angestrengt nach mit zusammengekniffenen Brauen. Dabei stieg eine helle
Freude, ja ein lustiger Uebermut langsam, aber immer mächtiger in ihr
empor. Das war ja eigentlich wunderschön, was sie da erfuhr. Sieh da,
Hanschen! Viel Glück scheinst du mit deinem Teebesuch bei der großen
Jucunda ja nicht gehabt zu haben! Und für das bißchen Ehre auch noch
totgeschossen zu werden -- nein, das wollen wir doch mal sehen, ob wir
das nicht hintertreiben können. Aber dazu brauchen wir ja wohl nicht die
große Jucunda -- das können wir uns schließlich auch allein verdienen
...
»Verzeih, liebe Jucunda,« sagte sie. »Ich habe mir eingebildet, Du
hättest was übrig für Hans Thumser, da habe ich mich also anscheinend
geirrt. Nun dann freilich --«
»Allerdings, mein Kind, da hast Du Dich geirrt. Vielleicht erinnerst Du
Dich daran, daß Herr Thumser zwanzig Jahr und ein Student ist. Es mag ja
Kolleginnen geben, die sich aus derartig -- ungaren jungen Herren was
machen. Ich für meine Person -- ich lege auf derartige Bekanntschaften
keinen Wert.«
Ach so, die Großartige willst du spielen! Na warte --!
»Wenigstens nicht, wenn's ein x-beliebiger Bürgerlicher ist, willst Du
sagen, nicht wahr? Wenn's freilich ein Prinz wäre -- das ist was andres,
gelt, Jucunderl, denn kann er so ungar sein wie er will, hab' ich
recht?«
Da fuhr Jucunda Buchner so heftig in die Höhe, daß Asta Thöny
unwillkürlich aufstand und einen halben Schritt zurückwich. Die schönen
Hände krallten sich, das majestätische Gesicht verzerrte sich zum
Ausdruck einer Medusa, die stahlblauen Augen funkelten Wut gleich den
Lichtern einer gereizten Katze:
»Was fällt Dir ein, was erlaubst Du Dir?!« Doch rasch glätteten sich
ihre Züge zum Ausdruck eiskalter Verachtung, sanken die schönen
Schultern nachlässig in die Kissen zurück, und mit einer Handbewegung,
gleich jener, mit der eine Königin eine unbotmäßige Kammerfrau entläßt,
befahl sie:
»Verlassen Sie mein Zimmer, mein Fräulein!«
Asta Thöny lächelte ihr boshaftes Spitzbubenlächeln. Sie sank in einem
tiefen Hofknix zusammen:
»Zu Befehl, Frau Marquise, wünsche gute Karriere.« Und schon war sie
hinaus.
Während sie die Katharinenstraße hinunterschritt und den Marktplatz
überquerte, dessen Schneedecke grell im duftumschleierten Lichte des
frühen Wintermorgens gleißte, fühlte sie sich fast erstickt von der
Seligkeit, die verhaßte Rivalin einmal bis aufs Blut geärgert zu haben.
So eine Hundeschnauze! so eine eiskalte! Tut, als hätte sie keine
Ahnung, daß sie es doch allein ist, die all den Unfug angestiftet hat in
den Brauseköpfen hüben und drüben -- Gott! und wer weiß, was für
Dummheiten sie sonst noch alles auf dem Gewissen hat! Ist nicht dies
ganze Nest wie verrückt nach ihr? Aber das ist das Blödsinnige an dem
Ruhm: hat unsereins sich erst mal durchgesetzt, dann liegt die Welt vor
ihr auf dem Bauch, und das verrückte Mannsvolk bringt sich um für das
Glück, von ihr mit Füßen getreten zu werden ...
Aber jetzt -- jetzt ist sie wild. Jetzt faucht sie zu Hause, jetzt hat
sie einmal gespürt, daß auch noch andere Katzen Krallen haben --!
Aber schau -- wer war denn das? Da kamen aus der Kleinen Fleischergasse
zwei grüne Mützen heraus, zwei Franken-Korpsburschen, sehr feierlich.
Der eine, der ältere, trug den Paletot nachlässig geöffnet, und man sah
darunter den bis hoch hinauf zugeknöpften Bratenrock ... Handschuhe
trugen sie, gestreifte Hosen und Gummigaloschen. Der ältere, den kannte
sie, den hatte ihr Hans einmal von ihrem Fenster aus gezeigt, es war
Volkner, der jetzige Häuptling des Frankenbundes. Ingrimmigen Ernst auf
den jungen Gesichtern, steuerten die zwei über den Marktplatz, bogen in
die Katharinenstraße und verschwanden in der Tür, die sie selber soeben
verlassen.
O Gott -- sie wußte, was die zwei zu suchen hatten bei Valentin Pilgram
da droben ... sie wußte: die sollten ihm Hans Thumsers Forderung
überbringen ... das waren die Kartellträger ...
Daß Hans Thumser kein Glück gehabt bei Jucunda ... und daß sie selber es
der verhaßten Rivalin einmal gründlich gegeben -- über dieses doppelte
Glück hatte Asta völlig den blutigen Ernst der Situation vergessen ...
Sie wußte: Kavaliere -- und waren sie auch erst seit ein paar Semestern
flügge geworden, wie die Herren Korpsstudenten -- die fackeln nicht
lange mit dem Austrag solcher Händel. Und wenn erst die Pistolen geladen
sind, dann kommt guter Rat zu spät ... und dabei mußte sie ja doch in
die Probe. Morgen abend war ja Abschiedsvorstellung -- »Wallensteins
Tod« -- und wenn sie auch nur ein winziges Röllchen hatte, das Fräulein
von Neubrunn, Theklas Gesellschafterin und Vertraute -- die Probe
versäumen, das hätte sie sich doch nicht getraut. Der stramme
Pflichtgeist, der das Meininger Ensemble beseelte, ließ einen solchen
Gedanken selbst in höchster Not niemals aufkommen. Schon dreiviertel
zehn, also höchste Zeit! Asta sprang in eine Droschke, befahl »Zum
Carolatheater!« und drückte sich fröstelnd in den verschlissenen Plüsch.
All ihr Uebermut war verweht. Was auf den starren, korrekten
Amtsgesichtern der zwei jungen Gesellen da gestanden hatte, das legte
sich wie eisig umklammernde Knochenfinger um ihr Herz.
Die zwei suchten Pilgram ... und wenn er jetzt noch nicht daheim war, er
würde kommen, sie würden ihn finden, würden ihre Botschaft ausrichten
... Und dahinter lauerte ein Schreckensbild: das Bild einer
tiefverschneiten Waldblöße, die in unberührter, weiter Fläche daliegt im
ersten Morgenschein ... Nun rollen von hüben und drüben zwei Wagen
heran, lautlos ... ein paar junge Männer entsteigen ihnen, rüsten sich
zu geheimnisvoll grausigem Tun -- nun treten sie alle rechts und links
zur Seite, und zweie nur bleiben inmitten stehen, wenige Schritte nur
voneinander, sie heben blitzende Läufe -- einer zielt nach des andern
Herzen ... und der eine von ihnen heißt Hans Thumser ...
Was tun? o Gott, was tun?!
Da, ein rettender Gedanke: Franz Burg ... der war doch einmal
akademischer Bürger ... Wenn einer der Meininger nicht mehr ein noch aus
wußte, ging er ja immer zu Franz Burg ...
Ja, das war's! Franz Burg mußte Rat schaffen. Aber wie den Gestrengen
erreichen? Wenn sie auf die Bühne kam, würde die Generalprobe bereits
begonnen haben -- und bis die beendigt war, durfte man dem Szenenleiter
mit nichts anderm kommen, aber auch mit gar nichts. Solange gehörte er
nur seinem Werk. Und jeder Versuch, ihn mit andern Dingen zu befassen,
würde höchstens eine erstaunliche Grobheit eingetragen haben.
Und darüber würde es drei Uhr werden ... Gott, was konnte inzwischen
alles geschehen! So lange war man machtlos, war man im Dienst ... war
man »Fräulein von Neubrunn, Hofdame der Prinzessin«.
Und die Prinzessin? -- Selbstverständlich Jucunda Buchner ... die große
Jucunda ...
Drei Uhr nachmittags.
Auf der Kneipe des Korps Misnia tagte das S. C. Ehrengericht zur
Entscheidung über die hängende Pistolenforderung des Korpsburschen eines
wohllöblichen C. C. der Franconia Thumser wider den früheren C. B.
Pilgram.
Der Kneipsaal, sonst nur »zu den festlichen Gelagen« bestimmt, war nun
zu verhängnisschwerer Tagung eingerichtet. An den hufeisenförmigen
Tischen saßen die Ehrenrichter, je zwei von jedem der fünf Leipziger
Korps, und von dem präsidierenden Korps Misnia noch ein dritter
Korpsbursch als Protokollführer.
Wie um das feierlich Eindrucksvolle des Femgerichts zu unterstreichen,
waren die Schlagläden heruntergelassen, und die gelben Flammen der
Gaslichtkrone warfen zuckende Reflexe auf die bunten Mützen, die
dreifarbenen Bänder, die blinkenden Scheiben der Klemmer und Monokels,
die schmißdurchsetzten Jugendwangen, die in feierlich offizielle Falten
gelegt waren.
Hans Thumser, als der Beleidigte, wurde zuerst gehört.
Mit knappen Worten berichtete er den Vorfall, der sich am gestrigen
Abend auf der Kneipe seines Korps zugetragen. Als er geendet, fragte der
Vorsitzende, Graf Schmettow, der Erste der Meißner, ein über die Maßen
patenter, hagerer Gesell, dessen linke Wange eine furchtbare Säbelnarbe
von der Schläfe über den Mundwinkel bis ins Kinn hinein durchzog:
»Danke, Herr Thumser. Ihre Erzählung ist natürlich so, wie sie da
vorgetragen worden ist ... äh ... nicht so recht verständlich ...
offenbar ist doch zwischen Ihnen beiden ... äh ... noch irgend etwas
andres vorgekommen ...? Wollen Sie uns auch darüber Auskunft geben, oder
wünschen Sie, daß zunächst sich Ihr Herr Gegner ... äh ... über den von
Ihnen vorgetragenen Tatbestand erklärt?«
Hans Thumser sann einen Augenblick nach. Astas Bild, Jucundas tauchte
einen Augenblick vor seinem Geiste auf. Hatte es einen Zweck, diese
Erlebnisse in die Verhandlung mit hineinzuziehen? -- Es war ja
schließlich ganz gleichgültig, wie das alles geworden war ... wie es
hatte kommen können, daß der einstige Korpsbruder ihm das Band von der
Brust gerissen ... das war nun einmal geschehen. Die Tat lag vor, nackt
und unerbittlich ... Für sie hatte er Sühne zu fordern -- sie zu
erklären war allenfalls des andern Sache, nicht die seine ...
»Ich habe vorläufig nichts weiter mitzuteilen, Herr Vorsitzender.«
Damit war er entlassen.
Und mit angespannter Neugier hingen nun die Blicke der jugendlichen
Ehrenrichter an der Reckengestalt des Jünglings, der so lange als der
Besten einer in ihrer Mitte gestanden hatte, dessen scharfe Klinge nicht
nur, dessen scharfes Wort, dessen ganzes vorbildliches Wesen einem jeden
stets den vollkommensten Respekt abgezwungen. Da war keiner im
Leipziger S. C., der nicht den Fall Pilgram mit brennendem Interesse,
mit aufrichtiger Sympathie verfolgt hätte. Und jeder hatte Gelegenheit
gehabt zu beobachten, wie Franconias einstiger Senior schon gar bald
nach seinem Ausscheiden aus dem Korps wie unter der Last eines
grundstürzenden Erlebnisses förmlich in sich zusammengesunken war,
verändert, verwildert, tiefster Verbitterung anheimgefallen.
Nun schien er wieder der Alte, zum mindesten in seiner äußeren
Erscheinung. Korrekt gescheitelt und gekleidet, in tadellosem Gehrock
und Lackschuhen stand er vor dem Ehrengericht, nur um seine Brust fehlte
das Band und auf seinem Gesicht das alte trotzig-heitere
Selbstbewußtsein ...
»Herr Pilgram,« begann der Vorsitzende, »ich brauche Ihnen nicht zu
sagen, worum es sich handelt. Herr Thumser Franconiae hat Ihnen eine
Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere und Kugelwechsel bis zur
Kampfunfähigkeit übersandt wegen eines Renkontres, das Sie mit ihm
gestern abend gegen neun Uhr auf der Frankenkneipe gehabt haben.
Entsinnen Sie sich der Ausdrücke, die Sie gebraucht haben, und ist es
Ihnen auch bewußt, daß Sie ihm das Korpsband von der Brust gerissen,
dann zum Schlage ausgeholt haben, und nur durch das Dazwischentreten der
Herren Korpsbrüder des Herrn Thumser verhindert worden sind, Herrn
Thumser noch weiter tätlich anzugreifen?«
»Allerdings,« erklärte Pilgram ruhig. »Ich entsinne mich des Vorfalls
genau. Ich war vollständig Herr meiner Sinne und übernehme für meine
Handlungsweise die volle Verantwortung.«
»Sie sind also bereit, Herrn Thumser die standesübliche Genugtuung mit
der Waffe zu geben? Und haben andrerseits nicht die Absicht,
irgendwelche andere Formen der Sühne in Vorschlag zu bringen?«
»Nein!« sagte Valentin Pilgram.
Einer der Ehrenrichter bat ums Wort. Herr ten Brink, der Erste
Chargierte der Guestphalia, ein langer, semmelblonder, sommersprossiger
Sohn der roten Erde.
»Es ist mir was aufgefallen in der Erzählung des Herrn Thumser,« sagte
er. »Herr Thumser hat erzählt, Sie hätten ihm einen Brief zu lesen
gegeben, dessen Inhalt ihm vollständig unbekannt gewesen sei. Wollen Sie
sich über diesen Punkt vielleicht auslassen?«
»Darf ich mir die Frage gestatten, Herr Vorsitzender,« erwiderte
Pilgram, »ob Herr Thumser über diesen Punkt bereits nähere Erklärungen
gegeben hat?«
»Nein!« sagte Graf Schmettow. »Wir haben vorläufig darauf verzichtet,
uns überhaupt mit der Frage zu beschäftigen, was für ... äh ... Motive
hinter dem ... Renkontre vorhanden gewesen sein mögen.«
»Dann --« sagte Valentin Pilgram, »dann würde ich für meine Person
vorziehen, diese Seite der Sache ebenfalls unerörtert zu lassen,
vorausgesetzt, daß ein hohes Ehrengericht nicht seinerseits darauf
besteht.«
»Ich verstehe,« sagte der Vorsitzende. »Die Herren scheinen also einig
darüber zu sein, daß der Tatbestand der Beleidigungen lediglich an und
für sich hier zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll, ohne
daß auf ihre Veranlassung weiter einzugehen sein würde -- aus Gründen
der Diskretion vermutlich, nicht wahr?«
Pilgram nickte stumm.
»Wenn ich recht verstehe,« fuhr der Vorsitzende fort, »so stellen die
beiden Herren Gegner sonach den Sachverhalt übereinstimmend dar. Danach
würde wohl eine Vernehmung von Zeugen und jede weitere Aufklärung des
Sachverhalts erübrigen, nicht wahr, meine Herren?!«
Zustimmend nickten die Ehrenrichter, und der Vorsitzende entließ den
Beleidiger.
Die Beratung war nur kurz. Der Fall lag ganz klar: es handelte sich um
eine tätliche Beleidigung, die zur Ausführung gekommen war, und um eine
solche, deren Ausführung nur durch das Eingreifen Dritter verhindert
worden war. Die erstere, das Abreißen des Korpsbandes, kam an Schwere
der zweiten, vereitelten mindestens gleich. Neben diesen Realinjurien
spielen die vorgefallenen wörtlichen Beleidigungen nur eine
nebensächliche Rolle. Der Beleidiger hatte zugegeben, bei klarem
Verstande und wohlüberlegt vorgegangen zu sein. Unter diesen Umständen
war es vollkommen klar, daß die Forderung genehmigt werden mußte, und
zwar ohne daß ein Anlaß vorlag, die sehr scharfen Bedingungen zu
ermäßigen.
Schon neigte sich die Verhandlung ihrem Ende, da erbat Herr ten Brink
Guestphaliae Erster noch einmal das Wort:
»Ich weiß nicht, meine Herren, die Sache kommt mir eigentlich ein
bißchen merkwürdig vor. Die Geschichte mit dem Brief will mir nicht
aus dem Kopf, ich habe das Gefühl, da steckt ein Mißverständnis hinter.
Ich meine, das Ehrengericht ist doch schließlich nicht bloß dazu da,
über eine Forderung zu entscheiden -- ich meine, unter Umständen wäre es
doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Mißverständnisse
aufzuklären ... kurz, zwischen den Parteien zu vermitteln. Ich meine,
wir sollten in diesem Fall doch ein wenig genauer auf die Vorgeschichte
des Renkontres eingehen. Um so mehr, als meines Erinnerns Herr Thumser
geäußert hat, der fragliche Brief sei von einer Dame geschrieben
gewesen. Na, meine Herren, wir wissen doch alle, wenn die Weiber in so
'ne Affäre hineinspielen, dann ist es meistens halb so schlimm.«
Ein kurzes, verständnisinniges Schmunzeln auf allen Gesichtern, das aber
schnell der gewohnten, feierlichen Korrektheit wich. Der Vorsitzende
meinte:
»Ich halte uns nicht für befugt, in die persönlichen Angelegenheiten
der Kontrahenten einzudringen, wenn diese nicht selbst Wert darauf
legen. Ich glaube -- der Versuch einer Vermittlung zwischen den Herren
würde ... äh ... eine Ueberschreitung unserer Kompetenz sein ... und
zugleich ein Eingriff in die Verfügungsfreiheit der Herren, den sie sich
nicht gefallen zu lassen brauchten. Aber ich weiß nicht, wie die anderen
Herren darüber denken? Bitte sich zu äußern!«
Es stellte sich heraus, daß ten Brink mit seiner Auffassung ganz allein
stand. So wurde denn die Forderung mit den Stimmen aller Ehrenrichter
gegen die seinige genehmigt und dies den beiden Parteien mitgeteilt.
Das Schicksal war gefallen.
Gleich nach dem Ehrengericht traten die Sekundanten der beiden Parteien
zusammen. Volkner für Thumser und Herr Borgmann Neo-Borussiae Erster für
Pilgram. Sie verabredeten als Platz für das Duell die Heiderwiese, eine
Waldlichtung im Ratsholz, südwestlich von Connewitz, unfern des linken
Pleißeufers, am Reitwege nach Gautzsch, und als Zeit für die Austragung
punkt sechs Uhr am folgenden Morgen.
Hiervon benachrichtigten sie ausschließlich den Grafen Schmettow und
ersuchten ihn, als Senior des derzeit präsidierenden Korps das Amt
eines Unparteiischen zu übernehmen.
Dann wurden die Korpsdiener unter Hinweis auf ihre Pflicht zu absoluter
Verschwiegenheit ins Vertrauen gezogen und angewiesen, den
Pistolenkasten instandzusetzen, Wagen zu bestellen. Den Vertrauensarzt
des S. C. in derartigen Fällen, den Sanitätsrat Dr. Collwitz, einen
Alten Herrn der Neo-Borussia, übernahm Herr Borgmann zu bestellen.
Diese Vereinbarungen hatten im Konventszimmer der Misnia stattgefunden,
welches den Herren für diesen Zweck zur Verfügung gestellt war. Nun
verabschiedete man sich voneinander mit dem üblichen Händedruck bei
hochgehobenen, eingewinkelten Ellenbogen und zeremonieller Verbeugung.
Volkner begab sich in eine gegenüberliegende Konditorei, in der Hans
Thumser seine Mitteilungen abwartete, und benachrichtigte ihn vom
Geschehenen.
Das alles geschah in kurzen, formelhaften Wendungen. Kein Wort wurde
gesprochen zwischen den beiden jungen Leuten, das über das sachlich
absolut Notwendige hinausging. Jeder mußte die letzte Kraft aufwenden,
Haltung zu bewahren angesichts des Grauens, das von diesem Unabwendbaren
ausging, von diesem Unabwendbaren, das nun herankroch mit dem
schleichenden Schritt der Sekunden und Minuten; das sich vollenden
mußte, bevor es abermals Tag geworden.
Nach Schluß der Probe mußte Asta lange warten, bevor sie den
Oberregisseur für sich allein bekam. Tausend Geschäfte, tausend Bitten
drängten sich noch an ihn heran. Schließlich wurde es ihm zu toll:
»Kinder, ich bin auch nur ein Mensch und muß heut abend den Wallenstein
spielen. Jetzt schert Euch gefälligst alle zum Teufel! Ich will
schlafen.«
Asta schoß hinter ihm drein.
»Meister, eine Bitte, Sie müssen mich anhören, es geht um Tod und
Leben!«
»Und wenn's um sechsundzwanzig Paar Regensburger Würschte geht, ich kann
nicht mehr.«
»Helfen Sie mir, Meister, oder soll ich hier auf dem Korridor einen
Kniefall tun?«
»Nützt Ihnen auch nichts, kommt alle Tage vor. Lassen Sie mich in
Frieden!«
Asta brach in Tränen aus und hängte sich an des Davonhastenden Arm.
»Pah!« brummte der, »auch noch flennen! nützt Dir auch nichts, kommt
auch alle Tage vor!«
Aber er schüttelte sie doch nicht ab, als sie sich an seinen Arm hing
und das feuchte Gesichtchen an seiner Schulter barg -- als sie sich
hinter ihm in seine Garderobe drängte.
»Also in drei Teufels Namen, was gibt's? Aber kurz, bitte!«
Er ließ seine lange Gestalt mit einem Grunzen halb des Grimms, halb des
Behagens auf das schminkfleckige Sofa fallen. Wies der Besucherin mit
Handwink den Frisierstuhl als Sitzgelegenheit. Asta drehte den Stuhl
herum, hockte auf seiner vordersten Kante, erzählte stockend, befangen,
verwirrt ...
Als sie schwieg, tippte Franz Burg mit dem Mittelfinger der Rechten auf
seine Brust und zuckte ein paarmal langsam die Schultern. Seine Brauen
waren hochgezogen, um die schmalen Lippen spielte in tausend Fältchen
ein Mephistoschmunzeln.
»Sie sollen mir raten, was ich tun soll, Meister!«
»Ja, Kindchen, soweit ich aus der Geschichte klug geworden bin, handelt
es sich also um zwei Studenten, und einer von ihnen ist momentan
Quartiergast in dem Kämmerchen da drüben unter Ihrem Pelzjackett, das
freilich, soviel mir bekannt ist, häufig seinen Mieter wechselt. Aber,
wat sall ick dorbi dauhn?«
»Einen Rat -- einen Rat will ich, lieber Herr Burg. Sie sind doch
Student gewesen -- was fängt man nur an, um die zwei wieder
auseinanderzukriegen? Was soll ich tun, sagen Sie mir, was soll ich
tun?!«
»Die Karre laufen lassen, wie sie laufen will! Ich bitt' Sie -- die
jungen Leute müssen doch was erleben ... Sehen Sie sich doch um in der
Welt! da geht ja heute alles so verflucht ehrbar, korrekt und
vorschriftsmäßig zu, es passiert nichts -- und passieren muß doch was in
der Welt ... wovon sollen wir denn sonst leben, wir armen Komödianten,
und die Poeten, die für uns Komödie schreiben! Ist ja 'n wahrer Segen,
daß wenigstens auf deutschen Hochschulen noch manchmal 'n bißchen
gerauft und geknallt wird. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, daß noch
Leidenschaft in der Jugend drin steckt ... daß noch Tragödien passieren.
Das wäre ja doch ein wahrer Jammer, wenn man so was hintertreiben
wollte.«
»Aber wenn nun ein Menschenleben dabei zugrunde ginge, bedenken Sie
doch, Meister! So ein blühendes, herziges, junges Studentenleben!«
»Na -- wenn schon!« knurrte Burg, »Studenten gibt's doch weiß Gott genug
auf der Welt. Eine große Sensation ... eine -- na, einen Stoff -- das
ist wahrhaftig so'n Allerweltsstudentenleben wert!«
»Herr Burg, Sie sagen Allerweltsstudentenleben ... das stimmt hier aber
nicht; der eine, das ist kein Allerweltsstudent, das ist was ganz
Besonderes --«
»Der eine? Also =Ihrer= selbstverständlich, nicht wahr?«
»Gott ja, meiner, wenn Sie wollen.«
»Nun, was ist denn so Besonderes an ihm?!«
»Er ist ein Dichter! Ach, so wundervolle Gedichte macht er. Wenn ich
doch nur eins bei mir hätt'!«
»Sieh, sieh!« schmunzelte der Oberregisseur. »Also ein zukünftiger
Bühnenlieferant. Na, dann soll er sich erst recht schießen!«
»Aber Herr Burg ... um Gottes willen!«
»Ja gewiß soll er. Entweder er geht drauf -- na, in Gottes Namen: er ist
der erste nicht. Wie mancher Homer ist blind geworden, =ehe= er Zeit
gehabt hat, die Welt, das Leben so tief in sich hineinzusaugen wie der
alte Griechenbarde ... Wie mancher Aeschylos mag in der Seeschlacht
gefallen sein, wie mancher Schiller auf der Karlsschule in Verzweiflung
und Verblödung hineingeknutet ... Das ist Kismet ... Wenn er aber übrig
bleibt, glauben Sie nicht, daß er dann ein ganz andrer Kerl ist wie
vorher, wenn er mal dem Tode ganz nahe ins Gesicht gesehen hat? Glauben
Sie nicht, daß er Ihnen nachher noch viel schönere Verse machen wird;
daß er noch 'ne ganz andere Nummer von Tragödie zustandebringt, wenn er
erst mal erlebt hat, wie einem zumute ist, der die Nase hinhalten muß,
wenn's drüben blitzt und knallt?«
Asta sprang auf, rannte schluchzend zum Fenster.
»Das ist entsetzlich, Herr Burg, das ist grausam!«
»Ne, das ist klug, das ist weise, Kindchen!«
»Also gut!« schrie die Kleine, warf sich herum, stand mit geballten
Fäusten vor dem Oberregisseur, das reizende Gesicht von Grimm und Haß
verzehrt. »Also gut! Sie sollen sich schießen ... einer soll auf dem
Platze bleiben, alle beide -- was kommt dabei heraus?! Nur eine neue
Reklame für sie, für die große Jucunda! Was wird's heißen? Zwei
Studenten haben sich geschossen ... wegen ihr, wegen Jucunda Buchner!
Das ist's ja auch, was sie will, darauf hat sie's ja auch angelegt mit
allem Raffinement, die Katze, die verdammte! Der ist's recht, wenn ein
paar so fesche junge Kerle zum Teufel gehen ihretwegen -- das paßt ihr
grad in ihren Kram, dem hundeschnauzenkalten Weibsbild, das an nichts
denkt -- nur an sich, nur an sich!«
»Ach so!« lächelte Franz Burg. »Da zielt's hinaus! Mag sein, Sie haben
recht, Kindchen ... Vielleicht ist unsere große Jucunda wirklich eine
ganz haarsträubende Egoistin -- aber ich wollte zu Ihrem Besten, Kleine,
Sie selber wären's auch. Wenn Sie das erfreuliche Temperament, das Sie
anscheinend im Leben besitzen, ein bißchen mehr zusammenhielten und auf
Ihre Kunst losließen, statt auf Ihre ... auf die Mieter Ihres
Herzenskämmerleins -- glauben Sie mir, Sie wären eine größere
Künstlerin, als Sie's leider sind. Sagen Sie mir nichts gegen die
Jucunda, die ist ganz gut so wie sie ist. Die ist, was Sie nicht sind:
eine Komödiantin. Die fühlt und weiß, wozu sie auf der Welt ist: nämlich
zum Komödienspielen! Lieben und sich lieben lassen -- schöne Sache, o
ja, für die andern, für die Alltagsweiber -- aber nicht für Euch.
Zusammenhalten sollt Ihr Eure Glut, kalt wie Hundeschnauzen sollt Ihr
meinetwegen sein im Leben, wenn Ihr nur abends, sobald der Lappen in die
Höhe fliegt, Vulkane seid, wie die Jucunda einer ist! -- Na, haben Sie
noch weiter Schmerzen, Kleine?«
Gesenkten Blickes, mit zuckendem Kinn hatte Asta die Standrede des
Meisters über sich ergehen lassen. Nun warf sie den Kopf trotzig in den
Nacken, stampfte mit dem Fuß auf: