Ein naturalistisches Kunstwerk ist dann gut, ist dann „schön“, wenn es

die blutvoll-saftige Lebendigkeit der Natur möglichst nahe erreicht.

Die Natur ist unser äußerster Maßstab der „Dichtigkeit“ und Fülle

jeglicher Materie und jeglicher sachlichen Konstellation. Erreicht

ein Werk diese Fülle bis zu solcher Nähe, daß es uns, wie die Natur,

den Eindruck gibt, das „Gefühl vermittelt“, als ströme der Saft

des Lebens so dicht durch seine Bahnen, daß eine Verletzung seiner

materiellen Struktur es zum „Bluten“ bringt: dann erweckt es jenen

Rausch des Wirklichen, jenes unmittelbare Lebendig-Sein, das höchstes

Ziel aller Naturalisten war. Und das in der geradezu fanatischen

Natur-Abschilderung Leibls ein prachtvolles Beispiel jener seelischen

Einstellung des „Von Außen nach Innen“ gibt, die das Schaffen aller

naturalistischen Zeiten ihrer Tendenz nach unleugbar beherrscht hat.

[Sidenote: Abb. 6.]

Dieses intensive, und dabei sozusagen völlig „kritiklose“ Versenken

in alle Materie, ohne jede wertende Auswahl, was immer sie auch

sei, schafft auch die seltene Möglichkeit, Leibls Bilder bis ins

Einzelnste durchsehen zu können, ohne daß sich die Verbindungen zum

Ganzen lösen. Eben wie in der Natur, wo auch ein Stück Materie an sich

ebenso etwas „Fertiges“ bedeutet, wie der ganze Komplex. Wenn Leibl

ein Bild einmal durch ständige extreme Nah-Sicht im Großbau, etwa in

der Gesamt-Perspektive „verhauen“ hatte, so nahm er sein Messer und

schnitt das Ganze in Teile. Die „Wildschützen“, an denen er vier Jahre

lang, von 1882 bis 1886, gesessen hatte, und die bei intensivstem

Klein-Bau im Gesamten räumlich mißlungen waren, zerschnitt er so zu

einzelnen „Fragmenten“. Doch wie ein aus einem Stamm geschnittenes

Scheit Holz in sich ein Ganzes bleibt, mag es auch blutende Wundflächen

haben, so bleiben diese Stücke Leiblscher Bilder trotz ihrer brutalen

Schnittränder lebende Teile eines Organismus. Denn die Dichtigkeit

der Struktur, die Leibl dem Ganzen ohne Eine offene Stelle gab, müßte

die Teilung -- wie in der Natur -- gleichsam bis zum Molekularen hin

durchführen, um bloße Bruchstücke und Bausteine zu ergeben. So wird

auch hier die „Miederstudie“ ein ganzes „Bild“, ein volles „Kunstwerk“,

das der eigenhändigen Signierung wohl wert scheint. Man gehe auch hier

diese wahre Augen-Weide bis in das Kleinste formaler und materialer

Struktur nach. Man krieche wie ein Marienkäfer über eine Blüte oder

wie eine Ameise durch dichtes Moos in alle Ecken und Furchen dieser

Bildung, „schmecke“ den Material-Charakter der verschiedenen Stoffe,

taste das Gebilde wie mit „Fühlhörnern“ gleichsam als „Wirklichkeit“

ab: und man wird abermals -- zwar kein geistiges, aber das stärkste und

widerstandsfähigste „materielle“ Band erleben, das diese Gestaltungen

zusammenhält. --

Wer aber nun glauben wollte, daß „objektiver Naturalismus“ auf die

Wieder-Gabe derart rein materieller, im Wesen ihres Charakters

un-geistiger Objekte und Vorgänge beschränkt sei, der würde ein weites

Fruchtfeld naturalistischer Kunstübung leichthin übersehen. Denn

es gibt auch einen Naturalismus, der sich nicht nur die materielle

Leiblichkeit zum Ziele wählt, sondern der die objektive Wirklichkeit

auch eines +seelischen+ Verhaltens kennt. Diese Tatsache dürfte durch

folgende Überlegung klar werden.

Wir haben bereits einige Male feststellen können, daß der Bild-Inhalt

im Bereiche des Naturalismus durch einen einmalig-bestimmten,

objektiv-äußeren Anlaß gegeben ist, auf den sich das Bewußtsein des

Künstlers richtet und an den es sich gebunden hält.

Dieser äußere Anlaß kann nun aber zweifacher Natur sein: er kann

entweder auf Objekte der „toten Natur“ beschränkt bleiben; oder er

kann Lebendiges, im besonderen den lebendigen Menschen mit als Objekt

umfassen.

Handelt es sich ausschließlich um Objekte der „toten Natur“, so wird

die Einstellung des Malers rein auf das Abschildern dieser Sachinhalte,

auf die Wieder-Gabe der Farben, der Lichter, der Strukturtönungen

des Materiales, sowie der formalen Gegebenheiten gerichtet sein. Das

naturhaft Gegebene wird damit in diesem Falle, bei „unbelebtem“,

also nicht mit willkürlicher Eigenbewegung begabtem Vorwurf, vollauf

erschöpft. Es bleibt hier für den Naturalisten kein „Rest“, der in

Wirklichkeit dem Sichtbaren noch „hinzukäme“. -- Die Landschaft und das

Stilleben sind hier die völlig entsprechenden Objekte.

Nun ist es allerdings weiterhin auch möglich -- wie dies eben

Leibl im Wesentlichen tat -- auch alles „Lebendige“, also das mit

willkürlicher Eigenbewegung Begabte, auf seine „tote äußere Hülle“ hin

anzusehen: indem der Maler an den „Bewegungen als Ausdrucks-Trägern

eines lebendigen Bewußtseins“ vorbeigeht und seine Aufmerksamkeit

ausschließlich jenem Natur-Teil des Gegebenen zuwendet, der in seiner

Form erhalten bliebe, auch wenn der betreffende Komplex nicht-lebendig

wäre. Tut man dies, so vermag man den Kreis der Landschaft und

des Stillebens unter Festhaltung der früheren Einstellung auch zu

überschreiten und in stetigstem Übergange zu Porträt und Genre, ja zur

seelisch mehr minder „toten“ Darstellung selbst „politisierender“ oder

„religiöser“ oder „geschichtlicher“ Themen zu kommen. Wir wollen aber

hier von allen diesen Zwischenstufen absehen und uns dem Gegen-Vorwurf

der Landschaft und des Stillebens direkt zuwenden.

Dieser zweite Bezirk naturalistischer Darstellungs-Möglichkeiten ist

nun damit gegeben, daß der „äußere Anlaß“, an den sich naturnahes

Schaffen gebunden hält, nicht ausschließlich der „toten Natur“

entstammen muß; sondern daß er auch den lebendigen Menschen mit

Betonung seiner +seelischen+ Wirklichkeit mit umfassen kann. Und

nun bedenke man, welche Weitung und Vertiefung die naturalistische

Einstellung erfährt, wenn sie sich nicht bloß an die „äußere Hülle“

des Unlebendigen -- und des Lebendigen -- bindet, sondern auch das

+seelische Leben des Modelles+ mit in den Kreis der Einwirkungen zieht.

Denn um diese seelischen Wahrwirklichkeiten des +Modelles+, nicht um

die eigenpersönlichen des +Künstlers+, handelt es sich hier einzig und

allein. Vom naturalistischen Künstler wird in diesem Bezirke erfordert,

nicht nur den objektiv-äußeren, sondern auch den objektiv-inneren,

den „seelischen Wirklichkeiten“ des lebendigen Menschen als Modelles

reaktiv offen zu stehen; also selbst so tief und so reich zu werden,

wie die innere Natur des Lebendigen ist: +an+ dieser seelisch

lebendigen Natur. Und er erreicht dies dadurch, daß er das Modell nicht

nur als „totes“ +Objekt+, als Träger von Farben, Lichtern, Formen und

einer äußeren Haut und Leibeshülle sieht, sondern auch als selbst

lebendiges +Subjekt+ erfaßt. Als einen körperlichen und seelischen

Komplex, der an den Sachinhalten des Lebens +seinerseits+ gefühlsmäßige

Erschütterungen erfährt, die dann +in+ ihm wirken; und die, wenn man

ihn zum „Modell“ nimmt, innerhalb seines, des Modell-Bewußtseins, in

gleicher Weise objektiv-vorhandene seelische „Wirklichkeiten“ sind, wie

alle sein Äußeres bestimmenden Gegebenheiten der Farbe, des Lichtes,

des Materials und der Formen auch.

Diese „seelischen Zustände“ des Modelles sind aber nun vorerst im

Äußeren +nicht sichtbar+, solange dieses ein in sich unbewegtes Äußeres

bleibt. Sowie man aber als „naturalistischer Maler“ nicht nur auf

das „Unbewegliche“ des Modelles achtet, sondern auch auf die auf der

+Bewegbarkeit+ seiner einzelnen Körperteile beruhende Möglichkeit,

auch sein direkt unsichtbares Innerseelisches zu zeigen: sowie man

also die Bewegungen der einzelnen Körperteile, des Rumpfes, der Arme

und Beine, des Kopfes, der Hände, die Verschiebungen der Augen, des

Mundes, der Stirne als zeigende Faktoren erkennt, als „Gesten“, die das

unmittelbar-Unsichtbare des seelischen Verhaltens mittelbar-sichtbar

werden lassen; sowie man dann diese naturhaft gegebenen Gefühls-Zeiger

wirklich innerlich reaktiv erlebt, also so tief und so reich empfindet,

wie das wirkliche Leben diese Menschen selbst vertieft und erschüttert

hat: dann bleibt man zwar „Naturalist“, aber man wird aus einem

Schilderer der Oberflächen ein Schilderer innerer Schicksale. --

Geht man nun mit diesem Gesichtspunkt etwa zu Rembrandt, so zeigen die

Bilder, die er nach der Mitte seiner dreißiger Jahre gemalt hat, die

prachtvollsten Beispiele für diesen Naturalismus objektiver seelischer

Wirklichkeiten.

[Sidenote: Abb. 7.]

Die Frau des Tobias hatte, hinter den erblindeten Augen ihres Mannes,

eine kleine Ziege gestohlen und sie in einem Verschlage des Zimmers vor

der Ehrlichkeit des Gatten versteckt. Nun, wo sie das Tier heimlich ins

Freie führen wollte, verriet es sich und sie durch sein Sträuben und

Meckern. Und als sie mit einer kleinen Lüge das Geschehene verdecken

will, da bedeutet ihr ihr Mann, der sie ja kannte, Schweigen, und daß

er wohl wisse, was geschehen sei.

Eine kleine, dumme Geschichte aus dem alten Märchenbuche. So

alltäglich, daß sie jederzeit und jede Stunde in dieser Welt, die ihre

Gesetze jahrtausendelang dem Besitzenden zum Schutze, doch nicht zur

Hilfe für den Armen gemacht hat, geschehen konnte und geschehen ist.

Wenn hier nun jemand einwürfe, daß schon mit der Wahl des Themas,

aus der Geschichte des alten Testamentes, Rembrandt den Umkreis des

Naturalistischen verlassen hätte, so würde er einen Einwand erheben,

der nicht stichhaltig ist. Denn wenn Rembrandt das Bild auch die „Frau

des Tobias mit der Ziege“ nennt: er +hat+ diesen Tobias und seine

Frau „wirklich gesehen“. Denn er hat im Laufe seines naturalistischen

Lebens und Schaffens Hunderte von wirklichen Menschen in Hunderten von

Situationen erlebt und beobachtet; und er malt dann eine derartige alte

Geschichte so, wie sie jederzeit neben ihm, im Holland des siebzehnten

Jahrhunderts, um das Jahr 1645, an dem Tage, an dem er das Bild malte,

sich hätte abspielen können.

Er setzt die beiden alten Leute in ein kleines holländisches Zimmer.

Das Licht streicht durchs offene Fenster herein, in warmer Fülle und

Dichtigkeit. Es fließt über alle größeren und kleinen naturalistischen

Gegebenheiten der Einrichtung und der Geräte. Rembrandt setzt die

kleine Ziege ins Licht, wie sie sich sperrt gegen die führende Hand;

er zeigt die Frau in dem ärgerlich-Sorgenvollen ihrer Beugung; er läßt

Licht und Farbe um den Tobias fließen, hellt ihn vorne etwas auf, wärmt

ihm dunkler den Rücken. Und nun muß es sich weisen. +Wie+ dieser Tobias

auf das Erkennen des Diebstahls reagiert, +wie+ seine reine Ehrlichkeit

sich mit der Altersweisheit und der Güte seines Wesens paart: +darin+

wird sich zeigen müssen, wie tief Rembrandt selbst in die Natur des

Menschen hineingesehen hat. Und er hat tief gesehen. Nicht etwa zornig

und nicht unbeherrscht, sondern im Innersten verstehend, hebt dieser

alte Mann den halben rechten Arm, und neigt den Kopf ganz wenig nur

zur Hand. Sonst nichts. Doch wie in dieser leisesten Bewegung, +als

naturalistischer Ausdrucks-Geste innerseelischer Wirklichkeit+, das

tiefste innere Verständnis deutlich wird und mit-gemalt ist, wie sich

der Vorwurf über das Getane mit der Weigerung paart, noch Lügen-Worte

zu dieser unguten Tat mit in den Kauf zu nehmen, wie dieser kleine

Gesten-Komplex ganz deutlich sagt: ich weiß es doch, was du getan, rede

nicht drüber weg: das ist der Kern. Nicht nur, was „tot“ am Menschen

ist, auch was als lebendige Regung in ihm lebt; und dies wieder nicht

als die Regung eines beliebigen Durchschnittsmenschen erlebt, sondern

als die eines Besonderen, „Auserwählten“: das malt hier Rembrandt, der

Naturalist der Seele. --

Dies war eine kleine, dumme Geschichte. Doch Rembrandt hat auch

Größeres gesehen und gemalt. Das Größte, was die Geschichte

naturalistischer Seelenmalerei kennt. Wenn Er nicht wäre, man hätte es

wirklich schwer, zu erweisen, daß Naturalismus nicht geringere Tiefen

des Menschlichen zu geben vermag, als Idealismus oder Expressionismus.

[Sidenote: Abb. 8.]

Jakob segnet seine Enkel Ephraim und Manasse. Wiederum ist

es ein alt-testamentarisches Thema; doch wiederum ist es im

allgemein-menschlichen Sinne so gemalt, wie es jederzeit und jeden Orts

geschehen könnte.

Doch nicht jedes Maler-Auge könnte es so sehen; denn nicht jedes

Menschen-Herz könnte es so empfinden. Ein rein +menschlich+

Auserwählter hat hier zufällig auch malen können.

Drei Seelenarten gilt es hier zu bringen, zu erleben. Den alten Mann,

halb schon erstorben, mühselig nur und kaum noch hier zuhause; das

Elternpaar, geteilt in ihren Seelen, zwischen dem Vater dort, den

Söhnen hier; die Kinder dann, im Kerne ohne inneres Verständnis dessen,

was sie eigentlich an dieses Bett gerufen hat.

[Sidenote: Abb. 9.]

Der Alte lehnt, herum-gedreht, halb in den Polstern, halb an der

angedrängt helfenden Schulter des Sohnes. Mit seinen Augen sieht er

drüber fort ins Leere, verloren in der Stimmung des Gesichtes, recht

ausgehöhlt vom langen Leben. Den Arm, der kaum mehr folgen kann,

führt er zur Segengeste über den Kopf des älteren Knaben. Diese

beiden Knaben dann, ohne jede fälschende Sentimentalität, in ihrer

Seelen-Wirklichkeit gesehen, geben sich als die Kinder, die sie sind.

Für sie ist es etwas Festlich-Besonderes, daß sie hereingerufen wurden,

und wo der Jüngere noch verspielt sich in die weiche Decke drängt, da

ist der Ältere gefaßt und fühlt sich als Den, mit dem jetzt Feierliches

vorgenommen wird. Doch wo das bis zur Stumpfheit fast Verreifte

des Alten und das noch nicht zu Reicherem Erblühte der Kinder kein

seelisches Problem besonderer Tiefe stellen konnten, da weist sich

Rembrandts Tiefe in der Seelenmalerei der beiden Eltern. Denn diese

sind in innerlichem Zwiespalt da. Die Freude an den Kindern, an dem,

was diese an Frohheit für die Gegenwart, an vollerem Versprechen für

die Zukunft dem Elternpaar bedeuten müssen, mischt sich hier mit dem

Leiden und der Trauer, die das Sterben des Vaters weckt. Die Mutter

ist dabei weit näher ihren Kindern als dem Sterbenden. Ihr Auge folgt

der Segengeste, den Mund umspielt trotz allem ein leise glücklich

Lächeln, und ihre Neigung mit dem Kopfe gilt weit mehr dem Sinne, zum

Werdenden ihr Ja zu sagen, als zum Vergehenden zu weinen. Den Höhegrad

des Fühlens, die tiefste Stelle alles seelisch Wirklichen im Bilde

bringt dann der Vater. Wie er, nun wirklich zwei-geteilt in seiner

Seele, den Kopf mit leiser Neigung und das Gesicht mit leiser Drehung

zum Sterbenden hin wendet; wie Wärme des lehnenden Stützens in der

Schulter deutlich wird; wie innigstes Gefühl des Mit-Erlebens den

Blick leicht seitlich auf die Hand des Vaters richtet, und zugleich,

vom Innersten des Herzens her-geleitet, die Linke mit zärtlich-weich

gespreizten Fingern unter das müde, fast schon todes-taube Handgelenk

des Vaters führt, um es in Mildheit, helfend, stützend zu leisem,

stumpfem Streichen über den Scheitel des Kindes weg-zu-leiten; und wie

doch schließlich um den Mund ein traumhaft-halbgeteiltes, zwar leise

auch traurig-wehmütiges, jedoch im Kerne dennoch glückhaft zu den

Kindern Hingewendetes der Bewegung lebt: das ist so innigster Belebung,

so wirklichster, natur-gegebenster Beseelung voll, daß in der tiefen,

satten Pracht der Farben und in dem wärmend-leuchtenden des Lichtes,

in dem lebendig-hüllenden der Schatten, in dem fließend-kosenden des

Pinselstriches wohl alles Ambiente, alles was +um+ den Kern herum

in Rembrandts Augen strahlen mochte, gebracht sein mag; doch das

Wesentliche seiner Seele, das Herz des Bildes lebt in jenen +Gesten+,

die Rembrandt in der Natur als Zeiger tiefer Innerlichkeit +gesehen+

hat, weil er selbst ein Tiefer, selbst ein Seltener in seinen eigenen

inneren Antworten auf sein äußeres Schicksal war. --

Und noch ein Beispiel; und abermals eine Geschichte aus dem alten

Testament. Doch abermals so gemalt, daß nichts „Historisches“, sondern

bloß reine, tiefe, seltene Menschlichkeit das Bild gestaltet hat.

[Sidenote: Abb. 10.]

David vor Saul. Saul war in Wahnsinn gefallen, und jeder, der ihm

nahte, war bedroht. Da sandte man den jungen David zu ihm, damit er mit

seinem Harfenspiel das Wüten des Besessenen beschwichtige.

Als junger Judenknabe steht David in der rechten Ecke des Bildes,

spielt seine Weise und sieht, verängstet halb, halb seine Augen auf das

Spiel gerichtet, vom König fort. Dieser sitzt da, in großer Figur, die

Lanze an der Hand, mit der er jeden warf, der sonst ihm nahte; auch

hier bereit, aus seinem Wahn heraus zu rasen. Doch wie die Töne zu den

Ohren klingen, da finden sie den Weg zur Seele, hellen die Umdüsterung

der Wut und stillen alles Rasen. Der Griff des Arms wird locker, und

stumpf geknickt lehnen Gelenk und Hand am Schaft der Lanze. Der Körper

sinkt in sich zusammen und gibt sich der Entspannung hin. Und Ton auf

Ton, heilsame Arzenei, singt seinen Weg zum Herzen. Da lösen sich

verkrampfte Spannungen der Seele immer mehr, und aus den schauend weit

gespannten Lidern rinnen die Tränen. Und horchend, hörend, träumend vor

sich sehend, den vollen Blick der Augen in die Luft gerichtet, greift

die Linke nach dem nächsten, was sie findet, und führt den Vorhang, der

da hing, die Tränen wischend, über das Gesicht. So mit dem Wenigsten

der Geste, so breit und schlicht, so ganz vom Innersten des Schmerzes

aus.

Nur wem als reifem, innerlichem Menschen Schmerzlösendes jemalen nahe

trat, nur wer in Wirklichkeit des Lebens die tiefe Quelle alt-geweinter

Tränen je erfahren hat, die von den Tränen kleiner Kinder oder

junger Menschen so Lebens-weit entfernt sind: nur Der kann hier dem

Wege Rembrandts auch wirklich nahe sein. Denn so wie die Natur, in

ihren seltensten und tiefsten Bezirken, das Maß des naturalistischen

Künstlers ist: so ist sie gleicherzeit auch das Maß dessen, der

derartige naturalistische Bilder nach-erleben, sich innerlich zu eigen

machen will. --

Noch ein Rembrandt aus seinen reifen Jahren gebe das letzte Beispiel

dieses ersten, des naturalistischen Bezirkes.

Rembrandt hat im Jahre 1650, also in der Mitte seiner vierziger Jahre,

das Bild gemalt, in dem der alte Tobias und seine Frau auf die Rückkehr

ihres Sohnes warten, der dem erblindeten Vater ein Heilmittel bringen

soll, das diesem sein Augenlicht zurückgibt.

In durchaus objektiv-naturalistischer Einstellung ist das Bild gemalt.

[Sidenote: Abb. 11.]

Rembrandt malt den Tobias in seiner Stube, so wie er dort saß,

so wie er heute noch dort sitzen könnte. Das Zimmer ist ein

bürgerlich-holländischer Raum, das Licht fällt durch das hohe Fenster

in die weich füllende Luft, die Frau sitzt am Rocken und spinnt.

Sie spinnt mit den Zweckgesten ihrer Arbeit, und das wärmende Licht

mag noch so weich und hüllend fluten, es wählt seinen Weg und sein

Verweilen nicht anders, als es die Sonne an so manchem stillen Tage

tut. So sehen die Bäume durch das Fenster, so liegt das Tuch darunter

auf dem Tisch, so hängt das Vogelbauer oben, so bauscht sich das

Gewand der Spinnerin im Sitzen; und so verschwimmen in den Ecken und

an den Wänden im halben Dunkel allerlei Geräte, die auch das wirklich

blickende Auge nicht ins fixierte Schauen zu nehmen brauchte. Der

kleine Wasserkessel steht auf dem Dreifuß in der Flamme des Kamins, an

den der alte Tobias seinen Polsterstuhl gerückt hat, um seines Sohnes

Rückkehr zu erharren. Er tut’s. Er tut’s in jener Weise, in der auch

jeder andere alte Mann, in der auch heute noch ein Greis, in der wir

Alle, wenn wir älter wären, des Schicksals harren könnten. Des rein

wahrwirklichen, nicht eines Märchenschicksals. Des rein Wahrwirklichen

irgendeiner Nachricht oder Botschaft, auf deren Kommen oder deren

Inhalt uns keinerlei Einwirkung möglich ist. In passiv ruhender

Bereitschaft. Und hier nun setzt die Seelenmalerei des Naturalisten

Rembrandt ein. Denn wie der Menschen gar so viele sind, und jeder eine

andere Seele hat, wird jeder anders warten; da gibt es Mädchen, wie

bei Courbet, die im animalisch-Satten ihres Leibes warten; da gibt es

Könige, wie bei Menzel, die im ichsüchtig Betonten ihres Herrentumes

warten; da gibt es Bauern, wie bei Leibl, die im breiten Starren ihrer

Stumpfheit warten: und da gibt es wohl auch hin und wieder einen alten,

weisen Mann -- wie Rembrandt einer war --, der in der Stille innerer

Resignation, mit leiser Hoffnung trüber Gegenwart, im Voraus schon

verzeihend, wenn fehlgeschlagenes Mühen seinen Sohn mit bitter leeren

Händen wiederbringen sollte, des Sohnes wartet. Er legt die Hände vorn

im Schoß zusammen, und neigt den Kopf. Sonst nichts. Doch +dieses+

Neigen, leicht vornhin gebeugt, dies stille, kaum bewegte Senken an

die Brust und etwas, ganz ein wenig nur, zur linken Schulter, dies

In-Sich-Nehmen allen harrenden Gefühles, es fast verbergen und kaum

sichtbar machen; gerade dies +so+ Wenige der Ausdrucksgeste führt sie

zurück aufs innerste Gefühl. Auf die +Wahrwirklichkeiten+ innersten

Gefühles. --

Wer auch Rembrandt immer nur und immer wieder bloß als den Maler der

„Haut der Welt“, des Lichtes und der Farben nimmt und wertet, der geht

an seines Wesens Innerstem vorbei: an dem unerhört Ergreifenden der

schlichten Ausdrucksgesten des „gewöhnlichen“ seelischen Lebens, die er

malt. Jener bei ihm -- seitdem er, reif und bewußt geworden, also etwa

von seinem fünfunddreißigsten Lebensjahre an, sich nicht mehr selbst

zu barocker Großbewegung aufzwang -- bis zum Äußersten intimisierten

Gesten leisester Beweglichkeit, die mit einer Reife sondersgleichen

und mit einer Weisheit, die nur der mit-liebendste und mit-leidendste

Bruder seiner Brüder erreichen kann, die stärksten seelischen

Erschütterungen und Erhebungen, Verzweiflungen und Tröstungen in das

Minimalste äußerer Bewegung fassen. Diese dann, zum Ursprungsort

zurück-gelesen, auf das sie zeugende Gefühl zurück-gedeutet: führen

eben auf jenes „naturalistisch gemalte wirkliche Bewußtsein“ eines zu

tiefst ergriffenen Menschen.

* * * * *

Zum Schlusse dieses Kapitels mag angesichts der Wichtigkeit dieser

Feststellungen nochmals kurz zusammengefaßt werden, was die Beispiele

„naturalistischer Malerei“ bei richtiger Anpassung der Gedanken an die

Tatsachen für die Theorie des Naturalismus ergeben haben.

Wir haben vorerst an den gebrachten Bildern Dürers und Leibls

konstatieren können, daß es eine Einstellung des künstlerischen

Bewußtseins gibt, die sich bemüht, die tatsächlichen So-Gegebenheiten

der Natur möglichst genau so nach-zu-bilden, wie sie bei immer wieder

wiederholter Betrachtung wahrgenommen werden.

So unweigerlich uns diese Tatsache auch aus den gebrachten

Bildbeispielen hervorzugehen scheint, so sei dennoch der wesentliche

und wohl einzige ernst zu nehmende Einwand, der gegen diese Behauptung

erhoben zu werden pflegt, kurz erwähnt und besprochen.

Man pflegt zu behaupten, daß dasjenige, was auch die in üblichem Sinne

„naturalistisch“ genannten Bildungen erst zu „wahren Kunstwerken“

mache, keineswegs ihre Übereinstimmung mit dem Natur-Vorbilde sei;

sondern gerade im Gegenteile in jenen unvermeidbaren persönlichen

„Abweichungen“ vom Naturvorbilde liege, in denen, und seien sie noch so

gering, sich die „persönliche Natur-Auffassung“ des Bildners verrate.

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 3 / 9 段