sey, das da zů zeücht, zů bindet, vertreibt vnd abbeisset die überein
vnnd andere gewechß, vnnd verzert alten leüten jre reüdigkeit, vnd
andere zůfallende kranckheit.
Item das Wasser mit Oker vnd gelben wachs vermischet, füllt die wunden,
mit newem fleisch. Die Gelsucht, Gegicht, Podagra verzeret es an henden
vnd füssen.
Jungen starcken leüten schadet es nicht getruncken: dieweil es aber ein
nagende vnd beissende krafft hatt, beschediget es die Derm. Welcher zům
Colera geneigt ist, das ist, der gech zornig ist, der drinck es nicht.
Der Leib gepurgiert, vnd darnach gebadet, vertreibt vnd heilet die
Rud, den Grind, vnd böse flüß, Frantzosen, vnd alle alte offne schaden
die niemants gneren kan. Auch schäden die übel geheilet seind durch
vnfleiß, beißts wider auff vnd heilets recht.
Man hatt auch Gott sey lob funden, das diser Brunn vilen geholfen hat,
die etliche Jar taub vnd blind gewesen sind.
Deßgleichen ist befunden, das er vilen leüten die den Kancker oder
Krebs vnnd Harwürm gehabt haben, geholffen hat.
Es ist auch ein mensch zů disem Brunnen gebracht worden, wie sollichs
in der warheit gesehen vnd glaubwirdig befunden, welcher mit dem bösen
feind besessen gewesen, dem selben hat man mit gewalt dises Wasser in
den mund gegossen hat der böß feind als bald weichen müssen. Vnd ist
der selbig mensch mit grosser dancksagung zů Gott, von dem Brunnen
gesund hinweg gangen.
Es hat Gott der Herr durch disen Brunnen vilen menschen geholffen, die
alle tage gesund wider heim kommen, vnd noch täglich vil mit grossen
hauffen dahin ziehen, in hoffnung gesundtheit zů erlangen. Gott
verleihe vns allen Christgleubigen sein genad vnnd barmhertzigkeit,
Amen.
Durch Doctor Borchardum Metobium.“
„Diser nachfolgender brieff ist vonn dem Pastoren bey dem Brunnen
wonhafftig einem burger auß Lubeck (der da selbst auch durch die Gottes
gnaden seiner kranckheit erlediget) zůgeschrieben.
Item zům ersten heilet diß wasser auß disem Brunnen genommen, alle
wunden, die kein pflaster erleiden wöllen.
Auch heilet diß wasser, alle wunden so geschossen, gehauwen oder
gestochen sind.
Item das wasser heilet auch den bösen erbgrindt, vff dem haupt oder am
leibe.
Item welcher mensch den harwurm hat, vnnd badet darinnen der würdt
gesundt.
Item welcher mensch der verkrencket ist, vnd dem die glidmassen steiff
vnd entschlaffen sind, vnd darinnen badet vnd er trincket von dem
wasser, mit dem wirdts besser.
So ein mensch gifft bey jhm hett, vnd diß wasser trinckt, vnd badet
darinnen, der wirt gesundt. Als noch ein Fraw von Bylfeld allhie ist,
welcher ein Maulworff, ein schnecken vnd ein Schößlinck abgegangen
seind.
Item welcher mensch kranckheit vnd weetag an den augen hat, vnd netzet
oder weschet sie, mit disem wasser, dem wirt besser.
Es seind auch etlich leüt bey dem brunnen gewesen, welchen nach dem sie
sich mit disem wasser geweschen, würm auß jren beinen gekrochen vnd
gekommen seind, vnd ist von stund an besser mit jnen worden.
Item dise vorgemelte puncten zůgebrauchen, mag ein yeder mensch drey
oder vier wochen thůn, darnach der schaden groß ist, dann vil leüt
kommen des einen tags kranck vnnd schwach darzů, vnd gehn des anderen
tags gesund wider hinweg.
Auch ist hieher kommen ein Schmidtknecht, der mit einem aug blind
gewesen, vnd hat dasselbe aug drey tag nach einander mit dem wasser
geweschen, vnd darnach sein gesicht wider dermaß erlangt, das er
allerley Müntz mit dem selbigen aug nun erkennen kan.
Es seind auch dahin kommen drey Landtsknecht, deren zwen wund waren,
der drit aber gesund, die haben sich auch mit disem wasser geweschen,
doch die krafft vnd würckung des wassers verlacht vnd verspottet.
Spricht der ein, Ich můß mein schultern auch weschen, der ander: vnd
ich mein armen. Der gsund spricht auch, můß mich weschen vileicht
wirden ich hübscher. Vnd haben also jr gauckel spil triben mit der gaab
Gottes, biß das der ein vnsinnig vnd rasend ist worden, das man jn hat
müssen an ein ketten legen. Der ander gar toll vnd wütend, das man jm
all viere hat müssen binden. Der dritt ist mitt dem teuffel besessen
worden. Vnd seind also all drey verdorben, von wegen der verachtung der
gaben Gottes.
Zů disem brunnen ist ein grosses zůlauffen auß allen landen weit
vnd breit von reichen vnd armen, krüppelen, vnd lamen, stummen vnd
ghörlosen, blinden vnd kriechenden, die alte schäden an armen vnd
schencklen haben, trieffende bein die niemandts on schaden gstellen
kan, die den Roten schaden haben, weiber die brustwee haben. In
summa, was doch presthafft ist, kein kranckheit vßgenommen, hat alles
sein zůflucht zů disem brunnen. Man sind heütigs tags leüt, die
dörffen sagen, dz bey vnsern zeiten der allmechtig Gott nit so grosse
wunderwerck und miracklen den menschen erzeigt, als zůn zeiten Christi
seines geliebten sůns, nemen die selbige diß wunderwerck für augen, so
werdens nit so vnwüssent von Gott vnd seinem wunderwerck reden.
Der brunn ist auch der art wann ein krancker dahin geradt, vnd jn das
wasser nit dolen will so wirffts jn auß, oder tödtet jn gar, bey dem
villeicht ein kranckheit hat gar überhand genommen, welches doch selten
geschicht.
Gott der allmechtig hat den kindern von Israel vil gůtthaten vnd
wunder werck erzeigt, dardurch sie jn erkennen solten, aber sie waren
vndanckbar vnd murreten wider den Herren, darumb er sie straffet, das
sie in der wüste sturben, vnnd jren nit mer dann zwo personen in das
gelobt land kamen. Also ist es zů vnsern letsten zeiten gleich auch ein
ding, so vns Gott seine gaben mit wunder wercken erzeigt, so halten wir
es für ein gspöt oder fabel. Strafft er vns dann mit plagen, so gat es
sunst niemand zů hertzen, dann denn (dem?) es zů hauß gat. Warnet er
vns dann mit wunderzeichen so gat es niemandt zů hertzen, vnnd die es
nit gesehen haben, halten es für ein gedicht, als ich acht, das dise
gab Gottes vnd wunderwerck, von vilen verlachet vnd verspottet würdt,
als ob es ein erdicht ding sey, wiewol die wunderwerck heiter am tag
ligen, darmit vns Gott sein güte vnd barmhertzigkeit anzeigt, darmit
wir erkennen das wir einen gnedigen vatter haben, vnd sich zů jm keren
vnd jn anrüffen vmb sein gnad. Sollichs wöll er vns verleihen das wir
durch jhn erwerben nach disem leben das ewig leben, Amen.“
[Sidenote: _Wunderkuren in den Bädern_]
Man ist leicht versucht, die erwähnten Wunderkuren als Betrug
anzusehen. Ziehen wir die auf Suggestion beruhenden ab, bleiben doch
noch ein Teil auf den ersten Blick für uns unverständliche zurück.
Die damalige Generation begnügte sich aber schon, geringe Besserungen
als großen Erfolg anzusehen und als Heilung auszuschreien, auch sah
man mit anderen Augen als heute. Man betrachte nur die Ungeheuer,
die nach ~Rueff~s Hebammenbuch[251] oder nach den Bilderbogen der
Zeit Menschen geboren haben sollten. Die Falten der macerierten Haut
von manchen Frühgeburten sind fast immer vom Zeichner so gelegt, daß
ein kleines Schwein oder ein kleiner Elefant oder das berüchtigte
Mondkalb zustande kommt. In ~Johannes Bauhin~s Abhandlung über das
Bad zu Boll vom Jahre 1602[331] sind mehrere Petrefakten abgebildet,
darunter auch ein Schieferstein, der einen Wirrwarr von geflügelten
Menschen zeigt. Der aufgeklärte ~Bauhin~ setzt aber dem Bilde die
Worte bei: „Die Menschliche Gestallten gehören nicht hinein“. So
werden wohl die von ~Metobius~ angegebenen Tiere, Maulwurf, Schnecke
und Schößling nichts weiter als Blutgerinnsel gewesen sein. Des
Brunnens Pouhon berühmtes Insekt von Spa, das durch die Nieren
ausgeschieden wurde (Abb. 125)[404], erscheint auf den ersten Blick
als ein Harnleitergerinnsel. Das Würmlein, das in den Abhandlungen von
Aachen im 17. und 18. Jahrhundert in natürlicher und mikroskopischer
Vergrößerung auftritt[409][410][263], ist weiter nichts als eine
zufällige oder absichtliche Beimischung zum Harn. Gewebsfetzen wurden
häufig als Würmer mit mehreren Köpfen und Füßen gedeutet. Die Heilungen
von Blinden sind sehr vorsichtig aufzunehmen. Beim Weihenzeller
Wunderbrunnen bestanden sie z.❆B. auch darin, daß jemand ein am Boden
liegendes Geldstück sehen, ein anderer den am Finger steckenden Ring
erkennen konnte[393].
[Illustration: Abb. 125. Inseckt aus den Nieren einer Frauen gekommen
durch Würckung derer Wasser des Pouhons. Kupfer aus: Les amusements de
Spa: or, the galanteries of the Spaw in Germany. London, 1745.]
[Sidenote: _Der große Zulauf in Pyrmont 1556_]
Die Entdeckung des Brunnens von Pyrmont, wie sie ~Metobius~
schildert, ist eine Fabel. ~Pyrmontanus~[56] und ~Bünting~ in seiner
braunschweigischen Chronik[392] geben an, daß 1502 und die folgenden
Jahre die Gemahlin des Grafen zum Rietberg, eine geborene zu der
Lippe, das Wasser gebraucht habe. Selbst wenn diese Nachricht falsch
wäre, erscheint es auffällig, daß das Volk den Brunnen den heiligen
(er lag auch auf dem heiligen Anger) nannte, also mit einem Namen, den
schon zwei Jahrhunderte vorher ~Henricus de Hervordia~ gebrauchte,
und daß ~Pyrmontanus~[56] 1597 den zweiten von diesem erwähnten, den
Brodelbrunn, als nichts Auffälliges bespricht. Die kleine Schrift von
~Metobius~ veranlaßte aber, daß in den balneologischen Büchern des 16.
Jahrhunderts vom „Neubrunn“ die Rede ist. ~Pyrmontanus~ und ~Bünting~
erwähnen auch den großen Zulauf 1556. In Spanien, Frankreich, England,
Schottland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Polen, Ungarn und Italien
soll der Brunnen bekannt gewesen sein. In vier Wochen fanden sich an
zehntausend Menschen ein. Die benachbarten Dörfer Odeßdorff (Oßdorff)
und Holtzhausen seien Tag und Nacht voll von Kranken und Gebrechlichen
gewesen, „daß man die Behausung vnd was sunsten zur Noturfft bedürffens
nicht zukommen wüste“. Die Stadt Lüdge, einen Büchsenschuß vom Brunnen
gelegen, sei dermaßen von kranken Personen hohen und niederen Standes
überfüllt gewesen, daß kein Raum in den Häusern mehr übrig, kein Brot
oder Bier zu bekommen war, und daß die Armut große Not gelitten.
Während eines Vierteljahres war eine solche Menge Volks daselbst
vorhanden, daß Lager im Holz aufgeschlagen, öffentliche „Scharren“,
Fleisch-, Bier- und Brothäuser angelegt werden mußten. „In summa es
war gleich einem grossen Feldtlager“[56][392]. (Vergl. Abb. 105, 126,
127.) Graf Philipp von Spiegelberg, der damals zu Pyrmont residierte,
hatte viel Schaden durch Besuch vornehmer Gäste, die den Brunnen
gebrauchten. Anwesend waren unter anderen Frau Hedwig, des Kurfürsten
Joachim zu Brandenburg Gemahlin, Frau Catharina, Herzog Johann Ernsten
zu Sachsen auf Coburg Gemahlin, Graf Conrad zu Teckelburg, der letzte
im Geschlecht, und Graf Sigismund von Gleichen, der bald nach dem Bad
starb[56].
[Illustration: Abb. 126. Bad Walkershofen in Bayern 1551. Holzschnitt
aus einem Flugblatt des 16. Jahrhunderts.]
An einem Lindenbaum hing neben Stangen und Krücken Geheilter die
Badeordnung, die ~Melanchthon~ 1556 zu Wittenberg lateinisch
abdrucken ließ. Der erste etwas sonderbare Artikel lautet in deutscher
Übersetzung:
„Zum ersten solln, so diesen Fontein
Besuchen, reich, arm, groß und klein
Sich in alleweg thun befleissen,
Daß sie nicht Göttliche Ehr beweisen
Diesem Brunn, und machen ihn nicht
Zu einem Abgott, sondern schlicht
Zu Gottes Ehrn sein geniessen
Von dem kömmt diese Gnad herfliessen“[381].
[Sidenote: _Ältere Ansichten über die kohlensauren Wasser und die
Thermen_]
Der Zulauf hörte im folgenden Jahre auf um die Zeit, als Graf Philipp
von Spiegelberg, der letzte seines Geschlechts, „für Quentin“ den 10.
August erschossen ward. Man vermutete ein göttliches Strafgericht, das
dem Wasser seine Kraft nehmen ließ, weil der gemeine Haufe öffentlich
Sünde, Schande und Hurerei bei dem Brunnen getrieben und vornehme
Weibspersonen den Brunnen beschuldigt hatten, durch ihn wassersüchtig
geworden zu sein, welche Bosheit aber Gott durch die Geburt schöner
Kindlein zuschanden gemacht hatte. Dies der Bericht von ~Pyrmontanus~
1597[56]. Spätere Beschreiber von Pyrmont lassen ihren Unwillen
über den Rückgang des Besuches zum Teil in derben Ausdrücken an
~Tabernaemontanus~ aus, der seinen Ruf als berühmter Arzt benutzt habe,
um Pyrmont zugunsten des Schwalbacher Weinbrunnens herabzusetzen[394].
Allerdings sprach sich dieser nicht gerade lobend aus: „Es war vor
zwentzig Jahr dieser Sawerbrunnen in einem solchen ruff vnnd geschrey,
daß auch auß frembden Nationen, als Franckreich, Italien vnd Sicilien
Leut herauß gezogen, diesen Brunnen zubesuchen, dann ein solch geläuff
zu diesem Wunderbrunnen war, wie vor zeiten das wütend vnnd rasend
Wallen zu der schönen Maria vnd Nothelferin zu Regenspurg, dann es war
schier kein Blinder, Tauber, Stummer oder von Mutterleib Lahmer, wie
auch die Sondersiechen oder Aussetzigen, die nicht verhofften in diesem
Brunnen jhre Gesundheit zu erlangen, ein solch greuwlich Lügengedicht
vnnd falsch geschrey kam darvon auß in alle Land, darzu halffen etliche
ärtzt oder Doctores, oder vielmehr Impostores oder Deceptores vnnd
Landbuben, die liessen ein offentlichen truch außgehen, daß dieser
neuw Wunderbrunnen nicht nur allein die erzehleten Kranckheiten,
sonder sonst auch alle andere Erbkranckheiten oder angeborene Seuchten
curiren vnnd heylen solt, welches doch mit keiner Artzney auff dem
gantzen Erdboden zuwegen zubringen ist, vnd dieselbig Kunst vnser
Erlöser vnd Seligmacher jhme allein vorbehalten hat. Wie schändlich
aber die guten Leut, daß sie einen solchen weiten Weg diesem Brunnen
zugefallen reysen müssen, betrogen worden seind, hat mancher mit
schmertzen vnd bekümmernüß müssen erfahren, dann ich in warheit etliche
gute Leut gekennt die all jr haab vnd Gut versetzt vnd verpfendet,
vnd die hoffnung hatten durch diesen Brunnen jre gesundheit widervmb
zuerlangen, haben aber durch ein so weite reyß sich also verzehret,
daß sie biß jhr ende haben müssen mangel leiden, vnd sonderlich die so
sich zum ersten vff die reyß den gemeldten Brunnen zubesuchen begeben
haben, dann dieselben musten den größten kosten tragen, die andern aber
die zum letzten kommen, die wurden vff dem Weg vnnd Reyß von den ersten
gewarnet, vnnd jhn der betrug vnd falsch eröffnet, also daß sie bey
zeiten vmbkehrten vnnd sich widervmb zu Hauß verfügten, vnnd also jhr
einer den anderen warnete, dannenher dieser Brunnen (wiewol er doch
nit gar zuverwerffen, sonder in etlichen kranckheiten nützlich mag
gebraucht werden) gar in ein verachtung kommen und der Gauchsbrunnen,
dieweil er so vil Narren und Gäuch gemacht, genannt worden ist, vnd
sich also je einer mit dem andern selbst vexiert. Soviel aber die
ärtzt vnd Medicos anlangen thut, die durch den offentlichen Truck die
Leut also verführt vnd betrogen, weren einer guten verehrung vnnd
lohns wol werdt gewesen, dann wann man sie schon mit Ruthen zum Land
hinauß gestrichen hette, hetten sie wol verdient“[324]. Von diesem
Urteil erwähnen die Verehrer Pyrmonts nichts, wohl aber fallen sie über
~Tabernaemontanus~ her, weil er vor dem Trinken des Brunnens warnte auf
Grund von Bestandteilen, die auch ~Metobius~ angab und auch wie dieser
auf das Absterben von Tieren im Wasser hinwies. Dies letztere erwähnt
Metobius auch von Wildungen[56], ~Tabernaemontanus~ vom Weinbrunnen
in Schwalbach[324] ~Bauhin~ von den Sauerbrunnen im Schwarzwald[331]
und auch schon ~Thurneisser~ wußte, daß Tiere in kohlensäurehaltigem
Wasser nicht leben können[390]. Die Schrift von ~Metobius~ war aber
im 18. Jahrhundert nur noch dem Titel nach bekannt, sonst wäre man
wohl vorsichtiger gegen ~Tabernaemontanus~ vorgegangen. Um diesen zu
widerlegen, warf ~Bolmann~[392] 1656 einen Frosch in Gegenwart vieler
vornehmer Personen in den Brunnen, nötigte ihn, diesen etliche Male
zu durchschwimmen. Wie er aber müde und wegen des Wassers dick wurde,
nahm ihn ~Bolmann~ vorsichtigerweise heraus, band ihn in seinem Garten
an, wo er vier Tage danach aus Mangel des nutrimenti starb. Und damit
hatte er — wie ein Hauptvertreter der Balneologie in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts schreibt — die offenbar unrichtige Behauptung
~Tabernaemontanus~’ widerlegt[416]. ~Seipp~, der das Ersticken von
Tieren schon über dem Wasser anerkannte, wollte aber durchaus kein
Gift in dem „Dunst“ sehen, sondern nur eine „sonderbare elastische
ausbreitende Krafft“, die aus der Lunge alle Luft verdränge[381],
infolgedessen also der Tod durch Sauerstoffmangel erfolge. Das edele
Wasser durfte nun einmal nichts Giftiges an sich haben.
Wenn ~Tabernaemontanus~ wirklich die Pyrmonter Verhältnisse beeinflußt
hätte, wie hätte es da Plombières ergehen müssen, von dem ~Paracelsus~
sagte, seine Wärme sei die des gärenden Misthaufens, es habe keine
sonderliche Tugend, den Ausschlag bade man ohne Nutzen, weil seine
Art, die Müdigkeit zu nehmen, auch gemeinem Wasser zukomme? Es habe
sogar einen unangenehmen Anhang. Was zu dem Guten auf der Bahn sei,
fördere es, aber auch das Böse, so zu Bösem geschickt ist. Baden-Baden,
Wildbad, Liebenzell, Teplitz, Baden bei Wien, Villach, sie alle haben
nach ihm nicht mehr Kraft als erwärmtes gemeines Wasser[374].
[Illustration: Abb. 127. Dorf Hornhausen sampt den darin entspringenden
Heilbronnen 1646. Kupfer von ~V. Wagner~.]
[Sidenote: _Pyrmont_]
Nach dem Dreißigjährigen Kriege kam Pyrmont wieder in die Höhe. 1651
wurde der Brunnen auch innerlich häufig gebraucht[392]. 1681 waren
sogar vierzig königliche und fürstliche Personen anwesend. Man fand
diese Zusammenkunft damals so merkwürdig, daß man auch in Paris sich
darum kümmerte, eine Erzählung in den Mercure galant einrückte und
urteilte, man werde vielleicht in langer Zeit nicht wieder so viele
souveräne Prinzen beisammen sehen. Anwesend waren unter anderen
Friedrich Wilhelm der große Kurfürst mit seiner Gemahlin, der
Herzog, nachmalige Kurfürst von Hannover, die Herzoge von Celle und von
Braunschweig, der Landgraf Carl von Hessen, Prinz Georg von Dänemark,
nachheriger Gemahl der Königin Anna von England. Als junge Prinzen
waren auch da der Kurprinz von Hannover, nachher Georg I. von England,
und seine Schwester, die spätere erste Königin von Preußen, und Sophie
Charlotte, die Prinzessin von Celle, spätere Mutter König Georgs
II.[342] Von nun ab war Pyrmont Adelsbad und blieb es bis zu seinem
Rückgang in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[Sidenote: _Hornhausen_]
Was im 16. Jahrhundert Pyrmont, war im 17. Hornhausen zwischen
Aschersleben und Halberstadt (Abb. 127). Sechs Wunderbrunnen waren
dort 1646 entsprungen, von denen im selben Jahr drei Beschreibungen
erschienen und 1647 darauf eine vierte, nach der in diesem Jahre über
zweitausend Personen gezählt wurden, welche sich beim Pastor des Orts
wegen der Danksagung angegeben hatten. Ein Schäfer entdeckte den
ersten Brunnen und war gleich vom Fieber geheilt worden. Das wurde
im Dorf ruchbar, viele neugierige Leute liefen mit dem Priester und
Schulmeister hin. Eine alte Bauersfrau, die viele Jahre kontrakt
gewesen war, ward völlig geheilt. Nun drang der Ruf von diesem Wasser
bald in fremde Gegenden. Von allen Orten eilten die Kranken herzu, und
unter den anwesenden hohen Personen zählte man die Königin von Schweden
und den Kurfürsten von Brandenburg. Allein nach kurzer Zeit erstarb das
Gerücht von den Brunnen, bis sie 1689 wieder emporkamen. Viele Hunderte
hatten das Dorf damals angefüllt. Dann kamen die Wasser abermals in
Verfall; erst 1718 hörte man wieder von ihnen. Sechzehn gute Quellen
und eine große Menge von Kranken wurden gezählt. 1719 war ein einziger
armer Kranker da, nur noch sechs Quellen bestanden, von denen die
meisten modrig waren. Man warnte jetzt öffentlich vor ihrem Gebrauch.
Seither herrschte tiefes Stillschweigen über diese Quellen, welche —
wie ~Zückert~ 1768 sagt — das Schicksal gehabt haben, dreimal besucht
und gelobt und dreimal vergessen und verachtet zu werden[343].
[Sidenote: _Die Wunderbrunnen bei Nordhausen und Hofgeismar_]
Im 17. Jahrhundert entstanden mehrere Wunderbrunnen, die sämtlich
plötzlich in Ruf kamen, Blinde, Taube, Lahme heilten und nach kurzer
Zeit wieder verschwanden. Es scheint fast, als ob unter der Not
des Dreißigjährigen Krieges ein Bedürfnis nach derartigen Brunnen
vorgelegen habe. ~Zeiller~ schreibt 1655: „Vil Brünne, die vor wenig
Jahren entstanden, vnd deren Wasser vnheilsame Kranckheiten zu recht
gebracht hat, als die zu Hornhausen, vnnd andere mehr, haben jhre
Krafft wider verlohren. So auch die Anno 1646 den 24. May im Ambt
Stoltzenau, nächst dem Dorff Müslering entstandene drei Heilbrünnen
gethan, so umb den Wintermonat selbigen Jahrs jhre Krafft mehrertheils
wider verlohren haben, da zuvor vil hohes, vnd nidriges Standes
Personen, nicht allein dabey sich angefunden, vnd deren bedient;
sondern auch, nach erhaltener zimlicher guten Gesundheit, die Lahmen
jhre auffgehenckte Krücken hinterlassen; auch sonsten etliche hundert
vilfältig presthafft geweste gesund worden seyn.“ 1652 entstanden die
Brunnen beim Dorf Lose im Lüneburgischen und 1646 beim Kloster Lüne
wieder, die
viele Jahre zuvor in Ansehen gewesen, dazwischen aber kraftlos gewesen
waren. Ein berühmter Wunderbrunnen beim Dorf Nordhausen im Amt Kassel
hatte 1655 keinen Ruf mehr. Der Trinkbrunnen zu Hofgeismar begann auch
seine Laufbahn 1639 als Wunderbrunnen[83]; der alte Badbrunnen war aber
schon über achtzig Jahre bekannt[343].
[Illustration: Abb. 128. Gesundbrunnen bei Ham. Kupfer aus: ~Peter
Hesselius~, Hertzfließende Betrachtungen von dem Elbe-Strom. Altona,
1675.]
[Sidenote: _Die Wunderbrunnen zu Rastenberg / Bielefeld / Weihenzell /
Ham / Burgwinnumb_]
1646 wurde zu Rastenberg im Weimarischen ein Gesundbrunnen entdeckt.
Blinde, Lahme und Krüppel wurden geheilt, viele Krücken blieben zurück.
Der Herzog Wilhelm zu Weimar verordnete, den Brunnen mit einer halben
Mauer und einem Staket darauf zu umgeben, alle Woche Betstunden dabei
zu halten und einen Almosenstock anzulegen. 1648 blieb aber das Wasser
aus. 1696 entsprang es neu. Ein kranker Holzknecht trank zufällig
davon. Dies wurde im Backhaus erzählt, und schnell entstand großer
Zulauf. Der Weimarische Leib- und Hofmedicus Zapf beschrieb ihn, und
schon im Jahr darauf mußte sein Büchlein zum vierten Male gedruckt
werden. Diesmal wurde täglich zweimal, morgens und abends um sechs Uhr,
Betstunde gehalten, jedesmal ein Bußlied gesungen, Johannes, Kapitel 5
Vers 2–14 vorgelesen und darauf ein sehr langes Gebet gesprochen. Der
Zulauf war auch jetzt wieder sehr groß. Man erhielt nicht ein frisches
Bund Stroh, viel weniger ein Bett und eine warme Stube. Vier bis fünf
Personen mußten in einer Wanne baden, ohne daß das Wasser erneuert
wurde. Viele gingen, ohne den Brunnen gebraucht zu haben, heim[401].
1666 entsprang zu Bielefeld ein Heilbrunnen. Bei diesem derselbe
Zulauf. Abb. 105 zeigt das Treiben wie bei den anderen Wunderbrunnen.
Wir finden auch hier die „ordentliche Beth-Stunde“. „Ach Jesu! hast
du denn vergessen, daß wirs sind, die das Unrecht in sich gesoffen
wie Wasser?“ Diese Stelle mag das Bußgebet charakterisieren, das beim
Brunnen vorgelesen wurde[403]. In Weihenzell bei Ansbach entdeckte
1680 ein bettelnder abgedankter Soldat unter einer Miststätte einen
Quell, trank davon und nannte ihn einen unvergleichlichen Schatz. Sein
altes Brustübel wurde nach einer Stunde gebessert, nach wenigen Tagen
geheilt, ebenso zwei Weiber im Dorf. Damit begann der Ruf, und nun
kam der Zulauf. Der Fürst von Brandenburg-Onolzbach ließ den Quell in
Marmor fassen und in Gegenwart vieler tausend Personen durch seinen
Generalsuperintendenten ein öffentliches Dankgebet sprechen, das auch
im Druck erschien, und der fürstliche Leibmedicus ~Löle~ wurde nicht
müde, den Ruf der Quelle in Wort und Bild zu verkünden[393]. ~Zückert~
erwähnt sie aber 1768 gar nicht, ebenso die Wunderbrunnen bei Ham (Abb.
128), die zu Walkershofen (Abb. 126) und zu Burgwinnumb (Abb. 129).