»Du --?« sagte Asta, »daß Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente

machst! Das ist =meiner=, verstehst Du mich? Aber Du mußt immer alles

für Dich haben ... die Blumen -- die Kränze -- die ausgespannten Pferde

-- die Verehrer, alles muß sie allein haben! Und so was redet von

Freundschaft und Kollegialität! Schämen sollten S' Ihnen, mein

Fräulein!«

Hans wurde glühendrot. »Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer über

mich lustig ... ich weiß ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur

das eine muß ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag für

mich bedeutet ... Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch

und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dächse so führen auf deutschen

Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ...

groß und ... schön um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...«

»Gott, wie süß er ist -- gelt, Jucunda?« sagte Asta und streichelte dem

Studenten mit einer raschen, zärtlichen Bewegung ganz leise und flüchtig

die glühende, narbenzerrissene Wange. »Nur mehr so Schönes, nur mehr! So

was kann man gar nicht genug hören!«

»Ach -- Sie scherzen wieder, Gnädigste --« sagte Hans. »Sie sind weit

schönere Worte gewohnt ... Sie verkehren am Hof -- inmitten von Geist

und Grazie ... die Dichter, deren Werke Sie verkörpern, huldigen Ihnen

...«

»Der hat Ahnung, gelt?« lachte Asta halb verschmitzt halb schmerzlich zu

ihrer Kollegin hinauf, in deren Arm sie sich drückte.

»Nein, Herr Thumser,« sprach Jucunda langsam, »Sie haben doch wohl eine

etwas -- na sagen wir mal zu ideale Vorstellung von unserm Leben ...

Glauben Sie mir nur, es gibt nicht viel Männer, die so zu reden wissen,

daß es einem wohltut ...«

»Gewiß, ich glaub's -- so verwöhnt, so anspruchsvoll wie Sie sein müssen

... denn so jung wie Sie sind, Sie sind berühmt, alles liegt Ihnen zu

Füßen, Sie kommen wie das Schicksal ... wehe dem, der Ihnen verfällt

...«

Ein Schatten war bei diesen Worten über die enthusiastischen Züge

geflogen, die flammenden Augen hatten sich verdunkelt.

Jucundas Stirn hatte sich langsam zusammengezogen.

»Wie das Schicksal?« fragte sie, »wie meinen Sie das?«

»O ... ich dachte an ... eine gewisse Geschichte ... eine sonderbare,

aufregende Geschichte ... von der Sie doch wohl auch wissen müssen ...«

»Sie ... meinen ... die Sache ... mit Herrn Pilgram? Von der wissen Sie

also auch schon?«

»Ich weiß ... selbstverständlich weiß ich ... wir sind ja doch

Korpsbrüder ...«

»Eine ... Sache?« fragte Asta ganz erstaunt. »Was hat's gegeben? Hast

mir ja doch gar nichts davon erzählt, daß es was gegeben hat? Heraus mit

der Geschichte!«

»Ich möchte ... eigentlich überhaupt nicht davon sprechen ...« meinte

Jucunda.

»Und ich ... ich halte mich ebenfalls nicht für berechtigt ...« setzte

Hans befangen hinzu.

»Schöne Sachen sind mir das!« zürnte Asta. »Ich bring' Euch zwei

zusammen, und schon habt Ihr Geheimnisse miteinander, und ich werd'

ausgesperrt und hab 's Zuschau'n! Na wartet -- jetzt kommt der Tee mit

dem Kuchen, hernach setz' ich Euch vor die Tür und ess' alles alleinig!«

Jucunda hatte einen Moment sinnend den Rauchwölkchen ihrer Zigarette

nachgestarrt. Es war dämmrig im Zimmer geworden. Frau Wehe kam mit dem

Tee, dem Gebäck, zündete die Petroleum-Hängelampe über dem Tische an,

und hell gleißten nun die drei jungen Gesichter auf dem Hintergrunde der

abgenutzten Stube, die rasch in völliges Dunkel versank.

Als die Wirtin gegangen, sagte Jucunda langsam: »Ich verstehe, daß Sie

sich über die ... Angelegenheit ... die bewußte ... nicht gern

aussprechen. Aber Sie werden begreifen: ich bin ziemlich gespannt. Sie

wissen schon drum ... also die Sache kommt doch, scheint's, wirklich an

die große Glocke. Ich bin ja schließlich doch ein bißchen beteiligt ...

Wollen Sie mir nicht sagen, was inzwischen eigentlich passiert ist?«

»Hm ... wenn unsre ... gütige Gastgeberin gestattet, daß wir uns in

ihrer Gegenwart über ... eine Sache unterhalten, die sie nicht ... in

die wir sie nicht einweihen dürfen?« »Na macht schon, macht schon ...«

maulte Asta, »Ihr brennt ja darauf, Eure Geheimnisse auszutauschen ...

ich ess' Kuchen.« Und wütend bissen ihre blinkenden Zähne in einen

braunlächelnden Mohrenkopf.

»Also kurz ... Er ... ist aus dem Korps ausgetreten ... und hat die ...

die bewußten beiden Herren auf Säbel ohne ohne gefordert ... Genügt

Ihnen diese Andeutung?« fragte Hans.

»Hm ... und mehr ... wissen Sie also noch nicht?«

»Noch nicht.«

»Immerhin ... also der Skandal ist fertig. Schöne Bescherung ...«

»Hol Euch der Satan, Kinder, Ihr macht eins aber wirklich neugierig wie

eine Ziege!« sagte Asta und ließ die kuchenstopfenden Finger sinken.

»Säbelforderung -- Skandal ... und dabei habt Ihr Euch vor einer halben

Stunde erst kennen gelernt vor meinen sehenden Augen ...«

»Gott, warum soll man's ihr schließlich nicht erzählen?« meinte Jucunda.

»Morgen weiß es ganz Leipzig ...«

»Hast einmal wieder was, womit Du Dich kannst int'ressant machen,

Jucunderl? Gott, das Mädel hat einen Dusel! Daß es um Dich geht, soviel

hab' ich schon heraus ... Also es werden zwei sich die Köpf'

entzweischlagen Deinetwegen ... hernach schauen die Leut' unsereins

überhaupt nicht mehr an ... und so ist's in allem! Schon wie's heißt --

Jucunda! Wie kommt bloß ein Vater auf die Idee, so ein Wurm 'Jucunda' zu

taufen? Als ob er damals schon geahnt hätt', daß das Kind einmal wird

unters Theater gehen! Sag' doch, Mädel -- wo kommst an so einen Namen,

so ein' ausgefall'nen?«

»Ach -- das ist einfach genug ... da war eine alte Tante, die eine

Beamtenpension zu verzehren hatte und so schöne uralte Möbel und Bilder

gehabt hat aus der Goethezeit ... um die sind alle Verwandte herum

gewesen erbschleichen ... aber meine Eltern haben den Vogel abgeschossen

und mich nach ihr getauft ... das hat sie so erschüttert, daß sie mir

den ganzen Krempel vermacht hat ...«

»Ach -- und nun hast Du das ganze schöne Zeugs?«

»I Gott bewahre -- verkauft hat's mein Vater und für mich in einem

Sparkassenbuch angelegt ... und davon sind mein Studium und meine

modernen Kostüme bezahlt worden -- paar Groschen werden wohl auch noch

da sein, denk' ich ...«

»Ja schaust, was Du für ein Glückskind gewesen bist ...« Astas Augen

irrten in die Ferne, ein ganz fremder Ausdruck von Bitterkeit und Ekel

umschattete das pfirsichweiche Oval. -- »So eine Tante wenn ich gehabt

hätt', meinetwegen hätten s' mich Eulalia mögen taufen! Ich hab' das

alles allein müssen schaffen, so gut oder -- so hundsfött'sch wie's hat

gehen mögen ... Dabei wird man ein armes, gerissenes, mit allen Hunden

gehetztes Wildkatzerl allenfalls ... und wenn man ein bisserl Talent

hat, hernach wurschtelt sich eins am End' auch noch rechtzeitig in die

Höh' ... aber eine Priesterin, vor der die Menschen sich platt auf den

Bauch schmeißen, eine Jungfrau von Orleans wird man nicht auf die Art!«

Mit herablassender Zärtlichkeit streichelte Jucunda die zierliche

Kollegin. »Ich sollte meinen, Asta, Du könntest noch ganz zufrieden sein

mit Dir -- nicht wahr, Herr ... Gott, dieser lächerliche Name -- schon

wieder hab' ich ihn verschwitzt --«

»Herr Dummerle!« half Asta ein, und um die schmerzlich verzogenen Lippen

huschte schon wieder der Schalk.

Hans Thumsers Blicke wanderten rastlos von einer zur andern. Welches

Glück, daß er den goldenen Apfel des Paris nicht zu vergeben hatte!

Und Valentin Pilgram? Und die Affäre? Schon längst wieder versunken ...

kaum die Oberfläche des Gesprächs hatte sie gekräuselt, die Geschichte

von dem wackren Gesellen, der um dieses achtzehnjährigen Weibes willen

sein Blut, sein Schicksal aufs Spiel gesetzt hatte -- als Dank für ein

paar freundliche Worte, die sie ihm geschenkt ...

Dieser Gedanke tauchte dann und wann flüchtig auf in Hans Thumsers

Denken -- aber die Gegenwart, die nie erlebte, der beiden jungen,

blutjungen und doch schon aller Machtmittel ihres Geschlechtes kundigen

Geschöpfe verdrängte das Bild des Korpsbruders, das heut morgen in so

lichtem Heroenglanze gestrahlt hatte.

»Sagen Sie, Herr Thumser, was studieren Sie eigentlich?« fragte Jucunda.

»Gott, was studier' ich? Die Geheimnisse des S. C. Paukkomments -- die

Kunst, eine Tiefquart unter der steilsten Auslage hindurch in die

Nasenspitze des Gegners zu dirigieren ...«

»Das glaub' ich nicht ... so sehen Sie nicht aus, als ob das alles wäre,

was Sie treiben ...«

»Na ... meine kümmerlichen Versuche, mich mit der Juristerei

anzufreunden, werden Sie mir doch wohl kaum am Gesicht ansehen können?«

»Das nun schon gar nicht! Nein, es steckt noch etwas andres hinter Ihnen

--«

»Soll ich's verraten?« fiel Asta ein -- »ich weiß es nämlich ...«

Und mit ihrem Spitzbubenlächeln, das Köpfchen tief auf die weiche

Schulterlinie geneigt, fing sie an zu rezitieren:

»Ich bin ein junger Korpsstudent,

Die Schuhe Lack, der Rock patent,

Korrekt und schick an mir ist alles --

Im Portemonnaie nur --«

»Halt! Gnade!« rief Hans und legte seine Hand beschwörend auf Astas

runden Unterarm -- von dessen Wärme süße Schauer in seine Fingerspitzen,

seine Arme, sein Blut hinüberströmten.

»Ach -- sieh da -- Verse -- und von Ihnen?« fragte Jucunda. »Also ein

junger Schiller -- oder Goethe? Sieh da!«

»Ach Gott -- diese elenden Knittelreime -- wenn man nichts Besseres

könnte ...«

»Oh -- das ist aber nicht hübsch von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so

wenig angestrengt haben --« sagte Asta. »Na, was können Sie denn

Besseres? Heraus damit!«

»Jawohl, Herr Poet, eine Probe Ihrer Kunst!«

Hans Thumser ließ sich nicht lange bitten. Er sann einen Augenblick

nach. Dann richtete er sich unwillkürlich etwas auf, ein feierlicher,

strahlender Ausdruck kam in seine Züge; und in tiefinnerer Bewegung

sprach er:

»Abgründe klaffen rechts und links

Von meinem schwindelschmalen Pfade,

Und hinter mir schleicht stumm die Sphinx --

Doch über mir geigt Engelsgnade.

Ich aber will nachtwandlerkühn

Den Gratgang bis ans Ende wagen,

Und hell durchsonnt von Morgenglühn

Der Harfe gold'ne Saiten schlagen!«

»Ah ... bravo ... das ist wirklich ein Gedicht ...« sagte Jucunda. »Sieh

da -- wer hätte das hinter diesem wandelnden Modejournal gesucht ...«

»Oh ... seh' ich aus wie ein wandelndes Modejournal?«

»Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...«

»Gott ja -- es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jünglinge

aus dem Café Größenwahn -- von denen mir ein Berliner Korpsbruder

neulich erzählt hat.«

»Nein, da haben Sie recht,« sagte Jucunda. »Die Sorte kenn' ich auch --

aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir,

der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes

Modejournal herumgelaufen, während seine Kollegen lange fettige Haare

und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da -- also so schaut ein

junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber

das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nüchterne

und ... ernüchternde Herren ... Sie sind nicht nüchtern, Herr Thumser,

Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum -- wenn Sie auch noch so

schneiderelegant aufgemacht sind ...«

»Ja, das ist wahr!« sagte Hans lebhaft. »Ewiger Rausch! Sie haben recht!

Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her

-- von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht

die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz

viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so

erleben darf, die Schönheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich

zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...«

Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen -- mit

hochaufgerichteten Leibern saßen die jungen Menschen einander gegenüber,

und Ströme des Lebens rauschten von einem zum andern.

Jucunda fühlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen,

in dem ihr weiblicher Instinkt die gärenden, schäumenden Kräfte witterte

... und Hans Thumsers gläubiges Märchenherz erblickte in dem weißen, vom

Schöpfer in einer Künstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die

fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem

Werdenden, die Fülle zu offenbaren ...

Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre

Versunkenheit gedrungen -- ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu

haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...

Asta Thöny hatte den Kopf in die Finger gedrückt, die Hände auf die Knie

gepreßt ... ganz in sich zusammengekauert saß sie da, die zierlichen

Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein

paar glänzende Locken gelöst und rollten über den weißen Nacken ...

»Aber Kind -- was ist Dir nur?« fragte Jucunda und legte den Arm um die

Hüften der Kollegin.

Aber die schüttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster

hinüber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die

Scheiben ...

»Aber ... was ist Ihnen denn nur, gnädiges Fräulein?« stammelte Hans

Thumser.

»Ach, geht mir doch -- laßt mich doch in Ruh, Ihr zwei! Poussiert doch

miteinander, so viel Ihr Lust habt -- aber nicht in meiner Gegenwart!«

»Aber Kind!« sagte Jucunda, stand auf, sah Hans an mit einem Blick, der

für die Kollegin um wohlwollende Nachsicht zu bitten schien, wie für ein

törichtes, verzogenes Kind, und trat zu ihr ans Fenster.

»Ach, gehen Sie doch, Buchner -- lassen Sie mich! Es ist ja immer

dieselbe Geschichte! Alles müssen Sie für sich haben, alles belegen Sie

mit Beschlag -- alles muß zu Ihren Füßen liegen, keiner andern gönnen

Sie was! Den Jungen da, den hab' ich nun entdeckt -- und kaum hab' ich

ihn eingeladen, schon sind Sie da, als wenn Sie's gewittert hätten --

und gleich geht's los, das alte Spiel -- nur Jucunda Buchner redet, man

sieht nur sie, man hört nur sie, man vergafft sich nur in sie, nichts

existiert auf Gottes weiter Welt, nichts und gar nichts, als einzig und

immer wieder Jucunda Buchner!«

»Herr Thumser, ich bitte Sie um Ihr unparteiisches Zeugnis!« sagte

Jucunda ruhig, ganz beherrschte Weltdame -- »ist das nun gerecht, wie

diese Dame mich behandelt? Habe ich auch nur den geringsten Versuch

gemacht, Sie -- wie hat sie gesagt? -- mit Beschlag zu belegen? Haben

wir nicht vollkommen harmlos geplaudert alle drei? Und auf einmal aus

heitrem Himmel diese Explosion? Habe ich das verdient, Herr Thumser?

Bitte, sprechen Sie.«

In tödlichster Verlegenheit hatte Hans Thumser diesen Ausbruch, dieses

Zwiegespräch der Kolleginnen über sich ergehen lassen. Er suchte

vergebens nach der rechten Antwort auf Jucundas Frage.

»Gnädiges Fräulein ...« stammelte er zuletzt, »verzeihen Sie, wenn ich

auf Ihre Frage nicht antworte. Wir sind beide Fräulein Thönys Gäste ...

Ich bin untröstlich, daß ich Ihr Mißfallen erregt habe, Fräulein Thöny

... ich darf Ihnen zwar versichern, daß es keineswegs meine Absicht war,

Sie irgendwie zu ... wie soll ich sagen? ... zu vernachlässigen ... Wenn

ich dennoch ... es an der schuldigen Rücksicht habe fehlen lassen -- so

bitte ich tausendmal um Entschuldigung ...«

Asta Thöny antwortete nicht. Sie stand noch immer am Fenster ... der

Schein der Straßenlaternen von drunten umrandete ihre dunkle Silhouette

mit einem silbernen Streif -- den weißen Batist, den zarten Flaum des

Armes, die Flimmerlöckchen des schwarzen Haars. Wie das Kabinettstück

eines der holländischen Kleinmeister sah das aus.

Jucunda und Hans blickten einander an -- der Jüngling in ratloser

Befangenheit, das Mädchen gelangweilt, mit verdrossenem Achselzucken ...

In diesem Augenblick erklang draußen eine heftige, erregte Stimme, die

Jucunda auffahren machte:

»Na, Gott sei Dank und Lob -- endlich also! G'sucht hab' ich das Mädchen

durch die halbe Stadt ... nee so was, nee so was!«

Die Tür sprang auf, und eine massive Frauengestalt füllte den Rahmen --

Frau Wehe verschwand fast ganz hinter dem roten, schwitzenden Gesicht,

das von den Samtschleifen, den Seidenbändern eines schwarzen Kapothutes

eingesäumt war -- hinter den mächtigen Schultern unterm perlbesetzten

Samtcape ...

»Jucunda -- endlich ... Wenn Du wüßtest, was ich hab' müssen aussteh'n

diesen Nachmittag Dir zuliebe ... Daß mich der Schlag nicht hat

gerührt, das is mir ä blaues Wunder ...«

»Mutter -- Du?« sagte Jucunda langsam und ungnädig. Sie empfand dunkel,

daß diese Erscheinung in schroffem Widerspruch stand zu dem mystischen

Glanz, der, sie wußte es, von ihr ausging, wenn sie wollte, und wenn der

Glückliche, der in diesem Glanze stand, die nötige Naivität besaß.

»Was ist denn passiert? Darf ich zunächst bekannt machen? Meine Kollegin

Fräulein Asta Thöny -- Herr Studiosus -- na wie war's doch noch?

Dummser, nicht wahr?«

»Thumser,« sagte Hans.

»-- meine Mutter, Frau Rat Buchner. Also was steht Dir zu Diensten,

Mama?«

»Nu nee -- ich weeß nich recht, ich mecht wohl mal e Wertchen mir Dir

alleene sprech'n, Jucunda ... Entschuldigen Se nur, meine Herrschaft'n

-- aber kannste nich e bißchen mit mir uff de Straße 'nunter kommen,

Kind?«

»O bitte, gnädige Frau, wenn Sie mit Ihrem Fräulein Tochter etwas unter

vier Augen zu besprechen haben« -- fiel Hans Thumser ein -- »meine Stube

ist nebenan, die steht Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung -- darf ich

Mutter Ach -- Frau Wehe, wollt' ich sagen, darf ich ihr Auftrag geben,

daß sie Licht macht?«

Jucunda dankte mit einem Lächeln, kühl und hoheitsvoll, wie nie zuvor,

als gälte es, den etwas befremdlichen Eindruck, den das Erscheinen ihrer

Mutter gemacht, durch doppelt königliches Wesen wettzumachen. Und Hans

und Asta blieben allein zurück.

Stumm war's im Zimmer, während jenseits der Tür, jenseits der beiden

Kleiderschränke, die sie hüben und drüben verbarrikadierten, ein

erregtes Flüstern anhob. In weißen Schwaden lag der Zigarettenqualm über

dem Tisch, wob um die Hängelampe, ward von Wärmestrudeln in ihren Schirm

hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot

empor.

Ein weiches, brüderliches Gefühl zog Hans zu dem Mädchen hin, das noch

immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von

stoßweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschüttelt.

»Fräulein Asta!« sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das

Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in

seinem Leben mit einem Mädchen allein.

Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Tränen beim Klang der

gedämpften Stimme, die so erregt, so gütig ihren Namen sprach.

»Fräulein Asta,« sagte Hans noch einmal, »so wahr ich lebe, ich habe

nicht daran gedacht, daß mein Benehmen Sie kränken könnte. Und Sie

müssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, daß

ich ... daß ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gespräch

nur an Fräulein Buchner gewendet habe -- ich weiß wohl, daß ich

gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Fräulein

Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem

Sterbensgedanken gedacht ... ich wäre doch auch ein Narr ... Sie ...

Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschöpf ... Sie ahnen ja gar

nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf

der Bühne sah ...«

Er lauschte, ob eine Antwort käme ... aber regungslos stand das Mädchen,

Arm und Stirn an die Scheiben gepreßt, die von der Wärme ihrer Glieder

mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um

Schritt, der Fensternische näher schob, fiel sein Blick auf die

Sophienstraße: drüben, vorm Eingang des Carolatheaters, drängte sich

schon wieder, noch weit über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein

dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur

ersten Wiederholung der »Jungfrau« öffnen würde. Noch nicht

vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thöny zum ersten

Male gesehen ...

Aber ihre Tränen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rühren ... es

war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hören ... mehr ...

Hans Thumser fühlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges,

verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er

weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...

»Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mädchen berührt ... ich bin

ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie müssen Geduld mit mir haben

... Wenn Sie ahnen könnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ...

ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so

gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drüben ... in Ihrer Schönheit

... und heut nacht, o Mädchen, wie haben meine Gedanken, meine Träume

sich an Dich gedrängt ... hast Du das denn nicht gefühlt? nicht geahnt?

Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, daß Sie mir verziehen

haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...«

Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem

Knaben um den Nacken und überflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals

mit dem schäumenden Strom ihrer Küsse.

»Also, Jucunda, Du weeßt nu, was die Glocke geschlagen hat ...« beendete

drüben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht über

die schwerste Stunde ihres Lebens -- wie sie den Nachmittagsbesuch des

Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem

Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mützen, den staubigen,

verblichenen Bändern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden

Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden

Atemstößen der eingepreßten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn'

Unterlaß mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hängebacken

Erfrischung zu. Jucunda saß stumm in einem der geblümten Fauteuils, mit

zusammengepreßten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurückgeneigt, die

blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter

ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zügen der Tochter hing.

»Nu rede Du aber gefälligst ooch en Ton!« polterte Mutter Doris

schließlich heraus. »Ich mein', ich hätte mich nu genügend abgerackert

für Dich!«

»Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hören willst, Mutter: Du

scheinst mir eine märchenhafte Dummheit begangen zu haben.«

»I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wär'

das fier ä Dummheit, wenn's gefällig wär?«

»Wie Du den Brief hast herausgeben können, Mutter, das versteh ich

einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wäre,

ich hätte einen Postquittungsschein in Händen ... aber den Brief --

unglaublich einfach!«

Sie sprang heftig auf, stieß den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, daß

er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster -- starrte

hinaus, wie drüben vorher die zierliche Kollegin ...

Ach ... da drunten drängten sich die Massen -- eben war der Kassenflur

geöffnet worden -- stießen sich, balgten, prügelten sich um den Vorrang

... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen

anderen Gedanken als -- Jucunda Buchner?

Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der

Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter

-- kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit über das Mädchen. Pah

-- was konnte ihr geschehen?!

Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.

»Nee, weeßte, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich

versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer weeß wie sähre, daß De

so än Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's

geschickt hat, und holt sich's wieder ab -- un nu is ooch wieder nicht

recht -- -- un ich hab' Dir doch bloß die scheißliche Geschichte woll'n

vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das hätt' ich wissen sollen, dann

hätt' ich dem dicknäsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se

gefälligst wieder, wenn Fräulein Jucunda Buchner derheeme is -- mich

geht's nischt an!«

»Hättest Du das man getan, Mutter ... Ich hätte dem Herrn schon

beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht -- das kannst mir

glauben! Ach -- aber es ist ja alles egal ...«

Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine

knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte

hinein in ihren blendenden Schimmer -- und von jenseits, aus dem dunkel

gähnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergötterung der anderthalb Tausend

ihr entgegen ...

Komödiantinnen: Roman · 第 7 / 19 段