an seinen Schreibtisch zurück, vergrub den Kopf in den Händen und wühlte
sich in das krause System des römischen Erbrechts hinein. Aber die
Buchstaben hüpften vor seinen Augen, die Sätze verwirrten sich, führten
sinnlose Tänze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die
geballten Fäuste von den Ohren ... Da drüben klapperten die Tassen,
plätscherte munteres Gespräch ... kein Satz zu verstehen, höchstens
einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs
Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinüber und Herüber von
Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht
verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender
Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wußte
besser, wie man mit Frauen, mit Künstlerinnen reden muß, um Eindruck zu
machen!
Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als müsse Hans
Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was
sich vollzogen hatte. Gewiß war er schon längst hinter Jucunda her --
war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt
-- und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner
Seite im Theater gewesen? Gewiß hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit
welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei
Jucunda einführen wollten, und hatte schon damals sein Plänchen
geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knäuelte sich
zusammen zu einem einzigen, alles verdrängenden Gefühle der Empörung,
des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lächler, diesen
geschmeidigen Buben, stellen ... züchtigen!
Aber nein -- das war nicht länger zu ertragen, dieser Zusammenklang der
zwei Stimmen da drüben, der gehaßten und der ach ... in tausend
Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glückes Ohrenzeuge
zu sein, das er für sich selbst nur in fernen Träumen zu ersehnen gewagt
hatte? Und das dem Buben da drüben in den Schoß fiel. Nein, das nicht,
das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da draußen, weg aus
diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefüllt war mit
vergangener und gegenwärtiger Gedankenqual!
Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stülpte den
weichen, zerknüllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend,
daß beide Kleidungsstücke seit Tagen nicht gebürstet, von dickem Staub
umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent,
hatte seit Wochen sein Aeußeres schlimmer vernachlässigt als der
armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wüsten
Knotenstock, den er sich für fünfzig Pfennig in irgend einem Kram
gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation
seines Leibburschen nicht mehr führen durfte ... und nun hinaus -- nur
hinaus!
In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren
Bürgersteig und Straße mit fußhohen Schneemassen überschüttet. Mühsam
bahnten sich die Fußgänger ihren Weg, trübselig stapften die
Droschkengäule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere,
Gefährte einander vorüber, die ersten Laternen äugelten mit trübem
Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterlaß herniederwogte. Von
weißen Kanten eingesäumt, reckten sich die finstern Fronten der alten
Barockpaläste zu beiden Seiten der engen Straße. Jedes Geräusch war
eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden
Flockenmassen, welche die Luft verhängten.
Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hände in den
Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straßen
pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich
schattenhaft an ihm vorbeidrängte. An der Thomaskirche vorüber, deren
schwarzer Giebel sich droben in dem weißen Dunst verlor, pendelte er auf
den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebüschs unter der
Wucht ihrer weißen Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das
finster dräuende Massiv der Pleißenburg in die silbernen Schwaden, das
Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenriß von den Lichtfluten um
den Roßplatz und Königsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere
Johannispark! Hier ließ sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier
klärte sich das Gedankenchaos ...
Ja, es mußte gehandelt werden. Die ganze Fülle der verhängnisvollen
Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher
vorgezeichneter Bahn so jählings hinausgeschleudert in ein uferloses
Nichts, das alles drängte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und
diesmal würde seinem Vorsatz Erfüllung werden -- diesmal würde er nicht
wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel anrennen, um alsbald
entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal würde
er den waffengeübten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen
wissen, mitten in des Feindes Fratze!
Des Feindes! -- es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige
Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben -- in jenem
jungen Burschen, der sich jetzt gewiß von Jucundas Lippen den Dank holte
für eine ganze Kette von Niederträchtigkeiten und Bübereien. Ihn
züchtigen -- ja das war's! Das forderte die Stunde!
Und dann? Was kam dann?! Dann würde man sich gegenüberstehen, Aug'
in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war
dann das Gottesgericht ... Dann würde sich's zeigen, wer von ihnen
beiden weichen müsse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte für sie
beide ...
Und ... dann?!
Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft,
die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwärts getrieben, er würde
sie in das kleine Stückchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz
finden sollte. Das war dann die Sühne, das war die Wiederherstellung
der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird,
der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Füßen
getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band
um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebüßt hatte dank jenem
sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies
stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben
in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole
abzudrücken ...
Und dann?! Er wußte den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann
verfallen war; die Höhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja
wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, daß die Gesetze des Staates
das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines
Lebens gekränkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den
Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...
Immerhin -- lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Königstein,
lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten,
lieber das alles, als dieses zermürbende Gefühl der Ohnmacht, der
Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!
Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz
umlagert. Nasse Schauer sprühten ihm um die glühenden Wangen, eisige
Tropfen rieselten ihm über Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den
Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er fürbaß. Schon lag der
Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nächsten Pfad, der hart am
Saume des rechten Pleißeufers zwischen den reckenhaften Schäften der
hochstämmigen Eichen und dem dürren Gestrüpp der Erlen entlang führte.
Als sein Blick zufällig die gelben Fluten der gurgelnden Pleiße
streifte, stieg mitten in sein finsteres Brüten hinein ein lachendes
Bild heiterer Jugendlust:
Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem
Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...
Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern,
versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben
geleuchtet, hatten bunte Mützen und grellfarbige Bänder geblinkt, heiter
abgehoben vom dunklen Grün der Ufersäume, vom Blau des klaren Himmels,
das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flüchtig,
wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der
schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum
Dämmerung und lastende Einsamkeit. Nur drüben, am jenseitigen Ufer, wohl
zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch,
ein schwarzer, formloser Schatten, vorüberhuschend vor dem silbernen
Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt überflitterte.
Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund
seiner Grübeleien.
Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied?
Nun dann war eben alles aus -- und er brauchte doch wenigstens nicht
mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...
Aber -- die daheim --?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wußte das ...
Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten
Stellungen in der Königlich sächsischen Rechtspflege emporgestiegen war
und in den zwanzig Jahren rüstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen
sollten, noch höher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren
Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig
verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen
gebraucht von dem, was sie beide längst wußten: daß sie Menschen einer
Rasse, eines Wesens waren, würdige Glieder einer uralten Familie
hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde
der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein
Mensch, so recht zur Ergänzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke
Persönlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenüber dem Gatten und dem
Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und nützliche Dienerin
untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren
Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit
aufrechte Säulen der Ordnung und Tüchtigkeit gewesen waren. Die
Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven
Gattinnen für diese ehrenfeste Art Männer, wie das Vaterland sie immer
gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen würde ... und nun --
ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine
wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ...
gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle
Gewohnheit ihrer Daseinsführung?
Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda
Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als
Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so würde er's vor jenem ernsten
Gange für die Lieben daheim aufzeichnen, würde für jeden seiner Schritte
die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so würden
die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und
ohne Scham gedenken können, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch
diesem absurden Spiel dämonischer Mächte gegenüber geblieben, was er
stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...
In diesem Augenblick trieb ein Windstoß dem einsamen Wanderer einen
heftigeren Guß prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus
seiner Versunkenheit auf. Es war fast völlig finster geworden, und
Valentin Pilgram entschloß sich zur Stadt zurückzukehren. Seine
Entschlüsse waren gefaßt, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht
ihn gehen hieß. Zu was noch länger ziellos durch die Einsamkeit
streifen? Daheim waren die Bücher ... und in wenig Tagen würde das
Examen beginnen ... und Ruhe würde ja nun auch geworden sein daheim.
Heut abend waren wieder die »Piccolomini« -- Jucunda würde schon im
Theater sein ...
Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick
zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dämmerschein etwas
Unbegreifliches:
Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drüben die Sommerwirtschaft
»Zum Wassergott«. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit
Korpsbrüdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekühlt und dem
munteren Treiben der sonntäglichen Kähne auf dem Flusse zugeschaut. Und
seitlich, an der Treppe, wo die Fähre anzulegen pflegte, stand ein
Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das
unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz
Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab -- es schien eine
Pelzmütze zu sein -- und zog das Jackett aus, schob beides
zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe
hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun -- -- in jähem Schrei entlud sich
Valentins Entsetzen!
Schon in der nächsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein
Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck
riß er die Knöpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte
beide Kleidungsstücke mit einer jähen Bewegung in den Schnee und war mit
einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten schoß er in die gelbe Flut
hinaus. -- Die markerschütternde Kälte des Wassers lähmte eine Sekunde
lang seine Glieder wie sein Hirn, im nächsten Augenblick aber durchschoß
ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an
wider das eisige Grauen -- Arme und Beine strafften sich, mit heftigen,
ruckartigen Stößen setzte er sich zur Wehr gegen die zähe Umklammerung
des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wußte sein Ziel.
Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich
in den träge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten
Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig
Stöße, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bündel Kleider hinein,
fühlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum
spürte der wehrlose Körper die fremde Berührung, da zuckte er in
aufbäumendem Entsetzen zusammen, krümmte sich, warf sich hin und her in
den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht
umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des
Fechtbodens gestählt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengängen
erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figürchen, rang die
strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinstößen dem nahen
Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie stählerne Klammern um seine
Beine, der Druck der Schuhe machte die Füße schwer und hilflos, doch mit
wildem Ungestüm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den
Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen
umschloß. Nach wenigen Sekunden fühlten die Füße Grund, Schlammgrund,
doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das
leichte Körperchen um Hüften und Knie -- noch ein kurzes, heftiges
Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhängenden Weidenast, die
Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun
spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den
gefangenen Leib in die knackenden Büsche der Uferböschung hinein. Nun
klang ein wimmerndes Stöhnen, nun keuchten klagende Laute wie eines
kranken Kindes Stimme:
»Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!«
»Ne -- gibt's nich!« keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft
würgte er sich selber durch die schneeüberstäubten Zweige des
Ufergestrüpps hindurch, zog den Körper der Geretteten vollends hinauf
und ließ ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten
Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum -- nichts
hörte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das
ratternde Hämmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der
geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Füßen das wimmernde Schluchzen
einer Mädchenstimme -- immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies
hilflose Greinen.
»Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!«
»Ne,« keuchte Valentin Pilgram, »das können Sie nun wirklich nich ...
von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaßen für Sie
... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse
Sauce da!«
Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor über ihn
gekommen. Er richtete sich auf, reckte die stählernen Glieder, schlug
ein paar mal die Arme über der Brust mit kräftigem Ruck zusammen, um
sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraßen.
Dann bückte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figürchen um
die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die
Beine.
»So, nun bleiben Sie gefälligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit
mir, wir rennen zum »Wassergott« zurück ... das macht warm ... Sie
haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...«
Dabei versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um etwas von den
Zügen der Gesellin dieser seltsamen Begebenheit zu erkennen. Umsonst --
nur etwas Nasses, Zitterndes hielt er in seinen Armen, dessen Wärme
langsam die eisige Nässe der Hüllen durchdrang, die um ihre Glieder
schlotterten. Die zarte Gestalt wollte wieder in die Knie sinken, aber
er raffte sie empor, zog sie herzhaft an seine Seite und zwang sie, in
raschem Schritt durch den lockeren Schnee mit ihm den Fußpfad
pleißeaufwärts zu verfolgen.
Dabei redete er ohn' Unterlaß auf das junge Menschenkind ein, das
wankend und noch immer leise wimmernd an seiner Seite schritt.
»Nun sagen Sie bloß, meine Gnädigste, wie sind Sie auf die verrückte
Idee gekommen, bei so schauderhaftem Wetter Schwimmversuche in der
Pleiße zu machen? -- Dabei können Sie sich ja einen Schnupfen holen, den
Sie in diesem Leben nicht mehr los werden. Denken Sie bloß, wenn ich
nicht zufällig des Weges gekommen wäre ... Und noch dazu in Kleidern,
das bringt ja nicht einmal ein Mann fertig, geschweige denn so ein
kleines zartes Mädel wie Sie. -- Oder sind Sie gar eine junge Frau? Dann
sagen Sie's mir, damit ich Sie richtig anrede ... kommen Sie, wir müssen
schneller laufen ... damit wir warm werden, Sie zittern ja
gottserbärmlich. Schade, daß der »Wassergott« zugemacht hat, ich wäre
kolossal für einen Grog oder auch deren mehrere, Sie nicht auch?«
So schwatzte er drauf los, allerhand banales Zeug, was ihm gerade in den
Kopf kam, und nahm mit Befriedigung wahr, daß das Wimmern schwächer und
schwächer ward und schließlich ganz verstummte.
Und dann kam eine wilde Lust an dem unerwarteten Abenteuer über ihn, das
in seine verzweifelte Stimmung hineingeplatzt war wie ein Weckruf zu
neuem Leben ... Und immer brennender wurde in ihm die Neugierde, die
Züge der Unbekannten zu sehen, in deren Schicksal er hatte eingreifen
dürfen wie vom Himmel gefallen.
Als die beiden einen Augenblick verpusteten, griff er in seine
Hosentasche und zog die Zündholzschachtel hervor, sie war ganz trocken.
Die wenigen Sekunden, die er in dem nassen Element zugebracht, hatten
nicht genügt, um seine Kleidung gänzlich zu durchfeuchten. Da ließ er
ein Hölzchen aufflammen und sah mit jähem Entzücken, welchen holdseligen
Fang er gemacht. Dabei weckte ihm das triefende, glühende Gesicht, von
langen dunklen Haarsträhnen überhangen, unbestimmte Erinnerungen ...
Aber eine Scheu verbot ihm zu fragen ...
Und das Flämmchen verlosch, das angstvolle Gesicht, die hilflos
blickenden Augen versanken wieder in der Finsternis. Nein, jetzt nicht
fragen -- wie wund mußte diese arme flüchtige Seele sein ...
Da war der »Wassergott«. Valentin stapfte in die schneeverwehte Galerie
hinein, aber die Gerettete ließ er dabei nicht los.
»Ne, ne, kommen Sie ruhig mit, Gnädigste, ich habe Angst, Sie möchten zu
viel Geschmack an Ihren Schwimmkünsten gefunden haben ... und ob ich Sie
zum zweiten Male da herausbrächte? Ich weiß wirklich nicht.«
In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhüllen, ahnte voll
Respekt, daß es sich um Kostbarkeiten handeln müsse, und hüllte seine
Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...
Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des dürren
Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt,
der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die
niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben
widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwärts gleitenden
Pleißefluten.
Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen
aufgepeitscht, besiegte mählich die Frostschauer, die von den nassen
Kleidern her die Glieder überrieselten. Und mit einem geheimnisvollen
Gefühl brüderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figürchen
umschlungen, preßte es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut,
die ihn durchpulste.
Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie
ein:
»Das hätt' ich mir weiß Gott auch nicht träumen lassen, daß ich meinen
Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden würde. -- Und Sie?
Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten,
als einsam da unten in der dreckigen Pleiße zu paddeln? -- Sehen Sie
mal, wie hübsch sich drüben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da
kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind -- sogar der
ganze Himmel ist hell über dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen
Sie doch auch mal was, Fräulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im
Wasser gelassen? Das wäre doch schade. Ich denke mir, Sie müssen sehr
niedlich plaudern können ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal
erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, daß Sie es mit einem ganz
ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst
vor mir?«
Und horch!
Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise
wie ein Taubengirren:
»Angst ... ach nein -- wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja
so gut zu mir --«
»Hurra! sie kann wieder reden!« jauchzte der Bursch. »Herrlich!
herrlich! Und nun -- nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie
bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehören kleine Mädchen ins
Bett ... Auch ein Glühwein könnte nicht schaden. Also -- wohin soll's
gehen? Heraus damit!«
Leise nannte das Mädchen seine Adresse. Unwillkürlich schmiegte sie sich
fester in den führenden, schützenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie
so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das
ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun
glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll
Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wärme siegen zu fühlen über die
eisige Nässe, der sie sich anvertraut -- das ferne Leuchten zu sehen
über der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man
Komödie spielte -- aß und trank, lachte und küßte ... Gott, welch ein
Wahn, welch eine Raserei war doch nur über sie gekommen und hatte sie da
hinuntergetrieben --?
Ach leben -- nur leben. Besser, sich prügeln lassen vom Schicksal,
besser, sich auf und ab wirbeln lassen zwischen Glückseligkeit und
Tränen, Tränen und Glückseligkeit, als dies kalte Nichts da unten.
»Ich danke Ihnen,« stammelte sie. »Ich danke Ihnen!«
Und lustig schwatzend von den gleichgültigsten, törichtsten Dingen, als
seien sie zwei alte Bekannte, die sich beim Spaziergang begegnet,
stapften die zwei Menschen fürbaß durch den knietiefen Schnee.
»Haben Sie warme Backen?« fragte der Student. »Au! Teufel ja, die
brennen ja wie ein Oefchen -- und die Hände? Ziehen Sie doch die nassen
Handschuhe aus, das gibt ja Rheumatismus -- richtig, die sind wie zwei
Eiszapfen. Da weiß ich Rat, wir werden uns schneeballen. Los! Greifen
Sie zu, ich laufe voraus. Daß Sie mir aber nicht wieder auskneifen und
in die Pleiße spazieren!«
Nein -- Asta hatte keine Sehnsucht mehr nach der Pleiße. Sie bückte
sich, griff mit den erstarrten Händen in die lockere Masse, die alles
überlagerte -- und klatsch, da flog ein raschgeformter Ball dem riesigen
Begleiter vor die Brust, daß es nur so knallte ... Und lachend, rennend,
prustend, wie zwei Kinder, tollten die zwei den Weg entlang.