er keinen Boden mehr unter seinen Füßen, er strauchelt, schlägt krachend
nach vorn, alle Glieder knacken -- tausend Feuerräder kreiseln in seinem
Hirn -- ein lauter Aufschrei übertönt das Knacken und Klirren der
hundert Eisenringel, die seine Glieder umschlossen halten und im Sturz
in Schulter und Schienbein sich hineinzwängen -- und dann nichts mehr.
Eine hilflose Masse, so war des Studenten Körper die fünfundzwanzig
Stufen der Freitreppe hinuntergekollert, anfangs noch ein wenig
aufgehalten durch die Schienbeine seiner Vordermänner, dann aber, als
alles instinktiv zur Seite sprang, ganz hemmungslos. Nun lag er bleich,
mit geschlossenen Augen am Fuß der Treppe. Die Sturmhaube war ihm vom
Kopf gefallen und in weiten Sprüngen ihm voran in den Saal
hineingehüpft. Einen Augenblick hatte alles vor Schrecken erstarrt
gestanden, nun sprangen fünf, sechs der nächststehenden Kürassiere zu
und richteten den schwerfälligen Körper auf.
Durch den Wall der Geharnischten aber drängte sich Jucunda Buchner
hindurch. Sie hatte den Jüngling straucheln und vornüber stürzen gesehen
und in dem Augenblick sein Gesicht erkannt, ohne daß sie gleich wußte,
woher. Nun kniete sie neben dem aufgerichteten Oberkörper des Studenten
nieder, umfaßte seine Schultern und legte seinen zerschundenen Kopf
behutsam auf ihr Knie. Und da schlug Hans Thumser die Augen auf -- und
in diesem Augenblick wußte Jucunda, wo sie diesen leuchtenden Blick
schon einmal gesehen hatte -- der junge Poet ... er, neben dessen
»schwindelschmalem Pfade Abgründe klafften rechts und links« -- nun, in
einen dieser Abgründe war er nun glücklich hineingeplumpst ... freilich,
es schien ihm ganz gut bekommen zu sein, denn mit einem zufriedenen
Lächeln schloß er die erstaunten Augen, reckte sich ganz behaglich und
machte sich's ordentlich bequem auf dem weichen Kissen, auf das er sich
gebettet fühlte.
Und nun löste sich der allgemeine Schreck in ein befreites Aufatmen. Da
schlug der Student die Augen abermals auf, und nun schien ihm das
Komische seiner Situation bewußt geworden zu sein: mit einem Ruck
richtete er den Oberkörper auf, sprang auch sofort auf die Beine und
reckte die Knochen.
»Na? Kein edlerer Teil entzwei?« fragte der dröhnende Baß des
Szenenleiters. Hans Thumser versuchte sich diejenige Stelle seines
Körpers zu reiben, welche bei dem Fall am meisten in Mitleidenschaft
gezogen war, aber das gelang ihm nicht -- sie war zu gut gepanzert ...
Nun brach ein endlos dröhnendes Gelächter aus, dazu rasselten die
Rüstungen der Pappenheimer, die sich die eisenbewehrten Bäuche hielten.
Am hellsten aber lachte Jucunda. In einer raschen Wallung trat sie auf
den jungen Burschen zu und klopfte ihm mit beiden Händen die glühenden
Backen.
»Dunnerwetter!« tönte da aus den Reihen der Kürassiere eine neiderfüllte
Stimme. »Ich wär' nächstens ooch mal de Treppe 'nunner purzeln!«
»Na, ich dächte, nach diesem kleinen Zwischenfall probieren wir weiter!«
rief Burg, »also alles zurück, meine Herrschaften, und noch einmal von
vorne!«
Hans Thumser war's nun aber doch zumut, als klapperten alle seine
Knochen einzeln und lose in dem großen Blechtopfe durcheinander, der sie
einschloß -- und er bat um die Erlaubnis, sie wieder zusammenzusuchen.
Als dies gewährt worden war, trat er vorn an die Proberampe und kam
neben Jucunda zu stehen. Die lachte ihn an und flüsterte ihm zu:
»Ich habe ja so lange nichts mehr von Ihnen gehört -- warten Sie nach
der Probe auf mich -- ich möchte wissen, wie es Ihnen inzwischen
ergangen ist!«
Da wurde es Hans Thumser klar, daß er wieder mal mehr Glück als Verstand
gehabt hatte ...
Noch eine weitere halbe Stunde voll schwitzenden Bemühens -- dann war's
geschafft. Und nun harrte der Student am Bühnenpförtchen seiner Göttin.
Er drückte sich in den dunklen Schatten der Donnermaschine und ließ den
Schwall der Geharnischten an sich vorüber strudeln. Und endlich kam sie
-- kam nicht allein, sondern am Arm der majestätischen Kollegin Frau
Anna Cederlund, welche die Gräfin Terzky spielte. Im ersten Augenblick
verließ den Studenten der Mut ... Als aber die beiden ragenden
Frauengestalten an ihm vorüberschritten, ohne ihn zu bemerken, da
sprach's in ihm: Sei kein Narr! Und er schoß aus seiner Finsternis
hervor, daß die Frauen ordentlich zusammenschraken.
»Gnädigste haben mich zu sprechen befohlen!«
»Ah, sieh da, Herr Dummerle! Nun? Was macht die Poesie? Gestatten Sie,
Annerl -- Herr Studiosus Dummerle, dichtet -- hat immer die Nase in der
Luft und purzelt deswegen mit Vorliebe die Treppen hinunter -- meine
Kollegin, Frau Cederlund. Ja, also was fang' ich nun mit Ihnen an?
Wissen Sie was? Sie könnten ja auch mal zu mir zum Tee kommen -- wollen
Sie?«
»Darf es heute sein?« antwortete Hans Thumser.
»Aber warum denn nicht? Also um fünf -- soll's gelten?«
Hans Thumser konnte sich nur stumm verneigen -- tief, tief auf die
schlanke Hand, die sich ihm entgegenstreckte -- und dann war's vorbei
...
Und wie ein Begnadeter stolperte Hans Thumser die hallenden Steintreppen
zur Rüstkammer hinauf, um sich aus einem Pappenheimer wieder in einen
Fuchsmajor zu verwandeln. Zwei Minuten aber, nachdem das Eisenpförtchen,
das vom Bühnenraum zum Garderobenumgang führte, hinter ihm zugeklappt
war, löste sich aus dem Dunkel der Kulissen noch eine zweite
Kürassiergestalt los. Die einsame Glühbirne, die am Inspizientenpulte
brannte, beleuchtete ein finstres, verzerrtes Jungmännergesicht unter
dem tiefschattenden Doppelschirm der Sturmhaube: es war das Gesicht des
weiland Ersten der Franconia.
11.
Asta Thöny war ein wenig eingenickt nach dem bescheidenen Mittagsmahl,
das Frau Wehe ihr aufgetischt. Nun fuhr sie empor, flog ans Fenster,
steckte den glühenden Kopf hinaus und klatschte jubelnd in die Hände,
als sie die ersten Schneeflocken durch das mürrische Grau der
Sophienstraße wirbeln sah ...
Köstlich! köstlich! Würde das ein fröhliches Streifen werden mit dem
geliebten Jungen durch dies wattige Weiß hindurch an der graulich
gurgelnden Pleiße entlang! Sie wußte, wie gut ihr die prachtvolle
Sealskingarnitur stand, das splendide Andenken ihres Rittmeisters in
Gera ... Und nun schmückte sie sich nach Herzenslust für den Leipziger
Freund. Ob er wohl schon daheim war? Sie klopfte an die Wand -- keine
Antwort. Na, er würde schon nicht auf sich warten lassen, um vier Uhr
hatte er ja versprochen sie zum Spaziergang abzuholen. -- Aber es wurde
vier -- und kein Hans Thumser! Na, vielleicht war er schon längst zu
Hause und lag drüben auf seinem Kanapee in den geliebten
Nachmittagsschlaf versunken. Sie hatte eine Tüte Pralinees für ihn
gekauft, sie kannte seine schwache Stelle. Die steckte sie in die
Jackettasche, hüpfte zur Tür hinaus und pochte an die seine; da keine
Antwort kam, klinkte sie auf -- und richtig -- da lag er auf dem Sofa,
lang hingestreckt, in Hemdsärmeln, das blinkende Korpsband über der
Weste. Auf Zehen schlich sie heran und hielt ihm die duftende Tüte unter
die Nase. Da schlug er blinzelnd die Augen auf, lachte sie fröhlich an
und breitete die Arme aus -- mit einem leisen Jauchzen warf sie sich
hinein.
Nachdem sie sich satt geküßt, richtete sie sich stramm auf und befahl:
»So, nun antreten zum Spaziergang!« (Die militärischen Allüren ihrer
jüngsten Vergangenheit saßen ihr noch in den Gliedern.)
Aber statt des erwarteten Entzückens trat in Hans Thumsers Züge
plötzlich eine peinliche Befangenheit, und ein Erröten stieg ihm langsam
in die Augen.
»Nun, was ist Dir?«
»Liebes Kind, ich bin trostlos ... Spaziergang ist nicht.«
»Was ist das? Was fällt Dir ein!«
»Ja ... ich ... ja ... ich ... es tut mir entsetzlich leid ... aber ...
wir haben heute nachmittag C. C. ...«
»Das ist abscheulich, Hans! Wie kommt denn das, was ist denn los?! Und
ich hatte mich doch so gefreut, habe mich so hübsch für Dich gemacht,
das hast Du Ungeheuer überhaupt noch gar nicht bemerkt!«
»Ob ich das bemerkt habe! ... aber -- es tut mir riesig leid, Du weißt,
das Korps spaßt nicht.«
Asta sah, daß er ihren Blick vermied -- lügen hatte er noch nicht
gelernt.
»Du, das mit dem C. C. das ist geschwindelt, da steckt was andres
dahinter! Beichte!«
»Aber nein ... ganz wahrhaftig, Kind, wir haben C. C., Du kannst Dich
drauf verlassen.«
»Sieh mich an, Hans --! Siehst Du, Du kannst es nicht --«
»Aber ja ... ich kann's.«
Nein wahrhaftig, er konnte es nicht.
»Also heraus damit! Was ist los?«
Sie stampfte mit den zierlichen Füßen auf, die in mächtigen
pelzbesetzten Boots steckten.
Hans kämpfte einen Augenblick, dann sah er ihr gerade ins Gesicht mit
dem Ausdruck eines trotzigen Buben, der sich auf einer Schandtat ertappt
sieht:
»Die Buchner hat mich zum Tee geladen.«
»Das ist nicht wahr! Das darf nicht wahr sein!«
»Aber warum soll ich denn nicht auch mal zur Buchner zum Tee gehen?«
»Weil Du mir gehörst. Das gibt's nicht. Da wird nichts draus.«
»Ich hab's versprochen.«
»Dann bleibst Du eben einfach weg. Die Buchner weiß ganz genau, daß Du
mein bist. Es ist eine Niedertracht von ihr -- ich laß mir's nicht von
Dir gefallen!«
»Und ich laß mir's nicht von Dir gefallen, daß Du über mich verfügst,
wie über ein Spielzeug.«
»Hans, so darfst Du nicht zu mir sprechen, das weißt Du auch, daß Du
das nicht darfst! Du hast auch ein böses Gewissen dabei!«
Hans Thumser ging mit drei raschen Schritten ans Fenster und trommelte
an die Scheiben. Wahrhaftig, sie hatte recht -- es war ihm hundeelend
zumute -- nichts als Liebes hatte sie ihm getan, weit über Hoffen und
Träumen hinaus hatte sie ihn glücklich gemacht ... und er -- er hatte
immer über sie hinweg geträumt von der andern.
»Nun, hast Du Dich besonnen -- kommst Du mit mir?«
»Ich kann's nicht ... ich hab's versprochen.«
»Und mir? -- Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?«
»Aber Kindchen, das mußt Du doch einsehen ... daß das für mich -- wie
soll ich sagen -- daß das für mich eine große Sache ist ... schließlich
ist sie doch ... die Buchner.«
»Ach so -- und ich, ich bin nur die Thöny, die kleine Thöny, und sie die
große Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!«
Laut aufweinend stürzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts
fegte die Pralineetüte vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans
Thumser mußte aufsammeln. Dabei glühten seine Backen vor Scham. Es war
wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mädel so ruppig zu versetzen
-- er fühlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekränkt. Mit hundert
Gewalten zog's ihn hinüber, die Tränen von den schönen Augen
wegzuküssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann
fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das
unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. -- Und er wußte, daß
zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen würden, die ihm bevorstand.
Er lauschte -- wieder wie in jener ersten Nacht klang da drüben jenseits
der Doppeltür und der beiden Kleiderschränke, die sie verbarrikadierten,
das herzerschütternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals
-- nein -- in wilder leidenschaftlicher Empörung. -- Und diese, diese
Tränen hatte er auf dem Gewissen ...
Und das war so niederträchtig, so infam: daß man im tiefsten Grunde
seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand über diese
Tränen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein
verdammt stolzes Gefühl, daß man ein Kerl war, um den so heiße
Mädchentränen fließen konnten?
Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein
verfluchter Gesell aus, um den ein Mädchen wie Asta Thöny -- Tausende
würden ihn beneiden um so einen süßen Kameraden! -- um den so ein
himmelsüßes Geschöpf sich quält?
Und mit einem verwegenen Ruck stülpte er die grüne Franken-Mütze auf den
braunen Schädel und ging zu Jucunda Buchner.
War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz
niederträchtig vergnügten Stimmung, als er durch das wirbelnde
Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstraße hinanschlenderte.
Jedem Mädel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett:
Ja, wenn ihr wüßtet, ihr Leipziger Gänschen --! Eben hab' ich die Asta
Thöny geküßt ... die von den Meiningern, ihr wißt doch! Und nun -- nun
gehe ich zur Buchner ... und wer weiß -- wer weiß! So ein Kerl bin ich,
verflucht nich noch mal!
Als er den schneebepuderten Marktplatz überquerte und in die
Katharinenstraße einbog, fiel ihm plötzlich ein, daß er ja nun endlich
den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob
der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war?
Wohl schwerlich -- und doch, was alles hatte der an dies Mädchen gesetzt
... und er --? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Schoß.
Teufel auch -- man war eben ein Poet, ein Götterliebling --! nischt wie
verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!
Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich hätte sich's
gehört ... daß er gekränkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen
von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann
sich von ihm verabschieden mit der Erklärung, man sei zu Jucunda Buchner
zum Tee geladen -- das war doch wahrhaftig mehr eine Kränkung, wie die
Dinge nun einmal lagen, als die Erfüllung der längst geschuldeten
Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...
Glücklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, daß er ja noch
ohne Blumen war. Er fand eine Gärtnerei, wählte die herrlichsten Rosen,
die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkäuferin ihm
fünf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hälfte des
Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstück
ein Dahliensträußchen für Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die
Zähne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause
empor und zog die gellende Klingel an der Korridortür des Kanzleirats
Buchner.
Eine stattliche Frau öffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas
Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine
Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den
Kopf, als er seiner Führerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie
haltmachte und anklopfte.
»Bist Du es, Mutter?« tönte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die
Stimme, die durch sein Wachen und seine Träume klang. So hatte sein
junges Herz noch niemals an die Rippen gehämmert ... auch nicht bei
Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.
»Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!«
»Herein -- nur herein!«
Die Tür sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd
weißen Vorhänge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Händen kam
sie ihm entgegen:
»Wie freue ich mich! -- Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das
erstemal. Laß uns allein, Mutter.«
Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders
aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht
vergessen, daß sie sein Kommen gewünscht -- alles war sorgfältig für
seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen
bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit,
eine gehäufte Schüssel Gebäcks. Und ringsum herrschte Ordnung,
Sauberkeit, noch mehr: Schönheit ... oder doch wenigstens die deutliche
Absicht sie hervorzuzaubern ... überall Blumenarrangements und Körbe
lebender Pflanzen, an den Wänden die welkenden Lorbeerkränze mit
riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen.
Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt
königlich hingebreitet, und ein frischer Strauß tiefdunkelroter Rosen
lag oben drauf. Alles war abgetönt mit einem naiven Sinn für Eleganz und
Repräsentation.
Hans Thumser sah nicht, daß die Möbel abgeschabt, die Bezüge
verschlissen waren, fühlte nicht, daß der Stuhl wackelte, auf den
er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch
nicht, daß die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel
fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Königsschloß, in einem
Märchenpalast. Und wie eine Königin erschien ihm auch Jucunda. Sie
trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine
märchenhafte Kostbarkeit -- er konnte ja nicht beurteilen, daß es
maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu
wirken -- er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung
durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte
man Staat für ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzücken.
Er saß ganz still, als Jucundas große, schlanke Hände den Tee
bereiteten, und sah nichts als das anmutige Spiel der elfenbeinfarbenen
Arme, die aus den Spitzenärmeln hervorlugten:
»Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal beim Tee zusammengesessen
haben?«
»Wie können Sie fragen, gnädigstes Fräulein! Ich habe seitdem von nichts
geträumt, als daß dies einmal kommen könnte ... dies, was jetzt ist.«
Jucunda stellte den dampfenden Tee vor ihn hin, sah ihn von oben her mit
ironischem Lächeln an und fragte:
»Und Asta?! Haben Sie die Courage gehabt, ihr zu verraten, daß Sie heute
bei mir sind?«
»Warum sollte ich nicht? Das ist doch nicht verboten!«
»Nun, und was sagte sie?«
Hans wurde rot. Ob Asta geschwatzt hatte? Ob Jucunda wußte, wie er mit
ihr stand?
»Sehen Sie wohl,« lachte das Mädchen, »Sie können nicht antworten -- Sie
haben Schelte bekommen --! Dacht' ich mir's doch.«
»Ich wüßte nicht, daß irgend jemand das Recht hätte mich zu schelten,«
sagte der Student etwas kleinlaut und trotzig.
»Sagen Sie das nicht!« sagte Jucunda. »Wohltun verpflichtet -- oder ist
die ... Episode schon zu Ende?«
»Welche Episode?«
»Fragen Sie nicht so dumm!«
Hans Thumser sah sich durchschaut. Aber wenn Jucunda doch wußte, daß
Asta immerhin doch gewisse ... Ansprüche geltend machen konnte ... warum
hatte sie ihn geladen, was wollte sie von ihm? Er richtete sich auf:
»Gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß Sie mich zu sich gebeten
haben, um mir klar zu machen, daß ich eigentlich wo anders hingehörte.«
»Da haben Sie recht,« lachte die Schauspielerin, »Sie sind nun einmal
hier, nun seien Sie's auch ganz. Asta ist tot, es lebe Jucunda, nicht
wahr?«
Sie streckte ihm die Fingerspitzen hin, er neigte sich darüber.
»Nun, blaue Flecke von heute morgen?«
»An allen Gliedern!« gestand Hans. »Na, irgend etwas muß der Mensch doch
schließlich tun, um eine solche Stunde zu verdienen.«
»O, seien Sie nur ruhig, man wird von Ihnen vielleicht noch mehr
verlangen!«
»Verlangen Sie.«
»Was macht Ihr Korpsbruder Pilgram?«
»Mein ... früherer Korpsbruder, wollten Sie sagen.«
»Hm ... er tut mir so leid, aber ich habe ihm nicht helfen können, er
hatte es gar zu eilig, sich in die Bredouille zu stürzen -- also, was
treibt er? Erzählen Sie!«
»Ja, haben Sie ihn denn heute morgen nicht bemerkt?«
»Wo? doch nicht etwa auch unter den Kürassieren?«
»Gewiß! der Längste und Schönste unter den Pappenheimern.«
»Nein wahrhaftig -- er ist mir nicht aufgefallen! Er hat sich ja auch
nicht so bemerkbar gemacht wie Sie!«
»Ja, es hat eben nicht jeder den Dusel, über fünfundzwanzig
Treppenstufen Ihnen geradewegs vor die Füße zu kollern.«
»Wie denkt er denn über mich und -- über die ganze Affäre?«
»Das weiß ich nicht. Ich schäme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn
seitdem nicht mehr -- meine Schuld -- doch was will ich machen? Wenn ich
nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht.
Ach, gnädigstes Fräulein, ich habe nie gedacht, daß es so etwas gäbe,
daß man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im
Fieber -- mir ist, als hätte ich Flügel -- ich möchte tausend Augen,
tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt
und braust. Was für Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn
ich in meinem Knabenstübchen die großen Dichter las, ist Leben geworden,
Wirklichkeit, Erfüllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich
schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall --
ein Strom von Glück und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf
und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang -- wo soll ich hin?!«
Lächelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glühenden Wangen des
Jünglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.
»Sie Dichter!« sagte sie, »Sie Dichter --! Lassen Sie es doch brodeln
und gären, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schön wie das,
welches Sie mir damals sprachen ... so schön und schöner noch!«
»Ja,« sagte er, »das will ich tun ... später einmal, später, wenn alles
das vorüber ist ... denn ich weiß ja, es währt nicht ewig ... acht Tage
noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war -- ein
armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden -- und um
mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und
die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen -- o Gott! wie soll ich das
ertragen! Ich weiß, ich werde irgendeine Dummheit machen -- ich laufe
fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid -- wo Sie sind, Sie
wunderbarer Mensch -- Sie Zauberin!«
»Das werden Sie nicht tun!« sagte Jucunda. »Ich weiß, daß Sie das nicht
tun werden -- ich weiß, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung
haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse,
deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten --
glauben Sie's mir.«
»Ach, wenn das wahr wäre -- wenn das möglich sein könnte!«
»Es wird so sein,« sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen
Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter
hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles für
reservierte, verbrauchte, zermürbte, grauköpfige Herren gewesen --
wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stücke vom
Stapel gingen, da draußen -- wie hatten sie ängstlich auf den Applaus
gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen
ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem
schwarz gähnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum über
das Schicksal ihrer Schöpfungen entschied! -- Dieser hier war noch ganz
Poet, er wußte noch nichts von all dem Gräßlichen, das auf ihn wartete
hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhüllten, ihn trennten
von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg,
um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjährige, schon so
tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrübt die
heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich
spiegelten ...
Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer -- der Tee wurde kalt in den
Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen
Wölkchen der Zigaretten, die durch die Stube kräuselten. Von der Straße
her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und ließ die
goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. -- Mit langsamen
Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.
»Nicht doch,« wehrte Hans -- »nicht Licht machen ... es ist so schön
so.«
»Aber anders ist es besser!« sagte Jucunda mit leisem Lächeln und
entzündete die Lampe. Und wieder ließ sie sich in das Sofa fallen und
neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurück.
Wie seltsam das doch war --! Sie kannte so viel Männer von Geist und
Rang ... wie kam's, daß ihr heut zumut war wie nie zuvor --? War's die
Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewußte, die sie ahnte
in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse,
die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt
ohne Schwung und Größe? Sie war Künstlerin genug, dies alles zu ahnen,
was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...
Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das
denn möglich sei ... ob das Leben wirklich so schön sein könne, so
maßlos reiche Gaben spende ...
Still war's. Von der Katharinenstraße heraus klapperten behäbig
trottende Pferdehufe, der Schritt der Fußgänger, die von ihrer Arbeit
heimwärts steuerten.