»Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, daß der ... der
Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... daß er die
zurück tut nähm'!«
Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen
Gesellen stieg in ihr auf, der so viel für sie getan ... aus einem
ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natürlich war, daß
Jucunda es wohl verstehen mußte, würdigen konnte in seiner schlichten,
starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen,
daß er den kühnen, verhängnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze
getan -- rückwärts tun sollte ... Sie war in einer Luft groß geworden,
in die immerfort, aus den Stübchen der Mieter ihrer Eltern in die gute
Stube da hinten mit den grünen Plüschmöbeln, in die Träume ihres eigenen
Mädchenkämmerleins hinein -- die romantischen Vorstellungen und Begriffe
von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...
O sie wußte ganz genau, was es für den weiland Ersten Chargierten der
Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an
offiziellen Kneipabenden die grüne Mütze anlegte, zum Säbelduell fordern
zu können ... und was es nun erst bedeuten mußte, wenn sie ihm
zumutete, seine Forderung zurückzunehmen, ohne daß eine Sühne erfolgt
war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als
eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblümten
Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der
hilf- und ahnungslosen Mutter unmöglich aufgefaßt werden ...
Immerhin -- hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mußte dem Studenten so
dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um
Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zöglings
zu überbringen ... als ob er diese Bitte auch tatsächlich überbracht
habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung
einverstanden erklärte, dann war ja doch wohl für ihren Beschützer kein
vernünftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und
alles in schönster Ordnung ...
Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als daß
sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht hätte ...
Also er zieht seine Forderung zurück, und dann? Nun dann ist er, auf gut
deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps
ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert -- die Forderung
ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unsühnbare Feindschaft
zwischen den beiden jungen Männern besteht -- sie können nicht mehr auf
der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und
da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof,
Behörden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so
wird eben Pilgram dran glauben müssen ... Er hat sein Band verloren,
ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das
tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...
Das alles wußte Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen
weniger Minuten über all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und
ihn ...
Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es
weich, selbstlos, opferfreudig aufglühte um ihrer Ehre willen ...
»Sie haben weinen müssen -- -- -- das sollen sie mir bezahlen, die zwei
...«
Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und
nun?!
Hieß das nicht ... ihn schmählich verleugnen ... wenn sie nun
zurückwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz
raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich
erniedrigte?
Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles
das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht
alles Wahrheiten?!
Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen
... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof
in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die
Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater -- sie?!
Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn
Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ...
Jucunda wußte schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der
Macht, der Laune, des Glücks, des Wechsels, welche die schillernde Welt
regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und
unfaßbar glänzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte
Garderobiere, die auch einmal eine vergötterte junge Liebhaberin gewesen
war -- freilich nur am Stadttheater in Stallupönen, aber je höher der
Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder
der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf
sein Talent, seine eigene Kraft und Persönlichkeit zu bauen und die
Gunst der Mächtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ...
Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...
Er ... oder ich -- -- so stellte sich schließlich die Frage ... und
waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schließlich ... ersparte
sie nicht auch ihm durch ihren Entschluß, ihn fallen zu lassen, das
größere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier
Zweikämpfe mit schweren Waffen, unter den schärfsten Bedingungen?
Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel größeren, gar nicht
wieder gut zu machenden Skandal?!
Eine ... Enttäuschung ... eine schmerzliche Wunde für sein jugendlich
enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurückzog ...
mehr doch nicht ... Für sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft
als Künstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...
Gab es da eine Wahl?
Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber
zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz -- gebeten?! Nein, das
hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich
zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn
man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte,
aufgedrängt ... Und hatte sie nicht alles Mögliche versucht, ihn von
diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestürmt, als
ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...
Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinüber, herüber
schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...
Mutter Doris saß ganz still und gedrückt in ihrem Kanapee ... Daß sie
eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhängnisvolle Briefchen
aus der Hand gegeben ... das war ihr nun völlig klar ... Ihre
spießbürgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, daß man aus
solchen Beweisstücken Kapital hätte schlagen müssen ...
Selbstverständlich nicht im materiellen Sinne -- o nein, so etwas hatte
man ja gottlob nicht nötig ... Aber man kann doch nie wissen, wozu man
ein solches Zettelchen einmal gebrauchen kann ... So etwas läßt man sich
doch nicht ganz umsonst aus den Fingern drehen ...
Und dies Bewußtsein: die einzige Waffe, die ihre Tochter besaß, blöde,
gedankenlos aus der Hand gegeben zu haben -- das machte sie klein und
stumm ...
Jucunda schloß unterdessen ab. Ganz kühl, ganz klar hatte sie alles
abgewogen. Nein, es ging nicht ... Sie konnte sich nicht, wider ihre
innersten Lebensinteressen, von dem Don-Quichotte-Streich des jungen
Burschen durch dick und dünn fortschleppen lassen ... Losketten mußte
sie das Schiff ihres Glücks von der toll und steuerlos dahinrasenden
Fahrt des überheizten Dampfers, der sie so mir nichts dir nichts ins
Schlepptau genommen ...
Und doch ... und doch ...
'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen ... die
zwei ...'
Wenn man -- diesen Ton, diesen Blick nur los werden könnte ...
Pah ... Es =mußte= sein ...
Und schließlich und endlich -- wer war Herr Pilgram?! Ein gleichgültiger
junger Mensch, von dem sie nichts wußte, als daß er sie einmal sehr grob
in ihrer Arbeit gestört ... sich für diese Grobheit dann freilich sehr
manierlich entschuldigt ... und eine Abendstunde mit ihr geplaudert
hatte ... in der sie, das wußte sie ganz genau, ihm nicht die leiseste
Andeutung einer Sympathie gemacht hatte, die sie ja auch nie empfunden
hatte ... Denn schließlich, sie machte sich ja doch nicht das mindeste
aus ihm ... Er war ein kreuzbraver, aber doch durchaus alltäglicher
Geselle ... Ja, wenn noch etwas in ihrem Herzen sich geregt hätte bei
dem Gedanken an ihn ... die Ahnung von etwas Besonderem ... wie sie es
eben, vor einer halben Stunde, so deutlich gefühlt hatte im Gespräch
mit ... jenem andern grünbemützten Studenten, in dessen Zimmer sie jetzt
stand ... der so schöne Verse machen konnte und so seltsam verhaltene
Worte reden... in dem irgend etwas gärte und brodelte, das ihrem eigenen
Wesen und Wollen auf eine geheimnisvolle Weise verwandt war ...
Nein ... Herr Pilgram war ... irgendein Herr Pilgram ... war nichts und
niemand ... Herr Pilgram hatte sich in ihr Leben eingedrängt ... man
würde ihn mit möglichster Schonung, doch unmißverständlich wieder
hinauskomplimentieren müssen ...
»Es ist gut, Mutter ...« sagte Jucunda und wandte sich ruhig um. »Ich
will Herrn Pilgram schreiben ... jetzt gleich ... er soll seine
Forderung zurückziehen ... Den Brief kannst Du ihm hernach -- wenn wir
aus dem Theater nach Hause kommen -- dann kannst Du ihm den Brief auf
die Stube legen ... Hoffentlich ist er nicht zu Hause, wenn wir kommen
-- sonst -- na sonst mußt Du ihm den Brief eben geben.«
»Na, das is verninft'g von Dir, Mädchen!« seufzte die stattliche Frau
und atmete tief auf, daß die Korsettstangen knackten. »Hier, mache nur
schnell ... Da is ja der Schreibtisch, und Briefpapier liegt ooch genug
herum -- gleich setz' Dich und schreib'! Kannst Dich ja hernach bei dem
Herrn entschuld'gen ...«
Jucunda ging zum Schreibtisch des Studenten hinüber, fand Briefbogen,
entdeckte aber, daß sie sämtlich oben in der linken Ecke den Zirkel des
Korps Franconia und darunter das Monogramm des Eigentümers trugen. Da
drehte sie kurz entschlossen einen Bogen herum und schrieb auf die
Rückseite:
»Leipzig, den 31. Oktober 1888.
Sehr geehrter Herr!
Ihr ritterliches Eintreten für mich hat den gewünschten Erfolg gehabt:
die beiden Herren, die mir diesen abscheulichen Brief geschickt haben,
haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich bin über diese
Lösung hocherfreut und danke Ihnen innigst für Ihren gütigen Beistand,
ich weiß wohl, daß Sie mir ein großes Opfer gebracht haben. Nun ist
der Zweck Ihres Handelns erreicht. Bitte tun Sie mir nun auch den
Gefallen und nehmen Sie so bald als möglich Ihre Herausforderung zum
Duell zurück, damit nicht noch weitere Unannehmlichkeiten entstehen.
Ich bin mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigen Dankes
Ihre ganz ergebene
J. B.«
In einem Zuge, ohne Besinnen, hatte Jucunda geschrieben: Nun überlas
sie die Zeilen und wunderte sich, wie klar und einfach und
selbstverständlich das alles klang. Und darum wunderte sie sich noch
viel mehr, weshalb ihr nur so übel dabei zumute war. Sie hatte ja doch
recht, tausendmal recht ... Es war eine so klare vernünftige Lösung --
es konnte ja doch schlechterdings nicht anders gemacht werden ...
'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...'
Das war ja doch eigentlich ein Unsinn ... Was gingen ihn, den fremden
jungen Mann, ihre Tränen an? Was berechtigte ihn, für diese Tränen Sühne
zu fordern? Da war irgend etwas, das stimmte nicht ... ein Fehler, ein
Gedankenfehler ... Und aus diesem Fehler war alles entstanden ...
Dennoch ... Sie fühlte es ganz deutlich: Um das törichte, unbesonnene
Handeln des Jünglings war etwas Leuchtendes, etwas, das den Taten des
Mädchens von Orleans verwandt war ... Und es war wie in Talbots Worten,
des eisigen Vernünftlers, dessen hundeschnäuzige Kriegsmathematik vor
dem frommen Wahn der Jungfrau zusammenbrach:
»Unsinn, du siegst ... und ich muß untergehn ...«
Und während Jucunda Buchner den Brief kuvertierte und die Adresse darauf
schrieb:
»Herrn Stud. Pilgram«
-- seinen Vornamen entsann sie sich auf der Visitenkarte gelesen zu
haben, die er an seine Tür genagelt hatte, aber er wollte ihr nicht
einfallen -- als sie so schrieb, da empfand sie es ganz deutlich, ganz
unabweisbar, daß sein Tun gut und groß gewesen war ... und ihres frostig
und häßlich und gemein ...
»Da, Mutter, steck den Brief in Deinen Pompadour ... und jetzt« -- sie
zog die Uhr -- »sieben bereits!« Donnerwetter! Jetzt revidierte der
Inspizient drüben schon die Garderoben! Teufel auch -- höchste Zeit ins
Theater -- »Vorwärts, Mutter!«
»Willste nich Deine Kollegin daneben abholen?«
»Na -- die wird wohl schon hinüber sein -- aber ich kann ja mal
nachsehen ...«
Sie klopfte an die Tür des Nachbarstübchens, und da keine Antwort kam,
klinkte sie auf. Die kleine Kammer lag dunkel und still. Nur durch die
Fenster fiel der Schein der Gaslaternen von der Straße durch die
Gardinen, malte ein paar große Rechtecke an die weißgetünchte Decke.
Also Asta Thöny warf sich drüben bereits wieder in den steiflinigen
Brokat der Agnes Sorel ...
»Sie ist schon hinüber -- und kommt doch erst im ersten Akt -- und ich
muß schon zum Prolog 'raus ... Glücklicherweise nur das Bauernkleid ...
Vorwärts, Mutter ...«
Das hatte sie freilich nicht sehen können oder wenigstens nicht gesehen
in der Finsternis, daß auf dem Sofa noch einsam und regungslos der
junge Student gesessen hatte, das Poetlein, um dessen »schwindelschmalen
Pfad Abgründe klafften rechts und links ...«
Daß er noch immer da saß, seitdem das Mädchen sich aus seinen Armen
gerissen ... Alle Glieder und das Herz wie mit Blei beschwert vor
trunkener Zärtlichkeit, sein ganzes Wesen durchschauert von
Erfüllungsglück ...
Jucunda schritt über den Hof, der mit Dekorationsstücken vollgepfropft
war, die zum Schutze gegen den Regen mit Wachsleinwand verhangen waren
-- stolperte über die Beine des ausgestopften schwarzen Pferdes, dessen
Leichnam im dritten Akt so überzeugend die Stimmung des blutgedüngten
Schlachtfeldes heraufbeschwor -- nahm dies Stolpern für ein gutes Omen,
hastete weiter, so schnell, daß Mutter Doris in weitem Abstande hinter
ihr drein schnaufte ... Und als sie nun das schmale Pförtchen aus
Eisenblech öffnete, das zum Bühnenraum führte, als ihr der vertraute
Dunst von Schminke, wirbelndem Staub und Menschenbrodem entgegenschlug,
als sie den schlechterleuchteten Korridor, den halbdunklen Bühnenraum
kreuzte, auf dem die Arbeiter eben den Prospekt zum Prolog anbohrten ...
als sie dann die hallende Steintreppe hinanflog, in ihr Kämmerchen
schoß, wo die zerknitterte Krausen herzklopfend ihrer harrte -- (»Ach
Gottchen nee, gnäd'ges Fräulein, daß Se nu endlich kommen! Der
Inspizient und der Herr Oberregisseur sind schon sechsmal mind'stens
dagewäsen nach Ihn' fragen!«) als ihr weißes Gewand, als das blanke
Eisen ihrer Rüstung, ihres Helmes aufgleißten im hellen Licht der
Spiegellampen --
-- da fühlte sie, wie alles, alles abfiel, was dieser Tag ihr Fremdes,
Verworrenes, unheimlich Störendes gebracht. Fühlte, daß sie noch
dieselbe war wie gestern abend um diese Stunde -- dieselbe, die sie
immer sein würde, so oft der Rausch des Komödienspiels, des
Im-Spiele-Gestaltens über sie kam.
Sie riß die Taille ihres Straßenkleides ab, reckte die herrlichen Arme,
schmetterte durch den Raum, daß die Wände wankten:
»Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reißen,
Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm,
Den Feldruf hör' ich mächtig zu mir dringen,
Das Schlachtroß steigt, und die Trompeten klingen!«
Ja, es parierte, das erzene Organ ... vor dem sogleich die anderthalb
Tausend da drunten erzittern würden ... Ja, sie war es noch, um
derentwillen die alle da draußen vor allem doch gekommen waren -- die
Heldin des Stückes, die Heldin dieses Abends ...
Kaum stand sie im Bäuerinnengewand, die braunen Haare zu schlichtem
Flechtenbau um das runde Haupt gelegt, da trat Franz Burg ein, im
ledernen Koller bereits, doch noch ohne das rasselnde Blech drüber, noch
ohne Maske:
»Nun, Langbeinchen? Das kennt man ja gar nicht von Ihnen, daß Sie mal zu
spät kommen! Wie ist die Stimmung?«
»Prima prima!« lachte sie und leuchtete den Freund an.
»Nichts Neues in der Affäre?« fragte er leise.
»Nichts von Belang ... Ich denke, es renkt sich ein.«
»Oh!« Franz Burg zog die tiefschattenden Augenbrauen hoch -- »das wäre
aber jammerschade ... Können Sie denn nichts dazu tun, daß die
Geschichte mit dem nötigen Theaterdonner zum Klappen kommt?«
»Ach ... Ich bin froh, wenn sie aus der Welt ist ... Ich muß freien Kopf
haben, freie Arme zum Arbeiten, zum Schaffen ...«
»Soll ich Ihnen mal was verraten? -- Ihr Erbprinz ist im Theater -- hat
noch vor einer halben Stunde einen Levkoyen geschickt und eine Loge
bestellen lassen ... Da alles futsch war, hat der Intendant die
Direktionsloge zur Verfügung gestellt ...«
»Hm ... Das ist ja interessant ... Werde mir den jungen Herrn doch mal
anschaun ...«
»Sie kennen ihn noch gar nicht?«
»Keine Ahnung ...«
»Na -- die Hauptsache ist: Er ist da -- jedenfalls ein Beweis, daß man
nicht ungnädig ist ... Na, die Reklame haben Sie verscherzt, nun halten
Sie sich wenigstens den hochgeborenen Verehrer warm ...«
Der Inspizient steckte den Kopf zur Tür herein:
»Fräulein Buchner -- bitte auf die Szene!«
»Also, Langbeinchen, wieder mal: Hals- und Beinbruch!«
»Danke, Meister!«
Mit Wohlgefallen sah Franz Burg der weißen, stolzen Gestalt nach.
Künstlerblut! dachte er, kennt nichts als sich und ihre Arbeit ... Alles
andre ist Dreck ...
Und Jucunda schritt die Treppe hinunter. Alles grüßte mit vertraulicher
Höflichkeit, wenn sie vorüberging: die Friseure, die Bühnenarbeiter, die
Statisten, die Volontäre ...
Und in ihrer Seele schwoll die unbändige Lust des Schaffens. Es schwang
und klang in ihr von dröhnendem Jambenstrom und schmelzender
Trochäenklage ... »Frommer Stab, o hätt' ich nimmer mit dem Schwerte
dich vertauscht« ... Kaum konnte sie das Maß, die scheue, entrückte
Gebärde für die Stimmung des Anfangs finden, da sie noch ein schlichtes
Hirtenmädchen ist, von geheimen Stimmen, phantastischen Visionen
geängstigt, doch ihrer Sendung noch ahnungsvoll unbewußt ...
Und endlich rauschte die Gardine empor, wogte drunten das Gebraus, das
wohlbekannte, von Zettelknistern und Räuspern und Zurechtrücken,
klappten die Sitze der Zuspätkommenden, tönte das leise Zischen der
Gestörten ... Und all dies wirre Durcheinander verebbte nach und nach,
und die große schaurige Stille ward, in die ihrer Partner Verse
hineinklapperten, wie eine belanglose Ouvertüre, ein gleichgültiger
Auftakt des Augenblicks, da sie die ersten Worte zu sprechen haben würde
... Ach, aber wie endlos lang dieser Auftakt! Die kamen ja heut wohl gar
nicht vom Fleck, der alte Thibaut, ihre Schwestern, die Bräutigame --
biedre Chormitglieder, die heute ein paar Verse zu lallen hatten ...
Gesenkten Hauptes, stumm stand das Hirtenmädchen im Hintergrund ... Nur
zuweilen hob sie zaghaft und scheu die großen Augen, ließ sie von einem
zum andern flattern, als verstände sie die Sprache ihrer nächsten
Menschen nicht mehr ... Und aus den verträumten Augen Johannas d'Arc
spähte Jucunda Buchners ganz wacher, lauernder Sinn in den
Zuschauerraum, dorthin, wo dicht an der Rampe links die Direktionsloge
lag ... Die Lichter blendeten abscheulich -- dennoch konnte sie
allmählich ganz vorn, matt angestrahlt vom Widerschein des hellen
Bühnentages, zwei Gesichter erkennen: ein fahles, junges mit der
blinkenden Scherbe im Auge -- und daneben ein verwettertes,
tiefgebräuntes mit flatterndem Schnurrbart ... Also das waren die zwei
-- »von Dillingen -- von Gorczynski« -- das waren die Schreiber des
verhängnisvollen Briefchens -- die Spender des Rosenturms und der ...
beiden ... blauen ... Lappen ...
Achtung jetzt! Bertrand kommt, den blinkenden Helm in der Hand, den »ein
Bohemerweib« ihm aufgedrungen im Gewühl ... Gleich wird das Stichwort
kommen ... Horch ... Die letzten Verse rannen hin:
»Da war das Weib mir aus den Augen schnell --
Hinweggerissen hatte sie der Strom
Des Volkes, und der Helm blieb mir in Händen.«
In diesem Augenblick versank alles, alles ... Jucunda Buchner versank,
und nichts mehr war als Johanna von Orleans ... Die schoß nun wie ein
Meteor aus der scheuen Zurückgezogenheit vor, riß dem alten Bauern den
Helm aus der Hand:
»Gebt mir den Helm!«
Erschrocken fragt der Alte:
»Was frommt Euch dies Gerät?
Das ist kein Schmuck für ein jungfräulich Haupt!«
Und wie eine Fanfare jauchzt es aus der endlich entfesselten Brust der
jungen Heldin:
»Mein ist der Helm -- und mir gehört er zu!«
Alles -- alles ist versunken -- nur eines wirkt und wogt: der große
Rausch des Schaffens ...
Und Johanna wurde erst wieder Jucunda, als nach dem ersten großen
Monolog die Gardine sank und gleich darauf, wie hinweggerissen vom Orkan
des Beifalls, wieder emporrauschte ... als tausendstimmiger Jubelruf sie
umbrandete ...
Da war Jucunda wieder da -- ganz wach, ganz klar ... Und sie neigte sich
... neigte sich zuerst mit tiefem Hofknix nach der Direktionsloge.
9.
Als Herr Borgmann Neo-Borussiae das Hotel Hauffe verließ und verloren,
ziellos nach dem Augustusplatz hinüberschlenderte, kam er sich
entsetzlich dumm vor. Was sollte er nun seinem Auftraggeber und
Doppelgegenpaukanten ausrichten? Man hatte seine Forderung nicht
angenommen, aber auch nicht abgelehnt ... Ein Witz ... aber ein fader
... Ist bei Ihrem Auftraggeber eine Schraube los? Rabiater Bursche --
ich danke für einen Skandal ... Koller ... Pathologischer Zustand ...
Verlange absolut geräuschlose Erledigung ... Rechne dabei auf Ihre
Mitwirkung ... Das waren so ungefähr die Schlagworte, die Herrn Borgmann
noch im Gedächtnis hängen geblieben waren und nun in der korrekten
Chargiertenseele einen tollen Tanz vollführten ... Ja, was sollte man
auch einem Prinzen antworten, der von korpsstudentischer Direktion und
Haltung keinen Schimmer hatte? Der eine so blutig ernste Sache wie eine
Säbelforderung einfach behandelte ... wie ... na wie einen
Hanswurststreich ... wie einen faulen Kalauer?!
Und das hatte man sich gefallen lassen? Man hatte Ja und Amen gesagt zu
der ungeheuerlichen Zumutung, nach solch einem Affront auch noch an
einer ... hm, hm! geräuschlosen Beilegung mitzuwirken?!
Herr Borgmann nahm die weiße Mütze mit dem weiß-schwarz-weißen
Randstreifen ab und tupfte die von weißblonden, seltsamerweise schon
etwas gelichteten Haaren umsäumte Stirn. Was konnte man seinem
Auftraggeber nun eigentlich berichten? Hatte der Prinz irgend eine
Erklärung zur Sache selbst abgegeben? Eine Entschuldigung bei der
beleidigten jungen Dame in Aussicht gestellt? Nicht das mindeste ... Er
hatte nichts weiter geäußert als Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des
Mandanten -- und das kategorische Verlangen, die Sache müsse aus der
Welt geschafft werden!
Na, und du, Wilhelm Borgmann, Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster?!
Was für eine Antwort hast du gefunden?
Gar keine! Völlig aus dem Konzept hat man dich gebracht, verblüfft,
verhohnepiepelt ... Schindluder hat man mit dir getrieben, ganz einfach!
Und warum? Warum hast du nicht aufgemuckt? Warum hat deine ganze
mühevoll erworbene korpsstudentische Direktion, deine Haltung, dein
Schimmer dich verlassen? Weil dies junge hagere Herrchen im hellblauen
Dragonerüberrock mit den silberblinkenden Knöpfen ein ... Prinz von
Geblüt war ... Da war von deiner Spießbürgerseele der dünne Firnis des
Kavaliers abgefallen, den man dir in einer Dressur von fünf Semestern
aufgepinselt -- und du warst in Lakaiendevotion submissest
zusammengeknickt!
Und drüben im Theaterrestaurant sitzt der unglückselige Pilgram, weiland
Franconiae, und wartet auf Antwort ... Wartet auf das Schicksal ...
Ja, was sagt man ihm nur? So wie die Geschichte in Wirklichkeit
abgelaufen ist, so kann man sie ja gar nicht erzählen -- der rabiate
Bursche schlägt sonst Krach! Das muß man sich erst ein bißchen
zurechtlegen ...