nach genügendem Purgieren in ein warmes Schwefelbad fahren und
baden[251]. Für schwefelhaltig galten aber sämtliche Thermen, die denn
auch alle darauf Anspruch machten, die Unfruchtbarkeit der Frauen zu
heben. ~Ruland~ bezeichnet in der lateinischen Ausgabe seines Buches
(1568) als geeignet: Gastein und andere warme Wasser, Aachen, Baden in
der Schweiz, Brieg, Plumbersbad (Plombières), die Wasser in Löffingen,
Broylerborn, Brochenborn, Kesselborn, die Sauerwasser in Wehr und
Cissen, den Sauerbrunnen von Kissingen und die Aquae nitrosae, an
anderer Stelle auch noch Markgrafenbad, Ems, Niderbron, Karlsbad und
„Badenses Herciniae“[384], in der deutschen Ausgabe vom selben Jahre
wird zunächst nur Gastein, später werden die Bäder von Schwefel, Alaun,
Salz und warme Bäder angeführt, „item Oberbad (Schweiz), Marggraffbad,
das bad Gastein“[400].
Wie schon erwähnt wurde, stand in dieser Beziehung in sehr großem Rufe
das Verenabad zu Baden (Schweiz), den es nicht nur seiner Beziehung
zur heiligen Verena, sondern in manchen Fällen wohl tatsächlichen
Heilerfolgen verdankte; denn die Verenaquelle war eine kräftige
aufsteigende Dusche, auf deren Wirkung schon ~Sytz~ 1516 hinwies[375].
Auch die „Bubenquelle“ in Ems war eine aufsteigende Dusche[370]. In
Wettbewerb mit Baden trat Bormio. Erzherzogin Catarina von Mantua,
die Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, hatte im Sommer
1590 die Wormser Thermen „der Nachkommenschaft halber“ besucht.
Quelle, Bad und Zimmer, welche die Fürstin benutzt hatte, hießen von
nun ab nicht mehr das untere oder das Frauenbad, sondern führten den
Namen „der Erzherzogin“. Nach Abbruch desselben erhielt die Quelle
den Namen „Frauenheil“[23]. Die Kur der hohen Frau hatte übrigens
insofern nur Erfolg, als sie ihren Gemahl in Zukunft mit drei Mädchen
beschenkte[38]. Bormio aber kam in Ruf und hieß 1616 bei den Deutschen
das Weiberbad[59].
Der Erfolg dieser Kuren wurde Jahrhunderte hindurch in nicht
mißzuverstehender Weise weniger der Wirkung des Wassers zugewiesen.
Darf man auch ~Poggio~[327], ~Murner~[31], ~Guler~[59],
~Merveilleux~[385] nicht ernst nehmen, so sagt doch der glaubwürdige
~Phries~, daß zu „Marckgrauenbaden“ ein Priester bei vielen Frauen im
Spiele gewesen wäre[386]. Im Liebenzeller Badhause befand sich 1748
unter einem Gemälde der Spruch:
„Auf ein Zeit hat ein Mann ein Weib,
Die liebt er als sein eigen Leib.
Weil sie ihm aber kein Kinder gab
So bekümmert er sich hefftig darab,
Rieth ihr, daß sie zog in dies Bad.
Das Weib zog hin auf des Mannes Rath.
Weiß nicht wie es gieng, gut war die Stund
Schwanger ward das Weib, die Magd und der Hund“[372].
Man schob überhaupt gern den Frauen ein besonderes Bedürfnis einer
Badereise zu. In einem die deutschen Mineralbäder in Kupferstichen
darstellenden Werke aus dem 17. Jahrhunderte finden sich die Verse:
„Der Mann schafft Tag und Nacht, badet in seinem Schweiß,
Alles die Frau verzehrt in ihrem Bad mit Fleiß“[387].
Tatsächlich machten auch einige Bräute in ihrem Ehekontrakt eine
Badenfahrt aus. In einem solchen, datiert Wien, September 1762,
„begibt sich im VII. Punkte der Bräutigam Herr Anton Waltoner: gwester
Bräumeister: hierin iedes Widerspruches gegen seine zukünftige
Eheliebste, die ehrsame Jungfrau Appolonia Molin: Wär auch Sach
dass sie wollt alljährlich in ein Badt fahren so soll das geschehen
unverwerth“[16]. Der Brauch wird auch von den Frankfurterinnen für
Schwalbach[407], den Züricherinnen für Baden[448] angegeben, doch sind
die Quellen nicht glaubwürdig.
Im 16. Jahrhundert hatte man eine hohe Meinung von den Mineralbädern.
~Martin Rulandus~ sagt 1568: „Nach dem bißher kein Artzneney erfunden
noch erdacht worden zu erhaltung der gesundtheit, vnd zur heylung yeder
vnd aller kranckheit des leybs, ohne allein das wasser vnd Wasserbäder
..... ist schier kein kranckheyt, sie sey an Jungen oder allten
leuten, Weybern oder Männern, welliche durch dise vnsere Wasserbäder
nicht möge geheylet werden ... So seind die Bäder auch in bösen vnnd
vnheylsamen kranckheyten die letzte vnd beste hilff vnnd zuflucht. Dann
welliche kranckheyt durch ärtzeney nicht können geheylet werden, heylen
dieselbigen die Bäder, so mans recht thůt brauchen.“ ~Ruland~ ist aber
kein einseitiger Verehrer der Bäder, bei jedem gibt er eingehend die
Gegenanzeigen des Gebrauches an[400]. Auch ~Sytz~ sagt, daß etliche in
den Wildbädern Gehör, Gesicht, Geschmack verloren hätten, andere lahm
geworden seien, wie er selbst vielfach gesehen[375]. Leute, die gesund,
oft nur zum Vergnügen ins Wildbad zogen, gingen häufig als Kranke
wieder heim. Natürlich gab es neben den Vergnügungssüchtigen auch
wirkliche Kranke, man muß aber doch recht mißtrauisch gewesen sein. Als
1583 drei Männer von Weil an der Wiesen das Luthernbad bei Willisau
besuchten, brachten sie ein Zeugnis mit, daß sie wirklich zur Pflege
der Gesundheit kämen und nicht in betrügerischer Absicht Frau und
Kinder verlassen hätten, mit der Bitte, „sie dieses göttliche Geschenk
genießen zu lassen“[38].
[Sidenote: _Die Badeärzte_]
Für Kranke war besser als früher gesorgt. Die besuchteren Badeorte
hatten jetzt selbst oder in benachbarten Städten Ärzte. 1578 war der
Baseler Professor ~Pantaleon~ zum fünfundzwanzigsten Male in Baden
(Schweiz)[35]. In kleinen Bädern war meist der Verwalter oder ein Bader
und Schröpfer der Ratgeber der Kranken, falls sich nicht fahrende
Ärzte, zumeist Juden, am Orte aufhielten, die sich der höchsten
Mißgunst der damaligen Ärztewelt erfreuten[35][375][324]. ~Blondel~ in
Aachen (Abb. 119) war der bedeutendste Badearzt des 17., ~Marcard~ in
Pyrmont der des 18. Jahrhunderts.
[Illustration: Abb. 119. ~Franz Blondel~ d. Ä., Badearzt in Aachen.
Kupfer aus: Erklärung deren heylsamen Badt- und Trinckwässeren zu Aach.
Aachen, 1688.]
[Sidenote: _Bäder für Vornehme_]
Vornehme Patienten brachten ihren eigenen Arzt mit. 1562 begleitete
~Günther von Andernach~ den Grafen Philipp den Älteren von Hanau
nach Pfäfers[388]. Herzog Wilhelm von Sachsen bat 1476 den Kurfürsten
Ernst um den Doktor ~Hildebrand~, damit dieser ihn ins „Wiltbad zu
Swarzwald“ begleite[54]. 1593 war ~Fabricius Hildanus~ mit einem
Edelmann in Aachen, 1610 mit dem Fürsten Radziwill in Pfäfers[22].
Der Arzt leistete dann seinem Patienten im Bade Gesellschaft, so der
Baseler Professor ~Pantaleon~ 1575 dem Markgrafen Georg Friedrich von
Brandenburg[35].
Für vornehme Personen hatte man besondere Bäder, die dementsprechende
Namen führten, die nach den verschiedenen Personen, von denen sie
benutzt wurden, sogar umgeändert wurden. So erhielt das erwähnte Bad,
das Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg benutzt hatte, den Namen
Markgrafenbad, vorher hieß es Bischofsbad. Teplitz hatte 1607 sein
Herzogenbad, das durch einen Gang mit dem Schlosse verbunden war[264],
1607 hieß es das Kurfürstenbad[81], 1733 das kurfürstliche oder
fürstliche Bad. Es wurde möbliert, wenn fürstliche Personen anwesend
waren, sonst durfte es nur von Standespersonen, nicht von gemeinen
Leuten benutzt werden[447]. Das Wildbad hatte vom 16.[431] bis ins 19.
Jahrhundert sein Fürstenbad. In diesem durfte 1758 niemand baden, er
habe denn bei der fürstlichen Rentkammer darum angehalten und einen
Befehl deswegen an den Vogt bekommen. Um die Erlaubnis suchten meist
Frauen nach. Die Fürsten selbst und die Grafen benutzten es nicht,
sondern badeten lieber im Herrenbad[332]. Der Augsburger Großkaufmann
~Lucas Rem~ wieder, dem seinem Stande gemäß im Wildbad das Herrenbad
zukam, zog 1521 das gemeine große Bad vor, nachdem er vierzehn Tage
„im hern“ gebadet hatte, „um daz (es) wermer und mer geselschaft was“.
1525 badete er seine Kur von hundertsiebenundsiebzig Stunden im „großen
hernbad“ und nur wenige davon im „clainen hern bedlin“ ab[265].
Die meist im oberen Deutschland erschienenen Badebücher behandeln nur
die dort gelegenen Bäder. 1572 gab ein Anhänger des ~Paracelsus~,
~Thurneisser~, ein nach Flußläufen geordnetes Werk über die deutschen
Bäder heraus, das erste, das auch eingehend Norddeutschland
berücksichtigt und 420 Folioseiten umfaßt[390].
[Illustration: Abb. 120. Balneum Plummers (Plombières). Holzschnitt
aus: ~Conradus Gesnerus~, De Thermis Germanicis. In: De Balneis.
Venetiis (Venedig) apud Juntas. 1553.]
[Sidenote: _Karlsbad / Plombières / Wiesbaden_]
Von einzelnen Bädern erfahren wir im 16. Jahrhundert folgendes.
Karlsbad war 1591 nach dem Berichte des Nürnberger Kaufmanns
~Paumgarten~ ein „sehr spröhttes willdbad, da umbs geltt doch
garnichtts zu bekommen, schier weder weyn noch bier allhie hatt“[248].
Trotzdem war es zur Zeit von Fürstlichkeiten auch aus der Ferne
besucht, z.❆B. dem Markgrafen von Brandenburg, dem Herzog von Pommern
und dem von Mecklenburg[391]. Das französische Plombières (Abb. 120)
wurde von den Elsässern fast ausschließlich benutzt, daß ~Pictorius~
1560 seine Landsleute darauf aufmerksam machte, es gäbe auch nützliche
Bäder im deutschen Land, es ist „nit alles mit dem Bad Plummers
außgericht“[152]. Wiesbaden war nach ~Ryff~ „allenthalben vast (sehr)
wol bekant“[48]. ~Philipp von Allendorf~ erwähnt es 1535 in der
Judenbadstub:
„Man sagt mir vil von dem Wißbad
Wes es eym fast im seckel schad“[234].
[Sidenote: _Aachen_]
Über das berühmt warm Bad bei Ach (Aachen) geht ~Ryff~ hinweg,
„dieweyl.... dasselbig dieser zeyt mehr zum lust dann zu der gesundheyt
gebraucht“ wird[48].
[Illustration: Abb. 121. Bad Gastein im 17. Jahrhundert. Gleichzeitiger
Stich.]
[Sidenote: _Aachen / Gastein / Wildbad / Schwalbach_]
Im Jahre 1534 kam Pfalzgraf Philipp, Fürst und Herr am Rhein, am
Tage Bartholomay mit sechzig Pferden nach Gastein (Abb. 121), badete
sieben Wochen und wurde gesund. Im Jahre 1537 zwischen Ostern und
Pfingsten kamen Ott Heinrich Pfalzgraf und sein Vater Friedrich mit
zwanzig Wagen und fünfzig Pferden[344]. Man hat diese Badefahrten
als besonders pompös betrachtet, was sie jedoch nicht waren. Zur
Mitführung der nötigen Haushaltungsgegenstände brauchte man reichliches
Transportmaterial, und außerdem waren die Straßen unsicher. Als der
Augsburger Kaufmann ~Lucas Rem~ am 12. September 1535 Wildbad verließ,
nahm er auf eigene Kosten wegen Straßenräuberei „fil folck, glait,
Reiter, fuosknecht“ mit sich. 1538 zog er „im Frankfurter grossen
glaitt“ heim[265]. Daß Vorsicht geboten war, geht aus folgendem, auch
sonst interessanten Bericht über die Badereise des Kurfürsten August
von Sachsen hervor, die 1584 zustande kam. Im Rat der Leibärzte hatte
Dr. ~Paul Luther~ „den Sauerbrunnen, eine Meile von Friedland gelegen“
(jetzt Bad Liebenwerda), in Vorschlag gebracht, wohin viele fremde
Leute gingen und von dem man einige Fäßlein hatte kommen lassen. Allein
die anderen Ärzte gaben Schwalbach den Vorzug. Sie wünschten vorerst
genau zu wissen, ob Leute in des Kurfürsten Alter (siebenundfünfzig
Jahre) und die an Wassertrinken nicht gewöhnt seien, solchen Brunnen
zumal nüchtern vertragen könnten. Der Kurfürst schrieb im April
1583 an die Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel und Philipp von
Hessen-Rheinfels, erhielt auch von ersterem ein Regiment (Anweisung),
welches ihm sein Bruder Ludwig gegeben, der den Brunnen mehrmals
gebraucht hatte. Die befreundeten Fürsten meinten, daß sich der
Kurfürst im Dorfe Langenschwalbach nicht werde behelfen können, weil
die Gelegenheit da gar zu geringe und enge sei. Im Frühling 1583 wurde
deshalb der kurfürstliche Furier ~Neumann~ abgeschickt, um „ein bequem
Losament“ auszumachen. Er kam im Herbst nach unermüdlichem Nachforschen
in Langenschwalbach an und meldete, daß „solch Flecklein gar übel
gebauet, hat also geringe und arme Leut, seint eitel Tuchweber“,
das Rathaus habe nur eine Stube, sei übel verwahrt und allenthalben
offen, es solle sich auch allerlei loses Gesindel allda aufhalten.
~Neumann~ entdeckte auf seiner Erkundigungsfahrt auch einen Ort,
genannt Wiesbad (Wiesbaden). Dort sei gute Unterkunft und Schloß und
Stadt wohl verwahrt, er habe auch ein Bad, das könnte der Kurfürst
gebrauchen oder von da aus Schwalbach besuchen. Dem Furier gefiel aber
auch das Schloß des Kurfürsten von Mainz zu Ellfeld oder Eltvil, der
Hauptstadt des Rheingaus, und er glaubte, das Wasser könnte täglich von
Schwalbach geholt werden, indem man in den dazwischen liegenden Dörfern
die Träger wechsele. Der Kurfürst von Mainz lud darauf den Patienten
ein, in seinem Schloß zu wohnen, und erst im Mai 1584 wurde die Reise
angetreten mit einem Troß von zweihundertundneun Pferden und sechzehn
Leibpferden des Kurfürsten. Nach achtzehn Tagen langte der Kurfürst
an der hessischen Grenze an, wo er vom Mainzer bewaffneten Geleit
empfangen wurde[378].
Ein ganz anderes Urteil fällte 1580 ~Tabernaemontanus~ über Schwalbach:
„So findet man auch zimliche gute Herberg die von tag gebessert werden.
Zu dem hat es gute trewhertzige Leuth daselbst, die menniglich vmb
billiche belohnung zur Hand gehen vnnd dienen, also daß niemands,
der sich benügen lassen will, zuklagen hat.“ Auf die Schwalbacher
Sauerbrunnen machte 1568 ein Bauer den Bruder des Erzbischofs von
Mainz „Philipsen Brendeln von Homburgk Vitzthumb zu Meyntz“ als ein
besonders mildes Sauerwasser aufmerksam, nachdem diesem die Kur in
Göppingen nicht gut bekommen war. ~Tabernaemontanus~ untersuchte die
Brunnen und erklärte, einer derselben, der Weinbrunnen, sei „der
edelst, allerbest vnd heylsameste vnder allen andern Sauwerbrunnen die
mir noch vorkommen sind“. Darum gab er ihm den ersten Platz in seinem
Neu-Wasserschatz[324]. Wie gut die Reklame zog, zeigt der Besuch des
Kurfürsten von Sachsen. Trotzdem blieb der Weinbrunnen, als man ihn
fassen wollte, aus und mußte durch fleißige Arbeit und anhaltendes
Gebet wieder gesucht werden[379].
[Sidenote: _Griesbach_]
~Tabernaemontanus~ machte auch auf einen zweiten, bis dahin unbekannten
Sauerbrunnen, den zu Greißbach (Griesbach) aufmerksam, den Georg von
Schauenburg gefunden und gebraucht und danach hatte fassen lassen (Abb.
122). Er wurde bald sehr bekannt. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts gab
~Fabricius Hildanus~ dem Berner Bürgermeister Anton von Grafenried
Anweisung, wie er den Brunnen gebrauchen solle[22]. 1606 trank man ihn
in Baden-Baden neben dem näher gelegenen Petersthaler, der aber aller
zwei bis drei Tage frisch geholt werden mußte[362].
[Sidenote: _Göppingen_]
Im höchsten Rufe stand im 16. Jahrhundert der Sauerbrunnen von
Göppingen. Schon 1404 wurde der Schwalbronnen zum Lehen gegeben[70].
Der erste bekannte Kurgast war Graf Eberhard III. von Württemberg, der
1417 während einer Sauerbrunnenkur dort starb[154]. Das Göppinger
Wasser hatte eine ganz besondere Eigenschaft; es trieb das eingenommene
Gift aus und verzehrte es. Unter anderem wurde auch Herzog Christoph
von Württemberg, dem während seines Aufenthaltes in Frankreich Gift
gereicht sein sollte, nach mehrjährigen Kuren in Göppingen von den
Folgen geheilt[324]. In den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts
erbaute man ein neues Gast- und Badehaus. Damals wurde dem Göppinger
Sauerbrunnen die erste Stelle durch den von Jebenhausen streitig
gemacht, den man den Edelmann nannte und den Göppinger nur den Bürger;
der Überkinger erhielt bei diesem Vergleich wegen seiner „Räse“
(Schärfe) die Bezeichnung Bauer. 1839 war Göppingen aufs äußerste
heruntergekommen; es fanden sich nur noch wenige Gäste. Der Versand von
Wasser war unbedeutend, während vorher ganze Schiffsladungen nach Wien
gegangen sein sollten. Eine der Quellen wurde damals durch eine ganz in
der Nähe angelegte Dunggrube zugrunde gerichtet[154].
[Illustration: Abb. 122. Bad Griesbach im Rauchtale. Kupfer. 18.
Jahrhundert.]
[Sidenote: _St. Moritz / Leuk_]
~Paracelsus~ bespricht im Baderbüchlein Göppingen als ersten
Sauerbrunnen, setzt den „jm Growen pundt“ (St. Moritz) ihm gleich, fügt
aber noch hinzu, der in Graubünden sei edeler[374]. Im Schreiben über
die tatarischen Krankheiten sagt er: „Ein acetosum fontale, das ich für
alle so in europa erfaren hab, ist in Engiodin zů S. Mauritz“[681],
und ~Adam von Bodenstein~ schreibt 1576: „Was solte ich sagen vom
brunnen im Bundt, der also saur und kreftig?“[89]. ~Tabernaemontanus~
kannte das Wasser aber nur vom Hörensagen (1580). Vielleicht wurde es
zur Zeit gar nicht benutzt; denn 1570 hatte das Hochwasser des Inns die
Quellen verschüttet. Nach der Neufassung kam das Mineralwasser wieder
in Aufnahme, besonders in Italien hatte es großen Ruf und wurde weithin
versandt. Der italienische Arzt ~Malcarida~ dichtete 1650 Sonette auf
die Quelle, die sich von der damaligen schwülstigen deutschen[B]
Quellenpoesie vorteilhaft abheben, deren zweite in deutscher
Übersetzung lautet:
„Wie Blumen, wenn sie trinken, frisch erstehen,
So muß durch diese Quelle neues Lebens
Auch jedes schwache Alter wieder blühen.
Wie wunderbar! Das Eisen, sonst so tödlich,
Das leichte Gas, sonst von so kurzer Dauer,
Hier helfen beide, daß der Mensch nicht sterbe.“
1670 ließ die Gemeinde von St. Moritz als Besitzerin der Quelle
einige Arbeiten zur besseren Benutzung ausführen und verpachtete sie
an mehrere Einwohner. Aus Oberitalien trafen immer mehr vornehme
Kranke ein, 1697 der Herzog Amadeo von Savoyen, 1699 der Herzog von
Parma. Um diese Zeit wurde der Brunnen auch von Deutschen besucht.
Jedoch durch die napoleonischen Kriege und die Gleichgültigkeit der
Einwohner trat eine Vernachlässigung der Quelle ein[90]. 1811 schrieb
der Züricher Leutpriester ~Johann Ludwig Meyer~: „Die Celebrität, die
dies heilsame Wasser hat, könnte den, der sich noch nie an der Stelle
befand, leicht vermuten lassen, da wo es der Erde entquillt, eine Menge
schöner und geräumiger Wohnhäuser zu finden. Aber wie sehr würde er
sich in seinen Erwartungen getäuscht sehen, wenn er dorthin versetzt,
statt der gehofften bequemen Gebäude, in dem kleinen Tale nichts als
ein Häuschen erblickte, dessen Außenseite und innere Einrichtung alle
Begriffe von Armseligkeit übersteigt! Und doch verhält sich die Sache
nicht anders. Gerade da, wo zum Behufe der Kurgäste gut eingerichtete
Absteigquartiere stehen sollten, finden sie nichts, als jene elende
Hütte, nach der sie, so lange die Kurzeit dauert, täglich bei jeder
Witterung zu wandeln gezwungen sind. Das Erdgeschoß dieser baufälligen
Hütte ist in zwei ungleiche Hälften abgeteilt; die größere ist ein
halboffener Stallraum ohne Bahre und Krippe, in den nur die kleinere
Anzahl der Pferde, welche die Brunnengäste mit sich führen müssen,
zur Not eingestellt werden kann .... Die kleinere Hälfte ist für
das eigentliche Trinkzimmer (Abb. 123) bestimmt. Hier sprudeln drei
stärkere und vier schwächere Quellen zwischen den mit Eisenocker
überzogenen Steinen, und sammeln sich in einer aus rohen Granitplatten
bestehenden Einfassung von etwa drei Schuh in das Gevierte, um welche
herum in einem so engen Raum, daß kaum vier Personen in die Tiefe
zu stehen kommen, die Kurgäste sich zudrängen, um entweder von dem
bestellten Aufseher sich ihre Gläser und Gläschen aus einer eisernen
Kelle füllen zu lassen, oder sich tief herunterbückend selbst sie
zu füllen, um die fixe Luft besser beisammen zu halten.“ Über dem
Pferdestall befand sich ein Raum zum Aufenthalt der Kurgäste bei
schlechtem Wetter mit fensterlosen Lichtöffnungen und zwei Kaminen,
durch die der Wind den Rauch ins Zimmer blies. Ein italienischer Graf
bot aus Dankbarkeit für seine Genesung Geld zum Bau eines Gasthauses
bei der Quelle an, die St. Moritzer wollten von keiner Änderung
wissen[444]. Noch später behaupteten sie, der Mineralquell sei ihnen
mehr schädlich als nützlich[360]. 1814 überrumpelte aber die jüngere
Gemeinde die Alten, als diese in Tirano den Viehmarkt besuchten, und
beschloß eine Innkorrektion, die 1815 bereits vollendet war, wodurch
Quelle und Dorf mit einer Fahrstraße verbunden wurden. 1831 pachtete
eine Aktiengesellschaft die Quelle, von der aus die ersten Gebäude bei
derselben errichtet wurden[90].
[Illustration: Abb. 123. Der Sauerbrunnen zu St. Moritz im
Ober-Engadin. Kupfer aus dem: ~Neujahrsgeschenk~ der Gesellschaft zum
schwarzen Garten. Zürich, 1811.]
[Sidenote: _Pyrmont_]
Weit mehr von des Schicksals Gunst und Ungunst beeinflußt war der
Brunnen zu Pyrmont. Wollte man im 16. Jahrhundert die Güte eines
Sauerbrunnens hervorheben, verglich man ihn mit Göppingen, im 18. und
im Anfang des 19. mit Pyrmont, daneben auch wohl noch mit Spa und
Schwalbach, und doch sagt das Journal des Luxus und der Moden von 1800,
der Pyrmonter Trinkbrunnen eigne sich gar nicht zum Verschicken, an der
Quelle selbst sei er nach langem Regen von gewöhnlichem Wasser kaum
zu unterscheiden. Seit der Erwähnung durch ~Henricus de Hervordia~ im
Jahre 1350 haben wir keine Nachricht von einem Brunnen zu Pyrmont. Da
ging plötzlich 1556 die Kunde von einem Wunderbrunnen in der Grafschaft
Spiegelberg durch ganz Europa. Die erste gedruckte Nachricht davon gab
~Metobius~, die als Beispiel derartiger Schriften hier vollständig
wiedergegeben werden soll.
[Sidenote: _Metobius’ Schrift über Pyrmont von 1556_]
„Beschreibung des newen gefundnen Brunnens, in welchem der allmechtig
Gott täglich seine gaben vnnd gůthat reichlich den menschen erscheinen
laßt, deßgleichen vor nie erhört. Vnnd ist der selb Brunn gelegen in
der Graffschafft Speygelberg zwo meil wegs von Hamelen, an dem fluß
Weser gelegen.
Diser Brunn, gelegen inn der Graffschafft Speygelberg, zwo meil wegs
von Hamelen an dem fluß Weser, ist vngeferd bey dreyhundert Jaren auch
in grosser krafft vnnd würde gewesen, also das er dazemal eben als yetz
grosse kranckheiten, lammen vnnd tauben genert hat.
So ist inn dem der Herr derselben Graffschafft zů gefaren, hat den
Brunnen lassen eynfassen, vnd allda von dem wasser Tribut oder zinß
geheyschet, so ist in dem das wasser verschwunden vnnd gantz vnnd gar
der Brunn versigen, biß auff den yetzigen Mertzen diß 56. Jars, da hatt
der Brunn seinen fluß wider bekommen, auch sein vorige würckung vnd
tugent durch die krafft Gottes wider erzeigt.
[Illustration: Abb. 124. Titelholzschnitt zu: ~Metobius~’ Schrift über
Pyrmont. 1556.]
Die Vögel in lüfften, auch andere vierfüssige thier, die ab disem
wasser trincken, sterben dahin, als ob sy vergifftet weren. Vnnd das
vernimpt ein armer ellender gsüchtiger mann, der tag vnd nacht kein
rhů hat, gedacht vor grossem schmertzen, du wilt auch ab disem wasser
trincken, so stirbst auch gleich, wie die thier vnd vögel, vnnd kompst
also deiner marter, angst vnd not ab. So er nun hingat, vnd des wasser
trinckt wirt es etwas besser vmb jn. Vnd gedenckt in jm selbs, Du wilt
noch mee von dem wasser trincken, villeicht wirdt es noch besser.
Vnd trinckt des wassers ein zeitlang, weschet auch sein gantzen leib
darmit. Genist aller dingen, verlaßt seine krucken, lobet Gott den
Herren, vnnd fart dahin. Wölches er nun kundt hat gethan yederman. Vnnd
ist yetz so ein grosses zůlauffen dahin von allen orten vnnd enden, von
den armen krüppelen, lamen, tauben, blinden, vnd besessenen menschen,
ja auch was sie für kranckheiten haben, das man nicht herberg noch
behausung gnůg mag haben, sonder machen alda vff dem feld hütten,
gleich wie in einem läger.
Nit weit vonn dem Brunnen ligt ein Closter, welliche Münch vor mangel
vnd armůt entlauffen můssen, dann sie von den den armen leüten
überfallen werden mit almůsen geben: vnd haben sich selbs dermassen
eröset, das sie kein bleibens mee allda haben.
Erstlich von der gestalt des Wassers. Der Brunn ist metallisch vnnd
saur, vnd hat mehr Oker bey sich, dann sunst einig andere bewerte Ertze.
Die gele farb, so bey vnd in dem Brunnen ist, vnd erfunden wirt, wirt
vff Latin Ocera genennt, vnnd auf Teütsch gelber Oker, vnd ye gelber
dasselbe in vnnd bey dem Brunnen ist, dester krefftiger das wasser ist.
Diser Brunn ist von Gott mit nachfolgenden tugenden reichlich begabet.
Erstlich hat er die krafft, das daß Wasser zů zeücht, wem die Zeen
loß schwach vnnd offen sein, auch das Paralysis, Podagra, Gelsucht,
Gegicht, Hilgedinck hierinnen gebadet, machet die seenen adern, vnnd
das fleisch gůt, offne schaden heilet es auß dem grund, vnd machet sie
rein.