Diese Behauptung nun, die das Wesentliche dieser Gestaltungen im

klein-Persönlichen des „Pinselstriches“ sehen will -- die also etwa das

Wesen oder den Wert Leibls in die kleinviereckigen Partikelchen seiner

individuellen Malweise verlegt, eben in die Art, wie er mit dem Pinsel

die Farbe auf die Leinwand auftrug oder aufdrückte -- diese Behauptung

trifft zwar etwas ins Seelische, doch weit außerhalb des Kernes der

künstlerischen Konzeption. Sie trifft bloß gerade noch den „Hof“,

die „Fransen“ des schaffenden Bewußtseins, wie die Psychologie die

Rand-Gegebenheiten dieser Art nennt. Es ist, wie wenn man zehn Menschen

gleicherweise konstatieren ließe, daß von zwei vor ihnen liegenden

Stäben der eine doppelt so lang ist, als der andere; sie hierauf diese

Tatsache mit denselben Worten niederschreiben hieße: um dann aus diesen

gleichen Worten nicht die Gleichheit der Beobachtungen zu entnehmen,

sondern aus den „graphologischen“ Unterschieden der Buchstaben, aus der

klein-individuell abweichenden Führung der die Buchstaben bildenden

Linien und Züge eine Verschiedenheit der beobachtenden seelischen

Grundstellung der Versuchspersonen zu konstruieren. Derartige

verstiegene Gewaltsamkeiten müssen aus exakten Analysen ausgeschaltet

bleiben. Und es muß also in gleicher Weise festgehalten werden, daß

das Wesentliche der objektiv-naturalistischen +Einstellung+, der

+Tendenz+ des Schaffens, dadurch nicht berührt wird, daß nicht nur die

Bilder verschiedener naturalistischer Perioden äußerlich verschieden

aussehen, sondern daß auch die Bilder, die zehn gleichzeitig lebende

naturalistisch orientierte Künstler vor demselben Modell gleichzeitig

malten, alle untereinander persönliche Differenzen aufweisen würden.

Die Diskussion über das Wesentliche muß an diesen Klein-Unterschieden

vorbeigehen; so sehr es dann auch jedem künstlerisch Interessierten

unbenommen bleibt, sich auch am „graphologischen Duktus“ des Striches

oder der Pinselführung feinste Entzückungen und individuelle Tönungen

des allgemeinen Erlebnisses zu holen. --

Beziehen sich diese Feststellungen vorerst auf die

objektiv-naturalistische Wieder-Gabe des unmittelbar-äußerlich

Sichtbaren, so gelten sie andererseits in gleicher Weise auch für

die „naturalistische Seelenmalerei“. Auch hier lehrten uns unsere

Beispiele, daß es sich im Wesentlichen der Konzeption um die

Einstellung auf ein wirklich-Gegebenes, und der Tendenz nach um dessen

Ab-Gestaltung handelt. Denn wenn eine so und tatsächlich vorhandene

äußere Gegebenheit, wie etwa die Blindheit eines alten Mannes, mit der

tatsächlich vorhandenen Begebenheit verknüpft erscheint, daß ihm ein

Heilmittel für seine Augen gebracht werden soll: so ist die an diesen

äußeren Komplex angeschlossene und auf sie hin erfolgende seelische

Gesamthaltung dessen, der dieses Schicksal erfährt, in nicht geringerem

Grade etwas „naturalistisch Wirkliches“, als die verursachenden äußeren

Anlässe auch. Es ist eben die Wirklichkeit der +inneren+ Natur des

Menschen, die der Wirklichkeit der sie erzeugenden +äußeren+ Natur der

Dinge und Vorgänge als seelisches Korrelat durchaus entspricht. Von der

seelischen Veranlagung dessen nun, der dieses Schicksal +erleidet+,

+von der seelischen Veranlagung des Modelles also, nicht des Malers+,

wird es abhängen, wie das Bewußtsein auf sein Schicksal reagiert: ob

es in Stumpfheit und blödem Bleiben verweilt; ob es in tierhafter

Raserei das Unzwingbare zwingen will; ob es in kindhaftem Spielen

die Zeit vertrödelt; oder ob es schließlich in stiller Resignation

und sordinierter Hoffnung eine Tiefe der Seele verrät, die unter den

Menschen selten ist. Da nun wieder +alle+ derartigen Verhaltungsweisen

möglich und wirklich sind, da man in der „wirklichen Natur“ auch

des seelischen Lebens jener Menschen, die dem naturalistischen

Seelen-Maler als Modelle dienen, alle erdenkbaren Stufen von frivoler

Oberflächlichkeit bis zu innigster Tiefe findet: wird sich, letzten

Endes, die +seelische+ Qualität des naturalistischen Künstlers darin

offenbaren, +welche+ Beispiele er wirklich auch +sieht+. So reich

und so tief Welt und ihre seelischen Wirklichkeiten sind: so reich

und so tief +kann+ der naturalistische Künstler sein. Er muß nur die

Reaktionsfähigkeit, die rein menschliche Bewußtseins-Weite für die

Fülle auch aller innerseelischen Wirklichkeiten besitzen. Sein Ich ist

nicht „das Maß der Welt“, wie beim naturfernen Künstler; sondern die

Welt ist das Maß, an dem +er+ gemessen wird.

So bleibt denn ebenso das gewöhnlichst-banale, wie das seltenste

Bewußtsein eines Menschen, der Modell einer Darstellung wird, sofern

es in seiner Art ein lebensfähiges, an einen bestimmten und einmaligen

äußeren Anlaß geknüpftes und ohne jede Veränderung lebensmögliches

Bewußtsein ist: objektive Wirklichkeit. Es gehört als „innere Natur“ in

gleicher Weise zu diesem Wirklichen, wie die „äußere Natur“. Und ist

es vorerst und an sich auch unerkennbar, so wird es eben nach seiner

Art und Qualität in Gesten, in tausendfach verschiedenen, aber immer

doch wirklichen und lebendigen Gesten aus unsichtbarer „innerer Natur“

zu sichtbarer „äußerer Natur“; als die es dann auch erkennbar und

darstellbar ist. Da aber weiterhin innerhalb dieser Erkennbarkeit etwa

zwischen dem innerlichst stupiden Glotzen der lebenslang-erstaunten

Bauern bei Leibl, und dem innerlichst-liebevollen, hoffend

resignierten Sinnen des alten Tobias bei Rembrandt wohl in der Art des

Gefühles, nicht aber in seiner seelischen Zugehörigkeit, in seiner

„psychischen Qualität“ ein Unterschied besteht: deshalb sind eben so

Leibl wie Rembrandt beide „Naturalisten“. -- Es sei denn, man würde

tatsächlich und ernsthaft -- meist jedoch nur, um den Naturalismus

„schlecht zu machen“ -- alles Seelische aus ihm ausgeschaltet wissen

wollen, indem man das an einen spezifisch-einmaligen äußeren Anlaß

geknüpfte menschliche Bewußtsein zu einem „Unwirklichen“ erklärte;

womit die innerste „Natur an sich“ zur „Nicht-Natur“ geworden wäre --

was wiederum nicht absurder klänge, als so manche andere Behauptung der

weltläufigen Ästhetik auch.

B. NATURFERNE.

Ist der Bezirk der Naturnähe durch die naturalistischen -- oder

realistischen -- künstlerischen Gestaltungen durchaus erschöpft, so

teilt sich, wie wir gesehen haben, der naturferne Bezirk in drei

wesentlich unterscheidbare Teilgebiete: in das der naturalistischen

Permutation, in das des Idealismus und in das des Expressionismus.

1. Naturalistische Permutation.

Naturalistisch permutiert nannten wir jene künstlerischen Gebilde,

die zwar in ihren Einzelheiten die naturhafte Formung wahren; aber in

der Zusammenstellung dieser Teilkomplexe zu Ganzgebilden, sei es der

einzelnen Figuren, sei es des Zusammenhanges der Handlung, von den

erfahrbaren Naturgegebenheiten abweichen.

[Sidenote: Abb. 12.]

Bereits das erste Bild mag uns dabei ein Beispiel dafür sein, daß die

theoretisch in exakter Weise voneinander trennbaren künstlerischen

Gestaltungsweisen in der Praxis der Kunstübung mit vielfachen

Zwischenstufen ineinander übergehen. So zeigt das „Gefilde der Seligen“

von Arnold Böcklin, besonders in der weiblichen Hauptfigur und in den

Hintergrunds-Darstellungen der lagernden und der reigenschlingenden

Frauen, deutlich idealisierende Tendenzen. Doch abermals müssen wir

darauf hinweisen, daß es sich bei der Aufstellung eines theoretischen

Begriffs-Systemes immer nur um die Festlegung der Prinzipien handeln

kann, zwischen deren ausgesprochensten Typen dann dem wirklichen Dasein

das weiteste Feld freier Variation gewahrt bleibt.

Dabei darf man aber nicht etwa glauben, daß damit das Aufstellen von

Systemen oder Theorien eine überflüssige Mühe wird. Sondern es ist

hier, im bewußtseinswissenschaftlichen Bereiche, bloß ebenso, wie in

jedem anderen, etwa auch im naturwissenschaftlichen Bezirk. Auch

in diesem gelten ja die „Gesetze“ in exakter Weise nur für die rein

begrifflichen Konstruktionen der wirklichen Abläufe, niemals für diese

selbst; denn auch hier „stimmt“ kein Gesetz mehr, sowie man in die

Fülle der naturgegebenen Verwicklungen eintritt. So aber, wie es etwa

im Bereiche des Optischen zum Zwecke einer orientierenden Ordnung wohl

Sinn und Wert hat, zu sagen, daß das Sonnenspektrum aus den Farben

Rot, Gelb, Grün, Blau und Violett „bestehe“, trotzdem diesen Farben

als „reinen“ Farben der geringste Bezirk des Spektrums gewahrt ist,

während die Übergangs- und Zwischenfarben einen weitaus breiteren Raum

bestreichen; ebenso hat es innerhalb des bewußtseinswissenschaftlichen

Bezirkes Sinn und Wert, theoretische Grenzscheiden aufzurichten, über

die hinweg dann die lebendige Wirklichkeit die Fülle ihrer Variationen

und Kombinationen strömen läßt.

So wird man bei unvoreingenommener Beobachtung feststellen können,

daß innerhalb des Böcklinschen Bildes die Mehrzahl aller gebrachten

Gestaltungen im Einzelnen ihres Aufbaues durchaus naturnahe Formung

zeigen; daß jedoch der Zusammenbau, sei es der einzelnen Figuren, sei

es der gesamten Zustände und Vorgänge, durchaus natur-unmögliche,

naturferne Konstellationen bringen.

Da ist vorerst die Hauptfigur des Kentauren. Sie bleibt in ihren beiden

Haupt-Teilen durchaus naturnahe. Sowohl der pralle, stahlhaft-straffe

Pferdeleib, wie auch der Menschen-Oberkörper sind in sich durchaus

natur-entsprechende Teilstücke von wirklichen Erfahrungen. Erst ihre

Zusammensetzung führt sie aus dem Bezirk des Natur-Möglichen hinaus.

Gerade durch diese Zusammenstellung aber wird dann ein spezifisches

Phantasie-Gefühl erregt, das man im wirklichen Dasein nicht zu erleben

imstande wäre.

Diese Einstellung muß nun auf das Erleben des ganzen Bildes geweitet

werden. Nicht nur der Kentaur, nicht nur die beiden Figuren der

Nymphen rechts, die deutlich noch den Ansatz von Fisch-Leibern an

Stelle menschlicher Beine zeigen: sondern die gesamte Bildvorstellung,

das Aneinanderfügen und Zusammenbringen derartiger Fabel-Wesen mit

natur-entsprechenden Menschen-Figuren, mit Schwänen, einem See,

naturalistisch gemalten Felsen und Bäumen, Büschen und Wiesenhängen:

all das bringt eine Stimmung zustande, die sich typisch sowohl von

allem Naturalistischen, wie auch von allem Idealistischen oder

Expressionistischen unterscheidet. Das durch derartige Gestaltungen

vermittelte Gefühl trägt dabei einen deutlich „phantastischen“

Charakter.

Dabei sieht Böcklin die Natur gänzlich un-sentimental, zumeist in

schärfster Strackheit und Geschliffenheit. So sind hier die Farben von

stahlhafter Glätte, der Wasserspiegel wie poliertes Metall, die Formen

-- der Schwanenhälse etwa oder der Bäume des Hintergrundes oder des

Uferrandes -- von gestrafftester Spannung und Führung. Fast luftlos,

bis in die Ferne klar bestimmt umrissen, vermitteln seine Bilder auf

diese Art häufig das hallend-Harte, das arkadisch in dünne, reine

Atmosphäre erhöhte Gefühl phantastisch-herber Träume.

[Sidenote: Abb. 13.]

Böcklins „Triton und Nereide“ gebe das zweite Beispiel. Wiederum ist es

nicht nur die Zusammenfügung der Tritonen-Figur aus Menschen-Oberkörper

und Seetier-Leib; sondern wiederum ist es die eigentümliche Einstellung

Böcklins dem gesamten Werke gegenüber. Böcklin lehrte, daß der Maler

niemals unmittelbar vor und nach der Natur malen solle, sondern „aus

dem Kopfe“ malen müsse. Doch wenn man bedenkt, daß er sich stundenlang

vor diese Natur, etwa an den Strand des Meeres, setzte, stundenlang

das Spiel der Wellen, ihr Zerrinnen auf dem Strande, ihr Schäumen über

Klippen schauend erfaßte, „auswendig lernte“, um erst dann im Atelier

„aus dem Kopfe“ zu malen: so erkennt man, daß zwischen diesem Verhalten

und dem des Naturalisten, der das Gesehene unmittelbar, andauernd

prüfend und vergleichend, auf die Bildtafel überträgt, im Wesentlichen

der seelischen Einstellung nicht der geringste Unterschied besteht.

Das Verfahren Böcklins ist schwieriger und wird oft zu gründlicherem

Erfassen der Naturgegebenheiten führen können; aber es bleibt im Wesen,

den einzelnen Teilkomplexen gegenüber, ein objektiv-naturalistisches

Verhalten.

Doch indem Böcklin so verfuhr, erleichterte er sich wieder die

spezifische Art seines Gesamt-Gestaltens. Denn da er ja die Ganz-Form

seiner Bilder +nicht+ in naturalistischer Art schuf, hätte ihn

ein Malen direkt vor der Natur immer wieder in der Konzeption des

Gesamten aufs empfindlichste stören müssen. So aber konnte er die

Permutation und Kombination der „erlernten“ Natur-Teile, das freie

Um-Ordnen und Zusammen-Stellen der einzelnen Komplexe völlig frei

schaffend im Atelier vornehmen und so trotz des naturalistischen

Einzel-Materials seine völlig naturfern-phantasiemäßigen Gesamtgebilde

um vieles leichter und ungehemmter konzipieren. Und es ist der gleiche

seelische Grund, der nahezu alle jene Künstler, die die Schaffensart

der naturalistischen Permutation pflegten, dazu geführt hat, im Atelier

und „aus dem Kopfe“ zu malen.

Die Analyse der Böcklinschen Bilder wird also in erster Linie die

Phantasie-Leistung betonen müssen. Und diese Phantasie-Leistung

wieder liegt vor allem im rein Inhaltlichen der Konzeption. Mit

einer seltenen Eindringlichkeit wird bei Böcklin die Wichtigkeit des

Sachinhaltes klar. Hier an dem, in zeitlicher Beschränkung richtigen,

aber im Allgemeinen seiner üblichen Verwendung falschen Wort von der

ausschließlichen Wichtigkeit des „Wie“ eines Bildwerkes und von der

völligen Gleichgültigkeit des „Was“, des Sachinhaltes der Darstellung,

festhalten zu wollen, wäre beschränkter Fanatismus; und nicht jene

auf das Erleben des historisch Daseienden gegründete Relativität

aller Anschauungen, die weiß, daß die Sachen +vor+ den Worten da

sind und da waren, und daß nichts unfruchtbarer wird, als diese Worte

und Schlagworte für unumstößlich Bindendes zu nehmen, nach dem sich

Werdendes zu richten hätte.

Der Sachinhalt des Böcklinschen Bildes aber ist eine große

Symbolgestaltung der mächtigen Stimmung des weithin gebreiteten Meeres.

Menschliche und halbmenschliche Symbolfiguren werden Träger jenes

un-meßbaren und, trotz aller Kleinbewegung, im Ganzen so unerhört

dauernd wirkenden Erlebnisses. Inmitten der Meeresfläche lagern

auf einer Felsenklippe Triton und Nereide. Die Nereide: breiteste

vitale Lebensfülle, unmittelbare Freude am Dasein und Leben, weich

angeschmiegt an den Stein; ein Wesen, dessen Körper nichts als die

Verdichtung der vier Grund-Elemente von Sonne, Wasser, Luft und Erde

scheint, die in ihm das satteste Dasein gewonnen haben. Sie gibt

im äußerlich-Formalen ihrer horizontalen Bahn, wie im innerlich

ruhend-Sonnenden ihrer seelischen Gelöstheit den Kontrast zur

bewegteren Schiefe des in Haltung und Seelenstimmung fast schmerzvoll

aufgedrängten Tritonen. In Gegenbewegung, sie von links nach rechts,

er von rechts nach links gewendet, verklammert sich das Gefühl in

der Mitte des Bildes zu breitem Schlusse. Und wie sie spielend ihm

eine Handvoll Wasser ins Gesicht werfen will, um ihn aus seiner

Hingegebenheit zu wecken, wird jede Spur von Sentimentalität, auch nur

vom Fernsten her, vermieden. Als wahrhaft innerliche Personifikation,

kein äußerliches, sondern innerseelisches Symbol für diese größte Weite

aller Einsamkeiten drängt sich dies Halbwesen vom Felsen auf, biegt

seinen Leib, dreht seinen Kopf der fernsten Dehnung des Horizontes zu

und schwimmt mit Mund und Augen in die Ferne.

„Phantastik“ ist das Wort, das man für derlei Konzeptionen meist

gebraucht. Und sein Bedeutungsinhalt scheidet sich eben von reinen

Phantasiegebilden definitorisch dadurch ab, daß man mit diesem Wort die

Gefühlsbegleitung jener Schöpfungen bezeichnet, die mit den Bausteinen

des Naturalistischen Gebilde völlig naturferner Art erstellen.

[Sidenote: Abb. 14.]

So ist es auch bei der „Pest“. -- Naturalistisch-permutierte

Gestaltungen begegnen erfahrungsgemäß beim Publikum kaum irgendwelchen

Widerständen oder Schwierigkeiten des „Verständnisses“, also

des gefühlsmäßigen Nach-Erlebens; um so stärker pflegen sie von

den zünftigen Ästhetikern angegriffen zu werden. So hat diese

zünftige Ästhetik auch Böcklin schweres Unrecht angetan. Die Kraft

seiner Visionen aber, die restlose und fast niemals „dienstbare“

Symbolisierung allgemeiner Themen und Vorgänge führt die meisten seiner

Werke weit über jenes Niveau des „literarischen Geschichten-Malens“

hinaus, auf das man ihn im Zeitalter des Impressionismus erniedrigen

wollte. So gibt auch hier wieder die Stärke der inhaltlichen Erfindung

und der formalen Komposition dem Bilde unmittelbare Einschlagskraft.

Durch die steil vertiefte, schmale Straße eines kleinen italienischen

Städtchens rast die Fabelfigur des Pestdrachen. Was sie auf ihrem

Fluge mit den breiten Fledermaus-Flügeln anweht, wen der Atem ihres

schmalen Schädels, halb Schlangenkopf, halb Vogelschnabel, trifft, der

sinkt zu Tode. Einmalig und un-abgebraucht in der Erfindung und in

der Gestenführung, herbe und ohne jede Dienstbarkeit in der Wendung

des Körpers, in der Haltung der Arme und der Beine sitzt die Figur

auf dem Rücken des Tieres, beherrscht das Zentrum der Konzeption. Und

überall wieder kann man erleben, wie Böcklin zum Innersten seiner

Vision so gefunden hat, daß er naturalistische Teil-Erfahrungen zu

phantastisch-willkürlichen Kombinationen zusammenfügte und erhöhte.

[Sidenote: Abb. 15.]

Der „Tod auf den Schienen“ von Max Klinger gebe ein Beispiel, wie

derartige naturalistische Permutationen zu naturferner Phantastik

des Gesamt-Gebildes und des Gesamt-Gefühles führen können, auch wenn

sämtliche einzelnen Sachinhalte des Bildes naturnahe bleiben. Dies

tritt dann ein, wenn die innere „Zusammenstellung“, die sachliche

„Beziehung“, in die die Inhalte gebracht werden, der Natur-Wirklichkeit

nicht entspricht. So ist hier in diesem Blatte nicht nur keine Stelle,

sondern auch keine Figur oder Ganz-Form zu finden, die nicht durchaus

naturalistisch empfunden und belassen wäre. Indem aber in dem alten

Thema des Totentanzes die moderne Tatsache von Eisenbahn-Unglücken,

der Keim der Konzeption, so durchgebildet wird, daß sich der Tod

als naturalistisches, gleichwohl aber lebendiges Gerippe über die

naturalistischen Geleise legt, gerade an einer Kurve der Bahn, die hart

an einem Gebirgsabsturze hinläuft: wird erreicht, daß sich abermals --

wie im kleineren Gebilde des Kentauren -- naturalistische Teilstücke

zu einem Ganz-Erlebnis verbinden, das durch seine Un-Wirklichkeit bei

und trotz allen Detail-Wirklichkeiten den stärksten Grad der Phantastik

erhält.

Auch hier also ist es wieder der sachliche Inhalt, das „Was“ des

Bildes, das in erster Linie die Eindruckskraft begründet. Und auch

hier wieder darf man an dieser „sachlichen Erfindung“ des Künstlers

nicht etwa vorbeigehen. So wie Farben und so wie allgemeine Formen

unmittelbar in einer rein gefühlsmäßigen künstlerischen Konzeption

geboren werden können, so können auch sachliche Inhalte unmittelbare

Träger einer rein künstlerischen Stimmung werden. Es ist dabei nur zu

bedenken, daß genau so im bildkünstlerischen wie im literarischen

Bereiche ein groß empfundener sachlicher Inhalt nur dann das Werk zu

einem großen Kunstwerke werden läßt, wenn die Form nach allen ihren

Elementen der Größe des Inhaltes gemäß ist; wenn also das „Wie“ der

literarischen oder bildkünstlerischen Bezwingung an Intensität dem

Sachinhalte entspricht.

Und das scheint uns bei diesem Blatte Klingers der Fall zu sein.

Nicht nur ist die rein inhaltliche Phantasie in der Originalität des

Zusammenführens von Teil-Inhalten, die bisher niemals noch verbunden

worden waren, von seltener Fruchtbarkeit und Stärke; sondern auch

die rein formale Ausgestaltung der naturalistischen Teilstücke ist

dicht und stark. Das lässig Hingelagerte des Todes, sein so ruhendes

Warten in fast höhnender Selbstverständlichkeit, im breiten Liegen

des Oberkörpers und des hellen Mantels und im locker gelösten der

gekreuzten Beine stehen in schlagendstem Kontraste zu dem blank

Geglätteten des Bahndammes und dem hell Gestrafften, Eilenden der

Schienenführung. Kraß treffen diese beiden Gefühle im Vordergrunde

aufeinander; voll und gesammelt in überragender Ruhe und in der

Teilnahmlosigkeit zeitlos unvergänglicher Natur bleiben die Bergformen

im Mittel- und Hintergrunde. --

[Sidenote: Abb. 16.]

Und nun sei als letztes Bild dieser Gruppe, und als Beispiel,

zu welcher Fülle und Dichtigkeit sich diese Schaffensart der

naturalistischen Permutation im Phantasieleben des Nordländers zuweilen

gesteigert hat, der „Fall der Engel“ gebracht, den Pieter Brueghel --

in innerer Abhängigkeit von ähnlich starken phantastischen Erfindungen

des Hieronymus Bosch -- um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts

gemalt hat. In einer im Einzelnen tatsächlich unübersehbaren und

unbeschreibbaren Fülle sind hier die Kombinationen und Permutationen

naturalistischer Teilerfahrungen zu einem Höllenkessel von Unholden

vereinigt. Der Krumme und der Lahme, der Knopfgießer und der Dovrealte,

Fisch und Kröte, Mensch und Sache, Schmetterling und Fledermaus,

Blasbalg und Blütenblatt, Ritterhelm und Krüppelwesen, Rübenform

und Menschenarme: in unbeschreiblichem, nur unmittelbar erlebbarem

Chaos, in immer wieder neue Permutationen gebärendem Rausch der

Phantasie werden Hunderte naturalistischer Teilbeobachtungen zu

den unmöglich-phantastischsten Konglomeraten zusammengeschlossen,

ineinandergeschweißt, verbunden, verflochten, verzahnt, verquetscht,

durcheinandergetrieben. --

* * * * *

So führt die naturalistische Permutation zu Gesamtgebilden, die in

den un-wirklichsten Gebieten menschlicher Phantasietätigkeit hausen;

und die dennoch von ihren naturalistischen Klein-Bildungen aus eine

phantastisch-unmittelbare Lebendigkeit bewahren.

2. Idealismus.

War das naturalistische Kunstwerk dadurch definiert, daß es

vom Gesamten bis in das kleinste Detail die Gegebenheiten des

Naturvorbildes auf das Genaueste nach-formte; hatte die naturalistische

Permutation entweder die naturhaft bewahrten Klein-Gebilde

von Teilstücken zu größeren natur-unmöglichen Ganz-Gebilden

zusammengesetzt, oder auch naturalistische Groß-Gebilde in

natur-unwirkliche Zusammenhänge sachlich-inhaltlicher Beziehungen

eingestellt; so war idealistische Gestaltung dadurch bestimmt, daß sie

die Individualmerkmale ausgleichend überbreitete und die Gesamtform dem

Begriffsbilde annäherte.

[Sidenote: Abb. 17.]

Die Figur des „Idolino“ im Museum in Florenz gebe das erste Beispiel.

Nach Stand- und Spielbein klar geschieden, ruht die Last des Körpers

in freiem, sicherem Stehen auf den beiden Sohlen der Füße. Deutlich

sind die beiden stützenden Säulen der Oberschenkel vom Rumpf getrennt,

deutlich sind die Arme in den Achseln, den Ellenbogen und den

Handgelenken geteilt und gelöst, deutlich hebt sich der Hals vom Rumpf,

der Kopf vom Hals. Überall hat eine ausgleichende Hand die Wölbungen

ins Geometrische gerundet, die Formen von allem Klein-Individuellen

gereinigt, zum Typus hingeführt. Wo bei dem einen Modell deutlicher,

bei dem anderen verwischter, einmal diese, einmal jene Teilung oder

Kerbung zu finden war, da hat hier idealistisch aufs Allgemeine

eingestellte Gesinnung die wesentlichsten und wichtigsten Teilungen

unter dem Gesichtspunkte herausgehoben und betont, daß +Klarheit+,

Deutlichkeit, Maß in allen Dingen, Ordnung und abgestimmte Harmonie das

Werk erbaue und beherrsche. Darum sind Knöchel und Knie so ausdrücklich

betont, darum ist die in der Natur meist nur angedeutete Linie von

Hüfte zur Scham hinab und wiederum zur Hüfte hinauf in geschlossenem

und geometrisch-beruhigtem Flusse durchgezogen, so daß man den Rumpf

von seinen beiden Beinen heben kann, wie einen Architrav von seinen

tragenden Säulen. In wundervoll ausgeglichener Rund-Modellierung sind

Bauch und Brust geklärt, in die größeren, typisch immer wiederkehrenden

Haupt-Teile geschieden. So führt auch weiterhin klärende Gesinnung, die

das Allgemeinere, allen einzelnen Exemplaren wesentlich Eigentümliche

sucht, des Künstlers Gefühl und Hand bei Hals und Kopf, bei Haaren,

Stirn und Augen, Nase und Mund. In leichtem, allgemeinem Rhythmus hebt

sich der rechte Arm, bricht sich leise in seinen hängenden Gelenken der

linke. Und dieser linke Arm allein würde genügen, die Gesinnung des

Ganzen zu zeigen. Wie er in runder Fülle, lässig und doch gehalten,

in wundervollem Allgemeinschwung seiner leisen Bewegung sich klar

in den Gelenken „hält“, wie er, bis in die letzte Biegung seiner

Fingerspitzen, das Wirklichkeits-Entfernte, zum Größeren und Weiteren

hin Beruhigte seines Gefühles weist: das ist wohl klassische Antike;

doch im Wesen derartiger Konzeption, wie wir sehen werden, allen

idealistischen Stilen von ihrer innerseelischen Einstellung her zu

eigen.

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 4 / 9 段