unter die der bekannte Rippenbruch gehört, den er selbst erlitt, den
aber die Freiwaldauer Ärzte auf eine ganz andere Art erzählen, als ich
ihn nach ~Priessnitz~ens eigener Mitteilung referiert habe[S]. Mit
seiner Kundschaft erwachte auch der Neid der Mediziner, welche sich so
lächerlich machten, das „Schwambla“ vor Gericht zu zerschneiden und
zu analysiren, um Heilstoffe darin zu entdecken und den ~Priessnitz~
als Pfuscher zu denunciren. Man weiß nicht recht, soll man bei diesem
Prozesse die Einfalt der gelehrten Herren oder die Klugheit des
ungelehrten Bauern mehr bewundern, welche diesem den Sieg über seine
Gegner verschaffte. Man intriguierte auf jede Weise gegen ihn, konnte
ihm aber nicht verbieten, den Leuten zum Abzuwaschen und Wassertrinken
zu raten ....
Der Schwamm war indessen zerschnitten, und ~Priessnitz~ hatte Ruf
genug, um desselben nicht mehr zu bedürfen. Er curierte nun mit
bloßem Wasser; doch wollte nun das Volk nicht mehr so recht daran.
Dagegen kamen Leute aus der Nachbarschaft und bald auch aus größeren
Entfernungen und brachten Geld mit. Die Cur bestand hauptsächlich
nur in Waschen, Trinken und Baden, neben einfacher Diät. Die Kranken
wohnten bei ~Priessnitz~ und schliefen zum Teil auf dem Heuboden.
Man genierte sich nicht. ~Priessnitz~ ging barfuß und setzte sich
in Hemdärmeln zu Tische. Sein freundliches und dienstfertiges Wesen
und seine nette Frau machten den Leuten den Aufenthalt in seinem
Hause angenehm. Er war übrigens damals noch nicht so streng in seinen
Grundsätzen, als er es späterhin wurde. Im Jahre 1829 war ein Bekannter
von mir aus Neisse bei ihm in der Cur, welcher als ein Lebemann den
Wein ungern entbehrte, obschon er ihm als Gichtkranken schädlich sein
mußte. Er ließ mit einem anderen Freunde zusammen ein Fäßchen Ungarwein
anschroten und, während die anderen ihre Milchsuppe verzehrten, saßen
die beiden mit ~Priessnitz~ zusammen im Keller beim Weinfasse und
frühstückten ein kräftiges Stück Fleisch. Er erinnerte sich noch mit
Vergnügen der Herzlichkeit des ~Priessnitz~schen Ehepaares und der
glücklichen Tage, die er bei ihnen zugebracht. — Ich glaube, jene
Zeit war auch für ~Priessnitz~ die glücklichste! — Dann klagte er
über ~Priessnitz~ens Undank gegen die Neisser, die ihn doch zuerst
in Ruf gebracht; wie er sie zurückweise, wenn sie nicht reich wären,
wie er seine alten Neisser Freunde kalt und frostig empfange, wie
ihn der Reichtum verderbe; denn er ließe alle Wochen eine Menge
Staatsschuldscheine in Neisse einkaufen .....
Es scheint, ~Priessnitz~ hält gern die Leute von seiner Anstalt fern,
welche ihn an die früheren Zeiten erinnern, oder von denen er fürchtet,
daß sie die Art, wie er nach und nach herausgewachsen, den Gästen
erzählen und dadurch den mühsam um sich gezogenen Nimbus zerstreuen
möchten. Daher seine Kälte gegen alle Freunde. Sie ist kein Beweis
eines guten Herzens!
Die Cur bildete sich nach und nach durch die Bemühungen der Kranken
selbst aus. Es ist leicht zu begreifen, daß eine Anzahl Kranker, der
Behandlung eines ungebildeten Bauern hingegeben, nicht blindlings
seinen Anordnungen folgt, sondern selbst denkt und verbessert, wo sich
nur Gelegenheit zeigt. So erfand man das Schwitzen vor dem Baden,
weil man bemerkte, das kalte Bad sei weniger unangenehm, wenn man es
mit feuchter Haut nehme. Die erste Douche war nichts anderes als ein
Stück Röhre, die im Walde liegen geblieben war und die man in den
über den Berg herabstürzenden Bach steckte, um sich das Wasser über
den Körper laufen zu lassen. +Jemand brachte des alten Schweidnitzer+
~Hahn~ +treffliche Schrift über den heilsamen Gebrauch des kalten
Wassers bei Krankheiten mit, und nun wurde alles durchprobiert, was
im+ ~Hahn~ +stand+. Und darin steht Viel und viel Gutes. Nach und nach
bildete sich die Wasserheilkunde zu einem System aus, und man muß
~Priessnitz~en nachsagen, daß er eine schätzenswerte Geschicklichkeit
bewies, alle die fremden gewagten Erfahrungen zu seinen eigenen zu
machen und zum Nutzen anderer anzuwenden.
Mehrere eclatante Curen machten Aufsehen. ~Priessnitz~ fand Gönner
unter den Leuten von Einfluß. Nach und nach strömten immer mehr und
immer reichere Kranke seiner Anstalt zu, die zu eröffnen ihm erlaubt
worden war. Einmal im Zuge, konnte es ihm nicht schwer werden, das zu
werden, was er ist.
[Sidenote: _Hahns Einfluß auf Prießnitz_]
Die von ~Priessnitz~ so sehr verachteten und verunglimpften Mediziner
haben übrigens das Ihre redlich zu seiner Ausbildung beigetragen.
Sobald ~Priessnitz~ ein wenig bekannt geworden, machten es sich
Mehrere, teils aus den nahe liegenden Ortschaften, teils aus dem
entfernteren Breslau und Berlin, zur Pflicht und zum Vergnügen, ihn
zu besuchen. Einige kamen auch, um die Cur bei ihm zu gebrauchen,
und machten, besonders Gichtkranke, die Erfahrung, daß in den Bergen
Schlesiens sich Heilmittel befanden, welche gegen mancherlei Übel
größere Wirkung zeigten, als die berühmtesten Specifica. Daß die Ärzte
zur Beseitigung von Mißbräuchen, zur Anwendung von manchem in der
medizinischen Praxis längst bekannten, wenn schon vernachlässigten
Hülfsmittel, zur Einführung einer einfachen Diät und überhaupt zur
Ausbildung der Methode und zur Belehrung ~Priessnitz~ens wesentlich
beitrugen, ist leicht zu begreifen. Mit dem herrlichen Buche des
alten ~Hahn~ in der Hand mußten sie in kurzer Zeit den ~Priessnitz~
zu Anwendung aller darin angegebenen Hülfsmittel bringen, ohne daß er
selbst genötigt war, das Buch zu studieren. Wer ~Hahn~ gelesen hat,
wird nur wenig von der Gräfenberger Methode darin vermissen: ich war
überrascht, als er mir nach Herausgabe meines Buches zum ersten Male
in die Hände fiel; es ist so viel Klarheit und Erfahrung darin, daß
man sich wundern muß, wie dieser Schatz unter dem Wuste medizinischer
Schriften fast ein Jahrhundert lang hat begraben bleiben können. So ist
es aber mit der Wahrheit: die Haarzopfperioden, welche von Zeit zu Zeit
das Menschengeschlecht verblenden, erdrücken sie oft. Ein Trost ist es,
daß sie immer wieder durchbricht.
[Sidenote: _Ansichten des Volkes zu Prießnitz’ Zeiten über
Wasseranwendungen_]
Aus dieser Relation ergiebt sich, daß diejenigen, welche ~Priessnitz~en
für inspirirt halten oder ihm allein die Erfindung der gesamten
Wasserheilkunst zuschreiben, im Irrtum sind. Ich möchte ihn fast mehr
als den Mittelpunkt betrachten, an welchem sich mehrere zufällige
und glückliche Umstände häuften, die er mit einer bewundernswürdigen
Klugheit und Ruhe festzuhalten wußte. +Geholt+ hat er sich den Schatz
seines ärztlichen Wissens nicht, wie es andere mit vieler Mühe und
großen Kosten thun; man hat ihm denselben +gebracht+, und er wußte
es so geschickt anzufangen, daß man ihm nicht nur sein Wissen,
sondern auch das Geld noch dazu brachte. Dazu gehörte seine seltene
Selbstbeherrschung und die unerschütterliche Ruhe, sein Scharfblick,
sein gutes Gedächtnis und so manche lobenswerte Eigenschaft, ohne
welche ein Mensch sich nie zu erheben vermag. ~Priessnitz~ würde unter
verschiedenen, aber gleich günstigen Umständen, vor Jahrhunderten
vielleicht ein Mahomet geworden sein, und so er Millionen um den
Dreizack gesammelt hat, vielleicht ganze Völkerschaften dem Vollmonde
oder irgend einem anderen Gestirn haben nachwandern lassen ....
[Sidenote: _Hahns Einfluß auf Örtel_]
Übrigens glaube man ja nicht, daß das System der Wasserheilkunst auf
dem Gräfenberge auf so unwandelbare Weise fest gestellt sei, daß nicht
zahlreiche und wichtige Veränderungen daran vorgenommen würden. So fest
steht ~Priessnitz~ens Wissen nicht, daß es nicht hin und wieder dem
Einflusse der Umstände wiche. Jedes Jahr beinahe zeigt Veränderungen
und Moden in der Curmethode. Im Jahr 1836 war das unmäßige Schwitzen an
der Tagesordnung; im Jahre 1840 mußten die nassen Tücher Alles thun,
und man schwitzte wenig“[647].
Selbst wenn keins der vorstehenden Zeugnisse vorläge, würde ich in
~Priessnitz~ nicht das Erfindergenie sehen, das man aus ihm heute
noch gern macht. Man hat vergessen, daß zu ~Priessnitz~’ Zeiten die
Duschen auch anderwärts eine gewaltige Höhe erreichten (Abb. 46), und
bewundert diese nur bei ~Priessnitz~ (Abb. 157). Das übertrieben lange
und wiederholte Baden in Gräfenberg bis zur Bildung eines Ausschlages,
der Krise — ich glaube, ich habe zur Genüge gezeigt, daß man ein
Ausschlagbaden als Ziel jeder Badekur betrachtete —, beweist nur,
daß ~Priessnitz~ ein echtes Kind seiner Zeit und seines Volkes war.
~Priessnitz~ wäre nicht mehr und nicht weniger aus dem Rahmen seiner
Heimat hervorgetreten als die übrigen zahlreichen Bauernärzte. Er hatte
unter diesen das Glück, einen Zweig der Volksmedizin auszuüben, der,
modern gesprochen, zur Zeit höchst aktuell war.
[Illustration: Abb. 157. ~Priessnitz~’ Walddusche in Gräfenberg. Aus:
~Kröber~, ~Priessnitz~ in Gräfenberg. Breslau, 1836.]
[Sidenote: _Örtel_]
In weiteren Kreisen machte der Ansbacher Gymnasialprofessor ~Örtel~
~Priessnitz~ bekannt. Er war zum Wasserheilverfahren durch das +Buch+
des jüngeren ~+Johann Siegemund Hahn+~ geführt worden, von dem ihm
1804 ein Exemplar in die Hände gefallen war. „Seit diesem glücklichen
Funde“, schreibt er, „suchte ich die darin enthaltenen Grundsätze und
Erfahrungen des alten ehrlichen, menschenfreundlichen, uneigennützigen
+Schweidnitzer Stadtarztes Dr. ~Hahn~+ an mir und den Meinigen so
wie an meinen Freunden und Bekannten in Ausübung zu bringen. Diese
und mehrere dergleichen Erfolge veranlaßten mich, die Heilsache des
frischen Wassers im Allg. Anz. öffentlich zur Sprache zu bringen und
so allmählich meine Erfahrungen in mehreren Aufsätzen mitzuteilen. Und
so entspann sich mir eine ausgebreitete Wasserkorrespondenz, welche
noch fortdauert. ... Im Jahre 1830 war ich der Erste, welcher die
im Jahre 1829 errichtete Wasserheilanstalt des ~Vincenz Priessnitz~
in Gräfenberg öffentlich bekannt machte. Denn die erste Kunde davon
gab mir im Jan. 1830[T] der Amtmann Knur in Kuchelna bei Ratibor in
Oberschlesien — durch ein freundschaftliches Schreiben, worin er mir
diese neue Anstalt und seine darin erhaltene Gesundheit beschrieb.
S. mein 3. Wasserheft. Seitdem posaunte ich diese Heilanstalt fast
in jedem meiner Wasserhefte aus ihrem Sudetenwinkel hervor und in
alle Welt hinaus und empfahl sie auch in einer eigenen Schrift unter
dem Titel „Vincenz Prießnitz“ (1834), worin ich einen Aufruf an alle
Regierungen Deutschlands zur Errichtung von Wasserheilanstalten
ergehen ließ. Außerdem wäre ~Priessnitz~ noch lange nicht so bekannt
geworden“[641].
[Sidenote: _Kröber / Künz über Prießnitz_]
Von ärztlicher Seite wurde zuerst durch einen Breslauer ~Kröber~ auf
~Priessnitz~ in einer diesen empfehlenden Schrift 1833 (2. Aufl. 1836)
aufmerksam gemacht[669], nachdem er zwei Monate auf dem Gräfenberge
zugebracht hatte. Eine Broschüre von Dr. ~Künz~ folgte, und von nun ab
hielten sich in Gräfenberg und Freiwaldau stets Ärzte, oft sechs bis
acht gleichzeitig auf[668], um bei ~Priessnitz~ zu beobachten. Wenn
trotzdem die Ärztewelt im allgemeinen sich in der Folgezeit ablehnend
dem ~Priessnitz~schen Verfahren gegenüber verhielt, so hatte dies in
der übertriebenen und der einseitigen Anwendung seinen Grund; denn
~Priessnitz~ lehrte, daß kaltes Wasser allein unter Ausschluß aller
anderen Heilmittel[U] und nur in den von ihm vorgeschriebenen Formen,
ja — so hoch stellte er seine Person und seine Anstalt — nur von ihm
persönlich verordnet und in Gräfenberg gebraucht wirke. Jede Anwendung
des Wassers außerhalb Gräfenbergs, wofür er nicht die Verordnung
gegeben, erklärte er für Pfuscherei [651. 647]. Er hielt sich allein
für fähig, zu bestimmen, ob Kranke für seine Kur geeignet und wie sie
zu behandeln seien, und doch ist so mancher Patient, den ~Priessnitz~
als ungeeignet von der Behandlung ausschloß, durch Wasseranwendung von
anderer Seite geheilt worden, und umgekehrt mancher, dem ~Priessnitz~
Besserung und Heilung versprach, wie er gekommen, vom Gräfenberge
gegangen. Nach ~Munde~ fielen auf zwölf aufgenommene Kranke elf
ungeheilt entlassene, und dabei wurden Schwerkranke überhaupt nicht
aufgenommen[647].
[Sidenote: _Prießnitz’ Verhältnis zu den Ärzten / Zulauf nach
Gräfenberg_]
Das Verhältnis zwischen ~Priessnitz~ und der Ärzteschaft wurde mit der
Zeit ein gespanntes und artete schließlich geradezu in Haß aus, wobei
leider häufig die Ärzte die Person von der Sache nicht zu trennen
wußten und mit ~Priessnitz~ sein Wasserheilverfahren verdammten.
~Priessnitz~ erklärte jeden Arzt für unfähig, weil er Arzt war,
Wasserheilkunde zu treiben. „Sie sind“, äußerte er zu Herrn von Kobbe,
„halt wie die Juden, wenn man sie auch zehn Mal tauft, sie werden doch
keine Christen“[636], und gegenüber einem anderen Patienten: „Kömmt
meine Anstalt nach meinem Tode in die Hände eines Doktors, so geht sie
zu Grunde“[634]. Den ärztlichen Untersuchungsmethoden, die ihm völlig
fremd waren, galt besonders sein Spott. Als er einst einen Kranken
mit „gestorbenem Hautsystem“ zugeschickt bekam, dessen Behandlung er
ablehnte, und ein anwesender Arzt unter Hinweis auf den noch guten
Puls des Patienten dennoch die Annahme empfahl, zeigte ~Priessnitz~
an Stelle einer Antwort nur einen Anflug von Spötteln im Gesicht. Am
folgenden Tage sagte er zu ~Rausse~ auf dessen Anfrage: „Puls! Was
kümmert’s mich, ob der Puls gut ist oder schlecht! — ich taxiere
meine Leute bloß nach den Augen und nach dem Rock“ (er meinte die
Haut)[V][638]. In welch grellem Gegensatze zu dieser stolzen Antwort
steht die Annahme von „Korrespondenz-Patienten“ durch ~Priessnitz~,
die sogar ~Rausse~, der Reformator der Wasserheilkunde (wie er
genannt wird)[639], der davon Nachricht gibt, in der Vorrede zur 2.
Auflage seiner Miszellen zur Gräfenberger Wasserkur nicht an und für
sich verurteilt, sondern nur wegen der möglichen falschen Auffassung
der Vorschriften beseitigt haben will[640], wo doch das Auge des
Wasserarztes den Rock des Patienten gar nicht zu sehen bekam!
Am meisten verletzte ~Priessnitz~ die Ärzte durch seine Lehre von der
Entstehung chronischer Krankheiten. Diese waren nach ihm durch die
Ärzte verschuldet, welche mit Medikamenten bei akuten Erkrankungen nur
einen „augenblicklichen Erfolg“ herbeiführten und die akute Krankheit
„zu schnell“ heilten, wodurch dauerndes Siechtum entstände[W][634].
Die echten Prießnitzianer, namentlich die recht zahlreichen mit
selbstverschuldeten Leiden, betrachteten sich deshalb als ein Opfer der
Ärzte, und selbst gebildete Leute verfolgten diese in Gräfenberg mit
ihrem Haß, wo und wie sie nur konnten.
~Priessnitz~’ Anstalt entwickelte sich ungemein schnell. Im Jahre 1829
hatte er 45 Patienten, im folgenden 54. 1833 bestellte er seine Felder
noch selbst. Schnell stieg die Zahl der Kurgäste, nämlich auf 62, 118,
206, 256, 342, 469, 570 jährlich; im Jahre 1840 betrug sie bereits
1576. „Die meisten waren aus Österreich, Ungarn und Polen, nur zwei
aus England. Im Jahre 1841 zählte ~Priessnitz~ unter seinen Patienten
zehn Fürsten und Fürstinnen, wenigstens hundert Grafen und Freiherren,
Militärs aller Grade, mehrere Ärzte und gegen fünfhundert Professoren
und Advocaten.“ Namentlich waren „große ungarische Fürsten und
Magnaten“ anwesend. Im Jahre 1843 behandelte ~Priessnitz~ in runder
Summe zweitausend Kranke, unter denen sich achtzig vom höchsten Adel
befanden[636].
[Sidenote: _Prießnitz’ Bedeutung für die Heilkunde_]
Man findet hier ein Publikum beisammen, wie es in früheren Zeiten
nur Luxusbäder ersten Ranges aufzuweisen hatten, ein Zeichen, daß in
der vornehmen Welt selbst das Bedürfnis nach Reformen vorhanden war.
Neben Baden und Mineralwassertrinken oder auch ohne diese galt bis
dahin vom Luxus- bis zum Bauernbad mit wenigen Ausnahmen die Losung
Vergnügen und Genießen. ~Priessnitz~ verlangte Entsagung und setzte
dafür eine vernünftige Beschäftigungstherapie bei derber Bauernkost
mit kalter Milch und gewöhnlichem Wasser als Getränk[X]. +War seine
Wasserbehandlung nicht die richtige, seine Diät nicht für alle
geeignet, eins steht fest, er schuf einen Kurort, in den der Gast nicht
halb als Kranker, halb als Vergnügen Suchender, sondern ganz seiner
Gesundheit lebte, und das hatte trotz aller Vorschläge kein Arzt vor
ihm praktisch zur Durchführung gebracht.+
Als 1839 die Freiwaldauer Kurgäste ein „Casino“ daselbst gründeten,
war ~Priessnitz~ gar nicht damit zufrieden, da, wie er sagte, die
Leute dort äßen, tränken, läsen und spielten und darüber die Kur
versäumten[636]. Trotz aller Klagen der Kurgäste, trotz aller Mahnungen
seiner Schüler ~Munde~ und ~Rausse~ war ~Priessnitz~ nicht zu bewegen,
seine Diät zu ändern. Er wußte, daß in Bauernkost und Fernhaltung jedes
Luxus die Stärke seiner Anstalt lag.
[Sidenote: _Fortschritte der Balneologie und Hydrotherapie / Spengler_]
Unstreitig wurde die schon im Werden begriffene Reformation der Kur-
und Badeorte durch das Auftreten von ~Priessnitz~ in hohem Grade
beschleunigt. Der Wettbewerb mit den Wasserheilanstalten nötigte sie
mehr als je zur Rücksichtsnahme auf wirklich Kranke, wollten sie
nicht ganz zu Vergnügungsorten herabsinken. Aus den Badeärzten wurden
wissenschaftlich denkende Ärzte. „Es ist doch ein wahrer Jammer“,
sagt ~Spengler~ noch 1854, „wie es bis jetzt zugegangen: Badeorte
kommen in und aus der Mode, wie Leibröcke und Damenhüte. Ein Bad, das
vor wenig Jahren noch ein großes Renomee hatte, ist jetzt vergessen;
neue, früher fast gar nicht benutzt gewesene Badeorte kommen dagegen
in Gunst; andere werden bloße Vergnügungsörter. Sieht das nicht
aus, als ob das Ganze ein bloßes Spiel sei!? Soll es wirklich so
bleiben, daß Ärzte und ein großes Publikum lediglich der Gunst des
Augenblicks und der Mode huldigend in einem Lustrum hiehin, in einem
andern dorthin vorzugsweise getrieben werden? Der Mangel aller festen
Anschauungen über die eigentlichen Indikationen für die einzelnen
Heilquellen; das Herumtappen der Ärzte in Benutzung derselben; das
fortwährende Umherreisen und sich Empfehlen der Brunnenärzte gleicht
den mit Proben ihrer Ware herumreisenden Commis-Voyageurs; das
fortwährende Coquettiren mit Abfassung immer neuer Badeschriften
über hundertmal dagewesene Dinge, bloß als Empfehlungskarte — ist
wahrhaft unerträglich und der Nachtheil für die Bäder sicherlich kein
geringer! Es ist zu fürchten, daß der Schwindel unsere herrlichen
Quellen, diesem großen Heilschatze, immer mehr in Verruf bringe. ...
Das Feld der Balneologie war bisher zu sehr der Charlatanerie und
Oberflächlichkeit überlassen, aber es verdient doch wahrlich, wie kaum
ein andres, auf eine würdige Weise bearbeitet zu werden, damit es
ferner nicht länger den practischen Arzt ungläubig mache; es muß auch
den Nichtbalneologen befriedigen, wenn nur die Thatsachen +nüchtern+
und +wahr+ niedergeschrieben werden.“ Privatunterhandlungen auf der
Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Göttingen im Herbst
1854 führten zur Bildung einer deutschen hydrologischen Gesellschaft
zu gemeinschaftlicher Förderung der Balneologie und zur Gründung der
balneologischen Zeitung. „+Ehrlichkeit+“, sagt ~Spengler~ im ersten
Bande derselben, „und ganz besonders +Wahrheitsliebe+ sollen für unser
Blatt die Druckerschwärze liefern, und alles Entgegengesetzte soll mit
unbarmherzigen Händen Preis gegeben werden. Sie soll das allen Brunnen
+Gemeinschaftliche+ faßlich, aufrichtig, wahr bringen, und immer wieder
darauf verweisen. Durch die +Association+ der deutschen Kräfte muß
ein gemeinsamer Weg der Forschung in diesem Gebiete der Arzneiwirkung
angebahnt, und so die +Balneologie+ in die Reihe der +exacten
Wissenschaften+ eingeführt werden, die dann gewiß etwas Nützliches
leisten wird“[646].
[Sidenote: _Currie / Winternitz / Matthes_]
Die Hydrotherapie hielt gleichen Schritt. ~Currie~ bestimmte schon
gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Thermometer den Einfluß der
kalten Übergießungen auf den Körper Fiebernder[649] und schuf somit den
Anfang für eine wissenschaftliche Grundlage der Hydrotherapie. Langsam
wurde, namentlich auf dem Gebiete der fieberhaften Erkrankungen,
am Ausbau weiter gearbeitet, bis ~Wilhelm Winternitz~[648] in Wien
unter Berücksichtigung älterer Forschungen und mit zahlreichen neuen
Untersuchungen der gesamten Hydrotherapie die wissenschaftliche
Grundlage gab. Aus der einseitigen Kaltwasserbehandlung war
mittlerweile eine Wasserbehandlung geworden. ~Winternitz~ trat scharf
für seine Wissenschaft ein und erhielt als erster auf deutschem
Boden zu Wien eine Professur für Wasserheilkunde. Es darf jedoch
nicht verschwiegen werden, daß im großen und ganzen sich die Klinik
der Hydrotherapie gegenüber ablehnend verhielt. Wohl wurden die
Kaltwasserbehandlung der fieberhaften Erkrankungen eifrig gepflegt
und einzelne Prozeduren sonst noch angewandt, die systematische
Wasserkur chronischer Krankheiten verblieb aber lange Zeit den
Wasserheilanstalten und wurde erst in den letzten Jahren Gemeingut
einzelner Kliniken. ~Winternitz~ hat sich auch hier ein bleibendes
Verdienst erworben. Vielleicht war das Allzuviel seiner Schule noch ein
Hindernis der Einführung. Eine vollständige Aussöhnung zwischen Klinik
und Wasserheilkunde brachte erst ~Max Matthes~ in Jena, der erste
Kliniker und Nichtspezialist, im Jahre 1900 durch die Herausgabe seines
Lehrbuches der klinischen Hydrotherapie[161] zustande.
[Sidenote: _Heilige Brunnen / Floyer / Hahn / Prießnitz / Winternitz_]
Schauen wir noch einmal auf den Entwicklungsgang der Wasserheilkunde
zurück. Uralte, dem germanischen Heidentum entstammende Volksgebräuche
bilden für Deutschland den Ausgang. Ihrem Aussterben nahe, werden
sie von Ärzten aufgenommen, von denen das, was einst als Glaube, nun
als Aberglaube im Vordergrunde stand, allmählich zurückgedrängt und
schließlich — von manchen von vornherein — gänzlich fallen gelassen
wird. Die Namen ~Floyer~, ~Hahn~, ~Priessnitz~, ~Winterlitz~ tragen
die Hauptglieder der ununterbrochenen Kette vom einsamen heiligen
Brunnen bis zum heutigen hydrotherapeutisch glänzend eingerichteten
Krankenhause.
[Illustration: Abb. 158. Schlußkupfer aus: ~David Hess~, Die
Badenfahrt. Zürich, 1818.]
[A] Die Mäßigkeitsbewegung scheint im 17. Jahrhundert größere
Ausdehnung gewonnen zu haben. 1616 klagten die Landleute im
württembergischen Amte Haidenheim einen Bäcker und Bierwirt
zu Oberbabingen an, daß er aus Dinkel, Roggen und anderen
Getreidearten Branntwein brenne, wodurch Gottes Gabe mißbraucht
und verkehrt und aus Speise Trank gemacht werde. Auch würde den
Leuten dadurch zu übermäßigem Zechen Ursache und, indem man
diesen Branntwein mit anderem guten Wein mische, auch Anlaß zu
Betrügereien gegeben (Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte,
Jahrg. 1856). Über die ältesten Mäßigkeitsvereine, insbesondere
von der Christophs-Gesellschaft, siehe ebenda. Das unmäßige Zechen
der vorhergehenden Zeit hatte, wie es scheint, recht häufig
unangenehme Nachwirkungen; denn die Folgen der Alkoholpolyneuritis
und ihr Zusammenhang mit dem Trinken waren sehr gut bekannt. Nach
~Paracelsus~ heilte Pfäfers die Kontrakturen der Glieder, die vom
Wein entstanden[21], und ~Stumpf~ schreibt von Worms (Bormio): „An
disem ort ist ein warm Bad, von natur, gantz krefftig, vnnd gůt für
vilerley geprästen, besonder des haupts, auch den erlameten glideren
dienstlich: vnd deßhalb den Etschleüten, vnd gůten zächbrüdern (die
sich bey weylen an dem starcken Etschweyn abtrinckend, vnnd daran
gar contract werdend) gar wol gelegen vnd gantz gebreüchig“[9]. Nach
~Martin Ruland~ heilte das Trinken von gewöhnlichem kalten Wasser das
„Zittern vom Wein“[400].
[B] Am meisten litten die württembergischen Bäder[154]. Wiesbaden
wurde entvölkert. Man erpreßte Geld von den Badegästen. 1623 war
Tilly dort[70]. Auch die badischen und elsäßischen Bäder wurden
schwer heimgesucht[61]. Baden in der Schweiz aber brachte der Krieg
goldene Tage. So wohnten in den Wirtshäusern der Stadt vom 27.
Januar bis 27. Februar 1644 zweitausendeinhundertfünfundvierzig
Personen[38].