~Rueff~ sagt 1554 in seinem Hebammenbuch, unfruchtbare Weiber sollen

nach genügendem Purgieren in ein warmes Schwefelbad fahren und

baden[251]. Für schwefelhaltig galten aber sämtliche Thermen, die denn

auch alle darauf Anspruch machten, die Unfruchtbarkeit der Frauen zu

heben. ~Ruland~ bezeichnet in der lateinischen Ausgabe seines Buches

(1568) als geeignet: Gastein und andere warme Wasser, Aachen, Baden in

der Schweiz, Brieg, Plumbersbad (Plombières), die Wasser in Löffingen,

Broylerborn, Brochenborn, Kesselborn, die Sauerwasser in Wehr und

Cissen, den Sauerbrunnen von Kissingen und die Aquae nitrosae, an

anderer Stelle auch noch Markgrafenbad, Ems, Niderbron, Karlsbad und

„Badenses Herciniae“[384], in der deutschen Ausgabe vom selben Jahre

wird zunächst nur Gastein, später werden die Bäder von Schwefel, Alaun,

Salz und warme Bäder angeführt, „item Oberbad (Schweiz), Marggraffbad,

das bad Gastein“[400].

Wie schon erwähnt wurde, stand in dieser Beziehung in sehr großem Rufe

das Verenabad zu Baden (Schweiz), den es nicht nur seiner Beziehung

zur heiligen Verena, sondern in manchen Fällen wohl tatsächlichen

Heilerfolgen verdankte; denn die Verenaquelle war eine kräftige

aufsteigende Dusche, auf deren Wirkung schon ~Sytz~ 1516 hinwies[375].

Auch die „Bubenquelle“ in Ems war eine aufsteigende Dusche[370]. In

Wettbewerb mit Baden trat Bormio. Erzherzogin Catarina von Mantua,

die Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, hatte im Sommer

1590 die Wormser Thermen „der Nachkommenschaft halber“ besucht.

Quelle, Bad und Zimmer, welche die Fürstin benutzt hatte, hießen von

nun ab nicht mehr das untere oder das Frauenbad, sondern führten den

Namen „der Erzherzogin“. Nach Abbruch desselben erhielt die Quelle

den Namen „Frauenheil“[23]. Die Kur der hohen Frau hatte übrigens

insofern nur Erfolg, als sie ihren Gemahl in Zukunft mit drei Mädchen

beschenkte[38]. Bormio aber kam in Ruf und hieß 1616 bei den Deutschen

das Weiberbad[59].

Der Erfolg dieser Kuren wurde Jahrhunderte hindurch in nicht

mißzuverstehender Weise weniger der Wirkung des Wassers zugewiesen.

Darf man auch ~Poggio~[327], ~Murner~[31], ~Guler~[59],

~Merveilleux~[385] nicht ernst nehmen, so sagt doch der glaubwürdige

~Phries~, daß zu „Marckgrauenbaden“ ein Priester bei vielen Frauen im

Spiele gewesen wäre[386]. Im Liebenzeller Badhause befand sich 1748

unter einem Gemälde der Spruch:

„Auf ein Zeit hat ein Mann ein Weib,

Die liebt er als sein eigen Leib.

Weil sie ihm aber kein Kinder gab

So bekümmert er sich hefftig darab,

Rieth ihr, daß sie zog in dies Bad.

Das Weib zog hin auf des Mannes Rath.

Weiß nicht wie es gieng, gut war die Stund

Schwanger ward das Weib, die Magd und der Hund“[372].

Man schob überhaupt gern den Frauen ein besonderes Bedürfnis einer

Badereise zu. In einem die deutschen Mineralbäder in Kupferstichen

darstellenden Werke aus dem 17. Jahrhunderte finden sich die Verse:

„Der Mann schafft Tag und Nacht, badet in seinem Schweiß,

Alles die Frau verzehrt in ihrem Bad mit Fleiß“[387].

Tatsächlich machten auch einige Bräute in ihrem Ehekontrakt eine

Badenfahrt aus. In einem solchen, datiert Wien, September 1762,

„begibt sich im VII. Punkte der Bräutigam Herr Anton Waltoner: gwester

Bräumeister: hierin iedes Widerspruches gegen seine zukünftige

Eheliebste, die ehrsame Jungfrau Appolonia Molin: Wär auch Sach

dass sie wollt alljährlich in ein Badt fahren so soll das geschehen

unverwerth“[16]. Der Brauch wird auch von den Frankfurterinnen für

Schwalbach[407], den Züricherinnen für Baden[448] angegeben, doch sind

die Quellen nicht glaubwürdig.

Im 16. Jahrhundert hatte man eine hohe Meinung von den Mineralbädern.

~Martin Rulandus~ sagt 1568: „Nach dem bißher kein Artzneney erfunden

noch erdacht worden zu erhaltung der gesundtheit, vnd zur heylung yeder

vnd aller kranckheit des leybs, ohne allein das wasser vnd Wasserbäder

..... ist schier kein kranckheyt, sie sey an Jungen oder allten

leuten, Weybern oder Männern, welliche durch dise vnsere Wasserbäder

nicht möge geheylet werden ... So seind die Bäder auch in bösen vnnd

vnheylsamen kranckheyten die letzte vnd beste hilff vnnd zuflucht. Dann

welliche kranckheyt durch ärtzeney nicht können geheylet werden, heylen

dieselbigen die Bäder, so mans recht thůt brauchen.“ ~Ruland~ ist aber

kein einseitiger Verehrer der Bäder, bei jedem gibt er eingehend die

Gegenanzeigen des Gebrauches an[400]. Auch ~Sytz~ sagt, daß etliche in

den Wildbädern Gehör, Gesicht, Geschmack verloren hätten, andere lahm

geworden seien, wie er selbst vielfach gesehen[375]. Leute, die gesund,

oft nur zum Vergnügen ins Wildbad zogen, gingen häufig als Kranke

wieder heim. Natürlich gab es neben den Vergnügungssüchtigen auch

wirkliche Kranke, man muß aber doch recht mißtrauisch gewesen sein. Als

1583 drei Männer von Weil an der Wiesen das Luthernbad bei Willisau

besuchten, brachten sie ein Zeugnis mit, daß sie wirklich zur Pflege

der Gesundheit kämen und nicht in betrügerischer Absicht Frau und

Kinder verlassen hätten, mit der Bitte, „sie dieses göttliche Geschenk

genießen zu lassen“[38].

[Sidenote: _Die Badeärzte_]

Für Kranke war besser als früher gesorgt. Die besuchteren Badeorte

hatten jetzt selbst oder in benachbarten Städten Ärzte. 1578 war der

Baseler Professor ~Pantaleon~ zum fünfundzwanzigsten Male in Baden

(Schweiz)[35]. In kleinen Bädern war meist der Verwalter oder ein Bader

und Schröpfer der Ratgeber der Kranken, falls sich nicht fahrende

Ärzte, zumeist Juden, am Orte aufhielten, die sich der höchsten

Mißgunst der damaligen Ärztewelt erfreuten[35][375][324]. ~Blondel~ in

Aachen (Abb. 119) war der bedeutendste Badearzt des 17., ~Marcard~ in

Pyrmont der des 18. Jahrhunderts.

[Illustration: Abb. 119. ~Franz Blondel~ d. Ä., Badearzt in Aachen.

Kupfer aus: Erklärung deren heylsamen Badt- und Trinckwässeren zu Aach.

Aachen, 1688.]

[Sidenote: _Bäder für Vornehme_]

Vornehme Patienten brachten ihren eigenen Arzt mit. 1562 begleitete

~Günther von Andernach~ den Grafen Philipp den Älteren von Hanau

nach Pfäfers[388]. Herzog Wilhelm von Sachsen bat 1476 den Kurfürsten

Ernst um den Doktor ~Hildebrand~, damit dieser ihn ins „Wiltbad zu

Swarzwald“ begleite[54]. 1593 war ~Fabricius Hildanus~ mit einem

Edelmann in Aachen, 1610 mit dem Fürsten Radziwill in Pfäfers[22].

Der Arzt leistete dann seinem Patienten im Bade Gesellschaft, so der

Baseler Professor ~Pantaleon~ 1575 dem Markgrafen Georg Friedrich von

Brandenburg[35].

Für vornehme Personen hatte man besondere Bäder, die dementsprechende

Namen führten, die nach den verschiedenen Personen, von denen sie

benutzt wurden, sogar umgeändert wurden. So erhielt das erwähnte Bad,

das Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg benutzt hatte, den Namen

Markgrafenbad, vorher hieß es Bischofsbad. Teplitz hatte 1607 sein

Herzogenbad, das durch einen Gang mit dem Schlosse verbunden war[264],

1607 hieß es das Kurfürstenbad[81], 1733 das kurfürstliche oder

fürstliche Bad. Es wurde möbliert, wenn fürstliche Personen anwesend

waren, sonst durfte es nur von Standespersonen, nicht von gemeinen

Leuten benutzt werden[447]. Das Wildbad hatte vom 16.[431] bis ins 19.

Jahrhundert sein Fürstenbad. In diesem durfte 1758 niemand baden, er

habe denn bei der fürstlichen Rentkammer darum angehalten und einen

Befehl deswegen an den Vogt bekommen. Um die Erlaubnis suchten meist

Frauen nach. Die Fürsten selbst und die Grafen benutzten es nicht,

sondern badeten lieber im Herrenbad[332]. Der Augsburger Großkaufmann

~Lucas Rem~ wieder, dem seinem Stande gemäß im Wildbad das Herrenbad

zukam, zog 1521 das gemeine große Bad vor, nachdem er vierzehn Tage

„im hern“ gebadet hatte, „um daz (es) wermer und mer geselschaft was“.

1525 badete er seine Kur von hundertsiebenundsiebzig Stunden im „großen

hernbad“ und nur wenige davon im „clainen hern bedlin“ ab[265].

Die meist im oberen Deutschland erschienenen Badebücher behandeln nur

die dort gelegenen Bäder. 1572 gab ein Anhänger des ~Paracelsus~,

~Thurneisser~, ein nach Flußläufen geordnetes Werk über die deutschen

Bäder heraus, das erste, das auch eingehend Norddeutschland

berücksichtigt und 420 Folioseiten umfaßt[390].

[Illustration: Abb. 120. Balneum Plummers (Plombières). Holzschnitt

aus: ~Conradus Gesnerus~, De Thermis Germanicis. In: De Balneis.

Venetiis (Venedig) apud Juntas. 1553.]

[Sidenote: _Karlsbad / Plombières / Wiesbaden_]

Von einzelnen Bädern erfahren wir im 16. Jahrhundert folgendes.

Karlsbad war 1591 nach dem Berichte des Nürnberger Kaufmanns

~Paumgarten~ ein „sehr spröhttes willdbad, da umbs geltt doch

garnichtts zu bekommen, schier weder weyn noch bier allhie hatt“[248].

Trotzdem war es zur Zeit von Fürstlichkeiten auch aus der Ferne

besucht, z.❆B. dem Markgrafen von Brandenburg, dem Herzog von Pommern

und dem von Mecklenburg[391]. Das französische Plombières (Abb. 120)

wurde von den Elsässern fast ausschließlich benutzt, daß ~Pictorius~

1560 seine Landsleute darauf aufmerksam machte, es gäbe auch nützliche

Bäder im deutschen Land, es ist „nit alles mit dem Bad Plummers

außgericht“[152]. Wiesbaden war nach ~Ryff~ „allenthalben vast (sehr)

wol bekant“[48]. ~Philipp von Allendorf~ erwähnt es 1535 in der

Judenbadstub:

„Man sagt mir vil von dem Wißbad

Wes es eym fast im seckel schad“[234].

[Sidenote: _Aachen_]

Über das berühmt warm Bad bei Ach (Aachen) geht ~Ryff~ hinweg,

„dieweyl.... dasselbig dieser zeyt mehr zum lust dann zu der gesundheyt

gebraucht“ wird[48].

[Illustration: Abb. 121. Bad Gastein im 17. Jahrhundert. Gleichzeitiger

Stich.]

[Sidenote: _Aachen / Gastein / Wildbad / Schwalbach_]

Im Jahre 1534 kam Pfalzgraf Philipp, Fürst und Herr am Rhein, am

Tage Bartholomay mit sechzig Pferden nach Gastein (Abb. 121), badete

sieben Wochen und wurde gesund. Im Jahre 1537 zwischen Ostern und

Pfingsten kamen Ott Heinrich Pfalzgraf und sein Vater Friedrich mit

zwanzig Wagen und fünfzig Pferden[344]. Man hat diese Badefahrten

als besonders pompös betrachtet, was sie jedoch nicht waren. Zur

Mitführung der nötigen Haushaltungsgegenstände brauchte man reichliches

Transportmaterial, und außerdem waren die Straßen unsicher. Als der

Augsburger Kaufmann ~Lucas Rem~ am 12. September 1535 Wildbad verließ,

nahm er auf eigene Kosten wegen Straßenräuberei „fil folck, glait,

Reiter, fuosknecht“ mit sich. 1538 zog er „im Frankfurter grossen

glaitt“ heim[265]. Daß Vorsicht geboten war, geht aus folgendem, auch

sonst interessanten Bericht über die Badereise des Kurfürsten August

von Sachsen hervor, die 1584 zustande kam. Im Rat der Leibärzte hatte

Dr. ~Paul Luther~ „den Sauerbrunnen, eine Meile von Friedland gelegen“

(jetzt Bad Liebenwerda), in Vorschlag gebracht, wohin viele fremde

Leute gingen und von dem man einige Fäßlein hatte kommen lassen. Allein

die anderen Ärzte gaben Schwalbach den Vorzug. Sie wünschten vorerst

genau zu wissen, ob Leute in des Kurfürsten Alter (siebenundfünfzig

Jahre) und die an Wassertrinken nicht gewöhnt seien, solchen Brunnen

zumal nüchtern vertragen könnten. Der Kurfürst schrieb im April

1583 an die Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel und Philipp von

Hessen-Rheinfels, erhielt auch von ersterem ein Regiment (Anweisung),

welches ihm sein Bruder Ludwig gegeben, der den Brunnen mehrmals

gebraucht hatte. Die befreundeten Fürsten meinten, daß sich der

Kurfürst im Dorfe Langenschwalbach nicht werde behelfen können, weil

die Gelegenheit da gar zu geringe und enge sei. Im Frühling 1583 wurde

deshalb der kurfürstliche Furier ~Neumann~ abgeschickt, um „ein bequem

Losament“ auszumachen. Er kam im Herbst nach unermüdlichem Nachforschen

in Langenschwalbach an und meldete, daß „solch Flecklein gar übel

gebauet, hat also geringe und arme Leut, seint eitel Tuchweber“,

das Rathaus habe nur eine Stube, sei übel verwahrt und allenthalben

offen, es solle sich auch allerlei loses Gesindel allda aufhalten.

~Neumann~ entdeckte auf seiner Erkundigungsfahrt auch einen Ort,

genannt Wiesbad (Wiesbaden). Dort sei gute Unterkunft und Schloß und

Stadt wohl verwahrt, er habe auch ein Bad, das könnte der Kurfürst

gebrauchen oder von da aus Schwalbach besuchen. Dem Furier gefiel aber

auch das Schloß des Kurfürsten von Mainz zu Ellfeld oder Eltvil, der

Hauptstadt des Rheingaus, und er glaubte, das Wasser könnte täglich von

Schwalbach geholt werden, indem man in den dazwischen liegenden Dörfern

die Träger wechsele. Der Kurfürst von Mainz lud darauf den Patienten

ein, in seinem Schloß zu wohnen, und erst im Mai 1584 wurde die Reise

angetreten mit einem Troß von zweihundertundneun Pferden und sechzehn

Leibpferden des Kurfürsten. Nach achtzehn Tagen langte der Kurfürst

an der hessischen Grenze an, wo er vom Mainzer bewaffneten Geleit

empfangen wurde[378].

Ein ganz anderes Urteil fällte 1580 ~Tabernaemontanus~ über Schwalbach:

„So findet man auch zimliche gute Herberg die von tag gebessert werden.

Zu dem hat es gute trewhertzige Leuth daselbst, die menniglich vmb

billiche belohnung zur Hand gehen vnnd dienen, also daß niemands,

der sich benügen lassen will, zuklagen hat.“ Auf die Schwalbacher

Sauerbrunnen machte 1568 ein Bauer den Bruder des Erzbischofs von

Mainz „Philipsen Brendeln von Homburgk Vitzthumb zu Meyntz“ als ein

besonders mildes Sauerwasser aufmerksam, nachdem diesem die Kur in

Göppingen nicht gut bekommen war. ~Tabernaemontanus~ untersuchte die

Brunnen und erklärte, einer derselben, der Weinbrunnen, sei „der

edelst, allerbest vnd heylsameste vnder allen andern Sauwerbrunnen die

mir noch vorkommen sind“. Darum gab er ihm den ersten Platz in seinem

Neu-Wasserschatz[324]. Wie gut die Reklame zog, zeigt der Besuch des

Kurfürsten von Sachsen. Trotzdem blieb der Weinbrunnen, als man ihn

fassen wollte, aus und mußte durch fleißige Arbeit und anhaltendes

Gebet wieder gesucht werden[379].

[Sidenote: _Griesbach_]

~Tabernaemontanus~ machte auch auf einen zweiten, bis dahin unbekannten

Sauerbrunnen, den zu Greißbach (Griesbach) aufmerksam, den Georg von

Schauenburg gefunden und gebraucht und danach hatte fassen lassen (Abb.

122). Er wurde bald sehr bekannt. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts gab

~Fabricius Hildanus~ dem Berner Bürgermeister Anton von Grafenried

Anweisung, wie er den Brunnen gebrauchen solle[22]. 1606 trank man ihn

in Baden-Baden neben dem näher gelegenen Petersthaler, der aber aller

zwei bis drei Tage frisch geholt werden mußte[362].

[Sidenote: _Göppingen_]

Im höchsten Rufe stand im 16. Jahrhundert der Sauerbrunnen von

Göppingen. Schon 1404 wurde der Schwalbronnen zum Lehen gegeben[70].

Der erste bekannte Kurgast war Graf Eberhard III. von Württemberg, der

1417 während einer Sauerbrunnenkur dort starb[154]. Das Göppinger

Wasser hatte eine ganz besondere Eigenschaft; es trieb das eingenommene

Gift aus und verzehrte es. Unter anderem wurde auch Herzog Christoph

von Württemberg, dem während seines Aufenthaltes in Frankreich Gift

gereicht sein sollte, nach mehrjährigen Kuren in Göppingen von den

Folgen geheilt[324]. In den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts

erbaute man ein neues Gast- und Badehaus. Damals wurde dem Göppinger

Sauerbrunnen die erste Stelle durch den von Jebenhausen streitig

gemacht, den man den Edelmann nannte und den Göppinger nur den Bürger;

der Überkinger erhielt bei diesem Vergleich wegen seiner „Räse“

(Schärfe) die Bezeichnung Bauer. 1839 war Göppingen aufs äußerste

heruntergekommen; es fanden sich nur noch wenige Gäste. Der Versand von

Wasser war unbedeutend, während vorher ganze Schiffsladungen nach Wien

gegangen sein sollten. Eine der Quellen wurde damals durch eine ganz in

der Nähe angelegte Dunggrube zugrunde gerichtet[154].

[Illustration: Abb. 122. Bad Griesbach im Rauchtale. Kupfer. 18.

Jahrhundert.]

[Sidenote: _St. Moritz / Leuk_]

~Paracelsus~ bespricht im Baderbüchlein Göppingen als ersten

Sauerbrunnen, setzt den „jm Growen pundt“ (St. Moritz) ihm gleich, fügt

aber noch hinzu, der in Graubünden sei edeler[374]. Im Schreiben über

die tatarischen Krankheiten sagt er: „Ein acetosum fontale, das ich für

alle so in europa erfaren hab, ist in Engiodin zů S. Mauritz“[681],

und ~Adam von Bodenstein~ schreibt 1576: „Was solte ich sagen vom

brunnen im Bundt, der also saur und kreftig?“[89]. ~Tabernaemontanus~

kannte das Wasser aber nur vom Hörensagen (1580). Vielleicht wurde es

zur Zeit gar nicht benutzt; denn 1570 hatte das Hochwasser des Inns die

Quellen verschüttet. Nach der Neufassung kam das Mineralwasser wieder

in Aufnahme, besonders in Italien hatte es großen Ruf und wurde weithin

versandt. Der italienische Arzt ~Malcarida~ dichtete 1650 Sonette auf

die Quelle, die sich von der damaligen schwülstigen deutschen[B]

Quellenpoesie vorteilhaft abheben, deren zweite in deutscher

Übersetzung lautet:

„Wie Blumen, wenn sie trinken, frisch erstehen,

So muß durch diese Quelle neues Lebens

Auch jedes schwache Alter wieder blühen.

Wie wunderbar! Das Eisen, sonst so tödlich,

Das leichte Gas, sonst von so kurzer Dauer,

Hier helfen beide, daß der Mensch nicht sterbe.“

1670 ließ die Gemeinde von St. Moritz als Besitzerin der Quelle

einige Arbeiten zur besseren Benutzung ausführen und verpachtete sie

an mehrere Einwohner. Aus Oberitalien trafen immer mehr vornehme

Kranke ein, 1697 der Herzog Amadeo von Savoyen, 1699 der Herzog von

Parma. Um diese Zeit wurde der Brunnen auch von Deutschen besucht.

Jedoch durch die napoleonischen Kriege und die Gleichgültigkeit der

Einwohner trat eine Vernachlässigung der Quelle ein[90]. 1811 schrieb

der Züricher Leutpriester ~Johann Ludwig Meyer~: „Die Celebrität, die

dies heilsame Wasser hat, könnte den, der sich noch nie an der Stelle

befand, leicht vermuten lassen, da wo es der Erde entquillt, eine Menge

schöner und geräumiger Wohnhäuser zu finden. Aber wie sehr würde er

sich in seinen Erwartungen getäuscht sehen, wenn er dorthin versetzt,

statt der gehofften bequemen Gebäude, in dem kleinen Tale nichts als

ein Häuschen erblickte, dessen Außenseite und innere Einrichtung alle

Begriffe von Armseligkeit übersteigt! Und doch verhält sich die Sache

nicht anders. Gerade da, wo zum Behufe der Kurgäste gut eingerichtete

Absteigquartiere stehen sollten, finden sie nichts, als jene elende

Hütte, nach der sie, so lange die Kurzeit dauert, täglich bei jeder

Witterung zu wandeln gezwungen sind. Das Erdgeschoß dieser baufälligen

Hütte ist in zwei ungleiche Hälften abgeteilt; die größere ist ein

halboffener Stallraum ohne Bahre und Krippe, in den nur die kleinere

Anzahl der Pferde, welche die Brunnengäste mit sich führen müssen,

zur Not eingestellt werden kann .... Die kleinere Hälfte ist für

das eigentliche Trinkzimmer (Abb. 123) bestimmt. Hier sprudeln drei

stärkere und vier schwächere Quellen zwischen den mit Eisenocker

überzogenen Steinen, und sammeln sich in einer aus rohen Granitplatten

bestehenden Einfassung von etwa drei Schuh in das Gevierte, um welche

herum in einem so engen Raum, daß kaum vier Personen in die Tiefe

zu stehen kommen, die Kurgäste sich zudrängen, um entweder von dem

bestellten Aufseher sich ihre Gläser und Gläschen aus einer eisernen

Kelle füllen zu lassen, oder sich tief herunterbückend selbst sie

zu füllen, um die fixe Luft besser beisammen zu halten.“ Über dem

Pferdestall befand sich ein Raum zum Aufenthalt der Kurgäste bei

schlechtem Wetter mit fensterlosen Lichtöffnungen und zwei Kaminen,

durch die der Wind den Rauch ins Zimmer blies. Ein italienischer Graf

bot aus Dankbarkeit für seine Genesung Geld zum Bau eines Gasthauses

bei der Quelle an, die St. Moritzer wollten von keiner Änderung

wissen[444]. Noch später behaupteten sie, der Mineralquell sei ihnen

mehr schädlich als nützlich[360]. 1814 überrumpelte aber die jüngere

Gemeinde die Alten, als diese in Tirano den Viehmarkt besuchten, und

beschloß eine Innkorrektion, die 1815 bereits vollendet war, wodurch

Quelle und Dorf mit einer Fahrstraße verbunden wurden. 1831 pachtete

eine Aktiengesellschaft die Quelle, von der aus die ersten Gebäude bei

derselben errichtet wurden[90].

[Illustration: Abb. 123. Der Sauerbrunnen zu St. Moritz im

Ober-Engadin. Kupfer aus dem: ~Neujahrsgeschenk~ der Gesellschaft zum

schwarzen Garten. Zürich, 1811.]

[Sidenote: _Pyrmont_]

Weit mehr von des Schicksals Gunst und Ungunst beeinflußt war der

Brunnen zu Pyrmont. Wollte man im 16. Jahrhundert die Güte eines

Sauerbrunnens hervorheben, verglich man ihn mit Göppingen, im 18. und

im Anfang des 19. mit Pyrmont, daneben auch wohl noch mit Spa und

Schwalbach, und doch sagt das Journal des Luxus und der Moden von 1800,

der Pyrmonter Trinkbrunnen eigne sich gar nicht zum Verschicken, an der

Quelle selbst sei er nach langem Regen von gewöhnlichem Wasser kaum

zu unterscheiden. Seit der Erwähnung durch ~Henricus de Hervordia~ im

Jahre 1350 haben wir keine Nachricht von einem Brunnen zu Pyrmont. Da

ging plötzlich 1556 die Kunde von einem Wunderbrunnen in der Grafschaft

Spiegelberg durch ganz Europa. Die erste gedruckte Nachricht davon gab

~Metobius~, die als Beispiel derartiger Schriften hier vollständig

wiedergegeben werden soll.

[Sidenote: _Metobius’ Schrift über Pyrmont von 1556_]

„Beschreibung des newen gefundnen Brunnens, in welchem der allmechtig

Gott täglich seine gaben vnnd gůthat reichlich den menschen erscheinen

laßt, deßgleichen vor nie erhört. Vnnd ist der selb Brunn gelegen in

der Graffschafft Speygelberg zwo meil wegs von Hamelen, an dem fluß

Weser gelegen.

Diser Brunn, gelegen inn der Graffschafft Speygelberg, zwo meil wegs

von Hamelen an dem fluß Weser, ist vngeferd bey dreyhundert Jaren auch

in grosser krafft vnnd würde gewesen, also das er dazemal eben als yetz

grosse kranckheiten, lammen vnnd tauben genert hat.

So ist inn dem der Herr derselben Graffschafft zů gefaren, hat den

Brunnen lassen eynfassen, vnd allda von dem wasser Tribut oder zinß

geheyschet, so ist in dem das wasser verschwunden vnnd gantz vnnd gar

der Brunn versigen, biß auff den yetzigen Mertzen diß 56. Jars, da hatt

der Brunn seinen fluß wider bekommen, auch sein vorige würckung vnd

tugent durch die krafft Gottes wider erzeigt.

[Illustration: Abb. 124. Titelholzschnitt zu: ~Metobius~’ Schrift über

Pyrmont. 1556.]

Die Vögel in lüfften, auch andere vierfüssige thier, die ab disem

wasser trincken, sterben dahin, als ob sy vergifftet weren. Vnnd das

vernimpt ein armer ellender gsüchtiger mann, der tag vnd nacht kein

rhů hat, gedacht vor grossem schmertzen, du wilt auch ab disem wasser

trincken, so stirbst auch gleich, wie die thier vnd vögel, vnnd kompst

also deiner marter, angst vnd not ab. So er nun hingat, vnd des wasser

trinckt wirt es etwas besser vmb jn. Vnd gedenckt in jm selbs, Du wilt

noch mee von dem wasser trincken, villeicht wirdt es noch besser.

Vnd trinckt des wassers ein zeitlang, weschet auch sein gantzen leib

darmit. Genist aller dingen, verlaßt seine krucken, lobet Gott den

Herren, vnnd fart dahin. Wölches er nun kundt hat gethan yederman. Vnnd

ist yetz so ein grosses zůlauffen dahin von allen orten vnnd enden, von

den armen krüppelen, lamen, tauben, blinden, vnd besessenen menschen,

ja auch was sie für kranckheiten haben, das man nicht herberg noch

behausung gnůg mag haben, sonder machen alda vff dem feld hütten,

gleich wie in einem läger.

Nit weit vonn dem Brunnen ligt ein Closter, welliche Münch vor mangel

vnd armůt entlauffen můssen, dann sie von den den armen leüten

überfallen werden mit almůsen geben: vnd haben sich selbs dermassen

eröset, das sie kein bleibens mee allda haben.

Erstlich von der gestalt des Wassers. Der Brunn ist metallisch vnnd

saur, vnd hat mehr Oker bey sich, dann sunst einig andere bewerte Ertze.

Die gele farb, so bey vnd in dem Brunnen ist, vnd erfunden wirt, wirt

vff Latin Ocera genennt, vnnd auf Teütsch gelber Oker, vnd ye gelber

dasselbe in vnnd bey dem Brunnen ist, dester krefftiger das wasser ist.

Diser Brunn ist von Gott mit nachfolgenden tugenden reichlich begabet.

Erstlich hat er die krafft, das daß Wasser zů zeücht, wem die Zeen

loß schwach vnnd offen sein, auch das Paralysis, Podagra, Gelsucht,

Gegicht, Hilgedinck hierinnen gebadet, machet die seenen adern, vnnd

das fleisch gůt, offne schaden heilet es auß dem grund, vnd machet sie

rein.

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 31 / 53 段