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Kleine Dichtungen
von
Robert Walser
Erste Auflage hergestellt
für den Frauenbund
zur Ehrung rheinländischer
Dichter
Leipzig
Kurt Wolff Verlag
1914
Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Inhalt
Brief eines Dichters an einen Herrn 9
Mittagspause 14
Die Göttin 16
Der Nachen 18
Pierot 20
Sommerfrische 22
Frau von Twann 24
Die Insel 27
Meta 29
Fußwanderung 34
Der Kuß 37
Das Traumgesicht 40
Nächtliche Wanderung 43
Johanna 46
Der Bursche 49
Der Knabe 51
Das Götzenbild 54
»Apollo und Diana« 56
Zwei Bilder meines Bruders
»Die Frau am Fenster« 59
»Der Traum« 61
Die Gedichte 65
Rinaldini 67
Lenau 70
Tobold 73
Helblings Geschichte 86
Brief eines Vaters an seinen Sohn 111
Spazieren 116
Der Schäfer 119
Die Einladung 121
Der nächtliche Aufstieg 124
Die Landschaft 127
Der Dichter 129
Das Liebespaar 131
Der Mond 134
Ein Nachmittag 136
Die kleine Schneelandschaft 139
Das Mädchen 141
Das Eisenbahnabenteuer 143
Die Stadt 146
Das Veilchen 149
Die Kapelle 152
Der Tänzer 155
Die Sonate 158
Das Gebirge 161
Der Traum 165
Der Jagdhund 168
Der Vater 171
Der Träumer 174
Der Pole 177
Der Doktor 181
Der Liebesbrief 184
Der Hanswurst 187
Sonntagmorgen 189
Ausgang 191
Die Millionärin 193
Erinnerung 196
Die Schneiderin 199
Das Stellengesuch 202
»Geschwister Tanner« 205
Eine Stadt 208
Spaziergang 212
Das Kätzchen 216
Tannenzweig, Taschentuch und Käppchen 218
Der Mann 220
Das Pferd und die Frau 222
Die Handharfe 224
Die Fee 226
Kleine Wanderung 228
Wirtshäuselei 230
Der Morgen 232
Der Ausflug 234
Schnee 236
Der Blick 238
Der Heidenstein 240
Der Waldberg 242
Zwei kleine Sachen 246
Herbstnachmittag 248
Der Felsen 252
Die Eisenbahnfahrt 255
Das Lachen 258
Der Berg 261
Schwärmerei 264
Oskar 267
Die Einfahrt 271
Die Vaterstadt 274
Das Grab der Mutter 276
Abend 278
An den Bruder 281
Ich wanderte und wandre noch,
doch war mein Geh'n nicht immer gleich.
Bald trug ich Heiterkeit mit mir.
Bald, wie es auch dem Himmel geht,
verlor sich plötzlich meine Lust
in einen langen Tag von Leid --
Brief eines Dichters an einen Herrn
Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch
fand, und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie
mich kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht
weiß, was ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in
mir auf, denn ich bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt,
kennen gelernt zu werden. Ich bin außerordentlich unhöflich, und an
Manieren besitze ich so gut wie nichts. Ihnen Gelegenheit geben, mich zu
sehen, hieße, Sie mit einem Menschen bekannt machen, der seinen
Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein
wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen Sonderling vor
Augen haben? Ihr liebenswürdiger Brief hat mich sehr gefreut. Doch Sie
irren sich in der Adresse. Ich bin Der nicht, der verdient, solcherlei
Höflichkeiten zu empfangen. Ich bitte Sie: Stehen Sie sogleich ab von
dem Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. Artigkeit steht mir schlecht
zu Gesicht. Ich müßte Ihnen gegenüber die notwendige Artigkeit
hervorkehren; und das eben möchte ich vermeiden, da ich weiß, daß
artiges und manierliches Betragen mich nicht kleidet. Auch bin ich nicht
gern artig; es langweilt mich. Ich vermute, daß Sie eine Frau haben, daß
Ihre Frau elegant ist, und daß bei Ihnen so etwas wie ein Salon ist. Wer
sich so feiner und schöner Ausdrücke bedient wie Sie, hat einen Salon.
Ich aber bin nur Mensch auf der Straße, in Wald und Feld, im Wirtshaus
und in meinem eigenen Zimmer; in irgend jemandes Salon stünde ich da wie
ein Erztölpel. Ich bin noch nie in einem Salon gewesen, ich fürchte mich
davor; und als Mann von gesunder Vernunft muß ich meiden, was mich
ängstigt. Sie sehen, ich bin offenherzig. Sie sind wahrscheinlich ein
wohlhabender Mann und lassen wohlhabende Worte fallen. Ich dagegen bin
arm, und alles, was ich spreche, klingt nach Ärmlichkeit. Entweder
würden Sie mich mit Ihrem Hergebrachten oder ich würde mit meinem
Hergebrachten Sie verstimmen. Sie machen sich keine Vorstellung davon,
wie aufrichtig ich den Stand, in welchem ich lebe, bevorzuge und liebe.
So arm ich bin, ist es mir doch bis heute noch nie eingefallen, mich zu
beklagen; im Gegenteil: ich schätze, was mich umgibt, so hoch, daß ich
stets eifrig bemüht bin, es zu hüten. Ich wohne in einem wüsten, alten
Haus, in einer Art von Ruine. Doch das macht mich glücklich. Der Anblick
armer Leute und armseliger Häuser macht mich glücklich; so sehr ich auch
denke, wie wenig Grund Sie haben, dies zu begreifen. Ein bestimmtes
Gewicht und eine gewisse Menge von Verwahrlosung, von Verlotterung und
von Zerrissenheit muß um mich sein: sonst ist mir das Atmen eine Pein.
Das Leben würde mir zur Qual, wenn ich fein, vortrefflich und elegant
sein sollte. Die Eleganz ist mein Feind, und ich will lieber versuchen,
drei Tage lang nichts zu essen als mich in die gewagte Unternehmung
verstricken, eine Verbeugung zu machen. Verehrter Herr, so spricht nicht
der Stolz, sondern der ausgesprochene Sinn für Harmonie und
Bequemlichkeit. Warum sollte ich sein, was ich nicht bin, und nicht
sein, was ich bin? Das wäre eine Dummheit. Wenn ich bin, was ich bin,
bin ich mit mir zufrieden; und dann tönt alles, ist alles gut um mich.
Sehen Sie, es ist so: schon ein neuer Anzug macht mich ganz unzufrieden
und unglücklich; woraus ich entnehme, wie ich alles, was schön, neu und
fein ist, hasse und wie ich alles, was alt, verschabt und verbraucht
ist, liebe. Ich liebe Ungeziefer nicht gerade; ich möchte Ungeziefer
nicht geradezu essen, aber Ungeziefer stört mich nicht. In dem Haus, in
welchem ich wohne, wimmelt es von Ungeziefer: und doch wohne ich gern in
dem Haus. Das Haus sieht aus wie ein Räuberhaus, zum ans Herz drücken.
Wenn alles neu und ordentlich ist in der Welt, dann will ich nicht mehr
leben, dann morde ich mich. Ich fürchte also quasi etwas, wenn ich
denken soll, ich solle mit einem vornehmen und gebildeten Menschen
bekannt werden. Wenn ich befürchte, daß ich Sie nur störe und keine
Förderlichkeit und Erquicklichkeit für Sie bedeute, so ist die andere
Befürchtung ebenso lebendig in mir, nämlich die (um ganz und gar offen
zu reden), daß auch Sie mich stören und mir nicht erquicklich und
erfreulich sein könnten. Es ist eine Seele in eines jeden Menschen
Zustand; und Sie müssen unbedingt erfahren, und ich muß Ihnen das
unbedingt mitteilen: ich schätze hoch, was ich bin, so karg und ärmlich
es ist. Ich halte allen Neid für eine Dummheit. Der Neid ist eine Art
Irrsinn. Respektiere jeder die Lage, in der er ist: so ist jedem
gedient. Ich fürchte auch den Einfluß, den Sie auf mich ausüben könnten;
das heißt: ich fürchte mich vor der überflüssigen innerlichen Arbeit,
die getan werden müßte, mich Ihres Einflusses zu erwehren. Und deshalb
renne ich nicht nach Bekanntschaften, kann nicht danach rennen. Jemand
Neues kennen lernen: Das ist zum mindesten stets ein Stück Arbeit, und
ich habe mir bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich die Bequemlichkeit
liebe. Was werden Sie denken von mir? Doch das muß mir gleichgültig
sein. Ich will, daß mir das gleichgültig sei. Ich will Sie auch nicht um
Verzeihung wegen dieser Sprache bitten. Das wäre Phrase. Man ist immer
unartig, wenn man die Wahrheit sagt. Ich liebe die Sterne, und der Mond
ist mein heimlicher Freund. Über mir ist der Himmel. Solange ich lebe,
werde ich nie verlernen, zu ihm hinaufzuschauen. Ich stehe auf der Erde:
Dies ist mein Standpunkt. Die Stunden scherzen mit mir, und ich scherze
mit ihnen. Ich vermag mir keine köstlichere Unterhaltung zu denken. Tag
und Nacht sind meine Gesellschaft. Ich stehe auf vertrautem Fuß mit dem
Abend und mit dem Morgen. Und hiermit grüßt Sie freundlich
der arme junge Dichter.
Mittagspause
Ich lag eines Tages, in der Mittagspause, im Gras, unter einem
Apfelbaum. Heiß war es, und es schwamm alles in einem leichten Hellgrün
vor meinen Augen. Durch den Baum und durch das liebe Gras strich der
Wind. Hinter mir lag der dunkle Waldrand mit seinen ernsten, treuen
Tannen. Wünsche gingen mir durch den Kopf. Ich wünschte mir eine
Geliebte, die zum süßen duftenden Wind paßte. Da ich nun die Augen
schloß und so dalag, mit gegen den Himmel gerichtetem Gesichte, bequem
und träg auf dem Rücken, umsummt vom sommerlichen Gesumm, erschienen
mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligkeit herab, zwei
Augen, die mich unendlich liebenswürdig anschauten. Auch die Wangen sah
ich deutlich, die sich den meinigen näherten, als wollten sie sie
berühren, und ein wunderbar schöner, wie aus lauter Sonne geformter,
feingeschweifter und üppiger Mund kam aus der rötlich-bläulichen Luft
nahe bis zu dem meinigen, ebenfalls so, als wolle er ihn berühren. Das
Firmament, das ich zugedrückten Auges sah, war ganz rosarot, umsäumt von
edlem Sammetschwarz. Es war eine Welt von lichter Seligkeit, in die ich
schaute. Doch da öffnete ich dummerweise plötzlich die Augen, und da
waren Mund und Wangen und Augen verschwunden, und des süßen
Himmelskusses war ich mit einmal beraubt. Auch war es ja Zeit, in die
Stadt hinunterzugehen, in das Geschäft, an die tägliche Arbeit. Soviel
ich mich erinnere, machte ich mich nur ungern auf die Beine, um die
Wiese, den Baum, den Wind und den schönen Traum zu verlassen. Doch in
der Welt hat alles, was das Gemüt bezaubert und die Seele beglückt,
seine Grenze, wie ja auch, was uns Angst und Unbehagen einflößt,
glücklicherweise begrenzt ist. So sprang ich denn hinunter in mein
trockenes Bureau und war hübsch fleißig bis an den Feierabend.
Die Göttin
Ich ging einst, ganz in Gedanken, die elegante Hauptstraße entlang.
Viele Menschen spazierten in derselben. Die Sonne schien so freundlich.
Die Bäume waren grün, der Himmel war blau. Ich weiß nicht mehr genau, ob
es Sonntag war. Ich erinnere mich nur, daß etwas Süßes, etwas
Freundliches um mich war. Doch etwas noch Schöneres sollte folgen, indem
sich nämlich vom ungewissen leichten Himmel herab eine schneeweiße Wolke
auf die Straße niedersenkte. Die Wolke glich einem großen und graziösen
Schwan, und auf dem weichen, weißen, flaumigen Rücken der Wolke saß, in
liegender Haltung, den Arm nachlässig ausgestreckt, voller freundlicher,
kindlicher Majestät, eine nackte Frau. So hatte ich mir stets die
Göttinnen aus Griechenland vorgestellt. Die Göttin lächelte, und alle
Menschen, die sie sahen, waren genötigt, mitzulächeln, bezaubert von der
holdseligen Schönheit. O wie ihr Haar in der Sonne schimmerte! Mit ihren
großen blauen gütigen Augen schaute sie die Welt an, die sie gleichsam
mit ihrem hohen kurzen Besuch beehrte. Die Wolke flog auf, gleich einem
Luftschiff, und nach kurzer Zeit war mir und allen andern der herrliche
Anblick wieder entschwunden. Da gingen die Leute ins nächstgelegene
Kaffeehaus und erzählten einander die wunderbare Neuigkeit. Noch schien
die Sonne freundlich, auch ohne Göttin.
Der Nachen
Ich glaube, ich habe diese Szene schon geschrieben, aber ich will sie
noch einmal schreiben. In einem Nachen, mitten auf dem See, sitzen ein
Mann und eine Frau. Hoch oben am dunklen Himmel steht der Mond. Die
Nacht ist still und warm, recht geeignet für das träumerische
Liebesabenteuer. Ist der Mann im Nachen ein Entführer? Ist die Frau die
glückliche, bezauberte Verführte? Das wissen wir nicht; wir sehen nur,
wie sie beide sich küssen. Der dunkle Berg liegt wie ein Riese im
glänzenden Wasser. Am Ufer liegt ein Schloß oder Landhaus mit einem
erhellten Fenster. Kein Laut, kein Ton. Alles ist in ein schwarzes,
süßes Schweigen gehüllt. Die Sterne zittern hoch oben am Himmel und auch
von tief unten aus dem Himmel herauf, der im Wasserspiegel liegt. Das
Wasser ist die Freundin des Mondes, es hat ihn zu sich herabgezogen, und
nun küssen sich das Wasser und der Mond wie Freund und Freundin. Der
schöne Mond ist in das Wasser gesunken wie ein junger kühner Fürst in
eine Flut von Gefahren. Er spiegelt sich im Wasser, wie ein schönes
liebevolles Herz sich in einem andern liebesdurstigen Herzen
widerspiegelt. Herrlich ist es, wie der Mond dem Liebenden gleicht,
ertrunken in Genüssen, und wie das Wasser der glücklichen Geliebten
gleicht, umhalsend und umarmend den königlichen Liebsten. Mann und Frau
im Boot sind ganz still. Ein langer Kuß hält sie gefangen. Die Ruder
liegen lässig auf dem Wasser. Werden sie glücklich, werden sie glücklich
werden, die zwei, die da im Nachen sind, die zwei, die sich küssen, die
zwei, die der Mond bescheint, die zwei, die sich lieben?
Pierot
Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener,
ungelenkiger Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wäre es
für ihn besser getan gewesen, hübsch ruhig zu Hause zu bleiben und
zwischen seinen eigenen vier Wänden Trübsal zu blasen, als hier im
schönen Vergnügungssaal durch Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte
und schleuderte die langen Arme hin und her. Es sah zum Verzweifeln aus,
wie er seinen Kopf zur Erde hängen ließ. Wo wollte er hinaus mit sich,
und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball zu beginnen? Übermütig
tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie schön die Kerzen
strahlten, wie süß die Musik spielte! War es nicht, als wenn
Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein
geschlagener Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hände
über dem Kopf zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hüpfte,
einem artigen, guterzogenen Hündchen gleich, die Tanzlust hin und her.
Gläser klirrten, Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelächter
ertönte. Ein glühender Verehrer hatte die Geliebte und abgöttisch
Verehrte aus den Augen verloren und suchte sie. Ein anderer, vom
Entzücken hingerissen, kniete vor der Dame seines Herzens nieder. Zwei
Glückliche küßten und liebkosten sich. Jedermann schien das Seinige zu
haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der arme, arme
Pierot, war unbeweglich. Für ihn gab es keine Lust. Er begriff sich
selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weißen Statue ähnlich, oder
einem Gemälde ähnlich, lag er da und schaute verständnislos vor sich
hin. Ein kaum merkliches trauervolles Lächeln spielte ihm um die blassen
Lippen. Sein Gesicht war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der
Dummkopf. Armer Dummkopf, armer Bursche! Wo alles außer sich war, wo
alles lebte und lachte, wo alles, was Beine hatte, tanzte und
Luftsprünge machte, glich er dem tödlich getroffenen Verwundeten,
verblutend an den spitzfindigen, dolchähnlichen Melancholien. Ja, er
hätte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der
Lust, dem Glanz, dem Glück und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der
Einsamkeit leben.
Sommerfrische
Was tut man in der Sommerfrische? Du mein Gott, was soll man viel tun?
Man erfrischt sich. Man steht ziemlich spät auf. Das Zimmer ist sehr
sauber. Das Haus, das du bewohnst, verdient nur den Namen Häuschen. Die
Dorfstraßen sind weich und grün. Das Gras bedeckt sie wie ein grüner
Teppich. Die Leute sind freundlich. Man braucht an nichts zu denken.
Gegessen wird ziemlich viel. Gefrühstückt wird in einer lauschigen,
sonnendurchstochenen Gartenlaube. Die appetitliche Wirtin trägt das
Frühstück auf, du brauchst nur zuzugreifen. Bienen summen um deinen Kopf
herum, der ein wahrer Sommerfrischenkopf ist. Schmetterlinge gaukeln von
Blume zu Blume, und ein Kätzchen springt durch das Gras. Ein wunderbarer
Wohlgeruch duftet dir in die Nase. Hiernach macht man einen Spaziergang
an den Rand eines Wäldchens, das Meer ist tiefblau, und muntere braune
Segelschiffe fahren auf dem schönen Wasser. Alles ist schön. Es hat
alles einen gewinnenden Anstrich. Dann kommt das reichliche Mittagessen,
und nach dem Mittagessen wird unter Kastanienbäumen ein Kartenspiel
gespielt. Nachmittags wird im Wellenbad gebadet. Die Wellen schlagen
dich mit Erfrischung und Erquickung an. Das Meer ist bald sanft, bald
stürmisch. Bei Regen und Sturm bietet es einen großartigen Anblick dar.
Nun kommen die schönen stillen Abende, wo in den Bauernstuben die Lampen
angezündet werden und wo der Mond am Himmel steht. Die Nacht ist ganz
schwarz, kaum durch ein Licht unterbrochen. Etwas so Tiefes sieht man
nirgends. So kommt ein Tag nach dem andern, eine Nacht nach der andern,
in friedlicher Abwechslung. Sonne, Mond und Sterne erklären dir ihre
Liebe, und du ihnen ebenfalls. Die Wiese ist deine Freundin, und du ihr
Freund, du schaust während des Tages öfters hinauf in den Himmel und
hinaus in die weite zarte weiche Ferne. Am Abend, zur bestimmten Stunde,
ziehen die Rinder und Kühe ins Dorf hinein, und du schaust zu, du
Faulenzer. Ja, in der Sommerfrische wird ganz gewaltig gefaulenzt, und
eben das ist ja das Schöne.
Frau von Twann
Waren Sie schon einmal bei Frau von Twann? Nicht? Dann beeilen Sie sich,
dieser Frau eine Artigkeit zu sagen, damit Sie eine Einladung bekommen,
bei ihr zum Essen zu erscheinen. Frau von Twann ist geistvoll, aber sie
ist noch mehr als das, sie ist schön. Sie ist in ihrer Art eine reife
Birne, weich, doch von ausnehmend schöner Form. Das Essen, das sie gibt,
ist vorzüglich; die Weine sind ausgezeichnet. Doch das ist das wenigste.
Wenn du Frau von Twann die Hand küßt, schwebst du schon im Himmel. Ein
Lächeln hat diese Frau. Geh hin zu ihr und sieh zu, daß sie dir ein
Lächeln schenkt. Ihr Lächeln ist wie ein Kuß. Sie weiß das, und daher
hütet sie sich, es zu verschwenden. Die Blumen, die Lichter, die Musik
bei Frau von Twann. Schon der bloße Gedanke macht mich schwelgen. B...,
dieser Kenner der Genüsse, lechzt danach, der seltenen Frau vorgestellt
zu werden, und sie wird sicherlich den ausgezeichneten Mann gern
empfangen. Sie besitzt Geschmack, doch sie besitzt mehr, sie besitzt
Größe. Sie ist von einer Munterkeit durchdrungen, die auf denjenigen
überspringt, der die Freude empfindet, sich an der Unterhaltung
beteiligen zu dürfen, deren Lenkerin und Leiterin sie ist. Sie ist die
Herrin und Gebieterin vieler reizender Einfälle, und zu wem sie ein Wort
spricht, der ist von ihr bezaubert. Ihr Eßzimmer ist schneeweiß, von
zartem Gold durchbrochen. Süße Malereien schmücken die Wände. Der
Empfangsraum ist grün, gleich der frohlockenden Hoffnung, die Gunst der
Herrin des Hauses zu gewinnen. Wer bei ihr im Hause ist, der muß
frohlocken, ob er will oder nicht. Die Bedienung ist tadellos. Die
Diener der Frau von Twann sind derart einexerziert, daß man gar nicht
merkt, daß sie überhaupt da sind. Kann man einer Dienerschaft ein
besseres Zeugnis ausstellen? Die unsichtbare Musik, die während des
Essens in die Ohren der Schmausenden niederträufelt, ist so schön, daß
man sich einbildet, Mozart selbst dirigiere sie. Poeten tragen gern bei
Frau von Twann ihre neuesten, noch ganz warmen und feuchten Gedichte
vor, und sie ernten meist reichen Beifall, den sie redlich verdienen.
Wen lädt die holde hohe Frau ein? Nun, alle, die von der Absicht beseelt
sind, sich ehrlich zu amüsieren. Sie liebt die Ausgelassenheit. O das
Mondlicht, das zarte, silberne, das dort in die heimlichen, duftenden
Gemächer hineinbricht. Eines ihrer Zimmer ist ganz blau, wie ein Himmel.
Dorthin verlieren sich die Liebenden, um sich zu küssen. Noch hat kein
Mensch sich bei Frau von Twann gelangweilt. Das müßte ein elender Mensch
sein, der sich bei der Liebenswürdigen, Anbetenswerten langweilen
könnte. Aber das ist ja unmöglich. Sie macht den, der sie kennen lernt,
zum guten, edlen und unterhaltenden Menschen.
Die Insel
Ein Hochzeitspaar aus Berlin ging auf die Reise. Die Fahrt war lang.
Endlich kamen die beiden jungen Vermählten in einer Stadt an, die war
ganz aus roten ernsten Steinen gebaut, und ein breiter blauer Strom floß
daran vorüber. Ein hoher majestätischer Dom spiegelte sich im Spiegel
des Wassers. Doch die Stadt schien ihnen nicht geschaffen, längeren
Aufenthalt zu nehmen, und sie zogen weiter, und da es regnete, spannten
sie einen großen Regenschirm auf und versteckten sich unter demselben.
Sie kamen vor ein altes, in einem weitläufigen Garten verborgenes Schloß
und gingen schüchtern hinein. Eine schöne steinerne Wendeltreppe,
geschaffen wie für einen regierenden Fürsten, führte hinauf ins erste
Stockwerk. Alte dunkle Gemälde hingen an den hohen, schneeweißen Wänden.
Sie klopften an einer schweren alten Türe. »Herein.« Und da saß, in eine
gelehrte geheimnisvolle Arbeit vertieft, ein uraltes Männchen am
Schreibtisch. Die Leute aus Berlin fragten, ob sie im Schloß wohnen
könnten, es gefiel ihnen. Doch es war nichts anzufangen mit dem alten
Mann, der nur schwerfällig den Kopf schüttelte. So zogen sie weiter. Sie
kamen in ein Schneegestöber hinein, arbeiteten sich aber wieder heraus,
und so ging es fort durch Wälder, Dörfer und Städte. Nirgends wollte
sich ein passendes Lustplätzchen ausfindig machen lassen, und in den
Hotels waren obendrein noch die Kellner frech, die Spitzbuben. Sie
übernachteten einmal in einem Hotel, wo es freilich die weichsten und
schönsten Roßhaarbetten gab und liebliche Gardinen vor den Fenstern,
aber die Preise, unverschämt teuer, drückten ihnen beinahe das Herz ab.
Bis nach Venedig kamen sie, zu den höhnischen Italienern. Die Schurken,
sie singen Serenaden, pressen aber dafür den Fremden das Geld mit Hebeln
und mit Schrauben ab. Schließlich hatten sie Glück. Sie erblickten aus
der Ferne, mitten in einen anmutigen See gelegt, eine liebliche,
hellgrün schimmernde Insel, auf diese steuerten sie zu, und dort fanden
sie es so schön, daß sie nicht mehr fort konnten. Sie blieben auf der
Insel wohnen. Die Insel glich an landschaftlicher Schönheit einem holden
süßen Mädchenlächeln. Dort logierten sie und waren glücklich.
Meta
Es trug sich zu, daß ich eines Nachts, nur noch dunkel erinnere ich mich
der kleinen aber rührenden Szene, von einer wilden Trinkwanderung
verstört und taumelnd heimkehrend, in einer der monotonen Straßen der
großen Stadt eine Frau antraf, die mich aufforderte, mit ihr nach Hause
zu gehen. Es war keine schöne und doch eine schöne Frau. Entsprechend
dem Zustand, in welchem ich mich befand, richtete ich allerhand mich
selber höchlich belustigende, törichte, wenngleich vielleicht witzige
Redensarten an das nächtliche Geschöpf, wobei ich mit der Gabe, die den
Leuten eigen ist, die einen Rausch haben, merkte, daß ich ihr sehr
amüsant erschien. Noch mehr: ich gefiel ihr, und ich gewann den
Eindruck, daß sie sich einer liebenswürdigen Schwäche in bezug auf mich
hinzugeben begann. Ich wollte sie verlassen, doch sie ließ mich nicht
los, und sie sagte: »O, geh nicht von mir weg. Komm mit mir, lieber
Freund. Willst du kaltherzig sein und nichts empfinden für mich? Nicht
doch. Du hast viel getrunken, du kleines Kerlchen. Trotzdem sieht man
dir an, daß du lieb bist. Willst du nun böse sein und mich so schmählich
abweisen, wo doch ich dich so rasch liebgewonnen habe? Nicht doch. O,
wenn du wüßtest -- -- doch man darf ja den Herren nicht mit Gefühlen
kommen, sonst verachten und verlachen sie unsereinen nur. Wenn du
wüßtest, was ich leide unter der Kälte, unter der Leere all dieser
Sinnlichkeiten, die mein trauerspielgleiches, schreckenerregendes
Gewerbe sind. Ich erschien mir bis heute nur immer wie ein Ungeheuer,
wert, mit Fußtritten behandelt zu werden. Ich habe jetzt eine milde,
süße, fromme Empfindung in mir, erweckt durch dich, mein Lieber, und du,
du willst mich jetzt wieder in den Scheusalabgrund zurückwerfen? Nicht
doch. Bleib, bleib, und komm mit mir. Wir wollen die ganze Nacht
verscherzen miteinander. O, ich werde dich zu unterhalten wissen, du
sollst sehen. Wer Freude hat, ist der nicht am ehesten zur Unterhaltung
geschaffen? Und ich, ich habe jetzt, nach langer, langer Zeit, wieder
einmal eine Freude. Weißt du, was das für mich, die Entmenschte,
bedeutet? Weißt du das? Du lächelst? Du lächelst hübsch, und ich liebe
dein Lächeln. Und willst du nun lieblos, und ganz entfernt von aller
schönen Freundschaft, treten auf die Freude, die ich bei deinem Anblick
empfinde? Willst du zerstören und zunichte machen, was mich glücklich,
was mich, nach so langer, langer Zeit, wieder einmal glücklich macht?
Süßer Freund! Soll ich, nachdem ich immer mit dem Grausen und mit dem
bleiernen Entsetzen mich habe einlassen müssen, nun mich nicht auch
einmal mit dem wahrhaftigen Vergnügen befassen dürfen? Sei nicht
grausam. Bitte, bitte. Nein, du wirst es nicht bereuen. Du wirst die
Stunden, mit der Verachteten und Entehrten zugebracht, willkommen heißen
und in deinem Innern segnen. Sei weich und komm mit mir. Sei sonst
meinetwegen nie weich, aber jetzt, jetzt sei es und knüpfe vertraulich
an mit der Geschmähten. Sieh, wie die Tränen mir in die Augen kommen,
und höre, wie ich flehe. Wenn du gehst, ohne freundlich zu mir zu sein,
ist mir alles schwarz vor den Augen; hingegen, wenn du lieb bist,
strahlt in der Nacht die helle Sonne. Sei du heute nacht der
glückversprechende, freundliche Stern an meinem Himmel. Du bist gerührt?
Du gibst mir die Hand? Du willst mit mir kommen? Du liebst mich?« -- --
* * * * *
Nachwort: Könnte dies nicht Kirke sein, die den seefahrenden
ritterlichen Griechen bittet, bei ihr zu bleiben? Er will heim, doch
sie, sie fleht ihn an, sie nicht zu verlassen. Sie ist eine böse
Zauberin, die diejenigen, die sie anschaut, in grunzende Schweine
verwandelt. Sie bestreitet es zwar; sie sagt, sie sei keine böse
Zauberin, sondern unterliege selber dem bösen Zauber. Das kann schon
möglich sein. Übrigens ist sie rührend schön. Sie besitzt eine weiche,
lispelnde Stimme, und aus ihren meergrünen und -blauen Augen, wie wir
sie oft bei ausländischen Katzen sehen, bricht ein wunderbarer, stolzer
und lieber Glanz. Sie ist nicht unglücklich und doch auch wieder nicht
glücklich. Bei dem Griechen sucht und findet sie ihr Glück, und nun will
er sie verlassen, um zur harrenden Gattin zurückzukehren. O zartes
Trauerspiel. Unter anderem sagt sie ihm, daß die Gefährten sich ja ganz
von selbst in Schweine verwandelt hätten. Nicht bei ihr, sondern bei
ihnen selber sei die Schande und die Schuld zu suchen. Weil sie wollen
Schweine sein, sind sie's. Sie lächelt, und in das Lächeln schleicht
sich eine Träne. Sie ist ironisch und zugleich tiefernst, frivol und
gleichzeitig schwermütig. »Siehst du denn nicht,« spricht sie, seine
Hand erfassend, »daß nicht ich die Zauberin jetzt bin, sondern daß du
der Zauberer bist? O, sei mein Freund, mein Schützer, mein lieber,
herrlicher Zauberer. Schütze mich vor der Kirke. Ich bin nicht die
Kirke, wenn du bei mir bist. Sie geht weg, wenn du nicht weggehst.« So
redet sie und überschüttet ihn mit süßen Liebkosungen, doch er, er -- --
geht. Er überläßt sie der Kirke, er überläßt sie sich selbst, er
überläßt sie der ihr innewohnenden Grausamkeit, er überläßt sie der
Schmach, deren Sklavin sie ist. Kann er gehen? Ist er so hart?
Fußwanderung
Wie war der Mond auf dieser Wanderung schön, und wie blitzten und
liebäugelten die guten, zarten Sterne aus dem hohen Himmel auf den
stürmischen ungeduldigen Fußgänger herab, der da fleißig weiter und
weiter marschierte. War er ein Dichter, der da von dem leuchtenden Tag
in den sanften blassen Abend hineinlief? Wie? Oder war es ein Vagabund?
Oder war er beides? Gleichviel, gleichviel: Glücklich war er und
bestürmt von beunruhigendem Sehnen. Das Sehnen und Suchen, das
Niebefriedigtsein und der Durst nach Schönheit trieben ihn vorwärts, und
hinter, weit hinter ihm schlummerten die bilderreichen Erinnerungen. Was
hinter ihm lag, ging ihm durch den Wanderkopf, und was Unbekanntes vor
ihm lag, zog wie Musik durch seine begierige Seele. Die Sonne brannte,
und der Himmel war blau, und der blaue weite große Himmel schien sich
immer mehr auszudehnen, als werde, was groß sei, immer größer, und was
schön sei, immer schöner, und was unaussprechlich sei, immer
unermeßlicher, unendlicher und unaussprechlicher. Aus golden-dunklen,
dämonisch blitzenden Abgründen duftete edle wilde Romantik herauf, und
Zaubergärten schienen rechts und links von der Landstraße zu liegen,
lockend mit reifen, süßen, schönfarbenen Früchten, lockend mit
geheimnisvollen unbeschreiblichen Genüssen, die die Seele schon
schmelzen und schwelgen machen im bloßen flüchtig-zuckenden Gedanken.
O was war das für ein lustiges, tanzendes Marschieren, und dazu
zwitscherten die Vögel, daß das Ohr am Gesang noch lange hing, wenn es
von dem Herrlichen schon nichts mehr hörte, daß das Herz meinte aus dem
Leib heraustreten und in den Himmel hinauffliegen zu müssen. Dörfer
wechselten mit weiten Wiesen, Wiesen mit Wäldern und Hügel mit Bergen
ab, und wenn der Abend kam, wie wurde da nach und nach alles leiser und
leiser. Schöne Frauen traten aus dem Düster, Geflüster und Dunkel groß
hervor und grüßten mit stiller, königinnen- und kaiserinnengleicher
Gebärde den Wanderer. Und wie war es doch erst in den stillen, von der
heißen mittäglichen Sonne beschienenen und verzauberten Dörfern, wo das
heimelige Pfarrhaus stand in der grünen rätselhaften Gasse, und die
Leute dastanden mit großgeöffneten, erstaunten und sorgsam forschenden
und fragenden Augen. Wunderbar war das Einkehren in das Gasthaus und das
Schlafen im sauberen, nach frischem Bettzeug duftenden Gasthausbett. Das
Zimmer roch zum Entzücken nach reifen Äpfeln, und am frühen Morgen
stellte sich der Wanderbursche an das offene Fenster und schaute in die
bläulich-goldene, grüne und weiße Morgenlandschaft hinaus und atmete die
süße Morgenluft in seine wildbewegte Brust hinein, von all der
Schönheit, die er sah, überwältigt. Wieder und wieder wanderte er
weiter, mit heiteren und mit düsteren Gedanken, unter dem Tag- und unter
dem Nachthimmel, unter der Sonne und unter dem Mond, unter schmerzenden
und unter glücklich lächelnden Gefühlen. Ach, und wie schmeckten ihm Käs
und Brot und die zwiebelbelegte köstliche, ländlich zubereitete
Bratwurst. Denn wenn dem rüstigen Wandersmann das Essen nicht schmeckt,
wem sonst soll es dann noch schmecken?
Der Kuß
Was habe ich Merkwürdiges geträumt? Was widerfuhr mir? Welch eine
seltsame Heimsuchung ist gestern nacht, als ich im Schlafe dalag,
urplötzlich, wie aus einem hohen Himmel herab, dem fürchterlichen Blitz
ähnlich, über mich gekommen? Ahnungslos und willenlos und gänzlich
bewußtlos, der Sklave des Schlafes, der mich fesselte und mich in seinen
Kerker schloß, lag ich da, ohne Wehr und ohne Waffen, ohne Voraussetzung
und ohne Verantwortung (denn im Schlaf ist man unverantwortlich), als
das Herrliche und Schreckliche, das Große und Süße, das Liebe und
Furchtbare, das Entzückende und Entsetzliche über mich herfuhr, als
wolle es mich mit seinem Druck und Kuß ersticken. Der Schlaf hat innere
Augen, und so muß ich denn gestehen, daß ich mit einer Art von zweiten
und anderen Augen dasjenige sah, was auf mich zustürzte. Ich sah es, wie
es mit Windes- und Blitzesgeschwindigkeit, den unendlichen Raum
zerschneidend, aus der unermeßlichen, gigantenartigen Höhe herabschoß
auf meinen Mund. Ich sah's, und ich war entsetzt, und ich war doch nicht
imstande, mich zu bewegen und mich zu wehren. Auch hörte ich sein Nahen.
Ich hörte es. Ich sah und hörte den niegesehenen, nieerlebten Kuß, der
mit Worten nicht zu beschreiben ist, ganz wie mit Worten, die die
Sprache enthält, nicht das Grausen und das Freuen zu beschreiben ist,
welches mich schüttelte. Der Kuß in Träumen hat nichts gemein mit dem
zarten, sanften, beidseitig gewollten und gewünschten Kuß in der
Wirklichkeit. Es war nicht ein Mund, der mich küßte, nein, es war ein
Kuß in der Alleinigkeit und Einzigkeit. Es war ein Kuß, der völlig und
einzig nur Kuß war und weiter nichts. Etwas Unabhängiges,
Seelenähnliches, Gespenstisches war's, und als ich getroffen worden war
von dem Verständlichen und wieder höchst Unverständlichen, zerfloß ich
auch schon in solchen gliederdurchstürmenden, ich möchte sagen,
grandiosen Wonnen, wie ich mir verbiete, es näher zu sagen. Ah, das war
ein Kuß, ein Kuß, das! Der Schmerz, den er mir bereitete, preßte mir
einen Schrei des Jammers ab, und gleichzeitig mit dem Empfang des Kusses
und mit seiner himmlischen und höllischen Wirkung erwachte ich und
vermochte mich lang nachher noch immer nicht zu fassen. Was ist der
Mann, der Mensch. Was ist der Kuß, den ich freundlich gebe, am hellen
Tag oder bei Mondschein, in der friedlich-glücklichen Liebesnacht, unter
einem Baum oder sonstwo, verglichen mit der Raserei des
eingebildet-aufgezwungenen Kusses, geküßt von den Dämonen.
Das Traumgesicht
Ich habe etwas Süßes gesehen, etwas Loses, Lustiges, Flatterhaftes, das
doch wieder auch nicht so flatterhaft war, daß es nicht tiefen Eindruck
auf mich und auf viele andere hätte machen können. Der Ernst des Lebens
klang wie eine Glocke in das liederliche Geflüster und Geklingel und
Gelispel hinein. Die Blätter flüsterten, süßer, leiser Nachtwind wehte,
Gelächter tönte, Tränen rannen aus großgeöffneten Augen, Herzen
erzitterten unter all den zaubervollen Eindrücken, und Musik umrahmte
und umfloß und umgoldete das Ganze. Wunderbar, gleich einem Märchen, an
dessen schönen Inhalt die Kinder gerne glauben, drangen mir die lieben,
holden, tausend Jahr alten Melodien zu Herzen. Indem ich sah, was ich
sah, wurde ich zum Kind, und die ganze Welt, so weit ich schauen konnte,
schien mir neu geboren, ganz wie ich selber und wie der, der es
ebenfalls mit ansah. Bänder, rote, grüne und blaue, schlangen sich wie
anmutreiche, harmlose Schlangen durch den milden Tumult des Lebens. Das
Leben war mild und wild zugleich und duftete, ach, so namenlos nach
Glück, und mit einem Mal lag auch schon das gutwillige, unschuldige
Liebesglück zerrissen am Boden. Es gab niemand, der nicht liebte und der
nicht begehrte. Alle waren in den schönen Silber- und Feuerstrom mit
hineingerissen, und alle wollten das ja auch. Weh und Freude, Schmerz
und Lust schauten allen, die das Spiel mitspielten, schimmernd und
lechzend aus den Augen. Einige Augen waren niedergeschlagen, und Lippen
waren da, die entfärbten sich und stammelten. Schwelgerische Rosen, die
in ihren eigenen Farben zerflossen, prangten aus dem üppigen Bild
lockend und bezaubernd hervor. Lichter züngelten und liebäugelten hinter
dunklem, traumhaftem Grün wie rätselhafte Augen hinter Augenbrauen, und
Wellen liefen über das glatte Gestein, und Hoffnungen und Sehnsuchten
gaben in dem Raum den Ton an. Bald war der Raum, was er war, bald wieder
war er ein Gedanke, so zart, daß der, der ihn dachte, fürchten mußte, er
verliere ihn. Ist nicht immer der verloren gegangene Gedanke der
schönste? Was man hat, schätzt man nicht, und was man besitzt, ist
entwertet. O wie schön war der See in der nahen Ferne, vom Mond
versilbert, der sich, indem er sich ins Wasser verliebte, in den See
glühend niederstürzte, sich nun in dem Leib, den er vergötterte, selig
widerspiegelnd. Das Wasser schauerte und lag ganz still, beglückt durch
die Vergötterung. Mond und Wasser waren wie Freund und Freundin,
gefesselt durch den Kuß, dem sie sich überließen. So zerfloß und zerrann
bald alles, und bald sah ich es von neuem, nur noch reicher
ausgestattet, aus der Undeutlichkeit hervortauchen. Schweigend, ganz nur
Auge, saß ich da und hatte alle Wirklichkeit vergessen.
Nächtliche Wanderung
Einmal machte ich eine Nachtwanderung, es war eine dunkle, wolkige,
warme Mainacht. Die Erde blühte und duftete. Aus den schweigenden
nächtlichen Gärten flüsterte und lispelte es mir zu, als sei alles
Geheime nun offen und als rede das Verschwiegene. Mein leichter,
behender, fleißiger Fuß trug mich leicht über die harte Landstraße. Das
Harte war weich wie Flaum, und das Mühselige machte mich nur lachen, als
sei es die Freundlichkeit selber. Ich hatte eine merkwürdige Freude an
dem eigenen fröhlichen Weiter- und Weitermarschieren. Taktgemäß ging es
von Dorf zu Dorf, und die Dörfer schlummerten so schön, so friedlich.
Nur aus den Gasthäusern drang manchmal noch einiger später Lärm, und
betrunkene Wirtshausgestalten taumelten mir hie und da entgegen. Ich
lief, als sei ich der behende Wind, oder als sei ich ein Bote, der mit
Windesgeschwindigkeit eine geheime Botschaft an einen weit entfernten
Ort trägt. Alsdann war es mir wieder ums Herz, als sei ich ein
flüchtiger Verbrecher, der die Nachtstunden benutzt, um auszureißen und
sich in Sicherheit zu bringen. Ich war wie ein Indianer, der über die
Ebene springt; doch bei mir ging es hin und wieder bergauf, um wieder in
die Tiefe zu sinken. Neugierig guckten oft die süßen Sterne blinzelnd
zwischen geheimnisvollem Gewölk auf den Fußgänger herab, und der Mond,
der wackere Freund aller derjenigen, die nächtlings wandern, trat groß
und majestätisch und freundlich aus der schwarzen Umhülltheit hervor, um
bald darauf wieder zu verschwinden. So kam es und verschwand es und
tauchte bald wieder auf, und ein unhörbares Rauschen war in allem, die
Nacht rauschte, als sei sie eine Quelle, und das ist wahr: sie ist die
Quelle alles Schönen, Lieben und Guten. So war mir dann wieder, als sei
ich ein Liebender, befindlich auf der Suche nach der lockenden
lieblichen Geliebten. Irgendwo im Land, das so schön dunkel war, wohnte
sie: ihr Fenster stand jetzt vielleicht offen, daß alle ihre
träumerischen Gedanken wie Vögel hinausflatterten, um sich in der
herrlichen Nacht zu verlieren. Sie lag im Bett, aber ohne schlafen zu
können und ohne einschlafen zu wollen, da sie an den fremden kühnen
lieben Burschen dachte, den sie liebte, und von dem sie wußte, daß er
sie liebte. Solchermaßen vertrieb ich mir die Zeit, die ich mit Laufen
zubrachte, mit krausen dunklen Einbildungen, indes die Brunnen neben der
Straße leise plätscherten. Einige Fenster hatten noch Licht, und das
einsame Licht nahm sich aus wie die Idee im Kopf eines seltsamen
Menschen. Auf solche Weise schritt ich vorwärts, fröhlich und voll
Bangen, mutig und voll Verzagen, ganz gedankenlos und wieder voll
Gedanken.
Johanna
Ich war, fällt mir ein, neunzehn Jahre alt, machte Gedichte, trug noch
keinen ordentlichen Kragen, lief in den Schnee und in den Regen, stand
des Morgens immer früh auf, las Lenau, fand, daß ein Überzieher etwas
Überflüssiges sei, bezog monatlich hundertfünfundzwanzig Franken Gehalt
und wußte nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen sollte. Kost und
Logis hatte ich beim Paketmann Senn. Senn ist mir unvergeßlich. Er
machte stets eine ebenso dumme wie finstere Miene, hatte einen
struppigen, rabenschwarzen Bart im Gesicht und spielte den ärgerlichen
Tyrannen, eine Rolle, in die er, so häßlich sie sein mochte, wie
vernarrt war. Seine beiden Söhne, Theodor und Emil Senn, prügelte er.
Die armen Jungen, sie bekamen Hiebe dafür, weil sie des Dummkopfes von
Vaters schlechtes Betragen nachahmten. Frau Senn war eine liebe arme
geplagte Frau, völlig des kleinlichen Gewalthabers Sklavin. Das Essen
war gut; lustige Pensionäre waren stets da, und der Weißwein des
Postpaketmenschen mundete vortrefflich. Doch was bedeutete aller
Weißwein gegen das Mädchen Johanna, die ebenfalls das Vergnügen hatte,
beim wilden Pöstler logieren und kostgängern zu dürfen. Sie war auf dem
Kontor beschäftigt, ähnlich wie ich, und jeden Morgen gingen wir
zusammen, sie die Dame, und ich ihr Ritter, nach unsern
Geschäftshäusern, um hübsch tätig zu sein. Sie diente bei der
Schreibmaschinenbranche, während ich mein bißchen Kraft und guten Willen
der Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft freundlich zur Verfügung
stellte. Johanna war lieb über alle Begriffe und sanft wie Mondschein.
Ich schrieb ihr ein Gedicht ins Album, einen kühnen extravaganten
Erstling, sie zeigte es ihrer Mutter, und diese warnte ihr Töchterchen
vor mir, wir mußten beide herzlich lachen. O wie süß mutete mich der
anmutvolle Ritterdienst an. Wir wohnten vier Treppen. Hatte nun
vielleicht Johanna, schon unten an der Haustüre stehend, ihren Schirm
oder ihr Taschentuch oder sonst etwas vergessen, so erhielt ich den
Auftrag, hinaufzuspringen und das Liegengelassene zu holen. Wie machte
mich das glücklich, und wie süß, wie schön, wie zart lächelte sie
darüber. Ihre Hände waren üppig und weich und so weiß wie Schnee, und
der Kuß darauf, wie berauschte, wie bezauberte er mich. Senn war wütend
auf uns, weil wir bis in alle Nacht hinein auf Johannas Zimmer
miteinander Englisch lernten. Er hörte wohl durch die Wand, was das für
eine kosende, belustigende Art von Englisch war, das wir trieben. Holde,
unvergeßliche Sprachstunde, liebes unvergeßliches weibliches Wesen.
Der Bursche
Ein Bursche, der einem Bäckermeister als Laufbursche diente, stahl
demselben Mehl weg, um es, gleichsam als Zeichen von zärtlicher
Aufmerksamkeit, der Frau zu überreichen, die er verehrte. Reizende
Liebe, bestrickendes Verbrechen, sinnreicher Diebstahl. Der Bursche
wurde endlich bei seinem ritterlichen Bemühen ertappt und kam ins
Gefängnis. Die gestrengen Herren Richter hatten Mitleid mit ihm und
erteilten ihm eine obgleich immerhin angemessene, so doch
verhältnismäßig nur gelinde Strafe. Armer dummer Bursche. Ich kann nicht
verhehlen, daß ich Sympathie für ihn empfinde. Wie glücklich mögen seine
Augen geglänzt haben in den prickelnden Augenblicken, wo er das Mehl
stibitzte, und wie süß muß ihm der Kuß gemundet haben, den er geben und
empfangen durfte von der, in deren Interesse er Spitzbubenstreiche
verübte. Wenn je, so duftet hier, der schwelgerischen Rose ähnlich,
Romantik, und wenn je, so ist hier, wo Mehl gestohlen worden ist, süße
Liebe. Simpel ist die kleine mehlene Geschichte. Mich hat sie gerührt,
als ich sie las, und ich wage sie dem freundlichen, huldreichen Leser
aufzutischen, in der Hoffnung, daß sie auch ihn ein wenig rühren wird.
Wie mancher, der fein gekleidet geht und sich auf die feinste Differenz
versteht, und der sich einbildet, daß er verliebt sei, ist nicht
imstande und bringt nicht den Mut auf, gleich dem armen dummen
Bäckerburschen, Mehl für die Person zu stehlen, die er vergöttert. Was
ist Geliebtsein und Beliebtsein gegen dieses blühende holdselige Wunder:
selber lieben! Und was ist alle Bildung, alle Belesenheit, Weisheit und
Feinheit, gehalten gegen die duftende Blume: Aufrichtigkeit? Dieser
Bursche, der mit einem gestohlenen Paket Mehl dahersprang, um seiner
Geliebten eine Freude zu machen, war, als er das tat, groß, denn er war
aufrichtig; war, als er das tat, im höchsten Grad sympathisch, denn er
war tapfer; war, als er das tat, höchst liebenswürdig, denn er tat es
aus echter Zärtlichkeit und Liebe. Schenke, lieber Leser, dem armen
Burschen ein kleines gütiges Andenken, ich bitte dich darum. Nicht wahr,
du tust es?
Der Knabe
Ein Tierbändiger wurde eines Abends vor den Augen der Leute, die
gekommen waren, um sich die Vorstellung anzusehen, von seinem Löwen,
einem Prachtexemplar, angegriffen und so furchtbar zugerichtet, daß er,
nachdem man ihn aus den Tatzen des Ungetüms befreit hatte, nur noch
einen letzten überaus traurigen Blick auf seine Frau und auf seine
Kinder werfen konnte, woraus er, zerfleischt und zerrissen, wie er war,
den Geist aufgeben und sterben mußte. Die arme, derart ihres Gatten und
Ernährers beraubte Frau sah sich hohläugiger, erbarmungsloser
Verzweiflung gegenübergestellt; denn woher sollte nun das Geld kommen,
und wer, wer um Gottes willen sollte nun das gefährliche Geschäft der
Tierbändigung mit einigem Glück weitertreiben? Der Verstorbene schien
unersetzlich, und das Elend und der Jammer schienen allgewaltig; da
trat, blitzenden Auges und getrieben von einer höchst staunenswürdigen
Willenskraft, von Energie sprühend, gleich, als sei er eine
hochauflodernde Flamme und kein zarter Knabe, der Sohn des eben
Gestorbenen vor die unglückliche Mutter und sagte ihr mit einer Stimme,
die die Festigkeit und die eiserne Entschlossenheit durchzitterten, daß
er und kein anderer jetzt den Beruf seines Vaters übernehmen und
weiterführen werde. Ah, ein junger Held glühte, und nichts nutzten bei
dem stolzen Feuerkopf die Vorstellungen, die die tödlich erschrockene
Mutter dem Kinde machte. Er wartete den nächstfolgenden Schauspielabend
mit brennender Begierde ab, um seiner Mutter den Mut zu zeigen, der ihn
beseelte, und als die Stunde gekommen war, trat er mit gebieterischer
Miene, einem jugendlichen Fürsten ähnlich, die Peitsche und die Pistole
nachlässig in der Hand, so, als sei er meilenweit davon entfernt, zu
denken, sich irgendeiner andern Waffe als nur seiner Todesverachtung zu
bedienen, in den Käfig und errang schon mit dem bloßen Eintritt in
denselben stürmischen Beifall. Atemlos schaute das Publikum von seinen
Bänken dem herzbeklemmenden Schauspiel zu, und als der mächtige Löwe nun
dem zarten, lieben, tapferen, schönen Knaben gehorchte und alles
pünktlich ausführte, was von ihm verlangt wurde, sich dem Kind zu Füßen
legte, er, der am vorherigen Abend den Vater zerrissen hatte, erhob sich
ein Tücherwinken, ein Geschenkezuwerfen, ein Klatschen und eine so
gewaltige Begeisterung, wie die Menagerie sie nie zuvor erlebte. Der
Knabe verdiente den Jubel, er lächelte. Doch wo nehmen wir die Worte
her, die nötig wären, den mütterlichen Stolz und Jubel zu beschreiben,
der nun mit ungestümen wilden heißen Küssen auf die Wangen, auf das Haar
und auf die kleinen Hände des Knaben regnete, als er wohlbehalten zu der
Mutter zurückkehrte. Mit namenloser Liebe schaute sie dem Helden, den
sie geboren hatte, in die Augen, und immer wieder, immer wieder, ganz
überwältigt, mußte sie ihn küssen, ihn, der dastand, so bescheiden, als
verstehe er nicht, was er Großes und Schönes getan hatte.
Das Götzenbild
Ein junger Mann, an dessen Eleganz, Bildung und Herkunft niemand
zweifelte, und der das fraglose Glück genoß, zu den gesitteten Menschen
zu zählen, erlebte eines Tages, indem er das Völkermuseum besuchte,
um die Altertümer zu studieren, folgendes sonderbares, wenn nicht
furchtbares und grauenhaftes Abenteuer. Der junge Mann, nachdem er
sich mit vielem Interesse in den weitschweifigen Räumlichkeiten,
vollgepfropft mit allen nur erdenklichen Sehenswürdigkeiten, umgeschaut
hatte, stand plötzlich, er wußte nicht wie, vor einer uralten hölzernen
Figur, die, so abschreckend und plump sie auch war, einen mächtigen und
gleich darauf übermächtigen Eindruck auf ihn machte, derart, daß er sich
durch das rohe Götzenbild, denn ein solches war es, an Leib und Seele
verzaubert sah. Der Atem stockte ihm, das Herz klopfte laut, das Blut
strömte ihm, gleich einem angeschwollenen reißenden Bach, durch alle
Adern, das Haar stieg ihm zu Berg, die Glieder zitterten, und eine
ungeheuerliche, entsetzliche Lust packte ihn jählings an, sich an
den Boden zu werfen, in die Zerknirschung und Erniedrigung, um das
furchtbare Bild, das den Wüsten Afrikas entnommen worden war, aufs
lebhafteste anzubeten; Barbarenwonne rieselte ihm durch die geblendete
und der Vernunft beraubte Seele. Er stieß einen Schrei aus, der durch
die weite Halle gräßlich tönte, und nur eben so viel Fassungskraft blieb
ihm übrig, als nötig war, sich mit einem verzweifelten Ruck aus der
schreckenerregenden Umdunkelung an das lieblich helle Bewußtsein
einigermaßen emporzuraffen. Das tat er, und mit weitausholenden
stürmischen Schritten, so, als wenn hinter ihm Feuer ausgebrochen sei,
und allen eifrigen Interesses für die Wissenschaften mit einem Mal
verlustig, jagte und stürzte er gegen die Türe, und erst, als er sich in
freier Luft befand und sich wieder umgeben sah von lebendig-tätigen
Menschen, erholte er sich vom panikartigen Entsetzen, eine Geschichte,
die ihn, der sie erlebte, tief nachdenken machte, über die ich jedoch
den Leser bitte zu lächeln.
»Apollo und Diana«