frierend stehen sie in ihren nassen Kleidern mit den triefenden Bündeln
in der Hand zusammengedrängt und warten, was der Kommandant über sie
beschließen wird. Sie machen einen ruhigen, vernünftigen Eindruck.
Wetterfeste Seeleute, mit dem Gelichter, das sonst auf den englischen und
französischen Dampfern fährt, gar nicht zu vergleichen. Einzeln werden
sie nach dem warmen Maschinenraum geführt, um dort erst einmal das nasse
Zeug vom Leibe loszuwerden und dafür trockene Kleider aus den Beständen
des Bootes, die für solche Zwecke an Bord mitgeführt werden, zu erhalten.
Bald haben sie sich an die fremde Umgebung gewöhnt. Es sind sehnige,
wetterharte und wortkarge Gesellen, die nichts gemein zu haben scheinen mit
jenen zappeligen, ewig schwadronierenden Franzosen des Binnenlandes. Kaum
daß einer ein Wort verliert.
Der Kapitän taut bald auf, als der Kommandant ihm ein Glas Portwein geben
läßt und ihn über Schiff und Reise befragt. Schon vor einem halben Jahr
ist der »Petit Henri« mit Wein und Salz von Bordeaux nach Neufundland
abgegangen, um dort einige Monate Dorsch zu angeln. Als die Ladung von
fünfhundert Tonnen voll war, wurde der Rückweg angetreten. Es war eine
stürmische Fahrt durch den Atlantik. Sechs Wochen waren sie oft mehr unter
als über dem Wasser gewesen, bis endlich in den letzten beiden Tagen der
Sturm nachließ und sie geglaubt hatten, erleichtert aufatmen zu dürfen.
Mit der französischen Küste aber kam gleichzeitig auch das deutsche
U-Boot in Sicht und mit ihm das Ende!
Vorläufig muß die ganze Gesellschaft an Bord bleiben, bis sich eben eine
Gelegenheit findet, sie abzusetzen. Hoffentlich dauert es nicht zu lange,
bis die Boote eines versenkten Dampfers mit ihrer eigenen Mannschaft auch
die Leute des »Petit Henri« an Land nehmen.
Südwärts steuert »U 135« auf die Mündung der Gironde zu, wo reger
Schiffsverkehr nach Bordeaux herrschen muß. Der Kommandant sieht sich aber
bald in seinen Erwartungen böse getäuscht. Keine Rauchfahne, nicht einmal
ein Fischerboot zeigt sich. Es scheint tatsächlich immer mehr, als hätte
die deutsche Sperrgebietserklärung auch hier alle Schiffe von der See
hinweggefegt. Was sonst noch draußen war, dürfte die Meldungen der hier
gelandeten Mannschaften versenkter Schiffe wohl schleunigst wieder in
den Hafen gejagt haben. Mit den Franzosen an Bord ist die Tätigkeit des
U-Bootes aber arg behindert. Die Leute zehren von dem Proviant und stehen
überall im Wege. Es muß ein Ausweg gefunden werden.
Langes Überlegen führt zu nichts. Sind die Leute hier draußen nicht los
zu werden, dann bietet sich sicher in der Mündung der Gironde selbst eine
Gelegenheit, sie zu landen. Das Unternehmen ist zwar verteufelt brenzlich,
wann aber hat ein deutscher U-Bootskommandant danach gefragt! Die
französische U-Bootsabwehr und die Bewachungsfahrzeuge haben sich
jedenfalls in richtiger Einschätzung ihrer nicht sonderlich großen
Fähigkeiten sofort stromaufwärts zurückgezogen, als die Kunde vom
Auftauchen der deutschen U-Boote hierher gedrungen ist.
Im grauenden Morgen steht »U 135« nicht weit von der Insel Cordouan
in der Mündung des Flusses. Im Nebel, der in dichten Schwaden über dem
Wasser lagert, ist der Leuchtturm selbst nicht zu sehen. Mitunter
nur scheint sein Licht wie ein fahles Dämmern die dichten Schleier
durchdringen zu wollen, auch die Feuer auf Huck Coubre an der Nordseite
und Grave auf der Südseite verschwimmen in dem einförmigen Grau. Wie
aufgesogen scheint alles vom dichten Brodem.
Vorsichtig, mit langsamer Fahrt fühlt sich das Boot von Seezeichen zu
Seezeichen weiter. Alles trieft vor Nässe. Ein dunkler Gegenstand taucht
plötzlich wie ein Schatten an Steuerbordseite auf, keine fünfzig Meter
ab. Im gleichen Augenblick, als die Leute auf dem Turm das Fahrzeug
drüben, dessen Umrisse im Nebel zu verschwimmen scheinen, als einen
französischen Lotsenkutter ausmachen, schallt auch schon von drüben durch
den Sprachtrichter die Frage herüber:
»Brauchen Sie einen Lotsen?«
Eine Sekunde ratlosester Verblüffung über dieses allzu liebenswürdige
Anerbieten, dann ruft schnell gefaßt der Kommandant zum höflichen
Franzosen hinüber:
»Nein, danke!«
Wenige Minuten darauf ist das französische Boot im Nebel wieder spurlos
verschwunden und »U 135« setzt seine Fahrt stromaufwärts fort.
Der Nebel wird zusehends dünner, heller Schimmer im Osten deutet auf den
anbrechenden Tag. Zu beiden Seiten tritt das Land hervor. Eine niedrige
Küste, hinter der mehrere Dünenzüge sich abheben, auf der Nordseite; im
Süden weißer Sandstrand, Häuser, grünes Buschwerk, weiter binnenlands
einzelne, über die Düne hinwegragende Kirchtürme. So weit das Auge das
Revier überblicken kann, ist kein Dampfer in Sicht, kein Boot, dem man die
Franzosen, die wohlweislich unter Deck geschickt sind, übergeben könnte.
Immer heller und klarer wird es, so sichtig, daß es höchste Zeit scheint,
zu drehen und auszulaufen. Ein wahres Wunder, daß das U-Boot noch nicht
als deutsches erkannt wurde. Freilich, mit einer derartigen
Kühnheit rechnen die Franzosen hier wohl schwerlich. In Sicht des
Talais-Feuerschiffes wendet »U 135« und geht stromabwärts nach See zu.
Deutlich hebt sich jetzt, von der Morgensonne grell beleuchtet, der hohe
kegelförmige weiße Leuchtturm von Cordouan auf seinem Riffe vom blauen
Himmel ab. Unter ihm, dicht am aufgemauerten Damm, ist der Lotsenschoner
vor Anker gegangen. »U 135« geht längsseit. Ehe die »wachsamen«
Lotsen noch aus ihrer behaglichen Morgenruhe erwacht sind, springen schon
die Sprengmannschaften an Deck, schicken die heraufkommende Besatzung
in die Boote und übergeben ihnen die Mannschaft des Neufundlandfahrers.
Wenige Minuten später kracht, bevor die Beiboote des Fahrzeuges noch an
der Mole anlegen, der dumpfe Schlag der Sprengpatrone, und das Lotsenschiff
sackt auf den Grund der Gironde, während das deutsche Tauchboot
allmählich aus Sicht verschwindet. Die zur Verfolgung angesetzten
Kriegsfahrzeuge, die bald nachher mit hoher Fahrt aus der Mündung
vorstoßen, finden nur glatte freie See. Während sie planlos hin- und
herjagen und vergebens nach dem frechen Eindringling ausspähen, überlegt
zwanzig Meter unter ihnen der Kommandant von »U 135« in aller Ruhe,
was nun als nächstes zu tun wäre. Das Tätigkeitsgebiet muß unbedingt
wegverlegt werden. In Bordeaux wissen sie längst, daß sich deutsche
U-Boote hier herumtreiben und lassen in der nächsten Zeit sicherlich kein
Schiff mehr ausfahren. Auch die nach der Gironde bestimmten Fahrzeuge sind
sofort funkentelegraphisch gewarnt worden. Ist es aber möglich gewesen,
unbemerkt in die Gironde hineinzukommen, dann gelingt es vielleicht ebenso,
den Franzosen im äußersten Süden, unweit der spanischen Grenze eine
freundliche Überraschung zu bereiten. Die Schiffahrt ist dort zwar
unbedeutend, an der Mündung des Adour aber liegen, unmittelbar an der
See, die Forges de l'Adour, die Hüttenwerke, die Tag und Nacht an der
Herstellung von Granaten und von Sprengstoff für die Front arbeiten. Ein
paar gut gezielte Geschosse müssen dort heillose Verwirrung anrichten.
Um aber die Geschütze zum Tragen bringen zu können, muß das Boot
aufgetaucht herankommen. Das ist aber, wenn die Franzosen nur einigermaßen
wachsam sind, unmöglich. Unmöglich? --
In Sicht der Küste von Béarn zieht ein kleiner Segler durch die
blaugrünen Fluten der Biscaya. Ein niedriges Fahrzeug, dessen Körper nur
wenig über die Oberfläche hinaus ragt. An zwei dünnen Pfahlmasten stehen
prall gefüllt in der achterlichen Brise die kleinen braunen Segel; eines
der französischen Fischerboote, die in dieser Gegend in großer Zahl
ihrem Gewerbe nachgehen. Direkt auf die Mündung des Adour hält es zu.
Wahrscheinlich hat es genügend gefangen, so daß sich das Einlaufen nach
Bayonne schon lohnt. Ruhig setzt das Fahrzeug seinen Weg heimwärts fort.
An beiden Seiten, weit draußen in See ziehen zahlreiche Segel anderer
Fischer dahin. Sie beneiden wohl den glücklicheren Kameraden, der
mit gefüllter Bünn zu Markte fährt. Und die Fische stehen jetzt in
Kriegszeit hoch im Preise.
An Steuerbord ragen die schneebedeckten Gipfel und Kämme der Pyrenäen
auf; voraus, kaum fünf Seemeilen ab, hebt sich immer deutlicher ein Gewirr
hoher Schornsteine; zwischen dem Gebirge und dem Hüttenwerk zeichnet
sich als deutliche Ansteuerungsmarke auf seinem hohen Küstenabhange
der Leuchtturm von Biarritz. Grell leuchtet in der Sonne der überall
vorgelagerte weiße Sandstrand.
Der Patron des Fischerbootes scheint plötzlich seine Absicht, den Fang
auf dem Bayonner Fischmarkt los werden zu wollen, geändert zu haben.
Er stoppt, dreht, daß er quer zum Lande liegt ...... Im nächsten
Augenblicke fallen die Segel; zwei Feuerstrahlen spritzen auf, weißer
Pulverqualm zieht ab, lang nachhallender Geschützdonner rollt über die
See. .... »U 135«, das sich in der Maske eines harmlosen Fischerbootes
herangepirscht hat und dessen Granaten nun unaufhörlich, Schlag auf Schlag
in das Hüttenwerk hineinfegen. Das Dach einer mächtigen Halle stürzt
ein, Flammen züngeln aus einem anderen Gebäude, und immer neue Granaten
heulen heran. Dicht unter einem Schornstein jagt eine grelle Flamme hoch.
Eine riesige Rauchwolke steigt empor; langsam zuerst, als besänne er sich,
dann in jähem Sturze neigt sich der Schornstein und schmettert mit
seiner dunklen Masse in den hellen Qualm hinein. Der dröhnende Schlag
der Explosion dringt an das U-Boot heran, unaufhörlich klingen kleinere,
schwächere Detonationen der hochgehenden Munition nach.
Einzelne Gestalten hetzen in fliegender Hast über den weißen Sand und
verschwinden im Grün der Tannen, die sich am Fuße der Dünen dunkel
abheben. Gleich darauf blitzt es aus dem Walde dort auf. Eine französische
Batterie, die das U-Boot unter Feuer nimmt. Ihre Geschosse schlagen noch
ziemlich weit im Wasser ein, es hat aber keinen Sinn, sich unnötig hier
einer Gefahr auszusetzen. Der Zweck des Unternehmens, die Beschießung
des Hüttenwerkes, ist erfüllt, der Weg nach Hause ist weit, und andere
Unternehmungen harren noch.
Von Bewachungsfahrzeugen hat sich während des ganzen Vorfalles, der
geraume Zeit dauerte, nichts gezeigt. Unangefochten läuft »U 135« mit
voller Fahrt südwärts, wo aus der Stellung der eben über der Kimm noch
hochtauchenden Segel der französischen Fischer zu sehen ist, daß die
Herrschaften Lunte gerochen haben und sich vor dem unheimlichen Kameraden
schleunigst aus den Kinken bergen wollen. Die spanische Hoheitsgrenze ist
nicht weit. Es gelingt ihnen vielleicht, sie zu erreichen, bevor das U-Boot
heran ist. Ein ganzes Rudel, mehr als ein Dutzend steht beisammen.
Sie haben sich keine Zeit gelassen, die Netze einzuholen; mit einigen
Beilhieben sind wahrscheinlich die Leinen gekappt, und Hals über Kopf
laufen sie nun davon. Immer mehr aber kommt inzwischen der Verfolger auf.
Zwar machen die drüben bei günstiger Backstagbrise gute Fahrt, das U-Boot
aber ist ihnen bedeutend an Geschwindigkeit überlegen.
Nach halbstündiger Jagd schon saust aus dem vorderen Geschütz die
Einladung zum sofortigen Stoppen mitten unter sie. So leicht aber geben
sie das Rennen nicht auf. Erst der dritte Schuß, der einem ziemlich vorn
liegenden Boot gleich die ganze Takelage entführt, wirkt. Bis auf zwei,
denen es tatsächlich gelingt, zu entkommen, werfen sie jetzt alle ihre
Segel herunter. »U 135« umkreist die auseinanderstehenden Franzosen
und treibt sie zusammen. In wenigen Minuten schon hat die Gesellschaft
begriffen, daß der Kommandant ihnen allen als fahrbaren Untersatz jenes
Fahrzeug bestimmt hat, das der dritte Schuß seiner Segel beraubte.
Gefährlich ist die Geschichte ja nicht. In einer Stunde längstens müssen
sie an der spanischen Küste, die kaum vier Seemeilen abliegt, landen
können. Fast zum Greifen nahe scheint in der klaren Luft das Land. Scharf
heben sich weit binnenlands die Umrisse der Pyrenäen vom tiefblauen
Himmel ab. Die aufregende Jagd ist von drüben beobachtet worden. In hellen
Scharen strömen die Leute an den Strand hinunter und starren neugierig
auf See hinaus. Die beiden Geflüchteten, die eben auf den Sand auflaufen,
scheinen bedeutend weniger Interesse zu finden für die Ereignisse, die
sich draußen abspielen. Das deutsche Tauchboot stellt die Ungeduld der
Zuschauer auf keine zu lange Probe.
Je zwei Fahrzeuge werden zusammengebunden, Sprengpatronen zwischen ihnen
angebracht, dann sacken sie schleunigst weg. Dem geschäftstüchtigsten
Fischer ist es allerdings noch gelungen, einen Teil seines Fanges für gute
blanke Münze an die Besatzung loszuwerden. Gute Freunde scheint er sich
mit seinem Vorgehen ja nicht erworben zu haben. Auf dem Boot, das eben nach
Land zu rudert, herrscht eine so lebhafte Unterhaltung, daß sie bis an
Bord herüberdringt. Ob ihm die Kameraden dort etwa Vorwürfe wegen seines
unpatriotischen Vorgehens machen? Schwerlich! Die ärgern sich wohl,
daß sie nicht vor ihm auf den guten Gedanken kamen und sich das schöne
Geschäft vor der Nase wegschnappen ließen. --
Weit außer Sicht des Landes fährt ein kleiner Segler in der leichten
Brise nordwärts. An Deck ist eine Anzahl Leute in den verschiedensten
Bekleidungen, die nur das eine gemeinsam haben, daß sie alle reichliche
Spuren von Öl aufweisen, damit beschäftigt, Silberlachse zu entschuppen
und für die Küche fertigzumachen. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Kein
Wunder übrigens, wenn man die ruhige See und den steten Wind, der das
Fahrzeug ungewöhnlich schnell vorwärtstreibt, bedenkt. Der Besatzung
von »U 135« macht es diebischen Spaß, zur Abwechslung einmal auf einem
Segelboot durch die blauen Fluten des Ozeans zu gondeln. Wenn auch das
taktmäßige Geräusch aus dem Schiffsinnern zeigt, daß die Dieselmotoren
arbeiten, so genügen doch die verhältnismäßig kleinen braunen Segel,
den harten Tauchbootkrieg für Augenblicke vergessen zu machen und den
Anschein des Friedens vorzugaukeln.
Warm strahlt die Mittagssonne auf das Deck herab und auf die Leute,
die wohlig ausgestreckt umherliegen und mit Behagen nach den Düften
schnuppern, die aus der Kombüse nach oben dringen.
»Voraus zwei Strich an Backbord ein Segler!«
Im Nu ist die Idylle des fröhlichen Fischerbootes abgestreift, die Segel
wandern unter Deck, und mit voller Kraft jagt »U 135« dem herankommenden
Schiff entgegen. Eine stolze Viermastbark, die alle Lappen gesetzt hat.
Majestätisch, in wundervoll ruhiger flotter Fahrt rauscht sie heran, daß
den Seeleuten an Bord das Herz im Leibe lacht. Dicht vor ihr schlägt eine
Granate ein, jagt das Wasser bis an Deck hinauf. Die Aufforderung genügt.
Die Segel werden backgebraßt, die Fahrt kommt allmählich aus dem Schiff,
bis es regungslos in der leichten Dünung schaukelt ... Auf Signal geht
die Flagge hoch: die Trikolore!
Ein Ruderboot stößt ab, die Schiffspapiere werden gebracht: Salpeter aus
Chile, bestimmt für die Forges de l'Adour.
Mit stehenden Segeln geht eine halbe Stunde später das schöne Schiff
kopfüber in die Tiefe. Eben, als die Wellen sich über ihm schließen,
legt das französische Boot, das die Sprenggruppe wieder an Bord bringt,
an. Der Kapitän der Bark, der auf »U 135« geblieben war, hat dem
Kommandanten erzählt, daß sein Schiff hundertfünfundzwanzig Tage
unterwegs war, wochenlang mußte er bei Kap Horn beigedreht liegen, fast
ebensolange Zeit trieb er in der Flaute unter der Linie. Wie die Kinder
hätten sie sich gefreut, heute Abend an Land kommen zu können, wo es
nach dem vielen Salzfleisch wieder einmal Frischproviant geben sollte.
Der Kommandant weiß seinen Kummer, daß die für die Forges de l'Adour
so wertvolle Ladung versenkt wurde, bald zu verscheuchen. Er erzählt ihm,
daß die Hüttenwerke wohl in Verlegenheit gekommen wären, was sie mit dem
Salpeter anzufangen hätten, da sie selbst nach den Vorgängen des heutigen
Morgens an die Verarbeitung vorläufig kaum würden denken können. Auch um
den heute so ersehnten Frischproviant sollen sie nicht kommen. Ein Ruf
nach der Zentrale, und wenige Minuten später erscheint der Koch mit
einer großen Back voll gebratener Fische, die er den Leuten in ihr
Boot hinunterreicht. Treuherzig begleitet er seine Gabe noch mit einer
Ansprache: »Nu futtert man düchtig los. Sind Landslüd von ju -- man
bloß schad um de scheune dütsche Bodder!«
Zwischen den Sperrgebieten
Heulend streicht der Nordwest um die roten Sandsteinfelsen Helgolands,
schmettert die zu schweren Brechern aufgewühlte See gegen die Molen, jagt
sie an den Wänden hoch, daß sie gischtend über die Quadern hinweglecken,
um dann krachend zusammenzubrechen. Um den Leuchtturm wirbelt er, jauchzt
in den Drähten der Funkenstation und rüttelt an den schiefergedeckten
Häuschen, deren Bewohner seit Jahren schon drüben auf dem Festlande
weilen. Selten nur tönt der hallende Schritt eines Menschen durch die
schmalen Gäßchen. Den Kragen hochgeschlagen, das Sturmband unter dem
Kinn, kämpft er gegen den Sturm an, der an jeder Ecke neu gegen ihn
heranspringt.
Im Schutz der Molen läuft »U 95« aus. Kaum steckt es die Nase am
Molenkopf vorbei, als es auch schon von der See gefaßt wird. Ein wildes
Stampfen und Schlingern beginnt, als wollten die anlaufenden Brecher dem
Boote das Auslaufen verwehren. Mit Kurs Südwest zu West quält es
sich vorwärts. Der Sturm reißt den weißen Ölqualm in Fetzen aus dem
Schornstein. Ein Zittern geht jedesmal beim Einsetzen durch das Fahrzeug,
es dröhnt und klingt in das Stampfen und Knattern der Motoren, daß jeder
Befehl gebrüllt werden muß, soll er verstanden werden.
Nach Stunden erst flaut der Sturm ab, die See aber läuft noch
tiefaufgewühlt heran. Eine weite und gefährliche Fahrt steht »U 95«
bevor. Durch den Kanal, die Biscaya, durch die Straße von Gibraltar soll
das Boot nach der Adria fahren, um von dort aus im Mittelmeer Handelskrieg
zu führen. Voll aufreibender Fährnisse jeder Art ist der Weg.
Minen, Netze, U-Boot-Jäger und Untiefen lauern an vielen Stellen. Den
schwierigsten Teil bringen schon die Tage, wo es gilt, durch den Kanal
in Sicht der französischen und englischen Küste durchzubrechen. Stunden
stehen bevor, in denen jeder Einzelne alles hergeben muß, was überhaupt
nur ein Mensch -- und was noch mehr ist, ein U-Boots-Mann zu leisten
vermag. Es heißt vorläufig mit den Kräften haushalten. Der Kommandant
beschließt daher, die Nacht auf dem ruhigen Grunde zuzubringen. Eine
Stelle, an der die Seekarte weißen Sand verzeichnet, wird aufgesucht.
Das Geknatter der Motoren verstummt, immer weiter läuft der Zeiger des
Tiefenmanometers, dann ein leichtes, kaum fühlbares Aufstoßen, und
»U 95« ruht still in dreißig Meter Tiefe auf dem Grunde der Nordsee.
Bald liegt alles bis auf die Wachen in Maschinenraum und Zentrale in tiefem
Schlaf.
Eben dämmert im Osten der Tag, als das Boot seine Fahrt auf den Eingang
des Kanals zu aufnimmt. Der Seegang hat bedeutend nachgelassen; einzelne
leichte Spritzer jagen noch über Vor- und Achterschiff, aber auch sie
werden, je weiter der Tag vorschreitet, seltener. Das Wetter ist klar
und sichtig; Nordhinder Feuerschiff wird in weitem Abstand passiert, kein
Fahrzeug angetroffen. Hier beginnt die Gefahrzone, die die schärfsten
Ansprüche an die Aufmerksamkeit der an Deck befindlichen Mannschaften
stellt. Alles steht klar auf Stationen. Das ungeheuere englische Minenfeld
liegt voraus. Leicht kann der Sturm einzelne Minen losgerissen haben, die
durch die Strömung ostwärts abtreiben. Unentwegt starren die Leute auf
die einzelnen ihnen zugewiesenen Abschnitte, ob nicht zwischen den
kleinen Wellen die schwarze oder vom Seetang grünlich gefärbte Rundung
heranschwimmt.
Das Minenfeld! Nochmals wird der Schiffsort festgestellt, auf der Karte
genau der Kurs abgesetzt, dann geht es getaucht weiter. Stundenlang. Nach
einer Weile kommt die Meldung aus dem Vorschiff, daß an Steuerbordseite
ein Gegenstand entlangschrammt. In der tiefen Stille, die im Innern
herrscht, kommt ein deutliches Kratzen und Scheuern näher heran. Jetzt ist
es an der Zentrale, um sich Sekunden darauf nach achtern zu verlieren. Ein
Minenhaltetau. Na, alle Minen scheinen ja noch nicht losgerissen zu sein.
Mehrere Stunden noch, bis zum Einbruch der Dunkelheit, dauert die Fahrt,
dann taucht »U 95« vorsichtig auf. Weit und breit ist die See frei, kein
Sperrbewachungsfahrzeug ist zu sehen. Denen ist der Mut zum Verharren
wohl durch die von der flandrischen Küste vorstoßenden deutschen
Seestreitkräfte, die ihre Erkundungsfahrten durch die Downs bis nach der
Themsemündung und weiter noch bis Lowestoft ausdehnen, längst vergangen.
Kein Lichtstrahl schimmert von der in Friedenszeiten so reich befeuerten
Küste Kents auf See. Auch die Feuerschiffe, die wegen der zahlreichen, der
Themse vorgelagerten Sände sonst ein unumgängliches Hilfsmittel für das
Einsteuern in den Strom waren, sind eingezogen. Wie eine dunkle Straße,
deren Ende sich unabsehbar anscheinend in der Nacht verliert, liegt voraus
der Kanal; nur einzelne Sternbilder zeigen den Weg. Einsam und ruhig
zieht »U 95« die gefährliche Straße hinein. Kein Auge schließt sich
während der Stunden des Durchbruchs durch die engste Stelle. Mit scharfen
Nachtgläsern bewaffnet, suchen die Leute das Dunkel zu durchdringen, ob
nicht irgendwo der weiße Kamm der Bugwelle eines herannahenden Feindes
auftaucht.
An Backbord voraus scheint ein Gewitter zu stehen. Greller Lichtschein
flammt auf, der sekundenlang die tiefdunkle Nacht hell erleuchtet.
Dumpfes Murren, wie ferner Donner kommt heran. Unablässig, wie wenn ein
schwerbeladener Wagen über schlechtes Pflaster hinwegrollt, klingt es
nach. Dann, plötzlich steigt am nachtschwarzen Himmel ein Stern hoch,
neigt sich, um mit weitausstrahlendem Schimmer wieder zur Erde zu sinken.
Ein zweiter, ein dritter folgt ihm -- die flandrische Front. Deutlicher
hebt sich auch jetzt aus dem fernen Grollen der dumpfe Ton schwerer
Geschütze ab, die selbst um diese vorgerückte Stunde nicht schweigen. Der
Kampf hier kennt keine Nachtruhe.
Zwei Stunden noch, dann liegt die Front wieder in tiefem Dunkel achteraus.
Eine Weile begleitet das ferne Murren und Grollen die Fahrt, bis überall
tiefe Stille sich breitet, die nur von dem eintönigen Rauschen des
Kielwassers und dem Hämmern der Motoren unterbrochen wird.
Die englische Küste steht in tiefstem Dunkel. Ab und zu nur leuchtet der
grelle Lichtstrahl eines Scheinwerfers, der sekundenlang über die See
geistert, auf, um jäh mit einem Schlage wieder zu verschwinden. Die
Franzosen scheinen dagegen vor einem Angriff von See oder von Luft aus
bedeutend weniger Furcht zu haben. Rötlicher Dunst verrät deutlich, wo
sich größere menschliche Ansiedlungen befinden. Ein Kinderspiel wäre
es, hier heranzulaufen und einige Granaten als Gruß des deutschen U-Bootes
abzugeben. Doch andere Aufgaben harren seiner.
»Voraus ein Schiff!« brüllt der Posten des Verdecks zum Turm hinauf, wo
im gleichen Augenblick auch schon ein stilliegender schwarzer Gegenstand
gesichtet wird. Ein Bewachungsfahrzeug! Hart Steuerbord wird das Ruder
herumgewirbelt, alles ist klar zum Tauchen, jeden Augenblick kann die
Mannschaft in das Innere springen und die Luks hinter sich schließen. Der
Gegner merkt nichts, scheint sanft zu dösen.
Eine halbe Stunde später kommt eine Begegnung, die freilich bedeutend
unangenehmer werden kann. Aus dem Dunkel der Nacht huscht plötzlich ein
Schatten heran ... keine zweihundert Meter ab .... »Schnelltauchen!«
Dumpf schlagen die Luks zu .... Sekunden später schließt sich das Wasser
über dem Turm, eben als drüben ein greller Feuerschein aufflammt ....
Fünf Meter Wasser stehen über dem Boot, als das brausende Schlagen von
Schiffsschrauben, die sich in rasender Eile nähern, heranklingt. Sekunden
nur, dann steht der Zerstörer über dem Boot .... Der Herzschlag
scheint den Leuten im Innern zu stocken ... wenn nur diesmal noch alles
klargeht ... um den Bruchteil einer Sekunde nur kann es sich handeln ...
er ist vorbei. Ein trockenes Knacken, ein zweites schwächeres gleich
darauf .... Wasserbomben. Für diesmal zu spät.