5 bis 8 Uhr, zu einem Spaziergang vor die ganze Gesellschaft; wenn aber

wider alles Erwarten ein Regen einfiele, so könnte aus Desperation

gespielt werden. 8 bis 9 Uhr Nacht-Essen. Von 9 bis 11 Uhr, wäre

der Tag mit einem Ehren-Tänzlin, oder einer andern angemessenen

Ergötzlichkeit zu beschliessen. Um 11 Uhr sollen alle und jede sich

in das Bett verfügen, und eine allgemeine Stille regieren, besonders

wenn sich Jemand unter den Baad-Gästen nicht wohl befinden thäte. —

Das particulare Gesundheit-Trinken solle aussert dem generale über

Tisch gänzlich abgethan, doch einem jeden wohl erlaubt seyn, seinen

Nachbarn in der Stille einen Trunk zuzubringen. In denen Gemächern

sowohl als in dem Baad solle man so wenig als möglich Geräusch machen,

damit die Nachbaren nicht beunruhiget werden. Sollte auch jemand

durch einigen Zufall überfallen werden — das Wasser von Schauenburg

wirkte nämlich, wie ~Bruckner~ meldet, „verdinnernd“ — der ihne,

es seye bey Nacht oder in der frühen Morgen-Zeit, aus dem Gemach

zu gehen nöthigen würde, so wird eine anständige Stille ebenfalls

bestens anbefohlen, welche auch von der Herrschaft ihrem Gesinde soll

eingeschärft werden; in dieser Zeit aber sollen die hölzernen Absätz

an Schuen und Pantouffeln gänzlich verbotten seyn. Alle Ohrenbläser,

Sonderling und Murrolfen sollen gänzlich von hinnen verbannisirt seyn;

es seye dann Sach, dass sie Besserung versprechen. — Weilen der

ganzen Ehren-Compagnie daran gelegen, dass Sie weder zur Nachtzeit

noch an der Tafel, durch Hunde nicht beunruhiget werden, als solle

ein jeder Ehren-Gast, welcher solcher Thieren mitbringet, gehalten

seyn, selbige an gehörigem Ort verwahren zu lassen. — Was die Strafe

dieser Anordnung anbelanget, so könnte der Uebertretter derselben am

Geld, das Frauenzimmer aber am Leib abgestraft werden, welches aber

billichermassen der Ehren-Compagnie zur Decision überlassen wird.

Desgleichen, wenn ein Mann seiner Frauen, oder eine Frau ihrem Mann,

innert ersten 8 Tagen keinen Besuch abstattet, solle jeder Parthey frey

stehen, sich anderwärts Rath zu schaffen.“ Da Neu-Schauenburg wie Dr.

~Rudolf Wackernagel~, der Herausgeber dieses Reglements, bemerkt, als

„ein höchst heimeliges Burgerbädlein unserer lieben alter Basler“ galt,

das weder wegen der Heilkraft des Wassers, noch wegen Zudrangs der

Schöngeister berühmt war, wie Schinznach, so ist auch natürlich, daß

die Kurgäste „nach der Ordnung ihrer Ankunft ihren Platz an dem Tisch

bezogen“[38].

[Illustration: Abb. 151. Der Brunnenplatz zu Pyrmont mit dem

Trinkbrunnen (dem Kuppelbau rechts) und dem vor ihm liegenden

Badebrunnen. Kupfer nach Weitsch von Geyser. Aus: ~Marcard~,

Beschreibung von Pyrmont. Leipzig, 1784.]

Daß sich in den bürgerlichen Bädern Leute von einigem Stande von den

übrigen Kurgästen absonderten, braucht nicht weiter hervorgehoben zu

werden. Zu Baden im Aargau mieden im 18. Jahrhundert die Badegäste

aus vornehmen Kreisen die gemischte Gesellschaft auf der Matte, jenem

schon oft erwähnten uralten Vergnügungsplatze, und zogen vor, ihr

Morgenstelldichein an einem runden steinernen Tische, dem Täfeli beim

Hinterhofe vor den Ställen des Federviehs zu halten (Abb. 149)[32].

Aber nach der Revolution (1797) wurde es einsam am Täfeli, und die

Matte kam wieder zu Ehren (Abb. 150)[315].

[Sidenote: _Die alten berühmten Bäder gehörten anfänglich nicht zu den

Luxusbädern_]

[Sidenote: _An Stelle der Badekur war jetzt die Trinkkur Mode_]

Unter den Luxusbädern vermißt man den größten Teil der im Mittelalter

berühmt gewesenen Bäder, und das hatte mehrere Gründe. Die Lage der

alten Wildbäder verhinderte deren Ausdehnung. Neue Bauten ließen

sich wegen Platzmangels schwer errichten, und die alten, mit großen

Kosten hergestellten konnten ohne längeres Aussetzen des Betriebes

höchstens um-, nicht neugebaut werden. So findet man vielfach Klagen

über ungenügende Einrichtungen, z.❆B. im Wildbad, in Pfäfers, in Baden

in der Schweiz. Von Leuk schrieb ein Berner im 18. Jahrhundert, daß

für die Gäste wenig gesorgt werde, die Gebäude schlecht (Abb. 97),

das Ameublement häßlich, die Tafel nicht sonderlich und die Preise

teuer seien[675], und ~Goethe~ wußte bei seinem dortigen Aufenthalte

1779 vom Besuch eines Heeres hüpfender Insekten zu berichten, daß er

am andern Morgen aussah, als hätte ihn die Nesselsucht befallen[38].

+Der Hauptgrund des Aufkommens neuer Bäder an Stelle der alten lag

aber darin, daß statt der Bade- die Trinkkur Mode der vornehmen Welt

wurde.+ Darum rechnete Baden-Baden im 18. Jahrhundert noch nicht zu

den Luxusbädern. Es kam erst durch den Rastatter Kongreß (1797) in

Aufnahme, galt dann als das billigste der größeren Bäder und war nach

~Wetzler~ (1817) das einzige, wo der Gast nicht geprellt wurde[370].

1810 kannte man als alleiniges Vergnügen der Badegäste die gemeinsame

öffentliche Tafel[405]. So wird verständlich, wenn alte Badegebräuche,

wie Morgensuppe, Badgericht verschwanden, die an das Wasserbad geknüpft

waren und zur Unterhaltung, namentlich der vornehmen Gesellschaft,

während des stundenlangen Einsitzens dienten.

[Illustration: Abb. 152. Ansicht des Markts zu Spa und des Brunnens

Pouhon. Kupfer aus: Les Amusements de Spa or, the galanteries of the

Spaw in Germany. London, 1745.]

[Illustration: Abb. 153. Aachen 1727. De Groote Vergaader-Plaats van

alle gebrekkelyke Menschen, die sig na de Fonteinen begeeven om de

Wateren te Drinken. Kupfer aus: ~Blondel~, Beschryving van de Stad

Aken. Leiden, 1727.]

Karlsbad erstand nach dem Brande von 1759 fast nur als

Trinkkurort[347]. Zu Pyrmont gab es im 18. Jahrhundert für vornehme

Leute keine öffentlichen Badeinrichtungen, man mußte das Wasser in

die Wohnungen holen lassen[342]. Man trank zumeist den alten heiligen

Brunnen (Abb. 151). In Spa (Abb. 152) wurde im 17. Jahrhundert nur

getrunken, wegen Verlustes der Kohlensäure beim Erwärmen des Wassers

verzichtete man auf die Verwendung zum Bad[F]. Zum Ärger der Spaer

Ärzte führte ~Blondel~ in Aachen zur Bade- die Trinkkur ein, was ihm,

nebenbei bemerkt, den Titel „Thermopotationum institutor“ (Abb. 119)

eintrug. Welch bewegtes Leben sich dort im 18. Jahrhundert am frühen

Morgen bei den Brunnen entwickelte, zeigt Abb. 153.

[Illustration: Abb. 154. Der Spaziergang bei den Brunnen zu Aachen.

Aus: Amusements des eaux d’Aix la Chapelle, oder Zeitvertreib bey den

Wassern zu Achen. Berlin, 1737.]

[Sidenote: _Pyrmont / Spa / Aachen / Karlsbad_]

[Sidenote: _Die Luxusbäder_]

Pyrmont wird von ~Schiller~ neben Karlsbad als glänzendstes der Bäder

erwähnt[677].

Nach ~Zückert~ waren 1768 Karlsbad, Pyrmont, Eger und Spa am

besuchtesten[343]. Als Luxusbad ersten Ranges galt Langenschwalbach.

1711 waren elf fürstliche und fünfzehn gräfliche Personen

anwesend[387]. Von kleinen Bädern rechnete sich Brückenau im

Fuldaischen gegen Ausgang des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts

zu den vornehmen, und dessen Badearzt ~Zwierlein~ war unausgesetzt

bemüht, das Bad als ersten Kurort hinzustellen. Als teuerstes Bad galt

(1798) Freienwalde, wo sich der brandenburgische, mecklenburgische und

pommersche Adel trafen. Durch die Kriege am Rhein verlor Schwalbach im

18. Jahrhundert seine Bedeutung als Luxusbad, Spa durch die Revolution,

während Pyrmont infolge derselben den französischen Adel samt Hof

öfters zu Gaste bekam, bis es auch im 19. Jahrhundert des Titels eines

Luxusbades verlustig ging.

[Illustration: Abb. 155. Die „Allee“ in Pyrmont. Kupfer nach Weitsch

von Geyser. Aus: ~Marcard~, Beschreibung von Pyrmont. Leipzig, 1784.]

[Sidenote: _Einteilung des Tages in den Trinkbrunnen_]

Wie eben angedeutet wurde, trank man das Mineralwasser am Morgen. In

Spa trafen 1735 die ersten Gäste schon um vier Uhr in Schlafkleidern

beim Brunnen von Pouhon ein, und gegen neun Uhr ging man in die

Herbergen, um sich anzukleiden. Die Zwischenzeit wurde mit Trinken

und zur guten Verdauung des genossenen Wassers mit Spazierengehen

zugebracht[404]. In Aachen gab es für letzteren Zweck einen besonderen

Spazierplatz (Abb. 154), bei Regenwetter wandelte man unter Galerien

(Abb. 110), und zuweilen wurden (1737) die Trinkgäste von der Stadt

mit Musik beehrt[263]. Außerdem traf die Kurgesellschaft noch zu

bestimmten Zeiten einige Male am Tage zusammen. In Spa besuchte man

um vier Uhr den Garten der Kapuziner oder die Vieruhrwiese, um sieben

die Siebenuhrwiese[404]. Pyrmont hatte seine herrliche „Allee“ (Abb.

155), eine von Baumreihen begleitete Straße, die anscheinend für andere

Kurorte mustergültig wurde; denn die „Allee“ spielte in Bädern, die

sich für vornehm hielten, eine größere Rolle als der Kurgarten. Dort

schritten Damen und Herren würdevoll auf und ab, ihre Kleider spazieren

führend, die Damen in großer Toilette, die Herren in nicht weniger

ausgesuchtem Anzuge, Militärpersonen in voller Uniform.

[Sidenote: _Die Kleiderpracht_]

War angeblich in Karlsbad kein steifer Etiquettenzwang, so liebten

die Damen doch eine öftere Änderung des Anzuges am Tage, viele

sah man viermal die Toilette wechseln (1797), und bestand auch

keine Verordnung, die einfach und reinlich gekleideten Damen das

Spazierengehen unter den Kurgästen daselbst verbot, soll es doch

vorgekommen sein, daß sie an der anderen Seite des Flusses gehen

mußten, wenn sie den Anzug nicht ändern wollten (1798).

[Sidenote: _Badeuniformen_]

Gegen den Putz und die Kleiderpracht wurde von Brückenau aus ein Kampf

oder, wohl richtiger gesagt, ein Scheinkampf eröffnet. ~Zwierlein~

machte 1788 den Vorschlag zu einer allgemeinen Badeuniform für Damen,

die elegant, bequem und nicht kostbar sein sollte. Er glaubte an die

Verwirklichung seines Planes, weil in Aachen, Pyrmont, Wiesbaden,

Schlangenbad, Karlsbad, Brückenau usw. adelige Damen häufig mit

ihrer Hofuniform auskämen, vergaß aber dabei, daß diese nicht ohne

eine bestimmte Absicht getragen wurde, wobei die Damen vom Hofe das

Angenehme mit dem Nützlichen verbanden. 1791 schlug im Brückenauer

Bad im Anschluß an ~Zwierlein~s Veröffentlichung „eine teutsche

National-Versammlung von Gräfinnen und andern Damen vom ersten Range“

ein bestimmtes Kleid in der Erwartung vor, daß die Herren so galant

und gefällig sein würden, eine Uniform in den gleichen Farben zu

tragen. Die Brückenauer Nationalversammlung erinnerte aber in derselben

Bekanntmachung daran, daß ihr Vorschlag nicht dahin aufzufassen sei,

als sollten die Damen nichts als diese Kleidung tragen. Wer wollte es

wagen, der Damen-Toilette Gesetze zu geben, ihrem Geschmacke Fesseln

anzulegen? So waren denn wohl die Uniformen mit ihren Abzeichen

à la Spa, Karlsbad, Brückenau, Pyrmont nur darauf berechnet, der

heimatlichen Nachbarschaft zu zeigen, in welchem vornehmen Kurorte man

die Saison zugebracht hatte. Im übrigen vertändelten die Damen weiter

den Morgen mit der Toilette und erschienen nach dem Frühstück in vollem

Glanze. Den Nachmittag brachten sie in steifem Putze ohne Bewegung zu

und saßen meistens mit den Karten oder dem Strickzeuge in der Hand wie

angenagelt auf ihren Stühlen. Abends wurde in schweren Kleidern mit

möglichst enggeschnürter Brust getanzt (1788), und am nächsten Morgen

erschienen dieselben Damen (in Karlsbad 1799) unfrisiert, oft noch in

Wickeln oder doch in Schlafhäubchen in offenen englischen Schlafröcken

mit umgehängtem Schal beim Brunnen.

Fremde kennen lernen, spielen (und zwar meist Hasard), sich zerstreuen,

das war die Losung in den Luxuskurorten, und die meisten Gäste tranken

weder Wasser, noch badeten sie.

Ernster als die Vorschläge der Damen von Brückenau zur Beseitigung der

Übelstände im Badeleben sind Äußerungen aufzufassen, die ländliche

Einfachheit als Voraussetzung eines wahren Kur- und Erholungsortes

priesen. So empfahl eine Frau Tourte-Cherbuliez 1793 Grindelwald aus

dem Grunde, weil man dort weder „Piano’s, noch Harfen, weder Karossen,

noch Teppiche, weder Vorhänge aus Mousseline, noch Wachslichter, noch

Operntoiletten finde“[38]. „Warum auf dem Lande nicht ländlich?“,

schrieb ein Ungenannter im Journal des Luxus und der Moden 1788.

„Wie viele ziehen nicht regelmäßig entweder nach dem Bade oder aufs

Land, und auch da leben sie wie innerhalb der Stadt-Mauern! Was der

Patient um der Genesung, was der Geschäftsmann um der Erholung willen

thut, das thun sie bloß, weil es Andere thun, aus Nachahmung, aus

Gewohnheit.... Lohnt sichs auch alsdann der Mühe, den Haushalt zu

ändern, das Gerät einzupacken, vier und sechs und mehr Stunden in dem

Wagen gefangen zu sitzen, sich mit Beschwerlichkeit anderswo nieder

zu lassen, blos um sagen zu können: Wir ziehen aufs Land, wir kommen

vom Lande zurück? Solche Leute führen die Stadt mit sich aufs Feld,

coelum, non animum mutant. Nicht belauschen sie am buschigten Ufer

die Liebesklagen der Nachtigall; nicht begrüßen sie auf der waldigten

Anhöhe die erwachende Sonne; ohne sie geht der Mäher auf die Flur

und der Winzer ins Traubengebirg. Sie gähnen am Fenster oder vor der

Türe, und mit sehnsuchtsvoller Ungeduld harren sie auf das Rollen des

Wagens oder auf die Staubwolke von Pferden, die irgend einen neuen

Ankömmling verkündigen. Dann wird mit ebenso viel steifem, ängstlichem

Ceremoniell, wie in der Stadt, die Tafel gedeckt; eben so langweilig

setzt man sich dann zum traurigen Spieltische.“ Im Gegensatz dazu rühmt

der Verfasser die liebenswürdige Gesellschaft zu Baden im Aargau, mit

der er die Freuden der Weinlese genoß, Berg und Tal durchstreifte und

an der St. Michaelsherbstfeier unter Winzern und Winzerinnen teilnahm,

wo in gleichen Reihen Dorfnymphen und Damen, Gebieter und Diener

tanzten[678].

[Sidenote: _Reformvorschläge / Prießnitz_]

[Sidenote: _Reaktion gegen die Kaltwasserbehandlung_]

Eine eingreifende Änderung der unnatürlichen und ungesunden Zustände

im Badeleben kam erst durch das Auftreten von ~Vincenz Priessnitz~

zustande, das in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts fällt.

Welches Verdienst hat sich der Bauerndoktor auf dem Gräfenberge

erworben, um als ein Grenzpfeiler im deutschen Badeleben zu gelten?

Die Ärztegegner betrachten ihn als Gründer der Hydrotherapie, als

Erfinder eines ganz neuen Heilverfahrens mit dem kalten Wasser[634].

Es geht aus dem Vorhergehenden zur Genüge hervor, daß diese

Anschauung eine falsche ist, daß die Verwendung von gewöhnlichem

Wasser und auch von kaltem vor ~Priessnitz~ in Gebrauch war, daß

Ärzte unter Hinweis auf alte Volksgebräuche das kalte Wasser in den

Heilschatz aufnahmen. Im besonderen war die Kaltwasserbehandlung der

akuten Infektionskrankheiten hoch entwickelt, nicht minder die der

Nervenkrankheiten, zweier Gebiete, welche heute noch eine hervorragende

Rolle in der Hydrotherapie spielen. Die übertriebene und ausgeartete

Kaltwasseranwendung hatte im 18. Jahrhundert sogar schon, wie wir

sahen, eine Reaktion hervorgerufen, ja man war — wie in unseren Tagen

— noch weiter gegangen und hatte darauf hingewiesen, daß der Mensch

doch eigentlich nicht im Wasser, sondern in der Luft lebe und eine

Luftbehandlung die naturgemäßere sei. So erschien in ~Lichtenberg~s

Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte (dritter

Band, viertes Stück) ein Aufsatz über die unmittelbare Wirkung der Luft

auf die Oberfläche des menschlichen Körpers, den ich nach dem ersten

Bande von ~Rahn~s Archiv vom Jahre 1787 wiedergebe.

[Sidenote: _Luftbäder_]

Wie der Fisch im Wasser — wird darin ausgeführt —, so lebt der Mensch

beständig umgeben von einer anderen Flüssigkeit, der Luft. Das Bad in

dieser ist vielleicht unserem Körper noch angemessener als das kalte

Wasserbad. Man kann es ohne allen Aufwand so oft wiederholen, als man

es für gut befindet; es besteht darin, daß man den entblößten Leib der

atmosphärischen Luft zur unmittelbaren Berührung darbietet. Man hat in

unseren Zeiten all die Übel empfunden, welche mit einer weichlichen und

verzärtelten Erziehung verbunden sind, und man verfällt deshalb in die

entgegengesetzte Ausschweifung und badet Kinder zu allen Jahreszeiten

in kaltem Wasser, ohne auf die ihnen eigentümliche Beschaffenheit des

Körpers zu sehen. ~Galen~ tadelte die alten Deutschen, weil sie ihre

Kinder gleich nach der Geburt einer so harten Tauchung aussetzten,

und das Luftbad ist wirklich ein viel sanfteres und der Natur mehr

angemessenes Mittel, ebendenselben Zweck zu erlangen. Die +Wirkung+

der +Luft+ und die vom +Licht der Sonne+ sind vielleicht die ersten

Beförderungsmittel der Gesundheit und der Lebhaftigkeit. Die Natur

bietet uns an allen Orten Luft, Sonnenlicht und freie, mäßige Bewegung

unserer Gliedmaßen dar, und in der Tat hat auch beständig die Diätetik

dergleichen Mittel für chronische Krankheiten empfohlen, und von diesem

darf man nicht fürchten, was die Freunde des Magnetismus von den

Arzneien behaupten, daß sie tötend und zerstörend wären[635][G].

Auch der Tübinger Professor ~Ploucquet~ sagt 1798, kalte Bäder in der

Badewanne seien für den Gesunden kaum auszuhalten, und noch weniger

für kranke, geschwächte Personen geeignet, denen man noch vor kurzem

aus der falschen Hypothese, die tierische Faser müsse stringiert

werden, sie geradezu verordnete und oft genug die Unbefolgbarkeit des

Vorschlags oder auch seinen Schaden erfahren mußte. Er empfahl als

Ersatz des kalten Bades in der Wanne, sich auf einem Schemel sitzend

von einer vertrauten Person mittels eines Schwammes oder genetzten

Tuches den ganzen Körper waschen oder reiben zu lassen (Schwammbad nach

~Schreger~ 1803[4]), auch mit der Kanne begießen oder an Stelle des

Wasserbades das Luftbad treten zu lassen[166].

Ein praktischer Verehrer des Luftbades war 1803 Lord Monboddo in

London, der es selbst ohne Hemd neben seinem Hause täglich nahm und

auf der anderen Seite desselben oder auf freiem Altane von seinen

Töchtern gebrauchen ließ[157]. In seinem kosmetischen Taschenbuch

empfahl ~Schreger~ (ca. 1814) den Damen das Luftbad als „erstes

Schönheitsmittel in seiner Art“[659].

~Franklin~ nahm das Luftbad im Zimmer. „Beinahe alle Morgen“, sagt er

in einem Briefe an den französischen Übersetzer seiner Werke, „stehe

ich sehr früh auf und bleibe, ohne irgend eine Art von Bedeckung, in

meinem Zimmer eine halbe oder ganze Stunde nach der Jahreszeit sitzen

und lese oder schreibe. Dies Verfahren ist nichts weniger als lästig,

sondern sogar angenehm; ja wenn ich mich vor dem Ankleiden noch einmal

zu Bette lege, wie es zuweilen geschieht, so verfalle ich, gleichsam

als Nachtrag zu meinem nächtlichen, in einen zweistündigen Schlaf, der

so sanft ist, als man sich ihn nur vorstellen kann. Ich finde, daß

daraus gar keine üblen Folgen entstehen, und daß es meiner Gesundheit

nicht schadet, wenn es ihr ja nicht etwa gar sehr viel nützen sollte.“

(Oeuvres de Franclin, Tome II)[659].

Von höchstem Interesse sind die Ausführungen des Jenaer

Chemieprofessors ~Döbereiner~ in einer kleinen Schrift vom Jahre 1816,

die eine Anleitung zur Darstellung und Anwendung aller Bäder enthielt,

und die er den Jenaer Medizinprofessoren ~Stark~ und ~Succow~ widmete.

Diese Schrift enthält die Grundgedanken unserer modernen Lichttherapie.

[Sidenote: _Luft- / Sonnenwärme- und Sonnenlichtbäder_]

~Döbereiner~ trennt von den Luftbädern, die er mit den flüssigen und

festen Bädern zusammen als stoffliche auffaßt, die geistigen; diese

letzteren wieder können Licht-, Wärme-, elektrische und magnetische

Bäder sein. Von den Lichtbädern sagt er: „Jedem Erdengeschöpfe mithin

auch jedem Menschen ist es gegönnt, die Wirkungen des Lichtes zu

empfangen; jeder Raum, welcher unmittelbar von der Sonne beleuchtet

wird, bietet für letzten ein Lichtbad dar, in welches er nur nackt

oder loose und weiß bekleidet sich tauchen darf. Weiße Bekleidung ist

da, wo +Licht allein+ wirken soll, jeder anderen, d.❆h. farbigen und

selbst dem nackten Zustande des Körpers darum vorzuziehen, weil Weiß

die Sonnenstrahlen in reines Licht und Wärme scheidet und die letzte

abstößt, während farbige Flächen und also auch die Haut, mit dem Lichte

gleichzeitig die durch dasselbe veranlaßte Wärme einsaugen, und so

ein Sonnenlichtbad in ein Feuerbad umwandeln. Das letzte ist es, was

die meisten Menschen, besonders die Landleute immer statt des ersten

empfangen, weil sie sich stets, selbst mitten im heißen Sommer, mit

farbigen Kleidern bedecken. Für Gesunde mag ein Sonnenfeuerbad sehr

wohlthätig wirken, aber für gewisse Krankhafte möchten denselben reine

Lichtbäder vorzuziehen sein, z.❆B. in Fällen, wo auf den äußeren Teilen

des Körpers der Oxydationsproceß vorherrschend geworden, wie vielleicht

bei der Bleichsucht, und zur Heilung eine entgegengesetzte, nehmlich

desoxydirend wirkende Kraft angezeigt wäre.

Soll das Licht blos auf einzelne Teile des Körpers wirken, so muß man

das unmittelbare Sonnenlicht durch kleine Öffnungen in verfinsterte

Räume auf den zu beleuchtenden Teil fallen lassen. Durch ein Brennglas

lassen sich die einfallenden Lichtstrahlen verdichten und in ihrer

Wirksamkeit erhöhen.

Bei gewissen krankhaften Zuständen des Organismus und auch der Seele,

möchte vielleicht farbiges, d.❆h. rotes, blaues, gelbes, oder grünes

Licht sich heilsam erweisen, und ein farbiges Lichtbad dem einfachen

vorzuziehen sein. Es ist leicht das homogene Licht in farbiges

umzuwandeln. Man darf nur die Sonnenstrahlen oder auch das gewöhnliche

Tageslicht durch eine rote, blau, gelb oder grün gefärbte Glasscheibe

in ein dunkles Zimmer fallen, und wenn es stark wirken soll, die

Glasscheibe so schleifen lassen, daß das Licht bei seinem Durchgange

mehr oder weniger verdichtet werde. Von farbigen Lichtbädern haben die

Ärzte noch gar keinen Gebrauch gemacht. Es läßt sich aber erwarten,

daß sie sich gegen den tierischen Organismus und gegen das, was diesen

belebt, nicht gleichgültig oder unwirksam verhalten werden, denn die

Farben wirken überaus mächtig auf das Gemüt und können den Menschen

sogar zu Handlungen bestimmen, an welche nicht ohne vorhergegangene

Einwirkung desselben gedacht worden.“ ~Döbereiner~ glaubt dann, daß

Licht, rein oder farbig angewandt, nach schon vorliegenden Versuchen

bei gewissen Augenkrankheiten mit sicherem und schnellem Erfolge

gebraucht werden könne und verweist auf Stellen aus ~Goethe~s

Farbenlehre, die einen Einfluß der Farbe auf das Gemüt darlegen.

Von den durch die Sonne erzeugten Wärmebädern sagt ~Döbereiner~:

„Die Sonnenwärme wird stets vom Licht begleitet und ist daher

gewissermaßen geistiger und lebendiger, mithin auch belebender und

durchdringender als die künstliche Wärme ... Das Sonnenlicht wird

an farbigen, besonders aber an schwarzen Gegenständen, fast ganz in

Wärmematerie umgewandelt, und man muß daher den Organismus, welcher

ein Sonnenwärme-Bad empfangen soll, farbig und am besten schwarz

bekleiden[666]“[H].

[Sidenote: _Preisausschreiben über Wasserbehandlung_]

Der Standpunkt der Ärzte in der Wasserbehandlung der

Infektionskrankheiten zur Zeit von ~Priessnitz~’ Auftreten wird am

besten durch ein Preisausschreiben der ~Hufeland~schen medizinischen

Gesellschaft zu Berlin im Jahre 1821[I] charakterisiert.

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 40 / 53 段