Und nun wende man den Blick zuerst zurück zu Dürers Händen, und

dann, im Vergleich des Erlebnisses, zur Hand des Gekreuzigten

Grünewalds. Hat Dürer seine Bildung als Ab-Bildung geschaffen, und

alle individuellen So-Gegebenheiten treu bewahrt; hat Michelangelo

das Allgemeine des Typus idealisierend vor-geholt, indem er diese

individuellen Merkmale ausgleichend über-sah; so bohrt sich Grünewald

in diese Kerben des Einmaligen doppelt und dreifach ein, verstärkt

sie, intensiviert sie, wo und wie er nur kann. Man nehme wiederum den

Anlauf vom linken Bildrand aus. Im stärksten Wogen schwillt die Form

des Armes aus schmal verengtem Ellenbogen nach beiden Seiten auf,

stößt seine Wölbungen nach außen, höhlt sich dann im Abfall in die

Rinnen der Sehnenzüge ein, verkrampft sich im Engpaß des Gelenks der

Hand, breitet den Handteller zur Wurzelplatte aus, von der her dann

die Finger vor dunklem Hintergrund ihr lautes Schreien in den Himmel

schicken. Der Nagel schnürt und preßt die Hand verstärkt ans Holz,

die Finger dehnen, strecken sich und krümmen ihren Ausdruck in die

Luft. Weit ab von der Natur-Gegebenheit, so weit wie Michelangelo,

doch nach der Gegen-Richtung, zeigt sich hier die Form. Weil Grünewald

das Erschütternde dieses Schrecknisses, der Schändung und der Tötung

Christi, aufs Intensivste und aufs Stärkste aus dem Herzen schreien

wollte, weil jede Form ihr Anklagen und Rufen doppelt, dreimal,

mehrfach in das Gewissen der Gemeinde und zum Himmel schicken sollte:

deshalb intensiviert er, über-treibt er jede Form so weit, daß sie

zwar noch erkennbar bleibt, doch ihre Eindruckskraft weit über die

der vorgeformten Naturgegebenheit hinausgeht. So wird die Längung

der Finger über-trieben, so wird etwa auch dort, wo im Absetzen des

Daumens vom Daumenballen Naturform eine leise Kerbung zeigt, der

Daumen ab-geschnürt, damit er in dem diskontinuierlich-plötzlichen

seines Aufsprungs und seiner Reckung, der Biegung und der Richtung, im

Überhöhten der Farben und des Lichterglanzes „Ausdruck“ gebe für das

Gefühl, das mit seltenem Sturme in der Seele Grünewalds eingeschlossen

war. --

Und was für Pflanzen und für Hände gilt, gilt gleicherweise für

Gesicht, für Körper und für Komposition. Nun kann die Analyse wohl

schon rascher vorwärtsgehen.

[Sidenote: Abb. 28.]

Der „Baumeister Hieronymus“ von Dürer gibt wiederum das Beispiel, wie

ein Gesicht des Menschen, in das zufälliges äußeres Schicksal und

angeborenes inneres Temperament, in Spiel und Gegenspiel, in Ruf und

Antwort an dieser Wand zusammenstoßend, ihre Runen eingeschrieben

haben, möglichst treu in seiner So-Gegebenheit als „Porträt“ bewahrt

werden kann. Ein „einmaliger Mensch“, an einem Tage, in einer

Stunde hat so ihm sein Gesicht gewiesen. Hat so „ausgesehen“. Etwas

bekümmert und zerplagt, von grübeliger Arbeit, die ihm anscheinend

nicht allzuleicht fiel, mitgenommen und verherbt, bereits im Abbau

seiner Lebensenergie, nicht allzu weitsichtig und überschaulich, kein

„Philosoph“ des Lebens: ein einmaliger, wahrer Mensch.

[Sidenote: Abb. 29.]

Dagegen Adams Kopf aus Michelangelos „Erschaffung“. Wirklich auch

von Michelangelo „erschaffen“. Der Kopf des Ersten Menschen, im

Allgemeinen seines Typus. In klarem Bau hebt sich der Hals aus weiter,

runder Grube, die zwischen Schultern und Schlüsselbeinen ausgehoben

ist. In allgemeiner, weiter Wendung seiner klaren Muskelbahnen dreht

er den Kopf ins neigende Profil, schickt seinen breiten Blick,

die allgemein-gelöste Stimmung seines Mundes der lebengebenden

Gottvater-Hand entgegen. In großen Flächen, in allgemeinen Linienzügen

steht das Gebilde da, sind Haar und Ohr, sind alle Teile des Gesichtes,

vom Größten bis ins Kleinste, bis zu den Nasenflügeln und den

Augenbrauen „von der Natur entfernt“.

[Sidenote: Abb. 30.]

Und nun eine Studie von Grünewald zu einem „singenden“ Engel des

Isenheimer Altares. All das, was an Verschiebungen des Gesichtes

beim Öffnen des Mundes, Verziehen der Lippen, Verdrücken der Augen,

Verfalten der Stirne bei einem singenden Knaben etwa zu „beobachten“

ist, ist hier über-betont, verstärkt, zu übermäßigem Ausdruck

intensiviert. Die Formen quellen wieder wie über-lebendig vor, der

Umriß läuft damit in stärksten Hebungen und Senkungen um das Gebilde,

Verquetschungen und Pressungen, Verflochtensein von Falten auf der

Stirne, als wären sie verwachsenes Wurzelwerk, das Vorstrecken der

Nase, das Aufquellen der Backen, das pressend ineinander verknetete

der Formen: weit ab von jeglicher Natur des Hieronymus-Kopfes

Dürers; weiter noch ab von jener Ausgeglichenheit und Allgemeinheit,

die Michelangelos Kopf des Adam zeigte. Expression, Ausdruck

innerseelischen Temperamentes hat auch hier die Formen über-geformt,

über-betont, zum fast schreienden Offenbaren Grünewaldschen Fühlens

fortgeführt. --

Jede begriffliche Teilung eines Erfahrungsgebietes ist zwar notwendig,

um die geistige Beherrschung über die sonst verwirrend unbeherrschbare

Fülle des Tatsächlichen zu ermöglichen; doch sie wird eben dieser Fülle

des Tatsächlichen nie gerecht. Sie scheidet in umzirkte Gruppen, was

in Wirklichkeit durcheinandergeht -- so führt sie etwa „theoretisch“

eine reinliche begriffliche Scheidung zwischen „Warmblütlern“ und

„Kaltblütlern“, zwischen „Amphibien“ und „Fischen“ durch, die der

Wirklichkeit +nicht+ entspricht -- und sie wird damit zu einer

Gefahr für alles lebendige Erleben. Soll eine begrifflich-systematische

Orientierung also nicht mehr Fehler besitzen, als eben nur die

notwendigen Fehler ihrer Vorzüge -- was, bei der Relativität aller

Dinge, eben „Vollkommenheit“ bedeutet --, so muß jenes lebendige

Erleben ihre Umgrenzungen und prinzipiellen Einteilungen immer wieder

als unfeste und verschiebliche begreifen. Es muß bereit bleiben,

der Gefahr der Sterilität eines starr behaupteten und intolerant

durchgeführten Systemes dadurch zu begegnen, daß es jeder „Theorie“ in

desto weiterem Umfange „Relativität“ zugesteht, je weniger es sich um

eine reine Begriffswissenschaft, wie etwa die Geometrie, handelt, je

mehr bloß der theoretische Überbau für reichste Erfahrungs-Wirklichkeit

gegeben werden soll.

Um dies an einem Beispiele zu erweisen, soll noch gezeigt werden,

wie auch im Bewußtseinsleben Eines Menschen die drei theoretisch

gesonderten Einstellungen des Naturalismus, des Idealismus und des

Expressionismus im kurzen Zeitraum weniger Jahre bei- und nacheinander

wohnen können.

[Sidenote: Abb. 31.]

Den Kopf eines „jungen Mädchens“ zeichnet Dürer im Jahre 1515, in

schlichter, naturnaher Einstellung. Kein „besonderes“ Gesicht,

ein Durchschnittsmensch, mit allen jenen kleinen Verschiebungen

um den „Typus“ des menschlichen Gesichtes herum, die infolge der

unübersehbaren Versponnenheiten und Verwicklungen organischer Bildung

immer auftreten. In der Kopfformung, im Verhältnis der leereren

Gesichtsteile zwischen Ohren und Augen, Nase und Mund zu eben diesen

Teilstücken, in der Bildung dann eben dieser Details sind alle

individuellen Besonderheiten belassen und gepflegt. Und so ergibt

sich als Resultat das bestimmte Gefühl, einem „einmaligen“ und

einem „wirklichen“ Menschen gegenüberzustehen, der dieser Zeichnung

sicherlich glich, dem diese Zeichnung sicherlich bis ins letzte

„ähnlich“ war.

[Sidenote: Abb. 32.]

Im Jahre 1506 hatte dieser selbe Dürer den Kopf einer „Frau mit glatt

gescheiteltem Haar“ gezeichnet. Er ist einer der wenigen seiner

„konstruierten“ Köpfe, in denen Dürer, der geometrisch errechneten

und abgezirkelten, also gefühlsleeren Form leise ausweichend, das

völlig tote Gerüst geometrisch erdachter „Proportion“ innerlich

verlebendigt hat. So kommt denn eine Einstellung zustande, die von

idealistisch-erfühlter Formausgleichung her dem Kopf das Einmalige

bestimmter und zeitlich beschränkter Existenz nimmt, um ihm dafür

die ruhige Größe des Dauer-Lebens und Dauer-Bleibens begriffsnaher

Formung zu verleihen. Es soll dabei nicht verschwiegen werden, daß

man auch diesem Kopfe noch anmerkt, daß ausgleichender Idealismus

Dürers Innerstem eigentlich nicht entsprach. Sondern daß im

Gegenteil Dürer von Hause aus in seinen frühen Werken durchaus

expressionistisch orientiert war. Er verschüttete bloß durch

Selbst-Vergewaltigung zu italienisch-idealistischer Gesinnung alle

diese ursprünglichen Quellen seiner Eigenart; ohne dabei -- da es

eben ein verstandesmäßig-gewollter, ein rechnerisch-geometrischer

Begriffs-Schematismus war, den er sich aufzwang -- jemals wirklich

den innerlich erlebten, vom Allgemeingefühle her strömenden echten

Idealismus südländischer Natur und Volksart zu erreichen. So ist denn

auch in diesem Kopfe beides, sowohl das rechnerisch-Konstruierte,

wie auch das expressionistisch-Zupackende in Resten noch deutlich zu

erfühlen. Das kalt Geometrisierte in den Konturen und der Modellierung

des Halses; das energischer die Formen über-Betonende in einem gewissen

Über-spannten von Blick, Nase und Mund. Es ist fast, als hätte eine

zupackende Hand mit sehnigem Griff in die idealistisch-ausgeglichene

Form dieses Gesichtes gefaßt, und, im Zusammenpressen der Finger,

die schmale Grat-Bahn aufgehöht, die Nase und Mund durch die breiten

Flächen des Scheitels, der Stirne, der Wangen und des Kinnes ziehen.

Hier in dieser schmalen Zone, zu deren Seiten auch der Blick der

Augen, etwas abrupt in die Winkel verschoben, aus der allgemeinen

Richtungs-Harmonie der großen Kopfbewegung ausbricht, hier biegen sich

die Kuppe und die Flügel der Nase und die gespannt schwellenden Formen

der Lippen in innerlich pulsierendem, innerlich stoßendem Gefühle, dem

die allgemein-ruhende Form nicht gemäß war.

Dennoch aber bleibt die Allgemein-Stimmung, das Großgefühl dieses

Kopfes ein Idealistisches. In weiter, freier Klarheit hebt sich

der Hals von den Schultern, wendet sich der Kopf im Genick, hebt

sich das Kinn, laden die Formen zu breitestem Schwunge aus. Das

akkordhaft-ariose Tönen der italienisch-idealistischen Art ist hier

Dürer in hohem Maße gelungen.

Will man nun den eigentlichen Dürer, will man ihn am Quell seines

ursprünglichen Wesens, nämlich als Expressionisten kennen lernen,

so muß man entweder zu seinen frühen Holzschnitten der Apokalypse,

oder späterhin dann zu zeichnerisch-raschen, noch nicht „konstruktiv“

umgearbeiteten Entwürfen gehen; wie etwa dem „Memento mei“ vom Jahre

1505 oder der Beweinung vom Jahre 1522. Um hier jedoch den Vergleich

mit den zwei anderen Kopf-Zeichnungen besser und nachdrücklicher

durchführen zu können, sei die Zeichnung gezeigt, die Dürer im Jahre

1514 von seiner Mutter gemacht hat.

[Sidenote: Abb. 33.]

Wiederum ein „Gesicht“. Das Gesicht einer Frau, deren Leib durch den

Mißbrauch von achtzehn Geburten zerstört, deren Geist durch Arbeit

und sorgenvolle Mühen zeitlebens außerordentlich beschwert war.

Und nun, da Dürer sie, die Dreiundsechzigjährige, der ihr Mann und

fünfzehn ihrer Kinder bereits vor-gestorben waren, kurz vor ihrem

eigenen Tode vor seine Augen und vor seinen Griffel nimmt, da denkt

er weder an „Konstruktion“, noch ist er persönlich unbeteiligt genug,

um die objektiv-naturalistische Einstellung bewahren zu können. Denn

wo für den Maler, der das Bewußtsein des Porträtierten sonst nicht

kennt, die Runen, die die ihrem Schicksal antwortende Seele in das

Antlitz gräbt, die einzige Möglichkeit sind, auf Innerseelisches des

Modells zu schließen: da +kennt+ hier Dürer dieses Modell seit

mehr als vierzig Jahren. Und damit weiß er +mehr+, als ihm die

objektiven Formen sagen. Dies Mehr nun wird bei ihm gefühlserschütternd

wirksam. So gräbt es auch die Runen stärker, schlägt die Kerben

tiefer, intensiviert die So-Gegebenheiten der Natur zu stärkerem

Ausdruck. Er überhöht so das vom Leben Leergespülte dieses Halses,

verherbt den Mund, buckelt und höhlt die Backen, verstiert den

Blick der Augen, über-spannt die Stirne im Kleingeriesel ihrer

Sorgenwellen: und steigert so die Formen des Gegebenen, Gesehenen zum

Ausdruck gefühlsmäßig erlebter Innerlichkeit, intensiviert sie zu

expressionistischer Natur-Ferne.

So zeigt die Dreiheit dieser Köpfe, was wir ja auch aus eigenem

Innenleben wissen: daß in Einem Bewußtsein, zeitlich voneinander

geschieden, alle drei wesentlichen Grund-Verhaltungsmöglichkeiten

gefühlsmäßiger Einstellung dasein können. --

Haben wir bisher nur Teilstücke betrachtet und untereinander

verglichen, so mag nun vorerst die ganze Figur als Bild -- diese

noch im Dreier-Komplex -- und dann zum Schlusse die kompliziertere

Bild-Komposition Wesen und innerliche Berechtigung des Expressionismus

erweisen.

[Sidenote: Abb. 34.]

Zuerst der „Christus an der Säule“ Rembrandts, gemalt etwa im Jahre

1646, in Rembrandts Vierzigstem. Ein kleines Bild. Doch voll und reif

im Künstlerischen.

Ein schwächlich müder Jüngling ists, kein Christus. Das Überhöhende,

naturhaftes Erfahren Überschreitende lag nicht in Rembrandts Seele.

Nachdem er die gezwungenen Posen seiner Jugendart verlassen hatte, hat

er den Christus immer wieder als reinen Menschen gemalt, dem „Hoheit“

niemals eignet. Dafür verinnerlicht er ihn im menschlichen Gefühl.

Rein naturalistisch ist das Bild empfunden. Ohne jede „Abweichung von

der Natur“. Wahrwirklich so im Körper, wie im Seelischen. Der Jüngling

stellt sich an die Wand, rückt das rechte Bein als eckig hingestelltes

Spielbein vor, neigt sich im magern Körper und der schwachen Brust nach

vorne, senkt still den Kopf und bleibt. Bleibt dem Auge und dem Malen

Rembrandts, der mit sicherster Gewähr des Treffens, die Beine so, den

Körper so, die Hände lax verschränkt, den Kopf gesunken und geneigt,

das Ganze in das warme Licht des Zimmers eingehüllt, das „Objekt“ faßt.

Sein Seelisches zu „deuten“, tut weder Rembrandt, noch der Analyse

not. Der Jüngling war, schon als Modell, im Innersten so traurig-müde,

so milde-gütig und hingebungsvoll geneigt, daß im rein körperlichen

Neigen der Figur und ihres Kopfes das Hingegebene und Mit-Leid Weckende

innerseelischer Wahrwirklichkeit zutage tritt, wie es im Leben selbst

geschah.

Demgegenüber dann der „Stabträger“ der klassischen Antike.

[Sidenote: Abb. 35.]

In Stand- und Spielbein klar geschieden, mit dem wohltönenden Rhythmus,

der alle Eckigkeiten und Besonderheiten einmalig zufälliger Haltung zum

Wesentlichen abgestimmter Bewegung ausgleicht, tragen die beiden Beine,

als Säulen-Stützen deutlich vom Rumpf getrennt, den Oberkörper, der

leicht und klar in der Teilung der Hüftgelenke von den Stützen hebbar

ist. Zu fast geometrisch allgemeinster Ausgleichung ist die Rundung der

Schenkel, ist die zur Scham in reiner Bogenform und reiner Symmetrie

sich senkende Grenzlinie des Körperstammes, sind alle senkrechten und

wagerechten Teilmodellierungen der Oberfläche geführt. Klar sitzt der

Hals, klar dreht sich im Scharnier der Kopf, klar ist sein Oval, klar

seine Teilung des Gesichts; und klar ist auch die Teilung des ruhig

hängenden Armes durchgeführt.

Das idealistische Gesamtgefühl ist uns vom „Idolino“ her bereits

bekannt: eine sordinierte und leise melancholisch überbreitete Harmonie

beruhigt klarer Größe.

[Sidenote: Abb. 36.]

Zum Gegenpole dieses beruhigt-idealistischen Gefühles muß nun jener

Weg geleiten, der gegensätzliches Verfahren beim Gestalten wählt.

Wo Individual-Merkmale einmal bleiben können; das andere Mal zum

Allgemeinen hin zu überbreiten sind; da können sie zum dritten Male

in sich verstärkt, erhöht, vergrößert werden. Der „Wilhelm Tell“ von

Hodler sei hier das Beispiel. Er ist so wenig naturwahr, wie der

Doryphoros. Doch so verschieden von ihm, wie rechts von links. Um

hundertachtzig Grade, in gestrecktem Winkel, führen, von gemeinsamem

Ursprung her, die beiden Wege auseinander, um, unversöhnbar weit, an

einander feindlichsten Zielen zu enden.

Aus weit aufklaffendem Wolkenriß tritt Tell hervor. Nicht Tell

nur soll er sein; sondern Symbolgestaltung des „Befreiers“. Das

Allgemeingefühl, das wache Menschen dazu treibt, gegen Ungerechtigkeit

und Vergewaltigung, gegen jene Beschränkung der persönlichen Freiheit

also, die nicht von der Gemeinschaft, sondern von verbrecherisch

herrschenden Einzelnen auferlegt wird, mit aller starken Macht

inneren Willens aufzustehen, soll hier gestaltet werden. Da taugt

kein einmaliges „Modell“ dazu; da taugt auch nicht verklärte Harmonie

des Idealistischen. Sondern erhitzt vom Innersten her, symbolhaft

aufgetrieben, aufgeworfen, von der stärksten Intensität des

innerseelischen Gefühles genährt, müssen Formen erstehen, die dann eben

an Ausdruckskraft und Freiheitswillen alles übertönen, was naturhafte

Bildung zu erstellen pflegt.

Vom Sohlen-Sauge-Tritt der Füße aus, die wie verklammert an dem Boden

haften, hebt sich durch die Doppelbahn der beiden überbreit-gespreizten

Beine der Strom des Kraftgefühles zu den Hüften auf und baut hier mit

dem dunklen Gurt den strack gestellten Sockel für den Oberkörper. In

breitem Schwunge fließt der Kraftstrom weiter über Brust und Schultern

hinauf zum Kopf, der wie ein Rammbär festgewuchtet steht; treibt weiter

durch die beiden Arme, staut sich am rechten Rande an der Armbrust und

wird hier rück-geschlossen zu dem Griff der Faust; hebt auf der linken

Seite den rechten Arm des Tell in innerlich erpreßtem Schwunge auf,

zur freien, breiten Hand: so stoßen dreimal offene Formen, die Hand,

die Armbrust und das Face-Gesicht, unwiderstehlich durch den Raum nach

vorne.

Allüberall bemerkt man dann die Intensivierung der Naturgegebenheiten.

Vom vorhin schon erwähnten Sauge-Tritt der Sohlen an, der das

Anschmiegsame flacher Menschenfüße in unerhörter Energie verstärkt;

über die vorgetriebenen Muskeln beider Unterschenkel; über die

treibend-zügige Verklammertheit des Körperstamms, der wie ein

Felsblock raumgefestet steht; bis zu dem Schädel, der, um als Rammbär

des Gewalt-Vorstoßes zu wirken, ins kubisch-Rechteckige seiner Form

verdichtet wird; bis zu den beiden „Falten“ auf der Stirn, die, um die

Energie maßlos zu erhöhen und um dem dunklen breiten Bart den Gegenpart

zu halten, aus Stirnrunzeln zwischen den Augenbrauen zu kleinen, festen

Kugelkuppen „intensiviert“ werden: überall merkt man die Tendenz am

Werke, die individuellen So-Gegebenheiten der Natur zu über-höhen,

sie auf-zustärken, sie zu „Gefühlssymbolen“ umzuzwingen, um inneren

Allgemeingefühlen des Gestaltenden Ausdruck zu verleihen.

Nimmt man die ganze Figur nochmals in Blick und Fühlen, so gibt sie

tatsächlich wohl Stärkstes überhöhter Kraft, geht mit unwiderstehlichem

Stoß uns entgegen und reißt durch ihre Formenbildung zu jener

seelischen Gewaltmacht hoch, die nur der Expressionismus bringen

kann. --

Hat man sich einmal an die spezifische Art der „Abweichungen

von der Natur“ angepaßt, die durch die expressionistische

Gestaltungsgepflogenheit begründet sind, und nimmt man nicht mehr als

„falsch“ oder „schlecht gezeichnet“, was eben dadurch verursacht ist,

daß es „einem Gefühle Ausdruck geben soll“, so wird man auch reicheren

expressionistischen Bildkompositionen gegenüber leicht die gerechte

Einstellung finden können.

Mit dem Aufkommen expressionistischer Bild-Kompositionen tritt aber

zugleich auch die Frage nach dem +sachlichen Inhalte+ der Bilder, nach

dem „Was“ der Darstellung, bedeutungsvoll hervor.

Die allgemeine Bedeutung jedes Menschen, auch des Nicht-Künstlers,

tritt vor allem darin zutage, welchen Lebens-+Inhalten+ er sein

Interesse zuwendet. Auch wenn ein Mensch die zufällige Begabung des

Festhaltens seiner erlebten oder erträumten Seeleninhalte in den

Formen einer Kunstbetätigung nicht besitzt, kann ihm rein menschliche

Seltenheit oder Bedeutung eignen. Sie wird dann eben in der Seltenheit

seiner Bewußtseinsinhalte und in seinem daraus folgenden Tun und Lassen

zutage treten. Vermag er andererseits diese Inhalte künstlerisch zu

fassen, so wird er als bedeutender Mensch nebenbei noch zum bedeutenden

Künstler.

Nun gibt es aber eine große Zahl allgemeiner Lebensinhalte, die den

bedeutendsten wie den unbedeutendsten Menschen gemeinsam sind. So etwa

alles, was als vaterländische oder religiöse Überlieferung, als Sage

oder Märchen Allen gleichermaßen vermittelt wird; weiterhin dann die

unentrinnbaren, jedem im Laufe seines Daseins bestimmten Erlebnisse

der Familie und ihrer Verwirrungen, der Berufswahl und des Kampfes um

materielle Sicherheit, die Freuden der Jugend, die Taten der Reife,

die Lasten des Alters, das Kommen und Schwinden der Liebe und des

Leides, das stetig sich Nähernde der Stunde des Sterbens. Besonders die

Dreizahl von Jugend, Liebe und Tod gibt +jedem+ Leben sein Gerüst.

Bei diesen allen Menschen gemeinsamen Sachinhalten sind es nun wieder

die spezifischen künstlerischen +Fassungen+, die den bedeutenden

Seltenen vom unbedeutenden Durchschnittskünstler unterscheiden.

Wie dieser Zweite durch das Pflegen nächstgelegener, billigster

Assoziationen sein menschliches Durchschnittsmaß verrät, dem dann das

flach-dienstbare der formalen Ausgestaltung entspricht, so wird ein

Größerer, Seltenerer -- neben der phantasiemäßigen Erfindung völlig

neuer Sachinhalte -- dort, wo diese Inhalte durch Tradition oder durch

das Allen gemeinsame Lebensschicksal vor-gegeben sind, durch neuartige

Assoziationen sowie durch originale formale Formung des Werkes sein

Überdurchschnittliches erweisen.

[Sidenote: Abb. 37.]

In dieser zweiten Lage ist Hodler, als er im Jahre 1895 die

„Eurhythmie“ malt. Er hat diesem Werke keinen guten Namen gegeben,

denn dieser führt -- aus beschränkt-theoretischem Interesse -- an dem

Gefühlsinhalt des Bildes vorbei, indem er ein Äußeres betont, das durch

ein weitaus größeres Inneres überrufen wird. Doch die Namengebung des

Bildes ist auch nicht leicht, weil nun und in der Folge wieder einmal

jene vorhin erwähnten alten, längst erlebten, längst dargestellten

Themen gebracht werden, die als bleibende und immer wieder gegebene

Erschütterungsinhalte menschlichen Lebens zu wirken beginnen, wie

sie auch in der Zukunft immer wieder wirken werden. Leben und Liebe,

Enttäuschung und Tod, Kampf und Verzweiflung, Verzicht und Ergeben.

So kann man am besten zwei -- leicht variierte -- Verszeilen eines

Gedichtes von Stefan George der Melodie des Bildes als Text unterlegen:

So zieht ihr im Dämmer und euer Geleit Ist lächelnder Strahl, ihr, die

sinkende Zeit.

Ihr, die sinkende Zeit: vom sachlichen Inhalte der Idee geht die

Konzeption aus, wie dies immer noch bei gesunder naturferner Kunstübung

der Fall war. Das Alter des Verzichtens, „da Alles gesagt ist im

stummen Verein“, wenn die Sonne nicht mehr, wie der Jugend, vom

Horizont sich hebend vor den Augen steht, wenn sie auch nicht mehr

zur Lebensmittagsreife auf den Scheitel glüht, sondern wenn sie sich

in den Rücken niedergesenkt hat, so daß der eigene Lebensschatten vor

den Füßen den Rest des Weges ins Dunkel laufen läßt; wenn man die

Zeit nicht mehr spürt als den Jäger, dem man im Jugendsturme weit

vorauseilt, wenn man auch nicht mehr mit ihr in tätiger Reife im

Gleichschritt geht, sondern wenn sie vorbei- und vorausströmt, und es

ist, als wenn ihr Strom den Rest des Lebens aus dem Körper spülte: dann

wandeln die Müden zu Grabe. Den Weg des Verzichtens.

Ein altes Lied. Und wieder einmal muß sich erweisen, ob die Kraft

künstlerischer Schöpfung dies doch auch immer wieder für jeden

Einzelnen als Erlebnis Neue in eine neue Fassung zwingen kann. Hodler

kann es. Nie noch sind in früheren Gestaltungen diese fünf Männer

so zu Grabe geschritten. In fünffacher Ordnung zur Mitte gebunden.

Leise tönt im Bilderlebnis das Erlebnis eines Zeitablaufes mit, das

so schwer und so selten in Bilddarstellungen zu zwingen ist. Es tritt

hier herauf, weil wohl die Fünf in strenger Komposition zur Bildmitte

hin gebunden sind, so daß sich das Gerüst der Formung für das Gefühl

des Beschauers statisch gebaut und damit frontal-verweilend vor die

Augen stellt, als Darstellung eines formal anscheinend Dauernden durch

den Bildrahmen nochmals gebunden; weil aber dann innerhalb dieses

statisch-bleibenden Gerüstes der inhaltliche Sinn der Darstellung,

das Schreitende des Zuges, profilmäßig vorbei-gerichtet ist, im Bilde

vorbeigeht, ohne daß die leiseste formale Hemmung ein Verweilen deuten

würde. So gibt die Vereinigung dieser beiden Gegebenheiten dem Erlebnis

das langsam-Vergehende, das wandelnde Vorüberziehen. Nicht etwa des

Einzelnen, sondern der gesamten Bindung. So daß das Allgemeine, alles

Einmalige übertönend, im breithin Geleitenden des Gefühles lebendig

wird.

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 6 / 9 段