Ein goldener Pocal mit alten Wein gefüllt,
Hilft nicht den Krancken auf; was in dem Bache quillt,
Und Brod ist schon genung, uns LebensKraft zu geben.““
~Hahn~ war durchaus trotz seiner teilweise sogar übertriebenen
Wasseranwendung kein einseitiger Wasserspezialist. Er bediente sich,
wie er selbst sagt, zugänglicher (obschon nicht überflüssiger)
Medikamente. Auch die Anempfehlung und der eigene Gebrauch des
Wassertrinkens hatte ihn nicht zum Totalabstinenten gemacht. Er
schließt sein Buch: „Je zeitlicher aber ein Mensch anhebt das frische
Wasser bey gesunden oder ungesunden Tagen zum Trincken und Waschen zu
gebrauchen, desto mehr Nutzen wird er davon verspühren; doch ist es
auch im Alter nie zu spät, sich daran zu gewöhnen; man fange also in
der Wiege schon an, und höre damit nicht eher auf, als im Grabe. Wer
aber zur Freude und Abwechselung zuweilen beym Wasser-Trincken ein
Gläßgen Wein bescheid zu thun Lust hat, dem will ich solches mit einem
hertzlichen Prosit gesegnen, denn immer einerley gebrauchen verursacht
leicht Überdruß: Allezeit Wasser oder Wein trincken ist nicht lustig,
sondern zuweilen Wein, zuweilen Wasser trincken, das ist lustig.“
Der Ruf der Wasserhahns muß ein bedeutender gewesen sein. Das
Vertrauen, was der Militärarzt ~Theden~ dem alten ~Hahn~ entgegen
brachte, spricht sattsam dafür, auch schreibt der jüngere ~Hahn~,
daß „viel gelehrte und erfahrne Practici, nebst vernünftigen und
gewissenhaften Chirurgis in unsren und umliegenden Gegenden, sich bey
ihren Krancken des frischen Wassers äußerlich und innerlich gebrauchen,
und seine Kraft gar unvergleichlich befinden“. Aber die ~Hahn~s waren
auch außerhalb Schlesiens Grenzen bekannt. Das Buch des jüngeren
~Hahn~ ist heute noch, auch in den älteren Auflagen, in zahlreichen
Exemplaren und auf den meisten Bibliotheken vorhanden. Der jüngere
~Johann Siegemund~ erwähnt die Freunde der Wasserbehandlung, „unter
denen besonders den weyl. hoch-berühmten Herrn Geheimden Rath ~Hofmann~
(den schon genannten Professor) in Halle anzuführen mir die Freyheit
nehme, als welcher nicht alleine selbst in öffentlichen Schriften die
Heilsamkeit des Wassers aufs gründlichste erwiesen, sondern auch in
einem an meinen geliebten Bruder in Breßlau abgelassenen eigenhändigen
Schreiben, sein Vergnügen bezeuget, weil er +von vielen Reisenden
vernommen, daß wir hier zu Lande mit gelinden Mitteln, besonders
dem Gebrauch des Wassers, denen Krancken nicht geringe Dienste
leisteten+“[670]. ~Baldinger~, ein Marburger Medizinprofessor, schrieb
1792: „Wer kennt nicht wenigstens das, was ~Anton Musa~, ~Floyer~,
~Hahn~ und ~Friedrich Hofmann~ mit Wasser thaten. Und ~Theeden~s und
~Schmucker~s Anwendung des kalten Wassers hat allgemeinen Beifall
gefunden, und viele Menschen sind dadurch gerettet worden, die sonst
ohne Rettung verloren waren. Mit Recht nannte schon ~Friedrich Hofmann~
das Wasser eine medicina universalis. Und dieser Arzt, die Zierde der
Ärzte Teutschlands, erweckte in seinem Vaterlande allgemeinen Sinn vor
die Wirkungen des kalten Wassers und ermunterte dadurch zuerst seine
Schüler und Nachfolger zu dessen häufigen Gebrauch“[650].
[Sidenote: _Baldinger / Schmucker_]
Der von ~Baldinger~ genannte ~Schmucker~ war der Vorgänger ~Theden~s
als preußischer Generalchirurg. Nach ~Reuss~ wurde auch er durch die
Beobachtungen der ~Hahn~s aufgemuntert, „die Fomentationen mit kaltem
Wasser, welches er zur Erhöhung der Kälte noch mit Salpeter, Salmiak
und Essig versetzten ließ, bei allen Kopfverletzungen und andern
Contusionen, während den zwei schlesischen Kriegen zu versuchen. Diese
haben durch ihn auch eine so große Reputation erhalten, daß sie seitdem
unter der Benennung „die ~Schmucker~ischen Fomentationen“ allgemein
bekannt sind und bei ähnlichen Vorfällen gebraucht werden“ (1822)[662].
[Sidenote: _Paré / Lombard / Percy_]
Andere Chirurgen entnahmen die Wasseranwendung für ihre Kunst direkt
dem Volksbrauche unter Weglassung des Aberglaubens. Der berühmte
~Ambrosius Paré~ hatte bei der Belagerung von Metz 1553 den Verdruß,
daß ihm der Meister ~Doublet~, welcher das Verbandwasser zu beschwören
verstand und nach dem Zeugnisse von Zeitgenossen selbst die schwersten
Verletzungen damit heilte, von den Verwundeten vorgezogen wurde. Ich
bezweifelte nicht, sagt ~Paré~, daß man Wunden mit reinem Wasser
heilen kann, wenn man vorher über dasselbe gewisse Worte gesprochen
und die Leinwand in Kreuzesform in dasselbe getaucht hat, aber es
sind weder die Worte, noch das Kreuz, sondern das Wasser allein, weil
es die Wunde reinigt und der Entzündung entgegen wirkt. Als 1785 in
Straßburg bei Prüfung von Artilleriewaffen viele Soldaten bedeutend
verwundet und in das unter ~Lombard~ und ~Percy~ stehende Hospital
gebracht wurden, erbot sich ein Müller, die Verwundeten mit einem von
ihm unfehlbar gemachten Wasser zu heilen, und erfüllte zur Verwunderung
aller sein Versprechen. Obgleich der Müller sein Wasser mit allerlei
Beschwörungen[M] zugerichtet und auch eine Kleinigkeit von Alaun
zugesetzt hatte, so schrieben ~Lombard~ und ~Percy~ die Erfolge dem
Wasser allein zu und stellten später Versuche an, deren günstiges
Resultat beide veröffentlichten[672].
[Sidenote: _Langenbeck_]
Zum Schluß muß ich die Worte eines Chirurgen aus Vorprießnitzscher
Zeit, des Göttinger Professors ~Langenbeck~, anführen, der 1822 unter
seinen Ratschlägen, Frostbeulen zu vermeiden, folgendes schreibt: „Man
wasche Hände, Gesicht und Füße kalt, bürste oder reibe dabei Hände
und Füße, worauf eine angenehme Wärme folgt. Was das kalte Waschen
der Füße anbetrifft, so kann sich freilich nicht jeder dazu verstehn;
indessen sichern gehöriges Abtrocknen und Reiben vor den Nachteilen,
die darauf folgen können. Die Füße werden nie wärmer, als wenn man sie
nur in kaltes Wasser taucht, tüchtig reibt und dann Strümpfe anzieht.
Wer daran gewohnt ist, wird bald den guten Einfluß auf den ganzen
Körper bemerken. Ich wasche alle Morgen meinen ganzen Körper kalt
und empfinde darnach eine allgemein verbreitete Wärme, bekomme eine
große Leichtigkeit, ein äußerst behagliches Gefühl und kenne keinen
Rheumatismus. Wer gesund ist, wird beim mäßigen Leben, beim Genuß
weniger und nahrhafter Speisen, einfacher Kost, und wenn er dem Bacchus
und der Venus nicht zu häufige Opfer bringt, bei kaltem Waschen gesund
bleiben und keinen Rheumatismus bekommen, weil das kalte Waschen die
Haut stärkt und die zu große Empfindlichkeit aufhebt“[665].
[Sidenote: _May / Marcard / Offterdinger_]
Die inneren Mediziner waren bestrebt, die Wasseranwendung zu
vervollkommnen, namentlich Anzeigen und Gegenanzeigen aufzustellen,
Mißbräuche zu bekämpfen, besonders aber bei der Behandlung zu
individualisieren. Der Warnung über den Mißbrauch der kalten Bäder
durch den Heidelberger Professor ~May~ (S. 47) und der Vorschriften
über den vernünftigen Gebrauch des unter dem Namen Tauchbad gebrauchten
kalten Bassinbades von seiten des Pyrmonter Badearztes ~Marcard~ (S. 48
ff.) ist schon gedacht worden. Neben diesen Ärzten sind drei besonders
hervorzuheben, der Kanstatter Physikus ~Georg Gottlieb Offterdinger~,
~Brandis~, Badearzt zu Driburg, später Professor in Kiel (als solcher
gab er ein Buch über Kaltwasserbehandlung der Infektionskrankheiten
heraus[673]) und ~Samuel Hahnemann~, der spätere Homöopath.
~Offterdinger~ sagt 1782 bei Besprechung der Krankheiten, die wir
heute mit dem allgemeinen Ausdruck Nervenschwäche bezeichnen, in
seiner „Anleitung für das Landvolk in Absicht auf seine Gesundheit“:
„Man sollte sich einmal bereden können, daß nicht alle Krankheiten
blos durch Arzneien zu heilen sind, und daß bei vielen chronischen
die Bewegung und eine dienliche Lebensordnung öfters mehr ausrichten,
als alle Mittel aus der Apothek, und daß eben diese beiden heilsamen
Mittel, gleich wie sie die vornehmsten Stützen zur Aufrechthaltung der
menschlichen Gesundheit sind, auch in allen denjenigen Übeln, welche
mit einem gehinderten Umlauf des Geblüts in den Eingeweiden, dem Kopfe,
der Brust, dem Unterleib, einer Verstopfung derselben, dergleichen
die meisten chronischen oder mit einer Schwachheit und Empfindlichkeit
der Nerven verbundenen sind, auch die wahren und zuverlässigsten zur
Wiederherstellung derselben abgeben ...
Allein nicht nur die Bewegung, sondern auch die Bäder sind von der
herrlichsten Würkung. Man gebraucht sie nach Beschaffenheit der
Umstände, wärmlicht, lau, und bleibt so lange darinnen sitzen, bis
sie kalt sind, oder wenn die Empfindlichkeit der Nerven nicht gar
zu groß ist, gar kalt. Ich habe nicht nötig, daß ich die verdienten
Lobsprüche derselben wiederhole, welche ihnen Herr ~Tissot~ und andere
große Ärzte schon längst gegeben haben, und ich sage nicht zuviel,
wenn ich behaupte, daß die Bewegung, die Bäder und eine taugliche
Lebensordnung allein hinreichend sind, dieses öfters verzweifelte Übel
zu heben, insonderheit in dem Fall, da die allzustarke Empfindlichkeit
der Nerven die vornehmste Ursache davon ist, oder wenn nur noch keine
unheilbaren Fehler in den festen Teilen vorhanden sind: Zu eben diesem
Zweck dienen auch die kalten Fußbäder, womit man allenfalls den Anfang
machen kann, und ich kann nicht umhin, hier den ungemeinen Nutzen
des kalten Wassers, wenn man alle Teile des Leibes, hauptsächlich
den Unterleib, die Brust, den Kopf, den Rückgrad, Morgens und Nachts
vorm Schlafen stark damit reibet, aufs äußerste anzurühmen, welches
in allen denjenigen Fällen, da die kalten Bäder noch zu reizend sind,
deren Stelle anfangs vertreten kann. Viele bereden sich, daß die Bäder
überhaupt ihrer Natur nicht taugen, allein es ist dies ein irriges
Vorurteil. Man kann sie unstreitig nach eines jeden Temperaments und
Leibesbeschaffenheit einrichten, einige haben sie lau, andere kälter,
andere ganz kalt nötig, und der Erfolg wird dieses am besten anzeigen,
auch muß man, wenn sie stärken sollen, nicht darauf ins Bett liegen und
schwitzen, wol aber auf dasselbe“[633].
[Sidenote: _Brandis_]
~Brandis~ schreibt 1792: „~Friedrich Hofmann~, ~Tissot~, ~Maret~,
~Marteau~ und ~William Falconer~ haben sehr viel Gutes über die Bäder
überhaupt, ~Floyer~, ~Hahn~, ~Marcus Herz~ und ~Ferro~ vortrefflich
über kalte Bäder geschrieben: aber gewiß haben alle doch noch manches
übrig gelassen, was den Gebrauch dieses äußerst wichtigen Heilmittels
bestimmter, sicherer und wahrscheinlich allgemeiner machen kann ...
[Sidenote: _Brandis Ansichten über Kälteanwendung_]
Sowohl als Vorbauungsmittel gegen Krankheiten, als auch als Heilmittel,
sind Bäder eine der wirksamsten Arzneien, werden daher aber auch oft,
wie alle wirksamen Arzneien, zu großem Nachteile Kranker und Gesunder
äußerst gemißbraucht. Wer sich schwach glaubt, setzt oft sein ganzes
Heil in den Gebrauch kalter Bäder, friert in denselben täglich Stunden
und länger durch, und kommt vielleicht, wenn seine Nerven noch weit
empfindlicher und seine Fasern weit reizbarer geworden sind, von seinem
schädlichen Wahne zurück, daß dieses seine Panacee sei, durch die er in
kurzer Zeit einem Herkules oder Milon gleich werden könnte ... Daher
ist es, vorzüglich für reizbare, schwächliche Personen, eine äußerst
wichtige Regel, diese Heilmittel nicht ohne Zuraten eines erfahrnen,
aufgeklärten Arztes zu gebrauchen.“
~Brandis~ führt dann aus, daß beim kalten Bade die Kälte die Hauptsache
sei, durch den starken Reiz der Kälte würden die Haut und mit dieser
consensualisch die übrigen festen Teile des Körpers, vorzüglich aber
die auf der Oberfläche überall verbreiteten kleineren Gefäße schnell
zusammengezogen. Das vorher in ihnen enthaltene Blut habe nicht mehr
Raum in ihnen und werde mit großer Schnelligkeit in die größeren Gefäße
nach dem Herzen zurückgetrieben. „Auf das Nervensystem wirkt die
plötzliche Kälte als ein heftiger Reiz. Allgemeines Zittern, vorzüglich
Zahnklappern, sind die sichtbaren Folgen davon. Läßt die Kälte bald
nach, oder haben die größern Gefäße Kraft genug, den Widerstand des
Kreislaufs auf der Oberfläche zu überwinden: so treiben sie das Blut,
durch die größere Menge desselben gereizt, mit verdoppelter Gewalt
nach der Oberfläche zurück, es entsteht eine allgemein vermehrte
Wärme über den ganzen Körper, die zuletzt eine sehr vermehrte
Transspiration hervorbringt ... In alle diesem siehet man ganz den
Verlauf eines künstlichen Fiebers; und alles Gute, was man von einem
Fieber erwarten kann, wird auch ein sehr kaltes Bad bewürken[N].
Hartnäckige Verstopfungen der Gefäße und beträchtliche Hindernisse,
die irgendwo dem freien Kreislaufe der Säfte im Wege stehen, werden
dadurch aufgehoben; träger Kreislauf, der auf die flüssigen Teile
nicht hinlänglich wirkt, sie nicht genug bereitet und animalisiert,
erhält dadurch eine neue Kraft, dieses Geschäft gehörig zu verrichten;
die Fiber wird dichter, gespannter und elastischer. Durch die
darauf folgende häufige Transspiration werden viele unnütze wäßrige
Feuchtigkeiten aus den Säften ausgeschieden ...“
Aus den weiteren Ausführungen geht hervor, daß die kalten Kopfbäder
zur Zeit „oft gebraucht und gemißbraucht“ wurden. Ganz hartnäckige
Kopfschmerzen schwanden häufig durch das äußerst schmerzhafte kalte
Tropfbad auf den geschorenen Scheitel.
„Kalte Bäder gehören daher ohne Zweifel unter die wirksamsten Mittel,
aber müssen auch mit äußerster Vorsicht und genauer Rücksicht auf
alle Nebenumstände angewandt werden. Ärzte, die der Idee von Schwäche
nur allzeit die freilich leicht zu findende Cur von Stärkung und
Zusammenziehung der Faser entgegensetzen, werden kalte Bäder sehr oft
mißbrauchen. Ein ganz kaltes Bad, das alle die oben beschriebenen
Wirkungen in ihrer völligen Stärke hervorbringt, hat daher nur bei
solchen Personen statt, deren Kraft des Herzens und der innern Gefäße
stark genug ist, den durch die Kälte hervorgebrachten Widerstand der
Gefäße auf der Oberfläche zu überwinden. Daher ist für schwache und
alte Personen ein ganz kaltes Bad sehr gefährlich, eben so sehr für
solche, bei denen man irgend eine Verletzung oder lokale Schwäche eines
innern Teils, z.❆B. Fehler in den Lungen, zu großen Drang des Blutes
nach dem Kopfe, Neigung zum Schlage, beträchtliche Verstopfungen im
Unterleibe u.❆s.❆w. vermuten kann. Auch für sehr vollblütige, bei
denen die Masse der Säfte zu groß ist, als daß sie von den Gefäßen
bequem könnten im Umlauf erhalten werden; für alle, deren Nervensystem
sehr reizbar ist, ihre Fasern mögen auch immer noch so schlaff sein,
werden kalte Bäder, wenigstens anfangs, nie ein zweckmäßiges Mittel
sein. Die Reizbarkeit wird durch die Kälte immer vermehrt und die
ganze Maschine dadurch äußerst zerrüttet werden. Ich habe Gelegenheit
gehabt, mehrere traurige Fälle von der Art zu sehen. Vorzüglich hat
man sich aber bei der örtlichen Anwendung der Kälte sehr zu hüten,
daß man nicht die Lebenskraft in dem Teile durch die Kälte ganz
unterdrückt, wo man der Faser nur mehr Zusammenziehung und mehr Kraft
geben wollte. Vorzüglich gilt dieses von den äußersten Teilen, die vom
Herzen weiter entfernt sind. Hier hat es immer mehr Schwirigkeit, daß
die ganze Wirkung des kalten Bades hervorgebracht werde. Die Gefäße
werden zwar schnell zusammengezogen und den Nerven ein heftiger Reiz
mitgeteilt, das Herz wird aber von dieser partialen Zusammenziehung
nicht hinlänglich gereizt, um den Widerstand zu überwinden und eine
schnellere Circulation in den Teilen zu bewirken. Daher kann durch
eine unbedachtsame Anwendung kalter Bäder an solche einzelne entfernte
Stellen, z.❆B. die Füße, der Blutumlauf und die Lebenskraft ganz
unterdrückt werden ...
Dahingegen ist das ganz kalte Bad für jüngere Personen von schlaffer
und untätiger Faser, mit weniger reizbarem Nervensysteme, die an
hartnäckigen Verstopfungen, zu häufigen Secretionen, Lähmung und Atonie
irgend eines Teils leiden, das wirksamste Stärkungsmittel; und ich bin
überzeugt, daß ~Floyer~ und ~Hahn~ nicht zu viel von der Wirksamkeit
dieses vortrefflichen Mittels gesagt haben, daß von vielen Ärzten wol
bei weitem nicht häufig genug angewandt wird. Auch für empfindsamere
Personen kann man kalte Bäder im Notfalle anwendbar machen, da man
nach Willkür den Wärmegrad desselben der Empfindsamkeit des Kranken
angemessen machen kann. Je mehr sich die Wärme der von 80° (Fahrenheit)
nähert, desto gelinder wird begreiflich der Reiz, aber desto geringer
auch die Zusammenziehung der Gefäße, desto mehr nähern sich die
Wirkungen desselben denen eines lauen Bades.
Bei sehr empfindsamen Personen ist es am ratsamsten, sich an kalte
Bäder nach und nach zu gewöhnen, mit einem kühlen oder gar lauen Bade
anzufangen, und dasselbe, wenn sie einige Zeit darin zugebracht haben,
durch Zugießen von kaltem Wasser kälter zu machen und den nächsten
Tag die Kälte des Bades gleich anfangs zu verstärken. ~Tissot~ sah
von dieser Methode bei äußerst empfindsamen Personen vortreffliche
Wirkung, und ich habe mich derselben Art, die kalten Bäder anzuwenden,
gleichfalls sehr oft mit den besten Wirkungen bedient ...
Kalte Bäder dürfen bei weitem nicht so lange gebraucht werden (als
die lauwarmen). Bei den meisten, wo man blos Erschütterung des
Nervensystems und Zusammenziehung der festen Teile zum Zwecke hat, ist
ein Aufenthalt von zwei bis drei, höchstens von fünf bis sechs Minuten
hinlänglich; nur in einzelnen Fällen, wo man durch das Bad noch andere
Zwecke, z.❆B. auf die Haut unmittelbar in Ausschlägen, Flechten, weißem
Flusse u. dgl., oder um sehr hartnäckige Verstopfungen aufzulösen,
erreichen will, kann man den Aufenthalt verlängern ...
[Sidenote: _Brandis Ansicht über die kalte Dusche_]
Bei Tropfbad und Douche ist der Zweck, durch die größere Gewalt, womit
das Wasser auf einzelne Teile gespritzt wird, diesen Teilen einen
besondern Reiz mitzuteilen, die lebendige Faser zu einer tätigen
Zusammenziehung zu reizen und die Nervenkraft mehr zu beleben. Nach
der Höhe, von welcher das Wasser herunterfällt, oder nach der Kraft,
mit welcher es auf den einzelnen Teil aufgespritzt wird, und nach dem
dickern oder dünnern Strahle des aufgestossenen Wassers, kann dieser
Reiz von der Heftigkeit des größten Schmerzes, dem Röte und Entzündung
der Haut folgt, bis zu dem Gefühl einer geringen Gewalt modificirt
werden. An Absorption ist, wenigstens bei einer etwas beträchtlichen
Gewalt, wol nicht zu denken; und geschieht sie, so wird sie in dem
leidenden Teile, auf welchen man wirken will, schwerlich unmittelbare
Veränderungen hervorbringen. Die Bestandteile des aufgespritzten
Wassers kommen also wol schwerlich bei Tropfbad und Douche in weitern
Betracht, also insofern sie auf die Haut unmittelbar wirken. Wichtiger
ist dabei die Temperatur des Wassers. Kälte und große Wärme vermehren
den Reiz beträchtlich und auf verschiedene Art.
Der Reiz dieser Bäder ist aber ganz besonders, und vielleicht einer
der wirksamsten, die der Arzt anwenden kann ... Diese mechanische
Gewalt erschüttert jede Faser, jedes Gefäß und jeden Nerven des
Teils, auf welchen man wirken will, gleich stark. Daher ist es
sehr begreiflich, daß man durch ihn Wirkungen hervorbringen kann,
die man von allen andern Reizmitteln vergebens erwarten würde. Die
Oscillation der kleinsten Gefäße des Teils wird durch diesen Reiz
beträchtlich vermehrt, und bei großer Stärke desselben entsteht selbst
Röte und Entzündung; bei minderer Heftigkeit ist eine sehr häufige
Transspiration des einzelnen Teils die Folge davon. Stockungen in
den kleinen Gefäßen müssen also sehr wirksam aufgelöset und jedes
derselben zur freien Circulation der Säfte wieder geöffnet werden.
Daher ist die Douche bei sehr hartnäckigen chronischen Rheumatismen
eins der wirksamsten Mittel. Auch die resorbirenden Gefäße werden zu
neuer Tätigkeit angereizt und in den Stand gesetzt, stockende Säfte
aus dem Zellgewebe oder andern Behältern wieder einzusaugen und in
den allgemeinen Kreislauf zurückzuführen. Daher ist die Douche oft
das einzige Heilmittel in kalten Geschwülsten, vorzüglich aber in
den oft so gefährlichen Geschwülsten der Gelenke (white swellings)
und in Lähmungen, die von einem zu häufig ergossenen, verdorbenen
oder verhärteten Gliedwasser herrühren, Anchylosen u. dgl. Besonders
wohlthätig ist dieser Reiz aber oft den einzelnen Nerven, die dadurch
wirksamer als durch irgend ein anderes Reizmittel in Thätigkeit
gesetzt werden und sich vielleicht schädlicher Materien, die sich
auf dieselben geworfen haben, auf eine dem Physiologen freilich noch
unerklärbare Art entledigen. In verschiedenen Arten Nervenkopfweh,
Schwindel, Melancholie, Lähmung einzelner Teile, in krampfhaften
Ziehungen einzelner Teile, z.❆B. des Kopfs, in Schwindung einzelner
Glieder, in Schwäche einzelner Teile von unordentlicher Einwirkung der
Nerven, z.❆B. der Zeugungsteile, und den so mancherlei daher rührenden
Übeln, sind Tropfbäder und Douche ein über alle Maßen wirksames
Heilmittel, das oft da eine wohlthätige Heilung hervorbringt, wo sich
die erfahrensten Ärzte an wirksamen Mitteln vergebens erschöpft hatten.
Auf den Grad des Reizes kommt bei Anwendung dieses heilsamen Mittels
alles an; durch plötzliche heftige Anwendung der ganzen Kraft
desselben kann man vielleicht den noch übrigen Lebensfunken ganz
ersticken oder das Übel sehr vermehren, wo man mit einem gelindern
Reize völlige Heilung würde hervorgebracht haben. Diesen Grad zu
bestimmen, kann bloß der Erfahrung und Einsicht des Arztes überlassen
werden, der durch öftere Beobachtungen ähnlicher Fälle und durch genaue
Kenntnis der Kräfte der Werkzeuge, der Reizbarkeit und Empfindsamkeit
des Kranken, der Temperatur des aufzugießenden Wassers usw. in den
Stand gesetzt ist, richtig darüber zu urteilen“[674].
[Sidenote: _Samuel Hahnemann_]
~Hahnemann~ schrieb ein Buch, alte Schäden und faule Geschwüre zu
heilen, in dem er neben einer örtlichen Behandlung eine Kaltwasserkur
des ganzen Körpers vorschlug.
[Sidenote: _Hahnemanns Kaltwasserbehandlung_]
„Wenn man irgend eine allgemein hülfreiche Arznei hätte, so würde es
Wasser sein. Meine Kranken mit alten Geschwüren kann ich ohne kaltes
Bad nicht heilen, nicht dauerhaft heilen, die Kälte an sich scheint
nicht nur als stärkend zusammenziehendes Mittel, sondern auch als ein
fäulungswidriges hiebei zu wirken. Man kann die Heilkraft der Kälte auf
keine Art so lokal anwenden, als durch den Gebrauch kalter Bäder, eine
Anwendung, die der ganzen Gradleiter des Wärmemessers fähig ist, ohne
übrigen Nachteil und ohne Kosten.
Anfangs lasse ich, der Schade mag an irgend einem Teile des Körpers
sein, Wasser von funfzig Grad fahrenheitischer Wärme zum Fußbade blos
über die Knöchel alle Abende vor Schlafengehn sechs Minuten lang
unter beständiger Bewegung des Wassers nehmen. Dies ist der geringste
Grad des stärkenden Bades, welches selbst Kranken von äußerster
Schwäche diensam und nicht beschwerlich ist, ich erhöhe es von Zeit
zu Zeit immer mehr und mehr, selbst wenn das Geschwüre am Fuße ist,
und so steige ich, nach Beschaffenheit der anwachsenden Kräfte und
der Güte der Wunde, nach und nach bis zum ganzen Bade, auf funfzehn
Minuten Dauer, bis zu dreien Malen des Tags, früh vor Einnahme des
Frühstücks, zwei Stunden nach dem Mittagsessen und eine halbe Stunde
vor Schlafengehn, auf vierzig, dreißig und selbst zwanzig Grad
fahrenheitischer Wärme des Wassers. Dies sind die höchsten Grade.