süßen Jungen totschießt! Wollen Sie mir helfen, wollen Sie mir einen
vernünftigen Rat geben?! Oder soll ich meiner Wege gehen?«
»Hm ... also das sage ich Ihnen, Astachen, gehen Sie weg vom Theater,
aus Ihnen wird niemals was. -- Also, wenn's denn absolut sein muß, die
Sache ist doch entsetzlich einfach: Wenn Studenten Dummheiten machen,
dann steckt man sich hinter ihre Eltern. Leben die respektiven Herren
Väter noch?«
»Beide, soviel ich weiß.«
»Na also, und wo wohnen sie denn, die würdigen Erzeuger der beiden
Hitzschädel?«
»Der eine wohnt da hinten im Rheinland irgendwo, soviel ich weiß.«
»Welcher? Ihr moralischer Schwiegerpapa oder der andere?«
»Nein, der =eine=,« sagte Asta, und das alte Schelmenlächeln blitzte
durch Grimm und Tränchen wieder hindurch.
»Also an den wird bis morgen nicht dranzukommen sein -- und der andere?«
»Der andere, der ist, soviel ich weiß, irgendein hohes Tier in
Dresden!«
»Teufel, das trifft sich ja glänzend! Also, setzen Sie sich auf die
Bahn, Kindchen, und rücken Sie dem Alten -- wie heißt er? -- dem alten
--?«
»Pilgram,« half Asta ein.
»Also, rücken Sie dem alten Pilgram auf die Bude und petzen Sie ihm, daß
sein wackerer Sprößling seinen Monatswechsel dazu mißbraucht, statt
hinter seinen Büchern zu hocken, andern jungen Leuten Löcher in den
Bauch zu schießen. Ich wette, dann entwickelt sich alles weitere
historisch.«
Asta sprang auf den Oberregisseur zu, der noch immer langhingestreckt
auf dem schminkfleckigen Sofa lag, fiel ihm um den Hals und küßte ihn
stürmisch.
»Ach, Franzel, Sie sind doch der Allerbeste! Das wird gemacht, das ist
die Rettung!«
»Aber bitte, erst nach dem 'Lager' -- die kleine Oerzen ist krank
geworden. Sie spielen heut abend die Gustel von Blasewitz. Nachher
reisen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen.«
»Ich danke Ihnen, oh, ich danke Ihnen tausendmal, Sie Goldiger!«
»Es ist ein Skandal,« knurrte Franz Burg. »Da hat unser Herrgott endlich
mal wieder eine richtiggehende Tragödie angelegt, und so ein dummes,
kleines Gör zerreißt ihm das Konzept und macht eine Posse draus!«
15.
Wenige Minuten nach halb zwölf stieg Asta Thöny am Böhmischen Bahnhof in
Dresden aus dem Leipziger Schnellzuge. Sie hatte schon in Leipzig das
Dresdener Adreßbuch eingesehen und festgestellt, daß der
Senatspräsident am Oberlandesgericht Heinrich Pilgram in der
Marschallstraße Nummer zweiundzwanzig wohnte.
In dem milderen Klima der Residenzstadt war der Neuschnee des gestrigen
Tages schon geschmolzen und hatte das Pflaster mit einer zähen
Schlammkruste überzogen. In den Straßen war schon alles Leben erstorben.
Trübselig spiegelte sich der Schein der Straßenlaternen in den Kotlachen
der überschwemmten Rinnsteine. Trübselig klapperte der Gaul durch die
physiognomielosen Straßen der Vorstadt und durch die kaum angebauten
Alleen an der Grenze der Altstadt.
Eigentlich doch ein wahnsinniger Plan: um Mitternacht einer wildfremden
Familie auf die Bude zu rücken! Aber schließlich, man hatte doch wohl
alle Veranlassung, ihr dankbar zu sein. -- Endlich: da stand sie vor der
Pforte einer vierstöckigen Mietskaserne, und während der Wagen von
dannen rollte, riß sie sich schier die Hände ab in dem Bemühen, den
Portier zu alarmieren.
Ein Tattergreis, der hastig Hose und Rock über sein Nachtgewand gezogen,
mit wirrem Graukopf und schlampigen Pantoffeln empfing sie, bösartig
knurrend, und war nur durch etliche Markstücke so weit zu bezähmen, daß
er sie bei der schwankenden Beleuchtung einer schwelenden Handlaterne
bis zum dritten Stock hinaufbegleitete, wo ein Porzellanschild mit der
Aufschrift »Pilgram« an einer breiten, mit Vorhängen abgeblendeten
Glastür den Eingang wies.
Drinnen alles finster.
Wahnsinnige Situation! Aber was half's! Die Klingel schrillte, und zu
Astas freudiger Ueberraschung erschien schon nach wenigen Minuten ein
verschlafenes Dienstmädchen, das entsetzt zurückprallte, als es der
fremden, eleganten Dame ansichtig wurde.
Die Herrschaften seien in Gesellschaft, würden aber wohl bis ein Uhr
wieder zurück sein ...
Den unbekannten Besuch in die Wohnung einzulassen, dazu war das Mädchen
nicht zu bewegen, und so mußte Asta unter Führung des Tattergreises
abermals die drei Stiegen hinunter, um draußen auf der ganz verlassenen
Straße in Schlamm und Tauwind auf und ab zu patrouillieren, wie sie
abends vorher im Schnee auf der Kleinen Fleischergasse auf- und
abpatrouilliert war ...
Endlich nach einer Stunde Wartens nahten von der Altstadt her vier
vermummte Gestalten: ein Herr im Zylinder, den Rockkragen
hochgeschlagen, und drei Damen, eine kugelrunde und zwei schlanke,
hochgewachsene, in Abendmänteln und Kapuzen.
Im Augenblick, als der alte Herr den Schlüssel einschob, um zu öffnen,
trat Asta auf ihn zu:
»Um Verzeihung! Ich habe wohl die Ehre, Herrn Präsidenten Pilgram ...«
Der alte Herr richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf, stand
völlig verblüfft, musterte die Fragerin.
Im selben Augenblick sah Asta durch goldgefaßte Brillengläser hindurch
zwei scharfe, klare Augen mit durchdringendem Blick auf sich gerichtet.
»Allerdings! Ich heiße Pilgram -- Sie wünschen?!«
Inzwischen waren die Damen herangekommen, starrten völlig verblüfft und
verständnislos auf die zierliche Gestalt im silbergrauen Jackett, deren
Züge ein grauer Schleier fast ganz verbarg.
»Entschuldigen Sie gütigst, Herr Präsident, könnte ich Sie wohl einen
Moment allein sprechen?«
»Was für eine Angelegenheit, bitte, meine Dame? Es ist ein Uhr!«
»Eine sehr dringende Angelegenheit,« stammelte Asta, »ich komme aus
Leipzig, es handelt sich um Ihren Sohn.«
Ein noch schärferer Augenblitz traf das Mädchen.
»Hm ...« sagte er nur, dann bückte er sich aufs neue, schloß auf und
sagte zu seinen Damen:
»Ihr seid wohl so freundlich und geht schon hinauf solange.«
Mit angstvoller Neugier musterten die drei Damen die Fremde, aber ein
scharfes: »Also bitte!« veranlaßte sie, dem Wunsche des
Familienoberhauptes Folge zu leisten. Die Tür fiel ins Schloß.
»Also zuvörderst, wer sind Sie?« fragte der alte Herr.
»Ich bin die Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin Asta Thöny.«
»Hm ... und Sie wünschen?«
»Ihr Sohn Valentin wird sich morgen früh mit einem andern Studenten
schießen.«
Die buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, der graue
Fransenschnurrbart zuckte.
»Und dieser andere Student ist wer?«
»Ein Herr Hans Thumser.«
»Hans Thumser?! Das ist ja ein Korpsbruder meines Sohnes!«
»Ihr Herr Sohn ist schon vor Wochen aus dem Korps ausgetreten ...«
»Was ist das?!«
Der Präsident richtete sich straff auf:
»Das müßte ich denn doch wohl wissen, mein Fräulein!«
»Es ist aber so, Herr Präsident.«
»Hm ... lassen wir's zunächst einmal dahingestellt, ob Sie recht haben.
Was veranlaßt Sie, mir diese Mitteilung zu machen?«
Asta war auf diese Frage vorbereitet und hatte sich ihre Antwort
zurechtgelegt.
»Ich bin ... mit Herrn Thumser ... nahe befreundet.«
»Hm -- mit Herrn Thumser? Sie machen mir also Ihre Mitteilungen weniger
im Interesse meines Sohnes als vielmehr in dem des Herrn Thumser, wenn
ich recht verstanden habe?«
»Nein, das doch nicht, Herr Präsident. Allerdings ... vor allem doch
wohl Herrn Thumser zuliebe ... Aber Ihren Herrn Sohn kenne ich auch,
zwar nur sehr flüchtig, aber ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet, er
hat mich ... er hat mir gestern ... das Leben gerettet.«
Der alte Herr sah das erregte Mädchen mit einem Blick an, in dem ganz
deutlich zu lesen war, er zweifle an ihrem Verstand.
»Darf ich Sie bitten, meine Gnädigste, Ihren Schleier zu heben, damit
ich sehe, wen ich eigentlich vor mir habe?!«
Mit zwei raschen Bewegungen streifte Asta Thöny den Schleier in die
Höhe. Sie fühlte sich mit scharfer Prüfung gemustert. Aber das Ergebnis
mußte wohl nicht ungünstig sein, denn erheblich liebenswürdiger als
zuvor fuhr der alte Herr fort:
»Darf ich Sie bitten, mein gnädiges Fräulein, sich mit mir hinauf in
meine Wohnung zu bemühen: Sie werden mir erzählen.«
Er entzündete ein Wachsstreichholz und leuchtete dem seltsamen Gast die
Treppe hinauf. Der Hausflur war nun hell erleuchtet. An einer
halboffenen Tür drängten sich drei weibliche Köpfe, die hastig
verschwanden, als der Präsident mit seinem Besuch eintrat. Sehr höflich
nahm er dem Gaste den Regenschirm ab und geleitete ihn in ein dunkles
Zimmer zur Rechten, entzündete zwei Gasflammen, bat, ihn einen Moment zu
entschuldigen.
Einen raschen Blick warf Asta in dem Zimmer umher. Die übliche,
gutbürgerliche Einrichtung der sechziger Jahre: Mahagonimöbel, grüner
Plüschbezug, an den Wänden ehrwürdige Familienbilder in Oel mit
Darstellungen von Priestern und Gelehrten aus den beiden letzten
Jahrhunderten. Am Fenster ein Mahagonisekretär mit Rolljalousie, darauf
zahlreiche Photographien in Ständerrahmen, unter denen Asta sofort die
eines schlanken Studenten in Mütze und Band herauserkannte.
Der Präsident kam zurück, bat, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte
sich ihr gegenüber in einen Plüschsessel. Er hatte abgelegt. Auf der
linken Brust seines Fracks schimmerte eine blinkende Ordenreihe.
Und abermals mußte Asta die Geschichte des gestrigen Abends erzählen.
Der Präsident lauschte gespannt, ohne sie mit einem Wort, mit einer
Frage zu unterbrechen. Als sie geendet, trat er auf sie zu, streckte ihr
die Hand hin:
»Ich danke Ihnen, meine Gnädigste. Das war sehr gescheit von Ihnen, daß
Sie gekommen sind. Ich fahre mit Ihnen nach Leipzig. Ich habe schon
nachgesehen, um drei Uhr vierzig fährt der Zug, um halb sechs sind wir
drüben. Darf ich Sie inzwischen meinen Damen zuführen?«
»Sehr gütig, Herr Präsident. Und was wird werden, was wollen Sie tun?«
»Den beiden jungen Herren klar machen, daß ihre Eltern sie nicht deshalb
großgezogen haben, damit sie sich untereinander als Zielscheibe
benutzen.«
»Aber werden wir auch nicht zu spät kommen? Wollen Sie nicht vielleicht
vorher noch ein dringliches Telegramm an Ihren Sohn ablassen?«
»Liebes Fräulein, ich war selbst einmal Student -- bin sogar Alter Herr
des Korps Franconia --, wie ich die Buben kenne, scheren sie sich in
solchen Fällen den Teufel um ein väterliches Telegramm. Im Gegenteil:
wenn sie erst wittern, daß wir ihnen auf der Spur sind, dann kriegen wir
sie morgen früh überhaupt nicht mehr zu fassen. Um halb sechs Uhr sind
wir dort, vor sechs Uhr wird's ja überhaupt nicht hell um diese
Jahreszeit; inzwischen werden wir überlegen, was zu tun ist. Darf ich
Sie jetzt bitten, zu meiner Frau und zu meinen Töchtern
hinüberzukommen?«
»Verzeihung, Herr Präsident, würden Sie es nicht für besser halten, wenn
Sie zunächst Ihre werten Damen über den Zweck meines Besuchs
aufklärten?«
»Da haben Sie recht, liebes Fräulein. Wenn Sie mich also einen
Augenblick beurlauben wollen ...?«
Nur wenige Minuten blieb Asta allein. Dann flogen zwei schlanke Mädels
herein, in Balltoilette, mit glühenden Backen, glänzenden Augen, in
denen die Angst um den Bruder und dabei doch auch brennende Neugier und
gespannte Erregung standen, und stellten sich mit befangenen Knixen vor.
Achtzehn und zwanzig mochten sie sein, die ältere dem Vater und Bruder
wie aus den Augen geschnitten; die jüngere, ein munteres, molliges Ding,
das Ebenbild der Mutter, wie sich alsbald herausstellte, als nun auch
die rundliche Frau Präsidentin auf der Bildfläche erschien. Und alsbald
saß Asta mit Valentin Pilgrams Mutter und Schwestern unter der
Hängelampe eines altmodisch-behaglichen Speisezimmers. Man stopfte sie
mit Butterbrot und Süßigkeiten, man fragte sie aus nach tausend Dingen,
von denen sie keine Ahnung hatte.
Während dessen hatte sich der Präsident entfernt, kam nach ein paar
Minuten zurück.
»So, mein gnädiges Fräulein, ich habe mir die Sache überlegt. Ich werde
jetzt gleich zum nächsten Telegraphenamt gehen und eine dringliche
Depesche an die Leipziger Polizei aufgeben. Hören Sie, was ich
aufgesetzt habe:
'Königl. Kreishauptmannschaft Leipzig! Morgen früh soll dort
Pistolenduell zwischen meinem Sohn Valentin und Stud. Hans Thumser
stattfinden. Ort und Zeit unbekannt. Abreise sofort, um selbes zu
verhindern. Ankomme 5.29 dort Dresdener. Erbitte Unterstützung,
womöglich berittenen Gendarmen, am Bahnhof.
Pilgram,
Senatspräsident am Oberlandesgericht.'
So, ich nehme an, daß man einem königlichen Beamten meines Ranges in
angemessener Weise entgegenkommen wird. Wenn die Polizei einigermaßen
ihre Pflicht und Schuldigkeit tut, so kommen die jungen Herren morgen
früh überhaupt nicht aus ihrer Bude heraus, sondern werden gleich mit
Beschlag belegt. Sollte aber wider alles Erwarten die Sache nicht
klappen, so sind wir ja da!«
»Ja, aber um Gottes willen, Herr Präsident,« meinte Asta, »wir haben
doch keine Ahnung, wo die schreckliche Geschichte eigentlich vom Stapel
gehen soll -- wie wollen Sie das denn herauskriegen?«
»Ja, Papachen, wie willst Du das nur herauskriegen?« echoten die
Töchter.
»Liebe Kinder, ich war doch selbst mal in dem Geschäft. Gebt acht: Wenn
man sich schlagen will, geht man nicht zu Fuß heraus, sondern bestellt
sich einen Wagen. Wenn man aber Korpsstudent ist, so hat man für diesen
Wagen eine ganz bestimmte Bezugsquelle: das Korps nimmt nämlich seinen
Wagen immer bei ein und demselben Fuhrwerksbesitzer, der ihm
Vorzugspreise gewährt. Den Namen aber des Wagenlieferanten der
Franconia, den kenne ich leider nur zu genau. Oder soll ich jetzt sagen:
glücklicherweise? Ich habe nämlich am Schluß des vorigen Semesters für
unseren guten Valentin noch eine ganz erkleckliche Wagenrechnung
berappen müssen ... Der gute Mann wohnt in der Nähe des Bayrischen
Bahnhofs, an ihn also wenden wir uns zunächst und versuchen
herauszubekommen, wohin die Fahrt gehen soll.«
»Aber wird er's auch verraten?« meinte Asta, »das könnte das Korps ihn
doch teuer entgelten lassen?«
»Ich glaube, wenn ich mit der Polizei drohe und darauf aufmerksam mache,
daß man ihn wegen Beihilfe zum Zweikampf mit tödlichen Waffen am
Schlafittchen kriegen könnte, dann wird er wohl mit sich reden lassen!«
»Ach, Papachen, wie klug Du bist!« riefen die Töchter, strahlend vor
Entzücken über das unerwartete Abenteuer. Himmel, wie interessant endete
der Abend, der so langweilig, ganz nach dem Schema F verlaufen war.
»Nun aber müssen Sie schlafen, liebes Fräulein,« meinte die Präsidentin,
nachdem ihr Gatte sich entfernt hatte, um das Telegramm aufzugeben. »In
einer Stunde müssen Sie schon wieder zum Bahnhof, die sollen Sie
wenigstens zur Ruhe benutzen.«
Aber Asta dankte. Sie könne nachher in der Eisenbahn noch genug
schlafen, sie würde jetzt doch kein Auge zutun. Nur Hunger habe sie
noch, wenn sie's denn schon sagen solle, und Durst auch.
Und die vier Frauen schwatzten und lachten zusammen wie alte Freundinnen
... und nur selten einmal ging's einer von ihnen durch den Kopf, was für
morgen auf dem Spiele stand.
Papachen würde schon alles machen. Wenn Papachen eine Sache in die Hand
genommen hatte, dann konnte es ja nicht schief gehen!
Als Asta und der Präsident fast als einzige Passagiere dem Frühzuge
entstiegen, trat ein behäbiger Herr in einem undefinierbaren Räuberzivil
auf den alten Herrn zu.
»Verzeihen Sie gütigst, ich habe wohl die Ehre, Herrn Senatspräsidenten
Pilgram ... Mein Name ist Gensel, Königlicher Kriminalkommissar. Stelle
mich im Auftrage der Kreishauptmannschaft zu Ihrer Verfügung.«
»Ah, charmant, Verehrtester. Haben Sie auch einen Gendarmen zur Hand?«
»Der wartet draußen mit seinem Gaul.«
»Nun, und was ist sonst geschehen?«
»Ja, Herr Präsident, wir haben unser Möglichstes getan. Wir haben sofort
zwei Kriminalschutzleute zu den Wohnungen der beiden jungen Leute
geschickt und feststellen lassen, ob sie zu Hause wären. Ihr Herr Sohn
hat seine bisherige Wohnung bei dem Kanzleirat Buchner seit gestern ganz
aufgegeben und ist ins Hotel übergesiedelt, in welches, das wußten die
Leute nicht. Und der andere, Herr Thumser heißt er ja wohl, der ist heut
nacht nicht nach Hause gekommen.«
»Teufel! Das ist scheußlich -- was nun?!«
»Ja, was nun, Herr Präsident? Ich weiß auch nicht, was ich machen soll!«
Der Jurist sann eine Weile nach, dann erklärte er dem Polizeibeamten
seinen Plan, durch den Fuhrwerksbesitzer den Duellanten auf die Spur zu
kommen.
Der Kommissar war völlig einverstanden. Man stieg in eine Droschke und
rollte durch die hier noch immer mit kotigem Schnee bedeckten Straßen
zum Bayrischen Bahnhof.
Im trüben Laternenschein huschten hastige Fußgänger vorüber, das Leben
der großen Stadt erwachte -- die Arbeit begann.
Die Herren berieten eifrig während der kurzen Fahrt. Der Präsident im
Rücksitz, der Kriminalkommissar ihm gegenüber. Asta lehnte in ihrer
Ecke, fröstelnd, übernächtig, von Angst geschüttelt, und lauschte der
halblauten Unterhaltung der Herren.
Der Gendarm war vorausgetrabt. Als man vor dem Fuhrhof ankam, hielt er
bereits an dem Portal mit dem Geschäftsinhaber, einem grobknochigen Mann
in Flausrock und Holzpantoffeln.
Schnell kletterte der Kommissar aus dem Wagen und inquirierte sofort den
Fuhrherrn:
»Ist der Wagen für das Korps Franconia schon fort?«
»Weeß Knebbchen, ja, Herr Kommissar, schon seit zehn Minuten is er
weg ... tut mir sähre leid.«
»Und wohin geht die Fahrt?«
»Das kann ich Sie nich sagen, uff mei Ehrenwort nich. Der Wagen is
bestellt für um den Herrn Volkner abzuholen, Kleine Fleischergasse fünfe
... aber da wird er nu ja woll ooch schon nich mehr sinn.«
Der Präsident war ebenfalls ausgestiegen und fragte: »Na, lieber Herr,
Sie werden ja doch wohl eine Ahnung haben, wohin es geht?! Wo fahren
denn die jungen Herren gewöhnlich hin, wenn sie was Besonderes vorhaben,
he?!«
»Nu, mei gutester Herr, wenn ich's ehrlich sagen soll, gewehnlich machen
se doch so was im Ratsholz ab, un da gibt's eigentlich nur een' Weg:
Kaiser-Wilhelm-Straße 'runter, dann Kaiserin-Augusta-Straße, am alten
Wasserwerk vorbei und ins Streitholz hinein. Freilich, was für ä
Plätzchen se sich dasmal haben ausgesucht, davon habe ich Sie natierlich
de leiseste Ahnung nich, mei gutester Herr.«
»Also, Herr Robolski,« sagte der Kriminalkommissar, »ich mache Sie
darauf aufmerksam: Wenn sich's herausstellt, daß Sie uns nicht die reine
Wahrheit gesagt haben, dann krieg' ich Sie bei die Hammelbeene,
verstehen Sie mich?!«
»Mein Ehrenwort,« sagte der Fuhrherr, »mein heiligstes Ehrenwort, Herr
Kommissar, das, was ich gesagt habe, ist alles, was ich weeß.«
»Schön! Also, Gendarm Mehlhorn, Sie haben gehört: sitzen Sie auf, traben
Sie was haste was kannste nach dem Streitholz. Wir kommen nach. Sie
reiten bis zum Schnittpunkt der 'Neuen Linie' und der 'Linie',
meinetwegen auch die 'Linie' hinauf, bis zum Flußgraben, dann zurück bis
zum Wegekreuz, dort warten! Merken Sie inzwischen was von den
Duellanten, so greifen Sie selbständig ein, verstanden?!«
»Zu Befehl, Herr Kommissar!« sagte Mehlhorn dienstlich, schwang sich auf
seinen Braunen und klapperte die Bayrische Straße hinunter.
Die beiden anderen Herren verabschiedeten sich mit flüchtigem Gruß und
Dank von dem Fuhrwerksbesitzer, wiesen den Kutscher an, hinter dem
Gendarmen drein zu fahren, stiegen ein, und die Gäule zogen an.
Die drei im Wagen schwiegen und sannen.
Vom Bayrischen Bahnhof blinkten grelle Signallichter, schrillten
Lokomotivenpfiffe, ratterten mit dumpfen Stößen ausfahrende Züge über
die Schienen. Drüber stand schon heller Tagesglast. Auf der matt
erleuchteten Kreisscheibe der Bahnhofsuhr standen die beiden Zeiger in
einer geraden, senkrechten Linie ...
O Gott, wenn man zu spät kam! Es konnte sich ja nur um Minuten handeln.
16.
Hans Thumser erwachte. Oben an der Decke war irgend etwas, das blendete
ihn. Mit verschlafenen Augen blinzelte er hinauf und sah, daß es
Laternenschein war, der, von drunten herauffallend, das Lichtbild eines
Fensters auf die weiße Tünche zeichnete. Teufel ja, wo kam das denn her?
Das war sonst doch nicht so?!
Mit einem Mal fiel's ihm ein: er war ja gar nicht in seinem eigenen
Zimmer, lag nicht in seinem Bett ... aber wo nur? Richtig, er war ja
doch auf Volkners Bude -- aber warum nur, was war denn eigentlich los?
Mit einemmal krampfte sich sein Herz zusammen in siedendem Schreck: o
Gott, morgen früh --!
Eigentlich doch eine sehr vernünftige Idee von Volkner, ihn nicht allein
zu lassen in dieser Nacht, in dieser vielleicht ... letzten Nacht. Und
auch sonst war alles sehr vernünftig gewesen, was der Senior gesagt und
geraten:
»Weißt Du, Thumser, vor einer solchen Affäre ist das einzig Richtige,
sich so zu betragen, als sei gar nichts Besonderes los. Um Gottes
willen, bloß sich nicht hinsetzen und ein halbes Dutzend Abschiedsbriefe
schreiben: an die Eltern, an den Schatz, an die Erbtante, und wer weiß
an wen sonst noch. Das hat ja gar keinen Zweck. -- Mein Gott, so'n
bißchen Knallerei! Ja, wenn Du jedesmal Dein Testament machen wolltest,
wenn Du Dich in Lebensgefahr begibst, dann müßtest Du es von Rechts
wegen machen, so oft Du vor die Tür gehst! Ueberall kann Dir ein
Dachziegel auf den Schädel fallen. Und wenn Du in Deiner Bude und im
Bette bleibst, kann schließlich die Decke einstürzen ...«
Des Korpsbruders rheinischer Leichtsinn hatte Hans Thumser über die
Abendstunden hinweggeholfen. Man war auf der Kneipe gewesen, hatte
Quodlibet gespielt und den blödesten Bierulk betrieben. Dann hatte
Volkner ihn mit auf seine Bude geschleift, ihm großmütig sein Bett
abgetreten und sich dann selber auf dem Kanapee einlogiert. Von dort
herüber drang jetzt sein melodisches Schnarchen. Na ja, der hatte gut
schnarchen!
Vorher aber, vor dem Einschlafen, hatten die zwei noch einen besonderen
Trall ausgeheckt: Volkner hatte seine Geige genommen, und beide waren
sie vor die Kammertür von Volkners bejahrter Hauswirtin gezogen und
hatten ihr ein Ständchen gebracht, indem sie zu sanft hinschmelzender
Violinbegleitung das schöne Lied gesungen hatten:
Seh ich ein Haus von weitem,
Wo ein lieb Mädel träumt,
Sing ich zu allen Zeiten
Ein Lied ihr ungesäumt.
Und wird's im Fenster helle,
Sei es auch noch so spat:
So weiß ich auf der Stelle
Wieviel's geschlagen hat.
Erst als die Pantoffeln der Alten von drinnen gegen die Tür knallten,
hatten sie Ruhe gegeben und waren dann beide auch sofort eingeschlafen.
Volkners Bude befand sich im ersten Stock des Hauses, das an der Kleinen
Fleischergasse dem Cafébaum direkt gegenüber lag. Und der Lichtschein
der Laterne, die neben dem Eingang des Restaurants stand, war es, der
Hans Thumser geweckt hatte. Er tastete nach seiner Taschenuhr und
stellte im matten Reflex des Deckenlichts fest, daß es zwei Uhr war.
Auf halb fünf war der Korpsdiener zum Wecken, auf viertel sechs der
Wagen bestellt. Um viertel sieben sollte der erste Schuß fallen ... also
noch zwei und eine halbe Stunde Schlaf und vielleicht noch vier und eine
viertel Stunde zu leben ...
Die ganze vorige Nacht hindurch hatte Hans Thumser wie ein Sack
geschlafen. Die nötige Bettschwere hatte er sich ja schon vor dem
Zusammenstoß mit Pilgram angezecht. Der gestrige Tag war in beständiger
Unrast hingegangen, und so kam jetzt in nächtlicher Stille zum erstenmal
Ordnung in den Wirrwarr der Gedanken, die um das Schicksal der kommenden
Morgenstunde flatterten.
Also sterben vielleicht ... und warum denn eigentlich? Nun, die Antwort
war sehr einfach: Ein anderer war Hansens Ehre zu nahe getreten, hatte
ihn tätlich aufs schwerste beleidigt, dafür galt es eben die
standesübliche Sühne zu fordern.
Schön! Das klang ja ganz vernünftig. Aber schließlich ... eine
Beleidigung hatte doch irgendeinen Grund, ein Motiv. Was hatte er
Pilgram denn eigentlich zuleide getan? Was hatte er begangen, daß
Pilgram ihn wie einen ehrlosen Buben behandelt hatte? Nun, das eine war
ja klar: Pilgram war eifersüchtig, er bildete sich ein, er selber, Hans
Thumser, sei sein Nebenbuhler bei Jucunda, und zwar ein begünstigter.
Ein begünstigter? Ach, du lieber Gott ...!