spiegelglatte See nach Land zu. Bevor sein Dröhnen aber dort vernommen
wird, schlagen schon die Granaten mitten in die Kasernen, aus denen
gleich darauf in dichten Scharen mehr oder weniger bekleidete Menschen
herausstürzen. Und wieder blitzt es auf See auf, dröhnt der Donner,
bersten die Granaten. In Fliegerschuppen und Regierungsgebäude fegen sie,
schlagen die Marconistation vom Dache und spritzen in die dichten Haufen
der planlos in wahnwitziger Angst Umherirrenden. An drei Stellen schon
züngeln Flammen empor und wälzt sich schwerer Rauch, als die Italiener
sich endlich darauf besinnen, daß in den beiden Forts auch Geschütze
stehen. Zwar waren sie bisher gegen die immer näher andrängenden
Eingeborenen nach Süden gerichtet, schnell aber werden sie jetzt nach See
zu gedreht.
Vierzig Granaten hat »U 119« verfeuert, als drüben der erste Schuß
fällt. Was die Italiener an Zeit verloren haben, suchen sie jetzt durch
ungeheuerliche Munitionsverschwendung wettzumachen. In unaufhörlicher
Folge blitzt es in den Forts auf, heben sich die Wassersäulen der
einschlagenden Granaten. Bald haben sie sich eingeschossen. Immer dichter
heran, in bedrohliche Nähe des Bootes fegen die Geschosse, bis sich der
Kommandant, der seine Aufgabe voll erfüllt sieht, entschließt, zu tauchen
und unter Wasser abzulaufen. --
* * * * *
Drei Tage und drei Nächte schon streift »U 119« ostwärts zwischen
Kreta und der afrikanischen Küste durch das Mittelländische Meer. Von Tag
zu Tag macht sich die Lähmung der feindlichen Schiffahrt fühlbarer.
Die in Friedenszeiten und auch noch zu Beginn des Krieges so belebte
Handelsstraße, über die Indiens, Chinas und Australiens Güter gingen,
liegt öde und vereinsamt. Die Neutralen begannen zuerst mit der zwar
bedeutend längeren, dafür aber ungefährlicheren Fahrt um das Kap der
guten Hoffnung, die Engländer und Franzosen sind ihnen bald gefolgt. Die
reinste Idylle hat sich an Bord entwickelt. Fühlbar heiß brennen die
Strahlen der Sonne auf das stählerne Deck. Die Luft im Raum ist, obwohl
alle Luken geöffnet sind, tagsüber schon recht unerquicklich, so daß man
die kühlere Nacht herbeisehnt. Wenn auch alles ziemlich ungeduldig nach
dem Feinde, der sich nicht zeigen will, ausspäht, bietet andererseits
wieder die Verödung der Seewege doch manches Gute. Abends hält »U 119«
dicht an Land zu, dort, wo es die Tiefenverhältnisse gestatten, und
wenige Minuten später tummelt sich fast die ganze Besatzung im Wasser.
Bei einigen Leuten, die absolut nicht wieder heraus wollen, bedarf es etwas
energischerer Aufforderung von seiten des Kommandanten, nicht loszugondeln,
um etwa auf eigene Faust U-Boot-Krieg zu führen. Später dann sitzt alles,
nachdem dem Meisterwerk des Schmutje Ehre angetan wurde, an Deck, schmaucht
vergnügt seinen Tobak und lauscht andächtig den neuesten Schlagern,
über die das Grammophon verfügt. Eine harmlos fröhliche Ausgelassenheit
herrscht, als sei nicht Krieg, als könnte nicht im nächsten Augenblick
von irgendwoher der Feind auftauchen.
Fast unangenehm glatt liegt am nächsten Tage die See. Wie ein leises, kaum
merkbares Atmen geht es über die Oberfläche, die stundenlang noch die
Spur des Kielwassers bewahrt. Wundervoll sichtig ist das Wetter, klar und
rein die Luft. Nichts zeigt sich. Fern im Süden blinkt wohl hier und
da unter den Strahlen der flimmernden Sonne in grellweißem Schimmer die
afrikanische Küste mit ihren kahlen Sanddünen auf, sonst aber ist das
Bild seit Tagen schon stets das gleiche: das einsame, ruhige, verlassene
Mittelmeer.
Wie gestern und vorgestern sonnt sich auch heute wieder alles, was nicht
unten im Schiff beschäftigt ist, oben an Deck. Ein Teil der Leute hat mit
vieler List ein Plätzchen erobert, das dem Kopf wenigstens einigermaßen
Schutz gegen die blendende Lichtflut bietet, andere »kloppen« ihren
Skat, spielen eine Partie Sechsundsechzig oder erzählen sich ihre letzten
Abenteuer an Land, wobei natürlich die holde Weiblichkeit nicht zu kurz
kommt. Aehnlich sieht es auf dem Turm aus. Dort sitzen die Offiziere und
besprechen die weiteren Unternehmungen, die »U 119« von Alexandrien nach
dem Suezkanal bringen sollen, suchen dann zum hundertsten Male mißmutig
und verknurrt die Kimm ab, die immer noch ruhig in ihrem bläulichen Dunste
liegt. Und über die Offiziere, die Schlafenden, die Erzählenden und
Spielenden hin klingen die lockenden Töne aus dem Zigeunerbaron: »Wer uns
getraut, ich sag' es euch, der Dom« ... »Eine Mine!« Schrill gellt der
Ruf in den tiefen Frieden hinein, läßt die Schläfer hochfahren, Karten,
Bücher und Papiere an Deck fliegen, kein Mensch achtet des Grammophons,
das seine Melodien weiterschnurrt, alles hat nur Augen und Sinn für die
Mine, die soeben gesichtet ist.
Etwa hundert Meter rechts voraus ragt ein dunkler Buckel vorn über die
Oberfläche hinaus. Überall glitzert und flimmert das Wasser, der eine
Punkt nur unterbricht die Gleichförmigkeit. Eine Treibmine? Soll sich die
etwa von der Nilmündung oder vom Suezkanal losgerissen haben? Vorsichtig
nähert sich das Boot dem gefährlichen Gegenstande, der so harmlos
aussieht, als berge er nicht hundert Kilogramm Sprengstoff in seinem
Innern. Die Gewehre sind an Deck geholt, um die Mine im Ablaufen
abzuschießen. Etwa fünfzig Meter noch ist »U 119« ab, als von der
Brücke lautes Gelächter und der Ruf ertönt: »Eine Schildkröte!« Eben
will alles anlegen, um den ungewohnten Bissen für die Küche zu erobern,
als die »Mine« durch das Geräusch der Motoren erwacht und langsam
wegsackt.
* * * * *
Gegen Abend verschwinden die tiefen, blauen Farben des Wassers, machen
vorerst einer grünlichen, dann hellgelblichen Tönung Platz und gehen
schließlich in schmutziges Graubraun über. Die Mündung des Nils macht
sich bemerkbar. Ganz in der Ferne, kaum noch wahrnehmbar, steht in den
Strahlen der untergehenden Sonne grauer Landdunst.
Es dunkelt bereits. Von Land her kommt der Schein des Blinkfeuers der
Ennostoshuck bei Ras et Tin durch die Nacht herüber, mehrere feste
Feuer, und darüber, ganz im Hintergrunde, die rötliche Dunstkuppel des
beleuchteten Alexandrien. Vorläufig ist nichts zu machen, als die Einfahrt
nach ein- und ausfahrenden Schiffen zu beobachten. Die Aufgabe ist nicht
leicht, da bei Nacht auf die große Entfernung hin, in der das Boot wegen
der in die See vorgelagerten Sände gehalten werden muß, nur schwer
Genaues auszumachen ist. Stundenlang pendelt »U 119« vor der Mündung
auf und ab. Kein Schiff zeigt sich. Ganz ferne nur, im Norden tauchen für
kurze Zeit die Lichter eines Dampfers auf. Er steht aber weit ab und läuft
zu hohe Fahrt, als daß es sich lohnte, mit Aussicht auf Erfolg auf ihn
Jagd zu machen.
Kaum graut der Morgen, als das Boot taucht, um nicht etwa durch Schiffe,
die bisher im Dunkel verborgen waren, überrascht zu werden. Vorsichtig
sucht das Sehrohr die ganze Gegend ab. Nach Land zu sind einige Fahrzeuge
zu erkennen, in der Nähe aber scheint die See überall so einsam
und verlassen, wie in den letzten Tagen. Erst gegen Mittag kommt von
Alexandrien her eine starke Rauchwolke auf. Eine halbe Stunde später
leuchtet die Bugwelle eines mächtigen, schwarzen Transporters mit zwei
Schornsteinen, der mit hoher Fahrt herangebraust kommt, in der Sonne. Im
Kielwasser, eine Seemeile ab, folgt sein Geleitschiff, ein Kreuzer der
Foxgloveklasse. Er hat wohl etwas später losgeworfen und dampft jetzt
zusehends auf. Der Transporter scheint voll beladen mit Menschen.
Ueberall, auf den langen Promenadendecks des Dampfers, der anscheinend der
Orientlinie angehört, auf Back und Achterdeck wimmelt es von Khakileuten,
die wohl dem hoffnungslosen Salonikiunternehmen als neues Kanonenfutter
für den Cernabogen dienen sollen.
Vierhundert Meter ist er ab, als die helle Blasenbahn auf ihn zuschießt.
Eine Sekunde spiegeln sich im Sehrohr entsetzte Gesichter, deuten
ausgestreckte Arme auf das nahende Verderben, stieben graugelbe Gestalten
wirr durcheinander und strömt weißer Dampf zum Hilferuf aus der
Dampfpfeife am vorderen Schornstein, dann hebt sich an der Vorderkante
der Brücke eine mehr als dreißig Meter hohe Sprengwolke. Der eine Schuß
genügt. Schwerfällig neigt sich der mehr als achttausend Tonnen große
Kasten mit der Nase vorn über und sinkt.
Einige Minuten läuft »U 119« mit eingefahrenem Sehrohr auf den
Geleitkreuzer zu, dann wird für den Bruchteil einer Sekunde nur
ausgefahren. Eben verläßt der Torpedo das Rohr, als es drüben aufblitzt
und das Dröhnen in unmittelbarer Nähe einfallender Granaten erklingt.
Mitten hinein der Schlag des am Kreuzer explodierenden Torpedos. Dann tiefe
Stille. Eine halbe Stunde später tauchen die Sehrohre schon ziemlich weit
ab bis über die Oberfläche heraus. Dort wo der Transporter sank, ist
nichts mehr zu sehen als mehrere Schiffsboote, die an der Untergangsstelle
liegen und versuchen, aus dem Gewimmel der um sie treibenden Menschen
zu retten, was noch lebt. Einige hundert Meter ab liegt bewegungslos der
Kreuzer. Die See spült bereits über sein Heck, zusehends sackt er
tiefer. Einen Augenblick überlegt der Kommandant, ob er herangehen und dem
Engländer einen zweiten Schuß geben soll. Von Alexandrien aber nähern
sich in hoher Fahrt mehrere Zerstörer. Bald müssen sie heran sein. Es
hieße nur das Boot gefährden, denn für den Kreuzer kommt die Hilfe doch
zu spät. An Einbringen ist bei ihm nicht mehr zu denken. --
* * * * *
Ununterbrochen, seit dem frühen Morgen, flammen aus den gelben Dünen, die
im Lichte der untergehenden Sonne wie in Blut getaucht scheinen, feurige
Blitze auf, spritzen hohe aus Sand und grünlich-giftigen Pulverschwaden
gemischte Säulen, rollt der Donner der Geschütze in die Wüste hinein.
Seit mehreren Tagen stürmen die Engländer, die vom Kanal aus ihre
Bahn längs der Küste bis auf El Arisch vorgetrieben haben, gegen die
türkischen Stellungen bei Gaza an. Zweimal und dreimal schon sind sie
zurückgeschlagen, ein weites Leichenfeld deckt den Sand, und immer wieder
versucht es der Gegner von neuem. Zu Lande und von See aus. Seit Stunden
prasselt das Trommelfeuer, heben sich, eine neben der anderen, zur
zusammenhängenden Wand anwachsend, die Sand- und Pulverwolken. In letztem,
gewaltigstem Ansturm sollen die türkischen Linien durchbrochen und der Weg
nach Jerusalem freigemacht werden.
Was an Schiffen in Alexandrien und Port Said verfügbar war, ist
herangezogen. Aus sicherer Entfernung, von Land aus nicht erreichbar,
heulen die dicken 30,5 Zentimeter-Granaten der schweren Schiffsgeschütze
heran, dazwischen die Geschosse der Mittelartillerie. Der letzte Widerstand
soll und muß gebrochen werden. Das Trommelfeuer steigert sich zu einem
Höllenorkan, der ungeheure Stahlmassen gegen die türkischen Gräben
schmettert. Dichte Rauchwolken umlagern die Schiffe, wachsen höher und
höher bis an die Mastspitzen hinauf. Noch halten die Verteidiger, wenn
auch ihre Gräben halb verschüttet sind, stand. Gegen die Batterien an
Land und die Sturmtrupps der Infanterie setzen sie die eigenen Truppen,
die immer wieder unter brausendem Allahruf zum Gegenstoß vorstürmen, ein.
Gegen die Schiffsgeschütze, die immer größere Lücken reißen, sind sie
hilflos.
Hoch über den Schiffen kreist ein Doppeldecker, dessen helle Tragflächen
und große Schwimmer sich klar vom dunkelblauen Himmel abheben. Genau
verfolgt er die Aufschläge und signalisiert seine Beobachtungen. Eben
wendet er sich von Land wieder den Schiffen zu, als er plötzlich über sie
hinaus der offenen See zuschießt. In jähem Sturze saust er nach unten,
fast bis auf die Oberfläche hinab. Im nächsten Augenblicke tönt das
trockene Hämmern und Knattern seines Maschinengewehrs, spritzen seine
Geschosse hageldicht in die See. Dann steigt er wieder, kreist über den
Schiffen. Wie auf ein Kommando stellen die das Feuern ein. Sekunden später
haben sie Fahrt aufgenommen und streben in wilden Zickzackkursen mit
äußerster Kraft nach Westen. Ihre Geschütze feuern gegen einen Feind,
der nicht zu sehen ist.
Zur rechten Zeit! Aus den englischen Gräben lösen sich die Sturmtrupps,
stürmen über den Sand hinweg gegen den Feind, dem ihre Schiffe soeben
noch den letzten Rest geben sollen. Die aber sind im kritischsten
Augenblick verstummt ... Aus einem rätselhaften Grunde, ganz gegen die
Vereinbarung, brausen sie davon, verschwinden aus Schußweite, wo doch
alles von ihnen abhängt ...
Die Engländer stutzen, zögern ... reihenweise mähen die türkischen
Geschosse sie nieder, türmen neue Leichenhaufen neben und über die
alten ... sie fliehen ... hinter ihnen drein stürmt in wuchtigem Stoß
die türkische Infanterie: die erste Stellung wird überrannt, die zweite,
erst vor der dritten macht sie halt. Einzelne erst, dann ganze Züge,
Verbände, bis sich die ganze Masse des englischen Angreifers planlos in
hastigem, überstürztem Rückzuge nach Süden zu retten sucht ... in die
Wüste ...
Aus der sonnendurchzitterten Oberfläche der See stoßen zwei dünne Rohre
empor, ein grauer Turm hebt sich, leicht spült das Wasser über Vor- und
Achterschiff. Dann steigt am vorderen Sehrohr von »U 119« die deutsche
Kriegsflagge hoch ...
Das brennende Meer
»Wie denken Herr Kapitänleutnant über die Kanone? Wollen wir die
nicht mitnehmen?« ruft der Offizier der Sprenggruppe vom Achterdeck des
Leylanddampfers zum Kommandanten von »U 187«, das etwa dreißig Meter
ab liegt, hinunter. Zu seinem Bedauern klingt es aber zurück: »Lassen Sie
das Ding drüben, das Abbauen der alten Schmeißbüchse hält uns zu lange
auf.« Der Offizier scheint sein Herz an das kleine Geschütz, auf dessen
blankem Rohre sich die Sonne spiegelt, gehängt zu haben. Das Rohr läßt
sich leicht lüften, nur das Losschrauben des Pivots würde zeitraubend
sein. Sofort gibt er seine Entdeckung weiter, und diesmal hat er Glück.
Das kleine Geschütz darf mitgenommen werden, doch fordert der Kommandant
gleichzeitig auch einen geeigneten Unterbau. Das ist nicht einfach.
Forschend streift der Offizier über das Oberdeck. In der Kombüse endlich
findet sich ein Gegenstand, der mit Bordmitteln ohne weiteres zur Lafette
umgebaut werden kann: Ein -- leider leeres Weinfaß! »U 187« geht
vorsichtig unter das Heck des Dampfers. Das Rohr wird herabgefiert, gleich
darauf folgt die Lafette. Zwar macht der Kommandant zuerst über diese
eigenartige artilleristische Verstärkung ein recht erstauntes Gesicht, er
sagt aber nichts, weil er sich, innerlich schmunzelnd, im Geiste bereits
ausmalt, auf welche Art die Besatzung den Einbau der Kanone bewerkstelligen
wird. Jedenfalls ist die Geschichte ganz neuartig.
Während die Sprengpatronen den Dampfer in die Tiefe befördern, wird
schleunigst eine Kommission von Sachverständigen zusammengerufen, die
über den Einbau des neuen Geschützes beschließen soll. Bald ist die
wichtige Frage, die mit bitterem Ernst behandelt wird, auch praktisch
gelöst. Das Weinfaß wird vor allem mit mehreren Stahldrahttauen an Deck
so festgezurrt, daß es sich nicht mehr bewegen kann. Ebenso wird das Rohr
befestigt. Zwar kann das so entstandene Ding nicht gerade ein Modell für
eine Mittelpivotlafette genannt werden, jedenfalls aber hat »U 187« ein
Geschütz mit Munition mehr. Die Nummer Zwei des alten Schiffsgeschützes
wird Nummer Eins. Nun fehlt nur noch die Gelegenheit, die neue Kanone
auszuprobieren; aber auch die läßt nicht lange auf sich warten.
Am frühen Morgen war der englische Leylanddampfer, der eine Unmenge
Gefrierfleisch von Argentinien für die englische Armee an Bord gehabt
hatte, versenkt worden. Kurz nach Mittag schon taucht, aus dem Bristolkanal
kommend, wieder ein Dampfer auf. Unglaublich dreckig sieht der Bursche aus,
als er sich in langsamer Fahrt heranschiebt. Der kommt sicher mit Kohlen
von Cardiff. Selbst der dicke Kohlenstaub aber kann den Schmutz nicht
verdecken, der in breiter werdenden Streifen unter den Ausgüssen bis auf
die Wasserlinie hinabführt, nicht den vielen Rost, der rötlich überall
auf den einzelnen Platten zutage tritt. Die Decksaufbauten, die vor vielen
Jahren vielleicht weiß waren, sind in ihrer Farbe, soweit überhaupt
solche zu sehen ist, nicht näher zu bezeichnen. Ein schmutziges Grau, dem
der Kohlenstaub ein »marmorartiges« Aussehen verleiht. Ein Engländer
würde in solchem Zustande nicht zur See fahren. Selbst für einen
Franzosen, der, was Reinlichkeit anbelangt, nicht so heikel ist, scheint
der Bursche doch zu dreckig. Es kann sich nur um einen Portugiesen oder
um einen Italiener handeln. Diese Herrschaften legen auf Äußeres ebenso
wenig Wert, wie auf das eigene Innere. Gleichgültig freilich, welche
Nation sich um die Ehre der Zugehörigkeit streiten mag, hier ist
Sperrgebiet, es wird kein Federlesens gemacht. Noch ist die Granate des
ersten Geschosses nicht drüben eingeschlagen, als auch schon die
erbeutete Kanone ein ernstes Wörtchen spricht. Ihre Stimme ist zwar nicht
eindringlich, der Geschützführer aber legt volle Ehre mit ihr ein. Seine
Granate sitzt mittschiffs, eben über der Wasserlinie. Der Erfolg ist
zauberhaft. Der Dampfer stoppt sofort. Das Geschoß muß einen Kessel
getroffen haben. Weißer Dampf quillt unter dem Aufbau hoch. Ein Boot wird
zu Wasser gefiert, kaum ein halbes Dutzend Männer hockt darin, die Mühe
haben, das gebrechliche kleine Fahrzeug in der hohen Dünung vor dem
gefährlichen Zusammenschlagen mit der Bordwand zu bewahren.
Eine Weile sieht der Kommandant von »U 187« ruhig zu, bis oben an Deck
lebhaft gestikulierende Kerle herumtanzen und keine Anstalten machen, das
Schiff zu verlassen. Endlich, nachdem seine Geduld erschöpft ist, gibt
er Befehl, zwei weitere Granaten herüber zu schicken. Beide schlagen im
Vorschiff ein. Ein wenig Erfolg ist bereits zu bemerken. Drei Kerle lassen
sich an den Bootsläufern hinunter, und das Boot setzt ab. Immer noch aber
ist mehr als die Hälfte der Besatzung an Bord. Bis zu dem in Lee stehenden
Boot dringt ihr Gebrüll herüber.
»Herr Kapitänleitnant!« läßt sich plötzlich der Rudergänger, der
kopfschüttelnd den Vorgang ansieht, vernehmen. »Ich glaube, die Laite
sind wasserschai! Die hob'n Angst vorm Versaufen!«
Es scheint tatsächlich so. »U 187« kreist vorsichtig um den Dampfer
herum, um festzustellen, ob kein verborgenes Geschütz an Deck steht. Dann,
nachdem Name und Heimatshafen, »Nostra Signora di Torre Marino, Messina«
erkannt sind, geht er längsseit.
In recht klarem Fortissimo wird die schlappe Bande aufgefordert, das zweite
Boot zu Wasser zu lassen. Ein wüstes Durcheinanderschnattern folgt, aus
dem auch nicht ein Wort zu verstehen ist. So viel nur wird klar, daß die
Gesellschaft nicht etwa Widerspenstigkeit beabsichtigt; sie haben einfach
Angst! Wer weiß, wo der italienische Kapitän diese Mannschaft shanghait
hat. Erst als die Leute sehen, daß die Deutschen keinen Spaß verstehen,
und die Geschütze abermals geladen werden, bequemen sie sich, das zweite
Boot zu Wasser zu lassen. Freilich dauert es fast eine halbe Stunde, bis
es so weit ist, und die Italiener, mehr oder weniger durchnäßt, von
ihrem Schiffe abstoßen. Nach zehn Schüssen, die über der Wasserlinie
aufschlagen, ist Italien um dreitausend Tonnen Kohle ärmer.
Die beiden nächsten Tage bringen nur einen dicken Dampfer, der aber
eine für England gerade jetzt so wertvolle Ladung enthält: Schmalz,
Salzfleisch und Cornedbeef von Armour aus Chicago. Ein Bedauern nur
herrscht, als sich der Engländer mit der Nase voraus empfiehlt, daß das
Schiff nicht als Prise eingebracht werden kann. --
Das Wetter ist ruhiger geworden. Der Nordwestwind, der die letzte Zeit
wehte, ist bis auf Stärke zwei abgeflaut und schließlich gegen Abend ganz
eingeschlafen. Blutrot setzt die Sonne im Westen auf, wie flüssiges Gold
spiegeln sich ihre Strahlen auf der glatten See. Die Nacht bricht an. In
voller Klarheit schimmern die Sterne, wie ein leichter bläulichheller
Schein liegt es über dem Wasser.
Im Südwesten schiebt sich kurz nach Mitternacht ein dunkler Schatten
heran. Ein Schiff! Es fährt abgeblendet, so daß die Umrisse nur eben noch
zu erkennen sind. Ein Tankdampfer von mindestens achttausend Tonnen, ein
stattlicher Bursche, der mindestens zwölftausend Tonnen Heizöl schleppt.
Er ist anscheinend völlig ahnungslos, kann von dem kaum über das Wasser
tauchenden kleinen U-Boote in der tiefen Dunkelheit nichts sehen. Er ist
sicherlich bewaffnet, bis die Kanoniere aber das kleine Ziel finden, hat
das Schiff mindestens schon zehn Granaten im Leibe.
Zwei grelle Blitze zerreißen die tiefe Dunkelheit, weitere folgen Schlag
auf Schlag. An der hohen Bordwand leuchtet Feuerschein auf, dann fegen ein
paar Granaten in das Achterdeck, wo das Geschütz stehen muß.
Mitten aus dem Schiff heraus dringt gelblichroter Flammenschein, längs der
Bordwand schießt ein Feuerstrom herab, breitet sich aus, fließt achteraus
von dem noch in Fahrt befindlichen Dampfer. Mit unheimlicher Schnelligkeit
wächst er, wird zum See, zu einem wogenden, rauschenden Flammenmeer. Um
das Achterschiff züngelt es, leckt gierig längs des gestoppten Schiffes,
nach vorn .... dann steht der ganze Dampfer in flammender Lohe. Das Meer
brennt ... Es zischt und saust, das Deck birst in der furchtbaren Glut
auseinander, eine schwere, schwarze Wolke treibt nach der französischen
Küste zu ....
Fast vier Wochen schon ist »U 187« in See. Alle Torpedos bis auf einen
sind verschossen, der Vorrat an Heizöl und Proviant geht zur Neige. Es
wird Zeit, an die Heimkehr zu denken. Der Weg um Schottland ist noch weit
und nicht ganz einfach. Wenn hier auch weder Netze noch Minen drohen, so
sind doch zahlreiche Kriegsschiffe und Bewachungsfahrzeuge auf der Streife,
die allerlei unliebsame Zwischenfälle herbeiführen können. Der Morgen
graut. Stundenlang noch leuchtete achteraus der Feuerschein des brennenden
Tankdampfers, bis er allmählich unter der Kimm verschwand. Mit nördlichem
Kurs holt »U 187« um die Südwestecke Irlands herum; wie greifende
Finger tauchen die in die See vorspringenden Halbinseln des Landes auf,
kleine Inseln, zum Teil mit Leuchttürmen, liegen vor ihnen. In weiter
Ferne kommt ein mit hoher Fahrt nach Süden laufender Panzerkreuzer der
»Cressy«-Klasse in Sicht. Verlockend leuchten seine vier Schornsteine
zwischen den Pfahlmasten herüber. Es ist ganz ausgeschlossen, an
ihn heranzukommen. Der eine noch übrige Torpedo muß auf günstigere
Gelegenheit warten. An Steuerbord taucht nachts noch eben über der
Kimm ein Feuer an der Nordwestecke Irlands auf, dann heißt es die
Anmarschstraße zum Nordkanal zwischen Irland und Schottland zu
durchqueren. So scharf und aufmerksam die Augen auch das Dunkel zu
durchdringen suchen, nichts zeigt sich. Weit in der Ferne nur leuchtet es
mehreremal in kurzen fahlen Blitzen herüber. Es ist nicht zu erkennen, ob
dort ein Kreuzer mit seinen Scheinwerfern die See absucht, oder ob es sich
um Wetterleuchten handelt.
Am Mittag des nächsten Tages tauchen voraus die dunklen Felsen von
St. Kilda auf. In blendender Weiße schimmert zuhöchst der Leuchtturm
herunter, dessen Feuer nachts weit in die See hinausstrahlt. Etwa
fünfundzwanzig Seemeilen östlich der Insel stehen drei Fischdampfer
ziemlich dicht beieinander. Mit langsamer Fahrt ziehen sie ihre Netze
hinter sich her. Ab und zu stößt eine dicke Rauchwolke aus Schornsteinen,
Mannschaften eilen über Deck, straffgespannt stehen die Stahlleinen der
Schleppnetze seitwärts achteraus ....
Der nächststehende Dampfer stoppt. Der Kapitän steigt aus dem Ruderhaus
an Deck. In der klaren sichtigen Luft ist deutlich zu erkennen, wie
ein Mann die Dampfwinde anläßt. Das Netz wird längsseit geholt, die
Scherbretter an Deck genommen, der Beutel hochgeheißt, bis er mitten über
dem Verdeck steht. Dann entleert sich mit einem Schlage der in der Sonne
silbernblinkende Fang. Die beiden anderen Fischer ziehen inzwischen
gleichmäßig weiter vor ihren Netzen her.