„Die Reformatoren“ aus dem Jahre 1884 zeigen Calvin im Gespräche

mit vier Genossen im Hofe der Genfer Hochschule. In objektiv

naturalistischer Einstellung ist versucht, die Situation so zu geben,

wie sie sich zu ihrer Zeit abgespielt haben mochte. Die Szenerie und

die Kostüme, wohl auch das Porträthafte, werden aus alten Urkunden

oder von den noch heute bestehenden Gegebenheiten hergenommen, die

Raumanordnung und die Zusammenstellung der Figuren, neben erst leise

sich regenden kompositorischen Prinzipien, im Unmittelbaren des

naturalistischen „Bühnenbildes“ zu verlebendigen gesucht. Die Gesten

sind solche des naturalistischen Nachdenkens, Horchens, Redens,

Diskutierens, und nur die lehrhaft abweisende rechte Hand Calvins

versucht im schärfer Schneidenden der Fügung und im Steileren ihrer

Haltung eine leise Überbetonung zu erreichen. Doch trotz dieser Details

und trotz der geringen Sonderung Calvins von den Genossen und trotz der

Variation in den Gegenbewegungen der beiden äußeren Männer, bleibt die

Darstellung ein gestelltes Bild, das jeder Überzeugungskraft ermangelt.

Wer nichts von der „Geschichte“ weiß, dem sagt die Darstellung nicht

mehr, als daß fünf Männer miteinander diskutieren; was eine herzlich

gleichgültige Angelegenheit bleibt. Da demgemäß erst die Benennung

dieses Bildes den von ihm gemeinten Sinn erklären muß, da also, was

es sagen will, nicht in ihm selber lebt und durch das rein Sichtbare

bereits erfüllt wird, ist es ein „schlechtes“ Bild. Denn dann erst

wird ein Bild in üblem Sinne zu dem, was meist „literarisch“ genannt

wird, wenn mit den Mitteln der Sprache erst eine „Geschichte“ erzählt

werden muß, bevor man den vom Bildinhalt gemeinten Sinn erkennen

kann. Dann eben ist dieser sachliche Inhalt in seinem Formalen nicht

erfüllt, dann ist es kein „Bild“ mehr, sondern wird „Illustration“ zu

einem Text, der zum Verständnis des Gemalten +vorher+ bekannt sein

muß. Dies muß sich jedes Streiten darüber, ob „Sachinhalte“ betonter

Art in Bildern überhaupt „erlaubt“ sind, stets vor Augen halten. Sie

sind als „Literarisches“ nur dann „verboten“, wenn sie nicht in den

Farben und den Lichtern, in den Figuren und deren Gesten, im Formalen

ihrer Gestaltung und in der kompositionellen Fassung unmittelbar

visuell zu erleben sind; sie sind aber nicht nur „erlaubt“, sondern

sogar, je bedeutender, ergreifender, seltener sie sind, desto inniger

zu wünschen, zu erstreben und zu pflegen, wenn sie im Sichtbaren des

Bildes restlos ihre Erfüllung finden. --

Fragt man aber, wie etwa die außerordentlich starke Gemütsbewegung,

die die Probleme der Reformation doch allen Menschen brachten, nun

wirklich in ihrem Rauschmäßigen gefühlserschütternd bildhaft zu fassen

wäre, so wird die Antwort wieder nur lauten können, daß diese Fassung

nur irgendwie im Allgemeinsten, ohne jede naturalistisch-berichtende

Erzählung erfolgen könne; in einer naturfernen Gestaltung, die

symbolhaft erlebbar machen müßte, was als allgemeines, großes

Grundgefühl den Erlebenskomplex der „Reformation“ begleitet hat.

[Sidenote: Abb. 42.]

Und so trägt auch die zweite Fassung dieses Themas, die Hodler

eine volle Generation nach der ersten, im Jahre 1913, gemalt hat,

nicht mehr den Titel „Die Reformatoren“, sondern: „Reformation“.

Und auch diese Namengebung ist noch zu eng, und wohl nur eine

Kirchturms-Benennung der Stadt Hannover, wo dieses Bild den allzu

kleinen Rathaussaal zersprengt. Hodler selbst nannte es, in innerlicher

Gemäßheit: „Einmütigkeit“. Denn daß diese Einigung auf Einen Schwur

für Eine Sache gerade den Reformationsgedanken treffen muß, ist

nirgends Bild-inhaltlich oder Bild-formal erlebbar. Es könnte auch

was immer sein: es muß nur groß-bedeutend Alle hier ergreifen und

ergriffen haben. Ja es könnte selbst die schlechteste Gesinnung,

es brauchte keineswegs ein Schwur, es kann „Verschwörung“ sein: ob

Freiheit, Gleichheit, Liebe aller Menschen; ob Raub und Mord, Krieg,

Niedertracht, Verrat, blutigste Rachsucht rufen: es ist von rein

visueller Bild-Erfüllung her nicht zu entscheiden. Nur Eines ist gewiß:

+Einmütigkeit+!

Mehr als ein halbes Hundert weit überlebensgroßer männlicher Figuren.

Und Alle in dem gleichen Tun des Arm-Erhebens.

Schon in der Konzeption von übergroßer Kraft. Wenn wir nicht staunend

an uns selbst, an jedem Baum erlebten, wie stetig neu erzeugter

Zellenwuchs im Treibenden des Werdens und organischen Gedeihens das

Kind zum Großen wie das Reis zur Eiche werden läßt; wenn wir nicht

wüßten, und, wenn auch in kleinerem Maße, von uns selbst her kennten,

wie eine täglich neue Sammlung des Gefühles auf Einen Punkt, auf Einen

Menschen, auf Eine Sache die Intensität und Fülle unserer Selbst zu

ungeahnter Stärke führen kann; wenn wir nicht nacherlebend ahnten,

wie Hodler hier, von der Idee entzündet, aus Kleinerem wachsend, und

täglich neu zu Größerem sich rufend, an jedem neuen Mann sich neu

gestärkt, an jedem Schwörenden emporgerissen hat: wir würden nicht

ermessen können, was hier an Größe des Gefühles, an Wurf des Ganzen, an

intensivster Form Gestalt gewann.

Das Rufende des Werkes ist so groß, die Wucht so einheitlich, so

überrennend, daß eine Wort-Umschreibung kaum vonnöten wird. Wie wenn

man sämtliche Pedale einer Orgel zum Brausen eines Einklangs träte, auf

dem sich dann ein arioser Ruf kraftvoller Färbung höher noch erhöbe:

so steht hier vor der Mauer der gedrängten Leiber gefühlsgestoßener

Genossen dieser Eine, den Ruf des Mutes Aller in Einem Mut zu sammeln.

Einmütigkeit soll aller Gesten einziges Leben sein. So recken Alle ihre

Arme hoch zum Himmel, bei Allen gleich, bei Allen Einer Art. Das innere

Gefühl treibt von den Sohlen aus die Form in ihre Richtung, streckt sie

im Stoßen, längt so ihre Form. So weist der Arm nach oben, beteuert so

den Schwur der Herzen, sichert die Gesinnung. Doch da den Vielen vorn

ein Führender erstanden ist, dem sie sich anvertrauen, so weisen aller

Hände Flächen auch nach vorn zu diesem, bauen ihm einen Zaun. Er aber

steht als Einziger erhöht, schon farblich als der Stärkste wirkend in

einem dunkeln rötlich Braun zwischen dem Rot und Gelb und dem Orange

der Genossen. Die Zange seiner überhöhten Beine faßt in felsenstarkem

Griff den Boden, die Geste seiner Arme greift, bei ihm als Einzigem,

ins Breite; er hebt den linken Arm zur Horizontale, schlägt ihn zum

rechten hin zurück, schwingt diesen rechten in breitem Bogen aus:

vereinigt so der Anderen Rufen und leitet es in weitem Schwung nach

oben zum klar erstellten Gipfel seines Fingers. Was kaum mehr möglich

schien, wird so erreicht: er hält dem Wogen stand, er sammelt die

Gesinnung Aller, nimmt ihr Gefühl in breitem Strome auf, verstärkt

den Chor, reißt ihn nochmals empor: und überruft so die Gemeinschaft

mit einem Klang von solcher Mächtigkeit, daß wie im Gipfelschlag das

Gefühl der „Einmütigkeit“ in expressionistischem Schwunge in die Höhen

steigt. --

Schon von der theoretischen Ableitung her muß es unwahrscheinlich

scheinen, daß diese Gestaltungsgepflogenheit des Expressionismus

eine in der modernen Zeit zum erstenmal „entdeckte“ und gepflegte

sei. Denn die Menschen haben sich in den wenigen Jahrtausenden ihrer

Geschichte, die wir überblicken, im Wesen ihrer Art und ihres Wirkens

so außerordentlich wenig geändert, daß es schon von vornherein kaum

denkbar scheint, sie sollten eine so wesentliche Kunstart erst in

den heutigen Tagen „gefunden“ haben. Und in Wirklichkeit haben ja

auch alle jene Zeiten, die wir Sturm und Drang, Barock oder Romantik

oder Hellenismus nennen mögen, die spezifisch expressionistische

Schaffensart gepflegt.

Der Stärkste, der innerlich Größte und Ergriffenste dieser

Expressionisten in der europäischen Vergangenheit war Matthias

Grünewald. Neben ihm wird zahm, was alle anderen Künstler dieser

Richtung geschaffen haben. Er stellt die höchsten Anforderungen an

die Bereitschaft des Nacherlebenden, sich durch stärkstes Ergreifen

innerlichen Gefühles am weitesten von der Naturform weg, zu den

natur-unmöglichsten Gebilden tragen zu lassen.

Sein Isenheimer Altar, gemalt um das Jahr 1510, mag uns als Beispiel

dienen. Und von dessen Darstellungen wieder die Kreuzigung und die

Auferstehung.

[Sidenote: Abb. 43.]

Die Kreuzigung des Isenheimer Altares bringt von vornherein in größten

Dimensionen durchaus un-einheitliche und „willkürliche“ Proportionen.

Fünfmal wechselt der Maßstab der Figuren in dem Einen Bilde. Vom

Christus in der Mitte zum Täufer rechts, zu Johannes und Maria links,

zur Magdalena zu Füßen des Kreuzesstammes, zum Lamme: in andauernd

wechselndem, andauernd verringertem Maßstab ist die Größenproportion

der Figuren gebracht. Denn Grünewald ist es um den Ausdruck einer

innerseelischen Vision zu tun, und diese ist ihm eben so erschienen,

daß in fünffach gestufter Folge die Figuren vor ihm erstanden.

Die mächtigste von allen, doppelt und dreimal größer als die anderen,

ist die Gestalt Christi. Die naturhaft gegebenen Merkmale eines

gekreuzigten Menschen sind zur stärksten Intensivierung hin erhöht.

Grünewald bringt sie nicht so, wie sie sich dem beobachtenden Auge

des Naturalisten zeigen; er gleicht sie nicht aus, wie idealistische

Gesinnung es so oft tat; sondern er überhöht sie, erhitzt sie,

kerbt sie doppelt, dreifach und vielfach. An die obere Fläche des

Kreuzesbalkens, den die ziehende Last nach unten biegt, greifen die

Arme, hochgezwungen, ins Überweite hingespannt; der Riesenleib hängt

an ihnen, nicht gestützt durch das zu tiefe Fußbrett, sondern nur

schmerzvoll sich anstemmend gegen den durch die beiden Füße gehämmerten

Nagel. Diese Füße schwellen ins Ungemäße auf, wellen ihre Formen zum

Ausdruck stärksten Schmerzes. Die Beine winden ihre Bahn nach oben,

lebendig zügig streicht Gewaltgefühl durch ihre Form, drosselt und

wirbelt den Kraftstrom im Gelenk, baucht sich in Oberschenkeln und

Hüften zu weitem Bogen aus. Dann ist es, als schlürfte ungemessener

Schmerz an schwächster Leibesstelle, zwischen Rippenrand und Hüften,

die Seiten ein, daß das Gefühl herdroht, als risse gar der Unterkörper

hier lastend ab. Auf die ihren Kontur weit ausstoßende Brust hängt dann

der Kopf herab, als risse auch er wieder im Fallen aus den Schultern.

Und über aufgehöhte Muskelberge und durch tiefe Sehnengruben drängt

das Gefühl im Auftrieb durch die beiden Arme, steigt wellend, wogend

auf zu den gespreizten Händen, die mit dem Intensivsten innerlich

getriebener Form ihr Leid und Leiden, Grünewalds Verzweiflung über

diese Tat, zum Himmel schreien.

Und neben der Figur dieses Überheilands, sein fahles Grünlichgrau

vor dunklem, weitem Himmel mit gellend roten Farben links und rechts

begleitend, stehen die Figuren des Restes seiner Gemeinde. Rechts der

Täufer. Wie Pfähle stoßen seine Beine stumpf den Boden, wie einen

unbewegten Klotz tragen sie Leib und Kopf: der ganze Körper des

Johannes ist nur der Sprungblock für den rechten Arm. Wie explodierend

aus der Hülle, so stößt der Ellenbogen vor, so bäumen Unterarm und

Hand sich auf den Christus zu: denn er, der Täufer, ist es, der weiß,

was hier geschah, daß hier das größte Unheil, das ein Gläubiger

erdenken kann, zur Tat geworden ist. Und um dies Unheil aller Welt

zu weisen, und um, trotz allem, aller Welt zu rufen, daß Dieser hier

zum Weltenherrscher wachsen wird, +zeigt+ diese Hand. Und wie vom

innersten Gefühle aus, vom Herzen Grünewalds gestoßen und getrieben,

die +Form+ hier wird, +die Form der Hand+, da spannt es ihr im

Zeigen den Daumen zum Zerreißen ab, da treibt es ihr im Weisen den

Zeige-Finger zeugend zu über-großer Länge aus: da über-treibt es diese

Form, gestoßen vom Gefühle her, zum Ausdrucks-Zeiger, da intensiviert

es die naturalistische Gestaltung zum naturhaft ganz un-möglichen,

expressionistisch Ausdrucks-tragenden und Ausdrucks-vermittelnden

Gebilde.

[Sidenote: Abb. 44.]

Nicht anders ist es auf der linken Seite. Hier hat Johannes sich der

weißgewandeten Maria zugesellt, der einzigen geruhigten Figur des

Bildes. Doch ihre Ruhe ist nicht die des Lebens, ist Sterbens-Stille,

Unlebendig-Sein. In jähem Winkel bricht sie in der Hüfte um,

zurück-geschlagen von dem, was ihre Augen sahen. Hinter der stillen

Totenmaske ihres Angesichts ist alles Leben starr geworden; und nur die

Hände halten lose noch den Griff, zu dem Entsetzen sie zusammenschlug.

Johannes packt sie an mit seiner Linken, als könnte dieser Zangengriff

sie retten, stöhnt ihr sein doppelt Leid ins Angesicht; und längt dann

seinen rechten Arm, längt ihn ins doppelt-Überlange, auf daß er von

seiner fernen schmalen rechten Schulter aus zu ihrer rechten Hüfte

fassen könne, um ihr Zusammenbrechen auf-zustützen. Denn da hier Form

nicht ihren Maßstab an Dem finden kann, was „wirklich“ ist, da hier als

Maß der Form auf ihre „Richtigkeit“ nur das +Gefühl+ gilt, das sie

treibt und zeugt, das sie verzerrt, verlängt, verkürzt, verdichtet oder

löst, so muß sie auch an dem Gefühl allein gemessen werden, das sie

geboren hat.

[Sidenote: Abb. 45.]

[Sidenote: Abb. 46.]

Und so auch Magdalena. Aus ihrer Verworfenheit ward sie geweckt,

gehoben durch Ihn, den Einen, Einzigen, den sie wahrhaft je geliebt.

Ihn haben sie ans Kreuz geschlagen, Ihn ihr genommen. In ihrem maßlos

fassungslosen Schmerze um den Geliebten schleppt sie sich ihm nach.

Wie eine Riesenschnecke kriecht ihr Leib am Boden, schiebt sich das

flüssig in sich lebendige Gewand hinzu. Aus diesem breiten, saugend

angesaugten Sockel hebt sich ihr Schmerz und ihre Liebe auf zu ihm. So

wächst ihr in der Sehnsucht auch ihr Leib, die Glieder folgen in ihren

Maßen diesem Sehnen, schwingen vom Knieen an den Bogen ihres Leibes in

doppelter Erhöhung zu den Hüften auf. Der Ausdruck ihrer Liebe schafft

ihr so den Sockel für den Schmerz, den nun Gesicht und Hände aufwärts

rufen. Die Arme strecken sich und längen sich im Winden, Gefühl

treibt sie so nah wie möglich dem Kreuzerhöhten zu. Und wo der Leib

nun seine Grenze findet, dort ringt er aus verschränkt-verkrampften

Händen sich nochmals hoch, dehnt seine Form ins Äußerste, läßt bis ins

letzte Fingerglied die Klage stoßen, die Form von dem Gefühl bis zum

Zerreißenden des Ausdrucks füllen. --

So steht ein Ganz-Gebilde da, das weltenfern von jeder Natur-Gemäßheit

ist, und dennoch „schön“. Schön für denjenigen, den das Gefühl, das

aus den Formen schreit, erschüttert und ergreift. Und damit dann

bereichert. Was aber Allgemeines daraus gefolgert werden kann, ist

doch, daß ein Kunstgebilde nicht daran gebunden ist, die Formen der

Natur-Gegebenheit zu wiederholen. Sondern daß es sich vom Gefühle

tragen lassen kann: so wie zu still beruhigtem Gestalten des

Allgemeinen; so auch zu überhitzt-erhöhtem brennender Gefühle.

Als letztes Beispiel dieser über-steigerten Gestaltung sei noch die

Auferstehung des Altares von Isenheim gebracht.

[Sidenote: Abb. 47.]

[Sidenote: Abb. 48.]

In mehrfach gebrochener Bahn führt über den nach links hingestürzten

Krieger im Vordergrunde, die nach rechts hin strömende Breite

des Leichentuches, die wiederum nach links gewendeten Beine des

Auferstehenden der Weg zur Zentralzone der Konzeption, zum Oberkörper

Christi. Wie ein Schuppentier in seinen Panzer eingewachsen stürzt

der Krieger im Vordergrunde rücklings hin; zu seiner Linken stürzt

ein zweiter ihm auf seinen Leib; im Hintergrunde zerschmettert sich

ein dritter im Vornüberfallen seinen Schädel selbst am Boden. -- Aus

breiter Bahn des verlebendigt aufstreichenden Tuches lösen sich die

Füße. Wie wenn das Knochenskelett des Menschen keinerlei Grenzen der

Beweglichkeit kennte, wie wenn es biegsam wäre in seinen Röhren, wie

zäher Stahl, so schwingt der Unterkörper Christi von den Spitzen der

gelängten Füße im Doppelstrom nach links hin zu den Hüften auf, biegt

sich wie in innerer Schnellkraft eines Bogens auf zum Kopf. Durch Knie

und Hüfte streicht wiederum der Strom durchtreibenden Gefühls, als

wäre die Form von kochender Materie erfüllt. Und wo das Auge dreimal

hin und her gerissen wurde auf seiner Bahn das Bild empor: da richtet

sich die Brust jetzt in die Vertikale, hält schwebend still und bleibt

dem breiten Blick. Und von den Schultern aus treiben zwei Bogen nach

rechts und links, biegen auch hier die Arme gegen ihr Skelett zu voller

Rundung auf, breiten die flachen Hände außenwärts: und geben so mit

Brust und Schultern den gefaßten Rahmen für beruhigt stilles Sein.

Aus allem Sturm und Drang der Bildgestaltung steigt so zu ewiglich

erlöster Stille des Gefühles der Erlöserkopf empor. Gefaßt ins Rund der

weiten Aureole, vor still gestirntem Himmel. Ins Lichte löst die Form

des Kopfs sich auf, verschwimmt im Schein, so daß das Höchste, Letzte

dieses Bildes das stille, breite Schauen des Erlösers, des Erlösten

bleibt. --

Es dürfte nicht notwendig sein, mit Grünewaldschen Fingern darauf

hinzuweisen, wo hier allüberall die Formen der Naturgegebenheiten zum

Ausdruck inneren Gefühles umgezwungen sind. Denn dieser Ausdruck ist

bei Grünewald von solcher Stärke, von solch unwiderstehlicher Gewalt

des Fassens, daß der Beschauer in seine Formenbahnen hineingerissen

wird, bevor er noch die Zeit fand, sie an Naturgegebenheiten

abzumessen. So mag denn gerade die unmittelbare Ausdruckskraft der

Bildgestaltung Grünewalds erweisen, wie das Erleben allezeit und

allerorten mehr und früher ist, als jede Lehre.

SCHLUSS.

So dürfte wohl von theoretischer wie von praktischer Seite her klar

geworden sein, daß es nicht etwa nur eine einzige mögliche und

„richtige“ Gestaltungsgepflogenheit in den Künsten gibt, sondern

daß mehrere, völlig gleichgeordnete und völlig gleichberechtigte

Gestaltungsweisen nebeneinander oder nacheinander zu konstatieren und

anzuerkennen sind. Schält man aus den tausendfachen Mischformen der

künstlerischen Wirklichkeit die möglichst begriffsreinen Typen heraus,

so findet man eben die besprochenen vier Arten: im naturnahen Bezirk

Eine, die naturalistische oder realistische Kunstform; im naturfernen

Bezirke die drei Möglichkeiten permutativer, idealistischer und

expressionistischer Veränderung der naturgegebenen Gebilde. --

Nun bleiben aber noch zwei überaus wichtige Fragen zu beantworten.

Erstens die nach der „spezifischen Differenz“, auf Grund deren man die

in diese drei letzten Gruppen gehörenden +künstlerischen+ Umformungen

der Naturgegebenheiten von anderen, +nicht-künstlerischen+ Umformungen

-- etwa von primitiv-kindlichen, oder von zweckhaft-technischen,

oder von abrupt-zufälligen, oder von nichtgekonnt-dilettantischen --

definitorisch unterscheiden kann. Und zweitens die nach dem +Werte+,

den man dem einzelnen Kunstwerke zuspricht.

Beide Fragen lassen sich eindeutig aus der Definition des Kunstwerkes

beantworten, die wir allen unseren bisherigen Erörterungen zugrunde

gelegt haben. Scheut man vor sprachlicher Schwerfälligkeit nicht

zurück, um die zur Fixierung des Begriffes notwendigen Merkmale alle in

Einem Satze aufgezählt zu haben, so lautet diese Definition endgültig

folgendermaßen: Ein Kunstwerk ist ein von einem Menschen aus einem

Gefühle heraus künstlich gemachtes Gebilde, das dieses Gefühl trägt

und das gleichzeitig imstande ist, dieses Gefühl auch einem anderen

Menschen zu vermitteln.

Aus dieser Definition folgt nun unmittelbar, +welche+ Umformungen

des naturgegebenen Vorbildes in allen jenen Fällen, in denen kein

naturalistisches Kunstwerk erstellt werden soll, zu den spezifisch

künstlerischen zu rechnen sind: denn nach dieser Definition führt

eine Umformung der Natur nur dann, aber dann auch immer zu einem

unnaturalistischen Kunstwerk, wenn sie +auf Grund eines Gefühles+

erfolgt ist.

Die nähere Ableitung der diese naturfernen Gefühle tragenden Formen

der „Gefühls-Symbole“, kann hier nicht erfolgen. Doch wird man, wenn

man die naturfernen Kunstgebilde, sei es Michelangelos oder Grünewalds,

in der Erinnerung heraufzwingt oder neu in den Blick nimmt, unmittelbar

erleben -- worauf wir auch mehrfach im Text der Analysen hingewiesen

haben --, daß alle diese künstlerischen Umformungen bei hingebender

Einfühlung Gefühle in uns hervorrufen, die spezifisch an ihnen hängen.

Als derartige +sachinhaltlose+ Träger für +Allgemeingefühle+ wurden

sie dann in die Formen der Sach-Gegebenheiten +eingearbeitet+ und

konnten diese -- theoretisch gesprochen -- so weit verändern, wie

das „Erkennungsfeld“ reicht, also die sachliche Erkennbarkeit des

Dargestellten noch gewahrt wird.

Damit ist auch gesagt, wie sich alle Form-Umbildungen künstlerischer

Art von den Deformierungen infolge „Nicht-Könnens“ unterscheiden. Bei

dieser zweiten Klasse erfährt das nachspürende Gefühl deutlich das

Erlebnis eines Ungeschickten, eines Gehemmten, Dilettantischen, das

+nicht+ gewollt ist, das „hindernd“ mit dem Sachkomplex verbunden

ist, das Gefühl „fesselnd“ oder „störend“ begleitet; im ersten Falle

der rein gefühlsmäßig-künstlerischen Um-Formungen werden umgekehrt

gerade vom Allgemeingefühle des sachinhaltlich Gebrachten her alle

Abweichungen, eben als eingearbeitete echte Gefühlssymbole, aufs

intensivste gefühlsverstärkend und erhöhend lebendig.

Damit ist nun bereits auch ein Teil der zweiten, der Wert-Frage

beantwortet. Fassen wir die obige Definition des Kunstwerkes kurz

zusammen, indem wir sagen: ein Kunstwerk ist ein künstlich gemachter

Träger für ein Gefühl: so bietet diese Definition zwei Stellen, die

wertend ergriffen werden können.

Erstens das „künstlich gemacht“. Voraussetzung zur Herstellung eines

künstlichen Gebildes ist, daß man die „Technik“ beherrscht, die

zum Resultate in gerade diesem Kunstgebiete führen soll: daß man

auch, rein Hand-Werks-mäßig, erstellen +kann+, was man gefühlsmäßig

erstellen +will+. Damit wird reichere Erfahrung oft schon auf den

ersten Blick sehen oder hören, ob diesem rein Technischen das

überdurchschnittlich-positive, das allgemein-nullwertige oder das

unterdurchschnittlich-negative Prädikat zu verleihen sei: also ob das

Bild, die Statue, das Bauwerk; das Lied, die Sonate, die Symphonie; das

Gedicht, der Roman, das Drama; der Tanz oder die Schauspielergeste; bis

zu Schlittschuhlauf oder rhythmischer Gymnastik hinunter: +gut+ oder

+schlecht+ „gemacht“ sei. „Gut“ oder „schlecht“ sind also Prädikate,

die der +technischen+ Beherrschung, dem +Können+ innerhalb der

betreffenden Kunstart zugeschrieben werden.

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 8 / 9 段