Aber was kann das helfen ... Ritterpflicht ist Ritterpflicht ... kein

Mädchen, und wär's zehnmal eine Komödiantin -- keine soll klagen, daß

ihre Ehre schutzlos sei, solange Valentin Pilgram noch eine Klinge

führen kann ... Hatte er sich nicht ihrem Dienste gelobt -- gestern

abend? Und wie rasch war das nun gekommen, daß dies Gelöbnis ihn zu

Taten rief!

Geld hatte man ihr zu bieten gewagt ... ihr, die ganz Deutschland

vergötterte ... ihr, die vor seinen Augen dastand in so stolzer

Reinheit, wie eine Heilige ... die hatte man kaufen wollen wie eine ...

wie eine aus den dunklen Gäßchen der Stadt, durch die am hellsten Tage

niemand gehen mochte --?! Das forderte Blut -- nur mit Blut war das zu

sühnen --!

Aber ... du selber, Valentin Pilgram --?

Hm ... ist das nun nicht eigentlich doch ein Narrenstreich? Hat sie

nicht doch recht gehabt, als sie sagte: was geh' ich Sie an --?!

O Valentin Pilgram, Rechtskandidat im achten Semester -- greif' in deine

Brust und frage dich: geht sie dich an -- diese -- diese da?!

Ja -- wenn eine in der Welt, dann geht diese da dich an ... denn,

Valentin Pilgram, so närrisch das auch klingen mag ... Du bist ...

diesem Mädchen bist du verfallen seit dem Augenblick, als sie durch die

Gasse des jauchzenden Volkes vor Karl den Siebenten trat ... und

zugleich in dein Leben, Valentin Pilgram, schicksalsgewaltig ... für

immer -- für alle deine Tage --!

Nun lag vor dem Schreitenden, herbstsonnenübergoldet, der Augustusplatz:

zur Rechten flimmerten die Wasser des Mendebrunnens, reckte sich die

finsterblinkende Front des Museums; zur Linken stieg in heiterer Anmut

der köstliche Bau des Neuen Theaters ins duftige Blau. Dorthin strebte

Franconias Senior, denn er wußte zu dieser Stunde das Korps im

Restaurant auf der Theaterterrasse zum Frühschoppen versammelt. Vor ihm

wanderte noch eine andere grüne Mütze: Pilgram ließ den Frankenpfiff

schallen: da fuhr der Kopf unter der grünen Fuchsmütze herum:

»Ah ... Pilgram --«

Ehrerbietig zog das blonde Füchschen vor dem gestrengen Ersten den

Deckel und sprang heran.

»Also, Hartwig, geh' zum Frühschoppen und sage dem Fuchsmajor, er möge

sofort die Korpsburschen zum außerordentlichen Korpskonvent

zusammenbitten! Ich erwarte die Herren im Flügelzimmer des Restaurants

-- verstanden?«

»Gewiß, gewiß, Pilgram -- ich laufe ...«

Und vom muntern Frühtrunk weg, von der sonnüberglühten Terrasse, wo bei

rauschender Musik die Korps ihren offiziellen Frühschoppen hielten

inmitten neugierig beobachtender Fremden, verschwand ein wohllöblicher

C. C. der Franconia unter dem Rundbogen, der zum inneren Lokal führte,

und versammelte sich in einem kühlen, abseitigen Gastzimmer zum Konvent

-- gespannt, was diese unerwartete Ladung zu bedeuten haben möge.

Die Franken waren's gewohnt, daß ein Ausdruck beklemmender Feierlichkeit

sich über das hagere Gesicht ihres Ersten legte, wenn er den

Korpskonvent eröffnete: aber so ... so unheimlich offiziell hatten sie

ihn doch noch niemals gesehen.

»Ich habe dem C. C. von einer persönlichen Angelegenheit Mitteilung zu

machen, die -- zu meinem größten Bedauern -- mich in einen Widerspruch

mit den Interessen des Korps bringt. Unser Konkneipant, Seine

Durchlaucht der Erbprinz, und dessen Begleiter Major v. Gorczynski haben

sich einer schweren Beleidigung gegen eine Dame schuldig gemacht. Diese

Dame ... diese Dame steht unter meinem Schutze ... und deshalb sehe ich

mich genötigt, diesen Herren eine schwere Forderung zu übersenden. Ich

kann natürlich nicht erwarten, daß das Korps den Erbprinzen zur

Verantwortung zieht ... und deshalb bleibt mir nichts übrig, als den

C. C. zu bitten, mir die Entlassung ohne Farben zu gewähren, damit ich

den Ehrenhandel mit einem Herrn, der offiziell zu den Angehörigen des

Korps zählt, zum Austrag bringen kann. Wünscht jemand zu meinem Antrage

das Wort?«

In stummer Verblüffung hatten die jungen Herren den Vortrag ihres

Häuptlings angehört -- angesteckt von seiner Erregung, seinem fiebernden

Ernst. Nun baten fast sämtliche Korpsburschen ums Wort und verlangten

nähere Erklärungen. Man fragte, wie es möglich sein könne, daß der junge

Prinz mit einer Dame, welche der nächsten Verwandtschaft ihres

Korpsbruders angehörte -- denn nur um eine solche Dame konnte es sich

doch handeln -- überhaupt in Berührung gekommen sein könne?

»Die Dame, für die ich einzutreten habe, ist keine Verwandte von mir ...

es handelt sich um ein junges Mädchen, das außer seinem Vater, einem

älteren, gebrechlichen Herrn, keinen männlichen Schutz zur Seite hat --

und für das einzutreten mir deshalb als die Pflicht eines Ehrenmannes

erscheint, zumal diese junge Dame zugleich eine berühmte und gefeierte

Künstlerin ist ... es handelt sich um die herzoglich meiningische

Hofschauspielerin Jucunda Buchner.«

Ein unwillkürlicher Laut des Staunens, der tiefsten Ueberraschung

entfuhr jedem der jungen Herren. Keiner konnte sich den Zusammenhang

erklären ... wußte doch außer Hans Thumser noch nicht ein einziger von

ihnen, daß ihr Erster, der notorische Verächter alles dessen, was Kunst

und Künstler hieß, überhaupt gestern abend bei den »Meiningern« gewesen

war ...

»Ich bitt' ums Wort!« rief Ivo Volkner, der temperamentvolle

Rheinländer, und als der Erste dem Konvent Silentium für Volkner

anbefohlen: »Ja, lieber Pilgram -- ohne uns in Deine persönlichen

Angelegenheiten hineinmischen zu wollen -- aber Deine Erklärungen sind

doch für uns alle dermaßen -- überraschend, daß wir doch wohl um etwas

genauere Auskunft bitten müssen ... was ist der ... jungen Dame ... denn

eigentlich passiert ... und wie kommst Du -- gerade Du dazu, Dich zu

ihrem Ritter aufzuwerfen?«

»Ich will ... zuerst diese letzte Frage beantworten. Oder vielmehr nicht

beantworten. Liebe Korpsbrüder, Ihr kennt mich und wißt: ich weiß im

allgemeinen, was ich tue ... Und wenn ich Euch sage, das, was ich zu tun

vorhabe, das muß sein -- na, dann darf ich vielleicht von Euch erwarten,

daß Ihr mir das glaubt. Hab' ich recht?«

Allgemeines Gemurmel der Zustimmung.

»Also noch einmal: ich halte mich für verpflichtet, für die Dame

einzutreten ... und bitte den C. C. ... von einer näheren Darlegung

meiner Motive ... Abstand zu nehmen.«

Volkner bat ums Wort und fragte:

»Ohne weiter in Dich dringen zu wollen, Pilgram: wir hören doch alle in

diesem Augenblick zum ersten Male, daß Du die Dame überhaupt kennst.

Sollten wir dann nicht wenigstens erfahren, wann und ... unter welchen

Umständen Du ... ihr denn eigentlich dermaßen nähergetreten bist, daß Du

-- hm! daß Du nun dermaßen für sie in die Verlängerung springen willst?«

»Das kann ich Euch mitteilen ... aber zur Erklärung meiner ... meines

Entschlusses wird's Euch wenig nützen ... ich muß da schon an ... an

Euer korpsbrüderliches Vertrauen appellieren ... ich kenne Fräulein

Buchner erst seit gestern abend ... sie ist die einzige Tochter des

Kanzleirats Buchner ... bei dem ich zur Miete wohne.«

»Also sozusagen -- _filia hospitalis_!« sagte Volkner, und ein kurzes,

verständnisvolles Schmunzeln ging über die erregten Gesichter der

Korpsbrüder.

»Nun, ich denke, ich habe Euch zu diesem Punkte mitgeteilt, was ... was

sich irgend mitteilen läßt. Und zweitens -- was wolltest Du ferner noch

wissen, Volkner?«

»Ja -- was denn der Erbprinz eigentlich gemacht hat ...«

»Er hat sie durch seinen Begleiter zum Souper einladen lassen -- na, das

möchte ja allenfalls gehen ... aber er hat dieser Einladung dadurch

einen nicht mißzuverstehenden Charakter gegeben -- daß er ... daß er

zwei Hundertmarkscheine beigefügt hat ...«

Das Lächeln, das bei Erwähnung der Soupereinladung um die Lippen der

jungen Herren aufgezuckt hatte, erlosch ... Rufe wurden laut:

»Geschmacklosigkeit!«

»Donnerwetter, der geht aber aufs Ganze!«

»Na ja -- ein Förscht -- der denkt eben, er braucht bloß auf'n Knopp zu

drücken ...«

»Ich denke, liebe Korpsbrüder, Ihr seht ein, daß eine solche infame

Beleidigung -- einem anständigen Mädchen gegenüber -- Fräulein Buchner

=ist= ein anständiges Mädchen, und wenn sie zehnmal eine Komödiantin ist

-- was sagst Du, Thumser? Du kennst sie ja auch?«

Hans Thumser hatte mit einem wahren Toben der Gefühle die Verhandlung

verfolgt, ohne selbst das Wort zu nehmen. Mein Gott, wie war aus dem

strahlenden Spiel von gestern so rasch ein grotesker, tragikomisch

grinsender Ernst geworden! Und was war doch dieser offizielle,

banausische Pilgram für ein Prachtkerl, daß er sich für ein jählings

erwachtes Gefühl gleich so ganz und rückhaltlos in die Schanze warf!

Ach, und du, Hans Thumser? was soll denn heut nachmittag werden? Mit was

für Träumen, was für Begehrnissen, Hans Thumser, trägst du dich?!

»Ein anständiges Mädchen?« rief er zur Antwort auf die Frage des Ersten.

»Eine Königin ist sie ... eine Göttin ... Pilgram, ich beneide Dich um

das Glück, für sie vom Leder ziehen zu dürfen!«

»So überschwenglich brauchen wir das gar nicht mal auszudrücken,« sagte

der Erste. »Aber ein anständiges Mädchen ist sie ... und da ich nun mal

zufällig das Pech oder ... das Glück habe, mit ihr unter einem Dache zu

wohnen ... und der erste honorige Mensch zu sein, dem sie sich

anvertraut hat ... so bleibt ja wohl nichts andres übrig, als die

Konsequenzen zu ziehen ...«

Bei diesen so nüchtern klingenden Worten schwoll's in all den jungen

Burschenherzen. Es war der romantische Glanz, der diese Tat ihres

Korpsbruders, ihres Führers, umwob, der ihnen allen Sinne und Urteil

blendete. Wenn auch der Idealismus, den das Gymnasium in ihnen erzogen,

durch die Formen blasierten, kaltschnäuzigen Lebemannstums verdeckt, ja

stellenweise überwuchert sein mochte -- noch lebte in ihnen allen etwas

von dem Adelsgeiste, unter dessen Herrschaft ihre ganze Jugend, die

Formung ihrer Seelen gestanden ... Wohl stieg in manchem von ihnen das

Gefühl auf, als hätte sich doch am Ende ein Kompromiß finden lassen ...

noch bedächtigere Seelen bedachten gar insgeheim, daß eine solche

Katastrophe, auch wenn Pilgram vorher offiziell aus dem Korps

ausschiede, doch nicht ohne Folgen für die Beziehungen des Korps zu dem

Erbprinzen und damit vielleicht überhaupt zu den deutschen Fürstensöhnen

bleiben könne ... In weiter Ferne dämmerte gar hie und da etwas wie der

Gedanke an verpfuschte Karriere, verspielte Zukunftsaussichten ... aber:

»Wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt,

Der beugt sich, wo man die Tiefquart schlägt --

Frei ist der Bursch!«

-- das galt auch heute noch, das galt, das sang man nicht nur, so

handelte man auch -- hol's der Teufel!

Einstimmig ging Pilgrams Antrag durch, ihm die ehrenvolle Entlassung

ohne Band zu erteilen ... Aber durch jedes Herz ging's wie ein schriller

Riß, als nun Valentin Pilgram stumm das grün-gold-rote Band von der

Brust zog, es stumm auf die Mütze legte, die auf dem Tische lag, sich

mit schweigendem Händedruck von den ... ehemaligen Korpsbrüdern

verabschiedete ... und, mit einem Handwink im Kreise, an ihnen

vorüberschritt ...

Er ging durch den Schenkraum des Theaterrestaurants, schritt barhaupt

quer über den Augustusplatz, kaufte sich in der Passage für seinen

letzten Taler (Gott sei Dank, morgen ist der Erste!) einen einigermaßen

schäbigen Filzhut und kehrte dann zur Theaterterrasse zurück. Grüßend

schritt er am Frankentisch vorbei, wo die harrenden Füchse in stummer

Verwunderung ihre Mützen zogen, lüftete flüchtig den Hut zu den Tischen

der übrigen Korps und trat auf den Neo-Borussentisch zu, an dessen

Spitze der Erste, Herr Borgmann, mit dem gewohnten süffisanten Lächeln

präsidierte.

»Herr Borgmann -- kann ich Sie einen Moment sprechen?«

»Mit dem größten Vergnügen, Herr Pilgram ...«

Die beiden jungen Herren traten abseits an den Rand der Terrasse, von

der der Blick hinschweifte zum zitternden Spiegel des Schwanenteiches,

auf das braune, rieselnde Laub der Anlagen auf dem alten

Umwallungsgebiet.

»Zunächst gestatte ich mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich aus dem Korps

Franconia ausgeschieden bin ...«

»Herr Pilgram --!«

»Sie werden den Grund sogleich erraten: Ich bitte einen wohllöblichen

C. C. der Neo-Borussia um Waffenschutz und zugleich Sie persönlich um

die große Liebenswürdigkeit, Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen von

Nassau-Dillingen und Herrn Major von Gorczynski je eine Forderung auf

schwere Säbel ohne Binden und Bandagen auf fünfundzwanzig Minuten bis

zur Abfuhr zu überbringen.«

In ratloser Verblüffung waren Mutter und Tochter zurückgeblieben, als

ihr Student sich so unerwartet und kategorisch zu Jucundas Ritter

aufgeworfen. Nun sie allein waren, wich die erste Rührung und

Ergriffenheit bald einem kaltblütigen Erwägen.

»Das gibt weeß Knebbchen än richt'gen Schkandal!« platzte Mutter Doris

heraus. »Gucke, das hast Du nu davon, daß Du Dich so hast vergessen

kenn'! Schließlich -- so gefährlich war doch am Ende die ganze

Geschichte nu nich! Man hätte den Herrn ihr Geld einfach sollen

wiederschicken -- mit Abzug von's Porto nadierlich -- un den Korb zum

Gärtner zurück, un all's war in Ordnung! Statt dem wird der nun hingehn

und wird'n fordern, den Erbprinz, un der Krach is fertig! Un

schließlich, was wer'n die Leite sagen? Die Buchner hat's mit ä

Studenten, wer'n se sagen!«

Eine Flut von wirren Gedanken wirbelte durch Jucundas Hirn. Da

war so unendlich Vieles, was beglückte, erregte, schmeichelte,

stachelte, berauschte! Welch eine Macht ging von ihr aus -- trieb den

langen Jungen, einen Sohn aus gutem Hause, den Ersten Chargierten

des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig -- sie war ihren

Kindheitserinnerungen noch nahe genug, fühlte sich noch immer als

Tochter eines Hauses, das jahraus, jahrein nur Korpsstudenten

beherbergte -- wußte das als eine Ehre zu schätzen ... ihn trieb sie in

tolle, aberwitzige Abenteuer, diese unheimliche Macht, die von ihr

ausging ... Achtzehn Jahre, und schon der Mittelpunkt von Tragödien und

Katastrophen ...

Aber da war noch eine andere Stimme: die Stimme der kalt rechnenden

Vernunft, die Stimme der kleinbürgerlichen Gerissenheit, die das früh

gewitzigte Töchterchen einer engbegrenzten Spießerwelt auf ihrem Anstieg

in lichte Höhen des Daseins bisher so sicher geleitet hatte: die warnte

vor dem Skandal ... mahnte zur Ruhe, zur Vorsicht ...

»Wenn ich nur wüßte, was Hoheit in Meiningen zu so einer Geschichte

sagen würde ...«

»Nu, ich glaub' nich, daß der gnädigste Herr sähre entzickt mechte sinn,

wenn's Geschichten gibt wegen en Prinzen aus fürstlichem Hause ...«

meinte die Mutter.

Jucunda sann, an wen sie sich wohl um Rat wenden könnte. Franz Burg!

schoß es ihr durch den Sinn. Der wackere, selbstlose Freund und Förderer

hätte es wohl verdient, daß sie sich überhaupt zuerst an ihn gewandt

hätte ... Und das hätte sie ja auch sicherlich getan, wenn nicht ihre

Nerven, noch nachzitternd von den gestrigen Fiebern, ihr den Streich mit

dem Weinkrampf gespielt hätten ... ja, und da war's eben alles so von

selbst gekommen, das Andre, das Unwahrscheinliche, das süß Berauschende

und Erschreckende ...

Mutter Doris war natürlich sehr einverstanden ... Und alsbald war

Jucunda auf dem Wege zu Franz Burg ... wie sie immer zu Franz Burg

gegangen war, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußte ... es gingen

sehr viele Menschen zu Franz Burg, wenn sie nicht mehr aus noch ein

wußten ...

Ach, wie ging sie gern zu Franz Burg! Erstens war es ein behagliches

Bewußtsein, daß er verheiratet war -- sehr glücklich verheiratet.

Zweitens war's ein sehr behagliches Bewußtsein, daß -- nun daß er

trotzdem heftig für sie schwärmte -- so was merkt man doch, nicht wahr?

-- daß sich hinter seiner trockenen, reservierten Freundschaft eine

Empfindung versteckte, die gewaltsam gebändigt werden mußte ...

Gott, ist das entzückend, so zu fühlen, zu wissen, daß man wie eine

allvergötterte Königin durchs Leben schreitet ... Ihr fiel ein, daß sie

einmal von den Indianern gelesen hatte, sie sammelten die Skalpe ihrer

erlegten Feinde ... O Jucunda -- wenn du die Skalpe deiner zur Strecke

gebrachten Verehrer sammeln würdest ... was für ein Museum käme da

zusammen!

So sann Jucunda, während sie hastig die Petersstraße hinabschritt, den

Weg, den man sie gestern im Triumphzug heimwärtsgeführt ... Unter dem

Torweg kaufte sie sich die Morgenzeitungen, außer dem Tageblatt, das

sie daheim zum Frühstück schon verschlungen, und las die Kritiken ...

eitel Hosianna über den ganzen Abend, und sie natürlich der Mittelpunkt

... und hier ein Bericht über ihre Heimkehr, feuilletonistisch

zurechtgestutzt -- brav so, brav, na ja, so was macht eine bildschöne

Reklame, das darf öfter passieren!

Erst während sie die Anlagen am Roßplatz kreuzte, den Königsplatz

überschritt, kam ihr wieder in den Sinn, weshalb sie sich eigentlich

heut morgen zum Theater aufgemacht hatte, wo sie doch auf Rechnung

der gestrigen Strapaze von der Probe dispensiert war. Nein, dieser

gute Pilgram -- so ein Starrschädel! Eigentlich rührend ... und doch

ein bißchen zum Lachen, daß er sich ihretwegen ... des lumpigen Billetts

wegen, das doch wahrhaftig nicht das erste gewesen war und auch nicht

das letzte sein würde ... daß er sich deswegen mit Tod und Teufel

schlagen wollte -- sich sein Leben verpfuschen reineweg! Also solche

Männer gab es doch auch ... eigentlich eine Wohltat, wenn man so

inmitten dieses marklosen, irrlichtelierenden, an großen Worten sich

betrinkenden und vor jeder Tat mit eingekniffenem Schwanz abseits

schleichenden Künstlervolks lebte ... Franz Burg war ja eine Ausnahme

... aber ob er sich ihretwegen auch nur einem Schnupfen ausgesetzt

hätte statt einer Degenklinge -- das bezweifelte Jucunda denn doch

eigentlich ...

Da war das Carolatheater ... Jucunda schritt durch den Eingang,

überquerte das schmale Höfchen, den Kassenflur, in dem sich bereits

wieder das Publikum um die Abendplätze prügelte -- Gott, wie wird Hoheit

sich über die Kassenrapporte freuen! -- schlüpfte durch die knarrende

Eisentür in den Bühnenumgang und horchte am Pförtchen, das zur Bühne

führte. Burg arrangierte eben das »Lager« ...

»Kinder,« hörte sie seine Stimme, »faßt Eure Kriegsknechte man recht

feste um 'n Hals -- Ihr seid jetzt keine höheren Töchter mehr, Ihr seid

Lagerdirnen des Friedländers, die hatten etwas weniger etepetetige

Umgangsformen als die Leipzigerinnen von 1888! Und wenn's aus Versehen

mal 'nen handfesten Kuß absetzt -- na, für die Kunst muß man eben Opfer

bringen können!«

Ja -- das konnte natürlich bis zur Erschlaffung so weitergehen ... und

dabei war doch Eile not ... Es half nichts, sie mußte unterbrechen ...

obschon sie wußte, daß er das auf den Tod nicht leiden konnte ... Sie

trat in den halbdunklen Bühnenraum, den nur die offenen Gasflammen der

Proberampe matt erhellten. Da stand Franz Burg neben dem Regietisch,

umringt von der andächtig lauschenden Schar des »Volkes«.

»Suchen Sie mich, Buchner?«

»Wenn Sie einen Moment Zeit für mich hätten, Meister ... es ist dringend

...«

Jucunda störte nicht ohne Grund -- dafür kannte er sie. Aber allzu

gnädig klang es nicht, wie er drinnen im Konversationszimmer ein kurzes

»Also los!« hervorstieß.

Und Jucunda berichtete. Ausführlich entschuldigte sie sich, daß sie sich

nicht zuerst an ihn gewandt ... ließ deutlich durchblicken, daß ihr die

ganze Geschichte nur so über den Kopf gekommen ...

Ein sardonisches Schmunzeln zog über's ausgearbeitete Gesicht des

Oberregisseurs, in seinen dunklen, tiefliegenden Augen tanzten tausend

Teufelchen.

»Un wat sall ick dorbi dauhn?«

»Helfen sollen Sie, lieber Freund! Das darf doch nicht geschehen!«

»Ganz im Gegenteil, Kindchen -- einer von den dreien muß auf der Strecke

bleiben -- noch besser alle! Die Schädel sollen sie sich spalten --

einander auffressen wie die beiden Löwen in dem berühmten Liede:

Zwei Löwen gingen einst selband

In einem Wald spazoren,

Und haben da, von Wut entbrannt,

Einander aufgezohren!«

»Das -- kann Ihr Ernst nicht sein!«

»Aber blutiger! Was liegt an einem Rechtskandidaten, einem Erbprinzen,

einem Stabsoffizier! Hin müssen sie allesamt werden, damit Jucunda

Buchner im Triumph über ihren Leichnamen zum Tempel des Ruhms

emporwandelt!«

»Ach -- mir ist wirklich nicht nach Späßen zumut!«

»Denken Sie, mir?! Merken Sie nicht, Kindchen: alles, was nicht zum Bau

gehört, ist Publikum, das heißt, einzig und allein dazu da, uns zu

bewundern, zu feiern, zu erhöhen ... Gestern abend haben sie Ihnen die

Pferde ausgespannt und Sie im Wagen nach Hause gezogen: geben Sie mal

acht, wenn Ihr Student und Ihr Erbprinz sich Ihretwegen gegenseitig

aufgespießt haben -- was die Leute dann erst mit Ihnen aufstecken! Auf

Händen werden Sie dann nach Hause getragen!«

»Und ... was wird Hoheit zu der Geschichte sagen?«

»Hm ... Hoheit ...« Burg sann einen Augenblick nach. Allerdings, das war

zu erwägen ... An Hoheit durfte so eine kindische Affäre natürlich nicht

herankommen ...

Aber ... würde es denn überhaupt eine Affäre werden? Franz Burg kannte

die Welt und wußte, daß in ihr nichts so heiß gegessen wird, wie

jugendlicher Ueberschwang es kochen möchte ...

»Na ... so weit sind wir ja noch lange nicht!« lachte er. »Vorläufig

wollen wir mal ruhig zusehen, wie das Rummelchen sich historisch

entwickelt ... Is ja ganz nett, auch mal Zuschauer spielen zu dürfen!

So, und nun muß ich wieder Affen dressieren -- komm her, Langbeinchen,

gib mir 'n Kuß!«

Als Jucunda auf der Straße stand, sah sie ihre Kollegin Thöny drüben in

einem Fenster des ersten Stockes liegen. Sie winkte ihr zu.

»Was haben Sie denn da drinnen gemacht, Buchner? Kommen Sie 'nauf, wir

schwatzen ein bissel!«

Die beiden Rivalinnen kamen rasch ins Gespräch. Plötzlich fiel's Jucunda

ein, daß ihre Mutter daheim mit dem Mittagessen wartete: Na, dem ließ

sich abhelfen -- es war nicht alle Tage so nett -- nicht alle Tage

vertrug man sich so gut mit seinen Kolleginnen -- das mußte man

auskosten. Sie pfiff sich einen barfüßigen Jungen von der Straße herauf

und schickte ihn mit einem Markstück und einem Stadttelegramm zum

nächsten Postamt.

»Muß probieren, nicht zum Essen erwarten. Jucunda.«

Die Mädchen teilten das frugale Mittagsmahl, das Mutter Ach ihrer

Pensionärin gekocht hatte, und schwatzten, küßten sich, schworen sich

ewige Freundschaft ... und Asta Thöny hatte ganz vergessen, daß sie noch

heut nacht so heiß geweint hatte, weil man Jucunda Buchner die Pferde

ausgespannt hatte und ihr nicht ...

Und Jucunda Buchner dachte nicht mit einem Sterbensgedanken mehr daran,

daß um ihretwillen ein junger, wackerer Gesell im Begriff war, seine

Zukunft und sein Leben auf ein tolles Spiel zu setzen ...

Erbprinz Heribert und sein Mentor waren beim Dessert ... Zwei junge

Leutnants vom hundertsiebenten Regiment, Söhne verarmter

Nassau-Dillingenscher Adelsfamilien, deren alte Herren nur

Infanteriezulage erschwingen konnten, waren zu Tische geladen. Man trank

Pommery und beklatschte Hofskandäler der benachbarten Fürstenhöfe -- da

wurde in dringlicher, persönlicher Angelegenheit Herr Studiosus Borgmann

Neo-Borussiae gemeldet.

»Hm ... dringliche, persönliche Angelegenheit? Also bitte ins

Empfangszimmer ... Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine

Herren ...«

Sporenklirrend ging der Prinz -- den militärischen Gästen zu Ehren war

er heut in der Uniform seiner Sophiendragoner -- in den Salon hinüber,

dessen konventionelle Hoteleleganz durch ein paar erlesene Stücke aus

dem erbprinzlichen Schloß Beauregard eine Art persönliche Note empfangen

hatte.

Herr Borgmann verneigte sich tief. Unter seiner schwarzen Kompresse

waren Stirn und Nase erblaßt vor feierlicher Erregung.

»Durchlaucht ... ich bedaure unendlich ... furchtbar peinliche Mission

...«

»Darf ich bitten, Platz zu nehmen?«

Stotternd entledigte sich Herr Borgmann seines Auftrages.

»Hören Sie mal, mein Verehrtester -- das ist ein Witz ... aber ein

fader!« sagte der Erbprinz. »Einen Augenblick ... ich werde Herrn von

Gorczynski rufen lassen, der ist ebenfalls beteiligt ...«

Er klingelte und befahl, den Major zu bitten.

»Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Herr Borgmann -- ist bei Ihrem

Herrn Auftraggeber vielleicht eine Schraube los?«

Komödiantinnen: Roman · 第 5 / 19 段