~J. Currie~ (vormals in Liverpool) über die Wirkungen des Wassers
in Fiebern, sind in Berlin und manchen andern Teilen Deutschlands,
wie auch in Ungarn und Oberitalien, viele Versuche gemacht worden.
Wenn die bisherigen Erfahrungen günstig dafür sind, so verdient die
einfache Methode allgemeiner angewandt zu werden, als noch heutiges
Tages geschieht. Um den Wert dieser Methode sicherer auszumitteln
und dieselbe demnächst in die tägliche Praxis einzuführen, ihre
Anwendbarkeit näher zu bestimmen, oder zu Folge ungünstiger Resultate
die Methode ganz zu verbannen, ist dienlich erachtet worden, einen
Preis von funfzig Dukaten auszusetzen auf die beste Abhandlung über
den durch die Überschrift bezeichneten Gegenstand.“ Es sollten eine
Zusammenstellung und Vergleichung der wichtigsten, seit ~Currie~s
Schriften bekannt gewordenen und durch dieselben veranlaßten Versuche
und Zeugnisse über die äußerliche Anwendung des kalten Wassers zum
Zwecke der Mäßigung der Fieberhitze gegeben werden, ferner als
Hauptteil eine Reihe eigener Versuche mit kalten Übergießungen nach
~Currie~ und kalten Abwaschungen an Fiebernden bei Verwendung des
Thermometers und unter Angabe der Pulsschläge und drittens die Meinung
des Verfassers über die Art der Wirkung genannter Prozeduren. „Möge
diese Preisfrage“, schrieb ~Hufeland~, „weniger durch den Preis, als
durch die Richtung der Aufmerksamkeit auf einen wichtigen, nahen,
nützlichen, nur durch treue Beobachtungen auszumittelnden Gegenstand
dazu beitragen, daß nicht allein derselbe auf sichern Grundsätzen
zurückgeführt wird, sondern daß auch überhaupt die übermäßige
Liebhaberei des Schwärmens in den dunkelsten und schwerlich je ganz zu
erhellenden Gegenden der Medizin abnehme unter den teutschen Ärzten.“
Drei Schriften liefen auf das Ausschreiben ein. Die zur Prüfung
ernannte Kommission war lange unschlüssig, welcher sie den Preis
erteilen sollte, entschied sich aber endlich, ihn der Abhandlung
zuzuerkennen, „welche sich am meisten durch lange, gereifte Erfahrung
auszeichnet“, deren Verfasser der um diesen Gegenstand durch frühere
Schriften verdiente K. K. Hofmedikus und „Senior als Dekan“ der
medizinischen Fakultät in Wien ~Frölich~ war[662].
[Sidenote: _Die Kaltwasserbehandlung in der Berliner Klinik_]
Aus der „Preis-Aufgabe-Beantwortung“ des bayerischen Medizinalrates
und Aschaffenburger Physikus ~Reuss~ möchte ich folgende Stelle
hervorheben, die uns die Kaltwasserbehandlung der Infektionskrankheiten
in der Berliner Klinik zeigt. ~Reuss~ schreibt: „Dr. ~Ernst Horn~, k.
p. Hofrat und Professor der Klinik an der k. medizinisch-chirurgischen
Militär-Akademie und Direktor der klinischen Lehranstalt im
Charité-Krankenhause zu Berlin hat seine Erfahrungen über die Heilung
des ansteckenden Nerven- und Lazarettfiebers und über die Mittel,
seine Entstehung und Verbreitung von den Lazaretten aus zu verhüten
und sich vor Ansteckung zu sichern, bei dem Antritte des Jahres 1814
in einer besonderen Schrift bekannt gemacht. Die Kranken dieser Art
ließ er bei ihrer Aufnahme in einem Reinigungszimmer, ganz entkleidet,
in einem warmen Bade mit Seife abreiben, reinigen, mit reiner Wäsche
versehen und in die zu ihrer Aufnahme bestimmten hellen und luftigen
Zimmer bringen. Dieses Bad wurde täglich zweimal bis zur Entscheidung
ihrer Krankheit fortgesetzt. War aber der Kopf eingenommen und schwer,
der Kranke betäubt und irre, die Haut heiß und trocken, das Auge
stier, glanzlos und entzündet, so wurde er entkleidet, in eine trockne
Badewanne gesetzt und mit 5 bis 6 Eimern kalten Wassers, jeder zu 4 bis
5 Portionen, über den Kopf und Körper übergossen und dieses täglich
2 bis 3mal wiederholt. Da, wo das Gehirnleiden noch heftiger war,
die Kranken raseten und beständig zitterten, wurden die Sturzbäder
täglich 3mal wiederholt und ihre Wirkung durch das kalte Douchebad
auf den Scheitel noch erhöht. Wenn aber die große Hitze und Trockne
der Haut abnahm und der Patient gegen die Sturzbäder empfindlicher
wurde, die Schwere und Betäubung im Kopfe aber noch fortdauerte, so
wurde er in ein lauwarmes Bad gesetzt und sein Kopf mit eiskaltem
Wasser übergossen. Allen Nervenfieberkranken wurde der Kopf, besonders
die Stirngegend, mit einer in eiskaltem Wasser getauchten und immer
erfrischten Compresse Tag und Nacht bedeckt, und allen, derer Haut heiß
und trocken war, es mochten Peteschen (Petechien) oder keine darauf
sichtbar sein, wurden die heißesten Stellen mit eiskaltem Wasser öfters
gewaschen. Den Vollblütigen wurde anfangs durch Blutegel und später
durch einen Aderlaß Blut abgelassen usw.
Eine wesentliche Bedingnis zur Kur war (wodurch auch die Erzeugung
und Verbreitung des Contagiums dieser Krankheit gehindert wurde) eine
reine und kalte Zimmerluft. Die Zimmer wurden nicht geheizt, und einige
Fenster blieben Tag und Nacht offen.
Die Wirkungen dieser Behandlungsart bewiesen sich, nach Hrn. ~Horn~s
Versicherung, bei den meisten gefährlichen Nervenfieberkrankheiten
sehr günstig, die Entscheidung der Krankheit trat bei den meisten
allmählich, nach dem 9., 11. und 14. Tag ein. Sie dauerte 3–4, 5 Tage,
oft länger, selten wenige Stunden.
Derselbe Arzt empfiehlt in seinem Archiv für medizinische Erfahrung
Heft 2, J. 1812 auch die Anwendung der kalten Sturzbäder bei den Röteln
und dem Scharlachfieber, scheint aber nur bei einzelnen Krankheiten
dieser Art Versuche damit gemacht zu haben“[662].
[Sidenote: _Die Kaltwasserbehandlung in der josephinischen Akademie zu
Wien_]
Zum Schluß seien die Worte eines Schweizer Dorfarztes ~Gabriel Rüsch~
zu Speicher im Appenzellischen aus dem Jahre 1825 angeführt, die
zeigen, daß ein einfacher Landarzt ein ausgezeichneter Beobachter und
tüchtiger Praktiker in der Wasserbehandlung war und diese an der Wiener
Klinik zur Zeit ausgiebig und mit Erfolg angewandt wurde.
[Sidenote: _Rüsch über das kalte und das laue Bad_]
~Rüsch~ schreibt: „Beim Tauchbad begiebt sich der Patient, wenn er bei
gehöriger Einsicht und Kräften ist, selbst einigemal ins Wasser, bis
über den Kopf; widrigenfalls pflegt man ihn auf einem starken, von
vier Männern gehaltenen Leintuch in eine mit Wasser gefüllte Wanne
niederzulassen, eine Minute lang unterzutauchen, den Kopf mit kaltem
Wasser zu begießen, dann wieder empor zu heben, und nach zwei- bis
dreimaliger Wiederholung dieses Verfahrens den Kranken gut getrocknet
in das Bette zu legen. ~Hahn~, einem schlesischen Arzte, haben wir die
Anwendung dieser Methode im Typhus zu verdanken, welche hernach von
~Currie~ in England, von ~Mylius~ in Rußland und seither +von vielen
deutschen Ärzten mit dem größten Erfolg angewandt wurde+. Im Jahr
1817 war ich +täglich+ Zeuge, wie in der +josephinischen Akademie+
zu +Wien+, unter Leitung von ~Kasterlitz~, Typhuskranke, welche
besinnungs- und sprachlos, stöhnend mit starrem Blicke und spröder
Haut, ohne Ausdruck in den Gesichtszügen, als ein Bild des Todes da
lagen, auf das Tauchbad wieder zur Besinnung, Bewegung und Sprache
kamen, wie die Physiognomie heiterer, der Blick lebhafter, der Puls
langsamer und kräftiger, Zunge und Haut feuchter wurden, wie sich
darauf Schlaf, allmählicher Appetit, mehr Kräfte und Wohlbefinden
einstellten, und wie einzig durch diese Methode, zweimal täglich
angewandt, unter Gebrauch von Wein als Getränk, die meisten Kranken
hergestellt wurden. Man suchte dabei die Temperatur des Wassers der
Reizbarkeit des Körpers möglichst anzupassen und vermied sie bei
Brustaffection, feuchter Haut, kritischen Bewegungen, Gefühl von Kälte
und im letzten paralytischen Stadium der Krankheit.
Wo Vorurteile einer solchen einfachen, heroischen Behandlung entgegen
stünden, wo Gegenanzeigen vorhanden sind oder der Typhus nicht den
entzündlichen Charakter hätte, wie bei dem Genius Stationarius
der letzten Dezennien, da möchte wenigstens ~Ficker~s Vorschlag
(Memorabilien der Heilkunde, 2. Bd. 1818. S. 92), bei übriger
zweckmäßiger Behandlung den Körper mit Essig und Wasser zu waschen,
anzuwenden sein, wovon er vortrefflichen Erfolg wahrnahm.
Der Erfolg kühler und kalter Tauchbäder beim Typhus trug viel
dazu bei, daß sie auch bei andern Krankheiten, die sich demselben
annähern, häufig angewandt wurden und zwar mit glücklichem Erfolg,
wie bei hitzigen Wechsel-, Gallen- und Entzündungsfiebern, Scharlach,
Masern, brandiger Bräune, Gehirnfieber der Säufer u. dgl., doch ist
ihre Anwendung hier im Allgemeinen sehr gewagt und noch mehr bei
Brustentzündungen, rheumatischen und catarrhalischen Krankheiten,
Convulsionen der Kinder, bei der Pest, dem gelben Fieber, der
Wasserscheu und dem Tetanus, in welchen letzteren Fällen man auch
zuweilen Genesung, oft aber auch einen plötzlichen Tod erfolgen sah.
Ich verweise hierüber des näheren auf die Betrachtung der kalten und
warmen Bäder, mit welchem ersterm das Tauchbad im Grunde übereinkommt.“
Das laue Bad ist nach ihm angezeigt „bei hitzigen, ansteckenden
Ausschlagskrankheiten, die sich dem Typhus in so vielen Stücken
annähern und in ihren bösartigen Formen auch ein wahres Bild des
Typhus sind, namentlich gegen Blattern, Masern, Scharlach und ihre
Modifikationen. Wenn diese gutartig sind, ist es freilich nicht nötig,
und wo sie einen sehr entzündlichen Charakter haben, da ist kaltes
Waschen im Ganzen dienlicher (als das laue Bad); dagegen ist es von
um so größerem Nutzen (das laue Bad), je schwieriger der Ausschlag
zum Ausbruch kommt wegen Unreinigkeit, Dichtigkeit und Trockenheit
der Haut, je mehr die Krankheitsmaterien sich nach innern Teilen,
namentlich auf die Nerven, wirft und dadurch Unruhe, Angst und
Convulsionen hervorbringt, je mehr die Krankheit sich dem Typhösen
nähert. Wenn der Ausschlag wegen Erkältung zurückzusinken droht,
unterstützt es trefflich die Wirkung gelinder Reizmittel; es befördert
die Abschuppung und verhütet und erleichtert manche Nachkrankheiten,
die oft aller Sorgfalt ungeachtet dennoch erscheinen. Während der
hiesigen Scharlach- und Masernepidemie 1818 und 19 hat mir das laue Bad
unter angegebenen Umständen die vorzüglichsten Dienste geleistet“[88].
[Sidenote: _Die Wasserhahns_]
Der von ~Rüsch~ erwähnte schlesische Arzt ~Hahn~ ist ein Mitglied
der Ärztefamilie ~Hahn~, die den Gebrauch des kalten Wassers in
Deutschland volkstümlich machte. Der älteste der „Wasserhahns“
war der Vater ~Siegemund Hahn~ (geb. 1664, gest. 1742), der über
fünfzig Jahre in Schweidnitz als Arzt tätig war, sich noch in
hohem Alter oft bei ziemlich rauher Witterung kalt badete und sein
„Wasserglaubenbekenntnis“ 1732 in seinem Peterswälder Brunnen,
besonders aber 1737 in der Psychrolusia veteri renovata niederlegte,
die 1738 wieder vermehrt aufgelegt wurde[670]. Nach ~Küchenmeister~
führte sie den Titel „Psychroluposia vetus renovata, jam recocta.
Wieder aufgewärmt Alt-Kalt Bad und Trinken, Schweidnitz 1738“[671][J].
[Sidenote: _Theden_]
Der „alte“ ~Hahn~ war von großem Einfluß auf den späteren preußischen
Generalchirurgen ~Theden~, dem er, wie dieser selbst erzählt, freien
Zutritt und seine schriftlich gesammelten Bemerkungen zu lesen erlaubt
hatte. ~Theden~ war damals Esquadronfeldscher beim Buddenbrockischen
Kürassierregiment in Schweidnitz, und als 1742 ein Unteroffizier nach
Beschneiden eines Leichdorns an Blutvergiftung bedenklich erkrankte,
wandte er sich in Abwesenheit des Regimentsfeldschers an ~Hahn~ und
behandelte den Kranken nach dessen Rat. „Ich ließ einen Eimer frisches
Wasser aus dem Brunnen ziehen, tauchte das Betttuch darein, und ließ
solches um den Fuß und Unterleib schlagen; der Patient schrie gewaltig,
und ich zitterte gleichfalls wegen des Ausgangs und Folgen der Kur.
Nichts destoweniger wiederholte ich, nach der Verordnung, das kalte
Umschlagen, so bald nur das Tuch warm ward; der Kranke fing an, es
besser zu vertragen, und nach einer Beschäftigung von drei Stunden mit
dieser Arbeit nahm die Röte und Geschwulst ab; es erfolgte ein ruhiger
Schlaf und Schweiß, und am Abend desselben Tages war aller Geschwulst
weg, und ein Fuß wie der andere, ohne alle Schmerzen; dennoch fuhr ich
bis zum folgenden Morgen mit Umschlagung des kalten Wassers fort“[611].
[Sidenote: _Johann Gottfried de Hahn_]
Am meisten wurden ~Hahn~s Söhne vom Vater beeinflußt, von denen
der zweite, ~Johann Gottfried de Hahn~, praktischer Arzt zu
Breslau und Adjunkt der Leopold. Carolin. Akademie, der 1754 über
die Kaltwasserbehandlung einer Faulfieberepidemie in Breslau
berichtete[671], weniger hervortrat als der ältere Sohn ~Johann
Siegemund Hahn~ (1696–1773), praktischer Arzt zu Schweidnitz, der des
Vaters und seine Lehren im „Unterricht von Krafft und Würckung des
frischen Wassers“ zusammenfaßte[670], welcher zu Lebzeiten ~Hahn~s in
wenigstens sechs Auflagen erschien[K].
[Sidenote: _Die Lehre des alten Hahn_]
Da ich das Buch von ~Hahn~, dem Vater, nicht erhalten konnte, gebe ich
einen Auszug von ~Küchenmeister~ wieder. „Das Wasser zum Trinken, zum
Waschen und Baden, meistens frisch, selten lau, dient im Sommer und
Winter, in der Nacht, wie am Tage, Gesunden, vornehmlich aber Kranken.
Gesunde können kalt trinken beim Aufstehen, unter und zwischen dem
Essen, beim Schlafengehen und nachts; wenigstens sollte man es morgens
und abends thun. Nach ~Hippokrates~ mache Wassertrinken Appetit,
„gefräßig“. Manche werden dadurch verstopft, manche bekommen Stuhl,
wie z.❆B. auch durch Auflegen von Eis auf den Bauch oder durch Setzen
der Füße auf einen naß gemachten Marmorfußboden. — Noch mehr haben
es Kranke, mehr in hitzigen, als langwierigen Fiebern nötig, frisch,
überschlagen, in der Rekonvaleszenz lau. Waschen soll man sich beim
Aufstehen, man schwitze oder nicht, aus einem mit recht frischem
Wasser gefüllten Becken zuerst das Gesicht und das ganze Haupt mit
flachen Händen, dann mit dem eingetauchten Schwamme über Arme, Brust,
Rücken, Bauch und den ganzen entblößten Körper fahren, in die auf die
Seite gewendeten Ohren den Schwamm drücken, auch das Wasser in die
offenen Augen strömen lassen. Dann trockne man sich ab und kleide
sich oberwärts an, während man den Mund mit frischem Wasser ausspült
und das übrige durch die Nase zieht. Hierauf müssen auch die Schenkel
ins Becken. Dieses Kaltwaschen und Trinken nannte ~Hahn~ die „kleine
Gerätschaft, petit apareil“.
Die „große Gerätschaft, grand apareil“ besteht in Folgendem. Man setzt
sich so tief man kann in die Kühlwanne und trocknet sich alsdann ab.
„Dies mache ihn so warm beim Ankleiden, daß er ihn im Winter sogar
nicht ebenso sehr zum Einheitzen nöthige.“ Hat er sich oben wieder
angekleidet, geht er zum Fußwaschen über, und je länger man seine Füße
bis zu den Knöcheln ins Wasser setzt, um so gelenker werden die Glieder.
Die „höchste Gerätschaft, haut apareil“ ist das Baden des ganzen
Menschen. Da dies in Fluß und See nicht immer geht, nahm ~Hahn~ eine
kupferne Wanne, zehn Ellen im Durchschnitt weit, fünf Ellen hoch,
dreißig Ellen im Umfang, die zweitausend Bath faßte (also etwa eine
Braupfanne), voll frischen Wassers, stellte sie in den Hof unter ein
Zelt, ließ, wenn es den Leib wärmte, kaltes Wasser nachgießen und
kühlen, und setzte sich bis an die Achseln hinein, darinnen mit den
Händen arbeitend. „Stützt man sich auf die Arme, so fährt man auf und
nieder; hält man sich zum Füßen an den Rand der Wanne, so zieht und
schwimmt man fürwärts, und von dannen wird wieder abgestoßen, dahin
gefahren, wo zuvor gesessen.“ Bei solchen Bewegungen, die den ganzen
Körper unter Wasser setzen, schlagen die Wellen über den Kopf zusammen.
„Wer sich ein paar hundert Mal in der Wanne auf- und abzieht, wird über
keine Kälte des Bades zu klagen haben.“ Man bleibe eine viertel oder
eine halbe Stunde nach Belieben darin, „man erfriert sich nichts“[671].
[Sidenote: _Johann Siegemund Hahn der Jüngere_]
Das Buch des Sohnes ~Johann Siegemund Hahn~ übertrifft in seiner
derben, volkstümlichen Sprache alle vorausgegangenen populären
Schriften über Wasseranwendung, auch die des von ihm so oft angeführten
~Floyer~. „Was meine gebrauchte Schreib- und Lehr-Art betrift,“
sagt er, „so glaube ich, es sey jedweden erlaubt zureden, wie ihm
der Schnabel gewachsen, und sich in seinem Vortrag einer Ordnung zu
bedienen, die seinem Genio am gemäßesten ist“. Hier als Beispiel
die Behandlung des Hauptwehs. „Wenn das Dach anhebt zu glimmen, kan
man es oft mit einem nassen Sacke dämpffen, aber wenn die Flammen
heller lichter Loh ausbrechen, muß man die beständig gießende Spritze
gebrauchen: Also auch wird eine angehende geringe Hitze und daher
kommender Schmertz der Schwarte meistens mit etlichen frischen
Umschlägen von schlechtem Wasser gehoben; allein wenn der gantze Kopff
schon so hefftig brennt, daß er wie die glüenden Dach-Ziegel in Stücken
zerspringen möchte, so müssen wir immer mit kühlem Wasser drauf loß
gießen, oder sich dasselbe gar, von einem Spring-Brunnen eine halbe
Stunde lang über das Haupt lauffen lassen“ (Abb. 156).
[Illustration: Abb. 156. Titelkupfer zu: ~Hahn~, Unterricht von Krafft
und Würckung des frischen Wassers. Breßlau u. Leipzig, 1745.]
[Sidenote: _Johann Siegemund Hahns Unterricht von Kraft und Wirkung des
frischen Wassers_]
Die Formen, in denen ~Hahn~ neben dem Trinken das kalte Wasser
gebrauchte, waren Waschungen, Umschläge, Bäder, Duschen oder
Übergießungen. (Unter besonderen Umständen nahm er das Wasser auch
„überschlagen“.) Von den Lähmungen sagt er, sie mögen von Krämpfen
oder einem Schlagfluß herrühren, „so wird nöthig seyn, nicht nur
bloß die um ihre Bewegung gebrachten Glieder, sondern auch besonders
das Haupt und Genicke, als wo die beyden Übeln angegriffnen Nerven
entspringen und auch deren Verstopfung oder Irritation gemeiniglich
den Anfang nimmt unbesorgt frisch zu waschen. Kan man den gelähmten
Theil gar ins Bad setzen, so ist es noch besser, am allerbesten aber
thut die Embrocation, da man das Wasser (aber nicht, wie sonst dabey
gewöhnlich, warm, sondern gantz frisch) von einer gewissen Höhe auf
das mit hiezu verfertigten Schwamm-Kappen verwahrte Haupt und die mit
leinen Tüchern umgebne (oder auch gantz nackte) Glieder eine Weile
herab träufelt oder gießet; denn da darf man nicht besorgen, daß, wie
vom allzu langen Verweilen im Baden geschehen könnte, eine gar zu
heftige Abkühlung und Auslöschung der natürlichen Lebens-Wärmde davon
entstehen würde, sondern die beym Angießen vorgehende starcke Bewegung
und Andrückung des Wassers wird vielmehr auch den erstarrten Gliedern
eine angenehme Erwärmung verschaffen, und über dieses auch Ursache
seyn, daß die angebrachten Feuchtigkeiten desto tiefer durch die Haut
hinein dringen, und geschwinder und nachdrücklicher werden würcken
können. ~Hippokrates~ sagte daher schon, daß das viele Übergießen mit
frischem Wasser die Wärmde wiederbringe, die Wärmde aber heile den
Krampf und Steifigkeit des Genickes, lindre die Convulsiones. Wird aber
irgendswo Zeit und Gedult erfordert, so ist es bey diesen Zufällen und
ihrer Cur, welche nicht Tage, sondern Monate, ja oft Jahre erfordert,
vonnöthen; denn selten wird ein solcher Patient, wie neulich erst
einem von heftigem Reißen gelähmten 20 jährigen Menschen vom frischen
Waschen wiederfahren, innerhalb 8 Tagen restituirt. Doch wenn man bald
Anfangs, da der reißende Schmertz sich wittert, dem kürtzlich von einer
vornehmen Dame einigen ihrer angefallnen Unterthanen gegebenen Rathe zu
folge, die wehthuenden Glieder eine halbe Stunde lang unter der Pumpe
mit frischem Wasser überlaufen ließe, so würde man so wohl als diese
den Anfall bald abwenden, und so gar der Contractur zuvor kommen.“
Aus dieser Schilderung geht hervor, daß ~Hahn~ den Kollaps bei zu
langem kalten Baden kannte[L], daß er aber auch, wie schon sein
Vater, wußte, durch kaltes Wasser lasse sich eine angenehme Erwärmung
des Körpers hervorbringen. Übrigens hat er sein sechstes Kapitel
überschrieben: „Des frischen Wassers Kraft die erkälteten Glieder
wieder zu erwärmen.“
Außer Infektionskrankheiten behandelte ~Hahn~ namentlich chirurgische
Erkrankungen, Wassersucht, Lähmungen, Gicht, englische Krankheit und
Hautkrankheiten. Vor allem lag es ihm daran, im Volke bestehende
Vorurteile zu beseitigen, so den Glauben „alter Weiber“, die Rose dürfe
man nicht netzen, die Annahme, durch kaltes Waschen könnten böse Säfte
zurückgetrieben werden oder beim Haupte gar ein Schlagfluß erfolgen.
Er wies auch darauf hin, daß da, wo das Volk das kalte Wasser in
Verbindung mit einem Aberglauben schon gebrauchte, es auch ohne diesen
wirke. „Einige mischen statt der Artzeney (die ~Hahn~ zuweilen gab) ein
wenig Aberglauben mit zur Cur, wie diejenigen, welche davor halten,
die Krätze könne vom kalten Baden nicht vergehn, wenn solches nicht am
Charfreytage geschähe. Ein mit dergleichen Aberglauben so starck als
mit der Krätze behaffteter Mann und 2 Weibs-Personen verfügten sich an
einem Char-Freytage in den Bach, der etliche hundert Schritte von ihrer
Wohnung entfernt war, badeten darinnen in ihren Hemdern, welche sie
anbehielten, giengen also ungetrocknet nach Hause, legten sich zu Bette
und wurden völlig rein; da hieß es nun wohl nicht, dein Glaube, sondern
allein das Wasser hat dir geholffen.“
[Sidenote: _Scheuchzer / Hofmann / Johann Siegemund Hahns Unterricht_]
Ferner trat ~Hahn~ der herrschenden Mode entgegen, in Mineralbäder
auch in Fällen zu ziehen, wo das einfache kalte Wasser ebenso oder
besser wirkte. Seine Stellung zu den Mineralbädern ist schon durch den
Titelholzschnitt seines Buches (Abb. 156) gekennzeichnet; denn die
Unterschrift stellt nichts anderes als eine Verhöhnung derunter dem
Namen der Amusements de N. N. erschienenen Badeschriften dar. Übrigens
hatten schon der Züricher Stadtarzt ~Scheuchzer~ und der hallische
Professor ~Hofmann~ (den ~Hahn~ auch anführt) darauf hingewiesen, daß
die Wirkung der Mineralbäder in erster Linie dem Wasser zukomme und
zahlreiche sogenannte Mineralbäder sich in nichts vom gemeinen Wasser
unterschieden[383]. ~Hahn~ sagt: „Nebst diesen ist noch zu erinnern,
daß diejenigen, welche das frische Wasser-Trincken als eine schädliche
Sache verwerfen, sich öfters mit der That selbst widersprechen,
indem ja die meisten derselben ihre Patienten, auch in solchen
Zufällen, da eben keine sonderliche Hitze, eine außerordentliche
Abkühlung erfordert, in die Brunnen reisen und sich daselbst das
kalte mineralische Wasser in großer Menge bis zum Schauer eingießen
lassen. Hat denn dieses weniger Kraft zu erkälten, als das sogenannte
schlechte. Ich dächte, jenes sauren Spiritus, (dergleichen ich aus
dem Pyrmonter-Brunne per simplicem destillationem seines Saltzes in
retorta, selbst heraus gebraucht,) vitriolische und Salpeterhafte
Theilgen, so mit ihm vermischt sind, solten es eher kühlender machen,
als das, so mit dergleichen nicht beladen ist. Doch mineralische Wasser
heißen Gesund-Brunnen, darum müssen sie ja gesünder seyn, als die, so
diesen Namen nicht führen; das andre nennt man gemeines, ja gar, in
Ansehung der itzt gemeldeten, wildes Wasser, daher muß es auch geringe
Würckung haben und nur vor wilde Bestien, nicht aber vor vernünftige
Menschen gehören. Zwar wollen wir immerhin mit den Thieren (so die
mineralische Wasser kaum bey dem heftigsten Durste trincken mögen),
schlecht Geträncke genießen, wenn wir nur auch mit ihnen frisch und
gesund leben können, ohne uns zu bekümmern, ob andre, die nichts, als
was seltsam ist, hochachten, dadurch ihre Gesundheit verkünsteln. Mir
scheinet es wenigstens sehr wahrscheinlich, daß, da die mineralischen
Wasser meist in unwegsame Örter relegirt sind, solches eine vorsichtige
Behutsamkeit des allerweisesten Schöpfers andeute, welcher gewolt, daß
solche Brunnen schwer zu finden und zu erreichen seyn, damit nicht
die Menschen sich derselben ohne Unterscheid und genugsamen Vorsicht
bedienen und sich dadurch Schaden zuziehen möchten, wie denn auch
die verständigen Liebhaber mineralischer Wasser gestehn müssen, daß
dieselben mit kluger Vorsicht müsten gebraucht werden, weil sie sonst
schädlich seyn würden, wie selbst vom berührten Achner Gesund-Brunn
der Auctor des Zeitvertreibs bey den Wassern zu Achen pag. m. 175.
gestehet, daß wer sie ohne Vorbedacht genießet, sich vielen Zufällen
unterwerfen würde. Julii Caesaris sonst gesunde Armee fiel auf einen
mineralischen Brunnen, und wurde davon in kurtzer Zeit räudig. Genung,
wir glauben wenigstens mit dem gemeinen kalten Wasser eben so viel, wo
nicht mehr Gutes in allerley Kranckheiten auszurichten, als man von
dem andern nur immer erwarten mag. Und ich glaube gar gerne, was ein
guter Freund muthmaste, nemlich, wenn die gantze Welt voll bittrer
und Sauer-Brunnen, aber nur ein eintziger süßer Quell im äußersten
Monomotapa zu finden wäre, so würde man vor eine kleine Bouteille
von diesem gantz willig mehr denn einen Ducaten bezahlen. Aber weil
schlecht Wasser überall fleußt, und weil es umsonst zu haben, so meynt
man, daß es auch von schlechter Kraft seyn müsse, und man setzt also
ein größer Vertrauen auf solche Sachen, welche schwer und mit großen
Kosten zu erlangen sind, und welche mit vieler meist unnöthigen Mühe
erst zusammen gesetzt und mit großprahlenden Titeln belegt worden. Der
ehrliche ~Lucanus~ sucht uns vernünftigere Gedancken beyzubringen, wenn
er schreibt: discite quam parvo etc.