Herr Borgmann suchte einen Zufluchtsort. Café Felsche? Viel zu viel

Betrieb jetzt da, wahrscheinlich auch ein Tisch voll Neo-Borussen -- --

Ein Einfall! Das Museum! Das war zu dieser Stunde vielleicht noch

geöffnet ...

Und Studiosus Borgmann tat etwas, was ihm in seinen fünf Semestern, die

er in Leipzig zugebracht, noch niemals passiert war: Er ging ins Museum

hinein, stieg die prächtige Marmortreppe hinan, schritt gleichgültig

durch die Säle voll bemalter Lappen in goldenen Rahmen und versank in

einem Plüschsofa des großen Oberlichtsaales ... Und sann, wie er die

Sache deichseln könne, ohne seine Blamage eingestehen zu müssen.

Inzwischen saß Valentin Pilgram in regungslosem Warten in einer dunklen

Ecke des Theaterrestaurants. Was werden würde? Nun das war ja ganz klar:

Sowohl der Major als auch der Erbprinz, der die Charge eines

Rittmeisters bekleidete, würden die militärisch korrekte Erklärung

abgeben, daß sie die Tatsache der erfolgten Forderung ihrem zuständigen

Ehrenrat unterbreiten würden ... Der würde dann einen formellen

Ausgleichsversuch machen -- wenn dieser, wie selbstverständlich,

gescheitert wäre, würde der Erbprinz einen Ersatzmann stellen, einen

möglichst fechtgewandten Offizier eines Gardekavallerieregiments ... Und

dann stiegen eben die beiden Partien ... Na Himmel, das hatte man ja

doch schon fünfmal durchgemacht -- zwar nicht unter ganz gleich schweren

Bedingungen ... Aber -- na ja, Eisen ist Eisen, und fechten haben wir ja

gottlob gelernt ...

Und dann ...

Valentin Pilgram versank in Träume ... Dann mußte irgend etwas kommen,

etwas Schönes, von dem man sich keine rechte Vorstellung machen konnte.

So ganz ohne Dank und Lohn würde man ihn doch nicht laufen lassen ...

Dank und Lohn? Aber wie?

Valentin Pilgram hatte bewiesen, daß er bereit war, sich jeden vors

krumme Messer zu langen, der an dies Mädchen anders dachte denn an eine

Heilige ... Und Heilige ... Wie belohnen sie denn?

Mit ihrer Gnade ... Mit Fürsprache im Himmel ...

Sie belohnen von ferne ... Mit Gaben, für die man sich auf Erden

verdammt wenig kaufen kann ...

Na, und das wird ja auch wohl dein Fall sein, mein guter Valentin --

nicht wahr?!

Na -- und wenn auch! Wir haben eben getan, was wir mußten ...

Ein alter Reckenspruch aus den goldenen Tagen des Rittertums klang ihm

durch den Sinn:

_A Dieu mon âme,

Ma vie au roi,

Mon coeur aux dames,

L'honneur pour moi._

_Pour moi_ ... Na eben, das war's: das Bewußtsein: So gehört sich's --

und so hab' ich's gemacht ...

Endlich! Da kam sein Kartellträger ...

»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Borgmann ...«

»Gewiß, gern ... Herr Ober, eine Schale Schwarz ...«

»Also ... Angenommen?«

»Hm ... Die Herren haben Erklärungen abgegeben, die vielleicht ... als

befriedigend gelten könnten ...«

»Was! sie kneifen?!«

»Hm ... Doch wohl etwas zu schroffer Ausdruck ... Der Prinz hat den

Major beauftragt, die Angelegenheit in Güte zu arrangieren ... Ich nehme

also an, daß er Familie Buchner im beiderseitigen Namen um Verzeihung

bitten wird ... Was macht's, Ober? Fünfundzwanzig? Schön -- ziehen Sie

fünfunddreißig ab ...«

Valentin Pilgram war wie vor den Kopf gestoßen.

In Güte arrangieren ... Fräulein Buchner um Verzeihung bitten ... Hm ...

Verteufelt einfache Lösung ... Und das hatte man sich nicht mal im

Traume vorgestellt, daß es so kommen würde ... kommen ... müßte ...

Himmel ja -- man war eben Korpsstudent -- trat für alles, was man gesagt

und getan -- selbst in der Hitze gesagt und getan -- für das trat man

eben stramm und rücksichtslos ein mit Waffe und Blut, mit Schädeldach

und Nase, mit Brustbein und Armknochen -- konnte sich gar nicht

vorstellen, daß jemand auswich -- revozierte und deprezierte -- den

Schwanz einzog und ... na eben kniff.

Und ... jeden andern Kneifer durfte man einen Kneifer schimpfen ...

Dieser aber stand außerhalb der Lebensgesetze der akademischen Welt --

der er _pro forma_ doch angehörte ... Der konnte sich eine Kneiferei

leisten, obwohl er doch auch Student, offiziell sogar Korpsstudent war

...

Was für ein Hohn ... Was für eine blöde Farce!

»Hm ... Und Sie meinen, Herr Borgmann -- mit diesen Erklärungen müsse

ich mich begnügen?«

»Ich ... glaube wenigstens nicht, daß ... nach diesen Erklärungen ...

das Ehrengericht Ihre Forderung noch genehmigen würde, wenn Sie darauf

bestehen wollten ... Selbst ein S. C. Ehrengericht nicht ... Aber vor

das kommt die Sache ja überhaupt nicht ... Die kommt vor den

Offiziersehrenrat ... Na und der wird eben selbstverständlich die Sache

für erledigt erklären unter diesen Umständen ...«

Ach so ... Also alles in schönster Ordnung ... Die Ehre der

angegriffenen jungen Dame _in integrum_ restituiert durch die

Deprekation ... und nur er selber ... er selber um sein Korpsband

gekommen ... und eigentlich ... der ... Blamierte ...

Hm ... es stimmte ... Da war nichts zu machen ... Aber auch gar nichts

...

Ja ... Wie war denn das aber möglich? Hatte er denn irgend einen ...

Fehler gemacht?

Nein ... Er hatte den Geboten der Ehre, der Ritterlichkeit gefolgt ...

Und was sich da wider ihn aufreckte ... das war etwas, was er bis dahin

noch nicht geahnt hatte -- der Unsinn des Daseins ... die Tragikomödie

des Idealismus ... dieses phantastischen romantischen Idealismus, der

den eigenen Adel, die eigene heroisch-naive Auffassung von Pflicht und

Ehre noch für das Gesetz des Weltganges hält ...

Valentin Pilgram stand auf ... stumm ... stieren, korrekten Antlitzes.

»Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihren gütigen Beistand, Herr Borgmann

... Nun, dann wird sich die Sache ja wohl in aller Güte und Freundschaft

erledigen ... zwischen den ... =Nächstbeteiligten= ... Adieu, Herr

Borgmann ...«

Donnerwetter -- dachte Wilhelm Borgmann -- das hat besser gegangen, als

ich mir's träumen ließ ...

Valentin Pilgram irrte durch die Straßen ... Dies Menschengewoge, der

Spätherbstglanz über der Welt, die Wagen, die klingelnde Pferdebahn, das

alles machte ihn rasend. Er floh ins Rosental, strich ziellos durch die

Laubgänge ...

Jucunda! Das war sein einziger Trostgedanke ... Jucunda würde zu ihm

stehen ... ihm danken, ihn belohnen ... irgendwie ... für alles, was er

ihr geopfert ...

Er rannte immer weiter, immer tiefer ins Holz hinein -- über die Elster

hinüber, kreuzte die sumpfigen Wiesen jenseits der Marienbrücke, verlor

sich in den braunen Forsten des Leutzscher Holzes. Es kam die frühe

Dämmerung, es wurde feucht und frostig unter dem Laubdach, von dem

langsam Blatt um Blatt niederrieselte im melancholischen Schweigen des

windstillen Herbstabends -- Valentin Pilgram bemerkte es nicht. Und wie

die Fledermäuse, die lautlos um die schattenhaften Säume der Gebüsche

schwirrten, über den perlmuttfarbenen Spiegeln der Sumpfteiche huschten,

so flatterten durch des wackern Gesellen Hirn die aberwitzigen

Gedanken.

Er hatte doch recht getan -- gehandelt wie ein Mann und Kavalier ... Und

eine lächerliche Blamage war die Folge ... Das Korpsband, das geliebte,

war von seiner Brust hinweggeweht, wie ein klagender Abendhauch die

ziehenden Nebelstreifen dort auf den Wiesen hinwegstreifte ...

Das konnte doch das Ende nicht sein -- so dummejungenmäßig beiseite

geschoben werden, das war doch kein Abschluß für Valentin Pilgrams

stolze, prangende Burschenherrlichkeit ...

Nein ... Es mußte noch irgend etwas kommen -- die Ahnung irgend eines

süßen oder schrecklichen Ereignisses düsterte durch die Seele des

einsamen Wanderers.

Es war schon Nacht, sternüberflimmerte Spätherbstnacht, als er vor sich

die dunklen Umrisse des Leutzscher Bahnhofes auftauchen, die

grellfarbigen Lichter des Bahnkörpers flimmern sah. Eine dumpfe

Sehnsucht nach der Stadt zurück überkam ihn plötzlich, nach wogenden

Menschenmassen, nach Wagenlärm und glitzernden Schaufenstern. Er

erkundigte sich: der nächste Zug fuhr erst in einer halben Stunde. In

dem schmutzigen Bahnhofsrestaurant schüttete er hastig, gedankenlos ein

paar Glas Bier in die brennende Gurgel. Als der Zug herannahte und er

die Börse zog, bemerkte er, daß er an seiner Uhrkette noch den

Bierzipfel trug, ein Stück des grün-gold-roten Korpsbandes mit goldenen

Beschlägen ... Da hakte er mit einem bitteren Zucken der Mundwinkel den

blanken Zierat ab und barg ihn in seiner Brieftasche.

Als er auf dem Thüringer Bahnhof ankam, war es gegen neun Uhr. Er

hastete heimwärts. Jetzt war Jucunda im Theater -- spielte abermals die

Jungfrau ... An allen Anschlagsäulen hing der Theaterzettel, der ihren

Namen trug ... Es trieb ihn nach Hause, dahin, wo sie geboren und groß

geworden war, eine seltene, phantastische Wunderblume, in einem

abgezirkelten, banalen Spießergärtchen erblüht ...

Alles war still und finster in dem engen, muffigen Korridor, als er die

Entreetür öffnete. Natürlich, die Eltern waren ja mit im Theater, ihr

Goldkind zu bewundern ...

Er suchte seine Zündholzschachtel, fand sie, aber sie war leer.

Vergebens tappte er nach Licht. Die Tür zur Wohnstube war angelehnt, ein

matter Lichtreflex von der Straßenbeleuchtung fiel heraus. Valentin

konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat ein. Stumm und dunkel

und dumpfig lag das Zimmer. Dort am Fenster hatte er mit ihr gestanden

-- wann doch nur? Vor einer Ewigkeit?! Pah -- es war noch nicht

vierundzwanzig Stunden her ... Und hier auf dem verschlissenen Plüsch

hatte sie gesessen, das weiße Königinnenhaupt zurückgelehnt ... und --

wie hatte sie nur gesagt? 'Vielleicht kann ich doch einmal einen Ritter

gebrauchen -- dann will ich an diese Stunde denken und Sie rufen ...'

Und jetzt? Hatte sie ihn nicht gerufen? -- Nein -- das eigentlich wohl

nicht ... Aber hatte sie nicht geweint?! Sie ... sie ... und hatte

geweint um einer bübischen Kränkung willen ...

Und da hatte er getan, was er genau so rasch, so selbstverständlich und

geradezu getan hätte für seine Schwesterchen daheim in Dresden ... Und

morgen würde ganz Leipzig über ihn lachen ...

Hastig trat er auf den stockfinstern Korridor zurück und tappte nach

seiner Stube hinüber. Zufällig bekam er die Klinke zu Jucundas

Kammertür in die Hand ... Er drückte sie nieder, und ein Duft wehte ihm

entgegen, der ihn mit einem Schwall stummer, wirrer Sehnsuchtswünsche

bedrängte. Das Zimmer lag nach einem Seitengäßchen hinaus und war fast

völlig finster. Nur aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein ganz

matter Lichtschein hinein. In diesem Schein leuchtete das weiße Bett,

schon aufgeschlagen, für die Nachtruhe der Künstlerin ...

Ein Grausen des Verlangens schnürte dem reckenhaften Burschen die Kehle

zusammen. Er schloß hastig die Tür und stand einen Augenblick lang in

der Dunkelheit. Alle Glieder bebten, seine Kinnbacken schlugen im Frost

zusammen. Dann übergoß ihn glühende Scham. Er war der Mann nicht, sich

an dem Dunste der Geliebten verstohlen schnüffelnd zu erletzen. Er

rannte hinaus, fand endlich die Tür seiner Bude und saß lange mit

fiebernden Gliedern in der Finsternis, auf seinem Sofa. Endlich fuhr er

auf, schwankte zu seinem Nachttischchen hinüber, machte Licht, zündete

die Petroleumlampe an und sah die aufgeschlagenen Repetitorien liegen,

wie er sie morgens verlassen hatte, als die Kanzleirätin in sein Zimmer

gestürzt war ...

Und eine stumpfe Ruhe kam über ihn. Arbeiten! Arbeiten! Er wühlte sich

in die schematisch öde Zusammenstellung der elementaren Grundbegriffe

seiner Wissenschaft hinein. Seiner Wissenschaft -- ah bah! Die Quelle

des Wissens, die hell in seiner Nähe sprudelte, hatte er ängstlich

gemieden sieben Semester lang und nur dem Korps gedient ... Nun galt es

hastig und mechanisch einen Haufen seelenloser Notizen in sich

hineinzustopfen, um den toten Popanz, die pappdeckelne Attrappe einer

fadenscheinigen Examensweisheit aufzurichten ...

Immerhin ... wenigstens Vergessen wirkte dies stumpfsinnige Büffeln ...

Und eine Stunde verrann -- zwei Stunden ... Plötzlich draußen auf dem

Flur die Stimmen der heimkehrenden Familie Buchner. Valentin lauschte

angestrengt ... Ob sie ihn denn nicht noch zu sprechen wünschte? Ihm zu

danken für die ... glückliche Lösung, die sein Eingreifen doch

herbeigeführt?

Und wirklich -- es pochte an seine Tür ...

»Herein!«

Mutter Kanzleirätin stand auf der Schwelle. Ein wenig rot und verlegen

... In der schleifenbesetzten Kapuze, dem altmodischen Abendmantel,

genau wie gestern, als er sie aus dem Wagen gehoben ...

»Sie wär'n entschuld'gen, Herr Pilgram -- hier is Sie nämlich ä

Briefchen von meiner Tochter ...«

Ein -- Brief? Und warum konnte sie denn nicht selber --?!

So deutlich stand diese Frage in des jungen Mannes starr aufgerissenen

Augen, daß Frau Buchner die unausgesprochene beantwortete:

»Nämlich, Se dürfen's ihr nich iebel nähm', selber kann se's Ihn' nich

sagen, sie is Ihn' nämlich gar zu sähre angegriff'n von der Vorstellung

... Gut Nacht, Herr Pilgram, wünsch' gute Ruh ...«

Und hastig war die massive Gestalt aus der Tür ... Nur der Brief blieb

zurück, lag weiß und fremd auf dem fleckigen, grellgemusterten

Tischtuch.

Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge nahm Valentin das Kuvert und

studierte die großen, fahrigen Züge der Aufschrift:

»Herrn Stud. Pilgram ...«

Weder Fakultät noch Vorname ...

Was steht darin? Nun, es kann doch nur eins sein: Dank und abermals

Dank, feuriger, inniger Dank ...

Er riß den Umschlag auf und las:

»Sehr geehrter Herr ...«

Er las und las ... »erwünschte Erfolg« -- »Herren haben mündlich bei mir

um Entschuldigung gebeten« -- »danke Ihnen innigst« -- »großes Opfer« --

»Zweck erreicht« -- »nehmen Sie Ihre Herausforderung zurück, damit

nicht noch ... weitere ... Unannehmlichkeiten entstehn ...« -- »mit

der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigsten Dankes Ihre ganz

ergebene ...«

Na ja ... na also ...

Völlig korrekt das alles ... Nichts fehlte, was man so erwarten und

verlangen konnte ...

Nichts fehlte ... gar nichts ...

Valentin Pilgram sah lange und regungslos in den hellen Lichtkegel der

Petroleumlampe, bis die Augen ihn zu schmerzen anfingen.

Na ja ... na also ...

Und endlich klappte er den Brief zusammen. Wollte ihn in den Umschlag

schieben ... Da auf einmal blieben seine Augen an etwas hängen, das er

nicht begriff. Auf der letzten Seite des Bogens, am unteren Rande und

mit dem Kopfe nach unten, fand sich ein Monogramm aus den Buchstaben T

und H und darüber der Zirkel eines wohllöblichen C. C. der Franconia zu

Leipzig.

Was war das?!

T. H.? Oder ... H. T.? Und darüber der Frankenzirkel?

Kein Name der verflossenen Korpsbrüder fing mit einem H an, aber mit

einem T? Thumser? Hans ... Thumser ... Das ... stimmte ...

Was war das? Wie kam Jucunda Buchner zu einem Briefbogen von Hans

Thumser?! Teufel --

Hatte der am Ende den Makler gespielt? Und geholfen, ihm diese ungeheure

Blamage einzubrocken?!

Valentin Pilgram dachte nach. Nun, der kleine Thumser war ein Faselhans,

hatte den Kopf voll konfuser Ideen, voll unvorschriftsmäßiger,

inkorrekter, umstürzlerischer Gedanken über allerhand heilige,

unantastbare Dinge, Dinge, die immer so gewesen waren und immer so

bleiben sollten ... Sah ein bißchen von oben herab auf alle Menschen und

Zustände -- aber eine Gemeinheit, eine heimtückische Verräterei und

Niedertracht -- die war ihm denn doch nicht zuzutrauen ...

Aber -- wie war dies -- Unfaßbare da -- zu erklären?!

War denn irgendeine Möglichkeit, daß Jucunda und der versedrechselnde,

kunstsimpelnde Korpsbruder in Berührung hätten kommen können?

Gestern abend -- so viel stand fest -- kannte Thumser die Künstlerin

noch nicht persönlich -- hatte zwar die Idee gehabt mit dem

Pferdeausspannen, aber nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt ...

Aber -- hatte nicht er selber, Valentin, gestern abend im Gespräch mit

der Familie Buchner den Namen Thumsers genannt als desjenigen, der den

glorreichen Einfall mit der Pferdeausspannerei ausgeheckt ...

'Dafür hätten Sie 'nen Kuß gekriegt,' hatte Jucunda gesagt ... Noch ganz

deutlich entsann sich Valentin einer dunklen Regung von Eifersucht ...

Wär's möglich -- sie hätte sich vielleicht an den gewandt um ... um

einen Ausweg aus der Verlegenheit, in die Valentin Pilgrams rasche

Ritterschaft sie hineingestürzt?!

Oder?! Hatte er -- Hans Thumser -- die Bekanntschaft eingeleitet? Er

wußte aus dem C. C., was vorgefallen war ... Er war sehr schweigsam

gewesen im C. C. ... Sollte er diese ... Gelegenheit ... seine

Wissenschaft um die Situation -- sollte er die benutzt haben, um sich

bei Jucunda lieb Kind zu machen?!

Wie es auch sein mochte -- es war etwas geschehen zwischen den beiden

... Hans Thumser hatte seine Hand im Spiel -- in dem falschen,

ränkevollen Spiel, an dessen Ende seine, Valentins, hilflose Blamage

stand ...

Himmel und Hölle! Da stand ja auf einmal ein neuer Feind auf -- ein

Feind, der eine harmlos grinsende Freundesmaske trug ... und einer, der

nicht unangreifbar war, wie die andern -- nicht geschützt wie diese

Jucunda durch ihr Geschlecht -- nicht durch Rang, durch Pflichten der

Rücksichtnahme, durch die Ausnahmegesetze der militärischen

Standesordnung -- wie das fürstliche Käsegesicht mit der Scherbe im Auge

oder sein schnurrbärtiger Begleiter ...

Einer, den man sich langen konnte!

Ein Korpsbruder?! Pah ... er selber war ja nicht mehr Korpsstudent ...

Konnte ramschen, mit wem es ihm beliebte ... Seine Rache kühlen an dem

ersten besten, der seinem Grimm in den Weg lief ...

Ja, seinem Grimm -- der besinnungslosen Wut, die ihm nun auf einmal in

die Augen stieg mit blutrotem Schimmer, ihm Blick und Fassung trübte --

daß er aufsprang, die Halsbinde, den Kragen aufriß, um nicht zu

ersticken ...

Nebenan raschelten Kleider, klapperten die leisen Tritte müder

Mädchenfüße ...

Sie -- und nur eine dünne Wand zwischen ihm und seinem Schicksal ...

Er lauschte ... flüsternde Frauenstimmen klangen: Mutter Kanzleirätin

brachte wohl das Goldkind schlafen ... Nun knarrte die Tür, nun

schlürften die Pantoffeln der Alten über den Korridor, zum ehelichen

Schlafgemach hinüber ... Und ein herzhaftes, langgezogenes Gähnen ...

Und nun krachte das Bett, rauschten die Kissen ...

Valentin Pilgram saß noch immer steif und regungslos an seinem

Schreibtisch und starrte in den Lichtkegel der Petroleumlampe ... Und in

der Faust hielt er den halbzerknüllten Briefbogen, der vorne Jucunda

Buchners Brief und hinten Hans Thumsers Monogramm und den Frankenzirkel

trug ...

Na ja ... Na also -- -- --!!

10.

Die Franken hatten C. C. gehabt und Chargenwahl vollzogen. Ivo Volkner

aus Düsseldorf war Erster geworden an Pilgrams Statt. Hartwig, der

Vertreter des Marburger Kartellkorps, hatte die zweite Charge bekommen,

und der eben erst rezipierte Jungbursch Feldmann die dritte. Volkner

Senior -- das bedeutete einen Wechsel des Regimes. Statt des zähen,

wortkargen, sparsamen und fechtgewaltigen Sachsen der leichtsinnige,

wohlhabende, lebenslustige Rheinländer -- das war ein wahrer Umschwung

für den Geist des Frankenbundes ...

Hans Thumser säumte nicht, von diesem Umschwung zu profitieren. Alle

paar Tage bat er um Dispens zum Besuch der Konzerte, des Theaters,

schwänzte regelmäßig Sonnabends das gemeinsame Mittagessen, um der

Motette des Knabenchors in der Thomaskirche zu lauschen ...

Und eines Morgens erlangte er gar die Erlaubnis, bei den Meiningern zu

statieren ...

Die Meininger ... sie hielten ihn völlig im Bann. Er versäumte keine

Premiere. Drama auf Drama reckten sich die genialen Machtschöpfungen der

erhabensten Meisterwerke des germanischen Theaters vor dem

schönheitshungrigen Auge des jungen Studenten auf ...

Und all die heiße Inbrunst, die solch aufrüttelnde, seelenentzückende

Schau in ihm entflammt hatte, die küßte er der zierlichen Asta Thöny auf

den feuchten, bebenden Mund ... Es war ein toller Märchenrausch von

Begeisterung und Liebe, in dem die Tage, die Nächte dahinrasten. Und so

ganz versunken war alles, was sich nicht der Erinnerung aufdrängte, daß

er nicht ein einziges Mal auf den Einfall gekommen war, sich nach dem

armen Valentin Pilgram umzusehen, mit dem er doch drei Semester lang die

gleichen Farben getragen -- der aus dem Korps geschieden war um eines

Entschlusses willen, den er heiß bewunderte wie alle Korpsbrüder ... Er

wußte, die andern pflegten eifrig den Verkehr mit dem ausgeschiedenen

Freunde -- er nahm sich täglich vor, ihn aufzusuchen, und täglich vergaß

er's in seinem Taumel von Sehnsucht und Erfüllung, Erfüllung und

Sehnsucht ...

Ja, Erfüllung ... und Sehnsucht ... Denn wenn Hans Thumsers flaumige

Jugend in Asta Thönys schimmernden Armen lag, dann am heißesten

verlangte seine Seele nach der andern, die Abend für Abend die ganz

großen, ganz lichten Visionen der Dichter verkörperte, statt jener

kleinen, sündigen, irdischen Geschöpfe, die Asta Thönys Kunst umspannte

...

Aber außerhalb der Bühne hatte er sie niemals wieder zu sehen bekommen

-- Jucunda, die allvergötterte. Es war ein förmliches Jucundafieber

ausgebrochen unter der Leipziger Jugend, der männlichen wie der

weiblichen, der akademischen wie der Philisterwelt ... Allabendlich

schritt die Künstlerin durch ein jubeltrunkenes Spalier ihrer Verehrer

zu ihrem Wagen -- nach jeder Premiere wiederholte sich die gleiche

Komödie. -- Der Kutscher strängte die Gäule schon vorher ab und stellte

sie auf Seite und sich daneben, damit ihm die Tiere nicht ganz verrückt

wurden und er selber ohne blaue Flecke vom Bock herunterkäme ...

Und Liebesbriefe ohne Zahl, voll ungelenker Gedichte, stammelnder

Mädchenverzückung und kecker Jungmännerwerbung flatterten in das

bescheidene Kämmerchen an der Katharinenstraße ...

Selbst die Waffenstudenten, deren Gesichtskreis doch sonst mit ihren

Couleurangelegenheiten völlig ausgefüllt war, wurden in den allgemeinen

Theatertaumel mit hineingezogen. Wenn Jucundas Triumphwagen mit seiner

keuchenden, brüllenden Bespannung durch die Straßen südlich des

Königsplatzes der Altstadt zurollte, dann blinkten in der Schar der

Ziehenden und der Geleitenden die Mützen der Korps neben denen der

Burschenschaften, der Turner neben denen der Landsmannschaften -- Arion

und Paulus wetteiferten mit dem heiligen Wingolf im Dienste der

Jucundabegeisterung ... Es war wie im Paradiese, da das Lämmlein bei dem

Tiger weidete ...

Und der regelmäßigste Besucher war der Gast der fest abonnierten

Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler, neben der Direktionsloge

... war der Erbprinz von Nassau-Dillingen. Zu jeder Premiere schleppten

die herzoglichen Leibdiener ein kostbares Blumenarrangement von

schier unermeßlichen Dimensionen auf die Bühne, daran ein Kuvert mit

geprägtem Wappen hing ... Es enthielt des Erbprinzen Visitenkarte,

darauf immer nur die Worte: »In Verehrung« ... geschrieben in einer

unausgeschriebenen Knabenschrift. Niemals aber hatte sich Jucunda

künftighin über den leisesten Versuch einer Annäherung zu beklagen

gehabt.

Und Jucundas Dank beschränkte sich stets auf den Hofknix vor der ersten

Parkettloge links ...

»So ist's recht, Langbeinchen,« sagte Franz Burg mehr als einmal zu der

jungen Freundin -- »so muß man's machen: hübsch in Distanz halten die

hochgeborenen Verehrer -- aber keinesfalls wegöden ... das hat keinen

Sinn -- immer warm halten -- man kann nie wissen, wozu man so etwas

einmal brauchen kann ...«

Und Jucunda begriff. Es blieb doch nicht nur bei dem Hofknix. Wie jeder

andre Spender einer Blumengabe bekam auch Erbprinz Heribert ein paar

Dankesworte auf goldgerändertem Kärtchen ... Anfangs waren's nur drei

konventionelle, schematische Zeilen ... Bei der dritten Spende aber

stellte sich ein Zusatz ein:

»Sie beschämen mich, Durchlaucht, -- ich weiß nicht, wodurch ich

soviel gnädige Anteilnahme verdient habe.«

Das nächste Mal enthielt das wappengeprägte Kuvert an der riesigen

Seidenschleife, die in den Nassau-Dillingenschen Landesfarben von einem

riesigen Lorbeerrade niederrauschte -- enthielt das Kuvert ein Briefchen

von zwanzig Zeilen:

Komödiantinnen: Roman · 第 9 / 19 段