Dieses ästhetische Verhalten steht also völlig parallel dem

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

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Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+

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NATURALISMUS

IDEALISMUS

EXPRESSIONISMUS

VON

MAX DERI

[Illustration]

FÜNFZEHNTES BIS SIEBZEHNTES TAUSEND

VERLAG VON E. A. SEEMANN IN LEIPZIG 1921

I. THEORIE.

Anpassung der Gedanken an die Tatsachen nennt man Beobachtung,

gegenseitige Anpassung der Gedanken aneinander Theorie.

Dieser Grundsatz, den Ernst Mach formuliert hat, leitet die folgenden

Feststellungen. Er sagt von vornherein, daß alle metaphysischen

Gesichtspunkte aus der Untersuchung ausgeschaltet bleiben sollen. Das

Bewußtsein des Menschen wird als Ergebnis eines jahrtausendelangen

Anpassungsprozesses der lebendigen Materie an das Milieu dieses

Daseins aufgefaßt. Woher dieses Universum, dieser „Kosmos“ stammt,

wird nicht gefragt. Ebensowenig, wieso die lebendige Substanz, aus

der sich der Mensch aufbaut, die Fähigkeit der Reaktion auf die

Eindrücke der Außenwelt besitzt. Diese beiden Voraussetzungen: das

Dasein einer „Welt“ äußerer Vorhandenheiten, und das In-ihr-Sein

lebendig-reaktionsfähiger Materie wird als Gegebenes hingenommen. Und

nur danach wird getrachtet, die gegenseitigen Abhängigkeiten sowohl

der äußeren Objekte, wie der inneren seelischen Reaktionen, wie auch

der beiden Gruppen voneinander möglichst genau und unvoreingenommen

festzustellen und zu beschreiben.

+Beobachtung+ soll also der Vorgang heißen: die Tatsachen so lange

möglichst genau in Begriffen nachzubilden, bis diese den Erfahrungen

möglichst eindeutig und widerspruchslos zugeordnet sind. Und +Theorie+

soll heißen: die auf Grund der anpassenden Nachbildung der Tatsachen

erlangten Begriffe so lange immer wieder gegenseitig anzupassen,

bis sie auch untereinander, im gesamten Begriffskomplex, keinerlei

Widersprüche mehr enthalten.

Dabei ist es nach neuerer Anschauung -- die man besonders eindringlich

und überzeugend in den Schriften von Moritz Schlick vertreten findet

-- keineswegs möglich, Eine bestimmte Theorie, also Ein untereinander

bis zur Widerspruchslosigkeit angepaßtes Begriffsystem als das einzig

und allein „richtige“ zu erweisen. Sondern die moderne relativistische

Anschauung, die jegliches „Absolute“ als eine Fiktion erkannt zu

haben glaubt, steht auf dem Standpunkt, daß +jede+ Theorie „richtig“

ist, +die den Tatsachen der äußeren Erfahrung ein geschlossenes

Begriffsystem eindeutig zuordnet+. Die „Eindeutigkeit“ wird gefordert:

als Resultat der Anpassung der Gedanken an die äußeren Tatsachen, in

der Form, daß jeder Tatsache auch nur Ein Begriffsgebilde zugeordnet

erscheint. Und die „Geschlossenheit“ in der Form, daß innerhalb des

Begriffsystemes kein Widerspruch der einzelnen gedanklichen Gebilde

untereinander bestehen bleibt. -- So gelten heute etwa +beide+

kosmischen Theorien, sowohl die ptolemäische, wie die kopernikanische,

beide als „richtig“, beide als „möglich“. Die Theorie des Ptolemäus

ordnet ihre Gedanken den Tatsachen der Bewegungen der Himmelskörper

in Der Art zu, daß sie annimmt, die +Erde+ „stehe fest“, und die

Sonne sowie der ganze Sternenhimmel drehten sich um diese Erde als um

ihren Mittelpunkt. Sie kommt dabei dann weiterhin, durch Anpassung

der Begriffsbilder untereinander, zu einem eindeutigen System

von Bewegungsbahnen: zu Kreisen, Ellipsen, Epizyklen und anderen

komplizierten Kurven, in denen sich die einzelnen Himmelskörper um

den Zentralpunkt der Erde bewegen. -- Die Anschauung des Kopernikus

dagegen nimmt die Anpassung der Vorstellungen an die Tatsachen in

Der Weise vor, daß sie die +Sonne+ als Zentralpunkt auffaßt, und die

Erde und die Planeten sich um diesen Mittelpunkt bewegen läßt. Auch

diese Anschauung kommt dann durch Anpassung der Tatsachen-Abbildungen

untereinander zu einem in sich widerspruchslosen, geschlossenen

Begriffsystem; hier aber ergeben sich als Bewegungsbahnen der Gestirne

keine komplizierten Kurven mehr, sondern ausschließlich Kreise und

Ellipsen. -- +Beide+ Anschauungen also sind, nach moderner Auffassung,

möglich und „richtig“. Die Entscheidung aber, welcher von diesen zweien

man schließlich den Vorzug gibt, wird aus dem Gesichtspunkte heraus

getroffen, daß man -- die restlose Tatsachen-Entsprechung und die

restlose innere Eindeutigkeit beider Systeme vorausgesetzt -- jedes

vorzieht, das ein +einfacheres+, ein weniger kompliziertes System von

Begriffen ergibt. In diesem Sinne gibt also letzthin das geistige

„Ökonomie-Prinzip“, das einerseits von möglichst wenigen unbeweisbaren

Grund-Voraussetzungen ausgeht, und andererseits zu der möglichst

einfachen Anordnung der beobachteten Tatsachen führt, den Ausschlag bei

der Wahl einer „Theorie“.

* * * * *

Geht man nun mit diesem Gesichtspunkte des Ökonomie-Prinzipes der

Wissenschaft an die theoretische Grundlegung eines bestimmten

Spezialgebietes, so muß man demgemäß vor allem danach trachten, bei

der Aufstellung jener „unbeweisbaren“ -- das heißt: nicht mehr auf

bereits vorher Bekanntes zurückführbaren -- Grund-Voraussetzungen, die

jede Spezial-Theorie benötigt, mit einer +möglichst geringen+ Anzahl

auszukommen.

Es handelt sich bei den vorliegenden Untersuchungen um „ästhetische“

Probleme, das heißt um Fragen des Kunstschaffens und des

Kunstgenießens.

Zwei ganz allgemeine und für alle Teilgebiete geltende Voraussetzungen

haben wir dabei bereits gemacht: erstens das tatsächliche Vorhandensein

einer Außenwelt, und zweitens das tatsächliche Vorhandensein einer auf

die Eindrücke dieser Außenwelt reagierenden lebendigen Substanz.

Nun wurden für das ästhetische Teilgebiet bisher meist von allem Anfang

an noch zwei weitere Grund-Voraussetzungen aufgestellt.

Es wurde erstens behauptet, daß der +Künstler+ sein Werk aus einer

„spezifischen“ Eignung erstelle, die die „gewöhnlichen“ Menschen

+nicht+ besitzen. Eine wesentliche und qualitativ besondere

„schöpferische“ Fähigkeit sollte dem „Künstler“ innewohnen, aus der

allein ein Kunstwerk erstehen könne. Sie sei dem Künstler, und bloß

diesem, „angeboren“, und Keiner, dem diese qualitative Besonderheit

fehle, könne irgendwie für den Bezirk des Kunstschaffens in Anspruch

genommen werden.

Zweitens aber sollte auch der +Aufnehmende+ zum „wahren“

Kunstverständnis von einer spezifischen Eignung oder Veranlagung

abhängig sein, die keineswegs bei allen Menschen zu finden wäre. Auch

hier müsse eine qualitative Besonderheit als „angeboren“ vorliegen,

wenn das Bemühen um das Erleben der Kunstwerke zum „wirklichen“

ästhetischen Erleben und zum „wahren Verständnis“ der Werke führen

solle.

Wenn es nun gelingen würde, eine geschlossene ästhetische „Theorie“ zu

gewinnen, die zwar von der willkürlichen Voraussetzung absieht, daß

Künstler und Kunstverständige +qualitativ+ besonders begabte Menschen

seien, die aber dennoch zu einer „eindeutigen Zuordnung eines in sich

widerspruchslosen Begriffsystemes an die ästhetischen Tatsachen“

gelangt, so wäre damit ein Resultat erreicht, das „einfacher“ wäre,

weniger unbeweisbare Prämissen enthielte, und deshalb nach dem

Ökonomie-Prinzipe der Wissenschaft den Vorzug vor dem anderen System

verdienen würde. --

Ernst Mach war es, dem es im Laufe eines langen und an

wissenschaftlichen Ergebnissen reichen Lebens gelungen ist,

nachzuweisen, daß sich das alltägliche, jedem Menschen eignende

„Denken“ von dem reinsten wissenschaftlichen Denken der größten

intellektuellen Genies in keiner Weise qualitativ, sondern nur der

Schärfe und der Intensität nach unterscheide. Und so soll im Folgenden

versucht werden, die Tatsachen des ästhetischen Bereiches unter

der Voraussetzung anzuordnen, daß jene oben erwähnte „spezifische“

Fähigkeit des Künstlers und des Kunstgenießenden als etwas von den

Eigenschaften des „gewöhnlichen“ Menschen +qualitativ+ Unterschiedenes

+nicht+ existiere; sondern daß sich das künstlerische Gestalten und

Erleben in nichts als in seiner Intensität und in seiner Tiefe von

einem bestimmten alltäglichen Verhalten aller Menschen unterscheidet.

Der Mensch wird in diese Welt, an die er sich in jahrtausendelangem

Prozeß angepaßt hat, hineingeboren und nimmt mit seinen Sinnesorganen

die Gegebenheiten dieser Welt in einem weiten Erfahrungskreise auf. Der

weiteste Umfang dieses Kreises alles Sichtbaren, Hörbaren, Riechbaren,

Schmeckbaren und Tastbaren heiße, in der Ausdrucksweise von Ernst Mach,

„groß U“. Was außerhalb dieses weitesten Bezirkes alles Erfahrbaren

U noch liegen möge, wird wissenschaftlich +nicht+ diskutiert.

Jegliche Metaphysik bleibt damit also von vornherein ausgeschlossen.

Innerhalb dieses weitesten Erfahrungsbezirkes U lebt nun der erwachsene

Mensch in dem kleineren Umfang seiner Leibeshülle, die, wiederum in

Machscher Terminologie, „klein u“ genannt werden soll. Der Mensch

stellt einen geschlossenen körperlichen Komplex vor, der an einzelnen

Punkten „Reiz-Stellen“ für Eindrücke jener Außenwelt U besitzt. So

sind die Augen für Licht-Reize, die Ohren für Schallwellen, die Nase

für Geruchsempfindungen, die Zunge für Schmeck-Erfahrungen, die Haut

für Tast- und Temperatur-Einwirkungen empfindlich. Diese Reize werden

durch die Nervenbahnen zum Zentralsystem geleitet, das den Sitz des

Bewußtseins, der „Seele“ bildet.

Sind wir so weit gelangt, so fragen wir nach der, wiederum unmittelbar

gegebenen, nicht weiter „beweisbaren“ Zusammensetzung dieses

Bewußtseins.

Beobachtung lehrt uns, daß wir drei seelische Grund-Gegebenheiten

besitzen, die nicht weiter auf „früher Bekanntes“ zurückführbar

sind: das Erkennen = Denken, intellektuelle Funktion; das Fühlen =

emotionelle Funktion; und das Wollen = voluntaristische Funktion.

Prüfen wir die Zueinanderordnung, die diese drei Funktionen des

menschlichen Bewußtseins untereinander einnehmen, so finden wir

Folgendes.

Sehen wir etwa einen Baum, so ist mit der rein sachlichen Wahrnehmung

des Gegenstandes, mit seinem „Erkennen“, unmittelbar ein spezifisches

„Begleit-Gefühl“ mit-gegeben. Man kann sich, sollte man daran zweifeln,

diese Tatsache unmittelbar vergegenwärtigen, wenn man entweder das

Objekt der Betrachtung wechselt: also einmal eine „mächtige“ Eiche,

dann eine „schlanke“ Birke, eine „Trauerweide“, eine „stolze“ Zypresse

als Seh-Ding wählt. Die in Anführungszeichen gesetzten Attribute

geben dabei Hinweise auf die unmittelbare Gefühls-Begleitung des

intellektuell Wahrgenommenen und „Erkannten“. Oder man denke daran, wie

außerordentlich stark die noch nicht abgestumpfte Gefühlsbegleitung bei

völlig neuartigen Erlebnissen ist. Sei es etwa, daß man in zoologischen

Gärten oder in Aquarien Tiere zum ersten Male sieht, die man bisher

noch nicht kannte; sei es, daß man sich die unmittelbare Verknüpfung

von erkennendem Wahrnehmen und begleitender Gefühlserschütterung

vergegenwärtigt, die man erfuhr, als man zum erstenmal ein Luftschiff

oder ein Flugzeug sah. -- So erweist vielfaches Erleben den

unmittelbaren Dualismus, die grundlegende Doppel-Gegebenheit des

Erkennens und des Fühlens im menschlichen Bewußtsein. Diese beiden

Funktionen sind offenbar nicht hintereinander geschaltet, sondern in

unmittelbarem Parallelismus einander nebengeordnet.

Anders ist es beim Wollen. Sieht man hier von den automatisch

gewordenen Reflex-Reaktionen ab, so kann man klar beobachten, wie jedes

„bewußte“ Wollen an das +Vorausgehen+ eines Erkennens +oder+ eines

Fühlens geknüpft ist. Erst entweder wenn ich durch das Thermometer

„erkannt“ habe, daß es kalt geworden ist, kann ich die schützende Hülle

„wollen“; oder erst wenn ich „gefühlt“ habe, daß es kalt zu werden

beginnt, kann ich die Decke „wollen“. So ordnet sich also die Dreiheit

der Funktionen des erwachsenen menschlichen Bewußtseins in der Form des

folgenden Schemas teils nebeneinander, teils hintereinander an.

[Illustration:

Äußeres Objekt Aufnehmendes Die drei Funktionen des

„Baum“ Sinnesorgan menschlichen Bewußtseins

„Auge“

]

Ist der Wissenschaftler nun dahin gelangt, eine Mehrheit von

Gegebenheiten als grundlegend bei einem äußeren oder bei einem

innerseelischen Vorgang zu konstatieren, so pflegt er weiterhin zu

versuchen, die einzelnen Teilstücke des Komplexes zu +isolieren+.

Gelingt nämlich diese nach der „Methode der Variation“ durchzuführende

Isolierung einzelner Elemente, so kann man für die Beobachtung

Aufschlüsse sowohl über die spezielle Artung der Teilstücke, wie über

die Rolle erwarten, die sie dem Gesamtkomplex gegenüber spielen.

Wendet man diesen Gesichtspunkt der möglichen Isolierung der Teilstücke

eines Komplexes auf die obige schematische Zeichnung an, so ist

vorerst sofort ersichtlich, daß es ein „isoliertes Wollen“ nicht

geben kann, sofern kein Zwang auf das lebendige Bewußtsein ausgeübt

wird. Zwar verlangt jedes „Du sollst“, daß man sein Wollen ohne

vorherige Betätigung des Erkennens oder des Fühlens, also „isoliert“,

in Funktion treten lasse. Doch derartige, seien es erzieherische,

seien es gesetzliche „Befehle“, die nicht +vor+ die gewollte

Handlung der Einzelnen die Einsicht oder das Gefühl setzen, sind

eben anormale Zwangs-Situationen, die für die Beobachtung des frei

lebenden Bewußtseins ausscheiden. Denn für dieses ist jedes Wollen,

das in seiner freien Auswirkung zu einer Handlung führt, von einem

vorausgehenden erkennenden oder von einem vorausgehenden fühlenden

Erlebnis bestimmt und determiniert.

Anders aber als für das Wollen liegen die Gegebenheiten des Bewußtseins

für das Erkennen und für das Fühlen.

Wenn auch die innigen Verbundenheiten der drei Funktionen des

menschlichen Bewußtseins aus ihrem schon organisch bedingten

Zusammenhange letzten Endes niemals +völlig+ isolierbar sind, so kann

doch die „Einstellung“, die „Tendenz“ der Betätigung sich vornehmlich

auf die Eine der Funktionen stützen oder richten. Und zwar hier im

Besonderen also entweder auf das Erkennen oder auf das Fühlen.

Wir erleben vorerst vielfach, daß wir beim Aufnehmen der

Naturgegebenheiten unser Augenmerk hauptsächlich auf das Wahrnehmen,

das Erkennen der Tatsächlichkeiten richten können, indem wir uns

bemühen, unser Fühlen und unser Wollen möglichst auszuschalten. Diese

isolierende Einstellung der intellektuellen, der erkennenden Funktion

führt zu dem, was wir das „wissenschaftliche“ Verhalten nennen.

Wenn wir also unser Augenmerk darauf richten, unsere gefühlsmäßigen

Reaktionen möglichst zurückzudrängen, unser willentliches Verhalten

nicht lebendig werden zu lassen: sondern einzig und allein mit unserer

intellektuellen Funktion die Tatsachen unserer äußeren und inneren

Erfahrung zu beobachten und zu beschreiben, so befinden wir uns im

Bezirke der reinen +Wissenschaft+. Oder, strenger formuliert: +das

möglichste Isolieren der intellektuellen Funktion des Bewußtseins führt

zum wissenschaftlichen Verhalten+. --

Bevor wir uns nun der Frage nach der Isolierbarkeit des Fühlens

im menschlichen Bewußtsein zuwenden, wird eine kurze Einschaltung

notwendig. Seit Jahrhunderten mühen sich die Menschen, jene vorhin

erwähnte, angeblich +qualitativ+ besondere Eignung des Künstlers

und des „wahrhaft“ Kunst-Verständigen definitorisch zu fassen. Die

Streitfrage geht dabei um das Wesen des „ästhetischen Schaffens“

und des „ästhetischen Genießens“. Da nun bereits seit langem so

weit Übereinstimmung erzielt ist, daß es sich in beiden Fällen um

spezifische +Gefühls+-Verhaltungsweisen handelt, wird andauernd

danach gestrebt, das Wesen eben dieses „+ästhetischen Gefühles+“

als eine spezifisch besondere, von allen anderen Gefühlen streng

unterschiedene Klasse festzustellen. Und das wichtigste Problem wird

demgemäß, dieses „ästhetische“ Fühlen von allen anderen Gefühlen, also

vom „gewöhnlichen“ oder „vulgären“ Fühlen, streng definitorisch zu

unterscheiden.

Da es nun einerseits bisher noch niemals gelungen ist, die spezifische

Definition dieses „ästhetischen Gefühls“ einwandfrei zu geben; und da

andererseits die Theorie an Einfachheit, an „Ökonomie“ gewinnen würde,

falls es gelingen sollte, ohne eine grundlegende Zweiteilung zwischen

„ästhetischen“ und „gewöhnlichen“ Gefühlen auszukommen, sei die

folgende Anschauung der Nachprüfung durch das Erleben empfohlen.

Diese Anschauung behauptet: +es gibt überhaupt kein spezifisch

ästhetisches Gefühl+. Ein Wesensunterschied zwischen den Gefühlen des

Kunstschaffens oder des Kunstgenießens und denen des „gewöhnlichen“

Lebens ist nicht aufzufinden, weil er nicht vorhanden ist. Sondern so,

wie das „vulgäre“ +Denken+ aller Menschen dem „wissenschaftlichen“

Denken selbst der größten intellektuellen Genies im +Wesen+ völlig

gleich ist; und so, wie zwischen diesen beiden nur ein Grad-Unterschied

besteht, indem das wissenschaftliche Genie +auf Grund einer mit

größerer Vollkommenheit durchgeführten Isolierung+ des Denkens vom

Fühlen und vom Wollen, sowie +auf Grund stärkerer ursprünglicher

quantitativer Veranlagung+ reichere oder umfassendere Resultate

erzielt: so soll der hier vertretenen Anschauung nach auch das

„vulgäre“ +Fühlen+ dem „ästhetischen“ Fühlen im +Wesen+ völlig

gleich sein. Und auch zwischen diesen beiden Gefühlsarten soll nur

ein Grad-Unterschied bestehen, indem das künstlerische Genie +auf

Grund einer mit größerer Vollkommenheit durchgeführten Isolierung+

des Gefühls vom Denken und vom Wollen, sowie +auf Grund stärkerer

ursprünglicher quantitativer Veranlagung+ zu reicherem oder tieferem

ästhetischen Erleben gelangt.

In gleicher Weise also, wie man im obigen Bewußtseins-Schema durch

das möglichste Isolieren der intellektuellen, der erkennenden

Funktion des menschlichen Bewußtseins vom emotionellen und vom

voluntaristischen Bezirk zum wissenschaftlichen Verhalten gelangte;

in gleicher Weise führt, dieser Anschauung nach, die möglichste

Ausschaltung des erkennenden und des willentlichen Bezirkes, und dabei

die möglichst ausschließliche Einstellung auf das +Gefühlserlebnis+

in den „ästhetischen“ Bezirk. In strenger Formulierung würde also

der nicht weiter zurückführbare, sondern nur durch das unmittelbare

Erleben beweisbare Grundsatz lauten: +das möglichste Isolieren der

emotionellen Funktion des Bewußtseins führt zum ästhetischen Verhalten+.

Diese Anschauung behauptet also: es gibt kein „spezifisch ästhetisches“

Gefühl. Sondern +jedes+ Gefühl, und sei es, welches immer -- sei es ein

ethisches oder ein religiöses, ein Freude- oder Trauergefühl, ein Zorn

oder eine Hingebung, ein Schmerz oder eine Wollust -- kann ästhetisch

+werden+. Und es „wird“ ästhetisch eben dadurch, daß man es im Erleben

seines funktionalen Ablaufes möglichst strenge und möglichst rein von

allem Intellektuellen und von allem Willentlichen isoliert.

Während man also bisher entweder drei weiterhin unbeweisbare

Voraussetzungen -- über das ästhetisch-produktive, über das

ästhetisch-rezeptive und über das „vulgäre“ Gefühl -- machen mußte,

oder doch zumindest zwei unterschiedene Arten von Gefühls-Erlebnissen:

das „spezifisch-ästhetische“ Fühlen und das „vulgäre“ Fühlen als im

Wesen völlig verschieden behauptete, wäre durch die obige Annahme der

wissenschaftsökonomische Vorteil gewonnen, an Stelle dreier oder zweier

unbeweisbarer Grund-Gegebenheiten bloß +Eine+ zu setzen, die -- je nach

dem Grade ihrer Isolierung sowie nach dem Maße ihrer Auswirkung -- das

Gebiet der Kunst-Gefühle wie das der „gewöhnlichen“ Gefühle einheitlich

zu umfassen imstande wäre.

Da nun derartige Grund-Behauptungen, die man früher „Axiome“ nannte,

niemals im üblichen Sinne -- wie bereits einige Male zugestanden --

durch weitere „Zurückführung auf bereits Bekanntes“ unweigerlich

feststellbar sind, sondern ihre „Wahrheit“, ihre inner-seelische

„Wirklichkeit“ nur im unmittelbaren Erleben selbst erweisen oder eben

nicht erweisen können, möge ein Beispiel diese Anschauungsweise zu

klären versuchen.

Man denke sich auf eine weite Gebirgsaussicht. Vor dem Blick ein Kreis

von Bergen mit Matten und Wiesen, Wäldern und Büschen, höher hinauf

Gletscher und Felszacken, Schneefelder und Firnen, darüber der Himmel

mit reichen Wolkenformen.

Nun isoliere man vor diesem Erlebnis vorerst die intellektuelle

Funktion, das Wahrnehmen und Erkennen: man verhalte sich also

„wissenschaftlich“. Man wird fragen, wie die Berge heißen, wie hoch

sie sind, zu welchem Staatsgebiete, zu welcher Bergkette sie gehören,

aus welchem geologischen Material sie bestehen, man kann sich für ihre

Geschichte interessieren, dafür, ob sie bereits alle erstiegen, ob sie

bewohnt sind, man kann ihre Vegetation, ihre Bewässerungsverhältnisse,

ihr Klima erkunden ...: kurz, man kann, mit möglichster Ausschaltung

alles gefühlsmäßigen und willentlichen Erlebens, die reine

„Wissenschaft“ der „Geographie“ im weitesten Wortsinne treiben.

Und man kann sich anders verhalten. Man kann sich mit möglichster

Ausschaltung alles jenes oben aufgezählten Intellektuellen, und

mit Ausschaltung auch alles Willentlichen -- das etwa den besseren

Aussichts-Punkt des Nebenstehenden „erstrebt“, oder einen der gesehenen

Berge ersteigen „will“, oder eine erschaute vollfarbige Blüte pflücken

und besitzen „will“ --: +möglichst rein der Gefühls-Begleitung der

gesehenen Objekte hingeben+. Man „setzt sich auf das Gefühl zurück“,

man läßt dieses Begleitgefühl der Objekt-Konstellation mit möglichster

Isolierung rein und ungehemmt in sich schwingen. Tut man das, achtet

man wirklich auf nichts anderes als auf dieses isolierte Erleben des

Gefühles-an-sich, so kommt man in eine seelische Verhaltungsweise,

die man von starken Kunsterlebnissen her bereits kennt. Man ist

intellektuell völlig „abgeblendet“, und man ist willentlich völlig

„passiv“, man gibt sich rein dem Gefühle hin: und da erfährt man sich

als im spezifisch ästhetischen Verhalten lebend. --

Dieses ästhetische Verhalten steht also völlig parallel dem

wissenschaftlichen Verhalten. Entsteht das wissenschaftliche

Verhalten durch möglichst isolierendes Einstellen auf die erkennende

Funktion den Erlebnissen dieser Welt gegenüber; so entsteht das

ästhetische Verhalten durch möglichst isolierendes Einstellen auf

die fühlende Funktion den Erlebnissen dieser Welt gegenüber. Und ist

Wissenschaft keineswegs bloß die Lehre vom „absolut Wahren“, das es

„an sich“ ja nicht gibt, sondern ist Wissenschaft die Lehre von der

Erkenntnis +und+ vom Irrtum im Laufe der Menschheitsentwicklung: so

ist Ästhetik keineswegs bloß die Lehre vom „absolut Schönen“, das

es ja gleichfalls nicht gibt, sondern Ästhetik ist die Lehre vom

„Schönen“ +und+ vom „Häßlichen“ im Laufe der Menschheitsentwicklung.

Denn so wie die ärztliche Wissenschaft vom gesunden +und+ vom kranken

Körper handelt, so wie die Volkswirtschaft die Wissenschaft von dem

Vermögen +und+ von den Schulden, so wie die Elektrizitätslehre die

Lehre von den „positiven“ +und+ von den „negativen“ elektrischen

Vorgängen, so wie die „Wärmelehre“ gleichzeitig auch „Kältelehre“,

also die Lehre von den Temperaturen über +und+ unter der zufälligen

menschlichen Körpertemperatur ist: so müssen die „Gesetze der

Ästhetik“, das heißt die immer wieder beobachteten Abläufe dieses

ästhetischen Verhaltens ihre Gültigkeit bewahren, wie immer auch die

+Ergebnisse+ dieser Verhaltungsweise, sei es als positiv-schön, als

gleichgültig-nullwertig, oder als negativ-häßlich „gewertet“ werden.

Denn das Vorzeichen des +Resultates+ kann niemals den +funktionellen

Ablauf+ bestimmen oder definieren, der zu gerade diesem Resultat

zufälligerweise geführt hat. So darf also eine „Definition“, eine

„Formel“, wenn sie allgemeine Gültigkeit besitzen soll, niemals

davon abhängig gemacht werden, mit welchem Vorzeichen die einzelnen

bestimmten Gegebenheiten an die Stelle der allgemein begrifflichen

Bestimmungsstücke eintreten. --

Nehmen wir also die Grund-These vorerst probeweise an: +ästhetisches

Erleben ist isoliertes Gefühls-Erleben+, so haben wir eine allgemeine,

für alle Gefühle geltende Definition des Ästhetischen. Das

Kunst-Ästhetische würde sich dann vom Natur-Ästhetischen nur dadurch

unterscheiden, daß in der +Natur+ die +Anlässe+ für die Gefühle, die

wir erleben, +ohne unser Zutun und ganz unabhängig vom menschlichen

Dasein+ vorhanden sind -- auch wenn es überhaupt keine Menschen gäbe.

+Während die Kunstwerke von einzelnen Menschen erst gemachte Gebilde

sind+, die uns deren Gefühle vermitteln.

Es handelt sich demgemäß im Kunstbereiche ausschließlich um

Gefühlserlebnisse. So vage und unfaßbar nun Gefühlserlebnisse sonst

auch scheinen: innerhalb der Diskussion über Kunstwerke sind sie auf

das sicherste faßbar. Denn +sie hängen an dem zu erlebenden Objekt+,

am Kunstwerke, das als fertig Gestaltetes vorliegt. Mag bei der

Konzeption und während des Schaffens selbst noch so viel Irrationales

mitgehen: dies Irrationale bezieht sich bloß auf den Schaffenden selbst

+während+ des Werdeprozesses des Kunstwerkes. Sowie der Künstler,

der nichts Anderes und nichts Mehreres ist, als ein Gestalter eines

künstlichen Gefühls-Objektes, sein Tun zu Ende geführt hat, sowie also

das Kunstwerk als fertiges Gebilde vorliegt, besteht nicht nur die

Möglichkeit einer festen Umgrenzung des Gefühls-Erlebnisses, sondern

für jeden Geschulten sogar die Sicherheit, nichts zu erfahren oder zu

erleben, was nicht durch seinen Anlaß in dem vorliegenden Kunstwerk

bündig zu erweisen wäre. Der Variationen, der Verflechtungen, der

Harmonieverschiebungen oder Linienkrümmungen mögen noch so viele

gebracht sein: in der festen Bindung des Erlebenden und des Erlebten an

das Kunst-Objekt, in der Verklammerung, mit der das vermittelte Gefühl

vom Gesamtbau bis zum Detail an der eben hier und eben so gebrachten

Formung des Gebildes haftet, darin liegt die Sicherheit, nicht mit

leeren Worten als Laut-Schällen zu jonglieren, sondern deren erlebte

+Bedeutungs-Inhalte+ als eindeutig bestimmte Tatsachen zu erläutern und

zur Diskussion zu stellen.

Ohne nun hier auf eine noch ausführlichere Ableitung einzugehen, seien

die Definitionen des „Künstlers“ und des „Kunstwerkes“ gegeben, die aus

dem Vorausgegangenen zu erfolgern sind.

„Künstler“ vorerst ist jener, der imstande ist, auf Grund eines

isolierten tiefen Gefühles ein Gebilde zu erstellen, das dieses Gefühl

trägt. -- Der Künstler unterscheidet sich also nach dieser Auffassung

vom „gewöhnlichen“ Menschen +nicht+ durch sein +Gefühl+. Hunderte von

Menschen mag es geben, und gibt es auch sicherlich, die ebenso tief

empfinden, wie die großen und selbst die größten Künstler, und die auch

imstande sind, in ihrem ästhetischen Verhalten dieses tiefe Fühlen

vom Denken und vom Wollen möglichst rein zu isolieren. Was sie vom

Künstler unterscheidet, ist bloß das Fehlen der zufälligen angeborenen

Fähigkeit, sichtbare, hörbare oder sprachliche Gebilde zu erstellen,

die dieses Gefühl tragen. Der +Künstler+ ist demgemäß ein mehr oder

minder „bedeutender“ Mensch, +dem erstens die Gabe besonders tiefen

und intensiven Fühlens eignet; und der zweitens die Fähigkeit besitzt,

dieses Gefühl auch in einen objektiven Träger zu fassen+.

Ein +Kunstwerk+ weiterhin ist +ein von diesem Menschen als Künstler

aus isolierter Gefühls-Einstellung heraus gemachtes Gebilde, das

imstande ist, dem Erlebenden das Gefühl, aus dem es entstand und

das an ihm hängt, zu vermitteln+. Und so wie +jeder+ Mensch, nicht

etwa nur ein „spezifisch Begabter“, bei den +naturhaft+ vorhandenen

Anlaß-Trägern für Gefühle zum ästhetischen Erleben gelangt, indem er

die Gefühls-Begleitung des eben wahrgenommenen Objektes im Aufnehmen

möglichst isoliert; so gelangt auch +jeder+ Mensch, ohne Ausnahme,

einem +Kunstwerke+ gegenüber zum ästhetischen Erleben, indem er,

gleicherweise in möglichster Isolierung, jenes Gefühl in sich

lebendig macht und schwingen läßt, das durch die Gegebenheiten dieses

künstlichen Gebildes getragen und vermittelt wird. --

Die theoretische Orientierung wird nun auch im Folgenden strenge dabei

bleiben, nicht, wie meist bisher, den „Begriff“ oder -- in platonischem

Sinne -- die „Idee“ eines Dinges in den Mittelpunkt der Betrachtung

zu stellen, um von hier aus die naturhaften Objekte als einzelne

„Individuationen“ jener „Idee“ aufzufassen; sondern sie wird auch in

der „Theorie“, also im Versuch der „Anpassung der Gedanken aneinander“

immer wieder von der Natur-Erfahrung ausgehen, und alle Ergebnisse

des theoretischen Denkens auch immer wieder an dieser Erfahrung

kontrollieren. --

Ein Kunstwerk ist also ein von einem Menschen aus einem Gefühle heraus

erstelltes Gebilde, das imstande ist, einem anderen Menschen das in ihm

beschlossene Gefühl zu vermitteln.

Da demgemäß alle Kunstwerks-Gefühle an ihre Anlaß-Träger gebunden

und durch sie bestimmt sind, werden wir den Versuch, diese künstlich

vermittelten Gefühle weiterhin in unterschiedene Klassen zu sondern, in

der Weise vorzunehmen haben, daß wir eben ihre künstlichen Anlaß-Träger

in spezifisch verschiedene Gruppen einzuteilen streben.

Da ist nun leicht zu zeigen, daß in allen Kunst-Gebieten: im

Sichtbaren der bildenden Künste, im Hörbaren der Musik, wie auch im

Wort-Bereiche der Literatur, nur +vier+ verschiedene Gestaltungsweisen

jener künstlichen Gebilde, der Kunstwerke, möglich sind.

Die erste mögliche Gestaltung wird durch folgende Überlegung abgegrenzt.

Die Natur ist uns im Bereiche des Sichtbaren -- den wir als

Beispiel-Komplex herausheben -- in den äußeren „Objekten“ gegeben. Hat

nun ein derartiges sichtbares Natur-Objekt ein Gefühl vermittelt, das

irgendwie bereichert oder erfreut hat, so kann man danach streben,

sich dieses Gefühl auch +unabhängig+ vom gerade vorhandenen, und

vielleicht bald vergänglichen oder entschwindenden naturhaften Anlaß

möglichst dauernd zu +bewahren+. Man denke etwa an jene oben erwähnte

Berges-Aussicht, die ja an das Verweilen an dem Aussichtspunkte

gebunden ist; oder man denke daran, daß die Gefühls-Vermittlung, die

man erfährt, wenn man eine voll erblühte rote Rose in grünem Laub

schauend erlebt, mit dem Hinwelken der Rose selbst auch verschwindet.

Hat man nun das Bestreben, sich gerade diese eben erfahrene, durch das

Natur-Objekt vermittelte Gefühls-Erschütterung zu erhalten, so kann

man dies ersichtlicherweise so zu bewerkstelligen versuchen, daß man

das +Objekt+, an dem ja das vermittelte Gefühl hängt, +in möglichster

Dauer zu bewahren trachtet+. Um also, sei es von dem wechselnden

Standpunkte des Erlebenden, sei es von der raschen Vergänglichkeit des

Natur-Objektes unabhängig zu werden, kann man versuchen, dieses Objekt

zu „kopieren“, nachzugestalten: also eine „künstliche“ Nach-Bildung der

Natur-Gegebenheit nach Form und Farbe in möglichst dauerndem Materiale

als Träger der Gefühls-Vermittlung an die Stelle des ursprünglich

Natur-vorhandenen Gefühls-Trägers zu setzen.

Dies zu behaupten, vielmehr als nicht nur durchaus möglich, sondern --

im Laufe der Kunstgeschichte -- auch als hundertfach wirklich, klar

vor Augen zu stellen und zuzugeben, scheint heute Ketzerei. Und der

Einwurf des „Panoptikums“ liegt nahe zur Hand. Doch einerseits ist noch

niemals versucht worden, einem wirklich bedeutenden und überragenden

Plastiker, etwa einem Donatello, die Aufgabe einer „Panoptikum-Gruppe“

zu stellen -- die er sicherlich in hinreißend-naturalistischer

Weise gelöst hätte --; und andererseits ist alles, was heute gegen

diese künstlerische Gestaltungsweise gesagt wird, nur Tages-Wort

zum -- kunstpolitisch durchaus berechtigten -- Kampfe gegen eine

zufälligerweise gerade heute nicht lebendige und daher nicht erstrebte

Erlebens- und Gestaltungsweise. Geht man aber hinter den Tageskampf

zurück, sieht man die Stilweisen vergangener Kunstperioden durch, so

findet man diese Übung der Kunstwerks-Gestaltung, die den naturhaften

Gefühls-Träger nach-gestaltet, in weiten Bezirken, besonders gerade

im jüngst vergangenen Naturalismus der zweiten Hälfte des neunzehnten

Jahrhunderts, auf das reichste gepflegt.

Es gibt also, erfahrungsgemäß, eine Kunstgestaltung, die eine Nach-

oder Ab-Gestaltung des naturhaften Gefühls-Anlasses erstrebt.

Ihrer Tendenz nach. Es gibt beim Schaffenden eine Einstellung des

Bewußtseins, die nichts anderes will, als eine Wiedergabe des sehend

unmittelbar erlebten Natur-Inhaltes, +ohne+ dessen Umgestaltung. Und

man hat diese Einstellung des Bewußtseins seit jeher +Naturnähe+ oder

+Naturalismus+ oder +Realismus+ genannt.

Damit hätten wir die erste Art möglicher Kunstgestaltung

erfahrungsgemäß festgelegt und definiert. Sie hält sich möglichst

enge an die Natur, und sie kann diese abbildhafte Treue bis in das

kleinste eben noch merkbare, zufällige Individualmerkmal zu treiben

versuchen. Um also das Gefühlserlebnis, das irgendein Natur-Komplex

dem Künstler vermittelt hat, sich und anderen zu erhalten und immer

wieder vermitteln zu können, kann der Künstler den Anlaß-Träger des

Gefühles möglichst genau in seinen Gegebenheiten so nachschaffen, daß

er sich, innerhalb des Sichtbaren, bemüht, die Farben, Lichter und

Schatten sowie die Formen des Natur-Gegebenen möglichst genau in jener

Art wieder-zugeben, wie er sie bei immer wiederholter Betrachtung

immer wieder vorfindet. Diese Art der Nach-Gestaltung wird sich dem

Vor-Bilde der Natur „asymptotisch“, also in nie +völlig+ erfülltem

Streben, nähern. Doch die +Einstellung+, die +Tendenz+, das +Ziel+

des Schaffens ist beim wahren objektiven Naturalisten eben in diesem

Streben gegeben, sein künstlich geschaffenes Werk dem Natur-Vorbilde

+möglichst+ anzugleichen, um dann an diesem Kunst-Werke möglichst

jene Gefühle wieder-zuerleben, die an dem vergänglichen Gefühls-Anlaß

hingen. Und der Aufnehmende, der Genießende wird sich einem derartigen

naturalistischen Kunstwerke gegenüber genau so verhalten, wie er sich

der Natur gegenüber verhält: er gibt sich den lichtlichen, farblichen

und inhaltlich-formalen Gegebenheiten des Werkes -- in gleicher Weise,

wie denen der Natur -- passiv-aufnehmend hin.

So sicher aber, wie es eine intendierte Natur-Abschilderung und

damit eine naturalistische Kunst gibt, so sicher auch ist diese

Natur-Wiedergabe nicht die einzige Möglichkeit der Kunstgestaltung.

Der Mensch ist in seinem Schaffen nicht an die Natur gebunden: er

kann die Lichter, Farben und Formen des Natur-Gegebenen in seinen

künstlichen Gestaltungen +verändern+. Auch diese Tatsache ist

wiederum eine nur durch das unmittelbare Erleben erweisbare Gegebenheit

des menschlichen Bewußtseins. Jene seelische Fähigkeit, die man

„Phantasie“ nennt, wurzelt nämlich mit dem Keime ihres Wesens darin,

daß unsere Erinnerungsbilder, selbst die der festesten Natur-Objekte,

keine starren Gebilde sind, sondern daß sie sich, sei es in Teilstücke

zerlegen und willkürlich wieder zusammensetzen lassen, sei es in ihren

Färbungen und Formungen ändern, strecken und zusammendrücken, dichten

und dehnen, kurz im allgemeinsten Sinne variieren lassen.

Damit wird das uralte Problem von „Form“ und „Inhalt“ psychologisch

klar. In der objektiven Natur existiert diese Zweiheit nicht. Natur

hat wirklich weder Kern noch Schale. Die „Form“ des Eichenblattes

„bestimmt“ seinen „Inhalt“, der Inhalt des Lindenblattes „ist“ seine

Form. Form -- in weitestem Wortsinne, also auch den farblichen Komplex

einschließend -- und Inhalt sind in der Natur, bis zu den zufälligsten

Variationen der Einzelobjekte, durchaus identisch. Und damit kennt auch

naturalistische Kunst dieses Problem und diese Zweiheit nicht. Auch

hier -- beim naturalistischen Drama wie beim naturalistischen Bild --

sind Inhalt und Form dasselbe.

Sowie man sich aber dem Bewußtsein des Menschen zuwendet, treten Form

und Inhalt auseinander. Sowohl im Phantasieleben des Erkennens, wie

im Phantasieleben des Fühlens. Und die Möglichkeit dieser Zerfällung

des Naturgebildes in Form und Inhalt ruht eben darauf, daß unsere

Erinnerungsbilder keine starren Gebilde, sondern in weitestem Ausmaße

in sich locker gefügt sind. So kommt es im +erkenntnismäßigen+

Phantasiegebiete etwa zu dem Denk-Gebilde des „Begriffes“, der ja

nichts anderes als das Resultat fast unübersehbarer naturhafter

Einzelerfahrungen gibt; deren „Form“ dann der „Grenz-Umriß“ ist, in den

sich die vielfachen individuellen „Inhalte“ gleicher Art-Erfahrungen

fassen lassen. Er gibt, etwa als Begriff des „Baumblattes“,

das allgemeinste formale Blattgebilde unter Ausschaltung aller

individuellen und zufälligen inhaltlichen Variationen der beobachteten

Einzel-Exemplare, und er vermag dies deshalb, weil er so locker

beweglich und schmiegsam ist, daß er imstande bleibt, sich immer

wieder jeder Variation zu fügen. -- Und auch das +gefühlsmäßige+

Phantasiegebiet lebt ausschließlich von der Möglichkeit der Zerfällung

von Inhalt und Form bei den menschlichen Erinnerungs-Vorstellungen.

Auch hier gibt selbst die produktivste Leistung keine völlige

Neu-Schöpfung irgendeines Gebildes, auch hier bleibt selbst die

anscheinend „freieste“ Gestaltung letzten Endes, von ihrem Ursprunge

her, durchaus an die Gegebenheiten der Naturerfahrung, an die

naturhaften Vor-Erlebnisse gebunden. Phantasiebegabte Künstler mögen

dieser Anschauung noch so energisch widersprechen. Der Wissenschaftler

muß feststellen, daß es kein einziges Phantasie-Produkt gibt, und

schiene es noch so erfahrungsferne, dessen +inhaltliche Elemente+ nicht

aus Erlebtem geholt sind. Phantasiegestaltung kann, nach endgültiger

Form und endgültigem Inhalt, so herzhafte Umgestaltung der Erfahrung

sein, daß man am Ziel den Ursprung nicht mehr leicht erkennen mag.

Geht man jedoch die Marken zurück, achtet man auf die Kerben, die, von

frühester Kindheit an, die Erlebnisse schlugen, so führt der Weg aufs

sicherste zurück zu unser aller Amme: zur Natur.

Hat man die Möglichkeit dieses Auseinandertretens von Form und

Inhalt innerhalb des Phantasiebereiches einmal festgestellt, so

wird man weiterhin danach fragen, ob sich vielleicht +prinzipiell

unterscheidbare Arten+ dieser natur-fernen Neu-Verbindungen beobachten

lassen. Und da ergibt sich nun, daß sich bereits „theoretisch“, das

heißt im Gedanken-Experiment, feststellen läßt, daß es hier wieder

nur +drei+ im Wesen verschiedene Arten geben kann, in denen man die

natur-erfahrenen Dinge und Vorgänge zu natur-fernen Gebilden zu

verändern vermag. Und wenn auch diese Gebilde, wie alle Tatsachen

dieser Welt, mit tausendfachen Übergängen und Zwischenstufen

ineinandergreifen, so lassen sich zur orientierenden Überschau dennoch

relativ gesonderte Gruppen scheiden.

Die erste dieser Verhaltungsweisen löst die Erinnerungsbilder der

Naturobjekte aus ihrer erfahrungsgemäßen Zusammensetzung oder

aus ihrem erfahrungsgemäßen Zusammenhang mit anderen Objekten

und stellt die derart gewonnenen Teilstücke -- die aber durchaus

in ihren naturgegebenen Formungen bewahrt werden -- zu neuen, in

der Wirklichkeit nicht vorhandenen Ganz-Gebilden zusammen. Das

nächstliegende Beispiel sind die „Fabelwesen“, etwa die Figur eines

Kentauren, der aus einem naturalistischen Menschen-Oberkörper und aus

einem naturalistischen Pferde-Leib zusammengesetzt wird. Diese Art der

Zerstückung von natur-erfahrbaren Objekten und der Neu-Zusammensetzung

der so erhaltenen Teilstücke zu natur-unerfahrbaren Gebilden beherrscht

einen weiten Bezirk, besonders der nordischen Phantasietätigkeit. Sie

führt etwa Bosch zu seinen Fabeltieren, deren eines etwa aus folgenden

Teilstücken besteht: aus einer naturalistischen leeren Eierschale,

einem naturalistischen Vogelkopf, naturalistischen Entenbeinen,

naturalistischen Fledermaus-Flügeln und einem gewöhnlichen offenen

Taschenmesser als Schwanz; oder sie läßt Brueghel im „Kampf der

Kassenschränke mit den Sparbüchsen“ phantasiemäßige Vorgänge und

Zusammenhänge sich abspielen, die in ihren „inhaltlichen“ Teilstücken

wohl naturalistisch sind, in dem „Formalen“ ihrer Beziehung aufeinander

jedoch in der Wirklichkeit nicht vorkommen. Da diese Art künstlerischer

Gestaltung also die einzelnen Partial-„Inhalte“ der Teilkomplexe +wohl

in naturhafter Verfassung wahrt+, die weitere naturferne „Form“ aber

dadurch erreicht, daß sie die aus verschiedenen Natur-Gegebenheiten

hergeholten naturalistischen Teilstücke untereinander in

phantasieartig-willkürlichem +Wechsel+ verbindet, wollen wir sie

+naturalistische Permutation+ nennen.

Das Verständnis dieser naturalistischen Permutation pflegt beim

Kunst-Aufnehmenden keinen Schwierigkeiten zu begegnen. Wir sind,

hauptsächlich durch unsere Traum-Erfahrungen, derartigen Neubildungen

von Kindheit an so sehr angepaßt, daß wir sie ohne weiteres zu

„verstehen“ pflegen; das heißt, meist mühelos imstande sind, das an

ihnen hängende Gefühl auch im Nach-Erleben lebendig zu machen.

Hat man sich durch die Tatsache des Vorhandenseins derartiger

naturferner Gebilde einmal an den Gedanken gewöhnt, der

phantasiemäßigen Um-Gestaltung der Natur-Objekte im Prinzip nicht

mehr feindlich gegenüberzustehen, so werden auch die zwei weiteren

prinzipiell noch möglichen Umformungen naturalistischer Objekte keinem

unbesiegbaren inneren Widerstande mehr begegnen. Man bedenke vorher nur

folgendes.

Die Einzelobjekte derselben Gattung, etwa die einzelnen „menschlichen

Körper“, sind bei aller Ähnlichkeit doch auch so sehr voneinander

verschieden, daß man in der phantasiemäßigen Umgestaltung eines

solchen Körpers, auch wenn man ihn +nicht+ zerstückt, sondern in

seinem naturerfahrenen Zusammenhange und Aufbau beläßt, +sehr

stark von den durchschnittlichen Proportionen und von den formalen

Einzel-Gegebenheiten abweichen kann, ohne seine Erkennungsmöglichkeit

als „menschliche Figur“ zu vernichten+. Diese Tatsache der „Weite

des Erkennungsfeldes“ aller Einzelobjekte benutzen nun die zwei

noch möglichen phantasiemäßig-künstlerischen „Umarbeitungen“ der

Naturgegebenheiten. Sie benützen sie dazu, um Einzelgebilde oder

Komplexe zu erstellen, die wohl in ihren „inhaltlichen“ Gegebenheiten

durchaus der Wirklichkeit entnommen sind, die aber in ihrer +formalen

Ausgestaltung+ von jenen Gegebenheiten, in denen wir die erkannten

Inhalte in der Natur zu finden gewohnt sind, durchaus +abweichen+.

Diese Abweichung kann nun wieder nach +zwei+ durchaus verschiedenen

Richtungen hin erfolgen.

Die erste der zwei möglichen Einstellungen geht so vor, daß sie sich

bei der Darstellung des Wahrgenommenen bemüht, +die individuellen

Einzelzüge zu unterschlagen und die Gesamtform ins „Allgemeinere“

auszugleichen+. Achtet also jener zuerst besprochene „Naturalist“

darauf, die Natur-Gegebenheiten von der Gesamtproportion bis zum

kleinsten Detail wiederzugeben, achtet er etwa bei der Darstellung

eines Baumes genauestens auf die Dicke und Konturführung des Stammes,

auf die kleinste Formenbiegung der Äste, auf die leiseste Variation

in Verdickung oder Verdünnung der Zweige, auf die Färbung, zufällige

Beleuchtung und Beschattung, zufällige Haltung und Stellung der

Blätter bis zur kleinsten Knospe: so sucht der Künstler dieser anderen

Einstellungsart das „Allgemeine“ oder „Typische“ aus den vielen

individuellen Baum-Erlebnissen herauszuziehen. Er erreicht dies nun

dadurch, daß er sich bestrebt, die individuellen Einzelmerkmale zu

vernachlässigen, dagegen all Das zu bringen, was sich +gleicherweise+

bei +allen+ Einzelindividuen findet: Stamm, Krone, Äste und Blätter

in „allgemeiner“ Formung. Er gleicht die Farben und Lichter zu

neutraler Haltung aus, gibt die Astführungen und Stammkonturen

in stetig-kontinuierlichen Krümmungen: er erlebt mit besonderer

Einstellung jene Zone, die sich bei allen Einzelerlebnissen derselben

Gattung vorfindet, die also als Gemeinsames übrigbleibt, wenn man viele

Individuen dieser Gattung „zur Deckung“ bringt. Dem „Begriffsbild“

in seiner völligen Un-Individualität wird das Objekt genähert,

dem „Typus“, der „Idealfigur“, eben durch die Unterschlagung und

Ausgleichung der individuellen Merkmale, möglichst nahe gebracht. --

Diese Einstellung des künstlerischen Um-Gestaltens wird seit jeher

+Idealismus+ genannt.

Doch es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die naturnahe

Nach-Gestaltung zur naturfernen Um-Gestaltung zu führen. Dieser

zweite Weg, das naturgegebene Objekt in seiner Ganzheit zu bewahren,

gleichwohl aber zu phantasieartigem Ziele hin zu überschreiten, kehrt

die Richtung der formalen Umgestaltung nach der Gegenseite.

Auch hier wird das Natur-Objekt als Gesamt-Gebilde in seinem

Zusammenhange belassen. -- Wo aber die idealistische Einstellung die

naturhaften Einzelmerkmale des Objektes ausgleichend überbreitet, die

Farben und Linien und Formen über die Variationen des Klein-Einmaligen

glättend hinwegführt: da kann anders geartete Einstellung +diese

gleichen Individualmerkmale verstärken, erhitzen, intensivieren+.

Sie kann die Kerben vertiefen, die Hebungen verdichten, die Kurven

aufhöhen, die Bewegung verstärken: sie kann alle Gegebenheiten des

Sichtbaren als bloße „Anweisungen“ betrachten, die doppelt und dreifach

zu intensivieren sind. -- So wird auch hier, wie im Idealismus, das

einmalige Erlebnis zum Über-Individuellen hin überschritten; doch hier

nicht in jener Weise, die durch Ausgleichung der Individualmerkmale

die naturalistische Form zum „ewigen Gleichmaß“ des Idealismus führt;

sondern in der Art, daß durch die Verstärkung der Individualmerkmale

eine +Intensivierung der Erlebnisse nach der aktiven Seite hin+

erreicht wird.

Für diese Art der künstlerischen Gestaltung, die -- ebenso wie der

Naturalismus, die naturalistische Permutation und der Idealismus --

seit jeher periodenweise gepflegt wurde, fehlte bis in die moderne

Zeit eine eigene Wort-Bezeichnung; sie wurde bald Barock, bald

Romantik, bald „Sturm und Drang“ genannt. Die neuere Zeit hat nun

einen Namen angeboten, der das Wesen dieser seelischen Verhaltungsweise

ausgezeichnet trifft: +Expressionismus+.

Naturalismus, Idealismus, Expressionismus · 第 1 / 9 段