»Wie gut,« sagte Jucunda, »daß ich heut abend mal ausnahmsweise nicht

spiele, so gehört uns diese Stunde wenigstens ganz!«

»Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stören -- Sie wissen das

alles ja gar nicht -- Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was

Sie mir bedeuten -- ich weiß es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich

denke zurück an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich

fühle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an

der Rathausbrücke -- Sie waren eben entdeckt worden, ein märchenhaft

aufleuchtender Stern -- und ich, ein sehnsüchtiger Primaner droben auf

dem zweiten Rang im »Wallenstein« -- Sie drunten als Thekla mit der

Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weißleuchtend abgehoben von

dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineingähnte.

Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja -- Sie singen's übermorgen wieder

-- Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele

des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schönheit, die versinken muß

unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals -- Sie waren die Tugend,

die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie

waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir

geblieben. Jetzt fühl' ich's, daß Sie immer mit mir gegangen sind in den

zwei Jahren -- und nun, ist's möglich! Nun sitze ich Ihnen gegenüber,

könnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen

und fühlen: das Geschick meines Lebens ist über meinem Haupt.«

Seine Stimme zitterte -- die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.

»Und dennoch --« sagte Jucunda langsam, großäugig -- »und dennoch haben

Sie Asta Thöny geküßt.«

»Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt. -- -- Wie soll ich Ihnen das

erklären -- sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat

mich genommen, weil alles in mir nach der Erfüllung lechzte, die nur

Jucunda heißen durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, daß man sich

bescheiden muß und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt für Gold. Das

andere, das ganz große Glück, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar

nicht geben -- denn gäb' es das, wir wären Götter und nicht Menschen ...

und Götterschicksal erträgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische

Seele, dieser schwache, tönerne Leib. -- Und doch, ich fühl's: daß ich

das habe tun können, daß ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt

habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was

ich mir an eigenem Wert und Werden erträumt habe. Ja, Jucunda, ich habe

Asta Thöny geküßt -- und nun muß ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?«

Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie

nach seiner Hand:

»Du lieber, süßer, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer

Bub, komm, sei vernünftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es

ist schade, lieber Freund, daß Sie so zu mir kommen -- aus den Armen der

andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich

Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in

Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch

was tut's, das alles? Ich will, daß es nicht gewesen sein soll -- und es

ist fort -- ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thöny von der

Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein

Hans?!«

»O nichts, nichts als Du --!« stammelte er und sank neben dem Sofa in

die Knie. Seine glühende Stirn sank in ihren Schoß, ihre weißen Hände

glitten über seine braunen Locken. -- Da richtete er sich auf, irren

Auges, die Wangen feucht, und sah sie an, so ganz Inbrunst, Ergebung und

Verlangen, daß es sie niederzog zu ihm. Sie umschlang seinen Nacken,

ihre Lippen hingen über den seinen.

In diesem Augenblick wurde heftig an die Tür geklopft. Die beiden jungen

Menschen fuhren empor -- das war nicht wahr, das durfte nicht sein ...

aus solchem Traume gibt's kein Erwachen, eh er zu Ende geträumt ist. Und

doch -- es klopfte abermals.

»Jucunda, darf' ich 'rein kommen?« klang Frau Buchners fette Stimme.

Die beiden Kinder richteten sich auf. Die mühevoll eindressierte

Haltung, sie versagte nicht in diesem trauervollsten Augenblick. Im Nu

saß Hans Thumser auf seinem Stuhl, ganz Korpsstudent, ganz korrekter

junger Gentleman -- und sie, ihm gegenüber, auf dem Sofa, ganz Dame,

ganz Komödiantin:

»Bitte, Mama ...«

Frau Buchner trat ein, mit einem Lächeln des Triumphs auf den Lippen.

Ein wenig stutzig sah sie von einem zum andern, doch ihr prüfender

Mutterblick fand keine Spur, die Besorgnis erregt hätte.

»Nu, Jucunda, was sagste nu?« Mit spitzen Fingern hielt sie eine

Visitenkarte in den Bereich der Lampe, eine vielzackige Krone darauf und

darunter die Worte:

Heribert Hans Herwig, Erbprinz von Nassau-Dillingen

»Was?« rief Jucunda, »er ist draußen?«

»Ei, herrjemerschnee! Ne so was -- ne so was ... Natierlich ist er

draußen -- in höchsteigener Person! Soll ich 'n 'rinlassen?«

Mit einem Blick hatte auch Hans Thumser die Schrift auf der Karte

entziffert, der zweite flog mit schreckhafter Spannung zu Jucunda

hinüber.

Und -- sie? Das Gesicht, das ihm eben geleuchtet hatte wie der Genius

seines Lebens selbst, es hatte den Ausdruck völlig gewandelt: ein dünnes

Lächeln befriedigter Eitelkeit spielte um die schmalen, herrischen

Lippen, die Augen flackerten einen Augenblick in unstetem Sinnen, die

Stirn hatte sich gekraust. Aber schon war der kurze Kampf zu Ende:

»Selbstverständlich, Mama. Sie haben ja wohl nichts dagegen, Herr

Thumser, wie? Der Herr ist ja doch ein Korpsbruder von Ihnen.«

Mit einem Ruck war Hans Thumser emporgeschnellt:

»Dann verzeihen Sie wohl, wenn ich mich empfehle, mein gnädigstes

Fräulein -- ich wünsche nicht zu stören.«

»Aber ich bitte Sie, was heißt stören? Wir könnten ja so nett zu dreien

...«

Starr und förmlich verneigte sich der Student:

»Adieu, meine Damen.«

Er griff nach seiner grünen Mütze, die auf einem Stuhl an der Tür lag,

dem spanischen Rohr mit Silberbeschlag, das daneben lehnte, und schritt

hinaus.

Im engen Korridor stand der Erbprinz, in Ueberrock und spiegelnden

Lackschuhen, den Zylinder in der Hand, die Scherbe im Auge. Sein Gesicht

wies den Ausdruck blöder Verblüffung. Mit einer kurzen Verneigung

stürmte Hans Thumser an ihm vorüber und ließ die Korridortür ins Schloß

fallen.

12.

Vor ihrem Bett war Asta Thöny in die Knie gesunken und hatte geweint,

wie nie zuvor in ihrem Leben -- und doch, wieviel Tränen waren schon

über ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die

flüchtigen Augenblicke des Glücks erkaufen müssen, zwischen denen nichts

gewesen war als Kampf -- Kampf mit zusammengebissenen Zähnen -- Hunger

und Verzicht -- Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal

tief, tief dunkel geworden um sie her ...

Sie sprang in die Höhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stübchen

preßte ihr die Brust zusammen -- sie riß das Fenster auf: da draußen auf

der Sophienstraße noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse

der schwarzen Häuserzeilen schon weiß überlagert, die Straßen drunten

wie versunken unter der weißen Last -- die aufgespannten Regenschirme

bestäubt, die Hutkrempen, die Mäntel schneebepudert. Da hinein, in dies

wehmütig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwärmen wollen -- da

hinein zog's sie nun, die glühenden Augen zu kühlen, die schneidende

Luft in tiefen Atemzügen in die schmerzende Brust zu saugen.

Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr

ganzes Gesicht fieberisch gerötet. Sie suchte den dichtesten Schleier,

den sie hatte, und knüpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf

die schönen neuen pelzgefütterten Glacéhandschuhe. Sie waren ganz

verdorben vom Strom ihrer Tränen ... ach, wie gleichgültig das war.

Nun war sie drunten auf der Straße -- wie dunkel es schon war um diese

frühe Nachmittagsstunde -- wie sie emporblickte, lag's über den Dächern

wie eine graue Decke, aus der es unablässig niederrieselte. Im Nu trug

auch sie die Livree des Winters.

Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte

die Zeitzer Straße und überschritt auf schmalem Brückchen den Mühlgraben

... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt --

in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm.

Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneefläche der Rennbahn, und

vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, weiß überzackt. Unter

der Schleußiger Brücke gurgelten gelb und angeschwollen die trägen

Pleißefluten -- ohn' Unterlaß sanken die leuchtenden Flocken in die

schmutzigen Gewässer und wurden eingeschluckt -- wie der Schwall des

Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der

hart am Ufer drüben aufwärts führte zu den graulich aufragenden

Eichenschäften, dem Gewirr des Ufergestrüpps, dran jedes Zweiglein

schon seine feuchte weiße Last trug ... Und wirr durcheinander, wie

die stäubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos

allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten

in München, war sie von der strengen katholischen Rechtgläubigkeit und

engen Spießbürgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft

willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in

die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoßen worden. Das

Gräflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren

ersten Schatz an Kostümen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und

dennoch hatten am Ende der Abschied, die Tränen, die Verlassenheit

gestanden ...

Und nun: die kleinen Engagements in Nürnberg, in Regensburg, in

Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr

wollte als immer das gleiche -- das eine -- für die sie niemals eine

Seele, ein Mensch, eine Künstlerin gewesen war, sondern immer nur eine

hübsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und

endlich das große Glück: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft

nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz

hinten im Ensemble eines Mittelstadtbühnchens. Und nun: Engagement,

kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg -- Karriere. Karriere? Ach, du

lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen -- immerhin, man

war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten -- stand

inmitten eines großen, künstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr

wegzuwerfen, zu verkaufen.

Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben

ohne Küsse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zärtlichkeiten ... Und

so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern,

blieb ein Spielzeug -- blieb der rasch vergessene Kamerad flüchtiger

Taumelstunden ...

Da war der eine gekommen, dies grasgrüne Studentlein, das so ganz, ganz

anders war als alle die frühern ... Was war's eigentlich gewesen, was

ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm

gegeben, genau wie's immer gewesen war -- nur eines war anders gewesen

-- ach, sie wußte es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schäumende

Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zärtlichkeit,

sein Rausch sich ausströmte über sie hin -- ach nein -- auch noch ein

andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene,

abgebrühte, blasierte Burschen gewesen -- diesem einen, sie wußte es,

hatte sie das erste Glück des Lebens gebracht. Sie hatte träumen dürfen,

ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen könnte mit dem Rausch der

flüchtigen Erfüllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein

Wahn gewesen ...

Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mädchen fürbaß. Und wie ein

fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der großen Stadt,

gedämpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der

Nähe schien jeder Schall des Lebens erstorben -- nur der eigne Schritt

knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt überzog. Und zur Linken

glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lösten sich die

letzten gelben Blätter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie

dunkle Schattengebilde inmitten des weißen Geriesels nieder, lagen ein

paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden

dann schnell verschüttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft

-- was hatte sie noch zu hoffen? Zu den höchsten Höhen der Kunst,

dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin würde sie sich

niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die

wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein würden -- und was dann?

-- Und was inzwischen? -- Immer nur Neid und Enttäuschungen ... Ab und

an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes

Emporraffen, ein neues zähneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft --

dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis

der Begrenztheit des eigenen Wesens und Könnens folgen müßten, wie noch

stets bisher.

Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tändeleien, ohne

Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?

Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln können,

wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe

gestanden, wenn sie nicht einmal ihn länger hatte binden können denn auf

ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal

als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer

wieder erleben müssen, hatte das einen Zweck? -- Ließ sich das ertragen?

Und doch, etwas in ihr bäumte sich auf gegen diese Verneinung ihres

ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Püppchen

ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den

falschen Weg war sie gegangen -- nein -- nicht gegangen: gestoßen war

sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem

blinkenden Rock, der gleißenden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte

blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mädchentum, einem

eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu

fragen wohin, wozu -- damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ...

Irgendwo in der Welt lebte doch gewiß ein braver, schlichter Mensch

ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte

wurzelten, dem hätte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und

Helferin werden müssen. Das wäre dann ein Leben gewesen, für das ihre

Kräfte gereicht hätten, in das sie Sonne, Glücksgenügen hätte zaubern

können für ein ganzes Erdendasein. -- Nun hieß sie eine Künstlerin, ohne

ein Künstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich

die Fülle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schöpfungen von

Dichtern verkörpern, ohne selbst ein Stück Dichterin zu sein ...

Die Dämmerung kam. Immer schauriger ängstete die Stille um sie her, und

lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft

und Leben. Eine grenzenlose Müdigkeit kam über das verlassene Kind --

eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille,

in die sie sich hineingesogen fühlte, war nun ein Laut nur noch: das

einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewässer neben ihrem Pfad,

die so erbarmungslos die weißen Flocken einschluckten in ihren

gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weiße Flocke wäre, so rasch

und völlig versinken, zergehen könnte ...

Aber schreckhafte Gesichte drängen sich vor -- wie schauervoll müßte das

Ende sein, wären diese Flocken nicht fühllos, wären sie nicht der Flut

wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges,

heißes Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflösen und

verschmelzen mit den Gewässern, die meerwärts rollen da unten. Du wirst

dich quälen müssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm

noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt

bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Tränen und Verzweiflung,

doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...

Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual -- eine lange,

tiefe, wunschlose Stille.

Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in

römischer Frömmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in

ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wäre, was man sie gelehrt

hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer,

unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Märchen und

Kinderschreck -- ach nein -- wenn erst die Glut hier drinnen verloschen

war, wenn die Glieder, die so heiß gefiebert hatten im Ueberschwang der

Daseinswonne -- wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie

drunten die strömende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts

mehr -- kein Glück mehr und kein Schrecknis.

Da stieg aus den falben Nebeln, die mählich den Fluß überlagerten, ein

niedres Gebäude empor, eine hölzerne Wirtschaftsbaracke, grau

gestrichen, hart bis an die Strömung des Flüßchens herangeschoben, mit

einer Galerie, die über das Ufer vorsprang. »Zum Wassergott« lautete die

Inschrift auf dem getünchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur

Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit

-- nun lag das kleine Anwesen kläglich verödet, ganz versunken in

trostloses Schweigen.

Asta trat ans Geländer und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden

Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das

Fährboot anlegen mochte. Und nun zu denken, daß man morgen so gefunden

würde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen -- --

Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fühlte man ja doch

nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der

kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um

die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfährig

gewährt. Dann mochten sie Komödie spielen, solange es ihnen noch Spaß

machte, sich abzuquälen für die undankbare Bande im dunkeln Parkett --

ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bißchen

mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlügen dürfen, man

sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen

und durch und durch zu rütteln, wie die paar es konnten, die paar

Echten, die paar Großen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komödie -- auf

den Brettern und im Leben. Lügt Euch Gefühle vor und laßt Euch welche

vorlügen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr.

Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Küssen

und Tränen mir schwurst, ich habe Dir das Glück geschenkt. Ich weiß es

ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's

bei ihr finden wirst, das Glück, das sogenannte Glück? Ob Du es

überhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gönnen, kleiner

Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt -- ich will Dir's gönnen,

kleiner Hans -- ich aber -- ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...

Einen spähenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz

dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weißen

Kristalle, hinter denen die schwarzen Stämme ragten, finster und stumm.

-- Ob es wohl lange dauern würde? Ob es sie noch einmal emportragen

würde an die Oberfläche? Hoffentlich würden die nassen Kleider sie rasch

in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich für einen

Fußmarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim

herumlag, dafür würde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das

schöne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu

schade für die Pleiße! Irgendein Armes mochte das hier finden und es

verkaufen und sich einen guten Tag dafür machen ... Sie zog die

kostbaren Hüllen ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet unter das

weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaßen

vor dem Schnee geschützt waren. Nun schauerte sie fröstelnd zusammen im

Nebelhauch der Waldtiefe. Gott -- und daß nun niemand, niemand morgen

weinen wird, wenn sie's hören, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum

letzten Mal von Asta Thöny was in der Zeitung steht -- ach, allzu viel

Schönes hat nie dringestanden über Asta Thöny -- und keiner wird weinen,

nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich geküßt und mir

von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser,

ach, auch Du nicht ...

Und sachte wie die weißen Flocken in die träge ziehenden Fluten

niederglitten, so sachte ließ Asta Thöny sich niedergleiten von der

schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants »Zum

Wassergott« ...

Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach

Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten

hineinzustürzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betäuben

gewohnt war.

Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirätin aus

der Küche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube

hinüber. Verlegen erwiderte sie seinen Gruß; wie die Tochter, so wich

auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend möglich, seit jenem

verhängnisvollen Morgen ...

Als sich die Tür zu der Stube der Schauspielerin öffnete, sah Valentin

Pilgram mit einem Blick, daß dort Vorbereitungen für den Empfang eines

Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glänzte der Tisch,

sorgfältig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz,

alles verriet ein nahes Fest.

Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder?

-- Valentin wußte, daß der Erbprinz keine Vorstellung versäumte, in der

Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen

der Lorbeerkränze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum

mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...

Merkwürdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer

lauschte der Kandidat auf Stimmen da drüben, in der ingrimmigen,

quälenden Hoffnung, sie möchten recht behalten, jene ekelhaften

Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der

Erwartete möchte der Erbprinz sein ...

Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in

die Höhe, schlich zur Tür und lauschte. Dabei überkam ihn brennende

Scham: was war aus ihm geworden, daß er das Tun und Treiben anderer

Menschen zu beschnüffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch

früher nie gewesen ...

Und horch -- die Stimme eines jungen Mannes ... aber das näselnde,

gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische,

klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach -- also

der!

Er hörte ganz genau, wie Mutter Kanzleirätin den Besuch zur Stube der

Tochter führte, wie sie anklopfte, wie des Mädchens volltöniger Alt das

Herein ertönen ließ, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrüßte,

wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.

Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen -- die Gedanken

quirlten einander überstürzend empor und machten ihn schwindeln. Also er

--! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die

vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun

zu festen, zweifelsbaren Schlüssen zusammenfügten! Nun freilich -- nun

war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf

jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es

verstanden, ihn beiseite zu schieben -- hatte seine schnelle

Ritterschaft lächerlich zu machen gewußt, um seine eigenen Chancen zu

verbessern! Freilich, daß man mit einer solchen Gemeinheit auf dem

Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die

Wand Gedrückten in seiner Einsamkeit zu besuchen -- kein Wunder

schließlich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tür des einstigen

Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war!

Also so etwas gab's -- so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau

getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des

Reimedrechslers! -- -- Na warte, Bursche!

Komödiantinnen: Roman · 第 12 / 19 段