Nur das Wort ist neu. Sein Sinn ist so alt, wie die europäische

Kunst. -- Doch es ist ein gutes Wort. Denn wo man früher die zeitlich

festgelegten Wörter „Barock“ oder „Romantik“ oder „Sturm und

Drang“, jedem Historiker zu berechtigtem Gräuel, aus ihrer zeitlich

festgelegten Bindung und Bedeutung reißen mußte, um Verwandtes zu

bezeichnen, da bietet nun ein glücklicher Zufall einen Namen weiterer

Geltung zu inter-zeitlichem Gebrauche an. Sicher waren Romantik oder

Barock nicht „historische Vorstufen“ gegenwärtiger Kunstart. Sicher

aber auch war die psychologische Verhaltungsweise, aus der heraus sie

geschaffen haben, die gleiche wie heute. Man schafft heute wieder

so, wie die hellenistische Spätantike, wie ein Teil der deutschen

Renaissance um 1500, wie das Barock in Rubens oder Händel, in Bach oder

Shakespeare, wie der Sturm und Drang im jungen Goethe und im jungen und

alten Beethoven, wie die Romantik in Kleist oder Delacroix geschaffen

hatte: man schafft der innerseelischen Einstellung nach ebenso. Denn

dort wie hier steigert man die aus dem Naturerlebnis geholten Merkmale

zu höherer Intensität. Man erhöht die Spannungen des Gesamtkomplexes,

man staffelt die Szenen, man verstärkt die Ausbrüche, man kämpft in

Hieb und Gegenhieb, man steigert die Melodieführung, man wuchtet in den

Formen, wird ekstatisch in den Farben, hämmert den Rhythmus. Was nicht

glühend von Gipfeln rinnt, gilt nicht. Nur was sich wie mit Zangen

ins Blut schlägt, das faßt und hält. Intensivierung der Gestaltungen,

Expression, Ausdruck gesteigerter Erlebnisse, bringt dieser Stil.

* * * * *

Mit dieser Art intensivierender Umformung der Natur ist die letzte der

möglichen „Variationen“ der Natur-Objekte gegeben. Fassen wir also

nochmals kurz zusammen, so kann es, wenn man von der Natur-Erfahrung

ausgeht, nur folgende vier Arten künstlerischer Gestaltung geben.

Erstens den +Naturalismus+. Er bewahrt die So-Gegebenheiten der Natur

in ihrer Färbung und Formung möglichst in Der Art, wie er sie bei immer

wieder wiederholter Betrachtung „außen“ vorfindet. -- Er erreicht durch

dieses Nach-Schaffen, daß die an den künstlichen Gebilden hängenden

Gefühle im Kerne, im Wesen ihrer Art jenen Gefühlen gleichen, die der

Mensch vor den Original-Objekten der Natur erlebt hat.

Zweitens die +naturalistische Permutation+. Sie zerstückt die

Ganz-Objekte der Naturerfahrung in einzelne Teile, bewahrt diese

mehr oder minder strenge in den So-Gegebenheiten ihrer Färbung und

Formung; setzt sie aber zu neuartigen, in der Natur nicht vorhandenen

künstlichen Komplexen zusammen. -- Sie erreicht dadurch, daß diese

Phantasie-Gebilde auch spezifische Phantasie-Gefühle vermitteln, die

man in der objektiven Außenwelt zu erleben nicht imstande wäre.

Drittens der +Idealismus+. Er gleicht die Einzelmerkmale des

Individuellen aus, führt das einmalige Naturobjekt zum Typischen seiner

Gattung hin; er bewahrt also dabei den Gesamtbau des Inhalts, verändert

aber seine individuelle Form zum Allgemeinen weiterer Gültigkeit.

-- Er erreicht dadurch ein Gefühl weiterer Schwebung, allgemeiner

Geltung; die Stimmung jener Dauer, jenes scheinbaren Immer-Lebens und

Immer-Bleibens, das den „Ideen“ anhaftet.

Viertens der +Expressionismus+. Er intensiviert und übertreibt,

ebenfalls unter Beibehaltung des Gesamtbaus, die Einzelmerkmale, die

die individuellen Gegebenheiten des erlebten Natur-Objektes zeigen. --

Mag der Idealismus den stärksten „Ewigkeits-Atem“ haben: er hat ihn

auf Grund eben des Unterschlagens und Zurückdrängens aller starken

Individual-Erlebnisse, auf Kosten alles Rausches, jeglichen Stürmens

und Drängens. Was er, und damit alle „Klassik“, auf diese Art erreicht,

ist ein ruhevolles Bleiben und Glänzen, ein Dauern über Jahrhunderte

hin. Was ihn aber immer wieder beiseite drängt und beiseite drängen

wird, ist der notwendige Fehler dieses Vorzuges: seine Eintönigkeit

und Einförmigkeit, sein Zwang zur Ruhe und Un-Aktivität; sein

seelischer Folie-Charakter, dem alles Sturmhafte ferne bleibt, an dem

alle Verwirrungen und alles drängend zerrüttende Schicksal haftlos

vorbeibrausen, wie die Wolken +unter+ der eintönig blauenden Wölbung

des fernhin ruhenden Äthers. Der Expressionismus dagegen erreicht jene

Intensität und Spannung der Gefühle, jenes sturmhaft Ausbrechende und

blutig Bewegte, das zur Ergänzung jener klassischen Ruhe von Zeitspanne

zu Zeitspanne immer wieder notwendig, immer wieder so ersehnt wird.

Er erhöht die Spannungen der Gefühle, sprengt alle Fesselungen an

Naturmögliches, bricht alle Dämme klassizistischer Gebundenheit,

führt die Gewalt des Gefühls in der Expression zu fast schrankenloser

Steigerung der Ekstatik.

Als Selbstverständlichkeit -- und ohne eine eigene „Klasse“ daraus

bilden zu wollen -- sei bloß noch angeführt, daß jene „Zerstückung“

in einzelne Teile, und deren Zusammensetzung zu Neubildungen, die von

der „naturalistischen Permutation“ gepflegt wird, ohne weiteres auch

bei idealistischen und expressionistischen Gestaltungen anwendbar ist.

Hier werden eben aus den von verschiedenen Ausgangstypen hergeholten

idealistischen oder expressionistischen Teilstücken die Neu-Gebilde

zusammengesetzt. Die „Sphinx“ gebe ein idealistisches, der chinesische

„Drache“ etwa ein expressionistisches Beispiel. Da wir es nun im

idealistischen wie im expressionistischen Gebiete von vornherein

mit natur-ferner Einstellung zu tun haben, ist diese Kombination

verschiedener Teilstücke zu natur-unmöglichen Gestaltungen ja kein

wesentlich neu hinzukommendes Schaffensmerkmal. --

Versucht man nun die vier Arten möglicher Kunstgestaltung in eine

Tabelle zu fassen, so ordnen sie sich vorerst in die beiden Bezirke der

Naturnähe und der Naturferne.

[Illustration]

Der naturnahe Bezirk, der die naturalistischen Kunstwerke umfaßt,

bleibt, als Basis und Ausgangspunkt alles anderen, in sich so

einheitlich, daß er keiner weiteren Unterteilung mehr bedarf. Der

naturferne Bezirk aber muß, wie wir sahen, eine gemäße Anordnung

der drei im Wesen verschiedenen Gruppen: der naturalistischen

Permutation, des Idealismus und des Expressionismus finden. -- Dabei

symbolisieren wir die naturalistische Permutation dadurch, daß wir das

Beispiel-Objekt, den „Baum“, verkehrt ins Blickfeld stellen.

Diese Tabelle zeigt schematisch die vier Möglichkeiten künstlerischer

Gestaltung. Zweierlei wäre dabei zum Schlusse noch zu bemerken.

Vorerst, daß es zwar so scheinen mag, als wäre alles Bisherige rein

im theoretischen Gedanken-Experiment gefunden und festgestellt; daß

dem aber keineswegs so ist. Denn diese „graue Theorie“ fingiert eine

„Produktivität“, die sie niemals besitzt. Keineswegs aus „reiner

Überlegung“ können derartige Ergebnisse gefunden werden. Es ist nur

eine Verfahrungsweise moderner wissenschaftlicher Darstellungen, daß

sie in ihrem Aufbau den Vorgang, der zu ihren Behauptungen geführt

hat, umzukehren pflegen. Aller Erkenntnis Mutter ist die Erfahrung.

Aus hunderten oder tausenden von Einzelerfahrungen löst man dann die

Gemeinsamkeiten aus, und gelangt damit, immer mehr verallgemeinernd,

schließlich zu „definitorischen“ Sätzen. Hat man derart auf induktivem

Wege diese Allgemeinheiten einmal gefunden, so kehrt man in der

wissenschaftlichen Darstellung gemeiniglich den Bau um: man stellt

sich so, als hätte man die Begriffspyramide nicht von der Basis zur

Spitze aufgebaut; sondern man setzt an die Spitze der Erörterungen die

allgemeinsten Sätze als „Voraussetzungen“ oder „Definitionen“ oder

„Axiome“, um dann -- also nur scheinbar auf „deduktivem“ Wege -- die

Einzel-Ergebnisse aus ihnen „abzuleiten“. Und diese Ableitung kann sich

um so „zwingender“ geben, als ja, bei vorher richtig vorgenommener

Induktion +aus+ den Einzelerfahrungen, selbstverständlich alle

„abgeleiteten“ Einzelfälle in den allgemeinen Sätzen von vornherein

implizite bereits enthalten sein müssen. Doch man verfährt bei der

zusammengefaßten Darstellung deshalb in dieser Weise, weil damit ein

System als reiner „Begriffs-Bau“ an Klarheit und Übersichtlichkeit

gewinnt.

Gleichwohl aber gibt erst die ständig wiederholte „Probe“ an den

Erfahrungen einem System seine wissenschaftliche Berechtigung.

Sollte sich herausstellen, daß auch nur Eine der zugehörigen

Erfahrungstatsachen den systematisierten Behauptungen nicht beizuordnen

ist, oder ihnen gar widerspricht, so hat die ganze „Theorie“, und sei

sie noch so klar und „schön“ aufgebaut, ihre Berechtigung durchaus

verloren. Denn nur jene Theorie ist ja „richtig“ oder „wahr“, die

+sämtlichen+ Gegebenheiten eines Erfahrungsgebietes ihr Begriffsystem

eindeutig und geschlossen zuordnet.

So muß und mag also erst die Nachprüfung an möglichst zahlreichen

und aus möglichst verschiedenen Gebieten und Perioden geholten

Kunstwerks-Erlebnissen erweisen, ob die dargelegten theoretischen

Erörterungen sachlich-inneren wissenschaftlichen Wert besitzen.

* * * * *

Wir wollen nun im Folgenden versuchen, die in den vorstehenden kurzen

Ausführungen nur summarisch gegebenen theoretischen Ableitungen durch

die Analyse von Bild-Beispielen zu stützen. Diese Beispiele werden

nicht historisch, sondern durchaus nur psychologisch erläutert. Das

heißt, es soll nicht die „Geschichte“ der Werke erzählt werden,

sondern die in den Bildwerken gegebenen Formungen werden auf jene

seelische Verhaltungsweise des Künstlers +zurückbezogen+, aus der

heraus sie seinerzeit entstanden sind. Die Erörterungen des Textes

sind deshalb von hier ab durchaus an Hand, vielmehr „an Sicht“ der

Beispiele zu lesen. Jedes Wort, das im Texte gebracht wird, muß im

Bilde erlebt werden können. Denn die Worte sollen ausschließlich jene

Gefühle nennen und bezeichnen, die in den Bildformungen gebracht sind.

-- Die Beispiele sind dabei gleichfalls völlig un-historisch, nur

nach psychologischen Gesichtspunkten ausgewählt und geordnet. Und sie

sind gerade deshalb aus möglichst vielen verschiedenen Stilperioden

geholt, um die über-historische, die allgemein-seelische Geltung

der vier möglichen Arten des Kunstschaffens: des Naturalismus, der

naturalistischen Permutation, des Idealismus und des Expressionismus

möglichst allgemein zu erweisen.

II. BEISPIELE.

A. NATURNÄHE.

Naturalismus.

Wir empfehlen dem Leser, sich für die vorerst folgende Gruppe von

Bildbeispielen, für die „naturalistischen“ Kunstwerke, seinen „naiven

Realismus“ nicht nehmen zu lassen. Wir wissen, daß es heute noch

nicht wieder allgemein als angängig gilt, sei es das „wirkliche

Vorhandensein“ der „Objekte“ dieser Welt zu behaupten, sei es schon

gar, deren „naturalistische Kopie“ für ein „Kunstwerk“ zu erklären.

Doch wir stehen gegenüber den zwei wesentlichen Einwürfen, die diesen

beiden Behauptungen stets gemacht werden, auf dem Standpunkte, daß

erstens jene Lehre, die alle Dinge und Vorgänge dieser Welt für bloße

„Vorstellungen“ von uns erklärt, entweder tautologisch-überflüssig oder

metaphysisch-unbeweisbar, in beiden Fällen aber jedenfalls durchaus

und völlig entbehrlich ist; und wir sind zweitens der Meinung, daß der

andere Einwurf, der das „rein naturalistische“ Kunstwerk negiert, indem

er sein Wesentliches in jenen individuellen Klein-Veränderungen sehen

will, die die „persönliche Handschrift“ des Künstlers ausmachen, am

Kerne des Problems, nämlich an der Frage nach dem Wesen der +seelischen

Einstellung+ des Künstlers, völlig vorbeigeht.

Man erprobe also vorerst an Hand der Beispiele, ob die im ersten

Teile gegebene „Theorie“ -- die erst nach vielfachen Erlebnissen von

Kunstwerken, also „a posteriori“ aufgestellt worden ist -- nicht nur

ein in sich widerspruchsloses System darstellt, sondern auch die

einzelnen Begriffskomplexe den Tatsachen der Kunsterfahrung eindeutig

zuordnet. Daß das System „geschlossen“ ist, also in sich keinen

Widerspruch aufweist, zeigten die Ausführungen des theoretischen

Teiles, sowie die an seinem Schlusse gebrachte „Tabelle“ der möglichen

Kunstformen; ob es dann aber auch den Tatsachen des Kunstgebietes

genügend und eindeutig angepaßt ist, kann nur die Nachprüfung an Hand

einer größeren Anzahl von Beispielen erweisen. --

[Sidenote: Abb. 1.]

Die vier Handzeichnungen Albrecht Dürers geben in raschen Strichen

die Gestalten von vier Tieren. Man wird vielleicht sagen wollen,

daß das „Künstlerische“ dieser vier Skizzen darin beruhe, daß Dürer

hier „das Wesentliche“ gebracht, und „das Unwesentliche“ weggelassen

habe. Diese weltläufige Behauptung ist in mehrfacher Beziehung nicht

aufrecht zu halten, das heißt: den Tatsachen der Erfahrung nicht

genügend angepaßt. Denn einerseits werden wir gleich in der Folge

naturalistische Beispiele kennen lernen, in denen derselbe Dürer bis

auf das kleinste noch sichtbar-erfahrbare Element ins Detail geht: also

auch alles „Unwesentliche“ bringt, und dennoch ein Kunstwerk schafft;

und andererseits ist der Begriff des „Wesentlichen“ deshalb in diesem

allgemeinen Sinne unbrauchbar, weil auch er nichts „Absolutes“ ist,

sondern sich, in durchaus relativer Weise, in seinem Bedeutungs-Inhalt

stets danach richtet, von welchem Standpunkte aus und mit welchen

Zielen man eine Sache betrachtet. Für einen Tiger ist bei „der Ziege“

etwas ganz anderes „wesentlich“, als für das Ziegenlamm oder für eine

Fliege; für den Viehzüchter etwas anderes als für den Wollhändler; für

den Plastiker etwas anderes als für den Dichter oder den Philosophen;

für den Maler etwas anderes, je nachdem er sich für die Farbe oder

für die Form, für den Kontur oder für die Valeur interessiert, oder

je nachdem, in welcher weiteren Stilphase und in welchem engeren

Charakterkomplexe er eben zufällig steht.

Lassen wir also alle diese Pseudo-Probleme beiseite und fragen die

Gestaltungen einfach danach: ob es uns möglich ist, sie auf eine

seelische Verhaltungsweise +zurück+zubeziehen, aus der heraus sie mit

Wahrscheinlichkeit entstanden sind.

Denn der wirkliche Vorgang ist doch offenbar folgender. Der Künstler

sieht ein Objekt und kommt auf Grund dieses Erlebnisses in eine

bestimmte seelische Verhaltungsweise. Aus dieser Bewußtseinslage

heraus gestaltet er ein Kunstwerk. -- Der Aufnehmende sieht dann

dieses Kunstwerk. Er kann den Künstler, der nicht neben seinem Werke

bleibt, nicht direkt fragen: aus welcher Bewußtseinslage hast du

dies Bild erstellt? -- Doch er kann etwas anderes tun: er kann das

Werk selbst erleben, und sich durch das möglichst restlose Aufnehmen

seiner Gegebenheiten in jene Bewußtseinslage tragen lassen, die der

äußeren Bildformung innerseelisch entspricht. Da sich nun die Menschen

des gleichen Kulturkreises und nicht zu weit auseinanderliegender

Zeitperioden im Wesentlichen ihrer seelischen Reaktionen gleichen: wird

sich im Bewußtsein des Erlebenden auf Grund der Kunstwerk-Gegebenheiten

eine Gefühls-Verfassung herstellen, die jener in ziemlich weitem

Ausmaße ähnlich ist, ja ihr bei einiger Übung bis zu einem sehr hohen

Grade entspricht, aus der heraus der Künstler sein Werk gestaltet

hat. Hat sich nun diese Gefühlslage im Bewußtsein des Erlebenden

eingestellt, so hat er das Werk „verstanden“.

Es wird sich also in allen folgenden Analysen ausschließlich darum

handeln: vorerst durch Erleben des Bildkomplexes dessen farblichen,

lichtlichen und inhaltlich-formalen Gegebenheiten gefühls-vermittelnd

in sich wirksam zu machen, also durch ihre Rückbeziehung auf die

Seelenlage des Künstlers eben diese Bewußtseinsverfassung des

Kunstwerk-Gestalters in sich herzustellen; um dann zu versuchen, diese

Seelenlage mit entsprechenden Worten analysierend zu beschreiben.

Da zeigt es sich nun, daß Dürers Interesse bei diesen vier

Tierfiguren auf ihren „wirklichen“ Stellungs- und Bewegungs-Habitus

eingestellt war. Beim Löwen, den er nicht so gut „kannte“, bei dem

ihm also reichere Beobachtungen des Wirklichen fehlten, gelang es

ihm keineswegs, dieses ihm „Wesentliche“ einer Löwen-Haltung und

des Löwen-Schrittes zu geben. Beim Hund trifft er die Haltung schon

besser; am besten aber den spitzen Tritt der Ziege und das platte

Liegen des Frosches. Kein naiver und noch „ästhetisch unverdorbener“

Beschauer wird in diesen Zeichnungen etwas anderes als Studien des

„wirklich-Lebendigen“ erleben können.

[Sidenote: Abb. 2.]

[Sidenote: Abb. 3.]

Der Tendenz nach gleich, doch weitaus intensiver in der Annäherung an

die Natur stellen der „Hirschkäfer“ und der „Feldhase“ das gleiche

„Problem“. Wir würden die Behauptung wagen, daß kein Mensch, und wäre

er der erfahrenste Kunst-Historiker, im +Wesentlichen+ dieser beiden

Natur-Studien die „individuelle Seele“ gerade Dürers erkennen könnte,

wenn er nicht bereits wüßte, daß die Zeichnungen von Dürer sind. Nicht

daß man nicht in Details, im graphologischen Duktus kleinster Linien

und Kurven die „Handschrift“ Dürers nachzuweisen vermöchte. Doch eben

nur in minder wesentlichen Details. Denn die Grund-Einstellung des

Bewußtseins, die +Tendenz+ des Schaffens ist so klar und eindeutig auf

die Wieder-Gabe eines eben jetzt „objektiv“ Gesehenen gerichtet, daß

eben mit dieser Einstellung fast alles in den Darstellungen Natur-Kopie

wird, und fast kein Raum mehr für persönliche „Veränderung“ dieses

objektiv-Gesehenen übrig bleibt. Man muß dabei auch noch bedenken, daß

auch „die Natur“ nicht für alle Menschen die gleiche ist; sondern daß

jeder Mensch in kleinen Abweichungen seine „besondere“ Natur sieht

oder hört. Definieren wir aber die „Wirklichkeit“ als Das, was der

Einzelne bei immer wiederholter Erfahrung, also im Sehbereich bei immer

wiederholter Betrachtung auch immer wieder erfährt und vorfindet: so

kann doch wirklich kein Zweifel sein, daß dieser Hirschkäfer und dieser

Feldhase für Dürer +im Wesentlichen+ des Schaffensprozesses reine

„Wiederholungen“ des Objektes, reine Natur-Kopien waren.

[Sidenote: Abb. 2.]

Dürer hat dabei einen außerordentlich scharfen Blick für die Objekte

und eine unerhörte Sicherheit, dieses Gesehene, zuweilen bis zur

fast völligen Vor-Täuschung des Dreidimensionalen, in der Zeichnung

auch wiederzugeben. Wie dieser Hirschkäfer seine Beine setzt, wie er

das letzte Fußglied leise tappend und tastend an den Boden legt, wie

die lichten Schatten zusammenlaufen; wie dann das Gefühl des leise

Komischen lebendig wird, das diese Käferbildung dadurch hat, daß sie,

mit ungeheuren Greifzangen bewehrt, dennoch so gänzlich wehrlos ist:

all das ist aus unmittelbarem Wirklichkeits-Erleben unmittelbar in die

Zeichnung übertragen.

[Sidenote: Abb. 3.]

Noch drastischer, noch unmittelbarer, noch „wirklicher“ ist diese

packende physiologische Lebendigkeit beim Feldhasen erreicht. Was

an drollig-purzeligem, körperlich-weichlebendigem Sein in einem

solchen jungen Tiere drin ist, was das durch die breit aufliegenden

Hinterbeine getragene, sprungbereite Hocken, das weichwollige Fell, die

Schnuppernase mit den langen Haarborsten, die komisch langen Ohrlöffel

an „Gefühlsvermittlung“ in der Wirklichkeit, beim lebendigen Urbild,

brachten, das ist diesem Abbilde im Wesentlichen als Gefühlsbegleitung

geblieben; und zwar dadurch, daß die „Gefühls-Träger“, die Farben,

Lichter und Formen möglichst so wiedergegeben sind, wie sie sich bei

der Beobachtung der Natur boten. Bei diesem Bilde sich an „Dürer“, und

nicht am „Hasen“ freuen zu wollen, wäre wirklich völlige Verzerrung

jedes gesunden, unmittelbar lebendigen Gefühls-Erlebens.

Was nun einem Hasen recht ist, muß auch einem Menschen billig bleiben.

Leibl hat die Identität von Form und Inhalt im naturalistischen

Bereiche wie selten Einer erfühlt und in seine Bilder gebracht. Er hat

die restlose Einstellung auf das Objekt mit innigster Hingabe gepflegt

und damit Gestaltungen geschaffen, die allen Saft und alle Fülle, das

berauschend Intensive, die Dichtigkeit der Struktur bis ins Molekulare

hinein, das unmittelbar Pulsierende reinster Lebendigkeit bewahren.

So wird er ein Meister und ein Muster für jene Einstellung, die so

malen will, „wie +Alle+ es sehen“; die das Auge in immer wiederholter

Dauerbetrachtung zum Objekt wendet, um auch nicht im Kleinsten Anderes

zu geben, als dieses vor-zeigt. Er wollte, wie er selbst sagte, „nicht

schön sehen, sondern gut sehen“, er wollte „+die+ Natur, nicht +seine+

Natur“ geben.

[Sidenote: Abb. 4.]

So ist es etwa bei den „Drei Bäuerinnen in der Kirche“. Drei Jahre

lang, von 1868 bis 1870, täglich mehrere Stunden, und immer vor den

Modellen, und immer in der Kirche, hat Leibl an diesem Bilde gesessen.

Alles ist von Einer Ecke des Bildes bis zur anderen „durchgemalt“, in

Tausenden von Fixations-Akten sind die Gegebenheiten der Stellungen,

der Gesten, der Köpfe -- „zufällig“-einmalige Formung der Gesichter

in charakteristischer Eigenart, ob „schön“, ob „häßlich“ -- des

kostümlichen Prunkes, des stofflichen Materiales ins Bild übertragen.

Bis in das letzte, kleinste Schürzenfältchen, in jedes Karo oder

jeden Streifen des Stoffes, bis in den letzten Stich der Stickerei

des Brusttuches geht Leiblsche Verliebtheit der Augen. Von den

Figuren bis in das Schnitzwerk der Bank fließt jener Blutstrom, jene

naturalistische „Richtigkeit“ durch das Gemälde, daß die Hand das

Auge ersetzen möchte, um materiell-schmiegsam und räumlich-umfassend

Gesicht und Hände, Stoff und Holz ab-zustreichen, nach-zutasten,

sinnlich-wirklich zu umgreifen.

Geht man dann vom Kleinsten wieder zurück ins Große, so findet und

erlebt man drei Menschen in so unmittelbarer Lebendigkeit, daß es

wirklich ist, als säße man ihnen leibhaftig gegenüber. Die Haltungen

und Gesten sind individuell unterschieden, bis in die Nasenflügel und

die Fingerfalten einmalig differenziert; und dabei im Ganzen so sehr

Natur, daß sich die Begleitgefühle dieser Darstellung fast überhaupt

nicht mehr von den Begleitgefühlen unterscheiden, die wir von den

lebenden Modellen her aus unserem „wirklichen“ Erleben kennen.

[Sidenote: Abb. 5.]

Leibls „Dorfpolitiker“ bringen fünf Bauern, in die Ecke einer Stube

zusammengehockt; über einem Blatt politisierend. Man merkt die Fünfzahl

der Modelle, die sich Leibl zusammengeholt hat. Doch für Leibl, den

ungeistigsten, aber naturnahesten aller Maler, ist ein „Modell“ nicht

ein posierender „Ersatz“ für die „Natur“; sondern Natur und jedes Stück

oder Stückchen von ihr sind ihm dasselbe. Er hatte die kräftigsten

und gleichsam beschränktesten Augen der Nah-Sicht. Viel klüger als

der Dümmste dieser Bauern war er selbst nicht. Aber die Zähigkeit

seines bäuerischen Wesens hat er auf das Malen-an-sich geworfen, für

das er begabt war, wie Holbein. Von der linken oberen bis zur rechten

unteren Bildecke holt er Stück nach Stück, Millimeter neben Millimeter

vom Draußen in die Bildtafel hinein, ob Gesicht oder Schmutzrand

an der Stiefelsohle gilt ihm gleich. Das in naturalistischer Komik

in die Verkürzung fliehende Profil des linken Flügelmannes, das

verdrückte Gesicht des Mittleren, der verernstet-stupide Ausdruck des

Nächsten, das naive Horcherprofil des Rechten, Hände, Fingerglieder,

Zipfelmützen, Stoff und Leinen, Strumpfwolle und Knöpfe: in immer

wiederholtem Dauerschauen und Dauergenießen erlebt er die Lebendigkeit

jeglicher Materie nach Farbe und Form, mit dem Pinsel das Objekt so

lange verfolgend und umschmeichelnd, bis er die „leibhaftige Natur“

gefangen hält.

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 2 / 9 段