Mit wundervoller und seltenster künstlerischer Weisheit ist dabei der

Klang von beiden Seiten her zur Mitte aufgehöht, so daß er wie das

Brausen eines Fünfakkordes klingt, bei dem der Mittelton die Führung

hat. Nicht nur die Vereinzelung und leise Erhöhung der Mittelfigur,

auch die inner-seelische Abstimmung schafft hier am Werk. Sind die

Randfiguren noch lebenskräftiger, noch stärker im Bau der Körper

und der Gesinnung der Gesichter, sind sie auch rein formal noch

lebensfähiger und erdennäher, als der Mittelmann, so gibt der Kopf dann

als der stärkste Träger alles inhaltlich-Seelischen das innerlichste

Zeichen. Die Randgestalten neigen alle zwar den Nacken, gebeugt von

Lebenslasten und Schicksalsfron, nach vorne, und im Sinken ihres Kopfes

ist zwar der Blick zur Erde mitgesunken; doch einen Rest aktiven

Erlebens bewahrt noch Jeder. Besonders wo, im vorderen Plan, der Eine

noch sein Kinn in leichtem Lebenstrotz zur Brust hin drängt, der Zweite

noch die Spuren seines Unwillens trägt, den ihm das Leben aufgezwungen

hat. Auch dieser Trotz verklingt bei den Genossen. Doch während alle

Vier das Haupt nur sinken lassen, fällt es beim Mittleren nicht nur

vornüber, sondern auch zum Bild heraus. Damit aber wird er, der

Haar-Entlaubte, zum Über-Reifsten, zunächst dem Hingehen Geweihten.

Und er ist auch der Einzige, bei dem jetzt unerbittlich die Forderung

ersteht, naturfernem Gestalten recht willig gegenüberzutreten, um

es richtig zu lesen. Sein Körper wird nach unten hin so breit, als

saugte das Gewand sich an den Boden. Nach oben hin geht dann die

Führung von Brust und Rücken schmal zum Hals zusammen, zu schmal für

naturalistisches Erleben. Der Arm, der einzige im Bilde, schmiegt sich

aus schmaler Schulter in die Form und längt sich, hingegeben hängend,

zur Über-Länge, um zur Bewahrung des geschlossenen Umrisses den

Knick des Knies zu decken. Sollen diese „Abweichungen von der Natur“

verstanden werden, so dürfen sie nicht am Äußeren der Erfahrungen

des Lebens gemessen sein, sondern am Inneren des Gefühles. Hier aber

werden sie unmittelbar lebendig. Denn dadurch, daß sich zwischen

den ungebrochenen Kurven, vorne über Leib und Brust, hinten über

den Rücken, der ganze Bau der Figur aus breitem Bett nach oben hin

kontinuierlich und stetig so schmal zusammenzieht, wirkt dann der

Kopf, als wäre er abgeschnürt. Und da sich diese Schmalheit seiner

Ansatzfläche mit seinem Außen-Neigen eint, wird es, als ob er demnächst

fiele: als Kopf vom Rumpf, als Frucht vom Lebensbaum. So lebensmüde

und so sterbensreif neigt hier der Mittlere, als Einziger, den

kahlen Schädel aus der schmalen Spur. So wird er auch zum Einzigen,

der wirklich ganz bereits verzichtet hat. Und also schwillt bei ihm

das Tönen dieses Sterbeklanges in dunkler Färbung auf, wird Er zum

Grab-Geweihten, den näher noch am Leben Stehende den letzten Weg

geleiten. --

[Sidenote: Abb. 38.]

Als nächstes Beispiel diene Hodlers Bild „Jüngling vom Weibe

bewundert“ aus dem Jahre 1903. Es bringt Reife der Komposition

vereint mit sicherster Gestaltung. Denkt man die jetzt nur mehr im

Beiwerk sich noch verkrümelnden Reste naturalistischer Anschauung:

die Rasenfleckchen auf dem Boden, die Wolkenecken und etwa noch die

Unsymmetrie der Blätter an den Zweigen in den Jünglingshänden aus dem

Bilde fort, so bleibt ein reines Werk.

Die alte Wahrheit, daß der Zwang des Einen Geschlechtes zum Anderen

Unwiderstehlichkeit einschließen kann, soll hier in der -- auch im

inhaltlichen Gegensinne geltenden -- Fassung gestaltet werden, daß

die Bewunderung des Weibes für den Mann zum sachlichen Thema wird.

Um diese Unwiderstehlichkeit symbolmäßig glaubhaft zu machen und ihr

den unwidersprechlich stärksten Inhalt zu geben, wird die Frau in der

Mehrzahl, der Jüngling als Einzelner gebracht. Und um sich dreifach

zu sichern, haben sich die Frauen zusammengetan, um stärker zu sein

im Verein. Diese Bindung der drei Mittelfiguren in Einer Phalanx des

Widerstandes soll die stärkste, die unlösbarste sein: also wird sie

in architektonischer Formung vollzogen. Von der links an die Schulter

gehefteten Hand der Ersten der Drei geht die Bahn der Bindung in

strengen Brechungen rechter Winkel zur anderen Schulter, den Weg des

Arms hinab, die Horizontalfläche der Handrücken als Brücke hinüber zur

Mittleren, den Arm hinauf, zur Schulter herüber, den Arm hinunter, die

Brücke hinum, den Arm hinauf, zur Schulter herum, den Arm hinab. Die

linke Randfigur schließt sich noch zu weiterer Hilfe heran, auch sie,

in klarer Dorsalansicht, im Stählernen ihres Rückgrates aufs Äußerste

zum Widerstand bereit. So gehen die vier Repräsentantinnen, nachdem

sie sich aufs Stärkste aneinandergefesselt und damit in gegenseitiger

Stütze zu vierfacher Kraft vereint haben, stolz und gefaßt dem

Jüngling entgegen. Und dieser kommt im Siegerschritt daher. Leichthin

beschwingt fast setzt er seine Füße. Die Arme lässig, ohne Tun, hat

er zu schmuckhaftem Gehaben frei. +So+ sicher fühlt er sich. Und also

ward das Schicksal auch erfüllet. Denn wie die Phalanx an dem Einzelnen

vorbeigeht, verklammert und verzahnt, wie sie in fest vereintem Willen,

sich nicht zu rühren und zu regen, geradeaus die Bahn zu gehen und

Jenes nicht zu achten: an Ihm vorbeigeht -- da +dreht+ es mit Gewalt

ihnen den Hals. Wie er vorbeigeht, sinnend und verspielt zugleich,

da zwingt er sie. Mit nichts als seiner Gegenwart. Sie gehen weiter;

doch im Gehen dreht es den Kopf ihnen herum, un-wider-stehlich, ihm

nach-zu-sehen. Der Nächsten dreht es gar den Körper mit; sie weicht

der Zwangsgewalt aus ihrer Form. Der rechte Arm geht mit und aus der

Klammer zweier Hände weicht im ersten Paar die eine. Er löst den Halt.

Und wie er, nicht achtend der Ver-führten, weitergeht, so klingt die

Zwangsmacht seiner Gegenwart nach links hin ab. Das Kraftfeld zieht

die Linien immer lockerer. Die Zweite, Dritte, Vierte wenden nur den

Kopf. Doch alle Blicke gleiten seine Bahn, ihm nach. Sie wollten nicht;

jedoch sie mußten. Es war ein Stärkeres in ihm; das sie bezwang.

Gibt es noch jemand, der sich der Gefühlsgewalt expressionistischer

Gestaltung wehren kann? Er mag sich noch so fest an Altes binden;

läßt er die ganze Szene nicht im Rücken, geht er an ihr auch nur

vorbei, so zwingt sie ihn. Zu sich. Zu ihrer neuen-alten Art; in

jenen wertvollsten Bezirk, den vielfaches Erleben spenden kann: die

Allgemeingefühle menschlichen Bewußtseins in Formen jener Art zu

fassen, die +gegen+ das naturalistisch-Wirkliche zu Trägern großen

seelischen Geschehens werden können.

So einsichtig und klar wird alle Theorie, wenn ein Erlebnis sie mit

dem Bedeutungsinhalt füllt. Kein Mensch mehr, dem dies Bild lebendig

geworden ist, wird daran zweifeln können, daß hier dem Satze recht

gegeben wird, der alle Abweichungen von der Natur im Kunstbereiche dann

berechtigt glaubt, wenn ein Gefühl als Formentreibendes dahinter stand.

Und auch der Weg wird völlig klar, auf dem es zu diesem Verhalten

kommen muß. Als Erstes erscheint eine Summe von Einzelerlebnissen

gegeben, die, alle aus gleicher Gruppe einer Lebenserfahrung geholt,

auf das Bewußtsein des Schaffenden in ihrer einmaligen Besonderheit

gewirkt haben. Dann blieb von allen diesen Individual-Erlebnissen

ein Rest, eine Erinnerungssumme als Allgemeingefühl im Bewußtsein

des Künstlers. Dann aber sollte dieses Allgemeingefühl eben als

Allgemeines gestaltet werden. Daß hierzu einmalig-individuelle,

also naturalistische Formen nicht taugen, ist ersichtlich, weil ja

deren Begleitgefühl immer die spezifisch-einmalige Tönung behalten

würde. Also müssen Formen gestaltet werden, die erstlich von den

naturalistisch-individuellen Gegebenheiten abweichen; und zweitens

diese Abweichung so vollziehen, daß sie Träger des Allgemeingefühles,

„Symbole“ für seine allgemeine Artung werden. Diese Formen, dann

nicht mehr passiv-abwartend, sondern aktiv-nachbildend aufgenommen,

durch „Einfühlung“ verlebendigt, werden aus Zeigern des Gefühles,

das sie geboren hat, zu Zeugern, die dieses Gefühl wieder-schaffen:

indem sie im Erlebenden durch „rückläufige Assoziation“ jenes Gefühl

heraufzwingen, dem sie ihrer formalen Natur nach zugehören.

Und diese Einsichtigkeit und „Wahrheit“ der theoretischen Behauptungen

ist ja nichts Verwunderliches, da diese ja +aus+ dem Erleben der

Kunstwerke geholt wurden. So müssen sie zu den Tatsachen, aus denen

sie abgeleitet wurden, mit derselben Exaktheit und Sicherheit stimmen,

wie dies für alle anderen „Gesetze“ gilt, die ja, selbst auch im

physikalischen Bereiche, nichts sind, als „abgekürzte Beschreibungen“.

Selbst die „Fallgesetze“ der Dynamik sind nichts Mehreres und nichts

Höheres: sie beschreiben in konventionellen Zeichen die Tatsachen des

freien Falles im Raume und stimmen immer nur ebenso annäherungsweise

auf den speziellen Fall, wie die psychologischen „Gesetze“ der Ästhetik

auch. Denn dort wie hier werden diese gesammelten Erfahrungsformeln

für den „idealen Prozeß“ aufgestellt, dem dort wie hier dann

die Wirklichkeit ihre nie fehlenden Störungen, etwa der äußeren

oder inneren Reibungswiderstände, dort der Luft, hier seelischer

Hemmungen, und meist noch ein ganzes Bündel weiterer Irrationalitäten

zugesellt. Doch dies braucht nicht zu hindern, bei neuen Erlebnissen,

deren spezifischer Ausgestaltung man noch nicht angepaßt ist, jene

„Kurzbeschreibungen“, jene „Gesetze“ dem neuen Erscheinungskomplex

gleicher Art auch zugrunde zu legen, um mit ihrer Erfahrungs-Hilfe

das noch Unbekannte zu bezwingen, zu „verstehen“: es in seinem dort

äußeren, hier inneren Wesen zu durchschauen und damit, dort erkennend,

hier erfühlend, zu erfassen.

Diese Erwägungen mögen dazu bereiten, nun auch heftigeren Umformungen

der Natur mit willigem Gefühle nachzugehen. Tut man dies bei den

naturfernen Werken vergangener Stile ohne jeden inneren Widerstand,

weil man sich ihrer spezifischen Ausgestaltung bereits von Jugend auf

angepaßt hat; nimmt man hier etwa in der „Isokephalie“ der Griechen,

in dem abstrakten Großbau der Mosaiken, in der Übertreibung aller

Bewegungen bei Michelangelo, in den stärksten Verzerrungen Grünewalds,

willig über all diese „Unmöglichkeiten“ der Form hinweg den Weg zu

dem zugrunde liegenden Gefühl: so steht man den neuen Umformungen,

den „noch ungewohnten Unmöglichkeiten“ unserer Tage allzurasch von

vornherein abweisend gegenüber. Jedoch auch hier bedarf es nur einer

willigen Anpassung an die spezifische „Sprache“, an die oft eigenwillig

neue Ausdrucksform, um diese neue Sprache zu verstehen, und damit die

den Formen zugrunde liegenden Gefühle, die ja im Wesen immer dieselben

waren und auch dieselben bleiben werden, unmittelbar im eigenen

Bewußtsein lebendig zu machen.

[Sidenote: Abb. 39.]

„Der Tag“, im Jahre 1900 gemalt, gibt eine derart eigenwillige

Gestaltung.

Die kommende Sonne. Wen günstige Stunde das Emporsteigen des Gestirnes

öfter hat schauen lassen, der kennt das Erlebnis dieser Allgewalt.

In unwiderstehlichstem Heben steigt der Ball. Der Mensch steht da,

festet seinen Blick an den Horizont. Er sieht den Rand der Glutkugel

erscheinen, in stetigstem Vorrücken steigen und steigen. So fremd,

so ferne und so übermächtig, daß zorniger Wille ihn fassen kann, den

Ball zu zwingen, auf seiner Bahn zu halten. Doch er mag den ganzen

Trotz seines Menschentumes zusammennehmen, er mag mit innerlichstem

Krampf dem Gestirne die Bahn verbieten: in stetiger Gewalt steigt

es und steigt, hebt es sich seinen Weg. Zur Ohnmacht wird der

Trotz, zur Kleinheit wird der Wille vernichtet vor der Menschliches

verachtenden Kraft des wirkenden Gestirnes. Natur in ihrer Allgewalt.

Weit überragend irdisches Ermessen. Sie steigt und steigt, weil sie

steigen will. Fast höhnend hebt sie sich empor, höher und höher. -- Da

sendet sie ihre Blendkraft ins trotzende Auge. Ein Flammenübermaß: und

weggewendet kehrt sich der Mensch in seine Kleinheit.

Zwei Wesenheiten also begleiten den Weg der Sonne: die Gewalt ihres

Hebens; die Blendkraft ihres Scheines. Stellt sich ein naturalistischer

Maler, mit den so sehr ins Engste beschränkten Mitteln seiner Kunst,

diese Erlebnisinhalte als Aufgabe, so greift er ins Unmögliche.

Niemals könnte naturnahe Fassung dieses Erleben auch nur im Fernsten

vermitteln. Nicht nur, daß die Farben hier völlig versagen; auch im

Formalen bleibt der runde Ball die so viele Bildversuche zum fast

Lächerlichen herniederziehende „rote Apfelsine“, die die Welt wie

eine Laterne kleinen Menschenwerkes kümmerlich erleuchtet. Hier sind

„Schranken des Materiales“ errichtet, die von dessen engem Vermögen

gegenüber allem naturhaft-Kosmischen beschämendsten Bericht geben.

Um +wie+ viel reicher das unmittelbare Erleben der Natur ist,

als dessen Darstellungsmöglichkeit in jeder Kunstart, und +wie+

vermessen daher, in objektiv-naturalistischen Darstellungen den „ganzen

Kosmos“ begriffen zu glauben, mag man an solchem Beispiele erkennen.

Doch wo selbst Goethe an der Schilderung vorbeigeht, „vom

Flammenübermaß betroffen“, wo selbst seine Sprachkraft und

Sprachschöpfung so sehr versagt: „Sie tritt hervor! -- und, leider

schon geblendet, kehr ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen“, wo

er, „vom Feuermeer umschlungen“, sich abwenden muß: „So bleibe denn

die Sonne mir im Rücken“; da hat doch auch Goethe wieder gefühlt,

daß nur naturferne Bildung, die etwa die Worte und Gegebenheiten der

Sprache völlig vermeiden könnte, diesem Geschehen noch am ehesten

gerecht zu werden vermöchte. „Ungeheures Getöse verkündet das

Herannahen der Sonne.“ Und so könnte etwa das große Orchester der

symphonischen Gestaltung aus ungeheurem Getöse aller Instrumente die

Glutkraft reinsten Feuerscheines emporleuchten lassen in strahlenden

Fanfaren. Geht aber Malerei an diese Aufgabe, so kann es niemals

die einer naturnahen Orientierung sein. Niemals hätte selbst der

„Lichtmaler“ Rembrandt an dergleichen nur gedacht. Und so oft auch der

Sonnenfanatiker van Gogh daran gedacht und die Glut seiner Farben daran

versucht hat: er mußte scheitern. Denn er wollte die Sonne als Sonne,

als „Himmels-Körper“ malen; und so schmolz sie ihm Form und Farben

fort, zerfraß ihm Auge und Gehirn. Denn schon die rein quantitative

Übergröße ihrer Intensität mußte alles ins Nichts zerschlagen, was die

Palette oder die graphische Form an Kleingebilden in Parallele stellen

wollte.

Da demgemäß der Weg objekthaften Darstellens der äußeren Gegebenheiten

unmöglich wird, bleibt nur der andere Weg der symbolhaften Darstellung

des inneren Erlebnisses. Und hier wieder muß diesen Symbolträgern bei

einem äußeren und inneren Formate, das in der Proportion möglichen

Erlebens zu unserem Auge steht, die Kraft gegeben werden, mit den

Mitteln des Sichtbaren so zu werken und zu wirken, daß zwanghaftes

Steigen und blendendstes Sein sich vereinen.

Hodler erstellt das Symbol in nackten weiblichen Figuren. Sie sind ihm

gut, sowohl die aktive Kraft, wie das passive Erleiden zu tragen.

Das zwanghafte Steigen zu vermitteln, verwendet er nun alle Elemente

naturferner Gestaltung.

Er ist dabei nun kühner als in der „Eurhythmie“. Um das Zwanghafte

der Bewegung zu geben, bindet er vorerst den ganzen Komplex in die

stärksten Fesseln. Zu sicherem Verweilen führt die frontal gerichtete

Fünfzahl der Figuren. In strengste Kompositionslinien ist sie gebunden.

Die vertikale Mittelfigur baut die Achse des Bildes. Von der dunklen

Horizontalen des unteren Bodenstreifens nahe am Bildrande ab fassen

parallele Bogenformen die Komposition und binden sie zur Mitte. Vom

Knie der Linken mit leichtem Heben in der Mitte zum Knie der Rechten --

die Horizontlinie des Bodens -- die Bahn der Ellenbogen -- die Linie

der Scheitel -- die Begrenzung des Himmels: fünfmal wiederholt sich

die Fesselung in einen flachen Bogen, um die Höhentendenz zu binden.

Und viermal, je zweimal von jeder Seite binden die Richtungslinien der

Arme und der Köpfe den Bau zur Mitte. So steht und bleibt ein Gebäude,

schon von hier aus als Anordnung un-wirklich, über-wirklich, jedes

schlechthin naturalistisch Gegebene des Zusammenseins von fünf Figuren

weit negierend.

Nachdem so die formale Hülle gegeben ist, füllt die inhaltliche

Konzeption den Kern. Aus dem Kreise der Genossinnen hebt sich

strahlend die Mittlere empor. Sie ist das Symbol der aufgehenden

Sonne. Unwiderstehlich soll ihr Aufgang dem Gefühle wirken. Denn

wir haben gesehen, daß erstlich ihr Streben nach oben das zwanghaft

Innerlichste, gegen alle Fesselung Steigende sein muß; und daß sich

zweitens mit diesem Treibenden innersten Müssens die strahlendste

Kraft, die leuchtendste Blendung vereinen soll. So haben wir es so oft

in Wirklichkeit erlebt. Und im Symbol soll dieses Gefühl gestaltet

werden, das, in diesen beiden Komponenten, als Erinnerungssumme in uns

Allen lebt, die wir so oft schon die Sonne vom Horizont in den Himmel

aufsteigen sahen.

Zwanghafte Lösung also vorerst aus festester Bindung. Nun wird

die fünffache Bogen-Fesselung gefühlsmäßig lebendig. Und jede

„Unwirklichkeit“ und jede „Unmöglichkeit“ ist gestattet, wenn sie die

Bindung verstärken, die Lösung unwiderstehlicher machen hilft. So wird

erstlich die Führung der Beine in die unterste Bogenform eingezwungen.

Gegen jede mögliche anatomische Gestalt und gegen jede natürliche

Haltung werden die Unterschenkel gebogen, zum möglichst lückenlosen

Schließen der Reihung der Kniee gebracht. Am deutlichsten und kühnsten

im linken Unterschenkel der mittleren Figur, dem die „Vergewaltigung“

der Form aufgezwungen wird, damit er dem Allgemeingefühle diene. Denn

da der linke Fuß, in natur-möglicher Haltung, durch sein Vorstoßen

über die Bogenform diese „Bindung“ zerreißen würde, wird er eben im

Gelenk „gebrochen“, in die Rund-Führung eingezwungen. Naturalistische

Anpassung wird dadurch gestört. Man versuche jedoch, diese so in den

Bogen gezwungene Form nicht naturhaft, sondern als Symbolform der

Bindung zu sehen: und sie wird mit der Reihung der anderen zum Sockel,

von dem aus die Lösung der Mittelfigur erfolgt. Denn ihr zwanghaftes

sich Heben kann nur dann stark und unwiderstehlich wirken, wenn

glaubhaft wird, daß sie trotz Allem, was sie fesseln will, und gegen

Alles, was sich mit flachlastender Schwere an sie anhängt: emporsteigt.

Empor sich hebt, als löste sie sich zur Freiheit aus einer Bindung,

die, mag sie formal noch so gesichert erscheinen, von ihr nie als

ernstlich gefühlte, als innerlich hindernde empfunden wurde; sondern

die in treibend-innerlichster Selbstverständlichkeit verlassen wird.

So hebt das rechte Bein in stetem Ziehen die Figur empor, so streckt

der Körper sich in seine Vertikale, so heben sich die beiden Arme auf

zum Himmel, so wendet Zielgefühl die offenen Flächen der Hände, die

einzeln vorsteigenden Strahlenspitzen der Finger nach oben, so gibt ein

überlegen-müheloses Antlitz die unbedingte Sicherheit: sie steigt empor.

Und um dann weiterhin das strahlend-Blendende zu geben, hebt sie die

beiden Arme zu eckig-scharfem Rahmen um den Kopf. Denn gerundete

Führung würde hier das herbe Blendende der Strahlung völlig schwächen.

So muß auch hier Natur zur Ausdruckskraft anatomisch unmöglicher

Formung gezwungen werden. Die rechtwinklig-eckigen Brechungen stechen

im Gefühle, an ihnen prallt das Nahende zurück, so wie sich Auge und

Gefühl des Menschen vor strahlend hellem Licht erschrocken wenden. Im

Blendungsbogen biegen sich die Leiber der Gefährtinnen. Die nächsten

ganz zurückgeschreckt, gekrampft gewendet vor der Flut des Lichtes.

Die weiteren in milder Dämmerung; vielleicht, bejahend im Gefühl, der

Morgen links, entsagend in der Wendung, rechts der Abend. So klingt im

tiefer Zurückgesetzten und im Linderen der Bewegung der Randfiguren,

im Runderen der Führung ihrer Gesten, im Dunkleren des Tones und

Haar-Beschatteteren ihrer Körper der Donnerklang der Mittelzone zu

leiseren Akkorden ab.

Und also ist die Aufgabe gelöst, ein Bild erstellt, das innerem Gefühl

lebendig wird. Zwanghaftes Steigen und blendendstes Sein erreicht. Der

werdende Tag, die kommende Sonne sind aufs Intensivste, und dennoch

erlebnisfähig dem Auge gestaltet. --

[Sidenote: Abb. 40.]

Wer sich mit den „Vergewaltigungen“ des anatomisch-Richtigen im Bild

des „Tages“ nicht gleich befreunden mag, dem sei als Gegenbeispiel

ein Bild gezeigt, das Hodler drei Jahre nach dem „Tag“ gemalt hat.

„Die Wahrheit“ soll symbolmäßig gestaltet werden. Wenn es nun wahr

ist, daß expressionistisches Gestalten nicht an der Wirklichkeit des

Seins, sondern an der Intensität des inneren Gefühles gemessen werden

muß, das die Naturabweichungen erzwingt und mit dem Treibenden seines

Gestaltungswillens erfüllt, so wird in diesem Bereiche all Das schlecht

und ohne Wert, was eben diese Zwangs-Intensität vermissen läßt. Die

„Wahrheit“ hier, die Laster, Lug und Trug vertreibt, ist aus ähnlichem

Gesamtgefühle geboren, wie der „Tag“. Auch hier soll strahlendes

Erleuchten die dunklen Triebe scheuchen. Hier ist die Siegfigur stehend

gebildet. Aus dunklem Kreis hebt sie sich hell ins Licht. Doch lebt

man sie nach, fühlt man ihr auf den Kern -- so bleibt sie lahm. Trotz

ihrer anatomisch größeren Richtigkeit, trotz des naturhaft Möglicheren

ihres Baues, bleibt sie gestellt und taub. Nichts Treibendes, nichts

unwiderstehlich Mitzwingendes hat ihr Stehen oder ihre Bewegung. Die

Geste der Beine wie der Arme wie des Kopfes bleiben einfühlendem

Bestreben stumm und tot. Und auch die Kurven der Dunkelgestalten haben

mehr naturalistisch-Wegeilendes als zwanghaft-Weggeschrecktes. Sie sind

von ihren abgewandten Vorderflächen her empfunden und gestaltet, statt

daß die „Wahrheit“ sie im Rücken träfe, sie von sich stieße. Dies kann

sie nicht, weil sie in sich zu schwach ist, zu wenig Ausdruck ihrer

selbst. Die ganze Konzeption ist trocken, das ganze Werk erdacht mehr,

als erfühlt; eine in der inneren Energie des Wirkens schwache Stunde

hat eine schwache Expression geboren.

Sieht man von hier auf die Figur des „Tags“ zurück, so wirkt diese

doppelt stark. Vergleicht man bis ins Einzelne die Ähnlichkeit der

Geste beider Arme etwa, so wird das Intensive ihrer Brechung gegen die

Lahmheit jener „möglicheren“ Armhaltung bei der „Wahrheit“ restlos

klar. Und damit das Prinzip. Je stärker der Trieb des inneren Gefühles,

desto stärkere Vergewaltigungen kann er tragen; wo bei schwächerem

Gefühle schon kleine Wagnisse der Umformung zu Mißbildungen werden. --

Es gehört zum Wesen der Monumental-Kunst, daß ihr jenes Pathos eignet,

das Distanz erzwingt. Wo das intime Kunstwerk dadurch definiert

ist, daß es den Erlebenden unmittelbar an sich heranläßt, ihm als

Lyrik unmittelbar ins Herz spricht, als Kammermusik nahe in die Ohren

spielt, als Bild ihn mit in seinen Rahmen nimmt; da treibt ihn das

Monumentalwerk, sei es als großes heroisches Drama oder als Symphonie

oder als Wandgemälde, weit zurück, auf daß er aus weiterem Abstande

her die Schwungkraft finde, sich zu einer Größe aufzurecken, die dem

Eindruck standhält.

Um nun zu zeigen, zu welcher Größe natur-fernster Monumentalität, zu

welch weitesten Allgemeingefühlen seltenster Stärke, wie wir sie an

Hand naturalistischer Bildformungen niemals würden erleben können,

gerade die expressionistische Gestaltungsgepflogenheit zu führen

vermag, sei auch noch ein Monumentalgemälde Hodlers gebracht; und zwar

in -- fast grotesk wirkendem -- Vergleiche zu einem Bilde ähnlichen

Themas, das Hodler noch in seiner naturalistischen Frühzeit gemalt hat.

[Sidenote: Abb. 41.]

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 7 / 9 段