An diesem Bildwerk mag man nun auch erkennen, worin die Gefahr alles

Idealismus und eben der Fluch alles akademischen Klassizismus ruht. Je

nachdrücklicher und konsequenter man nämlich die Individualmerkmale

eines Dinges unterschlägt und zum Allgemeinen, Allen Gemeinsamen hin

ausgleicht, desto stärker nähert man sich dem reinen Begriffsbilde,

das im Grenzfalle am besten mit geometrisch konstruierten Kurven zu

umschreiben ist. Diese geometrischen Gebilde aber haben dann, von

ihrem durch eine gesetzmäßige Formel festgestellten Ursprung her,

fast jede Gefühlsbegleitung verloren. Wenn alle gebogenen Formen des

Gebildes Kreislinien, alle Wölbungen Kugelflächen, alle nicht-kurvigen

Grenzen gerade Linien sind, so wird die Gefühlsbegleitung des Gebildes

als eines auf Grund des „Erkennens“ „wissenschaftlich Konstruierten“

auf den geringsten Grad sinken müssen; und damit das Werk desto mehr

dem Kunstbereiche verloren gehen, je allgemeiner, je typischer, je

„idealistischer“ es ist.

Dies haben die Griechen wohl gefühlt. Sie stellten zwar jeweilig einen

„Kanon“ auf, der das „gesetzlich“, also intellektuell Gebundene jeder

Gestaltung von vornherein festlegen sollte. Doch einerseits wechselten

sie ihre kanonischen Systeme je nach der Änderung, die ihr Gefühl im

Laufe der Stilentwicklung erfuhr; und andererseits banden sie sich

auch in der Zeit eines herrschenden Kanons, hier beim Idolino etwa

des polykletischen, niemals +strenge+ an die mathematisch errechneten

Bestimmungsstücke. Und gerade Das ist ja das Ausschlaggebende. Während

Dürer durch die streng durchgeführte geometrische „Konstruktion“ seiner

Figuren nur erreichte, daß diese gänzlich gefühls-verödet und leer

erscheinen; wichen die Griechen bei allen Bewegungen, bei allen Kurven-

und Flächenführungen, wenn auch nur um ein Kleines, vom errechneten

Kanon ab und erreichten dadurch eben das in sich so leise Bewegte des

dauernd schwebenden Gefühles.

[Sidenote: Abb. 18.]

Und auch dieser idealistische Stil war nicht auf ein bestimmtes

Gestalten beschränkt. Die Figur der Aurora, der „Morgenröte“ von

Michelangelo zeigt bei allem Gedrängteren, massig Beschwerteren ihrer

Bildung die gleiche idealistische Gesinnung. Auch diese Frauenfigur

hier ist durch Ausgleichung aller individuellen Merkmale des Modelles

zum Allgemeinen, Typischen erhöht. Auch hier reißt nicht ein

einmalig-individuelles Erleben den Aufnehmenden in die persönlich

bestimmte Sphäre des Dargestellten; sondern der weite Bezirk einer

ganz allgemeinen Stimmung, ein +Allgemeingefühl+ weitester Tönung

geht von dem Werke aus. Viele Einzelerlebnisse besonderer Artung

haben ihr Gemeinsames in einen Bezirk gesammelt, der den Morgen

eines Tages aufgehen läßt, wie den Morgen vieler, vieler Tage, die

Michelangelo durchlebt hat. Vom schwer Gedrückten seiner Seele, vom

lastend Getrübten seines Bewußtseins her löst sich als Symbolfigur

der breite Leib in schwerer, voller Schiebung seiner Glieder vom

Fesselnden des Schlafes los, hebt sich in mächtiger Gedrängtheit dem

neuen Tag entgegen. Klar zwar in allen Teilungen, klar im Ansatz und

in den Biege-Gelenken seiner Glieder, klar auch in der Führung der

Bewegungen; doch dunkel überschattet in der Seele und schwer umdüstert

im Bewußtsein: zu jenem tragischen Idealismus, der Michelangelos

eigentlichste Seelen-Heimat war. --

[Sidenote: Abb. 19.]

Und so wie die Einzelfigur, so wird auch das Handeln und Geschehen

dieser Welt von idealistischer Gesinnung ins Allgemeine beruhigteren

Tuns phantasiemäßig erhöht. Das Grabmal der Hegeso in Athen gibt eines

der wundervollsten Beispiele des griechischen Idealismus der älteren

Blütezeit. Vom Ganzen her bereits so angefaßt, daß jede Abweichung

von der Natur gestattet scheint, die im Sinne des Gefühles getroffen

worden ist. So sind, um die Fläche in ruhigem Gesamtbau zu erstellen,

die natur-wirklichen Proportionen nicht gewahrt. Die Sitzende reicht

mit dem Kopf so hoch fast im Relief, wie die vor ihr Stehende. Und

dies deshalb, damit das Auge, das seine ab-gewogenen Wege sucht, nicht

durch ein allzu Hartes, im Sinne idealistischen Gefühles allzu Herbes

des Absturzes von Kopf zu Kopf aus seiner Gleite-Bahn gerissen werde.

So wie das Bildwerk vor uns steht, geht stilles Schauen seinen Weg

vom rückgestellten Fuß der Dienerin links unten, das Bein hinauf, zu

Hüfte, Brust und Kopf; neigt mit dem Kopf nach vorne, wird aufgenommen

von dem Kopf der Frau, der seine Biegung der Bahn des Blickes breit

entgegenhält, sinkt mit den Falten über Brust und Leib zum Knie und

schließt den Weg über den vorgestellten Fuß der Frau, der von dem

hin-gebogenen der Dienerin rund-angelehnt umfaßt wird. Und geht der

Blick noch einmal seine Bahn, so kann er in gleitendem Schweben die

Guirlande nach-wiegen, die sich durch das Bildwerk vom Kopf der

Dienerin über deren rechten Arm zum linken Arm der Frau und deren Kopf

wie ein breit und voll Gehänge legt, dem die erhobene rechte Hand der

Frau, die ein Schmuckstück zur prüfenden Betrachtung aus dem Kästchen

nahm, den Schwerpunkt und die Mittel-Ruhe gibt.

Ganz wundervoll ist vom Ganzen bis ins Kleinste die Ausgleichung

alles einmalig-Individuellen zum Allgemeinen weiter Schwebung des

Gefühles durchgeführt. Und hier auch wieder jener Weisheit des Gefühles

voll, die niemals in allzu feste Regeln schnüren wird, was nur in

lockerer Bindung sein inneres Leben behält. So weicht etwa die ganze

Komposition an der linken und an der rechten Seite leicht über den

architektonischen Rahmen hinaus, überspült mit leisen Wellen das Feste

der Gebundenheit. Und wie von hier aus bereits diese leise Lösung in

aller strengen Bindung so herzbewegend spürbar wird, so geht diese

eigentümlich lockere Strenge des Gefühles in Alles, bis in die kleinste

Falte, ein. Wie alle Gelenke der beiden Körper scheinbar so strenge in

ihrer Klarheit bloß-gestellt und in ihrer Funktion deutlich gemacht

sind, und wie dennoch in allen diesen Gelenken eine leise Lockerung,

ein Über-Führen der Bewegungen, ein mildes Modellieren deutlich

wird; wie sich in jeder Falte Klarheit des Seins und Bestimmtheit

des Verlaufes mit dem leise Spielenden relativer Freiheit einen:

das ist so liebevoll „gesetzlich“ und dennoch leise „gegen“ das

Gesetz, begriffsnahe, und dennoch lebendigen Gefühles voll: daß man

die Fehl-Idee, die so viel Unheil für die Kunst gebracht hat, fast

begreifen könnte: es gäbe nur +Eine+ Schönheit: die des Idealismus

der klassischen Antike.

In Wahrheit gibt es ja so viele „Schönheiten“, wie es wertvolle

Gefühle gibt; also unendlich viele. Doch ist zuzugeben, daß dem Gefühl

des Idealismus eine besondere Dauerhaftigkeit innezuwohnen scheint.

Er besitzt sie ja von seinem Ursprung her. Denn indem er alle stark

einmalig, also „vergänglich“ sprechenden Individualmerkmale tilgt,

erreicht er, eben von diesem Kerne her, jenes Allgemeingefühl der

Dauer, das allen begriffsnahen Bildungen so stark zu eigen ist.

[Sidenote: Abb. 20.]

So muß es ihm aber auch mißlingen, das „Dramatische“, das

einmalig-Erschütternde eines Konfliktes auf seinem Höhepunkt zu geben.

Wenn er, im Märchen von Orpheus und Eurydike, die Szene sich zum

Vorwurf nimmt, da sich, am Wendepunkt des dramatischen Geschehens,

Orpheus noch zu früh zu der Geliebten wendet, und sie damit für

allezeit verliert: so wird unter seinen Händen auch hieraus ein

gedämpft-geruhigtes Verweilen, ein Bleiben ohne Hast und Tat.

Wiederum ist die Komposition ins Wiegende ausgeglichenster Statik

gebracht. Vom rückgestellten Fuß des Hermes links geht Weg und Blick

den Körperstamm hinauf, mit dem Profil zum Kopf der Eurydike, dann

hinüber zum Kopf des Orpheus, und durch dessen Arm und Körper zu dem

entsprechend rückgestellten linken Bein. Die Falten ziehen leise

singend, im steten Schreiten Gluck’scher Melodien ihre Wege. Der

Mittelpunkt der Konzeption liegt dort, wo sich die Köpfe der beiden

Liebenden zueinander neigen und Schmerz und Sehnsucht sich im Blick des

Anderen die Antwort sucht. So tauchen sie im Schauen ineinander, und

hier nun, wo das Herbste aufeinanderstößt, wo allzugroße Sehnsucht das

schon fast erreichte Glück ins Unglück umreißt, tragisch verfrühtes

Tun den Gipfelpunkt der Handlung in dramatischem Schlage auftreiben

müßte -- da sordiniert die Gesinnung des griechischen Idealismus

wiederum das Geschehen zu still akkordhafter „Harmonie“. Eurydike hebt

ihre linke Hand im still Gelösten ihrer Biegung auf und legt sie dem

Geliebten tröstend an die Schulter; und Orpheus wendet seine Rechte

in gleichfalls stillem Schwung des Armes zu ihrer Hand, zu sehnender

Berührung. Und wie sich hier die Neigungen der beiden Köpfe, der

Blick der Augen, die Kurven dieser Hände sanft verschlingen, wird

stilles Schweben eines tiefen Allgemeingefühles, weit fortgehöht von

jeder Leidenschaft, im Stillsten, Reinsten einer idealistischen Welt

lebendig. Hermes tritt noch herzu, schlingt seine Linke um das Gelenk

des hingegeben hängenden Armes der Eurydike, hält sich sonst still

und wartend bei den Beiden: und so wird es, als ob ein reiner, großer

Dreiklang, ins Moll gewendet, leise sordiniert, in ewig-gleichem

Schweben in den Lüften stünde. --

Wie für die Einzelfigur, so mag auch für mehrfigurige Kompositionen

noch gezeigt werden, daß innerhalb des Umkreises Einer Gestaltensweise,

hier der idealistischen Schaffensart, sehr verschiedenartige Tönungen

des Grundgefühles möglich sind. Zwei Kompositionen Michelangelos von

der Decke der sixtinischen Kapelle in Rom mögen dies erweisen.

War im Idealismus der klassischen Antike die „ewige Dauer“ inhaltlicher

und formaler Geklärtheit, leise überwebt durch das Schweben einer

stillen Melancholie, das spezifische Differenzgefühl dieses Stiles,

so zeigt der tragische Idealismus der italienischen Hochrenaissance,

soweit er in Michelangelo verkörpert und durch ihn getragen wird, eine

dunklere, gepreßtere, dramatischere Färbung.

[Sidenote: Abb. 21.]

Auch die „Erschaffung Evas“ idealisiert die Komposition und die

Gestaltung. Vor nahezu neutraler Folie, vor einem Wenigen raumhafter

Gegebenheiten, ist das Gebäude der drei Figuren errichtet.

„Idealisiert“ bis zum letzten Detail, also mit Unterschlagung und

Überbreitung sämtlicher individuellen Merkmale, sind auch hier

Raum und Terrain, Hügel und Baum, Figuren und Gewand gegeben. Doch

im Gedrängteren der Formen und der Gesten führt die Stimmung zu

tragischerem Gehaben. Angepreßt, eingeschmiegt, wie in Gegen-Wendung

gegen die Bewegung der Eva, fast schmerz-gequält bei dieser Geburt

aus der dunkeln Knickung der Hüfte, drängt sich Adam in die stützende

Höhlung des Hügels, preßt rechten Arm und rechte Seite an den

gegenwirkenden Stamm. Der Kopf drängt nach rechts, der linke Arm

drängt nach links und „öffnet“ damit die linke Seite. Und aus der fast

rechtwinkligen Knickung des Körpers, die die ruhend-horizontale Basis

der Beine mit dem weg-gedrängten Oberkörper gibt, hebt sich die Figur

der Eva auf ihren Weg. Sie schließt mit ihrer ruhigen diagonalen

Schiefe das idealisiert-rechtwinklige Dreieck der Komposition, dem

Adam und Gottvater die beiden gebaut-statischen Seiten geben. Und

dieser Gottvater steht wie ein massiger Pfeiler im Rechteckblock

seines Gewandes in unerschütterlicher, majestätischer Ruhe da. Was ist

seiner Macht die Erschaffung des Weibes -- Das Werk eines halben Arms!

Indem im Gegenzuge gegen das Neigen seines Kopfes die rechte Hand mit

gewährend nach oben gewendeter Fläche sich hebt, indem sein halber Arm,

nur bis zum Ellenbogen zur Aktivität sich mühend, die Bahn des Weges

durch die Luft beschreibt -- da hebt sich mit, erschaffen und zum Leben

her-gezogen, der Körper Evas aus der Seite Adams. +So+ mächtig ist

Schöpferkraft im Bau Gottvaters hier gesammelt, daß glaubhaft wird,

daß aus der Gegen-Führung dieser Hand und dieses Hauptes, die beide

durch den Schöpfer-Blick genährt werden, ein ganzes, volles, freies

Menschen-Weib ersteht. --

[Sidenote: Abb. 22.]

Gesteigert in der Kraft, doch durchaus noch im idealistischen Bereiche,

lebt auch die Erschaffung Adams. Wiederum klärt idealistische Gesinnung

im Unterschlagen alles Ambiente und alles kleiner Wirksamen den Raum

und höht die beiden Hauptfiguren zum Typus auf. Zwei dunklere Komplexe,

rechts und links im Raum verteilt und ausgewogen, stehen einander

gegenüber. Schon in der Kurve der allgemeinen großen Führung, der

ruhend-lagernden des Boden-Dreieckes links, der schwebend-bleibenden

der Bogen-Rundung rechts, symbolhaft und Gefühls-vermittelnd

wirkend. Denn so wie bereits von hier aus das Gefühl lebendig wird,

daß eine aktivere Masse auf eine passivere zuschwebt, so ist diese

Grundstimmung, daß das Belebende von rechts her sich dem noch

Toten nähert, bis in die letzte Einzelheit festgehalten. Aus der

Grund-Gesinnung, daß das aktiv-schöpfende Prinzip im Heranschweben

durch den weiten Raum, weithin vor sich die Strahlkraft seiner Wirkung

sendend, schon von Weitem her in der Annäherung die noch unbelebte

Materie zum Leben weckte: verdichtet sich dann dieses Gefühl in der

Schöpfergeste selbst. Schwebend-lagernd und noch immer fast mühelos

breitet in der weiten Höhlung des Mantels Gottvater seine Glieder.

Über der horizontalen Schichtung seines Unterkörpers und der darunter

schwebenden Engelsfiguren dichtet sich das Nest der Putten. Doch als

einzige aktive Form hebt sich der Arm -- hier allerdings nicht mehr

der halbe, wie bei der Erschaffung Evas, sondern der ganze Arm, dem

Adam zu. Dieser aber, der tot und unbewegt des Atems harrte, der

ihm das Blut durch seine Adern strömen ließe, ist schon durch die

bloße Annäherung Gottvaters aus vor-geformter, doch noch unbelebter

Materie zur Tätigkeit erwacht. Die rechte Seite schmiegt sich in

prachtvoll durchgezogener Kurve vom Scheitel bis zum rechten Fuß noch

lagernd-passiv dem Boden an; das linke Bein aber hat sich zu aktiver

Regung angezogen und gibt mit seinem Knie den Sockel für den Arm,

durch den der Lebensstrom voll in den Körper rinnt. So antwortet

der weit-gelösten Kurve der rechten Körperseite die aktiv gepreßte

und gespannte der linken, aus der dann in dreifach konvergierender

Führung die Richtungswerte von Kopf und Knie und dem dies ideelle

Dreieck über-fahrenden Arm zum Lebens-Quell hin streben. Und will man

die unerhörte Kraft der rein inhaltlichen Konzeption ermessen, die

Größe der rein sachlichen Phantasieleistung Michelangelos, so muß

man bedenken, daß in jenen Zeiten das „Überspringen“ eines Funkens

noch lange nicht jene banale naturwissenschaftliche Erfahrung jedes

Kindes war, als die es heute aus Dutzenden von Schul-Experimenten

elektrischer Natur in der Gesinnung Aller lebt. Sondern die „Idee“,

in Einem Punkte der bis zu nahester Näherung geführten Spitzen zweier

Finger dies Leben-Gebende nun letztlich in das noch Tote überzuleiten,

ist damals so neu wie stark gewesen. Fast lechzend nach Empfangen

senkt sich die halb-lebendige Hand Adams, der immer noch das eigene

Knie vom Unterarm her die Stütze geben muß, der aktiv vor-gereckten

Hand Gottvaters zu. Und von diesem Konzeptions-Kern aus, der abermals

Dramatisches der Handlung zu idealistischer Ruhe klärt, ebbt dann der

Weg in breiter werdender Bahn der beiden Körper wiederum zurück zu dem

lebend-Schwebenden der rechten und dem empfangend-Lagernden der linken

Bildhälfte. --

* * * * *

Dies also ist Idealismus. Er unterschlägt die individuellen Einzelzüge

des einmalig Erlebten und gleicht sie ins Allgemeine aus. Der Rhythmus

seiner Gestaltung hebt und senkt in gleichschrittigen Intervallen die

Betonungen des ihm wichtigen allgemein Typischen und die Lockerungen

des zu übergehenden Einzelnen. „Sie aber, sie bleiben / in ewigen

Festen / an goldenen Tischen. / Sie schreiten vom Berge / zu Bergen

hinüber: / aus Schlünden der Tiefe / dampft ihnen der Atem / erstickter

Titanen, / gleich Opfergerüchen, / ein leichtes Gewölke.“ So schreitet

im Wohl-Takt der getragene Rhythmus idealistischer Gesinnung; zum Land

Orplid, das ferne leuchtet.

3. Expressionismus.

Haben wir bisher die spezifischen Gefühle nach-erlebt, die an den

Formungen des Naturalismus, der naturalistischen Permutation und des

Idealismus hingen, so bleibt noch die letzte Formungsmöglichkeit,

die des Expressionismus, zur Verlebendigung übrig. Und auch hier

wird es sich darum handeln, nachzuweisen, daß dieser Bezirk,

der die Individualmerkmale der Erfahrung intensiviert, völlig

gleichberechtigt neben jenen anderen drei Bezirken steht, die jeweils

die Gefühls-Träger in ihrer naturhaften Formung beließen, oder sie

zu phantastischen Gebilden permutierten, oder sie durch Ausgleichung

der Gegebenheiten zu idealistischer Gestaltung hin veränderten. Und

dieser Nachweis sei so versucht, daß der Ausgang jeweils von den

naturalistischen Gegebenheiten her genommen und öfters idealistische

Gebilde als Gegenbeispiele herangezogen werden. --

[Sidenote: Abb. 23.]

Das „Rasenstück“ Dürers gibt wiederum ein Beispiel für jene -- der

Tendenz nach -- fast völlig „unpersönliche“ Einstellung, die sich mit

aller Intensität bemüht, im Ab-Bilde die naturgegebenen Formungen

des Daseins in der „Zufälligkeit“ ihrer Erscheinung möglichst zu

bewahren. Auch hier kann behauptet werden, daß niemand, der es nicht

schon vorher „weiß“, erkennen könnte, daß dieses Bild gerade von

Dürer geschaffen worden ist. Denn die Mutter dieser Formen ist die

„Natur“. In dieser Versponnenheit, in gerade diesem Nebeneinander

und Durcheinander wachsen im heimischen Norden Stengel und Blätter,

Gräser und Blumen zu verwirrtem Komplexe auf. Mit inniger Treue

gegen die Natur gehen Auge und Hand Dürers allen Verflechtungen und

Verwicklungen nach. Das Kompaktere und Verwachsene des Grundstockes,

die Durcheinanderführungen, die durch die zufällige Verteilung der

Samenkörner und Wurzeln entstanden sind, die Lockerungen, die dann

durch den höheren Wuchs der Gräser entstehen: bis in die zartesten

Biegungen, bis in die leisesten Verschiebungen, bis in das leichteste,

freieste, Licht und Luft suchende strebende Aufzittern der Gras-Ähren

geht verliebtestes Empfinden den zartesten Variationen nach, erlebt

sie als Gegebenheiten draußen in der Natur und hält sie mit der

naturalistischen Treue des nordischen Auges im Ab-Bilde fest. Wie

wenn man sie im stillen, stetigen Streben, im inneren Kreisen ihres

Saftes, im mikroskopischen Klein-Zellen-Bau innigsten Drängens zum

Lichte erleben würde, so stehen diese bescheidenen Liliputaner des

Pflanzenreiches in zitternder Lebendigkeit vor uns. Nordische Liebe

für Unklarheit des Sichtbaren, für Dichtigkeit des Komplexes, für

größtmögliche Fülle und Variation auf kleinstem Raume hat sie gesehen

und dann nach-geschaffen.

Wo innigstes Einfühlen in das still-stetige Wachsen und Zellenbauen

der Natur den Stift Dürers in treuester Haftung der vor-gegebenen

Formung verliebt folgen läßt: da baut das Temperament Grünewalds die

Gegebenheiten des Sichtbaren zum Ausdrucke seines eigenen inneren

Gefühles um.

[Sidenote: Abb. 24.]

Ein Stück der Vegetation vom Isenheimer Altar, aus dem Antonius- und

Paulus-Bilde, gebe das Gegenbeispiel. Die Wurzeln der Bäume kriechen in

aktiver Streckung über den Boden, nehmen die Formen bewegungsfreier,

willkürlicher Lebendigkeit an. Die Pflanzen des Vordergrundes schlagen

mit ihren Blättern wie mit Flügeln, kriechen mit ihnen über den Boden,

strecken ihre Leiber wie Hälse in die Höhe, drängen sich, in ganz

anderer Art als bei Dürers Rasenstück, aktiv, verlangend, treibend

ans Licht. Und das mittlere Blütenpaar peitscht seinen Gabelzweig in

die Luft, packt im Zangengriff die Höhe, und wie die Köpfe zweier

aufgeschossener Raketen sitzen die Blüten an den Enden. Licht und

Schatten fluten als flüssig-leuchtende Materie über die Körper,

reißen weite Helligkeitsbahnen und tiefe Dunkelschluchten durch das

Gelände: überall, aus jeder Farbe, aus jeder Form, aus jeder Helle

oder Dunkelheit spricht deutlich die +Intensivierung+ der vorgegebenen

Naturerfahrungen zu erhöhtem +Ausdruck+, zur Expression innerseelischen

Empfindens. --

Ein Dreier-Paar: Hände in naturalistischer, in idealistischer, in

expressionistischer Gestaltung.

[Sidenote: Abb. 25.]

Ein Händepaar Dürers, eine Studie zum Hellerschen Altar. Die Hände

eines Modelles. Mag das unmittelbare Temperament, das auch Dürer von

Hause aus eigen war, und das nur so lange Jahre seines Lebens durch

die erkältende Glätte mißverstandener italienisch-idealistischer

Orientierung verschüttet wurde, hier auch stärker mitsprechen, mag

ein „Nachdruck“, den sein Griffel von diesem inneren Temperamente

her erfuhr, auch an so manchen Stellen leise „expressionistisch

übertrieben“ haben: im Kerne der Einstellung und im Wesentlichen der

Formung zeigt das Blatt durchaus objektiv-naturalistische Gesinnung

und Haltung. Man kann bis zum Eide durchaus davon überzeugt sein, daß

die Hände des Modelles diese eigentümlich leicht gekrümmten Finger,

diesen nach außen gebogenen Daumen, diese Schwierigkeit der Streckung

des fünften Fingers infolge geringer Sehnen-Verkürzung, diese, gerade

diese Führung der Adern auf dem Handrücken, die ja bei jedem Menschen

anders läuft, wirklich auch „gezeigt“ hat. Bis in die Faltung jedes

Fingergliedes, bis in Nagelform und in Beugungsreste verfolgt das Auge

Dürers die So-Gegebenheiten der Natur und hält sie in der Abschrift

fest.

[Sidenote: Abb. 26.]

Dagegen nun das Hände-Paar aus Michelangelos Erschaffung Adams.

Wo Dürer die Einzelmerkmale des Gesehenen in ihrer Art und Form

bewahrt; da geht die idealistische Gesinnung Michelangelos über

alles individuell-Einmalige ausgleichend hinweg. Verfolgt man die

obere Kurve, die vom linken Rand des Bildes über das Gelenk zur

Fingerkuppe führt, so gleitet das Gefühl in die breite Bahn des

Allgemeinen, hebt und senkt sich in gleichschrittigem Rhythmus, die

angenähert-geometrische Rundung betonend, führt über locker gehaltene,

rund erstellte Gelenke, breitet die Innenfläche zur gelösten Höhlung

empfangender Passivität; strafft auch in der aktiven Hand Gottvaters

kaum die Sehnen, bleibt in Haltung und Führung, wiederum vom Ganzen

bis ins Klein-Einzelne einer Gliedkuppe oder eines Nagels, im Bezirke

ausgleichender Gesinnung, die die individuellen Einmaligkeiten

tausendfacher Modellverschiedenheiten tilgt und mit der allgemeinen,

idealistischen Form deckt. War bei Dürers Händen der gefühlsmäßige

Eindruck durchaus der eines einmaligen, individuell-bestimmten, niemals

sich wiederholenden Erlebnisses; so lebt die Stimmung der Hände

Michelangelos in der ewigen Wiederkehr des Gleichen, in dem, was Alle

Individuen ausgleichend überbreitet und umfaßt.

[Sidenote: Abb. 27.]

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 5 / 9 段