geschehen wäre, wenn nicht im Augenblick, als Jucunda anfing, gnädig zu
werden, sehr gnädig -- -- wenn nicht der andere dazu gekommen wäre,
dieser fade Laffe, über dessen blasiertem Geckenschädel der Nimbus einer
Fürstenkrone schwebte?
Aber schließlich, es war doch ein Irrtum, wenn Pilgram sich einbildete,
Thumser sei glücklicher gewesen als er selber.
Also ein Mißverständnis! Ein Wahn!
Aber da war noch etwas andres, das nicht stimmte: Was das nur mit dem
Brief gewesen war, den Pilgram ihm vorgehalten? Offenbar ein Brief von
Jucunda, ein Brief, in dem sie sein Eintreten für ihre Ehre mehr oder
weniger verblümt abgelehnt hatte. Und dieser Brief hatte auf einem
Briefbogen gestanden, der seine, Hans Thumsers, Initialen trug. Wie kam
der Brief auf dieses Papier? Erst jetzt in der Stille der Nacht fand
Hans Zeit, um über dies Phänomen nachzugrübeln ...
Und plötzlich stand ihm der Augenblick vor der Seele, wie er Jucunda
und ihrer Mutter sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, um sich
auszusprechen. Natürlich, das war's ja! Da hatten die Frauen das
Uriasbrieflein ausgeheckt und das liebliche Plänchen gleich realisiert.
Sie hatten genommen, was gerade zu erreichen war, das Briefpapier
des Mannes, der ihnen vertrauensvoll seine Behausung zur Verfügung
gestellt ...
Pilgram aber, der hatte natürlich für die sonderbare Erscheinung sich
eine ganz andere Erklärung in den Kopf gesetzt. Er mußte sich
eingebildet haben, der Korpsbruder sei mitschuldig an der Abfassung des
Briefes, habe ihn vielleicht sogar redigiert ...
Also Mißverständnis Numero zwei.
Schön! Zwei grobe Irrtümer in der Rechnung. Wenn man sich aber einmal in
Pilgrams vermutliche Auffassung hineinzudenken versuchte, so konnte man
ihm schließlich nicht so unrecht geben, wenn er bis aufs Blut gereizt
war, wenn er den einstigen Korpsbruder infamer Gesinnung und
Handlungsweise verdächtigte.
Und darum Mord und Totschlag! Darum zwei junge Leben vor die Mündung
geladener Pistolen gestellt! War das nicht Wahnsinn? War es nicht noch
in diesem Augenblick Pflicht, eine offene Aussprache herbeizuführen, den
Irrtum aufzuklären?!
Aber bei dem Irrtum war es nicht geblieben. Er hatte eine schreckliche
Folge gehabt: die rasche Tat, eine Tat, die nicht milder war denn ein
Schlag mitten ins Angesicht des Feindes. Und auch zu diesem Schlag wär's
ja gekommen, wenn nicht die Korpsbrüder dazwischen getreten wären.
Mißverständnisse und Irrtümer ließen sich aufklären -- die Tat war nicht
ungeschehen zu machen. Der Kavalier, der von einem Kavalier einen Schlag
erhält, muß blutige Sühne fordern. Das war das eiserne Gebot des
Ehrenkodex, daran war nicht zu deuteln noch zu rütteln.
Und dann -- wer mochte den ersten Schritt tun? Machte der sich nicht
verdächtig, als sei es nur die Angst vor der blauen Bohne, die ihn zur
Aussöhnung geneigt machte? Würde man ihn nicht der Kneiferei zeihen?
Der Kneiferei? Nun, wer vierzehn Schlägermensuren mit Ehren bestanden
hatte, brauchte der sich vor dem Verdacht der Kneiferei zu fürchten?
Halt! So eine Knipserei, das war doch was andres als das bissel
Bestimmungsmensur mit Binden und Bandagen.
Nein, da war nichts zu wollen, dafür war man Korpsstudent! Der andere,
der war an allem schuld. Der hätte die Aussprache herbeiführen müssen
vor der Tat. Daß er dem Freund, dem Korpsbruder aus drei Semestern eine
ehrlose Gesinnung überhaupt zugetraut, das war die eigentliche
Beleidigung, das war die Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Die Worte, die Handlungen, die aus dieser abscheulichen
Unterstellung erwachsen waren, die waren schließlich nichts anderes als
der zufällige Ausdruck für einen Verdacht, der auch ohne Wort und Schlag
ins Herz der Ehre traf.
Nein, es gab keinen anderen Ausweg -- und so würde man morgen früh
aufeinander losknallen »bis zur Kampfunfähigkeit«.
Und nun kamen die Gedanken an daheim. An Eltern und Geschwister -- nein,
das ging ja doch nicht, einen solchen Gang zu tun, ohne sich vorher von
den liebsten Menschen verabschiedet zu haben. Wenn er nun fiel -- wie
sollten sie diese wirre, dunkle Geschichte verstehen? Sie würden doch
nachforschen, würden wissen wollen, was denn eigentlich geschehen war,
wie es hatte so weit kommen können -- und dann war's zu spät. Dann war
sein Mund, der allein Licht in die Wirrnis hätte bringen können,
verstummt. Sein Tod würde den Lieben ein düsteres, grauenhaftes Rätsel
bleiben.
Also das geht nicht. Hans wird aufstehen und einen langen, langen Brief
an die Geliebten daheim schreiben. Ihnen alles erzählen, ohne
Verschweigen, auch das Glück -- die landläufige Moral nannte es ja wohl
ein sündiges Glück --, das er in Asta Thönys Armen genossen, auch die
verworrenen Dränge, die ihn zu Jucunda getrieben. Alles, alles wird er
berichten, und so wird wenigstens Klarheit liegen über seinem
schauerlichen Ende ...
Ob sie ihn verstehen werden daheim? Mein Himmel, der Vater ist doch auch
einmal jung gewesen ...
Und in Gedanken entwarf Hans Thumser den Wortlaut seiner Beichte. Immer
eindringlicher, immer inbrünstiger vertiefte er die Schilderung seines
Seelenzustandes, immer heißer und drängender formte er seine Bitte um
Verständnis, um Vergebung, um ein Gedenken ohne Groll. Und über all dem
Sinnen und Grübeln war er plötzlich versunken und verschwunden und
wachte erst wieder auf, als Volkner ihn wach rüttelte, und die
schlampige Alte, die sie beide gestern abend angeserenadet, in
Nachthaube und Nachtjacke, grimmigen Gesichts und knurrenden Mundes den
Kaffee auf den Tisch setzte.
Nun war's zu spät, nach Hause zu schreiben. Nun blieb's doch bei
Volkners Theorie.
Die trockenen Semmeln von gestern wollten nicht in die Kehle, der
glühheiße Bliemchenkaffee blieb fast unberührt. Ein Glück, daß Volkner
mit ein paar Tafeln Schokolade und einem besseren Schnaps versehen war.
Geschäftig bediente er den Korpsbruder, wie man um einen Kranken, um
einen Sterbenden sich müht. Und dabei fühlte Hans Thumser ganz deutlich,
daß der andere sich im tiefsten Innern höchst mollig fühlte bei dem
Gedanken: Gott sei Dank, daß ich selber nicht derjenige welcher bin!
Um Punkt halb sechs knallte drunten die Peitsche des Kutschers. Die
jungen Männer machten sich bereit.
Im Schauer des dämmrigen Morgens fuhr Hans Thumser fröstelnd zusammen,
als sie vor die Tür traten, als sein Blick auf die eingeschnurrte
Gestalt des Korpsdieners fiel, der übernächtig auf dem Bock neben dem
Kutscher hockte und auf den Knien einen schmalen, schwarzpolierten
Kasten trug ...
Nebeldurchdunstet lagen die Straßen. Das Weiß des frischen Schnees war
längst in ein kotiges Braun verwandelt, das der Frost der jüngsten Nacht
mit tausend Rauhreifkristallen überzogen hatte. Ringsum erwachte das
Leben der großen, fleißigen Stadt der Arbeit.
Den Rockkragen hochgeschlagen, dampfenden Atems schritten die Männer,
huschten die Frauen einher, jeder an sein Geschäft. Schwarz und finster
reckten sich die Fronten der alten Straßen, deren Häuser sich im Laufe
der Jahrhunderte aus eleganten Wohnpalästen in dumpfe, mit Affichen
überladene Geschäftshäuser verwandelt hatten.
Aber die Nebel sanken, von Osten wuchs die junge Tageshelle. Erste,
schüchterne Sonnenstrahlen spielten droben um die Giebeldächer, ein Tag
voll winterlicher Herrlichkeit flammte herauf.
Nun wurden die Anlagen durchquert. Weißleuchtend zackte sich das Gewirr
der umreiften Aeste ins junge Blau.
Ivo Volkner aber und Hans Thumser studierten eifrig den
S. C.-Pistolen-Komment, der in einem handschriftlichen Exemplar auf
ihren Knien lag, und zündeten eine Zigarette an der anderen an.
Ganz kühl und geschäftsmäßig sprachen sie immer und immer wieder den
vorgeschriebenen Gang der Mensur durch, um später auch nicht den
leisesten Schnitzer zu begehen.
Endlich aber hielt es Hans Thumser nicht mehr aus. Er schob das
schwarzgebundene Heft zurück, riß das frostbeschlagene Wagenfenster auf,
atmete in tiefen Zügen die Morgenfrische und sog mit brennenden Augen
das Bild der Morgenwelt in sich hinein.
Und eine wilde Sehnsucht kam über ihn -- Sehnsucht nach all dem
Unsagbaren, das von da draußen in seine Seele hineinflutete, nach all
dem unendlich Schönen des Lebens, das er doch kaum mit erstem Erwachen
des Begreifens gegrüßt ... und das doch schon tausend Vorahnungen
künftiger Glücksmöglichkeiten in ihm geweckt hatte. Ach,
Glücks=möglichkeiten=?! Nein, er =war= ja schon glücklich gewesen!
Asta Thöny! klagte es in seiner Seele. Gott! so undankbar konnte man
sein? An sie hatte er noch gar nicht gedacht ... Daß er von ihr sich
verabschieden mußte, das war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen ...
Und doch -- wieviel hatte sie ihm geschenkt! Wie unsäglich gut war sie
zu ihm gewesen, und er ... er hatte sie achtlos beiseite geschoben. Und
das letzte, das er von ihr gesehen, waren bittere Tränen gewesen.
Zu spät ... Nun mußte das Schicksal seinen Gang gehen. Nun blieb nur
noch eins: der Feindeskugel die Brust zu bieten und die Stirn dem
wahllosen Walten des Geschicks.
Und doch, wie schön die Welt! Wie reich, was sich barg hinter den weißen
Nebelschwaden, die das Kommende verhüllten. Wie selig selbst dieser
Augenblick ahnungsvollen Grauens ...
Und Hans Thumsers Seele fühlte sich leben in diesem Augenblick. Leben,
wie sie nie zuvor gelebt ... In langen, schmerzvollen Zügen trank sie
das Glück des Augenblicks hinein. Das Glück, noch da zu sein, noch ein
paar schmerzvoll süße Minuten lang die tiefe Wonne des Daseins atmen zu
dürfen.
In einem billigen Zimmer des Hotel de Russie -- dritter Stock nach
hinten hinaus -- hatte Valentin Pilgram sich einquartiert und die halbe
Nacht mit Briefeschreiben zugebracht. Erst nach Mitternacht hatte er
sich aufs Bett gestreckt und ein paar Stunden hingedämmert ...
Nun marschierte er auf dem Reitweg, der erst rechts, dann links der
»Neuen Linie« durch das Streitholz führte, dem Kampfplatz entgegen, ein
einsamer Wanderer ...
Er hatte sich nicht entschließen können, die letzten Augenblicke in
Gesellschaft seines ihm tief unsympathischen Sekundanten Borgmann
zuzubringen, mit dem er zweimal die Klinge und noch viel öfter in
hitzigen Debatten des S. C. das Schwert des Wortes gekreuzt.
Um nicht mit dem Wagen zusammenzutreffen, war er vom Fahrdamm abgebogen,
auf den Reitweg hinüber, auf dem um diese Morgenstunde noch keine
Begegnung zu befürchten war. Er sah nicht die Pracht des jungen Tages,
fühlte nicht die Schönheit des Daseins, die ringsum tausend Wunder
winterlicher Herrlichkeit erblühen ließ. Er fühlte nichts als seinen Haß
-- sah nichts als die Gestalt des Gegners, wie sie nun gleich vor ihm
stehen würde, ein sicheres Ziel dem stählernen Druck seiner Hand, dem
unbeirrbaren Blick seines Auges.
Da ließ ein Geräusch ihn aufschauen, ein Geräusch, das rasch sich
näherte. Pferdegetrappel war's, gedämpft durch den Schnee -- nur wenn
die Hufe ab und an gegen die harte Eiskruste stießen, die den Boden
überzog, dann gab's einen klirrenden Ton. Der hatte ihn geweckt.
Da vorne, in den silbernen Nebeln, die noch über der Pleißeniederung
lagerten, tauchten, schattenhaft abgehoben vom umgoldeten Himmel, zwei
Reitersilhouetten auf: ein Herr und eine Dame. In raschem Trabe näherten
sich die schnaubenden Gäule.
Valentin Pilgram konnte keines Menschen Blick ertragen in diesem
Augenblick. Er trat rasch hinter den mächtigen Schaft einer Eiche und
ließ die Reiter vorüberflitzen. Im letzten Augenblick erkannte er sie:
es waren Jucunda und der Erbprinz.
Es war ihm, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten. Er taumelte,
starrte ein paar Sekunden wie ein Blödsinniger hinter den enteilenden
Schatten her. Noch klang Jucundas übermütiges Lachen, des Prinzen
näselnde Stimme in sein Ohr:
»... mal sehen, ob der Generalintendant meines alten Herrn für ein
Gastspiel in diesem Winter ...«
Das waren die Worte, die er aufgefangen ...
Ha ha! -- ha ha ha ha ha --!! Das also war das Ende! Darauf lief es
hinaus!
Während er zum Todesgange schritt mit jenem andern, der ihm der
Glückliche gewesen war bis zu diesem Augenblick ... In derselben
Stunde ... pfui Deubel! pfui Deubel!
In dumpfer Betäubung trottete er weiter.
Wo war der blindwütende Haß, der ihm den Nacken gestählt, die Sehnen
gestrafft? Verweht -- verflattert, wie die weißen Nebelschwaden um die
rauhreifumsilberten Kronen der Bäume zerwehten.
Und plötzlich ward er sich des grausamen Wahnsinns bewußt, der in all
den Geschehnissen lag, die er selbst ins Rollen gebracht, und die nun
abschwirrten, wie ein gräßlich zermalmender Mechanismus, unhemmbar,
unwiderstehlich.
Da blinkte schon der Lauf der Pleiße ... da vorn tauchte aus den
Morgendünsten der Umriß eines Wagens auf, der sich im Schritt gen Süden
bewegte, und hinter ihm klang das Rollen eines zweiten Wagens.
Er beschleunigte den Gang, er mochte sich nicht überholen lassen, weder
von seinem Sekundanten noch von der ... andern Partei.
Nun hatte er die »Linie« erreicht, verfolgte sie einige hundert Schritte
weit gen Osten ... und sieh, da öffnete sich rechts eine weite Lichtung:
die Heiderwiese ...
Am Wegekreuz hielt der Wagen, der vor ihm gefahren war. Er sah, wie drei
männliche Gestalten ihm entstiegen und durch den Schnee ins Innere der
Lichtung hinein wateten. Das waren die andern: Hans Thumser, Volkner,
der Korpsdiener.
Valentin Pilgram blieb am Chausseerand stehen und wartete auf seinen
Sekundanten. Nach wenigen Minuten war der Wagen heran. Ihm entstiegen
Herr Borgmann im grellkarierten Winterpaletot, sehr zeremoniös,
platzend vor Feierlichkeit, und Graf Schmettow, der Meißner-Senior, der
als Unparteiischer zu fungieren hatte, verkatert, die Scherbe im Auge.
Und ferner der alte Sanitätsrat Dr. Collwitz, der sich als zweiten
Paukarzt einen seiner Assistenten mitgebracht hatte. Einen jüngeren,
bebrillten Herrn mit langflutendem blonden Vollbart. Dieser wurde als
Doktor Köllicker vorgestellt.
Pilgram dankte den Aerzten für ihr Erscheinen, die üblichen Redensarten
wurden getauscht in gezwungen nachlässigem Tone, den der Ernst der
Stunde mit frostigem Schauer durchzitterte. Dann stapften die Herren der
Gegenpartei nach gen Süden.
Hinter ihnen schritt der Korpsdiener der Neo-Borussia, er trug einen mit
gelben Messingknöpfen benagelten Koffer, der Instrumente und Materialien
für die Aerzte enthalten mochte.
Valentin Pilgrams Blicke suchten den Gegner und erkannten die schlanke,
geschmeidige Gestalt. Aber wohin war der Haß geschwunden, der ihn durch
Wochen gemartert, wenn er Hans Thumsers bloß gedachte?! Er sah nur noch
den Freund, den Korpsbruder aus drei Semestern.
Thumser hatte seinen Paletot abgelegt und stand mit offenem Jackett,
über der Weste blitzte das grün-gold-rote Band.
Und dahin sollte man nun zielen, dahin das Todesblei entsenden?!
Und doch, es gab kein Zurück ... Und ob er wollte oder nicht, die
grausame Farce mußte nun mit Anstand zu Ende gespielt werden ...
Und rasch und vorschriftsmäßig wickelte sich nun der Gang der Dinge ab.
In genauestem Anschluß an den Wortlaut des Komments wurden nun die
Plätze bestimmt, so daß das Licht gleichmäßig verteilt war; wurden die
Waffen geladen, die Duellanten instruiert. Der Unparteiische schritt
selber mit Riesensätzen seiner langen Storchbeine die Barriere ab und
bezeichnete sie durch zwei niedergelegte Spazierstöcke, hüben und
drüben. Noch zehn Schritt weiter jenseits wurden durch Kreuze, die in
den Schnee geritzt wurden, die Plätze für die Duellanten festgelegt, die
sonach durch fünfunddreißig reichlich bemessene Schritte voneinander
getrennt waren.
Zuletzt nahmen die Sekundanten ihren Fechtern noch Brieftasche, Uhr und
Geldbörse ab und geleiteten sie dann zu ihrem Platze. Dort übergaben sie
ihnen die Waffen und traten dann jeder zwanzig Schritt zur Seite.
Der Unparteiische nahm seinen Stand zwanzig Schritte seitwärts von der
Mitte der Schußlinie.
»Meine Herren!« sprach er mit schallender Stimme, »ich wiederhole noch
einmal: ich zähle bis vier. Wenn ich eins! gezählt habe, dürfen Sie
avancieren bis an die Barriere, bis vier müssen Sie abgeschossen haben.
Herr Thumser, als der Beleidigte, hat den ersten Schuß. -- Bin ich
verstanden?«
Mit stummem Nicken antworteten die Gegner.
Hochaufgerichtet stand Hans Thumser und sah übers schneeblinkende Feld.
Endlos schien ihm die Entfernung, die ihn von dem Feinde trennte. Aber
er wußte, daß sie sich rasch verringern würde, zusammenschrumpfen zu
einem schrecklichen Aug' in Auge ...
Ein jähes Frösteln rann durch seine Gestalt, kaum konnte er das Klappern
seiner Zähne bemeistern, kaum den Hahn der Pistole spannen ... Und nun
noch ein Blick in die goldige Morgenwelt hinaus. Ein Blick in die
Zukunft, die vor ihm versinken wollte wie der Tau einer Nacht. Und da
überfiel ihn eine jähe, ingrimmige Wut auf den, der ihm das alles rauben
wollte. Nein, sich wehren ... sich wehren bis zum letzten Atemzug! Ins
Herz den Gegner treffen -- ins Herz! Wenn einer fallen soll, gut, so
sei's der andere!!
»Eins!« scholl da schneidend scharf das Kommando des Unparteiischen.
Und nun war alles versunken, alles bis auf die hagere, starr
emporgereckte Gestalt da drüben, die einst geliebte, nun bis in den Tod
gehaßte ...
Wie fern sie war, wie klein ... und nun, nun kam sie heran, nun wuchs
sie ... wuchs und wuchs ... und nun blieb sie stehen ... bot sich zum
Ziel ...
Da raffte auch Hans Thumser sich zusammen. Mit hastigen Schritten schoß
er vorwärts, bis seine Fußspitzen den Spazierstock berührten, der die
Barriere bezeichnete.
»Zwei!« klang des Unparteiischen Stimme.
Hans Thumser hob die Waffe bis in die Augenhöhe, zielte auf des Gegners
Brust, sah ganz deutlich, wie über dem Visier die breiten Schultern
standen, das fahle Gesicht.
»Drei!«
Da drückte er los ...
Er sah den Gegner wanken, sah, wie die Rechte, welche bisher die Waffe
gesenkt gehalten, eine rasche, zuckende Bewegung nach der linken
Schulter machte. Dann aber fand der Taumelnde Halt, hob nun ebenfalls
den Lauf, aber hoch bis über die Stirn, und schoß -- schoß hoch in die
Luft ...
»Vier!« klang das Kommando des Unparteiischen.
In diesem Augenblick ließ Valentin Pilgram die Pistole fallen und griff
mit der Rechten krampfhaft in das linke Schultergelenk hinein.
Doktor Köllicker sprang zu, riß Pilgrams Rock auf, das weiße Hemd wies
Blutflecken, er zertrennte es mit raschem Zerren, untersuchte das
verletzte Gelenk. Dann winkte er dem Sanitätsrat, der hinzutrat.
Auch Borgmann, der Sekundant, und Graf Schmettow eilten zu dem
Verwundeten heran.
Der lächelte mit schmerzverzerrtem Munde. »Viel scheint's nicht zu sein,
meine Herren. Von mir aus kann's weiter gehen!«
Aber der linke Arm hing kraftlos herunter, ein Versuch, ihn zu bewegen,
mißlang.
Die Herren steckten in flüsternder Beratung die Köpfe zusammen. Die
Forderung lautete bis zur Kampfunfähigkeit ... und die lag wohl nicht
vor, obwohl das Schultergelenk schwer verletzt schien.
Hans Thumser trug's nicht länger. Der andere hatte, obwohl getroffen,
seinen Schuß verloren gegeben. Was konnte das bedeuten? Doch nur dies
eine: die Erkenntnis begangenen Unrechts.
Hans winkte seinen Sekundanten heran.
»Ich kann nicht mehr, Volkner -- geh und biete Satisfaktion an ...«
In derselben Sekunde scholl auf der Chaussee ein hastiges Hufegeklacker,
und eine atemlose Männerstimme keuchte:
»Halt! Im Namen des Gesetzes: halt, meine Herren!«
Zwischen den Büschen des Wiesenrandes tauchte ein goldblinkender Helm
auf, ein grüner Waffenrock, der braune Bug eines Pferdes, in rasendem
Galopp gestreckt. Fünf Minuten später preschte der Reiter an der Gruppe
der Herren vorüber, die sich um den Verwundeten zusammengeballt hatten,
warf den Gaul herum, versuchte den Flankenzitternden, Schäumenden zum
Stehen zu bringen.
Hans Thumser hielt sich nicht länger. In langen Sätzen übersprang er die
fünfzehn Schritt, die ihn von dem Verwundeten trennten, streckte ihm die
Hand hin:
»Komm, Pilgram -- das geht ja doch nicht mehr!«
Die Herren, die den Verwundeten umdrängten, hatten ihm Platz gemacht.
Aug' in Aug' standen die einstigen Freunde einander gegenüber, tauschten
einen Blick, in dem mehr als Versöhnung lag ... Genesungsglück
schimmerte darin, neue Hoffnung, neues Leben ...
Mit der heilen Rechten schlug Valentin Pilgram in Hans Thumsers Hand
ein ... und auf einmal lagen die Jünglinge sich in den Armen.
Da klangen wiederum Hufschläge auf der Chaussee. Und sieh, ein Wagen
hielt am Wiesenrand, ihm entstiegen zwei Herren und eine Dame, die mit
hastigen Schritten über den schneebedeckten Wiesengrund herankamen.
Nun löste sich aus der Gruppe der drei die hagere Gestalt eines alten
Herrn in Gehpelz und Zylinder los, der mit langen Sätzen über die
klirrenden Schollen voranstelzte. Immer hastiger ward sein Gang ... ward
zum Lauf ...
»Donnerwetter!« schrie da Volkner plötzlich, »sieh doch nur, Pilgram --
Dein alter Herr!«
Die Aerzte hatten sich ins Mittel gelegt und die Umarmung der
wiedergefundenen Freunde getrennt, um sich ihres Patienten zu
bemächtigen und die verletzte Schulter genauer zu untersuchen.
Nun hob Valentin Pilgram den Kopf, alles wich zurück, so daß die Gruppe
der Herankommenden frei wurde -- und Pilgram erkannte seinen Vater ...
Schon war der Präsident heran, ergriff mit beiden Händen die Rechte des
Sohnes, die sich ihm entgegenstreckte. Mit zuckenden Augen, mit
zuckenden Lippen standen Vater und Sohn einander gegenüber.
»Ihr verfluchten Bengels!« sagte der alte Herr, »was macht Ihr für
Geschichten?«
»Etwas zu spät bist Du doch gekommen, lieber Papa -- Du siehst, der Fall
ist bereits erledigt!«
»Ich wollt's Euch auch geraten haben! Schlimm genug, daß es so weit
gekommen ist! Na, was hat's denn abgesetzt?«
»Ach, nicht der Rede wert,« lachte der Junge und zwang den grimmigen
Schmerz nieder, der von dem verletzten Gelenk aus durch den ganzen
Oberkörper fraß.
»Nun, und Du wunderst Dich gar nicht, daß ich hier bin?!«
Valentins Blicke hatten die Gestalt des jungen Weibes erkannt, das nun
herankam in Begleitung eines dicken Herrn. An diesen ritt der Gendarm
heran und machte ihm in dienstlicher Haltung eine Meldung, während das
Mädchen mit glühenden Backen und strahlenden Augen nähertrat, um dann
ein paar Schritt vor den Herren plötzlich tiefbefangen stehen zu
bleiben.
»Die da, nicht wahr?« fragte Valentin den Vater.
»Jawohl, die da ... zum Dank für ... vorgestern!«
»Ach, ich glaube, es war ihr weniger um mich zu tun ...« sagte Valentin
Pilgram und suchte das Auge des wiedergefundenen Freundes.
Aber der hatte keinen Blick für ihn. In tiefer Erschütterung, regungslos
starrte er zu der hellen Gestalt hinüber, die über die weißen Schollen
herangeschwebt kam wie ein Frühlingshauch. Als sie nun aber stehen
blieb, da sprang er ihr entgegen, die Hände weit ausgestreckt. Da hob
auch sie ihm die Hände entgegen, und er ergriff sie und drückte sein
glühendes Gesicht hinein.
Erbprinz Heribert hatte nach seiner Rückkehr vom Morgenritt wie
gewöhnlich von neun bis zwölf das Kolleg besucht und war dann in seine
Wohnung im Hotel Hauffe zurückgekehrt, um mit Major von Gorczynski zu
frühstücken.
»Nun, Durchlaucht, wie war's?« Der Major hob das Portweinglas.
»Danke, ganz nett.«
»Nur ganz nett?!«
»Ach, wissen Sie, lieber Gorczynski, ich glaube, das ist eine von den
ganz Gerissenen ... die sichert sich =vorher= -- verstehen Sie?«
Der aufwartende Lakai brachte auf silbernem Brett eine Besuchskarte. Der
Prinz las:
=Pilgram=
Senatspräsident am Königlichen Oberlandesgericht
Dresden.
»Haben Sie gesagt, daß wir beim Frühstück sind?«
»Zu Befehl, Durchlaucht, aber der Herr bittet dringend um eine
Unterredung.«
»Schön -- ins Empfangszimmer.«
Als der Bediente verschwunden war, reichte der Erbprinz seinem Erzieher
die Karte hinüber.
»Vermutlich der Vater meines ... äh ... meines Kollegen!«
»Kollegen?! Wieso?«
»Na, weil der auch auf die Buchner reingefallen ist. Kommen Sie mit,
lieber Gorczynski -- für alle Fälle.«