Schon schatteten die dunklen Fronten der Vorstadthäuser in das silberne

Flockengeflitter hinein. Nun galt's sittsam und verständig nebeneinander

durch die Straßen zu schreiten, in denen nur wenige schneebepuderte

Gestalten unter weißbezuckerten Regenschirmen hastig und lautlos ihren

Behausungen zustrebten.

Als aber der erste Laternenschein dem wandelnden Paar die Gestalt des

Partners zeigte, schrie das Mädchen plötzlich auf:

»Um Gottes willen, Sie sind ja in Hemdärmeln! Sie werden sich den Tod

holen!«

»Ach! keine Spur!« lachte der Student. »Ich glühe nur so! vorwärts, nur

vorwärts!«

Jeder Vorüberwandelnde stutzte, als er das seltsame Schauspiel sah, daß

ein junger Mann barhäuptig und hemdärmelig neben einer elegant bepelzten

Dame herschritt.

Rasch war Valentin des Anstarrens, des Stehenbleibens satt. Auf der

Zeitzer Straße rief er eine Droschke an, deren schneebepackter Gaul

mühselig und dampfend dahin keuchte. Und nun war nach wenigen Minuten

die Sophienstraße erreicht, die Hausnummer, die das Mädchen angegeben.

Es kostete Mühe, in den nassen Kleidern die Treppe hinan zu kommen, den

Korridorschlüssel zu finden.

Mit Ueberraschung bemerkte der Student, daß es die wohlbekannte Wohnung

war, in der Mutter Ach schaltete, sie, die ganze Generationen von

Franken beherbergt hatte. Sie, bei der jetzt jener andere wohnte, dem

Valentin Pilgram in ingrimmiger Einsamkeit eine fürchterliche Vergeltung

geschworen ...

Starr vor Entsetzen stand die behäbige Witwe, als im matten Schein des

Flurlämpchens ihre Mieterin vor ihr stand:

»Ei, herrjemerschnee! ne so was -- ne so was ... Was hab'ns denn nur

gemacht, Freilein? ... Und wer is denn das? -- Weeß Knebbchen, das is

Sie ja der Herr Pilgram! Herr Pilgram, is es meeglich?! Nu komm' Se doch

bloß mal in die Stube 'nein -- ich wer' gleich Feier machen -- und Tee

wer' ich 'n kochen, i nee so was, nee so was.«

Bei dem Namen Pilgram hatte das Mädchen gestutzt. Höher noch flammte ihr

glühendes Gesicht. Stumm klinkte sie ihre Stubentür auf und huschte

hinein. Die Tür ließ sie offen in dem dunklen Gefühl, daß ihr Retter

einen Anspruch auf die behagliche Wärme habe, die ihr von drinnen

entgegenschlug.

Doch der folgte ihr nicht -- starr hingen seine Augen an dem weißen

Kärtchen, das an der Stubentür befestigt war.

»=Das= -- sind Sie?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.

»Ja, das bin ich -- kommen Sie doch herein -- wärmen Sie sich.«

Zögernden Schrittes trat der Student näher. In scheuem Staunen musterten

sich die beiden jungen Menschen, das Hirn von wirren Gedanken

durchkreuzt ...

Frau Wehe hastete herein, rannte geschäftig zum Feuer, um frische Kohlen

aufzuschütten.

»Nu sagen Se bloß, Herr Pilgram, was haben Se denn angefangen alle zwei?

Wer looft denn bloß in so en' Wetter hemdärmlig 'rum und mit bloßem

Koppe?! Und naß wie de Katzen seid 'r alle zwee! Da soll wer anders

draus klug wer'n!«

»Das Fräulein ist spazierengegangen an der Pleiße, hat im Dunkeln den

Weg verfehlt, ist ins Wasser gefallen, ich habe sie herausgezogen,«

erklärte Pilgram hastig.

»Gott soll mich bewahr'n!« schrie Frau Wehe. »Nu aber mal schnell ins

Bett mit dem Kind! -- Und Sie, Herr Pilgram, Sie gehen nebenan zum Herrn

Thumser und nehm' sich Wäsche und Kleider, versteh'n Se mich?! Am besten

wär's schon, Sie legten sich einfach da nebenan ins Bette! Herr Thumser

wird schon nich beese sinn! Und dann koch' ich Euch Tee oder Grog, 'ne

paar Wärmepullen unter de Decke, ich wer' schon machen!«

»Nein!« schrie da Asta Thöny. »Herr Thumser, nein -- das geht nicht --

der darf nichts davon wissen ... der auf keinen Fall!«

»Ach Quatsch!« rief die stämmige Wirtin. »Ihr holt Euch ja den Tod alle

zwee, da gibt's nischt zu reden -- machen Se fort, Herr Pilgram, in's

Bette mit Ihn' --!«

Mit angstvollen, flehenden Blicken hingen des Mädchens Augen an den

erstarrten Zügen ihres Retters, seiner finster zusammengekrausten Stirn.

-- Sie schwieg, sie wußte, daß sie nicht länger bitten durfte, wo es um

seine Gesundheit ging, vielleicht um sein Leben ...

Heiser fragte da Valentin Pilgram:

»Thumser? Warum darf der nicht wissen --? Kennen Sie Thumser?«

Tief senkte das Mädchen den Kopf, stand regungslos, schauerte plötzlich

in Frösten zusammen. Auch der Student schwieg. In wirrem Grübeln, in

finstrem Forschen gingen seine dunklen Blicke zwischen dem zitternden

Mädchen, der hilflos, verständnislos dreinglotzenden Frau hin und wider.

»Kennen Sie Hans Thumser, gnädiges Fräulein?« fragte er noch einmal,

hart und befehlend. Ein Verdacht reckte sich dräuend in ihm auf. So

phantastisch, so aberwitzig, daß der Verstand sich sträubte, ihn zu

formulieren ...

Asta antwortete nicht. Sie sank immer tiefer in sich zusammen. Und

plötzlich knickte sie in die Knie, ihre Arme fielen auf einen Stuhlsitz,

das Köpfchen mit den triefenden, zerzausten Flechten glitt in die

silbernen Falten des Pelzwerks, das sich um ihre Glieder schmiegte, und

ein jähes Schluchzen durchrüttelte die hingeworfene Gestalt.

Valentin Pilgram begriff ... Das fehlte noch, das war das letzte ... Und

die ganze, kochende sinnverwirrende Wut, die den Nachmittag über sein

Inneres verwüstet, schlug in roter Lohe aus den Tiefen seines Wesens

empor, stieg ihm in die Augen, in die Stirn, in die Fäuste. --

»Der Hund --! Ah, der Hund!« knirschte er. »Sorgen Sie mir gut für das

Fräulein, Frau Wehe! Adieu!«

Er stürzte hinaus. Die Stubentür, die Korridortür krachten hinter ihm

ins Schloß.

Asta Thöny war emporgefahren. Blitzschnell schloß sich die

Gedankenkette: Also der da, ihr Retter, das war Valentin Pilgram -- er,

den sie kannte aus Hansens Erzählungen, von dem sie wußte, wie er in

jähem Zorn sich zur Sühne für eine Schmach gedrängt, die ihrer großen

Kollegin widerfahren ... Und nun, nun stürmte er von hinnen,

unvollkommen bekleidet wie er war, schäumend vor Wut, wie sie ihn mit

einem letzten Blick gesehen. Und sein letztes Wort war eine gräßliche

Drohung für Hans Thumser gewesen. Für ihn, von dem er nicht einmal in

dieser Not trockene Kleider hatte annehmen wollen.

Das bedeutete Gefahr -- Todesgefahr für den geliebten, den treulosen

Jungen --!

Todesgefahr --! Noch meinte sie den stählernen Druck des Armes zu

fühlen, der sie aus dem kalten Flutengraus gerissen, der sie so sicher

und brüderlich heimgeleitet.

Wehe dem, der diesem Arm verfiel.

Nein, nein ... das nicht, das nicht! Um diesen Preis gerettet zu sein,

nein, das nicht ... o Gott, das nicht --!

»I herrjemerschnee, Fräulein Thöny, was hat er denn nur, der Herr

Pilgram, was hat er nur?« stammelte Frau Wehe.

»Still, still!« winkte Asta ab. »Lassen Sie mich einen Augenblick.« Und

hastig sann sie, wo Hans Thumser nur stecken könne in diesem Augenblick

...

Ach so -- Mittwoch -- offizielle Kneipe ... Ach, sie kannte den

Wochenkalender des Korps in- und auswendig. Also im Cafébaum, auf der

Frankenkneipe ... Und da ... da würde ja auch der Rächer ihn suchen ...

nein -- das nicht ... o Gott, das nicht --

Und mit einem Ruck stülpte sie das Barett wieder auf, klappte den Kragen

des Pelzjacketts in die Höhe, und triefend und schlotternd, wie sie war,

rannte sie an der verblüfften Wirtin vorüber, flog die halbdunkle Stiege

hinunter, stand auf der Sophienstraße ...

Drüben fluteten dichte Menschenströme, vom Glast der Laternen des

Carolatheaters überstrahlt, vom Flockengestiebe silbern umflittert, in

die dunkel gähnenden Pforten des Kassenflurs hinein.

Gott sei Dank, »Piccolomini« --! Asta war dienstfrei. In die erste

Droschke, die drinnen ihre Fracht abgeladen hatte und aus der dunklen

Ausfahrt herausrumpelte, sprang Asta hinein, rief im Einsteigen dem

Kutscher zu:

»Kleine Fleischergasse, Cafébaum, so schnell das Pferd laufen kann --

einen Taler Trinkgeld sollen Sie haben, wenn's rasch geht!«

Der Wagenschlag klappte, der Kutscher schlug die Peitsche dem Gaul um

die dampfenden Flanken, und durch die dunklen, schneeverwehten Straßen

schwerfällig von dannen rollte das Gefährt.

13.

Auf der Sophienstraße geriet Valentin Pilgram in den Schwall der

Theaterbesucher hinein, der zum Carolatheater drängte.

Ach so -- ha, ha! natürlich, da spielte man ja Komödie, heut' wie alle

Abende!

Und Jucunda Buchner natürlich wieder der Stern des Abends, der Zielpunkt

aller Blicke, die Sehnsucht aller Herzen! Ja gewiß: wie er sich durch

die Menge schob, auf allen Lippen das leise, andächtig hingesprochene:

Die Buchner ... die Buchner ...

Der lange Gesell, der im tollen Schneetreiben hemdärmelig und barhaupt

sich durch die Menge zwängte, machte alles stutzen, alle Hälse sich

wenden.

»Nanu, was hat denn der? Das is wohl ä Verrickter am Ende! Schutzmann!

he, Schutzmann! Nähmen Se'n doch feste, den Langen da!«

Nein -- so ging's nicht weiter. Er erwischte eine Droschke, warf sich

hinein, befahl Katharinenstraße zweiundzwanzig. Er konnte ja auch

unmöglich so auf Korpskneipe erscheinen, sie hätten ihn da wohl auch für

wahnsinnig gehalten -- hätten sein Rächeramt, seine heilige Mission, die

beleidigte Ehre des grün-gold-roten Bandes wiederherzustellen, für einen

Ausfluß des Aberwitzes genommen. Und dann: es schüttelte ihn. Fieberglut

und Frostschauer tobten abwechselnd durch seine Reckenglieder.

Herrgott! Dieser alte Klepper wollte gar nicht vom Fleck.

Und doch -- es wurde geschafft. Er flog die Treppe hinauf, langte

keuchend oben an. Als er den Schlüssel suchte, taumelte er -- das

Fieber verwirrte sein Hirn. Kaum gelang es ihm, den Schlüssel

einzustecken -- so leise er konnte, drehte er um, schlich sich auf

Zehenspitzen durch den dunklen Flur, machte drinnen Licht -- erschrak,

als er sein fahles Gesicht im Spiegel sah mit den stieren Augen, den

rotfleckigen Wangen.

Einerlei -- nur fort, nur es zu Ende bringen!

Er riß die triefenden, dunstigen Kleider vom Leibe, die schweißnasse

Wäsche, zog sich vom Kopf bis zu Füßen frisch an, schauerte zusammen in

der Siedeglut, die ihn durchrann. Er fühlte sich plötzlich müde zum

Sterben -- das aufgeschlagene Bett zog ihn magnetisch an. War's nicht

das beste, da hineinzukriechen, die Decke über die Ohren zu ziehen und

unterzusinken in bleiernes Vergessen ...?

Aber nein -- das ging ja nicht. Die Mission! die Mission ... Abrechnung

mußte gehalten werden. -- Sauber mußte die Welt wieder werden ... Der

Schandfleck mußte weg ... Und mit fliegenden Händen kleidete er sich an.

Taumelte abermals, als er die Stiefel anziehen wollte, biß die Zähne

zusammen, bezwang die todgleiche Erschlaffung.

Als er vor dem Spiegel die Halsbinde zu schlingen versuchte, versagten

die Hände. Da knüpfte er nur die Enden in einen wüsten Knoten, stülpte

statt des Hutes, der draußen an der Pleiße geblieben, eine

schwarzseidene Mensurmütze auf, hing statt des Winterpaletots, den er

ebenfalls im Schnee gelassen, einen dünnen Sommerhavelock um ... und nun

fort -- fort ...

Er warf einen Blick auf die Uhr -- dreiviertel neun, gerade recht. Die

offizielle Kneipe mußte eben begonnen haben, und bis zur Kleinen

Fleischergasse waren's ja nur zwei Minuten.

Halt! Einen Stock brauchte man noch, man konnte nicht wissen ...

Nun, so mochte es schon das silbern beschlagene spanische Rohr sein, die

Dedikation seines Leibburschen. Daß er kein Recht mehr hatte, dieses

Stück zu führen, das mit dem Zirkel Franconias geschmückt war, was

verschlug's in dieser Stunde --?! Es war eben doch ... ein Stock ...

Noch einer war an diesem Nachmittage bis tief in den endlosen

Novemberabend hinein draußen im Schnee umhergeirrt: Hans Thumser.

Als er aus Jucundas Zimmer gestürzt, an dem verblüfften Erbprinzen

vorüber, da war es auch ihm unmöglich gewesen, es auszuhalten zwischen

den hastenden Menschen, den keuchenden, dampfenden Droschkengäulen, in

den engen, finstern Straßen, unter den blinzelnden Laternen.

Er war ins Rosental geraten und stundenlang durch die schweigende

Einsamkeit des schneeverwehten Parks geirrt.

Ha! ha! Also so lief die Karre! Freilich, freilich! Wenn Fürstengnade

winkte, was galten da ein paar armselige Studentlein ...? Denen spielte

man eine nette kleine Komödie vor: Hilflose, beleidigte,

schutzbedürftige Unschuld dem einen, glühendes Verständnis, tiefinnige

Seelenharmonie dem andern ... Und dann -- dann ließ man einfach im

rechten Augenblick den Vorhang fallen, und ein neues Stück fing an.

Komödie -- Komödie -- jedes Wort, jeder Blick, nichts als Reminiszenzen

aus abgespielten Stücken, nichts als der Nachhall erlogenen,

erheuchelten Gefühls ... Komödie ... Komödie ... Komödie --!

War das nicht Strafe? War dieser Abfall, diese Blamage, die fressende

Scham -- da drinnen -- war das alles nicht verdient?! Hatte nicht auch

er selber leichtherzig den Vorhang fallen lassen über einem lieblichen

Spiel voll erster Seligkeit, voll flammender Glut und reizender

Tändelei, das die vergangenen Wochen seinem jungen Leben beschert

hatten?

War er besser als jene Jucunda? Er, der danklos und roh die Gesellin so

köstlicher Entzückungen beiseite geschoben, um diesem gleißenden Phantom

nachzujagen, das heute vor seinen entsetzen Augen die Larve hatte fallen

lassen?

Asta! Asta! Dich hatte ich. Du hast dich mir geschenkt ... und ich ließ

dich los und rannte einem Irrwisch nach ...

Ja, Hans Thumser ging streng mit sich ins Gericht. Er kam sich so klein

vor, so dummejungenhaft, so unwert alles dessen, was die vergangenen

Wochen ihm in den Schoß geworfen. Eine jähe Sehnsucht kam über ihn, sich

in Astas Arme zu flüchten, die Stirn an ihre Knie zu drücken und um

Verzeihung zu betteln.

Und doch -- Knabentrotz und Knabenscham jagten ihn immer tiefer in die

Schneewildnis hinein. Jetzt vor Asta hintreten und bitten: vergiß --?!

Sie würde sogleich begreifen, daß er -- nun, daß er eben ... abgefallen

war bei Jucunda. Und würde sie dann nicht triumphieren, sich bedanken

für das Vergnügen, ihn über seinen Abfall trösten zu sollen?

Nein -- das ging nicht. Das mußte man allein hinunterwürgen. Ha ha!

Gab's nicht ein Mittel, die Qual dieser Beschämung, dieser

fürchterlichen Blamage abzukürzen? Wozu war man denn Student --

Korpsstudent -- Fuchsmajor?! Und wozu heut abend offizielle Kneipe?

Ganz recht: besaufen werden wir uns! einen Eimer Bier in uns

hineinpumpen, bis wir mitsamt der ganzen Corona der Füchse unterm Tisch

liegen und den Himmel für 'nen Dudelsack ansehen. Hol' der Teufel die

Weiber --!

Und morgen früh auf dem Fechtboden -- Filzmaske aufgesetzt, drauflos

gedroschen, solange Arm und Schädel halten wollen --!

Kaum konnte Hans die Stunde der offiziellen Kneipe erwarten. Als er zum

Cafébaum schlenderte, grinsten ihm von allen Anschlagsäulen die riesigen

Lettern entgegen:

»Wallensteins Lager«

»Die Piccolomini«

Pah! was für Hieroglyphen waren das eigentlich?! Was ging das alles ihn

an? Pah, die Meininger! Pah! Schiller --!

Komödie ... Komödie!

Damit war man fertig, das mußte versunken sein und vergessen. -- Und was

stand ganz unten am Rande des Zettels?

»Freitag: Wallensteins Tod« --?!

Ja, hatte man gestern nicht selbst probiert, sollte morgen früh wiederum

probieren für die Komödie von übermorgen? Hatte man nicht im Eisenwams

der Pappenheimer Kürassiere gesteckt und sich als Friedländischer

Reitersknecht gefühlt, eine Stunde lang?

Lüge, alles Lüge ... äffisches Spiel mit längst verpulster Glut, längst

verschütteter Leidenschaft -- Komödie das alles! Unwürdig des jungen

sehnenden Menschentums, das man in allen Knochen fühlte, das leidend

sich aufkrampfte gegen die Not der Stunde -- das nach wildem Rausch,

nach taumelnder Betäubung sich sehnte, das sich selbst vergessen wollte

und vergessen alles um sich her --!

Nein -- Hans Thumser wird niemals wieder Komödie spielen ...

Hans Thumser wird mehr nicht sein wollen, als er ist: ein ungarer,

unfertiger Mensch, dessen verdammte Pflicht und Schuldigkeit das eine

nur ist: zu lernen, zu arbeiten, sich zu stählen für die kommenden

Kämpfe des wahren, des wachen Lebens. Morgen, morgen soll's beginnen --

heut aber: Bier her! Saufen bis zum Umsinken! Vergessen ... vergessen

... vergessen ...

Da war der »Cafébaum«. Da winkte vom Sims des ersten Stockwerks das

dreifarbene Schild, schneeüberlagert. Und der steingemeißelte riesige

Türke, der sich von dem feisten kleinen Putten die Mokkaschale kredenzen

läßt, trug über seinem steinernen Turban einen doppelt so hohen aus

Schnee ...

Nun die enge, muffige Stiege hinauf, nun die Klingel gezogen. Drinnen

lärmten schon die Korpsbrüder, die sich zum gewohnten Zechgelage

versammelten. Als der Korpsdiener öffnete, empfing den Ankömmling schon

auf dem Korridor, wo rings die grünen Kneipjacken mit den rot und

goldenen Schnüren an den Wänden hingen, lautes Hallo.

Volkner, der Senior, hatte geschwatzt: er war Hans Thumser begegnet, als

dieser mit einem mächtigen, seidenpapierumhüllten Rosenstrauß in das

Haus Katharinenstraße zweiundzwanzig hineingegangen war. Daß dieser

Besuch nicht etwa dem früheren Korpsbruder Pilgram gegolten habe, das

hatte der Blumenstrauß verraten. Wo also konnte Thumser gewesen sein als

bei Jucunda Buchner? Halb mit Ulk und halb mit Neid empfing man den

Glücklichen. Der Name Jucundas war ein bißchen verdächtig von dem Fall

Pilgram her. Obwohl der weiland Senior sich bei den Besuchen der

früheren Korpsbrüder hartnäckig über seine Beziehungen zu der Diva

ausschwieg, hatten die Korpsbrüder doch allmählich herausbekommen, daß

jenem sein ritterliches Eintreten für das gekränkte Mädchen wenig Dank

eingetragen hatte ...

Sich mit Jucunda Buchner einzulassen, das hatte also beinahe schon einen

Beigeschmack von Komik und drohendem Hereinfall ...

Und dennoch ... der Duft des Lorbeers, der eine ganze Stadt berauschte,

zog wie lichter Weihrauchdunst auch durch die Hirne, welche die grünen

Mützen bedeckten ...

Der Schwall der Neckereien, die sich über Hans Thumser ergossen, ging

ihm heiß in das siedende Blut -- immer wilder schwoll die sinnlose

Saufstimmung in ihm empor.

»Füchse, _ad loca_!« brüllte er und nahm am unteren Ende der Kneiptafel

Platz, auf dem hochlehnigen Stuhl, der in Eichenschnitzerei die

Märchengestalt eines aufrechtstehenden Fuchses zeigte, in Cerevis,

Couleurband und Kanonenstiefeln, den Vorderlauf mit einem Schläger

bewehrt. Und um ihren jungen Herrn und Meister zur Rechten und zur

Linken scharte sich die Fuchscorona, sieben junge Bürschlein, darunter

vier Krasse, die erst seit ein paar Wochen der Zucht ihres

Schulmeisters entronnen waren, um der noch viel gestrengeren des

Fuchsmajors zu verfallen -- und drei Brander, Wangen und Nasen schon mit

den ersten Dokumenten bewährten Mensurschneids verziert.

»Füchse, ich komm Euch den ersten und den zweiten Halben!« rief Hans

Thumser und schüttete das volle Glas hinunter, das der Korpsdiener vor

ihn hingesetzt.

Gleichzeitig beschied auch der Senior Volkner alles, was der Fuchtel des

Fuchsmajors bereits entwachsen war, an das obere Ende der Kneiptafel:

die Korpsburschen, die Inaktiven der Kartell- und befreundeten Korps,

die sich in Leipzig studienhalber aufhielten und beim Korps verkehrten,

und einzelne Alte Herren aus der Stadt, die sich dann und wann zu den

Zusammenkünften des Korps einfanden.

Und nun entwickelte sich das altvertraute Bild: von allen Wänden

schauten die Wappenschilder, die gekreuzten Fahnen und Schläger, die

Ehrenhumpen und silberbeschlagenen Trinkhörner, die zahllosen

jahrzehntealten Gruppenbilder, Silhouetten, Porträte der einstigen

Mitglieder des Bundes auf die zechende und lärmende Schar herunter.

Mit zeremoniellem Anstand erhob sich der Erste:

»_Silentium!_ Wir trinken zur Eröffnung einer fidelen, offiziellen

Kneipe unser Glas in Gestalt eines Schoppens Salamander! _Ad exercitium

salamandri_ -- eins, zwei, drei!«

In langen Güssen kollerte der erste Ganze in die zechbereiten Mägen,

rasselnd wirbelte der Salamander und endete mit einem krachenden

Aufklappen aller Gläser auf die massive Eichenplatte der Kneiptische.

»_Silentium!_« klang da wieder die Stimme des Präsidenten: »Wir singen

als erstes offizielles Lied auf Seite 159: Brüder, zu den festlichen

Gelagen ...«

In rauhem, taktfestem Unisono schwoll das Lied durch den niedern Raum,

in dem das Brandopfer der Pfeifen und Zigarren sich mystisch über der

Sängerschar emporkreiselte:

»Brüder, zu den festlichen Gelagen

Hat ein guter Gott uns hier vereint,

Allen Sorgen laßt uns jetzt entsagen,

Trinken mit dem Freund, der's redlich meint.

Da, wo Nektar glüht,

Holde Lust erblüht,

Wie den Blumen, wenn der Frühling scheint.«

Und Hans Thumser fühlte beglückt, wie die dumpflastende Beklemmung der

einsamen Spätnachmittagstunden von ihm abfiel, und in grimmigem Behagen

stürzte er sich hinein in den schäumenden Strudel des Gelages, spürte,

wie alles, was ihn so im Tiefsten erschüttert, verschwamm, versank,

verflog -- und nichts mehr war, als der tolle Rausch der Stunde.

»Füchse! Ich komme Euch den elften und zwölften Halben!«

»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,

In dem Becher winkt der goldne Stern!

Honig laßt uns von den Lippen saugen,

Lieben ist des Lebens süßer Kern!

Ist die Kraft versaust,

Ist der Wein verbraust,

Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«

-- so verscholl das hellaufrauschende Lied ...

»_Silentium_ -- schönes Lied _ex_! Ein Schmollis den Sängern!«

Da trat der Korpsdiener ein. Das glänzende Bemmchengesicht verstört,

fassungslos. Er schlich sich zu dem ragenden Stuhl des Ersten heran,

flüsterte mit vorgehaltener Flosse seinem jungen Herrn etwas ins Ohr,

das diesen stutzen und auffahren machte. Einen Augenblick sann Volkner

nach -- dann flüsterte er dem Korpsdiener zu:

»Es ist gut -- sagen Sie's Herrn Thumser -- er mag hinausgehen.«

Mit scharfen Blicken verfolgte Volkner den Gang des Korpsdieners, der

sich nun mit so lächerlicher Behutsamkeit, als tripple er auf Eiern,

hinter den Stühlen seiner Herren entlang zum Fuchsmajor schob und auch

diesem seine Botschaft zuraunte:

»Entschuld'gen Se, Herr Thumser -- da draußen is Sie nämlich der Herr

Pilgram -- der läßt Ihn' bitten, ob Se nich mächten so freindlich sinn

und gomm'n een Augenblickchen auf'n Flur -- er hat 'n ä wicht'ge

Mitteilung zu machen!«

Ganz deutlich sah Volkner, wie Thumser zusammenschrak, hastig aufsprang,

einen Augenblick nachsann, dann mit einem fragenden Blick die Erlaubnis

erbat, die Kneiptafel zu verlassen. Nachdem Volkner Gewährung genickt,

bat Thumser den ihm zunächst sitzenden Korpsburschen, ihn in seinem Amt

als Vorsitzender der Fuchsentafel eine Weile zu vertreten. Dann raffte

er sich zusammen und schritt aufrecht, doch blaß, mit zusammengezogenen

Brauen zur Tür hinaus.

Als er mit dem Korpsdiener durch das anstoßende Konventszimmer schritt,

flüsterte der Alte ihm zu:

»Se missen nämlich wissen, Herr Thumser, es is Sie schon vor eener

Viertelstunde eene sähre hiebsche, junge Dame dagewesen und hat mich

gefragt, ob der Herr Pilgram mächte uff der Kneipe sinn. Nu, da hab'ch

ihr natierlich nur kennen sagen, daß der Herr Pilgram ieberhaupt nich

mehr wirde uff Kneipe komm' -- und da is se denn wieder abgemacht. Ich

kann Ihn' nur sagen, Herr Thumser, sähr ä hiebsche Dame is es gewesen!

Nobel, püh, ich kann Ihn' sagen, Herr Thumser --!«

Hans Thumser war einen Augenblick stehengeblieben. Wirre Vermutungen

schossen hin und wider. Pilgram --? Und eine Dame, die nach Pilgram

fragte? Was für unwahrscheinliche Begebenheiten -- auch nicht den

Schimmer eines Verständnisses fand Hans.

Wer konnte die Dame sein, die Pilgram auf der Frankenkneipe vermutete

--? Was wollte Pilgram von ihm selber --?!

Nun -- man würde ja hören ... Und abermals straffte Hans den Nacken und

öffnete die Tür zum Korridor.

Herzklopfend, von Glut und Frost hin und wider geschüttelt, war Asta

Thöny vor dem Cafébaum aus der Droschke in den weichen Schnee

gesprungen, der nun schon fußtief Bürgersteig und Fahrdamm der schmalen

Gasse überzog. Ob ihr Retter wohl schon drüben sein mochte?

Komödiantinnen: Roman · 第 14 / 19 段