Holzschnitt aus einem Flugblatt von ca. 1600.]
[Sidenote: _Der heilige Brunnen zu Zürich_]
Genossen auch viele Bäder einen unverdienten Ruf, die mineralische
Bestandteile angaben, welche sie nicht besaßen, so unterschieden sie
sich doch wesentlich von diesen Wunderbrunnen durch ihren dauernden Ruf
und Gebrauch. Die Badeärzte von Pyrmont hoben hervor, daß ihr Brunnen,
obwohl er das Schicksal eines Wunderbrunnens gehabt habe, mit diesen
nicht auf eine Stufe zu stellen sei, weil er durch seine wirksamen
Bestandteile geheilt habe. Umgekehrt wurde beim heiligen Brunnen
an der Wasserkirche in Zürich im 16. Jahrhundert von ~Albrecht von
Weissenstein~ die Mitwirkung von Mineralien in Abrede gestellt, weil
Gott durch die Kraft des Wassers allein die Verdienste der Heiligen
ehren wolle[414].
[Sidenote: _Pfäfers_]
Unter den Thermen steht bei ~Paracelsus~ Pfäfers obenan[374], das er
1535 selbst besuchte und beschrieb[21]. Angenehmer als früher war auch
im 16. Jahrhundert der Aufenthalt noch nicht.
[Illustration: Abb. 130. Pfäfers 1610. Holzschnitt von ~Joseph Pleb~
nach einem Modell von ~Fabricius Hildanus~. Aus: ~Guilhelmus Fabricius
Hildanus~, De conservanda valetudine. Frankfurt a.❆M., Merian, 1629.]
~Stumpf~ sagt 1548: „Gleych nebend dem Closter in einem tieffen
vngeheüren tobel, dardurch der bach Taming gantz vngestüm über die
velsen rauschet, vnder einem finsteren holen velsen, ligt das kostlich
vnd heilsam warm Bad, auch nach dem Closter, dem es zůgehörig, Pfäuers
genennt ..... Das tobel ist noch heüttigs tags vnwägsam, kleine ellende
heüßle sind darinn, die man allein Summers zeyt bewonet, zur notturfft
deren so darinn badend. Weyn, brot, fleisch, vnd alles das man darinn
braucht, můß man hinab tragen. Das tobel hat zween wäg hinab inns Bad,
beiderseyts in die velsen gehauwen: also böß vnd gefarlich zewandlen,
das vil leüt auß forcht nit hinab bedörffend wandlen: etlich tregt man
dareyn, etlich fürt man hinab. Etlich hab ich selbs kennt, die biß
darauff kommen, vnd auß forcht des gefarlichen wägs widerumb vngebadet
hinweg sind gefaren. Aber im jar 1543 ward erst ein gůter wäg hinab
gemachet, den man reyten vnd wol gewandlen mag .... Da ist in disem
finsteren loch kein fröud noch kurtzweyl dann im Bad, darinn ligt man
tag vnd nacht. Merteils leüten farend dar vnd dannen, daß sy an keinem
bett zů růwen niemer kommend. Die Sonn scheynt im Summer bey mittemtag
bey einer stund hinab. Der bach rauschet also durch die velsen vnder
dem Bad hin, daß einer dem andern redende, gleych als in einer müllin,
laut zůrüffen můß. Zů Herbst zeyt im October vergadt dz Bad, gibt
kein warm wasser mer, stadt lär den Winter, als denn ziehend die Würt
herauß“[9].
~Münster~ hätte 1550 gern in seiner Cosmographey eine Abbildung von
Pfäfers gebracht. Es war ihm aber unmöglich. „Es ist so gar zwischen
den grawsamen hohen Felsen beschlossen, dz man sein gelegenheit nicht
anzeigen kan. Es ist ein treffliche weite Spelunck, von zweyen hohen
Felsen erwachsen, vnder welchen der ein gantz gebogen ist wie ein
Gewelb, vnd neigt sich gegen dem andern, vnd lassen oben in der höhe
gegen Mittag ein öffnung, das die Sonn Summers zeiten zu Mittag ein
Stund vngefährlich dareyn scheinen mag, aber dannoch gantz dunckel
da vnden ist, daß man auch vmb den Mittag eins Liechts in den engen
Gemachen bedarff. Dann es stehn vnden gleich vber dem fließenden
Gletscherwasser drey oder vier Heußlin, darinnen man kocht, vnnd kleine
Stüblin hat.... Nun aber ist der Kasten (auch in Felsen gehauwen) so
eng, das nicht viel vber 100 Menschen darinn gesitzen mögen, die sich
dannoch gantz eng vnnd nahe zusammen schmucken müssen, vnnd sitzen
da in der dunckelheit, wie die Seelen in S. Patricij Fegfewr“[318],
und, wie 1665 ein Unterösterreicher Namens ~Schmuz~ hinzufügt, in „deß
Lutheri Höll“[456].
1610 fertigte ~Fabricius Hildanus~ ein Modell des Bades an, nach dem
er einen Holzschnitt (Abb. 130) zeichnen ließ[22]. Vom Beschauer aus
wölbte sich der Felsen über die Häuser. Wie man vor der Erbauung des
breiten schwebenden Stegs im Jahre 1543 ins Bad gelangte, wird nirgends
angegeben. Man könnte vermuten, daß ein schmalerer schon früher
bestand. Nach ~Münster~ mußten die Kranken ehemals an langen Seilen und
hängenden Leitern ins Bad hinabgelassen werden[351]. Der Aufenthalt im
Bad selbst war furchtbar. Der Dampf verdunkelte das Zimmer, daß man am
Tage Licht brennen mußte, und wenn die Sonne hell am Himmel stand, war
es erst recht dunkel, weil dann die Dämpfe nicht abzogen. Dazu kam das
Brausen der Tamina und das Geräusch des Badewassers, das mit großer
Gewalt in den Fluß fiel. Manche sollen närrisch geworden sein, konnten
nicht schlafen, Fieber und andere Zufälle folgten[22]. ~Günther von
Andernach~ fiel bei seinem Aufenthalte im Jahre 1562 noch unliebsam auf
der „foetor ex alui recrementis, hic illic per uiam qua ad lauacrum,
uel extra hospitium itur, positis occurrit, ut animi defectionem
hominibus paulo humanius educatis accersat“[C][388]. Große Steine und
Bäume fielen zuweilen von der Höhe auf die Häuser hinab, einmal als
dreihundert Menschen im Bade saßen[349]. „Mühe und Gefahr“, schrieb
~Ulrich von Hutten~ 1523, als er die Kur umsonst gebraucht hatte,
„waren vergeblich bestanden“[395].
Viel wurde nicht für das alte Bad getan. Die Brücke war 1610 wackelig
und zitterte, wenn man darauf ging, daß niemand mehr hinabreiten
konnte und Furchtsame von den Bauern in Sesseln mit verbundenen
Augen getragen werden mußten[22]. Oftmals kam es vor, daß nicht
allein Betrunkene, sondern Nüchterne im Ein- und Ausgehen zur Tag-
und Nachtzeit in den Abgrund zu Tode stürzten. Schließlich wurde die
lange Brücke durch abfallende Steine eingeschlagen, die Häuser und
die Badehütte verfaulten durch die Dämpfe. Im Winter 1626 wurde das
obere Wirtshaus durch einen herabfallenden Stein zerstört, und 1629
brannte im Winter, als man zur Pestzeit badete, durch Unvorsichtigkeit
dreier Mädchen das untere Gasthaus ab. Das sah der Abt als eine Fügung
Gottes an und entschloß sich zum Bau des Bades an der heutigen Stelle.
Am 19. Mai 1630 floß das Wasser in seiner Leitung zum ersten Male
die Taminaschlucht hinab. Den 10. Januar 1631 wurde auch noch das
alte Badehaus durch einen herabfallenden Stein ganz zerschmettert und
dadurch das Baden im alten Tobel „nunmehro auffgehebt“[349].
1680 wurde das Fortbestehen des neuen Bades ernstlich in Frage
gestellt. Am 11. März stürzten nach anhaltendem Tauwetter schon länger
drohende Felsenstücke mit großen Eis- und Schneemassen über die
Quelle und verschütteten dieselbe derart, daß auch nicht eine Spur
von Thermalwasser mehr zu finden war. Im Konvent zu Pfäfers wurden
Beratungen gepflogen, ob man die Quelle wieder hervorsuchen oder dem
ungeheuren Schutt preisgeben wolle. Schließlich entschied man sich für
ersteres, und am 1. Mai fand man sie wieder. Eine wichtige Beratung
fand 1700 statt. Das Badehaus genügte für die vielen Gäste nicht mehr,
war auch baufällig geworden und sollte abgetragen werden. Es wurde
die Erbauung eines neuen Gebäudes am Schwattenfall erwogen, ungefähr
in der Mitte des heutigen Weges von Ragaz nach Pfäfers. Der Plan kam
nicht zur Durchführung, dafür erstand das heutige klosterartige Gebäude
in den Jahren 1704 bis 1716[316]. Es war anfänglich vier Etagen hoch
und diente zweihundert Personen zur Herberge. Um dasselbe herum war
kein Raum für Spaziergänge. Obgleich der Ort, so dermalen das Badehaus
steht, nicht mehr so gräßlich ist als der ehemalige Aufenthalt bei der
Quelle, sagt 1766 ~Fäsi~, „so würden doch Übelthäter, denen das Leben
abgekennt ist, Gnade verdienen, wenn sie gezwungen wären, sich allhier
ein Vierteljahr aufzuhalten“. Nur die Hoffnung auf Gesundheit mache
den Aufenthalt erträglich[419]. 1825 schrieb ein deutscher Arzt in
~Hufeland~s Journal, daß kaum ein berühmter Badeort Ärzten und Kranken
weniger bekannt sei als Pfäfers. Man wisse gar nicht, wie man dahin
gelange. Er selbst war siebzehn Tage dort. Der Weg von Ragaz wurde in
zwei kleinen Stunden zu Fuß, zu Pferd oder auf von Männern getragenen
Sesseln zurückgelegt. Fahren konnte man nicht. Von Valens senkte
sich der Weg, ins Bad führten Stufen hinab. „Es werden wenige sein,“
sagt er, „in welchen dieser Anblick den Gedanken nicht erregte, die
unverzügliche Rückkehr einem mehrwöchentlichen Begräbnisse in diesem
schauerlichen Schlunde vorzuziehen.“ Die Quelle besuchte er nicht, weil
er sich an den schauderhaften Anblick nicht gewöhnen konnte. Er fand
überall nicht nur Mangel an Eleganz, sondern viel Unreinlichkeit. Die
Fugen der Wasserleitung waren mit halbfaulem Moos verstopft, und das
Wasser hatte Holzgeschmack. Beim ersten Anblick eines Badgewölbes (Abb.
131; 1805 waren nach ~Ebel~ in sämtlichen sechs Bädern die Fenster fest
vernagelt[682]) war er sehr verwundert:
„Wie! in so ekelhaft schmutzigen Hallen
Thront Pfäfers Nymphe, die Fürstin aus allen?
Sie, die mit Wunderkraft
Stets neues Leben schafft! —
Still Freund! man findet ja überall Spuren
Von großer Heilwirkung der Ekelkuren.“
Die Preise fand er nicht billig, tröstete aber den Gast mit der
Ersparnis an Equipagen, Gesellschaften, Ballkostümen und den hier
fehlenden Verlusten im Hasardspiel[396].
[Illustration: Abb. 131. Pfäfers 1784. Kupfer von J. J. M. Zürich.
Stadtbibliothek.]
Dem weiten Weg von Ragaz über Valens und dem schaudererregenden Abstieg
auf der Felsentreppe zum Bad wurde 1838/39 durch Anlegen der neuen
Kunststraße längs der Tamina abgeholfen, so daß man von nun an von
Ragaz nach Pfäfers nicht nur in dreiviertel Stunde gehen und reiten,
sondern auch fahren konnte, und kurz darauf wurde gar die Wasserleitung
längs der Straße hinabgeführt, daß am 31. Mai 1840 die neue Badeanstalt
in Hof Ragaz, dem alten Statthaltergebäude des Klosters, eröffnet
werden konnte[316]. Nun stand dem alten Wasser, das ein Jahrtausend
nur als Heilbad gedient, nichts mehr im Wege, sich zu einem Luxusbad
zu entwickeln, wenn auch Professor ~Vogt~ noch 1857 sagt: „In Ragaz
darf man nicht rauschende Vergnügungen wie in großen Bädern suchen.
Man kennt da nicht Bälle, Konzerte, Musik eines großen Orchesters,
Hazardspiel u. dgl., überhaupt nicht ein städtisches Gesellschaftsleben
mit Putz und Tand aller Art. Man ist hier in der Tat auf dem Lande
und alle Vergnügungen und Unterhaltungen haben durchaus das ländliche
Gepräge“[368].
[Sidenote: _Wildbad_]
Weit besser als in Pfäfers war im 16. Jahrhundert in Wildbad gesorgt.
~Günther von Andernach~ fand alle Bequemlichkeiten[388], und auch
andere Schriftsteller geben an, daß für Arm und Reich gute Herberge zu
finden sei[431]. Es wurde zur Zeit von mehreren Fürstlichkeiten und
vornehmen Personen besucht. Die Anwesenheit Heinrich Ottos, Pfalzgrafen
bei Rhein, im Jahre 1526 wurde der Nachwelt durch eine Inschrift auf
dem Bogen der sogenannten Hölle im Herrenbad überliefert. Dem Namen war
auch sein Wahlspruch „Mit der Zeit“ beigesetzt. 1532 stiftete König
Ferdinand, als er sich während seiner Interimsregierung im Wildbad
aufhielt, eine steinerne Brunnensäule mit zwölf metallenen Röhren,
auf der er sein gewappnetes Bild errichten ließ. Herzog Ulrich von
Württemberg scheint aber kein Freund seines eigenen Bades gewesen zu
sein. Als sein Sohn Herzog Christoph 1545 um hundert Stunden gebadet
hatte, warnte er ihn, die Kur fortzusetzen und schrieb unter anderem:
„Wenn auch das Bad zum allerbesten geriethe, so ist keine andere
Vermuthung, als daß du nach solchem Bad deinem Halten und Wesen nach
(wie mir bericht) so feyst werdest, wie eine Mastsaw.“ In einem anderen
Schreiben warnt er ihn, sich in Hinsicht des Bades wohl vorzusehen,
„sonst erwürgt’s dich, ehe du dich’s versiehst“. Das Städtchen Wildbad
wurde sechsmal beinahe gänzlich in Asche gelegt. Das scheint beim
Zurückgehen des Bades einen wesentlichen Anteil gehabt zu haben,
obwohl es den Dreißigjährigen Krieg infolge eines Schutzbriefes Kaiser
Ferdinands III. gut überstand[325] [335]. Um das Bad zu heben, wurde
1821 der Regierung eine Denkschrift mit Vorschlägen überreicht, in
der als Hauptmangel das für die höheren Stände widerliche und viele
Badegäste zurückschreckende Baden von Leuten aus allen Volksklassen in
denselben Bassins sowohl im Herren- als im Frauenbade zur Sprache kam.
1824 beschloß man, das Pferdebad zu einem Menschenbad einzurichten,
das den Armen überwiesen wurde, so daß 1828 durch Neuherstellung
der Einrichtungen der schickliche Vorteil erreicht wurde, nach
verschiedenen Klassen der Kurgäste zu baden, die Vornehmen auf Wunsch
auch in Einzelbädern[382]. 1837 befand sich im Wildbad noch nicht
ein einziger norddeutscher Kurgast, 1839 erst neunzehn[154]. Durch
Neubauten brachte es Wildbad schließlich dahin, daß auch Personen
höchsten Ranges standesgemäße Unterkunft fanden. Es wurde (1857)
wiederholt von der Kaiserin-Witwe von Rußland und vielen anderen hohen
Personen besucht[457].
[Sidenote: _Spa_]
Spa scheint schon im 16. Jahrhundert das Bad fremder Fürstlichkeiten
gewesen zu sein. Ein Leibarzt Heinrichs VIII., ein Venezianer und eine
spanische Dame waren angeblich die ersten fremden Kurgäste. Mehrere
Monographien halfen zur Verbreitung des Rufes. Louis de Gonzaga, Herzog
von Nevers, war 1575 und 78 und Alexander Farnese, Herzog von Parma,
war vor 1589 dort, auch Karl I. von England und Heinrich III. von
Frankreich gebrauchten die Kur, 1577 Margaretha von Valois mit einer
liebeskranken Prinzessin, die aber aus politischen Gründen das Wasser
nach Lüttich kommen ließ. Maldonat und Margaretha von Valois wissen
noch nichts Gutes von den Spaer Einrichtungen zu berichten[70].
[Illustration: Abb. 132. Gleichzeitiger Gebrauch von Dusche und
Mineralbad in den alten Stadtbädern zu Aachen. Kupfer aus: ~Blondel~,
Erklärung deren Badt- vnd Trinckwässeren zu Aach. Aachen 1688.]
[Sidenote: _Die Dusche_]
Zu Anfang des 16. Jahrhunderts kam eine neue Gebrauchsart der
Mineralbäder nach Deutschland, die Dusche. Tucia (~Ryff~), Ditia
(~Leucippaeus~), das sind die ersten, dem italienischen Wort Doccia
oder Duccia nachgebildeten Namen in Deutschland für das „Vff sich
lassen rinnen vnd fallen von oben herab“ (1513)[346]. Als ~Paumgarten~
1584 in Lucca weilte, schlugen ihm die Ärzte das „doccirn“ mit dem
Wildbadwasser vor[248]. Häufig wird der allgemeinere Name Stillicidium
gebraucht. Die Dusche wurde im Gegensatz zu unserem heutigen Gebrauch
zuerst nur auf den Kopf angewandt (Abb. 132), was nicht den Beifall
aller deutschen Ärzte fand. ~Phries~ (1519) will nichts von dem Gießen
des heißen Wassers aufs Haupt wissen, weil es Kopfschmerz mache[420],
und ~Conrad Gessner~ gebrauchte zu Baden (Schweiz) an Stelle des
ehemals berühmten Stillicidiums — wie er sagt —, welches vielen
Personen Ungelegenheit gemacht hatte, einen Schwamm, womit das Haupt
bedeckt und auf den das warme Badewasser geschüttet wurde[94]. 1598
wandte sich ~Leucippaeus~ gegen die eine Elle hoch herabfallende
Dusche, sie solle für etliche Mängel des Haupts dienen, in Wahrheit
sei aber solch Stillicidium viel schädlicher als es nützen könne[431].
Nach ~Phries~ war die Fallhöhe 1516 drei Schuh hoch, gegen Ende des
Jahrhunderts aber viel niedriger, so daß wir bei dem schwachen Strahl
heute eigentlich nicht von einer Dusche sprechen würden. Als der
Nürnberger Kaufmann Wolf Flenntz 1571 nach „Carls Padt bey Ellenbogen“
ging, gab ihm ~Volcher Coiter~, ein bekannter Nürnberger Anatom und
späterer Feldmedikus des Fürsten Kasimir von Anhalt, eine Anleitung
zur Kur. Darin heißt es: „Man mus ein hiltzes schefflin +zwo spannen
hoch vom haupt+ hennckhenn vnd wan das ihr im badt seidt, das wasser
darin ir badett in das selbige schefflein giessenn, vnd durch ein
henlin, so +weith+ das +aines klains fingerlin halb groß darein ghenn
mag+, dasselbig wasser auff das haubt also warm fallenn lassenn das muß
geschehenn ein wenig vor ehe das ihr auß dem badt woldt ghenn, Erstlich
müst ihr das wasser fallenn lassen vornen auf das hauptt, ein handt
braith von der stirnn, letzlich hinden ein handtbraith vom knieckh,
das müst ihr treibenn +so lanng ir badett+“[376]. Nach ~Bauhin~ fiel
das Wasser nur eine Hand, aufs höchste eine Spanne hoch herab[331].
Die Dauer setzte ~Mechinger~ (1513) auf ungefähr eine Stunde[346],
ebenso ~Bauhin~[331] bei fünfzehntägiger Gebrauchszeit, ~Coiter~ für
Karlsbad auf zwei Stunden fest[376]. Mehrere geben eine besondere
Vorrichtung an, um das Wasser länger auf dem Kopf zu halten und dann
die Wirbelsäule hinabfließen zu lassen. Nach ~Mechinger~ sollte das
Wasser „fallen vffs haubt vornen da es offen ist, als man das an
iungen kinden sehen kan, da tringt es durch yn. Soll aber das das haubt
mit ainem bauschs wie itzo die frawen vff iren haubtern tragen bewart
sein, der selbe soll hinnen offen sein, das die wasser dahin durch
mögen lauffen übern hals hinab“[346]. Dieselbe Vorrichtung beschreibt
~Sytz~[375]. ~Ryff~ wollte dafür ein Tuch um Stirn und Schläfe gewunden
haben, so, daß hinten eine Öffnung blieb[48]. Manche schoren das Haar
ab (~Bauhin~, ~Reydt~). In diesem Falle hielt man eine warme Bedeckung
des Kopfes nach der Dusche noch nötiger als sonst. Für Priester, die
bei der Messe die Kappe abnehmen mußten, schlug ~Reydt~ 1708 ein
Pflaster auf den Kopf vor[458].
Die Kur geschah auf zweierlei Weise, im Bad (Abb. 132) und außerhalb
des Bades (Abb. 133); wie beim Baden erhöhte man allmählich die
Wärme[331], in späterer Zeit stieg man auch mit der Fallhöhe und der
Dauer der Dusche und nahm am Schlusse wieder ab. 1606 gebrauchte man
in Baden-Baden das „Träuffen“ wie das andere Bad täglich zweimal, fing
mit wenig Stunden an, stieg bis zum höchsten (bis sechs Stunden?) und
nahm darauf ab[362]. Es entstand auch eine „Ruffe“ (Ausschlag), die
nicht abgerissen werden sollte, weswegen das Kopfwaschen vierzig Tage
zu unterlassen war (~Baccius~)[331].
[Illustration: Abb. 133. Auf- und absteigende Duschen (Stillicidia oder
Wassergüß) im St. Cornelii- (oben) und im Rosenbade (unten) zu Aachen.
Kupfer aus: ~Blondel~, Erklärung deren Badt- vnd Trinckwässeren zu
Aach. Aachen, 1688.]
~Ryff~ empfahl als einfachstes Instrument den Laugenkessel der
Barbiere[48]. Man verband auch das Kopfwaschen mit der Dusche. Der
dänische Statthalter in Holstein, ~Heinrich Rantzau~ schrieb eine
lateinische Anweisung zur Gesundheit, die 1573 herausgegeben[397] und
1587 von ~Wittich Vinar~ ins Deutsche übersetzt wurde. Er empfahl
zur Erhaltung der Gesundheit, jährlich das Haupt drei- oder viermal
mit kaltem Wasser zu zwagen: „erstlichen sol das heupt mit laulicher
laug gewaschen werden, wenn solches geschehen, soll man mit frischem
brunnwasser +allgemachsam von der höhe auff das heupt treuffen+, vnd
bald darnach heuffig ein drey oder vier nössel kalte laug oder frisch
brunnwasser vber den kopff schütten“[459].
Schon ~Ryff~ empfahl, die Dusche auch auf kranke Glieder tropfen
zu lassen, und dieser Gebrauch trat allmählich immer mehr in den
Vordergrund (Abb. 46, 133, 135_a_). Die einfachste Vorrichtung der
Dusche in Form eines Gießfasses war leicht in jedem Bade anzubringen.
Immerhin wurde sie nicht überall häufig gebraucht. In Warmbrunn war
1607 die „Treffte“ selten[69]. ~Bauhin~ erwähnt schon, daß in dem
neuen Namen Duccia zwei Sachen begriffen seien, das „abtroffen“ und
die „Besprengung“. Man gebrauchte neben dem Herabtropfen auch einen
stärkeren Strahl, der aus Teucheln floß, die vom Brunnen hergeleitet
wurden[331]. „Newe vor diesem niemahl gebrauchte Stillicidia oder
Wassergüß“ kündigte ~Blondel~ 1688 im S. Cornelii und im Rosenbad zu
Aachen an, die von den Franzosen la douche oder la touche, von den
Aachenern aber die „Pompe“ genannt wurden (Abb. 133). Sie waren nur
ohne Bad zu brauchen und hatten in der Nähe Betten zum Schwitzen. Als
Besonderheit führte ~Blondel~ an, die Patienten wären nach der Dusche
mit Schwefelblumen bedeckt, daß man mit Fingern auf der Haut schreiben
konnte. Im kaiserlichen, dem kleinen und in S. Quirinibad, den
sogenannten alten Stadtbädern, war der Wasserguß „von alters her“ im
Brauch, und zwar fiel das Wasser aus einem erhöhten Geschirr herunter.
1688 wurde das Wasser durch eine Pumpe emporgehoben (Abb. 132).
Geduscht wurde während des Badens[409]. Da die Pumpen nur das Wasser
in die Höhe zu treiben hatten, war der Druck des fallenden Wassers
gering, und man suchte ihn durch möglichst hochgelegene Duschebehälter
zu erhöhen. 1806 war die Dusche im Verenabade zu Baden zehn bis zwölf
Schuhe hoch (Abb. 46, 103), man benutzte sie zehn bis fünfzehn Minuten
lang, nahm mit der Zeit zu und ab wie beim Bade[418]. ~Vogt~ verlangte
1857 eine Fallhöhe von zehn bis fünfzehn Fuß, welche die meisten Bäder
nicht besaßen, um eine Erschütterung der tiefer gelegenen Teile zu
bewirken[368]. 1793 war im Brückenauer Bade bei Fulda ein Tropfbad
von zweiunddreißig Schuh Fallhöhe in Gebrauch, das auf ~Zwierlein~s
Vorschlag errichtet worden war, in Ronneburg eins von fünfundvierzig,
in Lauchstädt von achtundzwanzig[656], in Driburg 1792 von achtzehn Fuß
Höhe[674]. Im Seebad zu Zoppot fielen 1823 die Tropf-, Dusch-, Regen-
und Sturzbäder von einem Turme herab[185].
[Sidenote: _Duschemassage und schottische Dusche_]
In den süddeutschen Bädern hatte man 1822 noch die alten
Duscheeinrichtungen, bei denen das Wasser von der Decke oder vom
Dachboden herabfiel. Es mußte in die Behälter getragen oder gepumpt
werden, wodurch die Temperatur nicht gut regulierbar war und
außerdem nur Duschen von oben nach unten gegeben werden konnten.
In den norddeutschen Bädern zu Rehburg, Nenndorf, Eilsen, Pyrmont,
Mainberg und Driburg hatte man Duschemaschinen, die im wesentlichen
Feuerspritzen waren und den Strahl unter höherem Druck auf jeden
Körperteil richten ließen. Bemerkt muß hier werden, daß man zu dieser
Zeit unter Dusche (Tropfbad) nur die Strahlendusche verstand, die
Regendusche hieß Trauf- oder Sturzbad und wurde nur kalt verwendet
[370][D]. Die bewegliche Strahlendusche unter Verwendung einer Art
Feuerspritze wurde von einem Dr. ~Lucas~ vorgeschlagen, was ~Zückert~
1768 erwähnt[343]. Zur Unterstützung der Duschewirkung rieb man die
Glieder. Das besorgte der Kranke selbst, und in dieser Form war die
„Douchemassage“ ein allgemeiner Brauch. Zu Aix in Savoyen, Aachen
und Warmbrunn bestand noch eine besondere Anwendungsart. „Es setzt
sich nämlich“, schreibt ~Rüsch~ 1832, „der Badewärter zu dem Kranken
in eine ovale Wanne, reibt, streicht, drückt, dehnt, manipulirt
während dem Herabströmen eines Wasserstrahls die Glieder desselben
eine Viertelstunde lang unausgesetzt: durch welche Behandlung die
Wirksamkeit der Douche sehr erhöht werden soll“[88]. Auch ~Justinus
Kerner~ erwähnt 1832 von Aachen, daß dort eigene Leute männlichen und
weiblichen Geschlechts (Frotteurs und Frotteuses genannt) zum Reiben
der kranken Gelenke mit der bloßen Hand während des Duschens angestellt
seien[325]. In seiner Gymnastik weist ~Tissot~ darauf hin, daß man bei
Gelenkerkrankungen zur Vermeidung von Steifigkeit und Kontrakturen
einige Tage nach dem Schwinden des Schmerzes und der Entzündung neben
passiven Bewegungen Reiben der Gelenke und namentlich die warme Dusche
mit großer Fallhöhe anwenden müsse, die durch ihren Stoß schon als
Erschütterung wirke, um allmählich zu aktiven Bewegungen überzugehen.
Die Dusche von warmem Mineralwasser hielt er für besonders vorteilhaft
und stützte sich dabei auf die guten Berichte aus Aachen[453]. 1768
machte ~Zückert~ darauf aufmerksam, daß bei irgendwelcher Entzündung
an den Gliedern oder in den Eingeweiden die Dusche auf jeden Fall
unterbleiben müsse.
[Illustration: Abb. 134. Entwurf ~Blondel~s zu Dampfbädern in Aachen.
Kupfer aus: ~Blondel~, Thermarum Aquisgranensium et Porcetananarum
elucidatio et thaumaturgia. Aachen, 1688.]