Da diese Genauigkeit bei Bädern von fließendem Wasser nie angebracht

werden kann, so muß, einmal für allemal gesagt, durch stete Bewegung

des Wassers die Kälte des Bades immer in Gleichförmigkeit erhalten

werden, und selbst die Menge des dazu nötigen Wassers darf in dieser

Absicht nicht geringe sein, wenn das Stubenbad alle Vorteile eines

Flußbades erreichen soll.

Die Grade des kalten Bades und die steigende Bewegung des Körpers

müssen mit der Zunahme der Kräfte in gleichen Schritten fortgehn.

Es lassen sich bei so angestellter Badekur so viel Grade der

Erhöhung anbringen, daß auch der schwächste Körper ohne die mindeste

Erschütterung seines Gefühls nach und nach bis zur höchsten Staffel

steigen kann, wenn genaue Vorschriften des Arztes und die pünktlichste

Folgsamkeit des Kranken verbunden werden.

Ich habe noch nie aufhören können, mich zu verwundern, wie unsre

größten Ärzte bei Vorschreibung der stärkenden Kur so nachlässig in

Bestimmung des kalten Bades haben sein können. Man brauche halbe

oder ganze Bäder früh oder auch abends, das ist der Inbegriff ihrer

Vorschriften. Von den Graden der Kälte, der genauen Dauer des Bades und

den übrigen unentbehrlichen Bestimmungen kein Wort. Alle Verwunderung

über den so häufigen durch kalte Bäder angerichteten Nachteil auf die

Gesundheit hört so gleich auf, wenn man bedenkt, wie viel zweckwidrige

Anwendungen des kalten Wassers durch so verstümmelt hingeworfene,

dreisilbige Vorschriften haben können hervorgebracht werden.

Der entkräftete Siechling warf sich Stunden lang in Schneewasser,

um durch heroische Befolgung unbestimmter Vorschriften jenen großen

Männern Ehre zu machen, und man zog ihn ohnmächtig, durch Krampf

erstarrt, vom Schlage gelähmt, oder bis zum Faulfieber erkältet wieder

heraus, oft auch wohl tot. Kann mans dem wolthätigen Eisen beimessen,

daß sich das unmündige Kind die Adern öffnete, oder ist vielmehr die

Nachlässigkeit seiner Aufseher und Gesetzgeber anzuklagen. Man kann bei

Aufzeichnung der Gebrauchsregeln kräftiger Heilmittel nicht pünktlich

und umständlich genug zu Werke gehn, an nachläßiger Befolgung wirds

demungeacht nie fehlen.

Diese Unbestimmtheit hat dem kalten Wasser so viel Feinde zugezogen,

daß man eine ungeheure Anzahl Menschen antrifft, die kalte Bäder als

den äußersten Grad arzneilicher Karnifizin ärger als den Tod scheuen.

Aber die Hefe nachbetender Ärzte hatte auch durch sinnlose Anwendung

dieser unbestimmten Vorschriften unsrer Hippokraten die Schmach des

kalten Bades aufs äußerste gebracht. Der Patient mußte oft mit Gewalt

und auf einmal in ein kaltes Bad steigen und gewöhnlich eine Stunde

drin bleiben. Um die Pein der auf ihn eindringenden Kälte zu mäßigen,

fühlt er, ist ihm kein Mittel übrig, als unbeweglich still zu sitzen.

Nach Verlauf von Viertelstunden, nachdem er viel Kräfte zur Ausdauer

der Kälte einer solchen Menge Wassers verschwendet hat, wird das Wasser

um ihn her lau. Ruhig bleibt er sitzen, um sich, wie ihm deucht,

in der warmen Wasseratmosphäre wieder zu erholen und die Kräfte zu

ersetzen, die er auf ihre Erwärmung verschwenden mußte. Dies erwärmte

Wasser wirkt nun als ein laues Bad und nimmt ihm einen Teil der Kräfte

vollends weg, die ihm die Ausdauer der übermäßigen anfänglichen Kälte

des Wassers übrig gelassen hatte. Nun wickelt man ihn in erwärmte

Tücher und so nimmt ihn ein erwärmtes Bett in Empfang, Behandlungen,

die den Nachteil dieses unsinnigen Bades vollenden. Er kömmt nun in

Schweiß und verliert durch diese zwölfstündige Folter wenigstens

zwanzig vom Hundert der Kräfte, die er vor dem Bade hatte, des drauf

folgenden Krampfs, des Schnupfens, des Hustens, des Durchlaufs oder des

Rheumatism nicht zu gedenken, die er Tags darauf als unvermeidliche

Unbequemlichkeiten seines hülfreichen Bades mit Geduld verschmerzt,

nur Schade, daß er dies liebe stärkende Bad kaum drei- bis viermal

aushalten kann, es würde ihm wohl sonst noch rechten Nutzen gestiftet

haben! Eine sehr artige, aber, welches ihr sehr zur Empfehlung dient,

fast durchgängige Verordnung, mächtig genug, die Kirchhöfe der

berühmtesten Bäder Europas so ansehnlich zu erweitern, von der ich

jedoch zeitig zurückgekommen zu sein, mich glücklich schätze.

Da meine Kranken nur allmählich und nach Verhältnis ihrer zunehmenden

Kräfte dazu angeführt werden, wie oben erwähnt worden, so findet sich,

daß die meisten nach vollendeter Kur kaum aufhören wollen, sich kalt zu

baden. Ich bemerke nach meiner Verordnung keine Verkältung, vielmehr

vermehrte oder doch ununterbrochene Ausdünstung, und die Kräfte nehmen

von Tage zu Tage bei meinen Kranken zu, da ich durchs kalte Bad nicht

mehr Wärme aus dem Körper ziehen lasse, als er sehr bald durch eigne

Blutwärme wieder ersetzen kann. Der Schwung des durch den Körper

kreisenden Blutes verstärkt sich durch die von der Kälte gleichförmig

veranstaltete Zusammenziehung der Muskelfasern und Gefäße, so wie

die Kraft der Spiralfeder zunimmt, je dichter sie zusammengewunden

wird, und alle Verrichtungen des Körpers bekommen ein neues Leben. Um

diese Stärkung und Zusammenziehung der Fibern desto gleichförmiger

zu bewirken, schärfe ich bei jedem Grade des Bades als unumgänglich

ein, das Wasser in steter Bewegung um den Körper oder das eingetauchte

Glied zu halten und ein so großes Gefäß, wie möglich, dazu zu nehmen,

um die Vorteile hier zu ersetzen, die das fließende Wasserbad vor den

Stubenbädern sonst voraus hat.

Flußbäder wende ich auch nicht gerne eher an, als bis nach vollendeter

Heilung, wo etwas mehr oder mindere Kälte und vernachlässigte Aufsicht

nicht leicht schaden kann, übrigens schränke ich alles auf Stubenbäder

ein, wo eine gehörige Leitung gehandhabt und jeder Vorteil der

fließenden Bäder, wie gesagt, erhalten werden kann, ohne daß einer

ihrer Nachteile hinzukommen darf.

Das Wasser kann entweder der Kranke selbst bewegen, wenn er ehrlich

genug dazu ist, oder man veranstaltet es. Die Art, wie das Wasser

bei Destillationen in den Kühlfässern erneuert wird, entspricht zu

diesem Behufe aller Absicht. So viel nämlich kaltes Wasser durch eine

angebrachte Röhre nach dem Boden des Badegefäßes sinkt, so viel läuft

oben durch eine Rinne von selbst ab, durch die Wärme des Körpers

erwärmt, da das kalte schwerer, das warme Wasser aber leichter ist und

nach oben schwimmt und von da abläuft.

Ich erinnere aber, für unbemitteltere, daß ein etwas großes Badegefäß

und die Bewegung des Wassers darin schon hinlänglich sein kann. Ärmere,

die den Grad der Wärme nicht genau zu bestimmen wissen und sonst wenig

Bequemlichkeit haben, lasse ich eine einfachere Vorschrift befolgen.

Die Grade der Eintauchung nebst den Graden der Dauer bestimmen bei

ihnen allein die Leiter, wonach das Bad erhöhet werden soll. In Wasser

aus einem sehr tiefen Brunnen sich so und so tief, so und so oft und

so und so lange einzutauchen, gleichviel ob im Sommer oder im Winter,

ist die Vorschrift. Dies erhöhe ich bei ihnen von Zeit zu Zeit nach

Beschaffenheit ihrer Kräfte. Sie können nichts dabei versehn, da die

Vorschrift so einfach ist, und haben fast gleich großen Nutzen davon,

als Reichere, die genauere und kostbarere Verordnungen befolgen können.

Das kälteste Wasser, was selbst bemitteltere im Sommer haben können,

ist doch nur das aus Brunnen, die auf dreißig und mehrere Fuß tief sind

und höchstens etwas unter zweiundfunfzig Grad fahrenheitischer Wärme

haben. Man müßte denn den Aufwand machen können, die Kälte des Bades

mit Eise aus Eisgruben zu bestimmen. Das kälteste Wasser der Brunnen

ist jedoch für jedermann hinlänglich, wenn die Kur im Sommer fällt, da

man die mindere Kälte durch öfteres oder länger daurendes Baden und den

Grad der Eintauchung ersetzen kann ....

Die Schwäche des Kranken, zuweilen auch rauhe Witterung machen es fast

zur durchgängigen Notwendigkeit, sich vor dem Eintritte ins kalte Bad

und nach dem Ausgange aus demselben eine mäßige Bewegung zu machen, ein

unvergleichliches Mittel, den Kreislauf hiebei in Ordnung zu erhalten.

Die erregte Wärme des Blutes kann dann der Kälte des Bades desto

leichter widerstehen und die Muskelfibern nebst den Gefäßen

gleichförmig zusammen ziehn. Eben hiedurch erhält man auch den Vorteil,

daß das kalte Bad nie Erkältung verursacht, und daß man geschwindere

Schritte in Erhöhung des kalten Bades thun kann, als wenn der in Ruhe

gebliebene Kranke sich auf einmal und unvorbereitet der Kälte des

Wassers anvertrauen soll.

Die Bewegung vor dem Bade aber muß so gemäßigt sein, daß sie nie bis

zum Schweiße ausartet, es wäre sehr undienlich, in solchem Zustande die

Wanne zu besteigen. Die Bewegung nach dem Bade kann etwas kräftiger

sein, doch darf sie auch nie weder bis zum Schweiße, noch zur Ermüdung

führen. Unter dieser Einschränkung kann man sich ungemeine und sonst

durch nichts zu ersetzende Vorteile davon versprechen.

Wenn das kalte Bad besonders bei der Nachkur vom halben Bade bis zum

ganzen steigt und die Kälte und die Dauer des Bades täglich erhöhet

werden soll, da lasse ich meine Kranken ein oder zwei Gläser des ihnen

beschiednen Weines im Wasser genießen. Der Vorteil hievon hat sich mir

oft sichtlich bewiesen, und er wird jedem, der hierüber nachdenkt,

leichtlich einleuchten.

Ich setze zu den Gebrauchsregeln des kalten Bades noch einen

wesentlichen Umstand, der sehr genau mit den gleich vorher

beschriebenen Handgriffen zusammenhängt, ein Umstand, der die

Vorteile des zu bewegenden Wassers mit einbegreift. +Ohne diese

Handanlegung lasse ich nie ein kaltes Bad nehmen. Von der ersten

geringen Eintauchung an bis zum kältesten ganzen Bade lasse ich den

Kranken die Teile, die unter dem Wasser sind, sowie die nächsten, mit

wollenen Tüchern nur immer stärker reiben, je nachdem der Patient

bald heraustreten will. Dies kann der Kranke selbst thun, es kann

auch von jemand anderm geschehen.+ So bald er heraustritt, lasse ich

denselben Teil nur mit trocknen, auch wohl mit Gewürzen und Harzen

durchräucherten Tüchern noch eine und mehrere Minuten hindurch,

gewöhnlich noch etwas stärker als im Bade selbst, reiben, ihn dann

bedecken und so eine viertelstündige bis stündige Bewegung vornehmen,

die seinen Kräften angemessen ist.

Will man stärkere Fortschritte bei Erhöhung des kalten Bades thun, so

kann man das +Frottieren auch vor dem Bade+ an den einzutauchenden

Teilen vornehmen, man wird Vorteile hervorbringen, die durch andere

Behandlungen nie erreicht werden.

Was überhaupt Bewegung für die ganze Maschine des menschlichen Körpers

ist, dies und noch mehr ist Reiben und besonders mit wollenen Tüchern

für einzelne Teile. Die Lebenskraft wird erweckt, der Kreislauf der

Säfte wird hiedurch ganz ungemein befördert und in Ordnung gebracht,

die Muskeln dieser Teile werden gestärkt, und die Haut empfindlicher

und für den Eindruck, den das kalte Wasser darauf ausüben soll,

empfänglicher gemacht, so werden Häute während des Gerbens gerieben,

geschlagen und gewalkt, damit die zusammenziehenden Kräfte der Lohe

desto stärker darauf wirken können. Man wird mir dies Gleichnis

vergeben, da es übrigens so passend ist. Durchs Frottieren werden, mit

einem Worte, Vorteile hervorgebracht, die man zu unsrer Absicht durch

andre Mittel zu bewirken, sich vergeblich bemühen würde. Vermittelst

des Frottierens kann die schwächste Person mit Vorteil das kälteste Bad

nehmen ...

Wenn ich das kalte Bad nächst der gehörigen Diät zum Hauptstücke der

stärkenden Kur alter Geschwüre mache, so habe ich die ausgesuchtesten

und zahlreichsten Erfahrungen vor mir und verlange unumschränkten

Glauben in diesem Stücke.

Daß selbst der Ärmste sich dieses herrlichen Hülfsmittels leicht und

ohne weitläuftige Vorschriften, außer den oben angezeigten, bedienen

kann, ist kein geringer Beweis seiner Vortrefflichkeit. Er kann sich

vor und nach dem Bade eben so gut bewegen, sich eben so reiben, eben

sowohl das Wasser um den badenden Teil herum in Bewegung halten, als

der Reichste. Er kann eben sowohl der freien Luft genießen, und ein

kräftiges Bier wird ihm statt des Weines dienen. Sein Körper aber, der

gewöhnlich durch Erziehung und Lebensart fester und benervter worden

ist, als des Vornehmern zärtlicherer Leibesbau, nimmt zweckmäßige

Mittel viel leichter zur Genesung an, die Hälfte der dem Verzärtelten

zu reichenden Heilmittel bewirken bei ihm schon alles nötige, und

Pumpernickel dient ihm statt der Kraftsuppen. Also auch für ihn ist

gesorgt“[660].

[Sidenote: _Gebrauch der Kaltwasserbehandlung_]

[Sidenote: _Auswüchse der Kaltwasserbehandlung im 18. Jahrhundert und

durch Prießnitz_]

Aus dem Angeführten geht zur Genüge hervor, daß die Ärzte nicht

nur Bücher über Kaltwasserbehandlung schrieben, sondern diese auch

praktisch bei ihren Kranken durchführten. Ich erinnere nochmals

daran, daß ~Marcard~ in Pyrmont ein Bassinbad errichtete (S. 48).

~Brandis~ gebrauchte neben einfachen kalten Wasserbädern auch das

Driburger Wasser kalt, dem er wegen seines Reizes auf die Haut,

namentlich durch die Kohlensäure und das Eisen, eine besondere Wirkung

zuschrieb[674]. Im Jahre 1815 sagt ~Hufeland~, daß er sich von der

außerordentlichen Kraft der Sturzbäder von kaltem Wasser auf den Kopf

bei Gemütskranken im Irrenhause der Charité zu Berlin überzeugt habe,

wo der äußerst glückliche Erfolg der Kuren, da im Durchschnitt der

dritte Teil geheilt werde, hauptsächlich diesem Mittel zuzuschreiben

sei[O][642]. Nun genug davon! Ich mußte etwas breit in meiner

Darstellung werden, um zu zeigen, daß die Welt, als ~Priessnitz~ mit

gesegnetem Wasser und Abwaschungen Kranke zu behandeln anfing, mit

keinem neuen Heilverfahren überrascht wurde, und als ~Priessnitz~

immer mutiger in der Kaltwasseranwendung wurde und schließlich zu

recht heroischen Verfahren griff, da war er im Grunde genommen auf

einem Standpunkt angelangt, dem die deutschen Ärzte als Auswuchs

des Wasserheilverfahrens Jahrzehnte vorher entgegengetreten waren,

wie er auch noch zu Lebzeiten des ~Priessnitz~ von dessen Schülern

~Munde~[647] und ~Rausse~[637](Pseudonym für ~H. F. Franke~[661])

bekämpft und in der späteren Wasserheilkunde fallen gelassen wurde.

Ich will nur ein Beispiel anführen. ~Rausse~, der ~Priessnitz~ den

Entdecker der Wasserheilkunde und den Held derselben nennt, muß doch

„Irrtümer“ des ~Priessnitz~ zugeben. „Dahin gehört vor allen Dingen“,

sagt er, „seine gänzliche Mißkenntnis der kranken Nervenzustände und

das daraus hervorgehende Abtreiben und Überhetzen seiner Patienten mit

unausgesetzter Bewegung, mit zu vielem Trinken und zu vielem und zu

kaltem Baden .... Wenn das Frostrégime lange fortgesetzt wird, so kann

die dadurch hervorgebrachte Aufregung bis zum Ausbruch des wirklichen

Wahnsinns gesteigert werden, und das ist, wie ich aus den sichersten

Quellen erfahren habe, öfter als einmal bei Gräfenberger Patienten der

Fall gewesen, wenn gleich vielleicht erst kurz nach dem Abgang aus der

Anstalt“[637], und nun vergleiche man mit dieser ~Priessnitz~schen

Behandlung die oben wörtlich wiedergegebenen Ansichten älterer Ärzte

über denselben Gegenstand.

Statt Abhärtung erhielten die Patienten beim ~Priessnitz~schen

Frostregiment eine größere Empfänglichkeit gegen Infektionskrankheiten.

Manche konnten sich noch ein halbes Jahr nach der Kur selbst in der

Hundstagshitze in der Sonne und obendrein im Pelz nicht erwärmen[637]

[647], die Leute hatten, statt ihre Blutgefäße zu üben, sie bis zur

dauernden Lähmung überanstrengt. Das Endergebnis einer vernünftigen

Wasserkur, der prompte Eintritt der sog. Reaktion, eines wohligen

Wärmegefühls auf Kältereize, war verloren gegangen.

Das betraf Patienten, die wohl ~Priessnitz~’ Verordnungen wörtlich

durchgeführt hatten. Verwundern darf man sich über den ungünstigen

Ausgang nicht. So mußte ein Mann in heftigster Winterkälte duschen

(im Freien) und nach der Dusche eine halbe Stunde lang nackt Holz

hauen. Zum Glück für die Patienten befolgten viele die Anordnungen von

~Priessnitz~ nicht. Auf dem Gräfenberge ging ein Sprichwort um: „Wer

die Kur am schlechtesten macht, der macht die beste Kur“[637].

Die Unzufriedenheit mit ~Priessnitz~ und seinem Heilverfahren von

seiten seiner Schüler und Patienten fällt erst in die spätere Zeit

seines Wirkens. Im Anfange herrschte eine Begeisterung, wie wir sie

nur bei den Wunderbrunnen, namentlich bei Pyrmont, finden, und wo

auch die Ernüchterung auf dem Fuße folgte. Derselbe ~Rausse~, der

jene Verordnung von ~Priessnitz~, einen Patienten nach der Dusche

nackt eine halbe Stunde lang Holz hauen zu lassen, auf das tiefste

verurteilt, schrieb auch einst, man könne durch fortgesetzte Abhärtung

dahin kommen, bei heftigster Winterkälte nackt oder doch in leichter

Kleidung zu gehen, und er muß das klägliche Geständnis machen: „Da

ich die erste Auflage jener Schrift (ich muß es bekennen) in einem

durchaus krankhaften Zustand in der Lohe der ersten Begeisterung für

die Wasserheilkunde schrieb, ohne selbst noch genügende Erfahrungen

gemacht zu haben, so sind Auswüchse und Extreme leicht erklärlich und

sogar notwendig(!?) gewesen“[637].

[Sidenote: _Angaben von Selinger / Weiß / Rausse_]

Die Angaben über die Entstehung der Behandlungsweise ~Priessnitz~’ sind

in ganz ähnlicher Weise verschieden, je nachdem der begeisterte oder

ernüchterte Schriftsteller schrieb. Nach ~Selinger~ hat ~Priessnitz~

seine ganze Kurmethode selbst gefunden, und das hat ihm ~Priessnitz~

selbst mitgeteilt[634]. ~Priessnitz~’ ehemaliger benachbarter

Wasserkollege in Freiwaldau, der frühere Tierarzt und spätere Direktor

der Wasserheilanstalt zu Stanstead Bury in England ~Weiss~ sagt aber

von ihm, „in Vereinigung mit seinen Kranken machte er immer neue

Versuche, und so gelangte sein Heilsystem nach und nach zu einer

solchen Ausdehnung, wie sie bis dahin die Geschichte der Medizin

in Bezug auf das Wasser nicht aufzuweisen hat. Ich sagte soeben,

in Vereinigung mit seinen Kranken; +denn P. leugnet es nicht+, daß

ihn während jener Periode, wo sich seine Kurart auszubilden anfing,

oft die Kranken selbst auf neue Anwendungsarten des kalten Wassers

aufmerksam machten, ja selbst das Möglichste zu deren Ausführung

beitrugen“[668]. Bestätigt wird diese Angabe durch ~Rausse~, der trotz

seiner Lobeserhebungen über ~Priessnitz~ in demselben Buche von diesem

angibt, er sei kein tiefer Denker im wahren Sinne des Wortes gewesen.

„Es ist oft gesagt worden, daß ~Priessnitz~ die meisten seiner großen

Entdeckungen nicht aus der Tiefe seines Geistes, sondern aus den

Beobachtungen und Reden seiner Kurgäste geschöpft habe“[637].

[Sidenote: _Ehrenberg_]

Ein Leipziger Arzt ~Ehrenberg~, der bei ~Priessnitz~ gewesen war,

erzählt: „Schon die Untersuchung, wie wohl ~Priessnitz~ darauf geleitet

sei, dem kalten Bade jene Einwicklung und Schweißerregung voraus gehen

zu lassen, war mir interessant und von Wert, da mir nicht unbekannt

war, daß die Wasseranwendung schon Jahre lang auch mit glänzendem

Erfolg von ~Priessnitz~ ausgeübt worden war, ohne die dem Bade

vorausgehende Schweißerregung für nötig zu erachten. Ich war denn auch

so glücklich auszumitteln, daß nur erst, nachdem ein Kranker, der gegen

seine Leiden früher einmal russische Dampfbäder gebraucht und dort die

Überzeugung gewonnen hatte, daß man ungefährdet den erhitzten, von

Schweiß triefenden Körper der Einwirkung des kalten Wassers aussetzen

könne, in Gräfenberg eines Morgens in vollem Schweiß erwachend,

sich ohne das Vertrocknen des Schweißes abzuwarten, dem kalten Bade

ausgesetzt hatte, man in Gräfenberg von der Ungefährlichkeit, von

der Möglichkeit des glücklichen Ausganges und bald sogar von der

Notwendigkeit dieser vorausgehenden Schweißerregung überzeugt war,

so daß in kurzem dieselbe zu einem wesentlichen Moment der Wasserkur

erhoben wurde, und jetzt streng genommen die Wasserkur ohne diese

Procedur kaum gedacht werden kann“[651].

[Sidenote: _Grafenfeld_]

~Ernst Grafenfeld~ sagt 1842 sogar: „So waren es kranke Gäste, die

sich in Gräfenberg zuerst eine Badewanne verfertigen ließen und in

kaltem Wasser zu baden wagten; kranke Gäste waren es, die, ermutigt

durch die Kenntnis des Gebrauchs eines russischen Dampfbades, zuerst

ihren schwitzenden Körper dem kalten Bade, ohne Furcht vor irgend

einem Nachteil, aussetzten; es waren kranke Gäste, die bei ihrem

Herumschlendern im Walde zuerst auf die glückliche Idee kamen,

einzelne, hier im Überflusse vorhandene Bergquellen durch eine

Rinne zu einem einzigen Wasserstrahl zu vereinigen, und sich der

Einwirkung dieses von einer gewissen Höhe herabströmenden Wasserstrahls

unterzogen; selbst die Verbesserung der grundlosen Wege, das Anlegen

notwendiger und zweckmäßiger Spaziergänge, die hölzernen Umkleidungen

des benannten, vereinigten Wasserstrahles oder der Douchen im Walde,

kurz Alles und Jedes verdankt seine Entstehung dem Nachdenken und der

Freigebigkeit der in Gräfenberg weilenden kranken Gäste“[636].

[Sidenote: _Munde_]

Der Wasserarzt ~Munde~ konnte 1840 zum Teil durch nahe Verwandte von

~Priessnitz~ über dessen Werdegang als Arzt folgendes erfahren:

[Sidenote: _und einem Anonymus über die Entstehung des Prießnitzschen

Heilverfahrens_]

„Ein reisender Hausirer kehrte eines Tages in dem kleinen Häuschen,

welches ~Priessnitz~ens Großvater auf dem Gräfenberge gebaut, ein.

Es war eben eine Kuh am Fuße mit der Sense verletzt worden und die

Nachricht davon kam herein, während der Handelsmann sich in der Stube

befand. „Ich will Euch Eure Kuh curiren“, sagte der Mann. „Gebt mir

ein Stückchen Holz.“ Man willfahrtete seinem Begehren. Er holte ein

Messer aus seiner Tasche und schnitt drei kleine Hölzchen ab, ließ

sich dann einen linnenen Hader und einen Krug mit Wasser geben und

ging hinaus auf das Feld, wo die Kuh sich befand[P]. „Vinzla“, sagte

der alte Vater zu ~Priessnitz~, „gieh ok un sieh, wie er’s macht.“ Und

~Priessnitz~ ging und sah.

Der Mann tauchte das Hölzchen in die Wunde, den Lappen in den

Wasserkrug, und verband erstere dann, nachdem er sie ausgewaschen

unter dem Hermurmeln einiger unverständlicher Worte. Hierauf schnitt

er von dem Lappen einen Zipfel ab, wickelte die Hölzchen hinein und

empfahl, das Verfahren täglich wenigstens drei Mal zu wiederholen;

besser wäre es, wenn es noch öfter geschähe. Die Hölzchen wurden dann

mit dem Läppchen auf den Ofen gelegt und mußten abdorren. Die Kuh wurde

bald hergestellt und als der Handelsmann wiederkam, kaufte man ihm das

Geheimnis, d.❆h. die Worte, welche er hermurmelte, für ein Geldstück ab.

[Sidenote: _Munde über Prießnitz und Schrott_]

Der junge ~Priessnitz~ fing sogleich an, zu curiren. Das Volk ist dort

abergläubisch; also wurde es ihm leicht in Kundschaft zu kommen, und

bei seiner großen Vorsicht (denn anfangs ließ er bloß Wasser trinken

und verordnete Waschungen) und den Heilkräften des kalten Wassers

fehlte es nicht an recht glücklichen Erfolgen. Man nannte ihn den

„Hölzladoctor“[Q].

Nach und nach wurde er auf die Idee gebracht, daß die „Hölzla“ eine

sehr überflüssige Sache bei den Kuren wären[R], und da er sich der

wohlthätigen Wirkungen der kalten Waschungen bewußt geworden war,

so schaffte er statt der Hölzchen einen Waschschwamm an, mit dem er

die kranken Stellen selbst abwusch, wobei er Sorge hatte, den Leuten

glaublich zu machen, daß die heilende Kraft in seinem Schwamme stecke,

woran diese gern glaubten, da es ihnen ein Greuel gewesen wäre, sich

auf eine natürliche und einfache Weise durch bloßes Wasserheilen zu

lassen. Man nannte ihn nun den „Schwambladoctor“.

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 43 / 53 段