Wohin der wilde Nord den kalten Thron gesetzt;
Entsprießt ein reicher Brunn mit siedendem Gebräuse,
Raucht durch das welke Gras, und sänget was er netzt.
Sein lauter Wasser rinnt voll flüssiger Metallen,
Ein heilsam Eisensalz vergüldet seinen Lauf:
Ihn wärmt der Erde Gruft, und seine Fluten wallen
Vom innerlichen Streit vermischter Salze auf.
Umsonst schlägt Wind und Schnee um seine Flut zusammen,
Sein Wesen selbst ist Feu’r und seine Wellen Flammen“[380].
[C] ~Etschenreutter~ hat dafür die Stelle (Übersetzung): „Es ist
nichts das dem bad mehr schaden bringt dann die vngelegenheyt der
herberg, Engge vnnd wuste, in welchen offtermals, so ein böser
gestanck, mit zicht zůmelden, auß dem me(n)schenkaht, an allen
orten, da man ins bad oder ausserhalb der herberg geht, hingelegt,
widerfart, das es denen höfflichen leüthen, ein onmacht bringt“[449].
Vgl. die Badeordnung von 1619 S. 349.
[D] ~Zwierlein~ gebrauchte 1793 dafür den Namen Spritzbad (siehe auch
~Ferro~ S. 50) und führte als Charakteristikum desselben an, daß der
+ganze+ Körper von vielen kleinen Tropfen aus einem durchlöcherten
Gefäße wie aus einer Gießkanne getroffen werde. An die Stelle einer
komplizierten Vorrichtung setzte er dann auch die einfache Gießkanne,
mit der er auf einem Stuhle stehend den Kranken begoß[656]. Das
kalte Traufbad wurde in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts von England aus durch den Pyrmonter Badearzt ~Marcard~
eingeführt[160]. Der häufig gebrauchte Name „schower bath“ erinnerte
bei uns an den englischen Ursprung. In Frankreich, wohin diese
Badeform um dieselbe Zeit gelangte, wurde sie geradezu englische
oder häufiger schottische Dusche (Douche écossaise) genannt[690].
Nach zwei Schriften von ~Despine~, auf die ~Forestier~ (Archives
génér. d’hydrologie, 1900) hinwies, war es der Großvater dieses Dr.
~Despine~ — in der einen ~Despierre~ (? Druckfehler?) genannt —,
der in Edinburg bei Dr. ~Cullen~ das „schower bath“ kennen gelernt
hatte, es zu Aix in Savoyen einführte und zur Erinnerung „douche
écossaise“ nannte. 1850 verstand man nach der einen Schrift zu
Aix unter schottischer Dusche das kalte, laue +oder+ warme Bad in
Regenform[690]. — In Aix gab es drei Ärzte mit Namen ~Despine~,
der älteste war wohl der Überführer des schower-bath von England
nach Frankreich (bezw. Savoyen). 1787 wurde er zum medizinischen
Direktor von Aix ernannt. Das Bad nahm unter seiner Leitung einen
ungeheueren Aufschwung; während es vorher drei- bis vierhundert
Gäste jährlich gezählt hatte, mehrten sich diese — ausgenommen
während der Herrschaft der Republik — von Jahr zu Jahr, und gegen
1830 waren zweitausendfünfhundert bis dreitausend anwesend. Dieser
~Despine~ starb 1830 fünfundneunzig Jahre alt. Sein Sohn, der sich
selbst ~Despine~ père, der Vater nennt[692], installierte 1822 im
Thermalinstitute von Aix eine schottische Dusche[690]. Er selbst
gibt 1838 von der douche écossaise die Erklärung: „C’est ainsi qu’on
appelle à Aix-en-Savoie, le Schawer Bath des Anglais ou Bain de pluye
froid“[692]. Er versteht in dieser Bemerkung demnach darunter nur
die kalte Regendusche. Eine Reklameschrift nach ~Despine~ fils, dem
Sohne des vorigen, bringt eine Abbildung, bei welcher der Kranke mit
den Füßen im (warmen) Bassinbade steht und vom Badewärter einen (wohl
kalten) Regen von oben herab über den ganzen Körper erhält[691]. Nach
diesen Ausführungen ist man versucht, anzunehmen, daß die schottische
Dusche der Familie ~Despine~ eine kalte, laue oder warme, vielleicht
meist kalte allgemeine Regendusche war, bei welcher der Kranke die
Füße im warmen Thermalwasser stehen hatte, und doch ist die Erfindung
unserer heutigen schottischen Dusche, bei der warmes und kaltes
Wasser nacheinander gebraucht wird, geistiges Eigentum des einen,
nämlich des zweiten ~Despine~, nur daß wir sie heute in der Regel
nicht mehr als allgemeine Prozedur und auch nicht mehr als Regenbad
gebrauchen. Der dritte ~Despine~ (fils) sagt in der genannten
Reklameschrift aus den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, daß
bei der schottischen Dusche Kälte und Wärme abwechsele. Sie wurde
zur Bekämpfung von Nervenkrankheiten, allgemeiner Schwäche, Lähmung
und Rheumatismen gebraucht[691]. Auch ~Rüsch~ erwähnt 1832 von Aix
in Savoyen: „~Despine~ läßt Wasser von 35 Grad R. mit solchem, das
beinahe bis zum Gefrierpunkt erkaltet ist, abwechselnd in einem
Strahle (!!) auf den leidenden Teil (!!) strömen, wobei er bei
Nervenaffektionen vorzüglichsten Nutzen wahrnahm; dies ist die
sogenannte schottische Douche“[88].
[E] ~Leonhart Strübin~ beschrieb 1576 das Badgericht: „Nun volgt
der bruch der badenden, in beyden Höfen, hinder vnd Statthof im
Herrenbad, welcher darein sitzt, můß erstlich das Burgrecht kauffen
mit einem oder zweien fůder wyn, so mit zweyen reiffen gebunden,
das ist ein maß oder zwo wyn, vnd gibt jeder ein morgen suppen,
alle morgen ein Wirt gemacht, derselbig můß den andern tag Wirt
syn vnd die suppen geben, also von eim zum andern, vnnd nach der
suppen halt man Gericht, da ist der Schultheiß vnd Vogt des Rychs,
Seckelmeister, Schreyber, Landweybel, Hencker vnd fürsprechen, vnd
welcher das Burgrecht gelobt, sol die rechte hand an der bruch haben,
vnd mit der lincken hand an den Richterstab geloben, lieb vnd leid
mit den rüdigen vnd schebigen bader gesellen liden vnd tragen, vnd
was im bad gehandlet wirt allzit bliben lassen, die bader straffen,
so einer etwas vnzüchtigs begieng, oder ouch schimpflich mit wyberen
oder in seinem gemach, der wirt morgen vom Landtweybel beklagt, vnd
vmb ein fůder wyn drey, vier oder mehr gestrafft, besonder vnzucht
vnd Gotts lesterung vnd alle straffen alle morgen dem Seckelmeister
vberantwortet, welcher auch syn Badenfart endet, der stadt vor dem
Bad, dancket gůten Herren vnd Badergselln jhr ehr vnd zucht vnd
bewißne gůte gesellschafft, hieby mit bit begerende ob er jemandts
erzürnt jm verzyhen, vnd hieruff gibt vnnd schenckt er die letzte,
jeder nach synem vermögen vnd gefallen, etwann zwen, drey oder vier
batzen, mehr oder minder, vnd dann vss disem straff vnd letze gelt,
zert man täglich zoben, hieneben frey vnd vngezwungen essen oder
fasten. Es ist ouch bey den Wirten frey das mal oder pfennwert nemmen
oder essen. So vil vom bruch vnd art des Bads dem vnwissenden, gůter
freundtlicher meinung fürgestelt“[398].
[F] Schon 1531 hatte Lochmann, damals zwanzig Jahre alt, in der
Schlacht bei Kappel gefochten, war durch die Nase gestochen und
schwer am Kopfe verwundet worden und über fünf Stunden unter den
Toten liegen geblieben[315].
[G] Anmerkung zu Abb. 138. Der Aachener Arzt ~Sträter~[688] verlangt
als Unterschrift zu diesem Bild „Bad zu Aachen“ mit der sonderbaren
Begründung, ~Dürer~ habe nach seinem Tagebuche[675] in Aachen
gebadet, und es sei ihm daran gelegen gewesen, dem Publikum und
seinen Landsleuten etwas bis dahin wenig oder gar nicht Gesehenes
vorzulegen. „Daß ~Dürer~ bei der Herausgabe dieses Blattes nicht die
Absicht haben konnte, eine Badeanstalt darzustellen, wie sie sich in
jeder Stadt, etwa in Nürnberg, seinem Wohnorte selbst, vorfand, muß
bei einiger Betrachtung des Gegenstandes klar werden, denn abgesehen
davon, daß uns garnicht bekannt ist, daß schon im Anfange des 16.
Jahrhunderts in Nürnberg selbst eine Badeanstalt bestanden, so würde,
selbst in dem gesetzten Falle, ~Dürer~ sich durch die Publikation
eines solchen Blattes sehr wenig Anklang haben versprechen können.“
Nun, ~Dürer~ hat nicht verschmäht, eine Badestube darzustellen; was
sein Mineralbad betrifft, so haben wir keinen Anhalt dafür, daß
ein bestimmter Ort wiedergegeben ist. In Nürnberg war zur Zeit das
heute noch vorhandene Wildbad auf der Insel Schütt in großem Ansehen
und sogar in einem Lobspruch verherrlicht worden. Das „Wiltpat an
der Begnitz“ wird schon von ~Endres Tucher~ im Baumeisterbuche der
Stadt Nürnberg (1464–1475) erwähnt[596]. Das ~Dürer~sche Bild fand
in plumper Weise auf dem Titelholzschnitt eines anonymen Buches
Verwendung[689] (wohl vor 1520 und vor der Aachener Reise ~Dürer~s),
der dem Humanisten ~Wimpheling~ zugeschrieben wird.
[H] Es handelt sich vielleicht um das Mayenbad bei Mindelheim in der
Nähe von Memmingen.
[I] Angenehm war der Aufenthalt bei schlechtem Wetter in einem
solchen Bade nicht. ~Hess~ singt 1818 von den Freibädern in Baden:
„Wasser begehr’ ich wohl hier; allein von oben und unten,
Kaltes und warmes zugleich, ist mir doch wahrlich zu viel“[315].
Die Kranken wurden auch viel von den „stechenden Bader-Fleugen“
belästigt, die 1688 ~Simler~ besang[27]. In Abb. 141 ist das Abwehren
der Fliegen mit dem Wedel dargestellt, eine Beschäftigung, zu der
sich in der Badenfahrt guter Gesellen der Pritschenmeister dem Wirt
an Stelle einer Bezahlung der Getränke anbietet[36].
[J] Am 1. November 1775 beim Erdbeben von Lissabon blieb der Sprung
der Hauptquelle zu Teplitz auf einmal sieben Minuten aus, dann drang
aber das Wasser mit ungeheuerer Gewalt hervor, daß man auf dem Platz
der Vorstadt mit Kähnen fahren konnte. Am 26. Juli 1805 stand während
des Erdbebens von Neapel der Sprudel zu Karlsbad sechs Stunden lang
still und man befürchtete, das Wasser möchte ausbleiben[325]. Der
Streit über die Entstehung der Thermen war damit geschlossen.
[K] 1606 hatte Baden-Baden ein „gefreytes Haus“. Es war „vnsers
gnedigsten Herrn deß Marggraffen“, also das schon früher erwähnte
Privatbad des Fürsten und nicht ein Freibad (vielleicht aber eine
alte Freiheit für Verbrecher), wie es ~Hess~ bezeichnet. Außerdem gab
es zwei große Bäder am Markt, das eine für die Armen, das andere für
die Bürger. Man könnte vermuten, daß diese beiden die alten Freibäder
seien. Es bestanden aber noch zwei Badehäuser oder „Stuffen“, darin
man sich nur wusch. Das oberste hieß das Freibad, das andere das
untere Bad[362], und da, wie früher ausgeführt wurde, eins der alten
Freibäder in sich eine Badestube schloß, sind vielleicht die beiden
zuletzt erwähnten die alten Freibäder.
[L] 1805 schreibt aber ~Ebel~ von Pfäfers, daß alle Sonnabende große
Haufen von Landleuten aus allen umliegenden Gegenden, besonders
Graubünden, herbeiströmten, welche bis Montag früh im Bade schwitzten
(man saß ja mit dem Oberkörper im Dampf) und schröpften[682].
[M] Ein Hieronymus Muheim in Uri war Pritschenmeister und
Dichter[683].
[N] Im Manuskript ist hier ein Stück weggerissen.
[O] Die Höhe der Strafe ist hier scherzhaft übertrieben. Für Baden
bei Zürich gibt ~Strübin~[398] an, daß das Fuder mit zwei Reifen
gebunden und gleich ein Maß Wein sei. In Baden bei Wien waren
die Strafen nach Pfund bemessen, weswegen ~Wichner~ die Höhe für
unwahrscheinlich hält[84], nach ~Zeiller~ (1649) war aber ein Pfund
Strafgeld gleich einen Pfennig[371].
DIE DEUTSCHEN MINERALBÄDER SEIT DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE / DIE
WASSERHEILKUNDE
~Sebiz~ schreibt 1647 in seinen Mißbräuchen der Bäder: „Es finden
sich auch vnterweilen Grobiani, welche vermeinen, es seye jhnen alles
erlaubt, was sie thun vnd fürnemmen — andere müssen es wol leiden —
sie seyen in jhren Gemachen vnd vmb jhr gelt da. Scheuwen sich derwegen
nicht, gantze durchgehente Nächte zu Zächen, zu schreyen, zu jählen,
zu raßlen vnd zu spielen, haben auch wol die gantze durchgehente Nacht
biß an den hellen liechten Morgen Spiel Leuth bey sich, dadurch andere
Badgäste, welche jhre gesundheit suchen, in jhrer Nachtruhe mercklich
vnd schmertzlich verhindert werden“[65].
Auffallend ist, daß ~Sebiz~ nichts von Gastereien und Musik +während+
des Bades, sondern nur „viel reden vnd schwätzen, vnd vnterweilen
auch mit heller stimme singen“ erwähnt und nach seinem Bericht die
„Grobiani“ doch zu den Ausnahmen zählten. Ja Sebiz nimmt in seinen
Diätvorschriften Rücksicht auf Personen, die „abstemius“ sind[A].
+Die alte deutsche Badeherrlichkeit war verschwunden, und das hatte
der Dreißigjährige Krieg[B] bewirkt. Nach ihm entstand ein neues,
vollständig anderes Leben.+ Morgensuppe (wenigstens die in Wein
bestehende) und Badgericht gingen ein, und wo sie sich in Gegenden,
die der Krieg nicht berührt hatte, noch hielten, überlebten sie nicht
den Anfang des 18. Jahrhunderts. Man hat den Niedergang von Baden in
der Schweiz mit der Einnahme durch die reformierten Kantone im Jahre
1712 in Zusammenhang gebracht, die großen Gesellschaftsbäder samt
Morgensuppe und Badgericht bestanden aber schon 1702 nicht mehr[373].
An Stelle fröhlicher Gesellen saßen Familien im Morgenbad, tranken
Kaffee, Tee und Schokolade und aßen Konfekt mit Spanisch Brödli[424].
[Sidenote: _Unterhaltung in den Mineralbädern_]
Das übermütige Schlemmerlied war verstummt, nun sang man Bußlieder
in den Wunderbrunnen. Der Pritschenmeister hatte seine Tätigkeit
eingestellt, die alten derben Spruchgedichte und Gesänge wollten
niemand mehr gefallen. Zoten in Form schmutzigster Liebesgeschichten
wurden jetzt den Badegästen in den verschiedenen Amusements des eaux
de N. N. zur Unterhaltung gereicht. Man braucht nicht die Versicherung
des Herrn von Merveilleux, des Verfassers einiger derselben (sie
erschienen namenlos), daß die Vergnüglichkeiten bei den Wassern zu
Spa und Aix la Chapelle (Aachen) das Glück hatten, der galanten Welt
zu gefallen[385], die heute noch zahlreich vorhandenen Exemplare
in französischer, deutscher und teilweise auch englischer Ausgabe
sagen genug[C]. Nicht wesentlich unterschied sich von der Lektüre
das Theater. In Baden bei Wien spielten 1727 Wiener Komödianten „das
Baadener-Bad“, das voller schmutziger Liebesgeschichten war[406]. Die
deutsche Komödie zu Wiesbaden zeichnete sich um die gleiche Zeit durch
grobe Zoten aus, der Hanswurst wiederholte dabei zuweilen ein Wort
wohl zweihundertmal in einem Stück[407]. 1797 vertauschten in Karlsbad
beim Schauspiel Männer und Frauen die Rollen, wobei sich die Frauen
darstellenden Männer grobe Unsittlichkeiten zuschulden kommen ließen,
die vom größten Teil der Zuschauer gemißbilligt wurden, was aber nicht
verhinderte, daß das „neue Sonntagskind“ in den gleichen Kostümen auf
„hohes Begehren“ wiederholt wurde[165], und das geschah im vornehmsten
Bade Deutschlands. Das kleine Lauchstedt war berufen, als erstes Bad
Goethes und Schillers Bühnenwerke seinen Gästen vorzuführen.
Jetzt zogen die Fürsten nicht mehr mit großem Geleit zur Sicherung
gegen räuberische Überfälle in die Bäder, der ganze Hofstaat
erschien unter militärischer Prachtentfaltung. Als Friedrich
August, König von Polen, 1705 nach Karlsbad kam, wurden aus Dresden
an Garde, Wrangelschen Dragonern, Chevalier- und Schweizergarde
sechshundertachtundsechzig Köpfe kommandiert. Da in den Bürgerhäusern
die Truppen nicht untergebracht werden konnten, mußten aus Dresden
die erforderlichen Lagergerätschaften zu einem Campement gesandt
werden[451]. Glänzende Kavalkaden, Brunnenfeste und Bälle hatte
die Anwesenheit der Höfe zur Folge; Grafen und Barone suchten in
der Prachtentfaltung nicht zurückzustehen und sich gegenseitig
darin zu überbieten[D]. Es soll sogar vorgekommen sein, daß hohe
Persönlichkeiten ihren alljährlich gegebenen Ball ausfallen ließen,
wenn ihnen durch Anwesenheit Begüterter die Aussicht genommen wurde, an
erster Stelle zu glänzen.
[Sidenote: _Einteilung der Bäder nach den Ständen der Besucher_]
Trat in früheren Jahrhunderten eine Trennung der Stände in einzelnen
Bädern auf, so sonderten sich jetzt die verschiedenen Bäder nach
Ständen. Das Luxusbad wurde das Ideal der Bäderbesitzer und Badeärzte;
in einem solchen die Saison in Gegenwart hoher fürstlicher Personen
zuzubringen, rechnete man sich zur höchsten Ehre an, und wenn der
Bürgerliche nur hinter den Stühlen den Tänzen des Adels zusehen durfte
und der einheimische Adel von ausländischen Fürsten stehend empfangen
wurde (z.❆B. 1801 in Pyrmont von der Gemahlin Ludwigs XVIII.)[E].
Seine bevorzugte Stellung mußte übrigens 1797 in Karlsbad der Adel mit
doppelter Kurtaxe bezahlen. Die Armen sah man in diesen Bädern jetzt
nur ungern noch. 1761 heißt es in einer Wiesbadener Schrift, daß alle
Jahre Hunderte von Fremden, sonderlich gemeine Leute das Bad besuchten,
die viel kürzer durch Arzneien kuriert werden könnten[433]. Diese
Zustände waren übrigens nicht ein Charakteristikum des Badelebens,
sondern ein allgemeines Zeichen jener Zeiten. Ich erinnere daran, daß
auch auf den Universitäten der studierende Graf an einem besonderen
Tische saß, doppeltes Kollegiengeld zu zahlen hatte, und daß ~Meiner~,
der Prorektor von Göttingen, 1802 schrieb, die Anwesenheit nur einer
mäßigen Anzahl von fleißigen und untadeligen jungen, aber armen
Studenten, sei ein großes Übel für diese Universität[140].
Wie von alters her zog der Bauer alljährlich weiter (in Süddeutschland
und der Schweiz bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus) in sein
Schröpfbad, um bei Abzapfung einer genügenden Menge Blutes je nach der
Größe des Geldbeutels einen halben bis acht Tage lang die Zeit mit
Essen und Trinken im Bade zuzubringen.
[Sidenote: _Mosers Schrift über das Wildbad von 1758_]
Das Leben in einem bürgerlichen Kurorte wird am besten durch einige
Stellen aus ~Moser~s Schrift über das Wildbad vom Jahre 1758 gezeichnet:
„Wer von Stuttgart oder Tübingen kommt, muß die Calmbacher Steig
paßieren, welche zwar nicht gäh, aber eine Stunde lang ist, und,
wann sie allererst wieder gemacht worden, durch Plaz-Regen leicht so
verdorben wird, daß sie arg stoßt und das Gefährt, wann es nicht gut
beschaffen ist, Schaden nehmen kan; dahero ist auch schon Fürstliche
und andere Standes-Personen, so grose Schmerzen gehabt, durch Ochsen
diese Steige haben herab-führen lassen, weil selbige langsamer und
gleicher ziehen, als Pferde.
Anmeldung bey dem Badmeister. Wann man im Wildbad angelanget ist,
lassen die Personen, so einiges Standes seynd, den Badmeister zu sich
ruffen, melden ihme, daß sie baden wollen, ziehen von ihme, wo nöthig,
ferneren Unterricht ein, und übergeben ihm die Bad-Gerähte.
Compliment an die Mit-Bad-Gäste. So dann erkundiget man sich, was für
Personen ohngefähr gleichen Standes in eben dem Wirthshaus logiren,
lässet so dann ihnen, auch andern Bekannten, ein Compliment machen,
Glück zum Bad wünschen, und sich erbieten, wann man ausgeruhet habe,
sie zu besuchen; worauf man insgemein von ihnen bald den ersten Besuch
erhält .....
Umkleidung. Alle Manns-Personen gehen nur in Schlafrock, Kapp,
Strümpfen und Pantoffeln über die Strasse in das Bad. Um auch desto
eher fertig zu seyn, läßt man das Halstuch, Knie-Riemen und die
Hembd-Knöpfe zu Haus, ingleichem die Ringe, so leicht im Baden
verlohren gehen, auch wohl die Steine im Wasser ihren Glanz verliehren.
Man nimmt nur ein Schnupftuch zum abtrocknen des Gesichts mit; einige
auch die Taback-Dose. Frauens-Personen pflegen im Mantel, Unterrock und
Hembd in das Badhaus zu gehen. Kommt man in das erste Vor-Zimmer und
findet das zweyte, weil sich würcklich jemand umkleidet, verschlossen,
sitzet man so lang nieder, bis dise Person herausgehet. Alsdann gehet
man in das zweyte gewärmte Vor-Zimmer, und setzet sich: Der Badmeister
oder Bad-Frau ziehet die Strümpfe ab; so dann stehet man auf, bietet
ihn den Rücken, und gibt den Schlafrock weg, schlupft mit dem einen Arm
aus dem Hembd heraus und in das Bad-Hembd hinein, so dann auch mit dem
andern, läßt sofort das ganze Hembd fallen, knüpft ferner das Bad-Hembd
am Hals und um den Leib mit den Bändeln zu, thut die Pantoffeln aus,
nimmt das Schnupftuch und Dose, und geht also mit blossen Füßen durch
die von dem Badmeister oder Bad-Frau eröffnete Thüre einige Staffeln
hinab in das Bad .....
Bezeugen währenden Bades ..... So löblich auch sonst und an und
für sich das Singen geistlicher Lieder ist; so muß man sich doch
dessen enthalten, wann es nicht allen anständig ist, weil die Andere
alsdann nicht dafür mit einander sprechen können, oder es sie sonst
incommodirt. Gleiche Beschaffenheit hat es mit lautem Lachen, oder
allzustarkem Reden. Wann die im Bad sitzende Personen mit einander
sprechen, müssen sie sich in Acht nehmen, was sie sprechen, weil
man, wo es in einem Bade stille ist, alles deutlich höret, was in
einem benachbarten Bad gesprochen wird; wovon mir merckwürdig- und
bedenckliche Exempel bekannt seynd .....
Vom Aussteigen und Ankleiden. Ob man gleich im Bad selbst die Uhr
schlagen hört; so sagt doch der Badmeister oder Bad-Frau jeder
Person im Fürsten- Herren- und Edel-Frauen-Bad, wann es Zeit ist,
auszusteigen. Man stehet so dann auf, trocknet das Gesicht ab, nimmt
sein Schnupftuch und Dose, empfiehlet sich denen Anwesenden, unter
nochmahliger Anwünschung eines gesegneten Bades, steiget aus dem Bad
herauf und begibt sich in das warme Vor-Zimmer. Der Badmeister oder
Bad-Frau halten sodann das gewärmte Leilach in die Höhe, und werffen
solches, wann man das nasse Bad-Hembd hat fallen lassen, um; oder man
stellt sich mit dem Rücken gegen sie, schlupft mit einem Arm aus dem
Bad-Hembd und lässet sich das Leilach umlegen, macht es sodann mit
der andern Seite auch so, und läßt endlich das Bad-Hembd fallen: Man
trocknet sich hierauf, mit Hülf des Badmeisters oder Bad-Frau, ab, läßt
sich das gewohnliche Hembd überwerffen, und ziehet den Schlafrock an,
setzet sich sofort nieder, läßt sich auch die Füsse abtrocknen und die
Strümpfe anziehen, schlupft in die Pantoffeln, setzt etwa auch eine
warme trockene Kapp auf, trocknet nochmahls das Gesicht ab, nimmt das
Schnupftuch und Dose zur Hand, und gehet so wieder nach Haus“[332].
[Illustration: Abb. 149. Das Täfeli im Hinterhof zu Baden im Aargau im
18. Jahrhundert. Kupfer von ~Hegi~ aus: ~David Hess~, Die Badenfahrt.
Zürich, 1818.]
[Sidenote: _Die Badeordnung von Neu-Schauenburg von 1762_]
Als Seitenstück mögen folgende Bestimmungen aus dem 1762 erlassenen
„Baad- und Aufführungs-Reglement“ für das im Gebiete von Basel liegende
Bad Neu-Schauenburg hier folgen:
„Des Morgens von 7 bis 8 Uhr sollen sich sämtliche Baad-Gäste mit
ihren Curen, als besonders mit Thée, Caffée, Chocolade, Wein-Waaren,
Saurbrunnen, Kraut-, Kachel-, und Blatten-Muess, Butter-Schnitten, und
was dergleichen mehr ist, im grossen Saal einfinden. — Die, so nicht
in das Baad gehen, sollen sich während 9 bis 10 Uhr still, ehrbar und
bescheiden aufführen und mit etwas Nützlichem beschäftigen. 10 bis 12
Uhr ist zum Spazieren bey schönem Wetter, und beym Regen zum Spielen,
Conservieren und unschuldigen Belustigungen gewidmet. 12 bis 1 Uhr zum
Mittag-Essen, doch solle es auf eine Viertelstund mehr oder weniger
nicht ankommen. 1 bis 2 Uhr zum Caffée, wer aber keines nicht trinket,
mag sich indessen mit etwas anders erquicken; doch ist in dieser Stund
der Chocolade gänzlich verbotten.
[Illustration: Abb. 150. Die Matte zu Baden im Aargau. Kupfer aus dem:
~Neujahrsgeschenk~ der Gesellschaft zum schwarzen Garten. Zürich, 1809.]