Hoch aufgerichtet, die Ordensrosette im Knopfloch seines Ueberrocks,

erwartete der alte Herr den jungen Fürsten. Des Umgangs mit

hochgestellten Persönlichkeiten gewohnt und seiner guten Sache sicher,

neigte er sich mit gemessenem Selbstbewußtsein.

»Sehr erfreut -- Herr Präsident, was verschafft mir die Ehre? Darf ich

bekannt machen? Herr Major von Gorczynski -- Herr Präsident Pilgram. --

Stört Sie die Gegenwart meines Begleiters, Herr Präsident?«

»Ich bitte, Durchlaucht.«

»Bitte Platz zu nehmen, meine Herren.«

»Durchlaucht, ich komme im Interesse meines Sohnes Valentin, den Sie

kennen!«

»Ich habe die Freude.«

»Durchlaucht wissen, daß mein Sohn aus dem Korps Franconia ausgetreten

ist, um Ihnen gegenüber für eine Dame eintreten zu können, von der er

annahm, daß Sie, Durchlaucht, ihr -- --«

»Hm ...« machte der Erbprinz, »ich weiß.«

»Durchlaucht haben die Güte gehabt, diese Angelegenheit in ritterlicher

Weise beizulegen. Trotzdem hat das Korps Franconia aus Rücksicht auf

Durchlaucht davon Abstand genommen, meinen Sohn in die Reihen seiner

Mitglieder wieder aufzunehmen.«

»Allerdings ...« sagte der Erbprinz. »Das habe ich mir wohl so gedacht

-- aber wenn ich mir eine Zwischenbemerkung erlauben darf, Herr

Präsident: die Geschichte war mir höchst fatal ... und ich habe mich

seitdem vom Verkehr bei dem Korps fast völlig zurückgezogen ... Es war

mir kolossal peinlich ... verstehen Sie, Herr Präsident?«

»Ich begreife sehr wohl,« sagte der Präsident ruhig. »Die jungen Herren

haben wohl eine zu geringe Meinung von Euer Durchlaucht wohlwollendem

Verständnis für die korpsstudentische Auffassung gehabt, sonst hätte

sich doch wohl ein Ausweg finden lassen, um meinem Sohn die

wohlverdiente Ehre der Zugehörigkeit zu dem Korps -- zu dessen Alten

Herren ich, beiläufig bemerkt, auch selber zähle -- wiederum zu

verschaffen. Oder täusche ich mich, Durchlaucht?«

»Ne, ne, mein verehrter Herr Präsident. Sie haben in der Tat vollkommen

recht ... Wenn's nach mir gegangen wäre ... aber man hat mich ja gar

nicht gefragt. Mir für meine Person wär's ja doch zehnmal angenehmer

gewesen, wäre die ganze Geschichte diskret behandelt worden. Aber man

hatte ja die Sache dermaßen übers Knie gebrochen ... ich stand vor einem

_fait accompli_ ... und da hielt ich's für das beste, mich um gar nichts

mehr zu bekümmern. Das werden Sie begreifen, nicht wahr, Herr

Präsident?«

»Ich begreife vollkommen, Durchlaucht. Ich sehe aber auch, daß ich mich

in meinen Vermutungen über Eurer Durchlaucht Ansichten von der Sache in

keiner Weise getäuscht habe: und darum komme ich jetzt mit der formellen

Bitte, die der Zweck meines Besuches ist: wollen Durchlaucht die große

Güte haben, durch meinen Mund dem Korps Franconia mitteilen zu lassen,

daß einer Rückgabe des Bandes an meinen Sohn Ihrerseits nichts im Wege

steht?«

»Aber mit dem größten Vergnügen, Herr Präsident! Ich bin ja höchst

erfreut, daß die fatale Geschichte endgültig aus der Welt kommt ...«

»Ich danke ehrerbietigst für diese Gnade, Durchlaucht. Ich glaube, sie

ist an keinen Unwürdigen verschwendet! Da Sie nun aber in so überaus

verständnisvoller Weise meinem Vorschlage entgegengekommen sind, so darf

ich wohl auch noch eine andere Begebenheit erzählen, die mit der

besprochenen nicht ganz ohne Zusammenhang ist, und die glücklicherweise

ebenfalls eine Wendung zum Besseren genommen hat?«

Und nun erzählte der Präsident in knappen Worten von dem Renkontre der

beiden einstigen Korpsbrüder und seinem blutigen Austrag. Die Motive des

Zusammenstoßes ließ er unberührt. Er konnte sich wohl vorstellen, daß

der Erbprinz den Zusammenhang auch so durchschauen würde ... und darin

hatte er sich nicht getäuscht. Als er geschlossen hatte, erhob sich der

Erbprinz und streckte seinem Besucher die hagere Hand hin:

»Ich danke Ihnen, Herr Präsident, Ihre Geschichte soll mir eine Lehre

sein ... gewisse Leute sind anscheinend ... äh ... mit Vorsicht zu

genießen. Was meinen Sie, lieber Gorczynski? Na, ich werde mir's

merken!«

»Gestatten Durchlaucht nochmals meinen ehrerbietigsten Dank.«

»Aber ich bitte, mein verehrter Herr Präsident -- nur ich habe zu

danken, nur ich ... Sie haben mir einen größeren Dienst geleistet,

als Sie vielleicht ahnen. Grüßen Sie Ihren Sohn, oder noch besser:

sagen Sie ihm, ich hoffe heute abend auf der Frankenkneipe mit ihm auf

gute Freundschaft anzustoßen ... Doch halt! Vorher müssen wir noch

einmal ins Theater ... Nicht wahr, lieber Major? Heut ist ja die

Abschiedsvorstellung der Meininger, das dürfen wir uns doch nicht

entgehen lassen ... Aber nachher, nicht wahr, Herr Präsident, dann

treffen wir uns im Cafébaum!«

»Ich hatte gleichfalls vor, das Theater zu besuchen, Durchlaucht, wenn

ich mir die Bemerkung gestatten darf -- und zwar mit meinem Sohn und

unserm Korpsbruder Thumser. Die Verletzung meines Sohnes ist ja freilich

nicht ganz unbedeutend: das linke Oberarmbein ist in Höhe des unteren

Ansatzes des Oberarmkopfes getroffen, die Kugel ist im Knochen stecken

geblieben, konnte aber mit Leichtigkeit entfernt werden.«

»Sehr erfreulich zu hören, Herr Präsident. Also auf Wiedersehen heut

abend, nicht wahr?«

Um zwölfeinhalb Uhr fuhr der alte Pilgram am Cafébaum vor, stieg die

Stufen zur Frankenkneipe hinan und wurde vom Korpsdiener in das

Konventszimmer geführt, wo Franconias Korpsburschen bereits zum C. C.

versammelt waren.

Ehrerbietig begrüßte die Schar der Studiosen den Alten Herrn, der sofort

beim Eintreten eine grüne Mütze, die der Korpsdiener ihm dargereicht,

auf seinen grauen Schädel gestülpt hatte.

Volkner bat Platz zu nehmen und eröffnete den C. C. Er erteilte dem

Alten Herrn Pilgram das Wort. Dieser berichtete über seinen Besuch bei

dem Prinzen und entledigte sich seiner Mission.

Mit strahlenden Gesichtern vernahmen die Korpsburschen die frohe

Botschaft.

Unmittelbar, nachdem der Alte Herr geendigt, sprach der Senior:

»Ich stelle den Antrag, dem früheren C. B. Pilgram, gewesenen Zweiten,

Ersten, Ersten das Band zurückzugeben. Wünscht jemand zu dem Antrage das

Wort?«

Alles schüttelte den Kopf, aus jedem Auge strahlte helles Glück. Hans

Thumser aber schämte sich nicht, daß ihm zwei Tränen über die frischen

Wangen rollten. Unfähig jeden Wortes, reichte er dem Präsidenten über

den Tisch hinüber die Hand.

Und nun saßen sie im Carolatheater, auf einer der vordersten

Parkettreihen. Präsident Pilgram inmitten der beiden jungen Gesellen,

zur Rechten sein Sohn: er trug den linken Arm in der schwarzen Binde,

fest im Gipsverband verschient, den Rock nur lose über die linke Achsel

gehängt, den Aermel leer. Ueber die rechte Schulter aber, über die Weste

und die schwarze Binde zog sich das grün-gold-rote Band.

Hans Thumser saß zur Linken. Ueber den alten Herrn hinweg aber schauten

die Freunde sich immer und immer wieder in die Augen. Sie fühlten: so

hatten sie sich noch nie gehört, so sich noch nie geliebt. Und diese

Liebe, die würde nun bleiben fürs ganze Leben ...

Oft aber flogen ihre Blicke auch nach der zweiten Proszeniumsloge des

Parketts vorn rechts hinüber. Da saß der Erbprinz, die Scherbe im fahlen

Gesicht, und hinter ihm verschwanden die groben Züge, der wehende

Schnurrbart des Majors im Dämmer des Logenhintergrundes.

Aber auf den blasierten Zügen des jungen Fürsten lag heute ein seltsames

Leuchten, das noch niemand an ihm gekannt hatte. Und wenn sein Blick den

Augen des alten und der beiden jungen Franken da unten im Parkett

begegnete, dann lachte sein ganzes Gesicht so knabenhaft fröhlich, so

jung und gut, als sei auch er ein x-beliebiges junges Studentlein und

nicht der Erbe eines deutschen Fürstenthrones.

Ringsum aber drängte sich ganz Leipzig und füllte das Haus bis zum

letzten Stehplatz droben auf der Galerie. Eine festlich dankbare

Stimmung lag über der erregten Versammlung.

Fünf Wochen lang war dies Haus ein Tempelhaus gewesen. Fünf Wochen lang

hatte man hier den höchsten Offenbarungen gelauscht, welche die edelste

Blüte der zeitgenössischen Bühnenkunst geschaffen hatte im Bunde mit den

erhabensten Genietaten der großen Szenenbeherrscher des Dramas der

Weltliteratur. Und nun wollte man am letzten Tage noch einmal mit voller

Seele, mit allen Sinnen genießen, wollte in sich aufnehmen die

gigantischste Schöpfung der deutschen Tragödie: »Wallensteins Tod«.

Das Spiel begann.

Inmitten der Bilder seiner Gestirne stand der einsam-stolze Mann, über

dessen Haupte schon die schwarzen Fledermausschwingen des Verbrechens,

die Rabenfittiche des Todes rauschen. Am nächtlichen Himmel suchte er

den Stern seines Lebens, der sich nun so bald verfinstern sollte ... Und

in raschen, unfehlbaren Schlägen vollzog sich sein Geschick.

Der alte Herr aber da vorn im Parkett und seine beiden jungen Gefährten

harrten ungeduldig des Augenblicks, da der Vorhang sich zum dritten Akt

heben und die beiden Mädchengestalten auftauchen würden, die so tiefe

Furchen in die Herzen, in die Geschicke der jungen Männer gezogen.

Und sieh -- nun erfüllte sich's.

Die Gardine rauschte empor; und es erschloß sich ein dunkler wuchtiger

Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bänken an den Wänden. Nach hinten

stieg eine Treppe empor, im Bogen geschweift aus massivem,

dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissance-Geländer. Sie führte

zu einer langen Galerie, die gegen die Bühne zu von einem riesigen, aus

zahllosen kleinen Scheiben bestehenden Glasfenster abgeschlossen war.

Und wie verloren in dem weiten, angstdurchschauerten Raum saßen vorn

rechts auf der Bank zwei Frauengestalten mit weiblichen Arbeiten

beschäftigt, während eine dritte oben auf der Galerie stand und aus den

Fenstern nach drunten spähte -- Wallensteins Schwägerin, die Schwester

seiner Seele ...

Die zwei da unten aber -- die beiden jungen Franken, die kannten sie.

Scheu und wesenlos wie ein gutes, dienstbares Geistlein hockte Asta

Thöny als Fräulein von Neubrunn neben der jungen, schönheitsstrahlenden

Herrin.

Die aber saß weiß und blaß, den adligen Kopf in schmerzvoller Starrheit

zurückgelehnt an die braune Täfelung.

Sie war die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritt

des Schicksals, sie war die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden

Kinnbacken des Verbrechens, sie war die leuchtende Seele des

gigantischen Gedichts, sie war ... das Ideal ...

Und alles vollendete sich nun.

Mit unerhörter Wucht stampfte das Fatum daher und ließ den Lügenbau der

friedländischen Größe zusammenkrachen. Blatt um Blatt sank hernieder von

dem ragenden Baum, bis er einsam stand, entlaubt, doch herrlich in

seinem starren Trotz.

Und nun kam jene gewaltigste aller Szenen, die Valentin Pilgram und Hans

Thumser als Pappenheimer Kürassiere mitprobiert hatten, und der sie nun

als Zuschauer nur lauschen durften, wie damals, als Hans, ein scheuer

Primaner, sie zum erstenmal erschaut, dahinten, weit in der Heimat -- im

Barmer Stadttheater, auf dem Eckplatz des zweiten Ranges.

Zwischen den zwei eisengeharnischten Männern, dem fürstlichen Vater

rechts, dem ritterlich prangenden Geliebten links stand das

unglückselige, geopferte Mädchen. Vor die grausame Pflicht gestellt, zu

wählen zwischen Gehorsam und Liebe.

Und sie wählte den Gehorsam ... Mit den unschuldig reinen Händen riß sie

die Liebe aus ihrem Herzen und stieß sie von hinnen ... in den

unerbittlichen Schlachtentod ...

War das Jucunda Buchner? War's das junge Ding von achtzehn Jahren, mit

dem die zwei schlanken Burschen da unten an einem Tisch gesessen, in

einer Stube? Um derentwillen sie heut morgen in der Frühe des

leuchtenden Wintertages einander mit der Pistole in der Hand gegenüber

gestanden hatten, während sie mit einem gefürsteten Knaben über Feld

ritt, nur von dem einen Gedanken erfüllt, ein Gastspiel am Hoftheater in

Nassau-Dillingen für den nächsten Winter herauszuschlagen?

Nein, sie war es nicht. Ihre sterbliche Hülle war's! Und doch auch die

nicht mehr. Auch die verwandelt, erhöht, durchleuchtet, durchseelt von

der geheimnisvollen Flamme, die tief drinnen in ihr loderte,

unerklärlich, unbegreifbar ... der heiligen Flamme, die, solange sie

loderte, alles überstrahlte, alles verzehrte, alles verklärte, was

irdisch, was menschlich, was gewöhnlich, was häßlich war an ihr ...

Horch, schon brandete von draußen der Schwall der Pappenheimer heran ...

Schon klang die wilde Feuerweise des Reitermarsches, der zu Kampf und

Tode lud ...

Und nun -- nun tobte der rasselnde Schwall die Stiegen hinauf, stapfte

in die Galerie hinein, daß die Scheiben klirrend barsten, strudelte die

Treppe hinunter, überschwemmte in immer erneuten Güssen blinkender Wogen

die ganze Bühne ... entblößte Schwerter, haßflammende Blicke ...

Und inmitten die zwei jungen Menschen, -- neben dem todgeweihten Manne

das todgeweihte Weib, die weiße, unschuldig leuchtende Gestalt, das tief

gesenkte, sterbensmatte Haupt.

Und nun, nun ist der grausame Kampf zu Ende gekämpft. Aus dem Arm der

Geliebten reißt Oberst Max sich los.

»Bedenket, was Ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,

Zum Führer den Verzweifelten zu wählen.

Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,

Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen!

Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,

Wer mit mir geht, der sei bereit, zu sterben!«

Und mit hochgereckten Armen stürzt er sich hinein in die eisenschäumende

Woge. Die brüllt hell auf, schäumt gischtend empor, schlingt ihn

hinunter, reißt ihn von hinnen. Die Treppe hinauf strudelt der gärende

Schwall -- noch einmal taucht der wehende Helmbusch, der silberne

Harnisch auf ... versinkt aufs neue in den gleißenden Fluten. In den

wütenden Jubel der todestrunkenen Schar gellen die wirbelnden, erzenen

Rhythmen des Reitermarsches ...

Da unten, da vorn, bricht das verlassene Kind vor des starren Vaters

eisenumschienten Knien zusammen ... es erfüllt sich das tragische Los

des Schönen auf der Erde ... Das Edle sinkt ... Das Ideal verweht ...

Vorbei ... vorbei ...

Während die Gardine niederrauschte, legte der alte Präsident seine

beiden Hände um die Schultern der jungen Männer zu seiner Rechten und

seiner Linken:

»Kinder ... =jetzt= versteh' ich Euch ...!«

Am andern Morgen begleitete Hans Thumser seine Asta im Wagen zum

Bayrischen Bahnhof. Das Leipziger Gastspiel der Meininger war zu Ende --

weiter rollte der Thespiskarren ... Schon übermorgen abend würde man im

Gärtnerplatz-Theater in München mit »Jungfrau« eröffnen ...

Auf dem Bock thronte ein riesiger Reisekoffer. Vier Kisten mit Kostümen

waren schon als Eilgut vorausgegangen.

Drinnen aber im Wagen lachten die zwei und machten die tollsten Witze.

Das Herz war ihnen gar zu voll und gar zu schwer.

»Asta ...« sagte Hans mit einem Male im tiefsten Ernst, »-- ich bin ein

dummer, grüner Junge ... und ein Habenichts dazu ... sonst sagte ich zu

Dir: Laß uns zusammenbleiben ...«

»Du Dummerle!« schalt Asta heftig und gab ihm einen derben Klaps auf die

Backe -- »Du bist doch wirklich ein riesengroßes Dummerle! So etwas darf

man nicht einmal denken ... so ein feiner, nobler Junge wie Du ... und

eine ... eine Landstreicherin wie ich ...«

Aber ihre Lippen zuckten bitter und sehnsüchtig dabei, und in den Augen

schimmerte es verdächtig ...

»Pfui, Asta! Abscheulich, so von Dir zu sprechen! Von meiner ... meiner

süßen Asta --!«

»Sag's noch einmal!« bat Asta. »Es klingt so schön ... und ich werd's ja

doch niemals wieder hören ...«

»Niemals wieder?! So oft Du willst, Süße, so oft Du willst ... und so

oft ... ich ... kann ...«

»Da hast Du's ja ... Du wirst nicht können, mein armes Dummerle ... und

ich ... ich werde auch nicht wollen ... Es war so schön ... nun ist's zu

Ende ... und das ist gut so. Für uns beide ... für mich auch ... Denn

wenn's noch länger gedauert hätte ... dann ... dann wär ich am Ende doch

nicht mehr von Dir los gekommen ...«

»Asta ... Asta ... So viel hast Du für mich getan ...«

»Ja siehst Du -- da hast Du wieder so recht mein ganzes Pech: alles,

was ich für Dich hab' tun wollen, ist beim guten Willen geblieben ...

Ich hab' Dich glücklich machen wollen ... und Du bist zur Jucunda

gelaufen ... Ich hab' Dir das Leben retten wollen ... und bin zu spät

gekommen ... Eh wir dazwischen kamen, hattet Ihr Euch schon vertragen

... So geht mir's immer -- --«

»Asta ... mein Mädchen ... ich ... ich hab' Dich ja so lieb ...

so unsagbar lieb ... ich laß Dich nicht fort ... ich ... ich brenne

durch ... Ich geh' mit nach München ... Ich frage Euren Herrn Burg, ob

er einen Volontär brauchen kann ... Ich sollte meinen, zu einem

Komödianten müßt' es doch auch bei mir reichen ...«

Asta tupfte die Augen mit ihrem Spitzentüchelchen, und die zuckenden

Mundwinkel lachten schon wieder ihr lieblichstes Spitzbubenlachen.

»Ne, Hanserl -- das glückt Dir nicht ... Das können wir vor Deinen

Herren Eltern nicht verantworten! Bleib Du, was Du bist ... ein Jurist

... oder ... werd' einmal ein Dichter, wenn Du kannst ... ich glaube,

Du kannst -- -- und dann, in zehn oder zwanzig Jahren schreibst Du

einmal ein Stück, das über alle Bühnen geht -- mit einer wunderhübschen

Rolle für die komische Alte darin ... Und wenn Du dann auf Reisen

zufällig einmal nach Krotoschin oder nach Stallupönen kommst und siehst

an irgendeiner Bauernkneipe oder Scheune den Theaterzettel einer

Schmiere kleben, die Dein Stück spielt, und hinter der Rolle der

komischen Alten findest Du den Namen Asta Thöny ... dann setz Dich

irgendwo unter das 'verehrliche Publikum' ... aber ganz, ganz weit

hinten ... daß ich Dich nicht etwa erkenne ... und denk' daran, daß das

alte, häßliche Weiblein da oben einmal in Deinen Armen gelegen hat ...

vor langer, langer Zeit ... als Du noch jung warst und unberühmt und

nichts weiter als ein Korpsstudent in Leipzig ... Gelt, Hans, Das tust

Du --?«

Hans Thumser konnte nicht sprechen. Er küßte nur immer wieder die

rosige, weiche Hand, die er zwischen seinen harten, waffengestählten

Tatzen eingepreßt hielt, als wollte er sie zerdrücken.

Der Wagen hielt vor dem Abfahrtportal des Bayrischen Bahnhofs. Es war

zehn Uhr morgens. In grellem Weiß standen die beschneiten Dächer gegen

das satte Himmelsblau, das gleißende Sonnenlicht.

Auf dem Bahnsteig hielt bereits der Münchener Schnellzug. Für das

Ensemble der Meininger waren auf Bestellung ein paar Extrawagen

angehängt worden. Im Kassenflur, unter der Halle, wimmelte es von

glattrasierten Männergesichtern, von lebhaften mit betonter Eleganz

gekleideten Frauen. Riesige Koffermassen wurden in die Gepäckwagen

verstaut ...

Daß Asta Thöny sich auf dem Bahnhof in Begleitung eines grünbemützten

Studenten einfand, erregte keinerlei besondere Sensation unter ihren

Kollegen und Kolleginnen. Derartiges war man von ihr gewohnt. Sonst

war's meist eine Uniform ...

Die große Jucunda schritt mit spöttischem Naserümpfen an dem Paare

vorüber, einen ungeheuren Strauß der wunderbarsten Rosen in der Hand,

den ihr soeben ein prinzlicher Lakai überbracht hatte. Ja ... den

Rosenstrauß hatte sie wohl ... aber keinen herzlieben Jungen zur Seite,

der bei ihr hatte bleiben wollen bis zum letzten Augenblick ... Nur ihre

Eltern gaben ihr das Geleit, Mutter Doris aufgedonnert im

unglaublichsten Staat -- Vater Kanzleirat im abgeschabten Winterpaletot

und zerbürsteten Zylinder, ein armseliger, hüstelnder Schatten neben den

beiden mächtigen Frauengestalten.

Die übrigen Kollegen gingen mit diskret abgewandten Gesichtern an Asta

und ihrem schmucken Begleiter vorüber.

Nur Franz Burg trat grüßend heran:

»Guten Morgen, Kleine ... Na -- ist das Ihr Dichter?«

»Ja, liebster Freund -- das ist er ...«

Burg lüftete lächelnd seinen Hut, nannte seinen Namen, streckte dem

Studenten die Hand hin:

»Nun, ich sehe, Sie sind noch sehr lebendig ... Höchst erfreulich das.«

Mit korrekt eingewinkeltem Arm schlug Hans Thumser ein in Franz Burgs

Händedruck und zog höchst offiziell die Mütze.

»Hm,« machte der Oberregisseur und musterte ungeniert das feierlich

zurechtgefaltete Jugendgesicht -- »vorläufig ist noch nicht viel

zu lesen auf der Physiognomie da ... aber wer weiß ... vielleicht

stehen wir uns noch einmal an anderer Stelle gegenüber, und Sie legen

mir ehrfurchtdurchfröstelt das Manuskript Ihres ersten Dramas in die

Hand ... wer weiß! Dann wollen wir uns dieses Augenblicks erinnern ...«

»Und ich werde mich Ihres 'Wallenstein' erinnern, Meister -- --

einstweilen lassen Sie mich Ihnen dafür danken ...« sagte der Student

... und Franz Burg sah auf einmal mit Staunen, wie auf dem jungen

Gesicht die feierlich korrekten Falten sich auflösten, wie aus den

dunklen Augen eine heiße Flamme sehnsüchtiger Leidenschaft schlug. Da

leuchtete auch sein Blick dem jungen Gesellen freundlich und ermunternd

ins Gesicht.

»Also -- auf dereinstiges Wiedersehen, junger Freund --! Jetzt aber

sollt Ihr zwei die paar letzten Augenblicke noch füreinander haben,

Kinder ...«

Die paar letzten Augenblicke -- --

Hans Thumser und Asta Thöny senkten die Häupter und die Blicke ... Hoben

sie dann und ließen die Augen lange, lange ineinander ruhen ... Dabei

schwiegen die Lippen, Unsagbares quoll auf in ihren Herzen.

»Bitte Platz nehmen!« schnarrten da die Stimmen der Schaffner.

Da warf Asta die Arme um Hans Thumsers Nacken. Es kümmerte sie nicht,

daß die Kollegen vom Fenster aus mit Grinsen und halblautem Scherz den

Abschied beobachteten ...

»Leb wohl ... mein Hanserl ... auf ewig ... leb wohl ...«

»Nein ... nicht auf ewig ... das ist ja unmöglich ... das ertrag ich ja

nicht --«

»Ach, Hanserl -- wie gut Du das ertragen wirst ... aber Du ... von Zeit

zu Zeit einmal an mich denken ... gelt? an ... Dein ... erstes Glück ...

gelt, Hanserl?!«

Aus der finstern Halle polterte der Zug in die sonnige Morgenhelle

hinaus. Grell im Sonnenlichte leuchtete der weiße Rauchschwaden, den der

enteilende Schlot der Maschine hinter sich herzog. Und ein großes

Abschiedwinken ging aus den Fenstern des Zuges, ging auf dem Bahnsteig,

wo in ganzen Rudeln die Freunde und Verehrer standen, welche die

scheidende Künstlerschar bis zum letzten Augenblick begleitet hatten ...

Ein Tüchlein aber wehte länger als alle andern ... und Hans Thumser

blickte ihm nach, winkte ihm nach, bis alles vorbei war.

Dann wandte er sich rasch und schritt gesenkten Hauptes aus der Halle.

Einen Korpsstudenten in Couleur sollte niemand weinen sehen.

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Verlag Ullstein & Co / Berlin-Wien

Ullstein & Co

[Illustration Verlagslogo]

Berlin SW 68

Anmerkungen zur Transkription

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden

übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachliche Passagen,

die im Original in Antiqua gesetzt sind, sind _so_ gekennzeichnet,

für Abkürzungen, wie C. C. und Regentenzahlen wie XIV wurde dies

nicht gemacht. Text der im Original g e s p e r r t gesetzt ist,

ist hier =so= gekennzeichnet.

Komödiantinnen: Roman · 第 19 / 19 段