde, sie beschäftige und locke zu
wenig meinen Geist. Das ist auch wieder so ein Punkt. Ich weiß nicht, ob
ich Geist besitze, und ich darf es kaum glauben, denn ich habe bereits
öfters die Überzeugung gewonnen, daß ich mich jedesmal dumm anstelle,
wenn man mir einen verstand- und scharfsinnfordernden Auftrag gibt. Das
macht mich in der Tat stutzig, und veranlaßt mich darüber nachzudenken,
ob ich zu den seltsamen Menschen gehöre, die nur klug sind, wenn sie es
sich einbilden, und aufhören, klug zu sein, sobald sie zeigen sollten,
daß sie es wirklich sind. Es fallen mir eine Menge intelligenter,
schöner, spitzfindiger Sachen ein, aber sobald ich sie in Anwendung
bringen soll, versagen sie mir und verlassen mich, und ich stehe dann da
wie ein ungelehriger Lehrjunge. Deshalb mag ich meine Arbeit nicht gern,
weil sie mir einesteils zu wenig geistvoll ist und mir andersteils
sogleich über den Kopf hinauswächst, sobald sie den Anstrich des
Geistvollen erhält. Wo ich nicht denken soll, da denke ich immer, und wo
ich verpflichtet wäre, es zu tun, kann ich es nicht. Aus diesem
zwiespältigen Grunde verlasse ich auch den Bureausaal immer einige
Minuten vor zwölf und komme immer erst einige Minuten später als die
andern an, was mir schon einen ziemlich schlechten Ruf eingetragen hat.
Aber es ist mir so gleichgültig, so unsäglich gleichgültig, was sie von
mir sagen. Ich weiß zum Beispiel sehr wohl, daß sie mich für einen
Schafskopf ansehen, aber ich fühle, daß wenn sie ein Recht zu dieser
Annahme haben, ich sie daran nicht verhindern kann. Ich sehe auch
wirklich etwas schafsköpfisch aus in meinem Gesicht, Betragen, Gang,
Sprechen und Wesen. Es ist kein Zweifel, daß ich, um ein Beispiel
herauszunehmen, in den Augen einen etwas blödsinnigen Ausdruck habe, der
die Menschen leicht irreführt und ihnen eine geringe Meinung von meinem
Verstand gibt. Mein Wesen hat viel Läppisches und dazu noch Eitles an
sich, meine Stimme klingt sonderbar, so als wüßte ich selber, der
Sprecher, nicht, daß ich rede, wenn ich rede. Etwas Verschlafenes,
Noch-nicht-ganz-Aufgewecktes haftet mir an, und daß es bemerkt wird,
habe ich bereits aufgezeichnet. Mein Haar streiche ich immer ganz glatt
auf dem Kopf, das erhöht vielleicht noch den Eindruck trotziger und
hilfloser Dummheit, den ich mache. Dann stehe ich so da, am Pult, und
kann halbstundenlang in den Saal, oder zum Fenster hinausglotzen. Die
Feder, mit der ich schreiben sollte, halte ich in der untätigen Hand.
Ich stehe und trete von einem Fuß auf den andern, da mir eine größere
Beweglichkeit nicht gestattet ist, sehe meine Kollegen an und begreife
gar nicht, daß ich in ihren Augen, die zu mir hinüberschielen, ein
erbärmlicher, gewissenloser Faulenzer bin, lächle, wenn mich einer
ansieht, und träume, ohne zu sinnen. Wenn ich das könnte: Träumen! Nein,
ich habe keine Vorstellung davon. Nicht die mindeste! Ich denke mir
immer, wenn ich einen Haufen Geld hätte, würde ich nicht mehr arbeiten,
und freue mich wie ein Kind darüber, daß ich dieses denken konnte, wenn
der Gedanke ausgedacht ist. Das Gehalt, das ich bekomme, erscheint mir
zu klein, und ich denke gar nicht daran, mir zu sagen, daß ich nicht
einmal so viel verdiene mit meinen Leistungen, trotzdem ich weiß, daß
ich so gut wie nichts leiste. Seltsam, ich habe gar nicht das Talent,
mich einigermaßen zu schämen. Wenn mich einer, zum Beispiel ein
Vorgesetzter, anschnauzt, so bin ich darüber im höchsten Grade empört,
denn es verletzt mich, angeschnauzt zu werden. Ich ertrage das nicht,
obgleich ich mir sage, daß ich eine Rüge verdient habe. Ich glaube, ich
widersetze mich dem Vorwurf des Vorgesetzten deshalb, damit ich das
Gespräch mit ihm ein wenig in die Länge ziehen kann, vielleicht eine
halbe Stunde, dann ist doch wiederum eine halbe Stunde verstrichen,
während deren Verlauf ich mich wenigstens nicht gelangweilt habe. Wenn
meine Kollegen glauben, ich langweile mich, so haben sie allerdings
recht, denn ich langweile mich zum Entsetzen. Nicht die geringste
Anregung! Mich langweilen, und darüber nachsinnen, wie ich die
Langeweile etwa unterbrechen könnte: darin besteht eigentlich meine
Beschäftigung. Ich vollbringe so wenig, daß ich selber von mir denke:
»Wirklich, du vollbringst nichts!« Oftmals kommt es über mich, daß ich
gähnen muß, ganz unabsichtlich, indem ich meinen Mund aufsperre, gegen
die Höhe der Zimmerdecke, und dann mit der Hand nachfahre, um langsam
die Mundöffnung zu verdecken. Alsdann finde ich es für angebracht, mit
den Fingerspitzen meinen Schnurrbart zu drehen und etwa auf das Pult zu
klopfen, mit der Innenfläche eines meiner Finger, ganz wie in einem
Traum. Manchmal erscheint mir das alles wie ein unverständlicher Traum.
Dann bemitleide ich mich und möchte über mich weinen. Aber, wenn das
Traumartige verfliegt, möchte ich mich, der Länge und Breite nach, auf
den Boden werfen, möchte umstürzen, mir an einer Kante des Pultes recht
weh tun, damit ich den zeitvertreibenden Genuß eines Schmerzes empfinden
könnte. Meine Seele ist nicht ganz schmerzlos über meinen Zustand, denn
ich vernehme manchmal, wenn ich recht das Ohr spitze, darin einen
leisen, klagenden Ton der Anklage, ähnlich der Stimme meiner noch
lebenden Mutter, die mich immer für etwas Rechtes gehalten hat, im
Gegensatz zum Vater, der da viel strengere Grundsätze besitzt, als sie.
Aber meine Seele ist mir ein zu dunkles und wertloses Ding, als daß ich
schätzte, was sie vernehmen läßt. Ich halte nichts von ihrem Ton. Ich
denke mir, daß man nur aus Langeweile auf das Gemurmel der Seele horcht.
Wenn ich im Bureau stehe, werden meine Glieder langsam zu Holz, das man
wünscht, anzünden zu können, damit es verbrenne: Pult und Mensch werden
Eines mit der Zeit. Die Zeit, das gibt mir immer zu denken. Sie vergeht
schnell, doch in all der Schnelligkeit scheint sie sich plötzlich zu
krümmen, scheint zu brechen, und dann ist es, als ob gar keine Zeit mehr
da wäre. Manchmal hört man sie rauschen wie eine Schar auffliegender
Vögel, oder zum Beispiel im Wald: da höre ich immer die Zeit rauschen,
und das tut einem recht wohl, denn dann braucht der Mensch nicht mehr zu
denken. Aber es ist meistens anders: so totenstill! Kann das ein
Menschenleben sein, das man nicht spürt, sich vorwärts, dem Ende
zudrängen! Mein Leben scheint mir bis zu diesem Augenblick ziemlich
inhaltlos gewesen zu sein, und die Gewißheit, daß es inhaltlos bleiben
wird, gibt etwas Endloses, etwas, das einem befiehlt, einzuschlafen und
nur noch das Unumgänglichste zu verrichten. So tue ich es denn auch: ich
tu nur so, als ob ich eifrig schaffe, wenn ich den übelriechenden Atem
meines Chefs hinter mir spüre, der heranschleicht, um mich bei der
Trägheit überraschen zu können. Seine Luft, die er ausströmt, ist sein
Verräter. Der gute Mann verschafft mir immer eine kleine Abwechslung,
deshalb mag ich ihn noch ganz wohl leiden. Aber was veranlaßt mich denn
eigentlich nur, so wenig meine Pflicht und meine Vorschriften zu
respektieren? Ich bin ein kleines, blasses, schüchternes, schwaches,
elegantes, zimperliches Kerlchen voll lebensuntüchtiger Empfindsamkeiten
und würde die Härte des Lebens, wenn es mir einmal schief gehen sollte,
nicht ertragen können. Kann mir der Gedanke, daß man mich aus meiner
Stellung entlassen wird, wenn ich so fortfahre, keine Furcht einjagen?
Wie es scheint, nicht, und wie es wiederum scheint: wohl! Ich fürchte
mich ein bißchen, und fürchte mich wieder ein bißchen nicht. Vielleicht
bin ich zur Furcht zu unintelligent, ja, es scheint mir beinahe, als ob
der kindliche Trotz, den ich anwende, um mir vor meinen Mitmenschen
Genugtuung zu verschaffen, ein Zeichen von Schwachköpfigkeit ist. Aber,
aber: es paßt wundervoll zu meinem Charakter, der mir stets vorschreibt,
mich ein wenig außergewöhnlich zu benehmen, wenn auch zu meinem
Nachteil. So zum Beispiel bringe ich, was auch nicht statthaft ist,
kleine Bücher ins Bureau, wo ich sie ausschneide und lese, ohne
eigentlich Genuß am Lesen zu haben. Aber es sieht wie die feine
Widerspenstigkeit eines gebildeten, mehr, als die andern sein wollenden
Menschen aus. Ich will eben immer mehr sein, und habe einen
Jagdhundeifer nach Auszeichnung. Wenn ich das Buch jetzt lese, und es
tritt ein Kollege zu mir heran mit der Frage, die vielleicht ganz am
Platz ist: »Was lesen Sie da, Helbling?«, so ärgert mich das, weil es in
diesem Fall anständig ist, ein ärgerliches Wesen zu zeigen, das den
zutulichen Fragenden wegtreibt. Ich tue ungemein wichtig, wenn ich lese,
blicke mich nach allen Seiten nach Menschen um, die mir zusehen, wie
klug da einer seinen Geist und Witz ausbilde, schneide mit prachtvoller
Langsamkeit Seite für Seite aus, lese nicht einmal mehr, sondern lasse
es mir genügen, die Haltung eines in eine Lektüre Versunkenen angenommen
zu haben. So bin ich: schwindelköpfig und auf den Effekt berechnet. Ich
bin eitel, aber von einer merkwürdig billigen Zufriedenheit in meiner
Eitelkeit. Meine Kleider sind von plumpem Ansehen, aber ich bin eifrig
im Wechseln von Anzügen, denn es macht mir ein Vergnügen, den Kollegen
zu zeigen, daß ich mehrere Anzüge besitze und daß ich einigen Geschmack
in der Wahl von Farben habe. Grün trage ich gern, weil es mich an den
Wald erinnert, und Gelb trage ich an windigen, luftigen Tagen, weil es
zum Wind und zum Tanzen paßt. Es kann sein, daß ich mich darin irre, ich
zweifle gar nicht daran, denn wie oft ich mich am Tag irre, wird mir
genugsam vorgehalten. Man glaubt schließlich selber, daß man ein
Einfaltspinsel ist. Aber was macht es aus, ob man ein Tropf oder ein
Mann von Achtung ist, da doch der Regen ebensogut auf einen Esel wie auf
eine respektable Erscheinung herabregnet. Und gar die Sonne! Ich bin
glücklich, in der Sonne, wenn es zwölf Uhr geschlagen hat, nach Hause
laufen zu dürfen, und wenn es regnet, spanne ich den üppigen, bauchigen
Regenschirm über mich, damit mein Hut, den ich sehr schätze, nicht naß
wird. Mit meinem Hut gehe ich sehr sanft um, und es scheint mir immer,
wenn ich meinen Hut noch berühren kann, in der zarten Weise, wie ich es
gewohnt bin, so sei ich immer noch ein ganz glücklicher Mensch.
Besondere Freude macht es mir, ihn, wenn es Feierabend geworden ist,
sorgsam auf die Scheitel zu setzen. Das ist mir immer der geliebte
Abschluß eines jeden Tages. Mein Leben besteht ja aus lauter
Kleinigkeiten, das wiederhole ich mir immer wieder, und das kommt mir so
wunderlich vor. Für große Ideale, die die Menschheit betreffen, habe ich
es nie passend gefunden, zu schwärmen, denn ich bin im Grunde mehr
kritisch als schwärmerisch veranlagt, wofür ich mir ein Kompliment
mache. Ich bin so einer, der es als herabsetzend empfindet, wenn er
einem idealen Menschen in langen Haaren, Sandalen an den nackten Beinen,
Schurzfell um die Lenden und Blumen im Haar begegnet. Ich lächle dann
verlegen in solchen Fällen. Laut lachen, was man doch am liebsten
möchte, kann man nicht, auch ist es eigentlich mehr zum
Ärgerlich-werden, als zum Lachen, unter Menschen zu leben, die an einer
glatten Scheitel, wie ich sie trage, keinen Geschmack finden. Ich ärgere
mich eben gerne, deshalb ärgere ich mich, wo sich mir nur immer eine
Gelegenheit bietet. Ich mache öfters hämische Bemerkungen, und habe es
doch sicherlich wenig nötig, meine Bosheit an andern auszulassen, da ich
doch genug weiß, was es heißt, unter der Spottsucht anderer zu leiden.
Aber das ist es ja: ich mache gar keine Beobachtungen, nehme keine
Lehren an und verfahre immer noch so, wie an dem Tage, da ich aus der
Schule entlassen wurde. Viel Schulknabenhaftes klebt an mir und wird
wahrscheinlich mein beständiger Begleiter durchs Leben bleiben. Es soll
solche Menschen geben, die gar keine Spur von Besserungsfähigkeit und
kein Talent besitzen, sich an der anderen Benehmen auszubilden. Nein,
ich bilde mich nicht, denn ich finde es unter meiner Würde, mich dem
Bildungsdrang hinzugeben. Außerdem bin ich schon gebildet genug, um
einen Stock mit einiger Manier in der Hand zu tragen und eine Schleife
um den Hemdkragen binden zu können und den Eßlöffel mit der rechten Hand
anzufassen und zu sagen, auf eine bezügliche Frage: »Danke, ja, es war
sehr hübsch gestern abend!« Was soll die Bildung viel aus mir machen?
Hand auf die Brust: ich glaube, da käme die Bildung ganz und gar an den
Unrichtigen. Ich strebe nach Geld und nach bequemen Würden, das ist mein
Bildungsdrang! Über einen Erdarbeiter komme ich mir furchtbar erhaben
vor, wenn er mich auch, wenn er wollte, mit dem Zeigefinger seiner
linken Hand in ein Erdloch, wo ich mich beschmutzen würde,
hinabschleudern könnte. Kraft und Schönheit an armen Menschen und in
bescheidenem Gewande machen auf mich keinen Eindruck. Ich denke immer,
wenn ich solch einen Menschen sehe, wie gut es unsereiner doch habe mit
der überlegenen Weltstellung, einem solch ausgearbeiteten Tropf
gegenüber, und kein Mitleid beschleicht mein Herz. Wo hätte ich ein
Herz? Ich habe vergessen, daß ich eines habe. Gewiß ist das traurig,
aber wo fände ich es für angebracht, Trauer zu empfinden. Trauer
empfindet man nur, wenn man einen Geldverlust aufzuweisen hat, oder wenn
einem der neue Hut nicht recht passen will, oder wenn plötzlich die
Werte auf der Börse sinken, und dann muß man sich noch fragen, ob das
Trauer ist oder nicht, und es ist bei näherem Zusehen keine, sondern nur
ein angeflogenes Bedauern, das verfliegt wie der Wind. Es ist, nein, wie
kann ich mich da ausdrücken: es ist wunderbar seltsam, so keine Gefühle
zu haben, so gar nicht zu wissen, was ein Empfinden ist. Gefühle, die
die eigene Person betreffen, hat jeder, und das sind im Grunde
verwerfliche, der Gesamtheit gegenüber anmaßliche Gefühle. Aber Gefühle
für einen jeden? Wohl hat man bisweilen Lust, sich darüber zu befragen,
spürt etwas wie eine leise Sehnsucht danach, ein guter, bereitwilliger
Mensch zu werden, aber, wann käme man dazu? Etwa um sieben Uhr des
Morgens, oder sonst wann? Schon am Freitag und dann während des darauf
folgenden ganzen Samstages besinne ich mich darauf, was ich am Sonntage
unternehmen könnte, weil doch immer am Sonntag etwas unternommen werden
muß. Allein gehe ich selten. Gewöhnlich schließe ich mich einer
Gesellschaft von jungen Leuten an, wie sich eben einer anschließt, es
geht ganz einfach, man geht einfach mit, obschon man weiß, daß man ein
ziemlich langweiliger Geselle ist. Ich fahre zum Beispiel mit einem
Dampfboot über den See, oder gehe zu Fuß in den Wald, oder fahre mit der
Eisenbahn an entferntere schöne Orte. Oft begleite ich junge Mädchen zum
Tanz, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich die Mädchen gerne
leiden mögen. Ich habe ein weißes Gesicht, schöne Hände, einen
eleganten, flatternden Frack, Handschuhe, Ringe an den Fingern, einen
mit Silber beschlagenen Stock, sauber gewichste Schuhe und ein zartes,
sonntägliches Wesen, eine so merkwürdige Stimme und etwas leis
Verdrossenes um den Mund, etwas, wofür ich selber kein Wort habe, das
mich aber den jungen Mädchen zu empfehlen scheint. Wenn ich spreche,
klingt es, als ob ein Mann von Gewicht spräche. Das Wichtigtuerische
gefällt, da ist kein Zweifel zu hegen. Was den Tanz betrifft, so tanze
ich, wie einer, der eben erst Tanzunterricht genommen und genossen hat:
flott, zierlich, pünktlich, genau, aber zu schnell und zu saftlos. Es
ist Genauigkeit und Sprunghaftigkeit in meinem Tanz, aber nur keine
Grazie. Wie könnte ich der Grazie fähig sein! Aber ich tanze
leidenschaftlich gern. Wenn ich tanze, vergesse ich, daß ich Helbling
bin, denn ich bin dann nichts mehr als nur noch ein glückliches
Schweben. Das Bureau mit seinen mannigfaltigen Qualen würde mir keine
Erinnerung zu Gesicht bringen. Um mich herum sind gerötete Gesichter,
Duft und Glanz von Mädchenkleidern, Mädchenaugen blicken mich an, ich
fliege: kann man sich seliger denken? Nun habe ich es doch: einmal in
dem Kreise der Woche vermag ich selig zu sein. Eines der Mädchen, die
ich stets begleite, ist meine Braut, aber sie behandelt mich schlecht,
schlechter, als mich die andern behandeln. Sie ist mir, wie ich wohl
bemerke, auch keineswegs treu, liebt mich wohl kaum, und ich, liebe ich
sie etwa? Ich habe viele Fehler an mir, die ich freimütig ausgesprochen
habe, aber hier scheinen mir alle meine Fehler und Mängel vergeben zu
sein: ich liebe sie. Es ist mein Glück, daß ich sie lieben, und um
ihretwillen oft verzagen darf. Sie gibt mir ihre Handschuhe und ihren
rosaseidenen Schirm zu tragen, wenn es Sommer ist, und im Winter darf
ich ihr im tiefen Schnee nachtrotteln, um ihr die Schlittschuhe
nachzutragen. Ich begreife die Liebe nicht, aber spüre sie. Gut und böse
sind doch nichts gegen die Liebe, die gar nichts anderes und übriges
kennt, als Liebe. Wie soll ich das sagen: so nichtswürdig und leer ich
sonst immer bin, so ist doch noch nicht alles verloren, denn ich bin
wirklich der treuen Liebe fähig, obschon ich zur Treulosigkeit
Gelegenheit genug hätte. Ich fahre mit ihr im Sonnenschein, unter dem
blauen Himmel, in einem Nachen, den ich vorwärtsrudere, auf dem See, und
lächle sie immer an, während sie sich zu langweilen scheint. Ich bin ja
auch ein ganz langweiliger Kerl. Ihre Mutter hat eine kleine, armselige,
etwas verrufene Arbeiterkneipe, wo ich Sonntage lang zubringen kann mit
Sitzen, Schweigen und sie-Ansehen. Manchmal beugt sich auch ihr Gesicht
zu dem meinigen hinunter, um mich einen Kuß ihr auf den Mund drücken zu
lassen. Sie hat ein süßes, süßes Gesicht. An ihrer Wange befindet sich
eine alte, vernarbte Schramme, was ihren Mund ein wenig verzerrt, aber
ins Süße. Augen hat sie ganz kleine, mit denen sie einen so listig
anblinzelt, als wollte sie sagen: »Dir will ich es auch noch zeigen!«
Oft setzt sie sich zu mir auf das schäbige, harte Wirtshaussofa, und
flüstert mir ins Ohr, daß es doch schön sei, verlobt zu sein. Ich weiß
selten etwas zu ihr zu sagen, denn ich fürchte immer, daß es nicht
passend wäre, so schweige ich, und wünsche doch heftig, zu ihr etwas zu
sprechen. Einmal hat sie mir ihr kleines, duftendes Ohr an meine Lippen
gereicht: Ob ich ihr nichts zu sagen hätte, das man nur flüstern könne?
Ich sagte zitternd, daß ich nichts wüßte, und da hat sie mir eine
Ohrfeige gegeben und hat dazu gelacht, aber nicht freundlich, sondern
kalt. Mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester steht sie nicht gut
und will nicht haben, daß ich der Kleinen Freundlichkeiten erweise. Ihre
Mutter hat eine rote Nase vom Trinken, und ist ein lebhaftes, kleines
Weib, das sich gern zu den Männern an den Tisch setzt. Aber meine Braut
setzt sich auch zu den Männern. Sie hat mir einmal leise gesagt: »Ich
bin nicht mehr keusch,« in einem Ton der Natürlichkeit, und ich habe
nichts dagegen einzuwenden gehabt. Was wäre es gewesen, was ich ihr dazu
hätte sagen können. Andern Mädchen gegenüber habe ich einen gewissen
Schneid, sogar Wortwitz, aber bei ihr sitze ich stumm und sehe sie an
und verfolge jede ihrer Manieren mit meinen Augen. Ich sitze jedesmal so
lang, bis die Wirtschaft geschlossen werden muß, oder noch länger, bis
sie mich nach Hause schickt. Wenn die Tochter nicht da ist, setzt sich
ihre Mutter zu mir an den Tisch und versucht, die Abwesende in meinen
Augen schlecht zu machen. Ich wehre nur so mit der Hand ab und lächle
dazu. Die Mutter haßt ihre Tochter, und es liegt auf der Hand, daß sie
sich beide hassen, denn sie sind sich im Wege mit ihren Absichten. Beide
wollen einen Mann haben, und beide mißgönnen einander den Mann. Wenn ich
abends so auf dem Sofa sitze, merken es alle Leute, die in der Kneipe
verkehren, daß ich der Bräutigam bin, und jeder will an mich
wohlwollende Worte richten, was mir ziemlich gleichgültig ist. Das
kleine Mädchen, das noch in die Schule geht, liest neben mir in ihren
Büchern, oder sie schreibt große, lange Buchstaben in ihr Schreibheft
und reicht es mir immer dar, um mich das Geschriebene durchsehen zu
lassen. Sonst habe ich nie auf so kleine Geschöpfe geachtet, und nun mit
einem Male sehe ich ein, wie interessant jedes kleine, aufwachsende
Geschöpf ist. Daran ist meine Liebe zu der andern schuld. Man wird
besser und aufgeweckter durch eine ehrliche Liebe. Im Winter sagt sie zu
mir: »Du, es wird schön sein im Frühling, wenn wir zusammen durch die
Gartenwege spazieren werden,« und im Frühling sagt sie: »Es ist
langweilig mit dir.« Sie will in einer großen Stadt verheiratet sein,
denn sie will noch etwas haben vom Leben. Die Theater und Maskenbälle,
schöne Kostüme, Wein, lachende Unterhaltung, fröhliche, erhitzte
Menschen, das liebt sie, dafür schwärmt sie. Ich schwärme eigentlich
auch dafür, aber wie das sich alles machen soll, weiß ich nicht. Ich
habe ihr gesagt: »Vielleicht verliere ich auf nächsten Winter meine
Stellung!« Da hat sie mich groß angeschaut und mich gefragt: »Warum?«
Was hätte ich ihr für eine Antwort geben sollen? Ich kann ihr doch nicht
meine ganze Charakteranlage in einem Atem herunterschildern. Sie würde
mich verachten. Bis jetzt meint sie immer, daß ich ein Mann sei von
einiger Tüchtigkeit, ein Mann, allerdings ein etwas komischer und
langweiliger, aber doch ein Mann, der seine Stellung in der Welt habe.
Wenn ich ihr nun sage: »Du irrst dich, meine Stellung ist eine äußerst
schwankende,« so hat sie keinen Grund, weiter meinen Umgang zu wünschen,
da sie doch alle ihre Hoffnungen in bezug auf mich zerstört sieht. Ich
lasse es gehen, ich bin ein Meister darin, eine Sache schlitteln zu
lassen, wie man zu sagen pflegt. Vielleicht, wenn ich Tanzlehrer oder
Restaurateur oder Regisseur wäre, oder sonst irgendeinen Beruf hätte,
der mit dem Vergnügen der Menschen zusammenhängt, würde ich Glück haben,
denn ich bin so ein Mensch, so ein tänzelnder, schwebender,
beineherumwerfender, leichter, flotter, leiser, sich stets verbückender
und zartempfindender, der Glück hätte, wenn er Wirt, Tänzer,
Bühnenleiter oder so etwas wie Schneider wäre. Wenn ich Gelegenheit
habe, ein Kompliment zu machen, bin ich glücklich. Läßt das nicht tief
blicken? Ich bringe sogar da Verneigungen an, wo es gar nicht üblich
ist, oder wo nur Scharwenzler und Dummköpfe sich verbeugen, so sehr bin
ich in die Sache verliebt. Für eine ernste Mannesarbeit habe ich weder
einen Geist noch eine Vernunft, noch Ohr, noch Auge und Sinn. Es ist mir
das mir am fernsten Liegende, was es auf der Welt geben könnte. Ich will
Profit machen, aber es soll mich nur ein Zwinkern mit den Augen,
höchstens ein faules Handausstrecken kosten. Sonst ist Scheu vor der
Arbeit an Männern etwas nicht ganz Natürliches, aber mich kleidet es,
mir paßt es, wenn es auch ein trauriges Kleid ist, das mir da so
vorzüglich paßt, und wenn der Schnitt des Kleides auch ein erbärmlicher
ist: warum sollte ich nicht sagen: »Es sitzt mir,« wenn doch jedes
Menschenauge sieht, daß es mir faltenlos sitzt. Die Scheu vor der
Arbeit! Aber ich will nichts mehr darüber sagen. Ich meine übrigens
immer, das Klima, die feuchte Seeluft, sei schuld daran, daß ich nicht
zum Arbeiten komme, und suche jetzt, gedrängt von dieser Erkenntnis,
Stellung im Süden, oder in den Bergen. Ich könnte ein Hotel dirigieren,
oder eine Fabrik leiten, oder die Kasse einer kleineren Bank verwalten.
Eine sonnige, freie Landschaft müßte imstande sein, in mir Talente zu
entwickeln, die bis jetzt in mir geschlafen haben. Eine
Südfruchthandlung wäre auch nichts übles. Auf jeden Fall bin ich ein
Mensch, der immer meint, durch eine äußerliche Veränderung innerlich
ungeheuer zu gewinnen. Ein anderes Klima würde auch eine andere
Mittagstafel erzeugen, und das ist es vielleicht, was mir fehlt. Bin ich
eigentlich krank? Mir fehlt so viel, mir mangelt eigentlich alles.
Sollte ich ein unglücklicher Mensch sein? Sollte ich ungewöhnliche
Anlagen besitzen? Sollte es eine Art Krankheit sein, sich beständig, wie
ich es tue, mit solchen Fragen abzugeben? Jedenfalls ist es eine nicht
ganz normale Sache. Heute bin ich wieder zehn Minuten zu spät in die
Bank gekommen. Ich komme nicht mehr dazu, zur rechten Zeit anzutreten,
wie andere. Ich sollte eigentlich ganz allein auf der Welt sein, ich,
Helbling, und sonst kein anderes lebendes Wesen. Keine Sonne, keine
Kultur, ich nackt auf einem hohen Stein, kein Sturm, nicht einmal eine
Welle, kein Wasser, kein Wind, keine Straßen, keine Banken, kein Geld,
keine Zeit und kein Atem. Ich würde dann jedenfalls nicht mehr Angst
haben. Keine Angst mehr und keine Fragen, und ich würde auch nicht mehr
zu spät kommen. Ich könnte die Vorstellung haben, daß ich im Bett läge,
ewig im Bett. Das wäre vielleicht das Schönste!
Brief eines Vaters an seinen Sohn
Du beklagst dich, mein lieber Sohn, darüber, daß ich dich höchst
mangelhaft erziehe, daß ich dich z. B. nach Nidau hinausschicke, um eine
Kommission zu verrichten, und darüber, daß ich dir befehle, in den
Holzkeller hinunterzuspazieren, um Holz zu spalten. Sei nicht
unaufrichtig, sei nicht sentimental, Junge: weiß ich ja doch ganz genau,
daß dir das Laufen auf der heißen und staubbedeckten Landstraße, die
nach Nidau, dem altersgrauen Städtchen hinausführt, Vergnügen macht, und
daß du leidenschaftlich gern Holz spaltest. Du wirfst mir vor, daß im
Mülleimerheruntertragen und im Holzhacken keine Erziehung liege. Ich bin
aber anderer Ansicht. Es liegt sehr viel Erziehung von der besten Sorte
in der Verrichtung gewissermaßen schäbiger, schimmeliger und niedriger
Arbeiten. Wenn du z. B. mit dem Milchtopf in der Hand über die Gasse
gehen mußt, um Milch beim Milchhändler zu holen, eine Verrichtung, deren
du dich vielleicht ein wenig schämst, weil bekannte Leute dir begegnen,
von denen du weißt, daß sie sich sagen, »jetzt muß er sogar Milch über
die Gasse holen,« so ist das, wenn auch nicht scheinbar, doch aber in
Wirklichkeit eine ausgezeichnete Erziehung, denn da lernst du dich
demütigen, und im Genuß dessen, was demütigend ist, liegt eine köstliche
Bildung. So und ähnlich, lieber Sohn, bilde ich dich, und ich glaube, du
darfst mir dankbar sein dafür. Du scheinst es nicht zu sein: nun, ich
denke, du verstehst es eben noch nicht. Später wirst du es zu schätzen,
zu würdigen und zu verstehen wissen.
Ferner, mein Junge, glaubst du sollen dürfen herausgemerkt haben (eine
richtige Sohnes-Spitzfindigkeit), daß ich dich gerade dann an irgendeine
Beschäftigung anzuspannen liebe, wenn ich weiß oder du mir zu verstehen
gibst, daß du dich gern mit deinen bevorzugten Kameraden im Freien, sei
es im Wald oder sei es am See, herumtummeln möchtest. So boshaft, meinst
du, bin ich? Und wenn auch? Sollen denn arme, sorgengeplagte Väter,
stets angespannt an den kläglichen, elendiglichen Täglichen-Brot-Gedanken,
nicht auch, zur Erheiterung und Abwechslung, sich kleine,
feine, reizende Bosheiten leisten dürfen? Bedenke das. Bedenke,
wie viele Sorgen ich habe, und du wirst generös genug sein, mir
zu erlauben, dich von Zeit zu Zeit ein wenig zu necken mit: »Du spaltest
jetzt hübsch Holz, verstanden!«, sowie ich etwa merke, daß du das Baden
oder das Herumstreifen in den Gassen im Sinne hast. Väter haben auch
ihre Schwächen, merke dir das.
Etwas sehr Seltsames, in der Tat Frappierendes sagst du, indem du mir
den Vorwurf machst, daß ich ja selber Sonntagnachmittag, zum schwarzen
Kaffee, die Schundromane lese, die ich geruhe, dir, dem Sohn, wenn ich
dich beim heimlichen Lesen und Verschlingen ertappe, um den Kopf
herumzuschlagen. Doch du bist im Unrecht, und dein Vorwurf ist eine
Weinerlichkeit. Ich werde fortfahren, dir die Romanlektüre zu verbieten,
so gut, wie ich fortfahren zu dürfen meine, sie mir persönlich zu
gestatten. Sei taktvoll und mißgönne nicht ein Vergnügen einem Menschen,
der anfängt zu altern, deshalb, weil es Pflicht dieses Menschen ist, den
Genuß dieses Vergnügens seinem Sohne zu versagen.
Ich gebe nun im allgemeinen von Herzen gern zu, daß ich deine Erziehung
ziemlich vernachlässige, doch ich mache mir deswegen keine Sorgen. Sei
versichert: Deinen Weg durch das Leben wirst du schon finden, denn es
gibt Dutzende Lebenswege, und jeder Lebensweg führt ohne alle Frage vor
das eherne, erzene Tor der Unabänderlichkeit. Du wirst mir erlauben, ein
wenig mit dir zu philosophieren. Werde ein Philosoph, mein Junge, was
sagen will, bilde Tapferkeit in dir aus, und dann brauchst du gar nicht
so viel Erziehung, das Leben wird dich genügend erziehen, habe keine
Bange. Sieh, wenn ich dich ein bißchen wild und unerzogen lasse, so
taugst du um so viel besser für das Leben; ungebildet lasse, so wird
dich um so viel besser das spätere Leben bilden, striegeln, glätten und
plätten können; ungehobelt lasse, so wirst du dich um so besser eignen
für die Zurechthobelung und Polierung durch eben das Leben, welches mit
Vergnügen an den Menschen herumhobelt. Die Welt, in welche du wirst zu
sitzen und zu stehen kommen, wird Erzieher an dir sein und dich
gründlich erziehen. Auch dafür, also dafür, daß ich dich vernachlässigt
habe, wirst du mir einst danken. Bedenke, ich bitte dich, folgendes; und
alsdann lasse mich ausruhen vom Schreiben und diesen väterlichen Brief
beendigen.
Nimm an, ich hätte dich mustergültig erziehen lassen: mit was für
einer furchtbaren Verantwortungslast auf Kopf und auf Rücken würdest
du dann dastehen. Denn wisse: eine wirklich und in jeder Hinsicht
gute, eine sogenannte glänzende Erziehung verpflichtet, sie
verpflichtet den Empfänger zu ihr entsprechenden glänzenden Leistungen,
sie verpflichtet auch zu der glänzenden Karriere. Sei du glücklich,
mein Sohn, daß du wirst atmen dürfen, ohne immer nur an das Emporkommen
denken zu müssen. Deine mangelhafte Erziehung verpflichtet dich nicht
zu dem Gespenste, zu der Mustergültigkeit, zu dem fürchterlichen
Müssen-in-jeder-Hinsicht-hervorragen. Frei wirst du sein. Ein Sohn der
Natur, ein Sohn der Welt wirst du sein. Atmen und leben wirst du dürfen.
Die da musterhaft sind, die leben nicht, und hiermit grüßt dich überaus
herzlich, im Bewußtsein, daß er dir etwas Vernünftiges gesagt hat, dein
Vater.
Spazieren
Es ging einer spazieren. Er hätte in die Eisenbahn steigen und in die
Ferne reisen können, doch er wollte nur in die Nähe wandern. Das Nahe
kam ihm bedeutender vor als das bedeutende und wichtige Ferne. Demnach
also kam ihm das Unbedeutende bedeutend vor. Das mag man ihm wohl
gönnen. Er hieß Tobold, doch ob er nun so hieß oder anders, so besaß er
jedenfalls wenig Geld in der Tasche und lustigen Mut im Herzen. So ging
er hübsch langsam vorwärts, er war kein Freund übergroßer Schnelligkeit.
Die Hast verachtete er; mit dem stürmischen Eilen wäre er nur in ein
Schwitzen gekommen. Wozu das, dachte er, und er marschierte bedächtig,
sorgfältig, artig und mäßig. Die Schritte, die er machte, waren gemessen
und wohlabgewogen, und das Tempo enthielt eine sehenswerte
Behaglichkeit, die Sonne brannte schön heiß, worüber sich Tobold
aufrichtig und ehrlich freute. Zwar hätte er auch Regen gerne
hingenommen. Er würde dann einen Regenschirm aufgespannt haben und
säuberlich unter dem Regen marschiert sein. Er sehnte sich sogar ein
bißchen nach Nässe, aber da Sonne schien, war er mit Sonne
einverstanden. Er war nämlich einer, der fast an nichts etwas
auszusetzen hatte. Nun nahm er seinen Hut vom Kopfe ab, um ihn in der
Hand zu tragen. Der Hut war alt. Eine gewisse handwerksburschenmäßige
Abgeschossenheit zeichnete den Hut sichtlich aus. Es war ein schäbiger
Hut, und dennoch behandelte ihn sein Träger mit Hochachtung, und zwar
deshalb, weil Erinnerungen am Hut hingen. Tobold vermochte sich stets
nur schwer von langgetragenen und abgeschabten Sachen zu trennen. So zum
Beispiel trug er jetzt zerrissene Schuhe. Er hätte ein neues Paar
Stiefel wohl kaufen können. So über und über arm war er denn doch nicht.
Als gänzlich bettelarm wollen wir ihn nicht hinstellen. Aber die Schuhe
waren alt, sie hingen voll Erinnerungen, mit ihnen war er schon viele
Wege gegangen, und wie hatten die Schuhe bis dahin so treu ausgehalten.
Tobold liebte alles Alte, alles Ge- und Verbrauchte, ja, er liebte sogar
bisweilen Verschimmeltes. So zum Beispiel liebte er alte Leute, hübsch
abgenutzte alte Menschen. Kann man daraus Tobold einen berechtigten
Vorwurf machen? Kaum! denn es ist ja ein hübscher Zug von Pietät. Nicht
wahr? Und so schrittwechselte er denn ins herrliche liebe Blaue hinaus
weiter. O wie blau war der Himmel, und wie schneeigweiß waren die
Wolken. Wolken und Himmel immer wieder anzuschauen war für Tobold ein
Glück. Deshalb reiste er ja so gern zu Fuß, weil der Fußgänger alles so
ruhig und reich und frei betrachten kann, während der Eisenbahnfahrer
nirgends stehenbleiben und anhalten kann als gerade exakt nur auf den
Bahnstationen, wo meistens elegant befrackte Kellner fragen, ob ein Glas
Bier gefällig sei. Tobold verzichtete gern auf einige acht Gläser Bier,
wenn er nur frei sein konnte und auf seinen Beinen gehen durfte, denn
seine eigenen Beine freuten ihn, und das Gehen machte ihm ein stilles
Vergnügen. Ein Kind sagte ihm jetzt guten Tag, und Tobold sagte ihm auch
guten Tag, und so ging er, und er dachte noch lang an das liebe kleine
Kind, das ihn so schön angeschaut, ihn so reizend angelächelt, und ihm
so freundlich guten Tag gesagt hatte.
Der Schäfer
Es liegt einer in der Sonne, nein, nicht ganz. Er liegt unter einem
hohen Baum, die Beine und faulenzenden Füße an der Sonne und den Kopf,
der ein träumerischer Kopf ist, im Schatten. Er ist ein Schäfer, der da
halb in der Sonne und halb im Schatten liegt; seine Tiere weiden nicht
fern von hier, er darf sie ruhig sich selber überlassen. So liegt er
denn da und weiß nicht recht, an was er denken soll. Er darf an alles
denken, und er braucht wieder an nichts zu denken. Bald denkt er an
dies, bald an das, bald an jenes, bald wieder an etwas anderes. Die
Gedanken kommen und gehen, tauchen vor dem Kopf auf und verschwinden
wieder; sie sammeln sich und zerstreuen sich wieder, verbinden sich zu
einem großen Ganzen und lösen sich wieder in kleine Teile auf. Der da
liegt, hat Zeit zu denken, hat Zeit, gedankenlos und arbeitslos zu sein.
Arbeit mag schön sein und nützlich, doch um wie viel, um wie viel
schöner ist es, nichts zu tun, den Tag zu verträumen und zu
verfaulenzen, wie er, der da schläft unter dem hohen Baum. Schläft er?
O, von Zeit zu Zeit, bilden wir uns ein, fallen ihm vor Trunkenheit und
Müdigkeit, vor lauter Daseinslust die Augen zu, die Sinne schwinden ihm,
und er schlummert ein in die süße Bewußtlosigkeit. Schlafen ist schön,
aber wie schön ist erst wieder das leise liebe Erwachen, und so schläft
er denn bald ein und bald erwacht er wieder, und so verfließt und
vergeht und verweht ihm, den Winden ähnlich, die über den grünen Plan
wegstreichen, die Zauberin Zeit, vier Uhr, fünf Uhr, sechs und sieben
Uhr, bis es allmählich Abend wird und goldenes angenehmes Dunkel vom
Himmel zur Erde herabschwebt. Schäfer, Schläfer, der du die Zeit
verträumst, bist du glücklich? Ja, ganz gewiß, du bist es, du bist
glücklich. Finstere Gedanken kennst du nicht, willst du nicht kennen.
Kommt dir je etwas Unholdes in den Sinn, so legst du dich auf die andere
Seite, oder du greifst nach dem Instrument, das du stets bei dir hast
und machst Musik, und bald umgibt dich wieder sonnenhelle Heiterkeit.
Nun, so lassen wir ihn denn liegen. Es braucht sich niemand um ihn zu
bekümmern. Macht er sich doch auch selbst keinen Kummer.
Die Einladung
Ich habe dir ein himmlisch schönes Plätzchen zu zeigen, Himmlische. Der
Ort liegt ganz im stillen, bescheidenen, grünen Wald verborgen, wie ein
Gedanke in einem Gedanken. Es ist eine weiche, milde Schlucht, die von
niemand besucht wird. Sie liegt in den Bäumen so warm begraben, o so süß
versteckt, dort, bilde ich mir ein, möchte ich dich küssen, mit innigen,
sanften, süßen und langen Küssen, mit Küssen, die alles Reden, selbst
das schönste und beste, verbieten. Der Ort, so zart und so abgelegen,
wie er ist, steht in keinem Reisebuch als Sehenswürdigkeit verzeichnet.
Ein kleiner, durch dichtes Gebüsch sich windender Fußpfad führt zu der
Schlucht, zu dem Wunderort, wo ich dir zeigen möchte, Wunderbare, wie
ich dich liebe, wo ich dir zeigen möchte, Engel, wie ich dich
vergöttere. Dort umschlingt und umhalst man sich wie von selber, und wie
von selber berühren sich die Lippen. Du weißt noch nicht, wie ich küssen
kann. So komm an den Ort, wo nichts ist als das liebliche Rauschen der
hohen Bäume, dort wirst du es erfahren. Ich werde kein Wort reden, und
auch du wirst kein Wort reden, wir werden beide schweigen, nur die
Blätter werden leise flüstern, und der süße Sonnenschein wird durch das
zierliche Geäste brechen. O wie still, wie still wird es sein, wenn wir
uns küssen, wie schön wird es sein, wenn unsere Lippen liebesdurstig und
-hungrig aneinanderhängen, wie süß wird es sein, wenn wir in der
stillen, lieben Schlucht uns lieben. Wir wollen uns liebkosen und küssen
in einem fort, bis der Abend kommt und mit ihm die silbern blitzenden
Sterne und der Mond, der göttliche. Zu sagen werden wir uns nichts
haben, denn es soll alles nur ein Kuß, ein unaufhörlicher,
ununterbrochener, stunden-stundenlanger entzückender Kuß sein. Wer
lieben will, will nicht mehr sprechen, denn wer sprechen will, will
nicht mehr lieben. O komm an den heilig entrückten Ort der Tat, an den
Ort der Ausübung, wo alles sich verliert in Erfüllung, und wo alles
ertrinkt und erstirbt in Liebe. Die Vögel werden uns mit ihrem
fröhlichen Gesang umzwitschern und in der Nacht wird eine himmlische
Stille um uns sein. Was man Welt nennt, wird hinter uns liegen, und
gefangen gehalten von dem Entzücken, werden wir beide Kinder der Erde
sein und fühlen, was Leben heißt, empfinden, was Dasein heißt. Wer nicht
liebt, hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben. Wer Lust zu lieben
hat, steht von den Toten auf, und nur wer liebt, ist lebendig.
Der nächtliche Aufstieg
Alles war mir so seltsam, so, als hätte ich es nie gesehen und sähe es
zum erstenmal im Leben. Ich fuhr mit der Eisenbahn durch ein Gebirge. Es
war Abend, und die Sonne war so schön. Die Berge kamen mir so groß vor,
so gewaltig, und sie waren es auch. Durch Höhe und Tiefe wird ein Land
reich und groß, es gewinnt an Raum. Verschwenderisch mutete mich die
Bergnatur an mit den hochaufragenden Felsgebilden und mit den
hochaufschießenden schönen dunklen Wäldern. Ich sah die schmalen Wege
sich um die Berge schlängeln, so anmutig, so poesiereich. Der Himmel war
klar und hoch, und auf den Wegen gingen Männer und Frauen. An den Halden
standen so schön, so still die Häuser. Ein Gedicht schien mir das Ganze,
ein altes herrliches Gedicht, ewig neu durch lebendiges Fortdauern. Dann
wurde es dunkler. Bald schimmerten die Sterne in die tiefe schwarze
Schlucht hinab, und ein glänzend weißer Mond trat an den Himmel.
Schneeweiß war die Straße, die durch die Schluchten lief. Eine tiefe
Freude bemächtigte sich meiner. Ich war glücklich, daß ich in den Bergen
war. Und die reine frische, kalte Luft. Wie herrlich war sie. Ich atmete
sie mit Leidenschaft ein. So fuhr der Zug langsam weiter, und endlich
stieg ich aus. Ich gab meine Sachen ab und schritt nun zu Fuß weiter,
hinaus in die Berge. Es war so hell und zugleich so schwarz. Die Nacht
war göttlich. Hohe Tannen ragten vor mir auf, Quellen hörte ich gurgeln
und murmeln, das war eine so köstliche Melodie, ein so geheimnisvolles
Sagen und Singen. Ich sang selber ein Lied in die Nacht hinein, während
ich auf der hellen Straße immer höher stieg. Es kam ein Dorf, und dann
ging es durch einen ganz finstern Wald. Ich stieß mit dem Fuß gegen
Wurzeln und Steine, und da ich den geraden Weg verloren hatte, stieß ich
oft auch den Wandererkopf an Bäume hart an. Ich mußte aber nur lachen
darüber. O wie prächtig war dieser erste nächtliche Aufstieg. Alles so
still. Es lag etwas Heiliges über allem. Der Anblick der schwarzen
Tannen freute mich tief. Mitternacht war es, als ich oben im Hochtale
vor dem kleinen dunklen Hause anlangte, im Fenster war Licht. Es wartete
jemand auf mich. Wie ist das doch schön, in stiller rauschender Nacht in
einer hochgelegenen Natureinöde anzulangen, zu Fuß, gleich einem wild
daherfahrenden Handwerksgesellen und zu wissen, daß man von jemand
Liebem erwartet wird. Ich klopfte. Ein Hund fing an zu bellen, daß es
weithin hallte. Ich hörte, daß jemand die Treppe eilig hinunter zu
laufen kam. Die Tür wurde geöffnet. Jemand hielt mir die Lampe oder
Laterne vor das Gesicht. Man erkannte mich, o das war schön, das war so
schön -- --
Die Landschaft
Alles war so schaurig. Nirgends ein Himmel, und die Erde war naß. Ich
ging, und indem ich ging, legte ich mir die Frage vor, ob es nicht
besser sei, mich umzudrehen und wieder heimzugehen. Aber ein
unbestimmtes Etwas zog mich an, und ich verfolgte meinen Weg durch all
die düstere Verhängtheit weiter. Ich fand an der unendlichen Trauer, die
hier ringsum herrschte, Gefallen. Herz und Phantasie gingen mir auf in
dem Nebel, in dem Grau. Es war alles so grau. Ich blieb stehen, gebannt
vom Schönen in diesem Unschönen, bezaubert von den Hoffnungen inmitten
dieser Hoffnungslosigkeiten. Es schien mir, als sei es mir fortan
unmöglich, noch irgend etwas zu hoffen. Dann schien es mir wieder, als
schlängle sich ein süßes, unsagbar reizendes Glück durch die trauervolle
Landschaft, und ich glaubte Töne zu hören, aber es war alles still.
Noch ein anderer Mensch schritt durch das Gehölz, durch all dieses
schwermütige Schwarz. Seine vermummte Gestalt war noch um etwas
schwärzer als das Schwarz der Landschaft. Wer war er, und was wollte er?
Und nun tauchten bald noch andere schwarze Gestalten auf, aber keine der
Gestalten kümmerte sich um die andere, jede schien genug mit sich selbst
zu tun zu haben. Auch ich kümmerte mich nicht mehr, was diese Leute
wollten und wohin sie gehen mochten in der Finsternis, sondern ich
kümmerte mich um mich selbst und zog hinaus in die eigene Unklarheit
hinein, die mich mit nassen, kalten Armen rasch umarmte und an sich riß.
O es kam mir vor, als sei ich einst ein König gewesen und müsse nun als
ein Bettler ziehen in die weite Welt, die da strotzt von Unkenntnis, die
da strotzt von dicken und finsteren Gedanken- und Gefühlslosigkeiten; es
kam mir vor, als sei es ewig nutzlos, gut zu sein, und ewig unmöglich,
redliche Absichten zu tragen, und als sei alles töricht und als seien
wir alle nur kleine Kinder, zum voraus den Torheiten und Unmöglichkeiten
überliefert. Dann gleich nachher war wieder alles, alles gut, und ich
ging mit unaussprechlich freudiger Seele weiter durch die schöne fromme
Dunkelheit.
Der Dichter