»Ich bedaure, als Kartellträger eine Kritik an dem Inhalt meines

Auftrages ... weder selbst ausüben noch ... entgegennehmen zu dürfen

...«

»Sehr korrekt!« lobte der Erbprinz. »Sie haben ganz recht -- verzeihen

Sie. Aber ich bin einstweilen dermaßen baff ... So was hab' ich denn

doch nicht für möglich gehalten.«

Und zu dem eintretenden Major mit einem boshaften Schmunzeln:

»Nun sagen Sie mal, mein Verehrtester -- was haben Sie uns da denn

eigentlich eingebrockt? Wir werden gefordert! Wir sollen uns prügeln --

weil wir den perversen Wunsch geäußert haben, mit der Jungfrau von

Orleans zu soupieren!«

Der Major begriff nicht -- mußte erst völlig aufgeklärt werden -- und

dann platzte er hell heraus ... Der Prinz stimmte ein, auch Borgmann

glaubte aus schuldiger Höflichkeit mitlachen zu müssen ...

»In der Tat, die Sache ist zum Wälzen,« sagte der Prinz -- »aber Teufel

auch, wie bringen wir diesen rabiaten Burschen, den guten Pilgram, zur

Ruhe? Wie die ganze verfahrene Karre wieder ins Gleis? Ich danke für

einen Skandal ... die Sache muß unbedingt in aller Stille arrangiert

werden.«

»Durchlaucht,« sagte der Major, »ich bin natürlich schuld. Ich habe

unsre ... hm, hm ... unsre vollkommen harmlose Soupereinladung scheinbar

doch ein bißchen zu herausfordernd stilisiert ... ich übernehme

selbstverständlich jede Verantwortung. Zunächst werde ich zu Fräulein

Buchner hinfahren, mich als den Schreiber des ... verhängnisvollen

Zettels bekennen ... und für mich, als den allein schuldigen Teil -- die

Verzeihung dieser ... nun der jungen Dame erbitten. Damit dürfte dann

wohl die Angelegenheit vollkommen erledigt sein -- nicht wahr, Herr

Borgmann?«

»Hm ... ich will's hoffen,« meinte Herr Borgmann etwas kleinlaut. »Wenn

ich den Fall richtig taxiere, ist mein Herr Auftraggeber in ... na, in

gewissen ... heiligen ... Gefühlen gekränkt ... die bei etwas

temperamentvollen jungen Leuten leicht eine ... etwas explosive Form

annehmen ...«

»Ach so -- Koller nennt man das ja wohl,« näselte der Erbprinz. »Ja ...

aber wenn ein solcher -- hm ... pathologischer Zustand gemeingefährlich

wird, dann muß eben eine Radikalkur versucht werden. Aeh -- die Sache

ödet mich ... Ich wünsche, lieber Herr von Gorczynski, daß Sie die

Angelegenheit völlig ins Reine bringen, verstehen Sie mich?«

»Gewiß, gewiß, Durchlaucht, ich werde es an nichts fehlen lassen ...«

hastete der Major beflissen.

»Und Sie, Herr Borgmann? Ich rechne auf Ihre Mitwirkung zu einer absolut

geräuschlosen Beilegung!«

»Durchlaucht wollen versichert sein, daß ich mein möglichstes tun

werde!«

Mit kurzer Verneigung schritt der Prinz an den beiden Herren vorüber und

überließ sie ihrer Ratlosigkeit. Auf dem Wege zum Speisesalon brach er

in ein schallendes Gelächter aus.

So eine gerissene Katze -- bringt's fertig, einen Prinzen, einen

Prinzenbegleiter und einen langen Laban von Schlagetot vor ihren

Reklamewagen zu spannen ... und sowas ist achtzehn Jahre alt und spielt

weißgewaschene Tugendengel dermaßen überzeugend, daß einem ganz

kniefällig dabei zumute wird ... Na, warte Du, Dich zähm' ich mir noch

mal, Du süße, weiße Bestie Du -- das lohnt doch noch der Mühe!

»Sie, lieber Aldringen, geben Sie mal 'n Glas Pommery -- aber etwas

lebhaft, bitte!«

7.

Major von Gorczynski hatte beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu

packen. So etwas Blödsinniges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht

passiert! Eine Soupereinladung an eine Bühnenprinzessin, die mit einer

Säbelforderung seitens eines Korpsstudenten beantwortet wird! Und noch

dazu eines Korpsstudenten, von dem man mit positiver Bestimmtheit weiß,

daß er allem, was Theater und Theaterweiber heißt, weltenfern steht! Das

war zu abgeschmackt ... Was konnte nur vorgegangen sein, das diese

ausgefallene Konstellation ermöglicht hatte! Das mußte man

herausbekommen ... Und das Einfachste war, man ging gleich vor die

rechte Schmiede ... Mit dem Mädel war jedenfalls noch am ehesten fertig

zu werden ... Absolut geräuschlose Erledigung hatten Durchlaucht

verlangt? Herr von Gorczynski kannte sich jedenfalls mit Mädeln noch

besser aus als mit dieser rauf- und trinkfesten Männerjugend in Band und

Mütze, deren Begriffe und Sitten so was mittelalterlich

Unkontrollierbares an sich hatten ... Also auf zu Jucunda!

Frau Kanzleirätin Buchner öffnete selbst die Tür und war nicht wenig

entsetzt, als ein nicht mehr ganz junger, höchst eleganter und --

hm! -- pikfein parfümierter Herr in Gehrock, Zylinder, hechtgrauen

Glacés an der Entreetür stand und Fräulein Jucunda Buchner zu sprechen

wünschte ...

»Fräul'n Buchner is aus -- tut m'r unendl'ch leid ... Aber wenn ich was

kennte bestell'n -- ich bin die Mutter.«

Herr von Gorczynski musterte die stattliche, rundliche Frau mit

Kennerblick. Es war nachmittags um vier, aber die ... Dame war noch

immer in Morgentoilette ... geblümter Schlafrock und Schleifenhäubchen

... Also aus so einem ... Milieu entstammte das Dämchen, für das der

Sohn eines hohen sächsischen Justizbeamten Korpsband und Karriere in den

Wind schlug ... Hm ... Das vereinfachte die Situation allerdings

außerordentlich. Herr von Gorczynski war auf eine feingebildete Familie

gefaßt gewesen ... Vielleicht Justiz, Universität, ein Predigerhaus ...

Und nun ... Na, wenn man mit so etwas nicht geräuschlos fertig werden

sollte ...

»So ... Sie sind die Mutter ... Na da ist es vielleicht am besten, ich

unterhalte mich erst mal ein wenig mit Ihnen ... Major von Gorczynski

ist mein Name.«

Frau Doris fühlte, wie ihr das Herz in die flanellenen Unterhosen

rutschte. »Ja, aber ... Sie sehen, Herr Major ... Ich bin Sie ja doch

gar nich angezogen ...«

»Bitte, das macht nichts ... Was ich Ihnen zu eröffnen habe, das können

Sie auch unangezogen hören. Also wenn ich bitten darf -- oder wünschen

Sie meine Erklärungen auf dem Hausflur entgegenzunehmen?«

»Ach nee ... Aber gewiß nicht, Herr Major ... Bitte treten Sie ein ...

in die gute Stube ...«

Herr von Gorczynski überflog mit demonstrativer Geringschätzung die

verschlissene Herrlichkeit des Buchnerschen Salons. Dann setzte er sich

mit einer gewissen Vorsicht, als fürchte er, der Samtfauteuil könne

unter ihm zusammenbrechen, in den grünen Plüsch und sah die vor Erregung

fiebernde Frau mit durchdringendem Blick an.

»Sie werden sich wohl ungefähr vorstellen können, weswegen ich komme,

Frau -- Buchner!« begann er scharf. »Nicht wahr?«

Frau Doris' Kinnbacken schlotterten. Da hatte man die Bescherung!

Und ihr Rat war fern ... Und das Kind ... Und sie mußte den ersten

Ansturm des Schicksals ganz allein aushalten, von Gott und aller Welt

verlassen ...

»Nu ja, nu nee ... denken ... kann ich mersch am Ende ...«

»Na also: Um's kurz zu machen: Ihr Fräulein Tochter hat eine Einladung,

wie sie in der ganzen Welt Abend für Abend an tausend und abertausend

Kolleginnen Ihrer Tochter ergeht -- die hat sie damit beantwortet, daß

sie mir und ... meinem jungen Freunde, in dessen Namen ich mit

unterzeichnet hatte, eine Forderung auf schwere Waffen hat überbringen

lassen. Darf ich mich zunächst erkundigen, in welchen Beziehungen der

... junge Herr, der sich zum Beschützer Ihrer Familienehre aufgeworfen

hat, zu Ihrer Tochter steht?«

»Aber ich bitt' Ihn', Herr Major -- in gar keener Beziehung. Er wohnt

hier im Haus ... zur Miete ... un da is er ... ganz zufäll'g is er dazu

gekommen, wie meine Tochter een Weinkrampf hat gekriegt, als das Bukett

ist angekommen ... un der Brief ... un ... un das Geld ...«

Hm ... das Geld ... und ... ein Weinkrampf ... verdammt peinliche

Vorstellung ... aber was war zu machen ... man mußte oben bleiben.

»So ... also in gar keinen Beziehungen ... verehrteste Dame, Sie haben

keinen dummen Jungen vor sich, dem Sie Lederstrumpfgeschichten

aufbinden können. Ich will also mal annehmen, der junge Herr ist der ...

Bräutigam Ihrer Tochter ...«

»Ne, ne, wahrhaft'gen Gott nich -- aber gar keene Ahnung ... e junger

Student, ne, ne, wie kenn' Se nur so was denken ... So was hat meine

Jucunda wahrhaft'gen Gott nich neetig!«

»Hm ... also nicht ... Na dann wollen wir's dahingestellt sein lassen,

welcher Art das ... Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten ist

...«

Jetzt hatte Frau Doris sich denn doch gefunden. Die Ehre ihres Hauses,

ihres Mädchens --? Ne, ne, damit durfte man denn doch nicht spaßen ...

»Heer'n Se, Herr Major,« rief sie zitternd, doch mit Entschiedenheit,

»das muß ich mir denn doch ganz ergäbenst verbitt'n! Meine Tochter hat

kein ... kein Verhältnis nich!«

»In dem Sinne, in dem Sie das Wort verstanden zu haben scheinen, habe

ich es durchaus nicht gebraucht ... und verbitte mir meinerseits eine

derartige Auslegung meiner Worte! Nun aber zu Ihrem Fräulein Tochter!

Hat sie -- und haben Sie als Mutter -- oder wenn Ihr Mann noch unter den

Lebenden ist --«

»Allerdings -- mein Mann ist der Kanzleirat Buchner -- ein königlicher

Beamter ...« warf Frau Doris ein, »Ritter des Albrechtkreuzes zweiter

Klasse ...« Sie richtete sich ordentlich auf an all diesen ehrenvollen

Tatsachen.

»Na also! Haben Sie alle zusammen sich denn eigentlich nicht klar

gemacht, was ein so ... rabiates Vorgehen denn eigentlich für Ihre

Tochter ... vielleicht auch für Ihren Mann ... bedeutet? Ich nehme an,

daß Sie bereits in Erfahrung gebracht haben, wer wir eigentlich sind --

wer sich hinter dem Namen von Dillingen versteckt -- hä? Wissen Sie das,

Frau Kanzleirat Buchner?«

»Ja, ja, ich weeß -- ich weeß,« stammelte die geängstigte Frau und fuhr

mit dem Rücken der fleischigen Hand über die feucht gewordene Stirn.

»Na also! Bilden Sie sich denn im Ernste ein, ein solcher Herr werde

sich wegen ... wegen einer Lappalie von einem x-beliebigen jungen

Menschen zur Rechenschaft ziehen lassen? Nee, verehrte Dame, die Sache

kommt anders: Es möchte Ihrer Tochter vielleicht doch peinlich sein,

wenn an ... eine gewisse Stelle ein Bericht über das ... eigentümliche

Interesse erginge, dessen Ihre Tochter sich in -- hm! Studentenkreisen

erfreut! Und wenn Ihre Tochter sich überlegt, daß ihr Kontrakt doch

am Ende noch nicht lebenslänglich und unkündbar ist, und daß es sich

wenig empfiehlt, sich die Gunst eines jungen Fürsten zu verscherzen,

der einmal der Brotherr eines der größeren deutschen Hoftheater sein

wird ... dann wird ihr am Ende klar werden, daß es ein bißchen übereilt

von ihr war, eine kleine Unbedachtsamkeit -- ich gebe ja zu, daß es

eine Unbedachtsamkeit war, Ihre Tochter ohne weiteres in eine Linie mit

der Mehrzahl ihrer Kolleginnen zu setzen ... Aber deshalb gleich nach

Blut -- nach Fürstenblut zu lechzen -- das scheint mir doch einigermaßen

kindisch!«

Völlig zerschmettert hatte Frau Buchner die Suada ihres vornehmen

Besuchers über sich ergehen lassen. Vor ihrem Auge tanzten hundert

gräßliche Bilder ... Der gnädigste Herr in Meiningen hatte Jucunda seine

Gunst entzogen -- ihr Vertrag war gekündigt ... Vergebens klopfte sie an

die Pforten aller deutschen Bühnen ... Als »schwieriges Mitglied« wurde

sie überall abgelehnt ... Das Elend lauerte, der Hunger ...

»Ne ... ne ... das is ja äne schreckliche Geschichte ...« stammelte sie.

»Nun, Sie scheinen ja Vernunft annehmen zu wollen. Ich empfehle Ihnen

also, unverzüglich mit Ihrer Tochter Rücksprache zu nehmen: Sie soll

ihren ... ihren jugendlichen Beschützer veranlassen, seine höchst

törichte und kindische Herausforderung zurückzuziehen ... Damit dürfte

die Angelegenheit eine für alle Beteiligten befriedigende Erledigung

finden. Sind Sie dazu bereit?«

»Aber mit dem greeßten Vergniegen -- 's wird sich doch am Ende noch

alles lassen ins reine bringen!« ächzte aufatmend die geängstigte Frau.

»Na also --« der Major erhob sich -- »ich rechne darauf, daß Sie Ihren

mütterlichen Einfluß in diesem Sinne geltend machen. Meine Empfehlung

an Ihr Fräulein Tochter ... und ... böse ... braucht sie uns nicht zu

sein ... Die ganze Sache war vollkommen harmlos gemeint ... also ...

adieu, Frau Kanzleirätin!«

Frau Buchner knixte ein übers andre Mal, während sie den Gast zur

Entreetür geleitete.

Auf der Schwelle wandte der Major sich noch einmal um.

»Apropos -- soweit ich unterrichtet bin, hat man bei Ihnen besonders

daran Anstoß genommen, daß meinem Briefchen ein ... ein kleines Geschenk

... in barem Gelde ... beigelegt war. Vermutlich haben Sie diese ...

diese kleine Aufmerksamkeit ... in Verwahrung genommen?«

»Allerdings ... das hab' ich ... in meine Wirtschaftskasse hab' ich die

Scheine eingeschlossen ... Jucunda wollte sie zur Post bringen, aber ...

sie wollte sich erscht noch nach Ihrer ... genaueren ... Adresse

erkundigen ... Na un von dem Wege, da is se noch nich zurück ...«

»Na, dann kann ich ihr ja den Gang ersparen ... Wenn Sie's mir gleich

aushändigen wollten ... und vielleicht --« ganz harmlos, nachlässig

wurde das hingelegt -- »vielleicht händigen Sie mir auch gleich das

Briefchen mit aus, das die Gemüter so sehr erregt hat -- und damit wäre

ja dann alles in schönster Ordnung ...«

»Gewiß, gewiß, Herr Major -- das hab' ich ooch ... alles kenn' Se

kriegen -- ich bin ja froh, wenn ich's aus 'm Hause hab ...«

Teufel auch ... das war mehr, als ich gehofft habe! schmunzelte der

Major, als er mit seinem Raube die halbdunkle Stiege hinunterknarrte.

Unten im Hausflur zog er den Brief hervor, entzündete ein Streichholz

und ließ das _corpus delicti_ in Flammen auflodern. Die beiden Scheine

aber, die er beim Empfang nur nachlässig in die Westentasche geschoben,

barg er nun sorgfältig in seinem Portefeuille. Es waren immerhin

zweihundert bare Mark ...

Und dann ging er zu Aeckerlein hinüber und bestellte eine Flasche

Heidsieck.

8.

Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrüder das Theaterrestaurant

verließ und über den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittäglich

durchhastete Grimmaische Straße nach dem Baarmannschen Lokal am Markt

hinüberspazierte, wo das Korps speiste -- da wirbelte ihm der Kopf

dermaßen vom Fieber des Erlebens, daß die erregten Gespräche der Freunde

nur wie aus weiter Ferne zu ihm herüberklangen. Und doch disputierte er

selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens

und Projektierens -- wie alles kommen würde -- ob man sich nicht

übereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine

minder schroffe Lösung des Konflikts hätte finden lassen ... Wie der

Erbprinz sich stellen würde ... und schließlich doch auch der Hof in

Nassau-Dillingen ... was der für Weisungen erteilen würde ... und was

all der welterschütternden Schicksalsfragen mehr noch waren.

Und dabei immer der heimlich bohrende, süß erregende, wonnesam

beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...

Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles

andre verdrängt durch das Mitgefühl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des

Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das

eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen

starkgemute Jungmännlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in

ihren Bann geschlagen hatte -- längst eh dies opferstolze Einsetzen

seines ganzen Daseins für ein fremdes Mädchen, das Kind einer andern

Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphäre

emporgehoben ...

Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flügelschlage die Gedanken um das

eigene Hoffen und Bangen ...

Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele

... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fünf? War's nicht

jener Dämon, der in seines Korpsbruders Leben so verhängnismächtig

hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprächen,

die in der Runde hin und wider flogen ... Daß es überhaupt eine Asta

Thöny gab, das wußte ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine

-- der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes

Herz gehörte, für dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengängen sein

junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ...

und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bühne gesehen -- ahnte

nicht, daß sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte

nicht ahnen, daß sie heimlich nächtens in ihre Kissen weinen und dann

plötzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.

Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen.

Die Füchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen

Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages.

Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zählte, wie eine

Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem

größten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er

heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, daß er heute, am

einunddreißigsten Oktober, noch fünfundachtzig Pfennige sein eigen

nannte ...

Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trägt, kann man unmöglich

ohne ein bescheidenes Blümchen in der Hand bei einer Dame zum Tee

antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld

hatte, eine Mark ...

Und endlich war's dreiviertel fünf ... Und wie ein Träumender strich

Hans Thumser die Petersstraße hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in

Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu

Jucunda? Er wußte es nicht ... es ging ... zu =ihr= ...

Und so war's fast eine Selbstverständlichkeit, daß er sie nun =beide=

fand ...

Die Stube schwamm von Zigarettenrauch ... Und auf dem Sofa, eng

aneinandergelehnt, zwei Mädchen ... die, die er zu suchen kam -- und die

andere ...

»Ach Gott ...« lachte Asta in komischem Entsetzen auf, »Herr ... na wie

heißen Sie noch? Herr ...«

»Thumser,« stotterte Hans und blieb ganz verdonnert an der Tür stehen.

»Richtig, Herr Thumser -- mein Zimmernachbar -- nicht wahr, Sie sind's

doch? Mein Gott, Sie hatt' ich wahrhaftig total vergessen --«

»O bitte, dann will ich nicht stören,« sagte Hans und griff zur Tür.

Ein Kübel Eiswasser, einem glutgedörrten Saharawanderer jählings über

den Nacken gegossen ...

»Aber nein! Stören! Weglaufen! Gibt's nicht!« Und das weiche Figürchen

in der nicht ganz tadellos frischen Batist-Matinee sprang auf, stand vor

dem schlanken Studenten, eine Hand, zart und warm wie ein

sonnendurchglühtes Rosenblatt, legte sich auf die seine und zog ihn ins

Zimmer.

»Nicht böse sein! Meine Kollegin ist mich besuchen gekommen, und da

haben wir uns verschwatzt ... Ist's denn schon fünf Uhr? Himmel -- und

wie's hier ausschaut! Frau Wehe! Frau Wehe! Schnell kommen Sie mal her

und räumen S' ab! Gestattest Du, Jucunda? Mein Zimmernachbar, Herr

Studiosus Dummler --«

»Thumser,« verbesserte Hans etwas pikiert.

»Pardon -- Thumser -- meine Kollegin Buchner -- die große Buchner,

wissen S'!«

Jucunda grüßte stumm und königlich. Sie hatte die grüne Mütze, die drei

Farben um die Brust des jungen Mannes wiedererkannt ...

»Ich weiß ...« sagte Hans. »Ich war gestern abend in der 'Jungfrau' ...

und ich bin auch unter denen gewesen, die --«

»-- ihr die Pferde ausgespannt haben -- natürlich! Das nächste Mal, Sie

Schlingel, spannen Sie mir die Pferde aus -- verstanden? Sonst ist's aus

mit der guten Nachbarschaft!«

»Wird gemacht!« sagte Hans, der sich wiederfand. »Inzwischen darf ich

wohl als bescheidene Entschädigung diese Blümchen ...«

»Ach -- das ist famos! Sehen Sie, Jucunderl, es wachsen heuer doch nicht

alle Blumen bloß für Dich ...« Und sie drückte den Studenten in einen

der verschlissenen, fettigen Damastfauteuils, welche Mutter Achs beste

Bude verherrlichten.

Einen raschen Blick warf Hans Thumser in der Bude umher. Wild sah's

aus ... auf dem Tisch noch die Reste des bescheidenen Mittagsmahls,

Aepfelschalen und die zerknautschten Mundstücke abgerauchter Zigaretten

trieben sich auf dem fleckigen Tischtuch herum ... und drüben auf dem

Bette aufgestapelte Mullröcke und Spitzenhöschen, auf dem Schreibtisch

ein zusammengerolltes Korsett, dazwischen unsaubere Hefte mit

ausgeschriebenen Rollen und zerflederte Reclambändchen ...

Asta war diesem Blick gefolgt und sah den Ausdruck von Mißbehagen, der

ununterdrückbar das schmissebedeckte tadellos rasierte Gesicht des

korrekten und gepflegten Jünglings überzog.

»Bös schaut's aus da drin, gelt? Aber warten S' nur, ich schaff' schon

eine Ordnung! Faß an, Jucunderl, Du bist ja schuld, daß ich so einen

feschen, jungen Herrn in so einer Schlamperei muß empfangen! Und Sie,

Frau Wehe« -- die noch immer hübsche, kugelrunde Wittib stand mit

nachmittagschlafgeröteten Augen in der Tür -- »hinaus mit dem Abfall da!

Und ein' Tee kochen S' uns, und Kuchen will ich seh'n und Schlagsahn'

und was sich sonst gehört! Da haben S' ein Geld!« Und wie ein Irrlicht

fegte das dunkellockige Mädchen in der Stube umher, hob den Bettbezug

aus gewebter, leidlich defekter Spitze, das Ueberbett in die Höhe,

stopfte die herumliegenden intimen Kleidungsstücke drunter und deckte

mit einem Spitzbubenlächeln wieder zu, griff in die Nachttischschublade

und warf ein paar Markstücke auf den Tisch, daß zwei, drei in die Stube

kollerten und Hans Thumser sich bücken mußte, um sie wieder aufzulesen;

griff dazwischen in die Zigarettenschachtel, schob ihren beiden

Besuchern, sich selbst und schließlich auch der verlegen grinsenden

Wittib eine Zigarette zwischen die Lippen:

»Da, Herr Dummser -- haben S' Feuer?«

Und da flimmerten auch die feuchten Lippen, die dunklen, flackernden

Augen dicht vor Hansens Gesicht, loderten ihn an, während sie mit ihm

zugleich am nämlichen Zündholz ihre Zigarette anbrannte ...

Inzwischen saß Jucunda stumm und königlich auf dem Sofa, ohne eine Hand

zu rühren, und ließ ihre runden blauen Augen von einem zum andern

leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem

Schalk zu der jungen Königin, von der jungen Königin zu dem rastlosen

Schelm ...

Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen

Aufseufzen warf Asta Thöny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas

kräftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das

schwarze, den braunäugigen Studenten an ...

»So, Herr Dummser, nu erzählen S' uns was!«

Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine

Schwestern waren um vier und fünf Jahre jünger als er, die zählten, samt

ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gören, oder wie man daheim

sagte, Blagen ... unfähig, die erhabene Größe eines Studenten, eines

Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschätzen. Und das Korps?

Es lebte außerhalb der Leipziger Gesellschaft, war völlig durch Mensur

und Kneipe absorbiert und kam höchstens auf dunklen und verschwiegenen

Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berührung ...

Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation

löste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine

nicht kennt ...

»Erzählen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts

erlebt, was des Erzählens wert wär' in solch einem Augenblick ...

aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? daß ich sehr glücklich

bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und

bewundert und beneidet um das Glück Ihres Berufs ... den Menschen das

Schöne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenüber ...

seien Sie mir nicht böse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm

und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gnädiges

Fräulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fühl' ich,

jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen

nichts erzählen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen

abzuquälen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie

anzuschauen ... und zu fühlen, ja bis ins Tiefste zu fühlen, wie schön

das ist ... was für ein Glück das ist!«

»Aber warum machen Sie sich selber so schlecht?« sagte Jucunda und sah

ihn groß an -- »Sie sprechen gar nicht übel ... im Gegenteil -- ich

meine, ich hätte noch niemals einen Menschen so sprechen gehört ...«

Komödiantinnen: Roman · 第 6 / 19 段