»... Sie sind mir böse gewesen, und ich muß leider zugeben, nicht ganz

ohne Grund, obwohl ich für die geschmacklose Form der Huldigung, die

Ihnen in meinem Namen überreicht wurde, nichts kann. Sind Sie wieder

gut? Ich bitte Sie um ein Zeichen ...«

In der Premiere des »Wintermärchens«, die kurz auf dies Briefchen

folgte, lockte der tumultuarische Applaus nach der Gerichtsszene die

eben hinter den Kulissen gestorbene Hermione-Jucunda auf die Bühne ...

Und wieder schleppten livrierte Diener eine weißleuchtende Kaskade von

rieselnden Chrysanthemen heran ... Da zog Hermione aus dem Blütenschwall

eine ganze Handvoll der märchenhaften, hundertstrahligen Blumensterne

und steckte sie an ihre Brust, um sich dann erst mit feierlichem Lächeln

im tiefen Hofknix zu neigen gegen die Proszeniumsloge vorn links vom

Schauspieler ...

Also Hans Thumser durfte statieren -- mit hoher Genehmigung des Herrn

Ersten Chargierten. Er ging sonach eines Morgens um zehn nach dem

Fechtboden zum Bureau des Carolatheaters und meldete sich als Statist

für »Wallensteins Tod«. Er wurde sofort und freundlich angenommen. Denn

es war hier wie immer und überall: Nach den ersten Tagen der

Begeisterung waren von den angeworbenen und mühsam eingedrillten

Komparsen viele Dutzende abgefallen, hatten sich schriftlich

entschuldigt oder waren einfach weggeblieben. Er mußte gleich in die

Probe. Es handelte sich nur um zwei Szenen: die große Kürassierszene am

Schluß des dritten Aktes und die Mordszene am Ende des fünften.

Vom Bureau aus schickte man Hans Thumser auf die Bühne. Aber den Weg

mußte er sich selber suchen und erfragen. Er wurde durch sechs bis acht

verschiedene Türen gewiesen, kam sechs- bis achtmal an das weglose Ende

dunkler, verschlossener Korridore, stieß sich die Schienbeine wund an

allerhand unbeschreiblichen, geheimnisvollen Gegenständen, welche in der

Finsternis herumstanden ... Endlich fand er ein eisernes Pförtchen, an

dem in Weiß die Aufschrift stand: Zur Bühne ... und voll Ehrfurcht trat

er in einen hohen, frostigen Raum, in dem im halben Tageslicht ein

Gewirr von hölzernen Lattenrahmen, mit grauer Leinwand überspannt,

erkennbar war. An diesen Wänden war vielfach die aufgepinselte Inschrift

zu erkennen: »W. T. III. Saal.«

Man wies ihn an, eine hohe bretterne Treppe hinanzuklimmen, auf deren

oberem Podest er plötzlich ein seltsames Schauspiel sah: eine Wand wie

ein riesiges, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehendes Fenster, hinter

dem der Treppenpodest wie eine lange Galerie sich hinzog. Das

Glasfenster lief jenseits der Treppe in eine eichene Tür aus, von der

aus dann eine andere Treppe zum Bühnenpodium hinunterführte ... Diese

Treppe aber war im Bogen geschweift und aus massivem, dunkelgebeiztem

Eichenholz mit schwerem Renaissancegeländer -- wenigstens sah sie so

aus. Unten ein dunkler, wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten

Bänken an den Wänden, und da standen an siebenzig jüngere Männer und

lauschten andächtig der Instruktion des Oberregisseurs Burg.

»Aha -- noch 'n Kürassier?« unterbrach dieser seinen Vortrag. »Kennen

Sie 'n Wallenstein?«

»Auswendig ...«

»Um so besser ...

»Geselle Dich zu uns -- komm hier!

Es ist ein pudelnärrisch Tier ...«

Also bitte weiter zu hören, meine Herren. Ihr wollt Euren geliebten

Oberst Max -- hier steht er, Barthel ist sein Name, Alexander Barthel,

na, Ihr werdet doch unsern großen, schönen Alexander kennen?«

»Ja! ja!« murmelten die Kürassiere mit Begeisterung.

»Also den wollt Ihr dem Friedländer -- das heißt mir! -- entreißen ...

Ihr bildet Euch nämlich ein, ich hielte ihn in Gefangenschaft. Einzeln,

truppweise strömt Ihr herein, und wie Ihr in den Saal kommt, seht Ihr

etwas ganz Unerwartetes: Euer Kommandeur ist nicht gefesselt, sondern

frei: nicht ich halte ihn, sondern etwas anderes, der stärkste Magnet,

den es gibt, natürlich ein Frauenzimmer: die da, meine Tochter Jucunda,

ich wollte sagen Thekla ...«

Ein weißer Schatten im halbdunklen Raum: sie, die Erträumte, von tausend

Sehnsuchtsgedanken Umschwärmte, die Verkörperung des Mädchenideals

deutscher Jugend im neunten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts ...

da stand sie im fußfreien grauen Rock, eine schlichte graue Bluse um den

festen Oberkörper ...

»Nun stutzt natürlich jede Gruppe,« fuhr der Oberregisseur in seiner

Instruktion fort, »und es verstummen die Rufe, mit denen Ihr einander

angefeuert ... Die erstaunten Blicke gehen von ihm zu mir, von mir zu

ihr -- befangen flüstert einer dem andern zu, was er sich bei der Sache

denken mag ... und so steht Ihr schweigend, mit gesenkten Schwertern ...

nichts ist vernehmbar, als das leise Rascheln der eisernen Rüstungen --

bis Euer Führer sich an Euch wendet und Euch warnt, ihm zu folgen. --

Schlagen Sie an, Barthel!«

Und der schöne Alexander trat einen halben Schritt vor, sprach lächelnd,

mit halber Stimme:

»Bedenket, was ihr tut! Es ist nicht wohlgetan,

Zum Führer den Verzweifelten zu wählen --

Ihr reißt mich weg von meinem Glück -- wohlan,

Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen ...«

»Bitte halt!« unterbrach Burg. »In diesem Augenblick richtet sich jeder

auf, die Augen blitzen mutig den Führer an: Herr befiehl! Wir sind Dein

-- führ' uns in die Schlacht, führ' uns in den Tod, wir folgen Dir ...

Das geht wie ein Ruck durch die ganze eisenstarrende Gesellschaft durch,

versteht Ihr? Und nun weiter, Barthel!«

»Ihr habt gewählt zu eigenem Verderben --

wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!«

so schmetterte der schöne Barthel heraus, berauscht von der klingenden

Herrlichkeit seines erzenen Organs.

»So -- und auf dies Wort wirft er sich herum und stürzt sich in Eure

Mitte -- mit einem einzigen Aufschrei des Jubels, des wilden,

todbereiten Jubels umringt Ihr ihn, so daß die Eisenmasse ihn

gewissermaßen einschluckt, die Schwerter schießen in die Höhe wie eine

schäumende Flut, die über seinem Helmbusch zusammenschlägt ... Noch

einmal taucht er auf, als er in Eurer Schar die Treppe hinaufstürzt, Ihr

hinter ihm drein; der Schwall wälzt sich durch die Galerie, im Gedränge

werden ein paar Glasscheiben eingestoßen und klirren schneidend in das

Getös des Sterbejauchzens, der Hörner hinein, die von drunten zum

letzten Kampfe werben -- und denn Vorhang und aus!«

Mit sprühenden Augen, mit langhin malenden Gesten seiner hageren Arme

hatte der Oberregisseur die ganze ungeheure Szene aufgebaut vor den

Augen der lauschenden Statistenlehrlinge ... die brachen nun in lauten

Beifall aus, als ihr Meister aus der hinreißenden Beredsamkeit in einen

trockenen Ulkton am Schluß fiel ...

»So, Herrschaften, nun zählt mal von vorne nach hinten ab, und jeder

merke sich genau seine Zahl!«

Dann wurden die zweiundsiebenzig in sieben Gruppen eingeteilt nach der

Nummer, und jede bekam ihr Stichwort zugeteilt ... »Scheidet -- Gott!«

hieß dasjenige für die erste Gruppe -- »Dein ewig teures und verehrtes

Antlitz« das für die zweite -- und so fort. Und dann mußten sie alle

über die breite Renaissancetreppe zurück -- »damit Ihr Euch an die

Stufen gewöhnt,« -- und draußen in der Dunkelheit wurden sie vom

Inspizienten zu einzelnen Klumpen zusammengeballt und aufgestellt ...

»Sind Sie fertig, Ruperti?« klang dann Burgs Stimme von drinnen. »Ja? Na

dann bitte -- ich fange an: Dreiundzwanzigster Auftritt, ich komme mit

Illo und Buttler die Treppe hinunter --«

Und nun herrenhaft, mit grollendem Erzklang in der Stimme. »Terzky!«

»Mein Fürst!« antwortete drinnen eine andere Stimme, erregt, geschmeidig

--

»Laß unsre Regimenter

Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,

Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend ...«

Und auf einmal war alles im Fluß. Der Zauber wirkte, der ungeheure, dem

einst der zitternde Knabe erlegen war, im Barmer Stadttheater, auf dem

Eckplatz des zweiten Ranges ... nur daß der Jüngling nun hineinschaute

in das Innere des komplizierten Mechanismus, der das Wunder wirkte ...

und eine dumpfe Sehnsucht sprang auf -- diesen geheimnisvollen Apparat

einmal aus eigener Machtvollkommenheit heraus zum Funktionieren zu

bringen ...

Gott ... welch ein Gedanke ... selbst einmal etwas zu schaffen aus der

Magie des eigenen Innern heraus ... etwas, das die hundert Geister

dieses dunklen Heerbannes zur Tat, zur Heeresfolge zwingen könnte ...

Scheuer Knabentraum, bist du mehr als nur ein Traum -- bist du die

mystische Vorahnung kommender Kraft, der Vorklang künftigen Schicksals?!

Und Gruppe auf Gruppe der jungen Männer wurde vom Inspizienten

losgelassen, tobte die Treppe hinauf, erstarrte droben in staunender

Verständnislosigkeit, schob sich dann scheu und verhalten drüben die

breite Treppe hinunter in den Saal, wo Max Piccolominis todgeweihte

Liebe ihren letzten Verzweiflungskampf mit dem Dämon der Eidespflicht

ausfocht ...

Freilich, manchesmal empfing sie drunten ein Hohngelächter des

Spielleiters.

»Ne, Kinder, so geht das nicht -- Ihr seid ja keine Verbrecherbande ...

Ihr macht ja auf einmal Gesichter, als hättet Ihr alle einen Sack

silberne Löffel gestohlen! Ihr seid Soldaten, wüste Kerle, schlichte

Burschen, die nicht recht verstehen, weshalb man eines Mädels wegen

soviel Umstände macht ... dazu ein Rest von Scheu vor dem geliebten,

gefürchteten Auge Eures Feldherrn, 'das Eure Sonne war in heißer

Schlacht' -- aber vor allem doch Trotz, Empörertrotz, verhalten,

verbissen, gedämpft, aber Entsetzen einflößend, Schauer aushauchend,

kalt wie das blanke Eisen in Eurer Faust -- so will ich's haben, so hat

der Schiller sich's gedacht!«

Das alles klang nur durch die bemalten Lappen hindurch an Hans Thumsers

Ohr. Denn er gehörte ja zur allerletzten Gruppe ... er würde nicht viel

mehr zu sehen bekommen ... und er ahnte nur die Gegenwart des Mädchens,

um dessen Bild all seine Gedanken kreisten, ihr Bild, das ihm die Seele

dieser wundersamen Kunst erschien, die aus Schein und Flitter das

ungeheure Widerspiel des Lebens webt, wahrer als alle Wirklichkeit,

tiefer als alles reale Erdengeschehen ...

Als er so in stummem Lauschen den Gang der gigantischen Maschine

verfolgte, die das werdende Werk schuf -- da sah er plötzlich aus der

Gruppe sechs ein Augenpaar mit hartem, feindlichem Ausdruck zu sich

herüberblitzen. Es waren Valentin Pilgrams Augen ...

Im Nu war er an der Seite des einstigen Korpsbruders.

»Pilgram, Du? Also endlich ... endlich seh' ich Dich mal wieder ...«

»Hm ... hat Dir wohl wenig dran gelegen -- sonst hättest Du das

Vergnügen früher haben können ...«

»Hast ganz recht, es ist meine Schuld ... es ist ein Skandal, daß ich

mich so gar nicht um Dich gekümmert habe ... Aber wenn Du wüßtest ...

ich will mich auch bessern, sei mir nicht bös ... Und nun sag' nur, wie

kommst Du hierher?«

»Das könnte ich Dich fragen,« sagte Pilgram hart.

»Nu -- ich ... Du weißt doch, daß ich Dich selber seinerzeit schon um

Erlaubnis gebeten hatte -- Du wolltest nicht ... Na, nun haben wir den

Volkner, der ... denkt ein bißchen anders über solche Sachen ...«

»Jawohl ... und seid mich glücklich los ... gratuliere.«

»Aber Pilgram! Du weißt doch, wie furchtbar leid es uns allen getan hat

...«

»Dir auch?!« fragte Pilgram finster.

»Ich versteh Dich nicht, Pilgram ... so wie Du und ich doch immer

miteinander gestanden haben ...«

»Hm ... wenn Deine korpsbrüderlichen Gefühle für mich ... echt gewesen

wären ... dann hätten sie sich wohl ein bißchen besser gehalten ...«

»Aber Pilgram --!«

»Ruhe, meine Herren!« fuhr der Inspizient dazwischen. »Sie da, Sie

gehören doch überhaupt zur Gruppe sieben -- nu bleiben Sie gefälligst

aber auch bei Ihrem Haufen! Ausquatschen können Sie sich ja genügend,

wenn's hier aus geworden ist!«

»Wir sprechen uns noch!« sagte Thumser und trat zu seiner Gruppe zurück.

Himmel -- was hatte der Pilgram nur? Und wie schrecklich er sich

verändert hatte in den wenigen Tagen seit seinem Austritt aus dem

Korps ... Die Augen, tiefumrändert, waren in ihre Höhlen gesunken ...

der sonst so peinlich korrekte Anzug vernachlässigt ... die früher

straffen und sicheren Bewegungen unruhig und zerfahren ...

Und Valentin Pilgram fragte sich: Wie ist es möglich, daß ich es bis

heute ausgehalten habe, diesen falschen Hund nicht zu stellen? -- Es

kann ja nur sein böses Gewissen sein, das ihn von mir ferngehalten

hat ... alle die Tage, die zwei Wochen seit ... damals ...

Ha, warum hatte er's nicht getan? Aus Furcht vor ... einer neuen

Uebereilung ... einer neuen Blamage ...

Daß Thumser seine Hand in dem schändlichen Spiele gehabt haben müsse,

das man ihm gespielt, das war ja klar. Der Briefbogen mit dem

Frankenzirkel und dem H. T. auf der Rückseite und mit Jucundas

Absagebrief auf der Vorderseite -- das war ja doch ein untrüglicher

Beweis. Mit Jucundas Absagebrief! Ja, ein Absagebrief, das war's, und

nichts andres! Die glatten, gleißnerischen Dankesworte, ihn, den

Desillusionierten, blendeten sie nicht mehr. Er verstand, sie hatte ihn

verleugnet, er hatte sie verloren. Aber wie kam der andere dazu? Welche

Rolle hatte er gespielt in dem Gewirr von Ränken und Tücken, von denen

Valentin Pilgram sich umstrickt sah? Das war nicht zu erraten und nicht

zu erfahren ... Und aufs Geratewohl abermals unbedacht zufahren mit

einem züchtigenden Wort, einem rächenden Schlag -- Valentin Pilgram

besaß nicht mehr die frühere Sicherheit des Handelns, seit sein Instinkt

ihn so schmählich in die Irre, in die Wirrnis, in die lächerliche

Don-Quichottiade hineingestoßen hatte. So hatte er von einem zum andern

Tage gewartet und gewartet in der dumpfen Hoffnung, daß irgend etwas

sich ereignen würde, das ihm Klarheit gäbe ... Er hatte auf ein

Wiedersehen mit Jucunda, auf einen Besuch Thumsers gehofft, auf eine

Aussprache mit ihr und mit ihm, in deren Verlauf er brüsk und

kategorisch die Frage hätte stellen können: Wie war das möglich? Wie ist

dieser Brief auf dieses Blatt geraten? Erklärt mir den Zusammenhang,

zerstreut meinen grausamen Verdacht und bekennt, bekennt und empfangt

den Lohn, den Euer Verrat verdient!

Aber nichts von alledem war geschehen. So häufig er den teilnahmsvollen

Besuch seiner ehemaligen Korpsbrüder erhielt, so oft er mit ihnen am

dritten Orte zusammentraf -- der schlanke Fuchsmajor blieb aus. Und

Jucunda? Sie war wie aus der Welt verschwunden. Wohl hörte er abends ihr

Heimkommen aus dem Theater, ihr herzhaftes Gähnen, den energischen

Plumps, mit dem sie sich arbeitsmüde auf ihr krachendes Bettchen warf,

und nachts, wenn er sich schlaflos auf seinem Lager wälzte, ihr

geruhsames, selbstzufriedenes Schnarchen ... denn bei Gott, sie

schnarchte wie ein Mann ... Und morgens vernahm er wohl, wie sie leise

ihre Rollen repetierte. Ach, wie gern hätte er noch einmal den sonoren

Alt in seinem vollen Glanze von da drüben schmettern gehört! Aber sie

hatte einen Flor über ihr Organ gebreitet, und er fühlte, das war die

Scheu vor ihm. Und die gleiche Scheu mußte es sein, unter deren Druck

sie es darauf anlegte, ihm um jeden Preis aus dem Wege zu gehen. Es war,

als überwache sie sein Gehen und Kommen und richte ihre eigenen

Ausgänge, ihre Rückkunft danach ein. Oft legte er es geradezu darauf an,

mit ihr im Korridor, auf der Treppe zusammenzutreffen, aber wie ein

Geist war sie dann von hinnen gehuscht, hinter irgend einer Tür

verschwunden, die Treppe hinuntergeschnurrt ...

Der tolle Wirrwarr von Wut und Sehnsucht, von Ekel und Hingebung, in dem

seine Tage, seine Nächte dahinrannen, trieb ihn immer und immer wieder

ins Theater. Und dann sah und hörte er nichts von dem Stück -- er sah,

er fühlte, er träumte nur Jucunda. In welcher Gestalt, welcher Maske,

welchem Gewande sie auf der Bühne stand, ihm galt es gleich. Er sah

nicht die Künstlerin, er sah nur das Mädchen, dem seine Seele wie sein

Leben verfallen war. Fiebernd, stumpfsinnig harrend ließ er die

Auftritte an sich vorübergehen, bis sie erschien. Von folternden

Schmerzen zermartert und doch an ihr Bild gebannt, weit vorgebeugten

Oberkörpers, verfolgte er jeden Schritt, jede Bewegung, bis sie wieder

die Bühne verließ oder der Vorhang fiel -- er hätte seinen Nachbarn an

die Kehle fahren können, wenn sie fanatisch Beifall trampelten, wenn sie

wie toll ihr »Buchner! Buchner!« riefen ... Und wenn's zu Ende war, dann

stand er draußen unter der harrenden Rotte der Verehrer, den Kragen

seines Paletots hoch aufgeklappt, den Hut tief in die Stirn geschoben,

sah sie vorüberschweben und mit königlicher Gnade ein Lächeln rechts,

ein Lächeln links verteilen, atmete tief und stöhnend auf, wenn der

Wagenschlag klappte, die Pferde anzogen ... Wenn aber nach der Premiere

die schäumende Begeisterung der Jugend abermals den gewohnten Triumphzug

entfesselte, dann stellte sich Valentin Pilgram inmitten derer auf, die

von hinten Jucundas Wagen schoben, und arbeitete im Schweiße seines

Angesichts. Dann war ihm am wohlsten, dann fühlte er sich ihr am

nächsten ...

Und als er eines Tages auf den Anschlagsäulen ersah, daß der

»Wallenstein« in Vorbereitung sei, da fiel ihm Thumsers Bitte ein,

in diesem Stücke mit statieren zu dürfen. Damals hatte er als Senior

diese Bitte abgeschlagen, nun nickte er sich selbst ein bitter

lächelndes Ja, als eine Stimme in ihm befahl, er solle sich in die Schar

der Pappenheimer Kürassiere mischen, um den Geliebten aus Theklas Armen

und in den Schwertertod hineinzureißen ... Und so war er nun hier, in

dieser pappdeckelnen, bretternen Trödelwand. Nie hätte er sich's träumen

lassen ... Nun war er, der weiland Erste Franconias, ein Statist in

Gruppe sechs ...

Die Probe ging ihren Gang.

Wie eines Meisters Hände den bildsamen Ton, so knetete Franz Burgs

zielsichere Regie die Schar der zweiundsiebenzig jungen und älteren

Männer in eine Horde entfesselter Pappenheimscher Soldateska um. Immer

und immer wieder wurde eine Gruppe nach der andern die Treppe hinauf-

und hinuntergejagt, jedes Knurren der Wut, jedes Aufheulen der

Begeisterung wurde einstudiert, jede Bewegung, jeder Blick festgelegt

und in das tausendmaschige Gewebe des farbenleuchtenden Teppichs

eingefügt, den der Szenenmeister vor dem lauschenden Publikum zu

entrollen gedachte. Und immer klarer, immer überzeugender modellierte

sich das Bild des kurzen, erschütternden Vorganges heraus, wie die

todestrunkene Schar der Kürassiere sich ihren Führer aus den

Verstrickungen der Liebespflicht herausholt und ihn auf schäumender Woge

hinwegreißt in Tod und Vernichtung. Keiner spürte Ermüdung, keiner nahm

Anstoß am derbsten Poltern, am spitzigsten Spotte des eisernen Mannes,

der diese Zweiundsiebzig am Drahte seines Willens zappeln ließ wie

ebensoviel Marionetten.

Und endlich schien's getan: tief aufatmend lachte Franz Burg: »So,

Herrschaften, ich denk', nun könnt Ihr's, jetzt kommt der Tragödie

zweiter Teil: Rüstungen verpassen! Also Pause zum Verschnaufen und dann

gefälligst gruppenweise hinauf zur Rüstkammer, dort laßt Ihr Euch die

klapprigen Konservenbüchsen um den Leib hängen, holt Euch Euren

Eisentopf und Eure Bratspieße -- und denn geht's wieder von vorne los!«

Da leuchteten die ermüdeten Augen der abgejagten Schar wieder hell auf.

Das hatte ja nur noch gefehlt, das Kostüm, das vollendete die

Verwandlung, das brachte das Letzte an Stimmung, was noch fehlte ... Und

während die Gruppen zwei bis sieben sich plaudernd und lärmend in dem

dunklen Hintergrunde des schwarzgähnenden Bühnenraumes verloren,

kletterte Gruppe eins unter Führung des Inspizienten lachend und

prustend die hallenden Steintreppen hinauf, um droben das Eisengewand

der Pappenheimer anzulegen.

Hans Thumser hatte sich vergebens den Kopf zerbrochen, weshalb wohl der

Korpsbruder so maßlos gereizt auf ihn sein könne. Himmel ja, er hatte

ihn ja unverantwortlich vernachlässigt in der letzten Zeit -- aber

schließlich war das doch kein Grund, ihn dermaßen hundemiserabel zu

behandeln. Na, man würde nochmals um Entschuldigung bitten, und dann

müßte der arme Kerl doch schließlich Vernunft annehmen. Also, wo steckt

er denn bloß?

Gruppe sechs -- wo ist Gruppe sechs? jawohl -- alles durcheinander

gewürfelt, alles wie verschluckt von der schwarzen Finsternis dahinten

jenseits des Prospekts.

Hans Thumser drängte sich durch die Gruppen der »Kürassiere«, rief hin

und wieder halblaut Pilgrams Namen, aber umsonst, der Freund ließ sich

nicht sehen -- schließlich postierte er sich unten an der Treppe, die

zur Rüstkammer hinaufführte. Aber selbst als Gruppe sechs, der er

angehörte, vom Inspizienten zum Empfang der Rüstungen geführt wurde, war

Valentin Pilgram nicht darunter. Es schien, er wolle sich nicht sehen

lassen ... und schließlich konnte Hans das am Ende begreifen: er war

eben böse, weil Hans ihn so schnöde vernachlässigt hatte. Nun, das ließ

sich am Ende nachholen ...

Und mit ganz wunderlichen Empfindungen ließ sich auch Hans Thumser den

rasselnden Eisenharnisch der Pappenheimer Kürassiere um die

geschmeidigen Glieder schnallen. Es war ja nur Spiel, nur Mummenschanz

-- und doch, welch sonderbare Macht lag in diesem starren Eisengewand,

lag überhaupt im Kostüm! Hans meinte ordentlich zu fühlen, wie er ein

anderer wurde, wie schlichte, rohe und starke Gefühle aus

jahrhundertfernen Tiefen sich an die Oberfläche seiner Seele drängten,

wie er verschmolz mit der gepanzerten Schar seiner Gefährten ...

Und nun hinunter! Die matt erhellten Korridore, der stockfinstere Raum

hinter dem Prospekt war nun von geheimnisvollem Rascheln und Klirren

erfüllt. Es war, als sei der Geist der Wallensteinschen Soldateska über

die ganze junge Schar gekommen: rauher und härter klangen die Stimmen,

derber und knapper die Scherze, das Gelächter.

Und von neuem begann die Probe. Teufel! war das schwer, sich in diesem

niederwuchtenden Gewand, in den kolossal steifen Stulpenstiefeln zu

bewegen, den mächtigen Pallasch mit dem breit ausladenden Stahlkorb

nicht zwischen die Beine zu bekommen! Und nun gar die Treppen hinauf,

hinunter! Da verhedderte sich mancher in den handlangen stählernen

Sporen, stolperte, krachte zu Boden und mußte schwerfällig, wie eine

Schildkröte, von den Kameraden aufgerichtet werden.

Und unten auf dem Podium inmitten des Schloßsaales stand Franz Burg und

hielt sich beide Seiten vor Lachen ... und neben ihm im Halbkreis

gruppiert: Thekla, Terzky, Illo, Buttler, Max Piccolomini -- und alle

lachten sie sich schier zu Tode über die stolpernde, prustende,

schwitzende Kürassiergarde.

Und doch, allmählich klärte sich auch dies neue Chaos. Und endlich sagte

Franz Burg:

»So, meine Herrschaften, nun fangen wir richtig zu probieren an! Also

bitte, Kürassiere von der Bühne, die Soloherrschaften an ihre Plätze!«

Und abermals stand die harrende Schar der Eisenreiter im Hintergrunde zu

Füßen der schmalen Holztreppe versammelt -- und abermals klang's von

drinnen herrenhaft in grollendem Erzklang:

»Terzky!«

»Mein Fürst!«

»Laß unsre Regimenter

Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,

Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.«

Und Gruppe auf Gruppe erhielt ihr Stichwort, Gruppe auf Gruppe klirrte

die Treppe hinauf, strudelte die Galerie entlang, ergoß sich in den Saal

hinab ...

Als aber Gruppe sechs aus dem Finster der Bühnentiefe die Treppe

hinanstieg, sah Hans Thumser, daß Pilgram doch noch vorhanden war. Seine

riesige Gestalt, sein hartes Herrengesicht standen vortrefflich zu der

blanken Wehr -- aber kein Blick für den einstigen Korpsbruder ...

Was er nur haben mochte? -- Das war doch Kinderei, so offiziell zu tun.

»Also Gruppe sieben!« zischte der Inspizient. »Los! Los!«

Und Hans Thumser keucht die schmalen Stufen empor, stößt wie die

Kameraden rauhe gurgelnde Töne aus, stutzt droben am Treppenrande,

stutzt und verstummt ...

Aber nicht nur, weil es so probiert ist ... Im gelben Lichte

der Proberampe sieht er drunten Jucunda Buchners schmales

Prinzessinnengesicht ... aber jetzt nicht mehr wie vorhin, von Lachen

und Schelmerei gerötet -- nein, nun ist sie plötzlich Thekla,

das verzweifelnde Kind, das Liebe, Glück, Leben versinken sieht in

den eisenschäumenden Wogen des Schicksals. So abgrundtief, so

herzdurchbohrend der Ausdruck des Schmerzes auf ihren tränengefurchten

Wangen -- Hans Thumser kann den Blick nicht lassen von diesem Bild

adligen Grams ...

Komödiantinnen: Roman · 第 10 / 19 段