ungefähr zehn Jahren war's, und ich hatte das Glück, in einem schönen,
geräumigen alten Haus dicht neben dem herrlichen Schloß auf dem
Schloßhügel wohnen zu dürfen. Ich trank viel Bier, wozu mich schon meine
bierbrauerliche Beschäftigung verleitete, badete in der reißenden Aare,
ging öfter in die Ebene, die sich um Thun ausbreitet, spazieren und
staunte zu den Kolossen empor, zu den Bergen, die, ungeheuerlichen
Burgen ähnlich, dort in den Himmel hinaufragen. Eines Tages hatte ich
mit meiner Wirtin, der Frau Amtschreiber, ein kleines reizendes
Erlebnis, und zwar wegen einem Bild, das an der Wand meines Zimmers
hing. Dieses Zimmer, es war die Wohnlichkeit, Traulichkeit und
Heimeligkeit selber. Ich vergesse nie diesen saftgrün angehauchten
bildhübschen Raum, ich vergesse aber auch die Sonnenstrahlen nie,
die dort so goldig und zugleich so listig ins versteckte Zimmer
hineinlächelten. Nun aber zur Frau Amtschreiber. Sie nahm mir das Bild,
eine Photographie des Gemäldes »Apollo und Diana« von Kranach (das
Original hängt im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin), von der Wand, an
welcher es zu meiner Belustigung und Erquickung hing, weg und legte es,
schamhaft und vorwurfsvoll umgekehrt, auf meinen Tisch. Ich kam heim und
merkte sogleich mit meinen beiden stets aufmerksamen Augen das Werk der
falschen Sittlichkeitsbegriffe, und rasch entschlossen ergriff ich die
allezeit dienstfertige Feder und schrieb folgendes keckes Billett:
»Verehrte Frau, hat Ihnen das Bild, das mir lieb ist, weil es ganz aus
lauterer Schönheit besteht, vielleicht etwas zuleid getan, daß Sie es
von der Wand gemeint haben wegnehmen zu sollen? Finden Sie, daß das Bild
häßlich ist? Sind Sie der Meinung, daß es ein unanständiges Bild ist?
Dann bitte ich ergebenst, es einfach keines Blickes zu würdigen. Mir
aber wollen verehrte Frau in der Güte, in deren Besitz ich dieselbe
glaube, gestatten, das Bild wieder dorthin zu tun, wo es gewesen ist.
Ich werde es sogleich wieder an die Wand anheften und bin überzeugt, daß
niemand es mir nochmals fortnimmt.« Frau Amtschreiber las und nahm das
Billett. Ich Schurke! Einer so liebenswürdigen Frau so harte Worte zu
sagen. Doch die paar Worte, was hatten sie nicht für eine schöne
Wirkung. Wie lieb war Frau Amtschreiber von nun an zu mir. Reizend,
reizend benahm sie sich. Sogar meine zerrissenen Hosen erbat sie sich,
damit sie sie flicke, sie, die Frau Amtschreiber.
Zwei Bilder meines Bruders
»Die Frau am Fenster«
Warum steht diese Frau am Fenster? Steht sie nur da, um in die Gegend
hinauszuschauen? Oder hat ihr Gefühl sie ans Fenster geführt, damit
sie könne in die Weite hinausdenken? An was denkt die Dame? An etwas
Verlorenes, an etwas unwiederbringlich Verlorenes? So scheint es dem zu
sein, der mit aufmerksamen Augen das zarte Bild betrachtet. Weint die
Frau, oder ist sie nahe daran, zu weinen? Hat sie, kurz bevor sie
ans Fenster trat, geweint oder wird sie, wenn sie wird vom Fenster
weggetreten sein, in Tränen ausbrechen? Wer das Bild betrachtet, hält
dies nicht für unmöglich. Hat die Frau, die hier so einsam an dem
Fenster steht, einen Geliebten, und ist nun vielleicht dieser liebe
Freund für immer fortgegangen? Höchst wahrscheinlich. Also hatte -- --
sie einen Geliebten? Sie hat demnach also jetzt keinen holden Freund
mehr? Steht nicht die arme liebe Frau da, als sei, was ihr das Liebste
gewesen ist, von ihr weggegangen, und als bleibe ihr jetzt für immer
nichts mehr anderes übrig als an den zu denken, den sie verlor? Ihre
Haltung scheint zu sprechen: »Ich habe ihn, kaum daß er mir gestand, daß
er mich liebe, und kaum, daß ich ihn umhalst und an das Herz gedrückt
habe, schon verloren. Wie grausam ist das.« -- Was hat ihn denn bewogen,
sie zu verlassen, die er liebte und von der er sich geliebt fand? Hat
das Schicksal, haben die Wogen und Wellen des Lebens, die weder je nach
Liebe noch überhaupt je nach Zartheit fragen, sie getrennt, die sich
liebten? Das läßt sich denken. Alles Unschöne läßt sich ebenso leicht
denken wie alles Schöne. Vielleicht hat die Frau jetzt noch nicht alle
Hoffnung auf ein süßes Wiedersehen aufgegeben? Nein, sie hat keine
Hoffnung mehr außer der Hoffnung, weinen zu dürfen, stundenlang, und
sich im Schmerz, der die Seele erschüttert, zu baden. Für die Frau,
die ihren Freund verloren hat, ist der Schmerz der heimliche Freund,
und das ist die letzte Art von Freund, die ein Mensch besitzen kann.
Entsetzlicher Freund, bleich im Gesicht, mit dem furchtbaren Lächeln
unauslöschlicher Trauer auf den Lippen, sage zu der Frau etwas, liebkose
sie. Und in der Tat, er tut es: der Schmerz über die Trennung vom
Geliebten muß jetzt der Geliebte sein und sie liebkosen. Vielleicht ist
jetzt das Weh des Verlustes noch nicht so groß, wie es nach einem Jahr
oder erst nach zwei Jahren sein wird; denn das Weh kann in der Stille
wachsen. Erst ist es ein zartes Glöckchen mit leisem seufzendem Bim-Bim.
Doch es kann eine Glocke daraus werden mit rasendem, vernunftüberflutendem
Geläute, gemützerstörend, herzzerreißend. Entsteht nicht aus der simplen
Melodie das gewaltig brausende und schallende Konzert? Wenn dem so ist,
so hat die Frau, die da am Fenster steht, noch einen schweren Kampf zu
kämpfen.
»Der Traum«
Mir träumte, daß ich ein winzig kleiner, unschuldiger, junger Bursche
sei, so zart und jung, wie noch nie ein Mensch war, wie man nur in
dunklen, tiefen, schönen Träumen sein kann. Ich hatte weder Vater noch
Mutter, weder Vaterhaus noch Vaterland, weder ein Recht noch ein Glück,
weder eine Hoffnung noch auch nur die blasse Vorstellung einer solchen.
Ich war wie ein Traum mitten im Traum, wie ein Gedanke, gelegt in einen
anderen. Ich war weder ein Mann, der sich je nach dem Weibe sehnte, noch
ein Mensch, der sich jemals Mensch unter Menschen fühlte. Ich war wie
ein Duft, wie ein Gefühl; ich war wie das Gefühl im Herzen der Dame, die
an mich dachte. Ich hatte keinen Freund und wünschte mir auch keinen,
genoß keine Achtung und wünschte auch keine, besaß nichts und begehrte
auch nie irgend etwas zu haben. Was man hat, hat man schon wieder nicht
mehr, und was man besitzt, hat man schon wieder verloren. Nur das,
wonach man sich sehnt, besitzt und hat man; nur, was man noch nie
gewesen, ist man. Ich war weniger eine Erscheinung als ein Sehnen, ich
lebte nur im Sehnen und war, war nur ein Sehnen. Weil ich nichts
kostete, schwamm ich im Genuß, und weil ich klein war, hatte ich hübsch
Platz, in eines Menschen Brust zu wohnen. Entzückend war, wie ich es mir
in der Seele, die mich liebte, bequem machte. Da ging ich also. Ging
ich? Nein, ich ging nicht: ich spazierte in der leeren Luft, ich
brauchte, um zu gehen, keinen Boden; höchstens berührte ich den Boden
leise mit den Fußspitzen, als sei ich ein talentreicher, von den Göttern
mit allen Gaben der Tanzkunst begnadeter Tänzer. Mein Kleid war weiß
wie Schnee, und Ärmel und Hosen schleppte ich nach; sie waren mir
um ein Erkleckliches zu lang. Auf dem Kopf trug ich ein zierliches
Dummkopfkäppchen. Die Lippen waren rot wie Rosen, das Haar war goldgelb
und ringelte sich mir um die schmalen Schläfen in anmutigen Locken.
Einen Körper hatte ich nicht oder kaum. Aus meinen blauen Augen schaute
die Unschuld. Ein schönes Lächeln hätte ich gar zu gern gelächelt; doch
es war zu zart; es war so zart, daß ich es nicht zu lächeln, sondern nur
zu denken und zu fühlen vermochte. Eine große Frau führte mich an der
Hand. Jede Frau ist groß, wenn sie zärtlich ist, und der Mann, der
geliebt wird, ist immer klein. Liebe macht mich groß; und geliebt und
begehrt sein, macht mich klein. Da war ich dir, lieber huldreicher
Leser, so fein und klein, daß ich bequem in den weichen Muff meiner
hohen, lieben, süßen Frau hätte schlüpfen können. Die Hand, die mich
hielt, und an der ich tanzend schwebte, war mit einem schwarzen
Handschuh bedeckt, der hoch hinauf bis über die Ellbogen reichte. Wir
gingen über eine graziös geschweifte und gebogene Brücke und die
rötliche, dichterisch-phantastische Schleppe meiner holden Herrin
schlang sich der Länge nach über die ganze Brücke, unter welcher
schwarzes, warmes, duftendes Wasser träge floß, goldene Blätter mit sich
tragend. War es Herbst? Oder war es ein Frühling nicht mit grünen,
sondern mit goldenen Blättern? Ich kann es nicht mehr sagen. Unsagbar
zärtlich schaute mich die Frau an: ich war bald ihr Kind, bald ihr
Mäuschen, bald ihr Mann. Und immer war ich ihr alles. Sie war das
überragend gewaltige und große Wesen, ich das kleine. Kahle Äste stachen
hoch oben in die Luft. So wurde ich weiter, immer weiter weggeführt als
eine Art von niedlichem Besitz, den der Eigentümer ruhig mit sich nimmt.
Ich dachte nichts und wollte und durfte auch von Denken nichts wissen.
Alles war weich und wie verloren. Hatte mich die Macht des Weibes zum
Knirps gemacht? Die Macht des Weibes: wo, wann und wie regiert sie? In
der Männer Augen? Wenn wir träumen? Mit Gedanken?
Die Gedichte
Im Sommer schrieb ich nie ein Gedicht. Das Blühen und Prangen war mir zu
sinnlich. Ich war traurig im Sommer. Mit dem Herbst kam eine Melodie
über die Welt. Ich war in den Nebel, in die früh schon beginnende
Dunkelheit, in die Kälte verliebt. Den Schnee fand ich göttlich, aber
vielleicht noch schöner und göttlicher kamen mir die dunklen, wilden,
warmen Stürme des Vorfrühlings vor. Im kalten Winter glänzten und
schimmerten die Abende bezaubernd. Die Töne taten es mir an, die Farben
redeten mit mir. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich unendlich einsam
lebte. Die Einsamkeit war die Braut, welcher ich huldigte, der Kamerad,
den ich bevorzugte, das Gespräch, das ich liebte, die Schönheit, die
ich genoß, die Gesellschaft, in welcher ich lebte. Es gab nichts
Natürlicheres und nichts Freundlicheres für mich. Ich war Kommis und
sehr oft ohne passende Stelle. Das paßte mir. O die reizende
träumerische Schwermut, das wonnige Verzagen, die himmlisch-schöne
Mutlosigkeit, die gesellige Trauer, die süße Härte. Ich liebte die
Vorstädte mit den vereinzelten Gestalten der Arbeiter. Die verschneiten
Felder sprachen mich vertraulich an, der Mond schien mir auf den
gespenstisch weißen Schnee niederzuweinen; die Sterne! Es war herrlich.
Ich war so fürstlich arm und so königlich frei. Ich stand in der
winterlichen Nacht, gegen den Morgen, am offenen Fenster und ließ mir
das Gesicht und die nur mit dem Nachthemd bedeckte Brust anhauchen vom
eisigen Atem. Und dabei hatte ich die sonderbare Einbildung, daß es
glühe rund um mich. Sehr oft warf ich mich, in dem entlegenen Zimmer,
das ich bewohnte, auf die Knie und bat Gott um einen hübschen Vers. Dann
ging ich zur Tür hinaus und verlor mich in die Natur.
Rinaldini
Über Paganini habe ich bereits geschrieben. So will ich mir denn heute
die Freiheit nehmen und einen geeigneten Aufsatz schreiben über
Rinaldini. Das Aufsatzschreiben und Essayieren ist gegenwärtig in großem
Schwang und erfreut sich einer weitverbreiteten Beliebtheit. Rinaldini,
dem vorliegender Essay gilt, war ein bedeutender Mann und ein großer
Räuber. Andere Leute waren groß als Künstler, er aber war ein Künstler
im Rauben und Morden, und groß war er als der prädestinierte Hauptmann
seiner Rotte oder Bande, die er zum Schrecken des friedlichen Teiles der
Einwohnerschaft befehligte. Groß von Gestalt, kühn von Charakter und
grausam von Sinnesart, schwang er sich gleichsam mit leichter Mühe zum
Herrn der Berge und der Wälder hinauf, und wer sein Feind war, lebte
keine vierundzwanzig Stunden länger. Rinaldini teilte mit andern
Mordbrennern und Mordbuben, von denen die Chronik berichtet, die edle
Eigenschaft, daß er das Kapital und den feigen Geldsack haßte, daß er
dagegen die armen Leute schonte. Wer irgendwie unterdrückt war, dem war
er ein Freund; wer dagegen auf den Vorteilen und auf den Wertpapieren
trotzte und protzte, dem spaltete er den Schädel, daß es eine Lust war.
Die Regierung setzte einen hohen Preis auf seinen Kopf; er jedoch, als
der freie Gewalt- und Renaissancemensch, der er war, trug ebendenselben
Kopf hoch und lachte über die Maßnahmen derer, die ihn fürchteten. Seine
Geliebte hieß Rosa, und sie war sein Alles. Wo Rosa war, war auch er,
und wo sie nicht mehr war, war auch er nicht mehr. Sie war sein Herz,
seine Seele. Sie war seine Mordlust. Ihr trug er, was er raubte, zu den
Füßen. Er stattete ihr das Felsengemach, in welchem sie wohnte, wahrhaft
fürstlich aus, bekleidete es mit den kostbarsten Teppichen und füllte es
an mit den zierlichsten und edelsten Gegenständen. Er war ihr Löwe, ihr
bis in den Tod treuer Löwe, und sie, sie liebkoste den Löwen, sie liebte
ihren Löwen. Der Jubel, die Freude und die Wonne durchzuckten sie, wenn
sie sah, wie er so grausam morden konnte, und wie er dann bei ihr so
sanft, so schüchtern war. Sie war möglicherweise eine kleine Sadistin,
diese Rosa. Doch zu Rinaldinis Zeiten nahm man dieses Kapitel noch nicht
so genau. Herrlich war sie, wenn sie, angetan mit den schönsten
Gewändern und mit schweren, goldenen Ohrringen in den Ohren, vor das
Zelt oder vor die Höhle trat, eine Zigarette zwischen den blendend
weißen Zähnen. Stolz wie eine Königin blickte sie in die Runde, und wer
sie so sah, verneigte sich vor ihr. Das taten die Herren Spitzbuben und
Räuber. Sie verehrten sie wie ihre Königin. Rinaldini, der sonst doch
ganz gewiß im höchsten Grade verunglückte Bursche, war glücklich durch
sie, dieser Galgenhalunke. Schließlich, und so wurde er doch aufs Rad
geflochten.
Lenau
Der Liebling des Grames, der Freund des Schmerzes war er. Seltsam war
er, und noch viel seltsamer ist es, daß man von ihm eigentlich gar
nichts kennt, und daß trotzdem sein Ruhm bis zu den Wolken hinaufragt.
Das macht sein Name. Sein Name ist so schön, so zigeunerhaft-romantisch.
Ich bin allein schon in den Namen Lenau verliebt, der nicht wie nach
realem Leben, sondern wie nach einem Roman, nach einer holdseligen
Liebesaffäre tönt. Lenau liebte den Herbst, das herbstliche Welken, das
Fallen der Blätter, das Entfärben, das Vergehen. Er liebte das
schneeweiße, kalte Schweigen des Winters. An den Tod und an das Ende zu
denken, war ihm ein sonderbarer Genuß. Sonderbar war Lenau. Er war
herrlich in seiner Art. Das Leben liebte er nicht, und dennoch liebte
er es, er liebte es um der darin enthaltenen Enttäuschungen willen.
Er war in die Enttäuschungen, in die Hoffnungslosigkeit, in die
Unergründlichkeit, in die harte Unentrinnbarkeit verliebt. Er liebte den
rauhen, kalten November, mithin also das sogenannte schlechte Wetter.
Schönes, mildes, sonniges Wetter irritierte ihn, machte ihn stutzen.
Dagegen, wenn die Stürme stürmten, wenn der Wind durch die Gegend
brauste, wenn der Schnee fiel, da erkannte er sein Wesen und lebte das
ihm angeborene Leben. Er fühlte sich wohl beim schauervollen Gedanken an
die Gräber, und auf den Genuß dessen, was nicht zu genießen ist,
verstand er sich vortrefflich. O, was für schöne, schmerzenbange,
wehmuttrunkene Herbstgedichte hat er gemacht. Sein Hauptausstattungsstück
bestand in einem schwarzen, flatternden Pellerinenmantel,
und Nummer zwei seiner Requisiten war ein Rinaldini-Schlapphut,
ebenfalls tiefernst und rabenschwarz von Farbe. Schwarz
war sein Haar, das sich gleich tiefen, schönen, anmutigen
Gedanken um seine ausdrucksvollen Schläfen ringelte. Voll schwarzen
Glanzes waren seine traurig-lieben Augen, mit denen er in die Welt
schaute, als verzweifle er, oder als sehne er sich nach einer
Verzweiflung. Augenbrauen schwarz und Bart schwarz, falls er einen
solchen hatte, was ich nicht geradezu behaupten möchte. Und in der
trüben, grauen, kalten Novemberluft flogen Raben, und Lenau stand am
Wege, unter einem entblätterten Baum, das Notizbuch in der Hand,
schreibend einen seiner schwermutvollen Verse. Seine Herbstlieder sind
weltberühmt. Ich selbst habe sie schon lange, lange nicht mehr gelesen.
Aus ferner, umflorter Erinnerung nur tauchen die Worte dieser Gedichte
vor mir auf, aber ich weiß, daß sie schön sind. Unverwelkliches Welken,
blühender, unsterblicher Gram, rosengleiches Verzagen und Klagen,
immergrüner Schmerz, ewig junger, ewig lebendiger Tod.
Tobold
_Der Schurke_
Glaubst du, ich sei ein Schurke? Ich
bin keiner. Glaube mir, ich bin
nicht solch ein Bösewicht. Das hat
die Zunge so aus mir gemacht.
Die Welt will gleich ein Bildnis sehn.
's ist sonderbar. Man ist nicht das,
was man in seinem Innern ist,
nein, du bist Werk von ihnen, bist
Abguß von dem Geflüster. Sie
woll'n dich so handeln sehn, und so
auch handelst du. Ich bin nicht schlecht;
nur krank.
_Tobold_
Wie? Ja. 's ist sonderbar.
Auch ich bin nicht der Meinung, du seist ein
Halunke. Zwar bin ich
ja nur ein dummer Junge, und
ich kann mich irren, doch kann denn
nicht auch die Welt im Irrtum sein?
Könn'n sie nicht auch sich irr'n, die dich
verdammen? Du hast Augen, die
mir, wie doch soll ich sagen, sehr
gefallen. Krank bist du? Ich glaub's.
Doch warum gehst du nicht zum Arzt?
_Schurke_
Vielleicht bist du der Arzt. Du bist
jed'falles gut.
_Tobold_
Hier kommt ja, wie ich sehe, der
schlicht-ehrliche Bedrängte. Sein
Gesicht ist falsch. Er hält sich für
was Bess'res als er ist. Er ist
mehr Schaf als fromm. Ich mag ihn nicht.
Dich, Schurke, jedoch mag ich gern.
_Der Bedrängte_
Voll Bosheit, bild' ich stets mir ein,
sei diese ungereimte Welt.
Ich blicke stets nur selbst mich an
und sehe immer mich verfolgt:
Hier steht der Bös'wicht, der mich drängt.
_Tobold_
Das bildet sich ein Dummkopf ein.
_Der Bedrängte_
Wer bist du, der so keck sich mischt
in dieses Spiel? Ich sah dich nie
und achte deiner deshalb nicht.
Du scheinst ein frecher Betteljung'!
_Tobold_
Tobold heiß' ich, und ich gab nie
Schafsköpfen Anlaß, mich
zu achten. 's ist ein mageres Geschäft
und es kommt nichts dabei heraus.
Ich bin mein selbst. Ich selbst
hab Achtung vor mir. Wisse das. Und dann
hab ich auch Freude an der Welt.
Hier beispielsweis' am Schurken hab'
ich Freude. An der Sonne hab'
ich Freude. Doch an dir nicht. Du
freust mich in keiner Art und Weis'.
Nicht Art hast du. Was Art hat, das
entzückt mich. Dieb' und Schelm'
selbst sind erfreulich. Packt man sie,
so sperrt man sie ins Zuchthaus ein
und weiß auch, was getan man hat.
Doch du bist ein Chamäleon.
Nichtswürdig bist du. Teufel sind
doch Teufel. -- Hier dem Schurken geb'
die Hand ich. Dir kann man die Hand
nicht reichen. Spinnen sind verständlicher,
Mäus', Ratt' und Kröten, als
ein Mensch, wie du, dem's nur auf das
Verfolgtsein ankommt.
_Schurke_
Ha ha ha!
Recht so, mein Junge, schimpf ihn aus.
_Bedrängter_
Auch hier, auch hier bedrängt man mich.
Die Welt ist voll von Hinterlist.
Ich will nur gleich zur Fürstin gehn
und ihr das melden.
_Schurke_
Tritt nur ab.
Komm, du mein wackrer Junge, komm.
Ich will zu einer Tänzerin
dich führen. Wein soll sprühn. Der Ort,
wo sie sich aufhält, ist nicht fern.
In dem Gebüsch, das du dort siehst,
liegt sie im schwellend weichen Gras.
Schön ist sie, göttergleich tanzt sie.
Doch du wirst sehn. Sie soll dich an
die Brüste drücken. Schlemmen ist
nicht schlecht, wenn man's mit Grazie tut.
_Tobold_
Ich gehe gern an solchen Ort.
Verwandlung
_Tobold_
Ich soll mich finden, sagt mir das
Gestirn. Mich finden? Müßt' ich da
mich nicht vorher verlieren? Kann
ich mich denn finden, wenn's an mir
nichts aufzufinden gibt? Wer nie
verloren gehn will, kann sich auch
nie finden. Also will ich mich
verlieren. Hier nun tapp' ich ganz
im Dunkeln. Nacht ist es, und ein
Geräusch, so sieht's hier aus, läßt sich
hier gar nicht denken. Wenn ein Schuß
jetzt fiele, wär's mir, wie wenn ich
ihn mir nur träumte. Was denn such'
ich hier? Mich selbst? Nein, denn ich bin
nicht gar so sehr erpicht auf mich.
Es muß hier jemand sein, sonst wär'
ich hier nicht auf der Suche. Pst.
Sprach da nicht jemand? Ganz bestimmt
ist irgend jemand hier, doch wer,
ist mir ein Rätsel. Doch wenn auch
der Glaube nur, es sei hier wer,
hier ist, so ist schon viel hier. Mir
sagt es der Glaube, daß es hier
ein Leben gibt, und daß wer hier
ist, schön ist. Horch. War das? Nein, es
ist alles still. Nichts regt sich, als
der Wunsch in mir, es möchte hier
jemand sich regen.
_Die Verlassene_
Bös' bin ich? Nein, ich bin nicht bös'.
Verfehmt bin ich und muß hier am
entlegnen Ort verlassen sein.
Um Liebe willen, die mich hat
betrügen müssen, muß ich hier
verstoßen und verlassen sein.
Niemand kommt zu mir her, es fällt
niemandem ein, bei mir zu sein.
Niemand kommt bis zum düstern Ort
der finstern Ausgestoßenheit.
Es will mich niemand kennen, es
will niemand mehr gerecht mir sein.
Ich kann nicht klagen. Klagt' ich, so
riß es mich bis zum Wahnsinn hin.
Drum still, drum nur gelitten, nur
allein gelitten. Ist nichts anderes
übrig, so leidet man
wie in dem Grund des Meers das Naß
nur naß sein kann, wie, wer sich sticht,
nur bluten kann. Verlassenheit,
sei du mir Krone. Schmerz, sei du
Palast mir, und ich Fürstin so.
_Tobold_
Horch, horch, es tönt. Wie süß das tönt.
Ich habe stets Musik geliebt.
Mir immer als ein Wunder kam
sie vor.
_Verlassene_
Ist jemand hier?
_Tobold_
Ich bin's.
_Verlassene_
Wer bist du?
_Tobold_
Eine Wenigkeit.
Ein junger dummer Mensch bin ich.
Sonst brav vielleicht, vielleicht auch nicht;
arbeitsam, doch vielleicht auch nicht;
fähig zum Guten, doch vielleicht
auch zu was anderem fähig. Un-
bekannt ist mir's. Ich habe mich
da so, wie soll ich sagen, in
der Finsternis verloren, doch
hielt ich stets wacker mich gradauf.
Es soll der Mensch auf Haltung sehn,
als wenn er selbst sich immer ge-
genüberstände. Fürstin nannt'st
du dich. Ich habe es gehört. Ich hab'
gelauscht. Verzeih. Ich bin
solch einer, der das, was er hört,
beiseite schiebt. Es scheint, daß du
unglücklich bist. So paßt es; denn
ich liebe und verehre, was
nicht fröhlich ist. Ich selbst, mußt du
erfahren, bin mir, glaub' mir, fast
zu fröhlich. Ich verachte mich
ja auch dafür. Sehr gerne dient'
ich dir. Ich seh' dich nicht, denn es
ist dunkel hier. Was macht's. Es sieht
die Seele dich. Doch daß du's weißt:
ich sterbe vor Verlangen, dich
zu sehn, und wünscht', ich hätt' ein Licht
zur Hand, damit ich Schönheit säh'
und nicht nur fühle. Sag', was soll
ich tun. Kann ich dir helfen? Ich
bin einer, den's entzückt, zu Dienst
zu stehn. Ich will für dich hinab
in die Verdammnis gehn, um zu
verdienen, dich zu küssen. So
sprich doch. Ich rede hier, und du
schweigst. Bist du bös'?
_Verlassene_
Ich bin nicht bös'.
Ich bin nur leid. Sprich weiter. Dein
Gespräch hat was wie Trost für mich.
Du sprichst zutraulich. Sage, bist
du ein so armer Mensch, und als
Person so niedrig, daß du mußt
zu der Verfehmten reden, und
noch in so gutem Ton? Es muß nicht viel
Stand, Würde und Bedeutendheit
am Menschen sein, der zu mir spricht
und noch, wie's scheint, so gern.
_Tobold_
Es gibt mehr Armut als du träumst.
_Verlassene_
Kann jemand ärmer sein als ich?
_Tobold_
Wohl kann noch jemand ärmer sein.
Sind denn nicht alle Menschen sehr,
sehr arm? Wer brüstet sich und sagt:
»Ich bin wahrhaftig reich«? Niemand
ist reich. Geboren sein heißt in
die Armut sinken. Leben heißt
mit Nöten kämpfen. Es gab nie
solch einen Lebensreichtum. Reich
ist, wer nicht bös' ist. Wenn du kein
Gelüst hast, dich zu rächen, kein
Gefühl des Zorns hast, bist du nicht
die Ärmste. Wer noch weint, ist reich.
Wer unrecht hat, ist reich. Zu den
Besitzenden gehört nicht der
Besitzende, nicht der, der auf dem Recht beharrt,
nicht der Starrköpfige, der
recht haben will. Unrecht ist süß,
wonnig und reich, und wenn du im
Gefängnis sitz'st und büß'st, so bist
du reich.
_Verlassene_
So bin ich reich im Leid?
Welch eine Sprache führst du da?
Bist du zu mir gekommen, mir
zu sagen, daß ich reicher sei
als die, die glauben, ich sei sehr
elend, als die, die denken, ich
müsse verzweifeln?
_Tobold_
Ja, gewiß.
_Verlassene_
Bist du ein Engel?
_Tobold_
I bewahr!
Ein Häufchen Unzulänglichkeit,
das bin ich. Schlecht bin ich. Seh's ein.
_Verlassene_
So ist es Kunst nur, was du sprichst?
_Tobold_
Nein, Seele. Wie auch könnt' es Kunst
sein, da ich doch kein Künstler bin.
_Verlassene_
Was bist du?
_Tobold_
Weiß es selber nicht.
Muß erst erfahren, was ich bin.
_Verlassene_