Zwei Stunden fährt »U 95« getaucht westwärts weiter, als das Boot

ganz unvermittelt vorn hochgerissen wird. Gleichzeitig kommt aus dem

Vorderschiff die Meldung, daß deutliches Scharren und Scheuern an der

Außenhaut zu vernehmen ist. U-Bootnetz! Einen Augenblick stockt der

elektrische Antrieb. »Äußerste Kraft zurück!« ... Das Scheuern

hält an -- anscheinend hat das Bugruder sich im Netz verfangen und wird

festgehalten. ... »Äußerste Kraft voraus!« ... Einige Sekunden macht

das Boot Fahrt, dann ein kurzer Ruck ... die Stahltaue des Netzes scharren

weiter nach dem Turm zu ... wieder ist die Fahrt aus dem Schiff.

Die Stimmung ist zwar nicht besonders rosig, aber keineswegs gedrückt.

Nicht zum erstenmal macht der Kommandant mit einem englischen

Unterwasserzaun Bekanntschaft. Die Hauptsache ist, daß die Maschinen

intakt und das Boot heil geblieben ist.

»Alle Tanks fluten!« Der Zeiger des Tiefenmanometers schnellt um

fünfzehn Meter vor. »Dreimal äußerste Kraft voraus!« Jetzt heißt es,

biegen oder brechen. Ein leichtes Zittern ... einige kurze scharfe Rucke,

dann schießt »U 95« mit voller Geschwindigkeit voraus. Einzelne Tampen

des zerrissenen Netzes schlagen noch an das Achterschiff, dann ist das

Hindernis durchbrochen.

Der Steuermann, der eben zu seiner großen Beruhigung festgestellt hat,

daß der Kreiselkompaß seine ungeheuere Geschwindigkeit noch immer ohne

Störung beibehalten hat, wischt sich den Schweiß von der feuchten Stirn

und meint dann aufatmend zum leitenden Ingenieur, der neben ihm in der

Zentrale steht: »Nu fehlt heute nacht bloß noch 'ne U-Bootsfalle, dann

haben wir aber auch den ganzen englischen Abwehrzadder erlebt!«

Die Nacht scheint aber den Ahnungen des Steuermanns nicht Recht geben zu

wollen. Es ereignet sich nichts weiter. Noch funkeln die Sterne am Himmel,

als »U 95« auftaucht. An Steuerbord schimmert das Feuer von Beachy Head

minutenlang herüber, erlischt für eine Weile, um abermals aufzublitzen.

Es kann sich nur um ein Signal für ein Schiff handeln, das die Fahrt

über den Kanal wagen will, ein Leitlicht, nach dem sich der Kapitän des

Fahrzeuges richten mag. Das Dringendste wäre zunächst, die durch das Netz

vielleicht verursachten geringen Beschädigungen festzustellen, das hat

aber schließlich Zeit bis zum Morgen, da das Boot einwandfrei arbeitet.

Wichtiger für den Augenblick scheint dem Kommandanten, sich davon zu

überzeugen, welchem Fahrzeug eigentlich der ungewohnte Lichtschein von

Beachy Head gilt. --

Das Boot stoppt. Aufmerksam spähen die Augen nach allen Seiten, und bald

ist das Rätsel gelöst. Fünfzehn Minuten etwa sind vergangen, als die

Lichter eines Schiffes an Backbord des Leuchtfeuers auftauchen. Nicht

nur die Seiten- und Dampferlaternen des Herankommenden brennen, auch die

Promenadendecks sind hell erleuchtet, aus mehr als hundert Seitenfenstern

strahlt eine Flut von Licht nach außen. Was mag das bedeuten? Ein

hellerleuchtetes Schiff mitten im gefährdetsten Sperrgebiet? Ein Neutraler

wird doch nicht so wahnsinnig sein, hier unbekümmert, als gäbe es keine

deutschen Tauchboote, spazieren zu fahren. Ein englisches Lazarettschiff,

das nach Frankreich will, um dort jedenfalls Verwundete abzuholen! In

einigen hundert Metern Entfernung muß es an dem gestoppt liegenden

»U 95« vorbeifahren. Schon sind alle Einzelheiten deutlich zu erkennen.

Drei riesige Kreuze aus Glühlampen leuchten vorn, mittschiffs und achtern

an der Bordwand, ein funkelnder Streifen zieht sich vom Bug nach dem Heck.

Alles vollständig vorschriftsmäßig. Näher rauscht das Lazarettschiff

heran. Auffallend ist, daß der Dampfer, wie man es bei den leeren Schiffen

von solchen Abmessungen doch voraussetzen müßte, nicht hoch aus

dem Wasser ragt, und leer muß er sein, da er jetzt doch höchstens

Verbandsmaterial, Krankentragen und Ähnliches an Bord haben kann. Die

Sache scheint faul! Keine zweitausend Meter ist der Engländer jetzt ab. Im

Glanze der zahlreichen Deckslichter enthüllt sich im nächsten Augenblick

eine ungeheure englische Niedertracht.

Aus dem Dunkel des Vorschiffs huscht plötzlich eine ganze Menge von

feldmarschmäßig gerüsteten englischen Soldaten die unter der Brücke

liegende Treppe hoch, auf die Promenadendecks. Eine Täuschung ist

unmöglich! Ganz deutlich hebt sich alles genau übereinstimmend in den

Gläsern ab. Was da drüben an khakifarbenen Männern zu sehen ist, sind

keine Sanitätssoldaten. Gewehrläufe blitzen in den Deckslichtern! Eine

Gruppe wird so scharf beleuchtet, daß die ganze Ausrüstung bis in

die kleinste Einzelheit festzustellen ist. Ein Irrtum ist gänzlich

ausgeschlossen! Da kommt auch schon die Bestätigung. Während die

Engländer sich völlig sorglos unterhalten, öffnet sich eine nach den

Niedergängen führende Tür. Wütendes Schimpfen klingt durch die Nacht,

hastig jagt ein Offizier die unvorsichtigen Leute nach dem Achterschiff in

das Dunkel; in größter Eile stürzen sie davon. Warum diese Heimlichkeit

bei Sanitätern? Ähnlich scheint es mit der Ladung im Schiffsinnern

beschaffen zu sein: Kriegsmaterial für die Front. Die ungeheuren Gewichte

schwerer Geschütze und größere Mengen von Munition drücken das

Lazarettschiff bis zur Grenze der Schwimmfähigkeit herunter.

Morgen werden die Engländer in hysterisch-ohnmächtiger Wut zwar in die

Welt hinausbrüllen, ein harmloses Lazarettschiff sei von einem deutschen

U-Boot versenkt worden, hier aber gibt es kein Bedenken. Der eine Torpedo,

der im Rohre harrt, rettet Tausenden von Kameraden Leben und Gesundheit.

In wenigen Minuten liegt der Engländer im Ziel des schußbereiten Bootes,

das einige hundert Meter querab getaucht wartet.

»Steuerbord Bugrohr fertig!« Einen Augenblick später leuchtet die

Mattscheibe auf: »Fertig!«

»Los!« Wenige Sekunden nur, dann erschüttert der starke Stoß der

Explosion »U 95«. Unmittelbar vor dem achtersten Mast hat der

Torpedo aufgetroffen. Eine Minute darauf scheint das Lazarettschiff ein

feuerspeiender Vulkan zu sein. Auseinandergerissen sinkt das riesige

Fahrzeug unter der hochgehenden Munition mit aufbäumendem Vor- und

Achterschiff in die Tiefe und mit ihm die für die Front bestimmten

Granaten, Patronen und Geschütze; die Tommys, die sich im Schutze des

Genfer Zeichens so sicher wähnten, daß sie sich aus dem Dunkel ins helle

Licht hervorgewagt haben.

Tiefschwarze Nacht lagert über dem Kanal. Gleichmäßig rauschen die

Wellen. An Steuerbord leuchtet das Feuer von Beachy Head, der Wegweiser,

der das englische »Lazarettschiff« sicher nach Frankreich geleiten

sollte. --

Während von allen Seiten, durch die riesige Explosion angelockt,

Zerstörer und Bewachungsfahrzeuge heranpreschen, ist »U 95« längst

schon in sicheren Tiefen westwärts abgelaufen. Wenn auch nicht viel

Lebendes an der Stelle des Unterganges zu bergen ist, werden die Helfer

jedenfalls doch zu sehr beschäftigt sein, um an eine, im Dunkeln doch

aussichtslose Verfolgung denken zu können. So taucht der Kommandant

also eine Stunde vor der Morgendämmerung auf, um vor allem erst die

Akkumulatoren wieder aufzuladen. Noch liegen vierundzwanzig Stunden

Kanalfahrt vor dem Boot, die alle erdenklichen Zwischenfälle bringen

können.

Mit gewöhnlicher Marschgeschwindigkeit zieht »U 95« in den anbrechenden

Tag hinein. Kaum ist die Sonne aufgegangen, als es festzustellen gilt,

ob durch das Netz irgendwelche Beschädigungen der Außenhaut

verursacht wurden. Ein wirres Durcheinander von Drahtenden hat sich wie

festgeschmiedet um das Vorschiff gelegt. Einer der vordersten Ölbunker

ist eingebeult und leckt. Ein Glück nur, daß der unangenehme Zwischenfall

sich nachts ereignete. Das sickernde Öl hätte im Tageslicht an der

Oberfläche den Verräter gespielt, bis zur neuen Nacht hätte das Gehetzt-

und Gejagtwerden dauern können. Nur zu leicht wäre es gewesen, der Spur

an der Oberfläche zu folgen.

Mit allen verfügbaren Leuten wird das Netz beseitigt und das Leck

gedichtet, und zwei Stunden später sind alle Schäden beseitigt, nur

einige schampfiehlte Stellen am Vorschiff sind als ehrenvolle Narben

zurückgeblieben.

Das Wetter ist klar und sichtig. »U 95« hält sich mitten im Kanal.

Weder die englische noch die französische Küste sind in der immer breiter

werdenden Straße zu sehen. Von Schiffsverkehr ist nicht viel zu bemerken.

In weitem Abstande nur kommen die braunen Segel einiger Fischer, die dicht

unter der englischen Küste kreuzen, in Sicht, am Spätnachmittag noch

Rauchfahne und Masten eines anscheinend mit großer Fahrt laufenden

Dampfers, der der französischen Küste zusteuert. Ebenso ruhig wie der

Tag verstreicht die Nacht, und am Morgen steht das Boot am Westeingang des

Kanals.

Ein Gefühl der Erleichterung bemächtigt sich der Leute. Wenn ihnen auch

die zurückgelegte Strecke kein besonderes Heldenstück zu sein scheint,

-- haben sie doch auf ihren zahlreichen Fahrten oft schon ähnliche

Hindernisse und Störungen kennengelernt -- so liegt doch von jetzt ab die

offene See vor ihnen, die weder Minen noch Netze kennt. Vielleicht zwar hat

Herr Edison während seiner sechsunddreißigstündigen Arbeitszeit im Tage,

die er auf dem Gipfel seines sagenhaften Berges verbringt, einen neuen

amerikanischen Bluff erfunden, um die deutschen U-Bootsleute graulich zu

machen. »Man tau«, würde der Obermatrose Tönjes sagen. Der Nachmittag

schon bietet Gelegenheit, die Probe auf das Exempel zu machen.

Vom Westen kommend, taucht gegen drei Uhr über der Kimm ein Dampfer

auf, dessen Umrisse nach kurzem deutlich auszumachen sind. Ein großer

Transatlanter mit einem Schornstein und vier Masten. Tief beladen. Drei

große weiße Buchstaben leuchten von der schwarzen Bordwand: =U. S. A.=

Ein Amerikaner. Ein seltener Bissen -- im Sperrgebiet. Fünf Seemeilen

steht er ab, als ihm der erste deutsche Gruß zwischen den Masten dicht

über Deck entgegenschlägt.

Ganz unerwartet scheint den Herrschaften drüben diese Begegnung nicht zu

kommen. Im gleichen Augenblick fast dreht er hart Backbord auf die Irische

Küste zu, während seine Hilferufe =S. O. S., S. O. S., S. O. S.=

nicht abreißen wollen. So leicht aber entkommt man nicht, auch wenn man

Amerikaner ist. Die deutschen Grüße werden eindringlicher. Zwei Granaten

schlagen in das Achterschiff ein. Er stoppt noch immer nicht. Eben hallt

der Donner eines neuen Schusses über das Wasser, als drüben mehrere

große Kisten über das Heck gestürzt werden.

Ein leichter Dunst scheint aus der See aufzusteigen, dünn, wie ein feiner

grauer Schleier hebt er sich über dem Wasser, wird stärker, dichter,

wallt in ganzen Schwaden hoch, breitet sich aus, legt sich als schützender

Brodem vor das amerikanische Schiff. Es ist verschwunden. Künstlicher

Nebel. Schießen hat keinen Zweck mehr, trotzdem aber soll er nicht

entwischen.

Mit äußerster Kraft prescht »U 95« seitwärts ab, um die Nebelwand zu

umgehen. Eine halbe Stunde verstreicht, da tauchen vorerst die Mastspitzen,

dann der Schornstein und schließlich der ganze Schiffsrumpf des

Amerikaners wieder auf. Die erste Granate trifft auch gleich diesmal

die richtige Stelle. Aus der Mitte des Schiffes dringt weißer Dampf; es

stoppt! Vorsichtig nähert sich das Tauchboot dem Dampfer und umkreist ihn

in sicherer Entfernung. Er ist unbewaffnet. Die Kerle drüben wissen genau,

daß es sich hier um keine Komödie handelt, glauben indessen auch weiter

noch die Schwerhörigen spielen zu können. Sie tun, obwohl seit zehn

Minuten schon das Signal: »Verlassen Sie sofort das Schiff!« ausweht, als

machten sie sich an ihren Booten zu schaffen, wollen aber anscheinend nur

Zeit gewinnen, um feindlichen Streitkräften rechtzeitiges Heraneilen zu

ermöglichen. Erst eine weitere Granate beschleunigt mit sanftem Nachdruck

das Aussteigen.

Vier vollbesetzte Boote stoßen ab und kommen heran. Von weitem schon

ertönt aus ihnen mörderliches Schimpfen. Das kann die Stimmung an Bord

allerdings nur erheitern. Während die Amerikaner sich nähern, reißen

Granaten ein Loch nach dem andern in die Wasserlinie ihres Dampfers, durch

das die See in hellen Strömen eindringt. Und eben, als das erste Boot mit

dem Kapitän anlegt, kentert sein Schiff und sackt weg. Mit ungeheuerer

Beredsamkeit protestiert der Amerikaner gegen die »ungewarnte

Torpedierung«. Eine barsche Aufforderung unterbricht seinen Redeschwall.

»Bringen Sie Ihre Schiffspapiere!« Während der Mann an Deck

weiterschimpft und zetert, werden die Papiere durchblättert. Alle

erdenklichen schönen Sachen: vom Stacheldraht angefangen bis hinauf zu

schweren und schwersten Granaten.

Wieder unterbricht der Kommandant den Zornigen: »Sie wollen gegen die

Versenkung Ihres Schiffes protestieren, das bis oben hin mit Kriegsmaterial

beladen ist? Na, Sie scheinen ja eine eigenartige Auffassung von unserer

Seekriegführung zu haben!«

Etwas kleinlauter geworden, meint der Kapitän des versenkten Fahrzeuges,

er wolle ja nur gegen das »ungewarnte Torpedieren« Verwahrung einlegen.

Der Kommandant lacht. »Unser Schuß genügt Ihnen wohl nicht? Und Ihre

Nebelbomben? Ihr Auskneifen? ... Sie können an Land rudern!«

Jetzt wird der Amerikaner, der kurz vorher noch so hohe Töne redete,

sichtlich verlegen. Er jammert und barmt, weist auf das Gesindel in seinen

Booten, mit dem die Fahrt unter Land wohl eine Woche dauern könne. --

Mit den Booten in Schlepp steuert »U 95« nordwärts, um die Leute näher

an die Küste heranzubringen. Eine Stunde später aber kommt ein Dampfer in

Sicht, von dessen Bordwand die bunten norwegischen Farben leuchten. Wieder

so ein Neutraler, dem das Geschäft über alles geht: Kohle von Cardiff

nach Genua. Eine Weile darauf landet die schöne Kohle mehrere hundert

Meter tief auf dem Grunde des Atlantik, ziemlich weit von ihrem

Bestimmungsort, und die norwegischen Boote, die die Amerikaner bald

überholen, segeln nach Land zu.

Der nächste Tag trifft das deutsche U-Boot mitten in der Biscaya.

Hoffentlich beschert ihm der Zufall noch einige fette Bissen. Lange

aufhalten darf es sich hier allerdings nicht, da noch mehr als die Hälfte

des Weges zurückzulegen ist. Gegen Abend kommt ein stolzer Viermaster

in Sicht. Eben ist er beim Halsen, um über Stag zu gehen, als ihm eine

Granate durch die Takelage pfeift. Ein weiteres Segelmanöver tut nicht

mehr not. Die Besatzung des Schweden, deren Schiff nach Plymouth bestimmt

war, ist bald darauf an Deck des U-Bootes, das sie vorläufig beherbergen

will, da der Weg nach Land weit ist. Es sind ruhige, verständige Leute,

dankbar für die Aufnahme, die ihnen an Bord zuteil wird. Schnell haben

sie in den unteren Räumen ein Plätzchen gefunden, wo sie möglichst wenig

stören. Der nächste Tag schon bringt ihnen überdies Befreiung aus dem

Bootsinnern.

Siebzig Seemeilen etwa steht »U 95« von Kap Finisterre ab, als ein

englischer Erzdampfer ihm in den Weg läuft. Von weitem schon fällt eine

ganze Pallisadenreihe von Ladebäumen auf. Mehr als vierundzwanzig stehen

sie rund herum an der Reeling. Diese Schiffsart, die für Laden und

Löschen der gewichtigen Erzmengen besonders gebaut ist, ist äußerst

selten und wertvoll. Glücklicherweise erscheint kurz hinter dem Engländer

ein spanischer Fischer, der die Schweden und die Besatzung des Engländers

an Bord übernimmt.

Am Abend des dritten Tages kommt an Backbord Kap Trafalgar in Sicht. Die

Straße von Gibraltar liegt voraus. Zitternd huschen die Scheinwerfer der

Festung über die See nach Ceuta und nach Tanger hinüber, drehen, spüren,

suchen, wollen die Straße sperren, als wüßten sie, daß soeben ein

deutsches Tauchboot durchzufahren beabsichtigt, und erlöschen wieder. Die

afrikanische Küste liegt im Dunkel. Armierte Fischdampfer und zahlreiche

kleine Torpedoboote bilden hier die Bewachung. Unbehelligt zieht das Boot

an ihnen vorbei in das Mittelländische Meer hinein.

Eine gefährliche Stelle birgt vor dem Ziele nur noch die Straße von

Otranto. In tiefer Dunkelheit wird das Kap S. Maria di Leuca gerundet,

kurz nach Mitternacht tauchen voraus die Schatten der in der Straße

wachehaltenden Patrouillenschiffe auf. Einzelne werden umgangen, dann

wird mehrere Stunden getaucht, bis die Gefahrzone passiert ist. Am Mittag

wachsen aus den tiefblauen Fluten der Adria die kahlen Karstfelsen der

dalmatischen Küste auf, und eine halbe Stunde später weht von Bord

eines heranbrausenden Zerstörers die österreich-ungarische Kriegsflagge,

gleitet »U 95« durch die Minensperre in den sicheren Hafen.

Der kritische Augenblick

»Nanu, was schleppt der Kerl denn hinter sich her? Können Sie sehen, mit

was für 'nem Trog der dort lossegelt?« Wendet sich der Kommandant von

»U 119« fragend an den neben ihm stehenden Wachoffizier, der gleich ihm

seit längerer Zeit schon einen Schlepper beobachtet. Schwerfällig stampft

er in der Dünung der großen Syrthe durch die See und macht kaum Fahrt. In

den nächsten Minuten entpuppt sein Anhängsel sich als großer Leichter.

Er muß schwer beladen sein, da er ziemlich tief eintaucht und, vom Winde

abgetrieben, seinen Vorspann mehr zu ziehen scheint als dieser ihn.

Am frühen Morgen ist das deutsche Tauchboot an der tripolitanischen Küste

angekommen, um dort den Schiffsverkehr zwischen Italien und den spärlichen

Resten der Kolonie, die dem ehemaligen Bundesgenossen noch geblieben sind,

zu stören. Zu Lande sind die Senussen und Araber erfolgreich bis an die

Küste herangekommen und haben längst die glorreichen Eroberer auf schmale

Küstenstreifen bei Tripolis und Homs gejagt; nun soll ihnen auch die

Verbindung zur See abgeschnitten werden. Den ganzen Tag über hatte

sich nicht das geringste Rauchwölkchen gezeigt, das auf irgend welchen

Schiffsverkehr hätte schließen lassen. Gegen Mittag war wohl einmal das

spitze lateinische Segel eines eingeborenen Küstenfahrers aufgetaucht,

der Kerl stand aber so dicht unter Land, daß durch die Verfolgung bald die

Anwesenheit eines deutschen U-Bootes verraten worden wäre. Erst jetzt vor

der Dämmerung taucht der Schlepper mit seinem Anhängsel auf. Der »edle

Römer« scheint sich völlig sicher zu fühlen. Seine Seitenlichter

brennen, als herrschte hier tiefster Frieden, als gäbe es kein Sperrgebiet

und keine U-Boote, die in ihrem Jagdbereich schon dafür sorgen, daß sich

niemand ungestraft sehen lasse.

Im Süden geht der Mond auf. In seinem bläulichweißen Lichte, das über

der ruhigen See dahinzittert, heben sich die Umrisse der beiden Fahrzeuge,

die ruhig und unbekümmert ihren Weg fortsetzen, scharf ab. Einen

Augenblick nur dauert die Ueberlegung auf dem Turm des U-Bootes. Sollte der

Bursche, der geradezu zum Abschießen herausfordert, etwas Hinterhältiges

im Schilde führen? Er sieht zwar nicht so aus, der Teufel aber kann

wissen, welch' neue Art von U-Bootsfalle das Ding dort vorstellen mag.

Jedenfalls soll er vorerst von allen Seiten in voller Muße angesehen

werden. Gestoppt, jederzeit klar zum Tauchen, liegt »U 119« und läßt

die beiden Schiffe in ziemlich naher Entfernung an sich vorüberziehen.

Sie sind tatsächlich gänzlich schimmerlos. Ein kleiner Schlepper, der den

Leichter anscheinend von Tripolis nach Homs ziehen soll. Mit dem wird nicht

viel Federlesens gemacht.

»Stoppen Sie sofort!« schallt der Sprachtrichter durch die dunkle Nacht

zum Italiener hinüber. Noch kann er nicht sehen, woher die Stimme kommt,

aber er weiß Bescheid! Ein sinnloses Gebrüll antwortet dem Befehl, ein

Hasten und Jagen hebt an Deck an. Während die italienische Mannschaft noch

planlos umherjagt und »U 119« längsseit des Leichters geht, hat sich

der Kapitän des Dampfers endlich zu einem seiner Nationalität würdigen

Entschlusse durchgerungen. Klatschend fällt die Schleppleine ins Wasser,

mit Hartruder dreht das Fahrzeug auf Land zu und sucht Hals über Kopf das

Weite. Wohin er will, ist ihm wohl selbst schleierhaft. Der Kurs führt

direkt in die Brandung. Anscheinend aber will er lieber dort zu Grunde

gehen, als in die Hände des U-Boots fallen. Den Leichter überläßt er

seinem Schicksal.

Kaum Sekunden dauert es, bis die Deutschen bei ihm längsseit sind. Die

Sache beginnt ein humoristisches Aussehen anzunehmen. Kaum haben die Kerle

begriffen, daß auf ihrem Untersatz ein Entrinnen vor der überlegenen

Geschwindigkeit des Verfolgers ausgeschlossen ist, als sie sich Hals über

Kopf in ihr eiligst über Bord gesetztes Boot stürzen und mit ihm in der

Dunkelheit zu entkommen trachten. Auch das nützt ihnen nichts. Das

U-Boot schießt um den Schlepper herum und lädt die Italiener recht

nachdrücklich ein, sich doch ein wenig an Deck zu bemühen.

So ganz einfach ist das aber nicht. Entweder haben die Kerle Angst oder sie

wollen nicht, kurz, sie hängen an ihren Duchten, als wenn sie festgeklebt

seien und brüllen dabei, als stäken sie am Spieße. Nicht einmal der von

einem sprachgewandten U-Bootsmann einladend hinübergegebene Ruf »Avanti

Savoia« verfängt. Bis endlich ein gut deutsches Wort mit ihnen geredet

wird. Sie kriechen an Deck und jetzt erklärt sich allerdings nur zu bald

das für Italiener immerhin merkwürdige Beharrungsvermögen. Die ganze

Gesellschaft, vom Kapitän bis hinunter zum Heizer, ist -- sinnlos

betrunken. Schlapp torkeln sie an Deck herum und sind gänzlich haltlos.

Mit vieler Mühe wird endlich aus ihnen herausgeholt, daß sie sich bereits

an Land, noch vor Antritt der Fahrt, die nötige Seebereitschaft durch

Uebernahme größerer Gebinde Alkohols gesichert hatten. Mochten doch diese

=Maledetti inglesi e loro amici=, dieses verd... Engländerpack mit seinen

Freunden, im Sperrgebiet zur See fahren, wenn es ihnen Spaß machte, sie

aber, die Italiener, sollte man freundlichst damit verschonen. Und dann

wagen es diese Kerle, rührselig werden zu wollen. Stammelnd und lallend

versichern sie, daß sie nie etwas gehabt hätten gegen die Germani, das

seien immer ihre Freunde gewesen. Ah, =come sono buoni e bravi=, gute und

brave Leute ... bis dem Kommandanten, der eine Zeitlang dieses widerlich

jämmerliche Winseln um das -- ach so teure -- Leben ruhig angehört

hat, der Ekel aufsteigt. Ein einziges Wort nur, eine Bewegung nach dem

längsseit tanzenden Boote. Runter! Da versteht die Gesellschaft. Bedeutend

schneller als sie heraufgekommen, stürzen sie in ihr Boot, rudern, rudern,

als gelte jede Sekunde das Leben.

Während der Schlepper sich mit Hilfe einer Sprengpatrone eiligst aus dem

Sperrgebiete entfernt, geht »U 95« auf die Suche nach dem Leichter,

der in der Zwischenzeit etwas abgetrieben ist. Bald tauchen seine dunklen

Umrisse wieder aus der Nacht hervor. Er ist bis obenhin mit Militärgut

beladen. Auch er verläßt, ebenso schnell wie der Schlepper vor ihm, die

Oberfläche. In der Nacht ereignet sich nichts mehr, und mit östlichem

Kurs fährt »U 119« weiter.

Eben rötet sich im Osten der Himmel, als an Steuerbord der weiße

Leuchtturm von Homs aus der See auftaucht. Gleich dahinter ragt ein

Fabrikschornstein in die klare Luft, das spitze Minare einer Moschee;

weiße, glatte Mauern von Araberhäusern und dazwischen an erhöhten

Stellen gelbe Regierungsgebäude und Kasernen zeichnen sich ab. Die beiden

alten Forts drohen von überragender Stellung hinaus auf See.

Alles scheint drüben in tiefem Schlafe zu liegen. Nichts rührt sich, als

»U 119« näher heran kommt. Etwa zwei Seemeilen steht es ab, als vom

Turm an die bereits klargemachten Geschütze der Befehl kommt:

»Dreißig Hektometer! Schieber: links, zwozehn! Auf das gelbe Gebäude mit

der Funkenstation!«

U-Boot-Abenteuer im Sperrgebiet · 第 3 / 6 段