schummerige Dunkel der Straße hinaus, während die ragenden Fronten der
geschwärzten Gebäude ringsum nur noch wenige matte Lichtspuren zeigten.
Auf der Kleinen Fleischergasse wohnte nur bescheidenes Bürgertum, da
ging man früh zur Rast.
Asta trat auf das jenseitige Trottoir und spähte hinauf. Ab und an
huschte droben schattenhaft der Umriß einer jungen bemützten
Männergestalt vorüber. Durch die verschlossenen Doppelfenster drang
Lachen, vielstimmiges Gespräch, Tabakwolken kräuselten zur Decke,
Wappenschilder, Schläger blinkten an den Wänden -- sonst war nichts zu
erkennen.
Es blieb nichts übrig: Asta mußte sich in das dunkle jahrhundertalte
Gebäude hineinwagen, mußte fragen, ob droben Herr Pilgram schon
eingetroffen. Mit versagendem Herzschlag kletterte sie die winklige,
dunstige Stiege hinan, hielt einen Augenblick vor der Tür still, an der
ein grün-gold-rotes Farbenschild angebracht war und ein längliches
Porzellanschildchen mit der Aufschrift:
»Corps Franconia.«
Drinnen klang lauter nun Lärm und Gelächter. Was half's -- sie mußte es
wagen ...
Eine schrille Klingel schlug an, Schritte tappten heran, ein ältliches,
gerötetes, glattrasiertes Männergesicht lugte durch den Spalt und
blinzelte befremdet, als es des ungewohnten Besuches ansichtig ward.
Mit stammelnden Lippen fragte Asta, ob Herr Pilgram schon angekommen.
Verblüfft grinste der Türhüter und erklärte: Herr Pilgram gehöre nicht
mehr zum Korps, er komme überhaupt nicht mehr.
Gottlob -- also jedenfalls noch nicht zu spät gekommen ...
Und Asta huschte wieder die Treppe hinunter, stapfte in den Schnee
hinaus und patrouillierte auf dem jenseitigen Bürgersteig,
frostgeschüttelt, erwartungfiebernd.
Ab und zu kam noch eine grünbemützte Jünglingsgestalt und bog in den
schlechterleuchteten Flur des Cafébaums ein. Von Pilgram keine Spur! --
Ob er seinen Vorsatz aufgegeben hatte? Sie wußte ja nicht, was er
eigentlich geplant hatte, aber etwas Grausames, etwas Wildes, etwas
Schauerliches mußte es gewesen sein! Davon hatten seine Züge deutlich
genug gesprochen. Und geduldig trippelte das Mädchen auf und ab, ohne
einen Blick von dem schmalen Lichtspalt zu wenden, der durch die
angelehnte Tür des Restaurants auf die Straße lugte.
Der Schneefall hatte aufgehört. In winterlicher Schwermut gähnte die
menschenleere Straße. Und in die lautlose Stille, welche die abendliche
Stadt überlagerte, klang nun von drüben ein munterer Burschensang,
gedämpft durch die Doppelfenster, doch deutlich vernehmbar. Die Weise
meinte Asta zu kennen, aber Worte dazu wußte sie nicht. Ach, da oben war
er, der liebe, böse Junge ...
Schau! zur Rechten, vom Marktplatz her glitt lautlos ein riesiger
Schatten heran, scharf abgezeichnet von dem weißen Grunde der Straße,
vom gelben Lichthof, den die Laternen in die Nebel der Nacht zeichneten.
Er war's! Mit raschen Schritten steuerte er dem »Cafébaum« zu. Da schoß
Asta über den schmalen Straßendamm, traf hart an der Tür auf Pilgram:
»Herr Pilgram -- ach, Herr Pilgram!«
Gesenkten Blickes war jener geschritten, nun schrak er zusammen bei der
unerwarteten Begegnung.
»Ah -- Sie, mein gnädiges Fräulein? -- Ja, um Gottes willen, sind Sie
denn toll? Warum nicht im Bett -- warum hier -- was soll das heißen?!«
»Ich hatte solch entsetzliche Angst, Herr Pilgram!«
»Angst? Was fällt Ihnen ein! Angst? Um wen?«
»Um Sie, Herr Pilgram, um Sie und ... ach! Sie wissen's ja ... um wen --
um wen noch. Herr Pilgram, ich bitte Sie -- ich flehe Sie an, was haben
Sie vor gegen Herrn Thumser?«
Flehend hatte sie mit beiden Händen den linken Arm des Studenten
umklammert.
»Aber Verehrteste ... ich begreife faktisch nicht ... wie kommen Sie auf
derartige Vermutungen?«
»Ach, ich weiß ... ich weiß ... Sie wollen sich rächen an Herrn Thumser!
Ich weiß alles -- alles weiß ich ... Fräulein Buchner, meine Kollegin --
Sie sind für sie eingetreten damals ... und dann ... dann hat sie sich
schlecht gegen Sie benommen ... und Sie, Sie hatten doch so viel für sie
dahingegeben, nicht wahr, so war's doch? Und heut -- heut ist Herr
Thumser bei Fräulein Buchner zum Tee gewesen, nicht wahr? ... Und Sie,
Sie haben das gehört und sind wütend auf ihn -- weil Sie denken, er hat
mehr Glück bei Fräulein Buchner als Sie nicht wahr? O, gestehen Sie's
nur, es ist ja keine Schande -- und dann, dann haben Sie mich gefunden
da draußen und denken, er hat mich auf dem Gewissen ... Sie sehen, ich
weiß, ich weiß alles. Und nun, nun wollen Sie ihn -- ich weiß nicht, was
Sie mit ihm machen wollen, aber etwas Schreckliches ist's gewiß. Sehen
Sie -- Sie schweigen -- sehen Sie, ich habe alles begriffen, alles!
Ist's nicht so?«
Mit zusammengekniffenen Lippen, die Augen fast geschlossen, regungslos
hatte Valentin Pilgram den Schwall dieser bebenden Fragen über sich
dahinschauern lassen. Mit grimmiger Scham fühlte er sich durchschaut,
fühlte den geheimsten Trieb seines Wollens bloßgelegt, den er vergeblich
mit dem lügnerischen Pomp eines Rächers verratener Ehre verhüllt hatte,
und der doch nichts anderes war im letzten Grunde als der Neid des
Verschmähten gegen den Glücklichen, als Eifersucht -- ganz ordinäre,
banale Eifersucht ...
Doch nein, das war ja nicht wahr -- das durfte ja nicht wahr sein! Da
oben klang der muntere Burschensang -- da oben tafelte die Runde derer,
die sich Mitglieder des ältesten Korps der Hochschule nennen durften,
die das grün-gold-rote Band tragen durften, das nur den Makellosen
schmücken soll. Und in ihrer Mitte saß einer, der doppelten Verrats
schuldig war: an dem Gefährten dreier Semester und an der Gesellin
glückseliger Liebesstunden.
Und er --? Er hatte auf all das verzichtet, verzichten müssen um der
Ehre willen. Hatte das einen Sinn? Durfte das so bleiben? Nein, beim
Himmel, das sollte es nicht, solange es einen Valentin Pilgram gab. Wenn
er denn schon selber die geliebten Farben nicht mehr tragen durfte,
deren er doch wahrhaft würdig war wie einer, sollte dann der andere sich
mit ihnen brüsten dürfen, der das Recht auf sie schmählich verscherzt
hatte ...?!
»Herr Pilgram,« klang's da in schmelzendem Flehen neben ihm, »so
sprechen Sie doch! Bitte, bitte, so sprechen Sie doch, habe ich nicht
recht?«
»Mein verehrtes Fräulein,« sagte der Student, indem er seinen linken
Arm der flehenden Umschlingung entzog, »ich bedaure, Ihnen über mein
Tun und Lassen keine Rechenschaft ablegen zu können. Es mag sein, daß
ich etwas Aehnliches, wie Sie denken -- nun, daß ich ... das gewollt
habe ... und noch will. Wenn es so ist, so dürfen Sie überzeugt sein:
ich weiß genau, was meine Pflicht ist ... Und darum muß ich Sie schon
bitten, mich gewähren zu lassen.«
Da trat ihm das Mädchen in den Weg, legte beide Hände auf seine
Schultern, brennende Augen starrten zu ihm empor, aus denen Tränen
rannen, hell aufblitzend im matten Lichtstreifen, der aus der Flurtür in
den Schnee der Gasse fiel:
»Nein -- nein, das dürfen Sie nicht! Mir zuliebe dürfen Sie's nicht ...
Ja, es ist wahr, wegen dem da oben hab' ich heute das Leben wegwerfen
wollen -- nun haben Sie mich gerettet -- aber wenn Sie ihm etwas zuleide
tun, dann ist alles aus, dann hätten Sie mich nur lieber gleich da unten
in der Pleiße lassen sollen ... Ich will nicht, daß ihm ein Leids
geschieht um meinetwillen -- ich will's nicht -- und Sie, Sie dürfen's
nicht -- Sie dürfen mich nicht wieder dahin zurückstoßen, woher Sie mich
heut abend geholt haben -- nein! Herr Pilgram, das dürfen Sie nun und
nimmermehr.«
»Gnädiges Fräulein,« sagte Valentin, »wenn es Sie beruhigen kann, so
will ich Ihnen versichern: das, was jetzt gleich geschehen wird, war
beschlossene Sache schon ehe ich Sie ... da draußen ... fand. Ich kann
mich nicht darauf einlassen, Ihnen das alles so auseinanderzusetzen. Was
Sie von mir denken mögen oder nicht denken mögen -- ich kann's bedauern,
aber ich kann's nicht ändern. Das alles muß nun seinen Lauf gehen.
Versuchen Sie nicht mich aufzuhalten, es hat keinen Zweck.«
Es sollte wohl nur ein sanfter Druck sein, mit dem die hageren Hände des
weiland Frankenseniors die runden Gelenke der Schauspielerin von seinen
Schultern lösten, doch er war unwiderstehlich, wie das Zupacken
stählerner Zangen. Mit der gleichen unerbittlichen Gewalt, mit der er
vor wenig Stunden des Mädchens Glieder der Flutenumschlingung entrissen,
schob er sie nun zur Seite, wie ein willenloses Püppchen, und war mit
zwei raschen Schritten im gähnenden Toreingang verschwunden.
Asta taumelte, als der Druck der gewaltigen Hände plötzlich nachließ.
Dabei trat sie unversehens einen halben Schritt rückwärts, geriet mit
dem Fuß in den lockeren Schneeaufwurf über dem Rinnstein, sank tief ein,
strauchelte, fiel in die Knie, stieß einen Schmerzenslaut aus: sie mußte
sich den Fuß verstaucht haben. Aber die heiße Angst um das, was werden
mochte, jagte sie wieder empor. Sie humpelte mit schmerzverzogenem
Gesicht zur Tür, stieß sie auf, lauschte hinein. Droben auf der Treppe
waren Pilgrams Schritte schon verhallt. Nur das Burschenlied brauste
noch immer weiter, klang und schwang durch das ganze altersmüde Gebäude.
In dem kleinen Restaurant des Erdgeschosses zur Linken das schläfrige
Stammtischgeschwätz, das Auftrumpfen der Karten, das Klappern der
Biergläser. Asta schlich durch den Hausflur, hinkte mühsam die Treppe
hinauf, stand wieder an der Tür mit dem Porzellanschildchen: Corps
Franconia, legte das Ohr an die dünne Holzwand und lauschte.
Ganz deutlich dröhnte nun ein neuer Vers des feierlichen Liedes da
drinnen, dazwischen halblaute Stimmen, es schien Pilgram zu sein,
welcher im Flur mit dem alten Mann verhandelte, der sie vorhin an der
Pforte beschieden. Aber dies leise Gespräch blieb unverständlich,
dagegen war der Text des Liedes Wort für Wort zu verstehen. In frohem
Trotz scholl die alte Jugendweise daher:
»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
In dem Becher winkt der gold'ne Stern!
Honig laßt uns von den Lippen saugen,
Lieben ist des Lebens süßer Kern!
Ist die Kraft versaust,
Ist der Wein verbraust,
Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«
Und nun plötzlich war das Lied zu Ende, ein paar unverständliche,
kommandoartige Worte klangen von drinnen, ein lustiger Aufschrei von
vielen Stimmen, dann munter durcheinander schwirrendes Stimmengewirr.
Einige Sekunden verflossen so: dann hörte Asta ganz deutlich, wie
drinnen eine Tür heftig aufgerissen wurde und jemand in den Flur trat --
und jetzt klang drinnen gedämpft, doch klaren, festen Klanges des
geliebten Jungen Stimme:
»Guten Abend, Pilgram -- Du hast mich zu sprechen gewünscht? Bitte, was
steht zu Deinen Diensten?«
Da fühlte Asta, wie der Puls ihres Herzens aussetzte. Ganz fest preßte
sie ihr Ohr an das glatte, ölgestrichene Holz, ihre froststarren Hände
umklammerten krampfhaft den messingenen Türgriff, und in schlotterndem
Lauschen vernahm sie jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde, vernahm
sie alles, was drinnen geschah ...
Hochaufgerichtet standen die zwei schlanken Jünglingsgestalten einander
drinnen gegenüber in dem schmalen Flur, den nur eine schwelende
Petroleumlampe erleuchtete. Rechts und links hingen Kneipjacken und
Garderobenstücke an den Regalen, welche die Wände umzogen -- ein fader
Dunst von altem Tabak und Bierneigen füllte den dumpfen Raum. Hinter der
mittleren Tür, die zum Kneipzimmer führte, klang heftiges Stimmengewirr,
das stiller und stiller ward. Offenbar war man drinnen aufmerksam
geworden, daß hier draußen sich Ungewöhnliches vollziehe, wartete man
gespannt, wie das wohl werden möchte.
Hans Thumser hatte Pilgram die Hand hingestreckt. Der übersah sie, griff
stumm in die Brusttasche seines Rockes und reichte Hans Thumser einen
Brief hin.
»Lies!« sagte er.
Hans ließ die erstaunten Blicke hin und wider gleiten zwischen dem
Schreiben und dem, der es ihm gereicht, dann trat er in den Lichtbereich
des mattglänzenden Flurlämpchens und erkannte, daß der Brief mit
fahrigen, steilen Schriftzügen einer Frauenhand bedeckt war:
»Sehr geehrter Herr! Ihr dankenswertes Eintreten für meine Ehre hat
schnell den gewünschten Erfolg gehabt. Die beiden Herren, welche mir
zu nahe getreten waren, haben mündlich bei mir um Entschuldigung
gebeten. Ich danke Ihnen innigst für das große Opfer, das Sie mir
gebracht haben ...«
Verblüfft ließ Hans den Brief sinken:
»Was soll ich damit?« fragte er, »was geht das mich an?!«
»Dreh doch gefälligst einmal den Bogen um!« befahl Pilgram in
ingrimmiger Ruhe.
Hans wandte den Bogen um und entdeckte mit grenzenlosem Staunen rechts
an der unteren Ecke der vierten Seite, auf dem Kopfe stehend, seine
Initialen und darüber den Frankenzirkel. Er drehte den Bogen um, und
richtig: es war kein Zweifel, das war einer von seinen eigenen
Briefbogen. Völlig verdutzt sah er den einstigen Korpsbruder an, um
dessen festgeschlossene Lippen ein mattes Lächeln des Triumphes irrte.
»Von wem ist der Brief?« fragte Hans Thumser mit unsicherer Stimme.
»Spiel' mir gefälligst keine Komödie vor!« brauste Pilgram auf.
»Aber ich versichere Dir, ich habe nicht den leisesten Schimmer.«
»Pfui Deubel -- nicht mal den Mut hast Du ... Gib her den Brief! Und nun
weiter! Warst Du heut' nachmittag bei Fräulein Buchner?«
»Aber ich verstehe faktisch nicht,« stammelte Hans. »Wenn ich Dir sage,
daß ich auch nicht die entfernteste Ahnung habe --!«
»Ich frage Dich, ob Du heut nachmittag bei Fräulein Buchner warst? Gib
Antwort -- oder ich mache kurzen Prozeß mit Dir!«
Nun richtete sich Hans denn doch aus der unsicheren Haltung verlegenen
Staunens zu seiner ganzen Größe auf. Zwar reichte er nicht an die
riesige Länge des einstigen Freundes, aber gleich straff emporgereckt
stand er ihm gegenüber, sah ihm von unten frei und trotzig ins Gesicht,
und funkelnd, wie zwei Säbelklingen in der Auslage, so blitzten das
braune, das blaue Augenpaar einander an.
»Ich frage Dich,« sprach er kalt gemessen, »was Dich berechtigt, mich in
einem derartigen Ton zur Rede zu stellen?«
»Das weißt Du.«
»Nein, ich weiß es nicht. Ich wünsche es von Dir zu hören.«
»Ich verzichte darauf, Dir Aufklärung zu geben. Ich wiederhole Dir meine
Frage -- willst Du antworten?!«
»Wer mich in diesem Tone fragt, bekommt keine Antwort!«
»Schön! Was wirst Du nun aber sagen, wenn ich Dir mitteile, daß in
derselben Stunde, in der Du bei Jucunda Buchner warst, Fräulein Asta
Thöny am 'Wassergott' in die Pleiße gesprungen ist --?!«
Da wurde Hans Thumsers fester Blick plötzlich stier und starr. Die
Kinnbacken klappten herunter, langsam schob sich seine Rechte an der
Brust empor, glitt tastend nach dem Achtzentimeterkragen.
»Das ist ... das ist nicht wahr!«
»Mein Ehrenwort, daß es wahr ist ... und Du weißt, scheint's, auch, wer
sie hineingetrieben hat?!«
Da umklammerte Hans Thumser plötzlich mit beiden Händen des ehemaligen
Korpsbruders Arm und stammelte, schlotternd vor Entsetzen:
»Sie ist tot?!«
Valentin Pilgram machte sich frei, trat einen halben Schritt zurück.
»Ich hatte das Glück sie zu retten ... bedank' Dich also bei mir, daß Du
nicht als Mörder vor mir stehst.«
Ein stöhnender Laut, ein Jauchzen halb und halb ein Schluchzen brach aus
Hans Thumsers Brust zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor:
»Erzähl' doch -- so erzähl' mir doch.«
»Nein,« sagte Valentin Pilgram hart, »Du hast Fräulein Thöny von Dir
gestoßen -- es mag Dir genügen, daß sie lebt -- alles weitere geht Dich
nichts mehr an.«
»Also was willst Du von mir?« schrie Hans Thumser, »sag' mir endlich,
was Du von mir willst?!«
»Du sollst bekennen, daß Du ein elender, wortbrüchiger Bube bist ... Du
sollst das Korpsband da abziehen ... Du verdienst nicht mehr, es zu
tragen. Willst Du? Oder soll ich Dich dazu zwingen?«
Da straffte sich Hansens Gestalt aufs neue. Seine Fäuste ballten sich,
als erwarteten sie den Angriff des Feindes -- ja, des Feindes, denn was
in den blauen Augen drüben düster flammte, war Feindschaft --
Todfeindschaft ...
»Versuch's!« sagte er nur.
In diesem Augenblick ward die Tür zum Kneipzimmer hastig von drinnen
aufgerissen, blendender Lichtglanz quoll hervor, und hinter der Tür,
Kopf an Kopf, drängte sich das Korps: ein zu Tode erschrockenes
Jungmännergesicht hinter dem andern, ganz hinten stand man auf Stühlen
und Tischen, um das entsetzenerregende Schauspiel zu erreichen, wie da
zwei Jünglinge, die einst die gleichen Farben getragen, auf Leben und
Tod einander gegenüberstanden.
»Pilgram! Thumser!« schrie alles durcheinander, »um Gottes willen, was
habt Ihr nur?!«
Gleichzeitig schlug mit gellendem Schrillen die Etagenklingel an, und
gegen das Holz der Flurtür hämmerten matte Schläge, wie von einem zarten
Kinderhändchen. Und wie ein Schrei klang draußen das wimmernde Flehen
einer Frauenstimme:
»Herr Pilgram -- tun Sie's nicht, Herr Pilgram!«
Mit halbem Blick nur überflog Valentin Pilgram die hervordrängende Schar
der einstigen Korpsbrüder ... dann, als sei er noch allein mit dem
Gegner Aug' in Auge, wandte er sich wieder zu ihm und wiederholte:
»Also noch einmal: Gibst Du es zu, daß Du ein elender Schelm bist?
unwürdig des Bandes, das Du trägst?«
Mit eisiger Festigkeit hielt Hans Thumser des Feindes haßsprühenden
Blick aus.
»Geh!« sagte er, »das weitere findet sich morgen.«
In derselben Sekunde hatte Valentin Pilgram dem Gegner das Korpsband von
der Brust gerissen und es zu Boden geschleudert. Nun holte seine Rechte
weit aus, um ihm die Mütze vom Kopf zu schlagen. Im selben Augenblick
aber warfen sich die Korpsburschen mit lauten Entsetzensschreien auf
beide Gegner von hüben und drüben, trennten sie, alles schrie wie toll
durcheinander:
»Pilgram, Du bist wohl wahnsinnig!«
»Zurück, haltet Ruhe, zum Teufel!«
»Was fällt Euch ein?!«
»Wir sind auf Korpskneipe!«
»Schmeißt ihn hinaus, er hat hier nichts mehr zu suchen!«
»Laß gut sein, Thumser, er wird Dir Satisfaktion geben, morgen findet
sich alles -- morgen!«
Volkner, der Senior, brach sich Bahn durch die dicht zusammengekeilte
Schar der jungen Männer.
»_Silentium!_« schrie er. »Ich bin hier der Herr im Haus. Tritt vor,
Pilgram, was soll das, was fällt Dir ein? Dich hier einzudrängen und
Dich an einem von uns zu vergreifen? Du weißt, Du hast kein Recht mehr,
hier zu sein!«
Die Zucht vieler Semester, die eiserne Disziplin des Korps rief Pilgram
zur Besinnung zurück.
»Du hast recht, Volkner,« sagte er. »Habt die Freundlichkeit mich
loszulassen ... es wird nichts weiter passieren, verlaßt Euch drauf.«
Und ruhig und gemessen trat er vor den Senior:
»Verzeih mir -- ich hatte mich vergessen. Ich denke, Ihr verzichtet wohl
alle auf eine weitere Aufklärung ... dafür ist ja das Ehrengericht da.«
»Allerdings,« sagte Volkner, »dafür ist ja wohl das Ehrengericht da.«
»Gut,« sagte Pilgram. »Ich bitte das Korps also nochmals feierlichst um
Entschuldigung -- ich bin morgen vormittag bis ein Uhr in meiner
Wohnung. Guten Abend.«
Alles wich zur Seite. Noch einmal maß Valentin Pilgram mit kurzem Blick
der Todfeindschaft seinen Gegner, der schwer atmend, mit
rotunterlaufenen Augen, doch völlig gefaßt inmitten seiner Korpsbrüder
stand ... schritt zur Tür, riß sie auf.
Da bot sich ein unerwartetes Schauspiel: Auf der Schwelle kniete,
tränenüberströmt, zusammengekauert, ein Mädchen im grauen Pelzjackett.
Nun sprang sie auf die Füße, starrte mit angstverzerrten Zügen, blöden
Blicks in den Korridor hinein, in dem Kopf an Kopf Grünbemützte sich
drängten, warf sich dann jählings herum und floh wie gejagt die Treppe
hinunter.
Und langsam, schwerfälligen Schritts ging Valentin Pilgram von dannen
und ließ die Tür ins Schloß fallen.
14.
Asta hatte nicht schlafen können. Das Fieber hatte in dem zierlichen,
doch kerngesunden Körperchen rumort -- doch der Gedankensturm, der ihr
Hirn durchbrauste, der Drang zu leben, zu helfen, ihr armes bißchen Sein
dafür einzusetzen, daß nicht unsagbar Entsetzliches geschähe -- dies
inbrünstige Wollen hatte die heraufbrauende Krankheit niedergeworfen.
Und früh um neun schon klopfte sie an Jucunda Buchners Tür.
Frau Kanzleirätin, noch in Nachtjacke und Unterrock, hatte hoch und
teuer geschworen, Jucunda sei noch nicht zu sprechen. Asta Thöny hatte
sich nicht abweisen lassen.
»Sie wird mir's danken, gnädige Frau!«
Aber Jucunda Buchner dankte nicht.
Aus unruhigen Morgenträumen voll ehrgeiziger Hoffnungen und
ahnungsvoller Beklemmungen hatte das Pochen der Kollegin sie
aufgeschreckt. Nun saß sie aufrecht im Bett, sehr ungnädiger Laune,
kaum, daß sie der Besucherin einen Stuhl anbot. Sie liebte es nicht,
sich unvorbereitet überraschen zu lassen.
Mit fliegenden Worten berichtete Asta: ihren Spaziergang an der Pleiße
verschwieg sie allerdings, um so genauer aber erzählte sie von dem
Renkontre zwischen Pilgram und Thumser auf der Frankenkneipe und sparte
nicht an grellen Farben. Sie war überzeugt gewesen, Jucunda würde
alsbald um Hans Thumsers willen mit allen Anzeichen des Entsetzens aus
dem Bette springen und Hals über Kopf zu dem Geliebten wollen, um ihm
nicht von seiner Seite zu weichen, bis die Gefahr an ihm vorübergegangen
war ...
Statt dessen sah Jucunda sie stillschweigend mit spöttisch
zusammengebissenen Lippen an, als sie hocherglühend ihren Bericht
geendet.
»Nun?« fragte Asta ganz erstaunt.
»Mir fällt etwas auf an Deiner Erzählung, liebes Kind,« sagte Jucunda.
»Du erzählst mir da von einem Auftritt, der sich auf der Frankenkneipe
zugetragen hat ... und zwar wenn ich recht verstanden habe, hast Du
nicht nur vom Hörensagen berichtet, sondern Du warst selber dabei
gewesen -- stimmt's oder stimmt's nicht?!«
Astas Wangen, vom heftigen Gang durch den Schnee gerötet, glühten noch
höher auf.
»Ja ... ich habe alles ... selbst mit angehört ...« gestand sie.
»Hm -- dann darf ich mir wohl die Frage gestatten: wie kommst denn Du
auf die Frankenkneipe?«
Astas Hände zupften unstet an den Falten ihres Rockes.
»Ja, wie soll ich Dir das ... erklären? Es ist ja auch ... eigentlich
gleichgültig ... wie ich hingekommen bin -- ich war eben ... da.«
»Nun, so gleichgültig kann ich das eigentlich nicht finden,« meinte
Jucunda. Sie lehnte sich zurück in die Kissen, stützte sich auf die
Ellbogen und fixierte die niedliche Kollegin mit überlegen spöttischem
Blick. »Na, also lassen wir das einstweilen mal dahingestellt. Aber: zu
welchem Zweck teilst Du mir denn das alles mit?«
»Ja, aber um Gottes willen, Jucunda, das geht doch nicht, das darf doch
nicht sein, daß die zwei guten Jungens sich totschießen Deinethalb!«
»Meinethalb?« Jucunda hatte sich hochaufgerichtet. »Wieso meinethalb?
Erkläre mir das!«
»Ja, aber Jucunda -- das ist doch ganz klar! Uebrigens, um Gottes
willen, der eine, der Pilgram, der wohnt doch hier nebenan, gelt, kann
der uns auch nicht etwa hören?«
»Beruhige Dich, liebes Kind, meine Mutter hat mir schon mitgeteilt, daß
er heut nacht nicht nach Hause gekommen ist. Also bitte, wie kommst Du
auf diesen Einfall?«
»Aber begreifst Du denn das noch immer nicht?! Der Pilgram ist doch nur
eifersüchtig auf den Thumser, weil Du ihn hast abfallen lassen und den
andern -- --«
»Und den andern?!« fragte Jucunda scharf. »Na, was denn! Bitte, was
denn?!«
»Nun, der andere ... ist denn der andere nicht gestern nachmittag bei
Dir ... bei Dir gewesen --?«
»Er war gestern nachmittag zum Tee bei mir, nu! Und was weiter?«
»Zum -- Tee --?!« fragte Asta mit einem halb wehmütigen, halb
verschmitzten Lächeln. »Nur zum Tee --?«
»Na! zu was denn sonst, bitte?!« fragte Jucunda heftig.
»Na, wir wollen nicht streiten,« meinte Asta. »Also: ob die zwei braven
Kerle sich Löcher in den Leib schießen Deinethalb, Dir ist's rund herum
egal, scheint's?!«
»Meinethalb? Ich weiß nicht, ob sie's meinethalb tun, mir haben sie's
nicht gesagt. Und übrigens -- ich möchte wissen, was ich daran ändern
kann, wenn die zwei sich's in den Kopf gesetzt haben, aufeinander
loszuknallen. Ich habe sie nicht geheißen, ich kann sie nicht hindern!«