im Bade zusammen. Es ist verständlich, daß man nach Auftreten der
Hautentzündung, die beim Karlsbader Wasser sogar zu eiternden
Geschwüren führte[350], die Körperoberfläche mit möglichst wenig
Stoff in Berührung brachte. Deswegen die so eng bemessene Bruoch
(Badehose) der Männer auf dem ~Dürer~schen Bilde (Abb. 138), wie sie
im gewöhnlichen Leben den Abbildungen nach nicht getragen wurde[L],
deswegen die von ~Poggio~ beschriebenen Hemden der Frauen, die Brust,
Schultern und Rücken frei ließen und lange Schlitze an den Seiten
hatten (Abb. 100). Vielfach erscheinen auch die Frauen mit einem mehr
oder weniger leicht umschlungenen Tuche, das häufig sogar beiseite
gelegt ist (Abb. 102). Gewiß ist die Absicht der Künstler nicht zu
verkennen, in den Badeszenen möglichst reine Akte darzustellen, wodurch
das Treiben auf den Bildern anstößig erscheint. Aber auch auf den alten
Siegeln von Baden (Abb. 52), auf dem Bild zu ~Foltz~’ Wildbädern, wo
die Geschlechter getrennt sind (Abb. 114), sitzen die Frauen nackt,
und ähnliche Darstellungen in ~Sebastian Münster~s Cosmographey (Abb.
111) wurden in einem auf der Züricher Stadtbibliothek befindlichen,
von ~Hugo von Amerongen~ im Auftrage der Inquisition korrigierten
Exemplar[351] nicht anstößig befunden, während man ziemlich harmlose
Stellen überklebte, z.❆B. das ganze Kapitel über Kaiser Ludwig den
Bayer, oder an Stelle von „Dominus Calvinus“ „Studiosus quidam“
setzte[455]. Die Männer in der Bruoch, die Frauen im Badhemd, so
befanden sich wenigstens die Armen im gemeinsamen Bad bis ins 19.
Jahrhundert (Abb. 46 u. 140). Nach ~Poggio~ legten die Männer, wenn
sie in Frauenbäder gingen, den Bademantel um. Mit diesem bedeckt stieg
man ins Bad und ging mit ihm heraus (Abb. 137). Die Glotterthaler
Badeordnung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb vor: „Item es
sollen die Mann in jren Niderklaidern zu vnd vß dem Bad gehn, auch
die Hembder oder Badmentel, biß sie in dem Casten nidersitzen wollen,
anbehalten“[330]. Ob im 16. Jahrhundert die Frauen außerhalb des Bades
über dem Badhemd einen Bademantel trugen, wird nicht angegeben. Noch
gegen Ende des 18. Jahrhunderts schritten die Armen, Frauen und auch
Männer, in Baden aus den Gasthöfen zum Verenabade nur im Hemd über die
Straße[424]. 1819 rügte ~Wetzler~, daß auch junge Mädchen im nassen
Hemd zum Gasthof zurückgingen[370]. Beim Freibade zog man sich auf
offenem Platze aus[424].
[Illustration: Abb. 111. Mineralbad. Holzschnitt aus: ~Sebastian
Münster~, Cosmographiae universalis Lib. VI. Basel, Petri, 1550.]
[Sidenote: _Badebekleidung und Badewäsche_]
Vor dem Anlegen des Bademantels trocknete man sich im 16. Jahrhundert
wahrscheinlich nicht ab. Anders im 17. Jahrhundert. Da nahm man 1689
nach Pfäfers an Leinwand mit: „Badttücher, Badhößlein, Bad-Mäntel
drey“, als dienlich wird angegeben „1 langer Beltz oder sonst warmer
Bad-Mantel“[428], 1665 ein bis drei Badtücher oder Schürzen, bequeme
„schlaffhosen“ von Leinwand, doch mit dem Schlitz an der Seite und
anstatt des Bandes mit einem paar Haften, weil die Bänder nach dem Bad
schwer zu lösen seien, und einen oder zwei Bademäntel mit Ärmeln[456].
~Ritter~ läßt 1696 mit dem Bademantel abtrocknen und im Nachtrock ins
Zimmer gehen[M][411]. Im 17. Jahrhundert legten die Männer, wenn sie
mit Frauen badeten, auch im Bade den Bademantel um. In Österreich
war das schon im 16. Jahrhundert Sitte. Im Tobelbade bei Graz wurde
1549 verordnet: Es soll „ein Herr oder ander Person (also Mann)“,
„sonderlich, so das Frauenzimmer vorhanden, an (ohne) ain Pfaidtn mit
ainen ..... guertl umbpunden“ nicht in den Ursprung (anscheinend
Bassinbad bei der Quelle) gehen oder im Vollbad sitzen[84]. „Ayn
padphayt“ ließ sich 1428 der Propst von Klosterneuburg für 46 dn
anfertigen und kaufte in Baden bei Wien ein „femural“ für 11 dn[16].
Aus den Preisen geht hervor, daß „padphayt“ ein größeres Wäschestück
als die Badehose und wahrscheinlich der Bademantel ist. Auch hinterließ
in Wien 1413 eine Jungfer „ain welische patphait“[16]; wonach es nicht
die Badehose sein konnte. ~Zeiller~, der selbst das Herzogsbad zu Baden
bei Wien gebraucht hatte, beschreibt 1649 die dortige Badekleidung.
Junge und Alte, Edel und Unedel, Manns- und Weibsvolk saß untereinander
mit „angezogenen, vnd mit Fleiß dazu gemachten Badekleidern, Theils
seynd nur in Hembder, vnnd Schlaffhosen (siehe Anm. S. 261 u. 262)
angethan, die Männer mit bedecktem Haupt, welches sie im ein- vnd
außgehen, entblössen, vnnd neben dem Gruß, das Bad gesegnen müssen;
Das Weibervolck aber mit theils angethanen Vberschlägen, Zierd vnnd
Schmuck vmb den Kopff auf Österreichische Manier gebůtzt .... lassen
jhnen den Saum an den Badröcken, mit Bley einnehen, damit solche nit
vbersich schwimmen können“. Es wurde, wie ~Zeiller~ bemerkt, Ausschlag
gebadet[371].
[Illustration: Abb. 112. Das Herzogsbad zu Baden bei Wien. Titelkupfer
aus: Beschreibung deren Gesundheits-Bädern Baaden, Teutsch-Altenburg
und Pyrenwarth. Nürnberg 1734.]
Im 18. Jahrhundert sehen wir (Abb. 112) in Baden bei Wien niemanden
mehr in Badehosen[448]. 1758 gibt ~Moser~ folgende umständliche
Beschreibung vom „Bad-Geräthe“ für das Wildbad: „Eine Manns-Person
von einigem Stand hat ohnehin einen Schlafrock, Kappe und Pantoffeln;
brauchet also nur noch ein Bad-Hembd. Dieses machet man wie einen
fast auf die Erde gehenden Schlafrock, mit offenen, (welches besser
ist) oder mit beschlossenen Ermeln, und oben mit einem Kragen und
Knopf. Hinten werden mitten in dem Rücken 2 Bändel einer Ehle lang
angenähet, mit welchen man so dann das Bad-Hembd zuknüpfet. Weißes
zartes Tuch schicket sich nicht darzu, weil es sehr an dem Leib klebt,
und dadurch dessen ganze Beschaffenheit zeigt; sondern man nimmt
ungebleicht oder gar hänfen Tuch darzu. Weibs-Personen lassen sich
auch ein solch Bad-Hembd machen: Andere thun kein Hembd an, sondern
bedecken den Ober-Leib mit einem Capuciner-mäßigen Ober-Mantel, oder
Saloppe, so dann bedienen sie sich eines ungefüterten Unterrocks von
baumwollen Zeug oder Barchet; wiewohl Einige wahrscheinlich meinen, die
Krafft des Bad-Wassers werde durch die Dicke des Barchents mercklich
geschwächt“[332]. Nach ~Gessner~ trugen 1746 die Frauen auch Röcke
und Mäntel von Barchent „nebst“ dem Badhemd und die Männer lange,
weiße Badhemden „so als ein Schlaffrock“. Man ging im Schlafrock über
die Straße zum Bad[335]. Bei reichen Leuten waren die Badhemden mit
Spitzen geziert, und nach den Handzeichnungen ~Vogel~s von 1820 im
Schweizerischen Landesmuseum in Zürich reichten die der Frauen bis
zu den Zehen. Sie wurden nach ~Hess~’ Bericht[315] als Paradestücke
im Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Fenstern der Gasthöfe zum
Trocknen hinausgehängt (Abb. 46), was auch in Wildbad den Badegästen
ein Bedürfnis gewesen zu sein scheint, denn die dortige Badeordnung
vom Jahre 1828 verbot das Trocknen der Bademäntel, Badehemden
und Abtrocknungstücher auf dem öffentlichen Marktplatze vor den
Badegebäuden[325].
[Sidenote: _Mitführen des gesamten Haushaltes in das Bad_]
Es wurde schon erwähnt, daß die Besitzer der Höfe in Baden (Schweiz)
den Gästen nur Wohnung und Bad zur Verfügung stellten. Man zog
allgemein, wie ~Ryff~ 1549 berichtet, mit ganzen Haushaltungen ins
Bad[48]. In Baden (Schweiz) erhielt man noch 1786 mehrere Zimmer,
eine dabei gelegene Badehalle, eine Küche und einen Keller[415]. Die
Badegäste kauften auf dem Markte in der Stadt Baden (im Bade selbst
war es verboten) Nahrungsmittel ein, kochten selbst, den Wein brachte
man von Hause mit[32]. So war es in den meisten Kurorten. In den
Beschreibungen wird fast immer angegeben, daß kein Mangel an Essen und
Trinken sei und man in den benachbarten Orten gut einkaufen könne. So
gibt ~Pictorius~ 1560 für Badenweiler die Stadt Neuenburg an[152]. 1747
konnte man dort noch selbst kochen und brachte insgemein die Betten
mit[352].
Aber schon 1485 finden wir ein Abweichen von dieser Lebensweise im Bad.
Nach der Badeordnung von Meinhardt in Württemberg aus dem genannten
Jahre war wohl das Selbstkochen gestattet, und der Wirt durfte niemand
drängen, es zu unterlassen. Man mußte aber zwei Pfennig Liegegeld für
die Nacht zahlen, wer nach dem Pfennigwert aß (die Speisen einzeln
bezahlte), nur einen Pfennig, und wer das Mahl beim Wirt nahm, gar
nichts[53]. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts konnte man in Wiesbaden
die Speisen selbst richten, in Schlangenbad litt es der Wirt nicht.
Sein Wein war aber so schlecht, daß die Badegäste ihren eigenen
mitbrachten[407]. Im allgemeinen nahm man im 18. Jahrhundert wenigstens
Betten von Hause mit, ins Wildbad noch 1832[325].
[Sidenote: _Baden ganzer Familien_]
Das Verlegen des gesamten Haushaltes in das Bad brachte Nachteile mit
sich, die trotz öfteren ärztlichen Hinweises nicht beachtet wurden. So
sagt ein Bericht aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts von Baden: „Oft
aber, wenn auch nur ein oder zwei Glieder des Hauses kurbedürftig
sind, machen die Übrigen aus Sparsamkeit die Kur mit, um nicht die
Kosten zweier Wirtschaften, einer bei Hause und einer zweiten im Bade,
zu tragen, und gehen nicht selten, nachdem sie gesund angelangt waren,
halb krank heim“[32]. Und ~Scheuchzer~ schreibt 1732: „Da werden ganze
Familien versorgt mit Zimmern, Küche, Keller, Tisch- und Bettzeug,
Holz- und Küchengeräten nebst eigenen Bädern. Großer Mißbrauch wird
damit getrieben, daß ganze Haushaltungen gleich streng, gleich lang
baden ohne Unterschied des Alters und Geschlechts. Ratet man einer
Hausmutter das Bad, so muß die Tochter, der Sohn, die Sohns-Frau und
deren Kinder die Bader-Cur auch genießen“[355]. Noch im 19. Jahrhundert
nahm man die Kinder mit in das Bad, und wie aus Abb. 113 hervorgeht,
auf längere Zeit[353].
[Illustration: Abb. 113. Familienbad zu Baden im Aargau. Kupfer
nach ~Martin Usteri~ von ~F. Hegi~ aus dem: ~Neujahrsgeschenk~ der
Gesellschaft zum schwarzen Garten. Zürich 1808.]
[Sidenote: _Der Meistersinger Hans Foltz über die deutschen Bäder_]
Gegen 1480 wurde in Nürnberg ein Gedicht des Meistersingers und
Barbiers ~Hans Foltz~ gedruckt[37], das 1504 in Straßburg einen
Neudruck[12] erfuhr und eine poetische Bearbeitung der Baderegeln
~Petrus’ de Tussignano~ enthält, zwischen die eine Beschreibung von
warmen Bädern eingeflochten ist (Abb. 114). Uns interessieren neben
dem französischen „plumbers“ die deutschen Bäder: „baden jn der marck
grofschafft“, „ein bad bey mentz genant wißbaden“.
„Zuo Ems ein bad do selbest vmb
Wer bades halben do hin kum.
Ist mer vmb lust dan vmb gesunt.“
„Ein bad bey kalb gelegen nho.
Genant jm swartz wald dz wilpad.“
„Bey kur nit ferr ein wilbad ist.
Leyt bey sant benedicten wist.
Genant pfeffers diff jn einer krufft
Do tages licht noch windes tufft.
Gar fast wenig gemerckt wirt
Das bad wünderlich hilff gebürt
Vnd wird für vil ander gepreist.
Großer hilff halb die es beweist.
Ist fein lauter wie ein cristal.
Sie kochen vnd drincken sein all
Vor grossem wol gesmack vnd güt
Es krefftigt hertz, sel vnd gemüt.
Vnd hat nie nymant wee getan.
Dint auch eins yder complexian.
Es fleüst von lauter goldes ertz.
Nymant hat do verdriß noch smertz
Veriagt allen vnlust vnd grawen.
Dint kalt vnd heissen man vnd frawen
Dewt wol all speis dz sie nit schat
Wer den smertzen padagran hat
Mit allen den geschlechten sein
Dut es offenlich hilffe schein.
Lüfft dem gehörd dint dem gesicht
Vnd waß man sunst von flüssen spricht
Treybt auch auß all vnreinigkeyt
Die sich jm gantzen lieb auß breyt.“
„Ein bad jn zweitz zuom walles heist“ (Leuk), „bey kalb ein bad zuo
zell genant“ (Liebenzell), „ein bad bey eger zuom elnbogen“ (Karlsbad).
„Noch ist ein bad jn öbern swaben
Dut man für diese alle loben.
Hertzogen baden man es nent.
Wunsamer bad wart nie erkent.
Des lusts glich sind man jn keim bad
Von wannen jm her kum die gnad
Kunt nie kein weiser auß studirn.
Man meint dz ein sunders gestirn
Ein sülchen jnfluß do hin hab.
Das do kein freid nümer ge ab
Im herbst vnd meyen zuo vor auß.
Do wart nie zweiung oder strauß.
Von wan falck dar kumpt auß eim lant
Oder waß sprach jm sey bekant
Er sey reich arm oder ein paur.
Wie schon suptil wi grober knaur
Münsch pfaff, fürst, grof, oder frey
Von wan er kum vnd wer er sey
Wirt allß vereinet jn eim plick.
Do macht sich mancherley geschick
Von essen, trincken, tantzen, springen
Stein stossen, lauffen, fechten, ringen
Seiten spil, pfeiffen, singen, sagen.
Ein ander von vil sachen fragen.
Lib kosen halsen vnd sunst schimpfen
Künen sie ein ander alls gelimpfen.
In wisen gerten sich ermeyen.
In weld vnd zuo den prunen reyen
Nymant den andern hasset nicht
Spürn waß eclesiastes spricht.
In frölich vnd fryem gemüt.
Ein lust grünendes allter plüt.
Gedencken auch vnd sehen an.
Den spruch den spricht der saloman.
Die trauikeit mit irem gewallt
Macht mager geruntzelt allt.
Dar vmb zuo wundern ist von aln
Den dise ding also für valn
Das geistlich vnd keiserlich recht
Verpitung thun bey schweret echt.
An vil enden der welt gemein
Nit jn den wilpaden allein.
Sunder jn allen sammungen gar.
Gesündert seint der frawen schar.
Von manen auch die jungen geselen
Von jungfrawen bilden, vnd ertzelen
Manch bös vrsachen vil dar bey.
Des halb sint zuo gelossen frey.
Gemeine weib, groß zuo bewarn[N]
Dz sunst der mensch möcht über farn
Nicht sprich jch das jn disem bad
Imant gesche einiger schad.
Eren halben das sprich jch nicht.
Sunder der al ding weiß vnd sicht
Vnd durch die jnflüß der natur.
Lest würcken jn sein creatur ....
Dar vmb ob jm gemelten bad.
Sich alles folck zuo samen lad.
In fruntschaft such freid vnd schimpf
Wer wolt das als zuo vngelimpf
Als bald verkern, so doch nymant
In sülchs bis her zuo argem want
Lentlich ist sitlich hört jch ye
Des gleichen las man bleipen sy.
Denoch ist ye zuo loben bas.
Kürtzweilig freid mit mitler mas
In lib vnd früntschafft für genomen.“
[Illustration: Abb. 114. Mineralbad. Titelholzschnitt zu: ~Hans Foltz~,
Gedicht von den naturheißen Bädern.]
[Illustration: Abb. 115. Badehalle in Aachen 1736. (Die Art, wie
man sich badet.) Kupfer aus: Amusements des eaux d’Aix la Chapelle.
Amsterdam 1736.]
[Sidenote: _Vorteile der blutwarmen Bäder_]
Wir erfahren hier auch von ~Foltz~, daß Baden über alle Bäder zu loben
ist, nämlich als Luxusbad. Als Heilbad steht Pfäfers trotz seiner
unangenehmen Lage obenan.
„Vnd hat nie nymant wee getan
Dint auch eins yder complexian“,
dessen können sich nicht viele Bäder rühmen, wenn es auch für Pfäfers
eingeschränkt werden muß. Die meisten ließen nicht alle Komplexionen
(Konstitutionen) zu. Von Wiesbaden sagt ~Foltz~, daß es den Colericis
bald schaden bringe. Der Grund liegt in der Temperatur. Pfäfers Wärme
ist gleich der des menschlichen Blutes, aus demselben Grunde war
auch das Wildbad im Schwarzwald hochangesehen und viel besucht. Die
Redensart „Eben recht wie das Wildbad“ erwähnt schon ~Leucippaeus~
1598[431]. Ein Teil der Thermen war zu heiß[O] und mußte vor dem
Gebrauche abgekühlt werden — die Aachener Bassinbäder (Abb. 115)
erforderten fünfzehn bis achtzehn Stunden[409] —, andere nicht
warm genug (z.B. Liebenzell) und mußten erwärmt werden. In beiden
Fällen gelang es nicht, einen andauernd gleichmäßig warmen Strom
hervorzubringen und bei längerem Gebrauche war während des Badens ein
Zusatz von heißem Wasser erforderlich (Abb. 116). Um vieles mehr waren
die Bäder, die ganz und gar gewärmt werden mußten, im Nachteil, und ihr
Emporkommen zuungunsten anderer, z.❆B. des Wildbades, verdanken sie
zum Teil einer geschickten Reklame, die der unserer heutigen Zeit kaum
nachstand.
[Sidenote: _Bäderreklame_]
Mit dem 16. Jahrhundert beginnt eine enorm große Bäderliteratur,
meist in Buchform. Neben der eingehenden Schilderung des Bades, einer
möglichst weit zurückgehenden Geschichte, sind Verordnungen über den
Gebrauch des Bades bis ins kleinste angegeben, daneben oft zahlreiche
Krankengeschichten, natürlich nur mit Erwähnung der geheilten Fälle,
und mehreren Gedichten, die das Bad und noch öfter den Beschreiber des
Bades in der Regel als Wohltäter des Ortes oder der Menschheit preisen.
Der Wert der Krankengeschichten wird am besten durch folgenden Vorfall
beurteilt: Über Dr. ~Gessner~, den Herausgeber mehrerer Monographien
über die Bäder Württembergs, wurde in den Leipziger gelehrten Zeitungen
wegen seiner „Zaysenhauser Bad-Beschreibung“ ein „nichtallzu gütiges
Urtheil, in Ansehung der Observationum practicarum“ gefällt, „und hat
der Hr. Censor selbige in sehr aequivoquen terminis, als ein Mittel,
Pfuscher in der Medicin zu machen, angegeben“. ~Gessner~ entschuldigte
sich 1748 damit, die Observationes wären nicht seine, sondern anderer
Leute Arbeit und er habe sie selbst als unvollkommen bezeichnet.
Weder er, noch der Verleger habe sie mit gutem Willen beigesetzt, „da
es aber von andern ansehnlichen Orten expresse verlangt worden, hat
man sich dessen nicht entschlagen können, und solches als suspensam
hederam angesehen“[372]. Manche Bäder gaben auch auf einzelnen Bogen
gedruckte Empfehlungen heraus. Ein solcher von Baden in der Schweiz vom
Jahre 1619 ist 80 cm lang[322]. Antegast ließ noch 1704! ein Plakat
für seinen Sauerbrunnen aus ~Tabernaemontanus~’ Neu-Wasserschatz
abdrucken[323], der 1580 geschrieben wurde[324]. Waren die dort
niedergelegten Ansichten auch ganz veraltet, sie waren empfehlend, und
das genügte. Dazu wurde auf den Bogen statt 1580 1505 gesetzt, um den
Gebrauch des Brunnens noch ein wenig älter erscheinen zu lassen.
[Sidenote: _Das gemeinschaftlich genommene Mineralbad_]
Ein großer Nachteil erwuchs den Thermen mit indifferenter Temperatur
durch ihre Lage. Sie konnten sich nicht zu Luxusbädern entwickeln.
Das württembergische Wildbad wird zu Anfang des 19. Jahrhunderts in
den meisten Brunnenschriften, selbst in der von ~Hufeland~ in drei
Auflagen nicht einmal erwähnt[354]. Da war es ~Justinus Kerner~[325],
der 1832 warm für die Heilkraft der genannten Bäder, besonders des
Wildbades eintrat und zugleich eine Lanze, wohl die letzte, für die
alte Gebrauchsart der Bäder brach. Im 19. Jahrhundert eiferte man
gegen das gemeinschaftliche Baden in Bassinbädern und bereitete ihm
auch mit wenigen Ausnahmen ein schnelles Ende. Schon 1758 nennt es
~Moser~ (Wildbad) für manche scham- und ekelhafte Personen einen der
allerbeschwerlichsten Punkte[332]. ~Hottinger~[373] wußte 1702, daß in
Baden in der Schweiz der weiße Fluß der Frauen nicht nur vertrieben,
sondern auch erworben wurde und nicht nur durch zu heißes Baden,
sondern auch durch Zusammenbaden mit Leuten, die damit behaftet waren.
Auch ~Scheuchzer~ hebt es 1732 hervor[355]. Die alten Ärzte gingen
darüber leicht hinweg. ~Leucippaeus~ sagt 1598 vom Wildbad, es säßen
viele beieinander „als in einer Kirchen oder Keller“, keine Ansteckung
erfolge durch den anderen, „dieweil des wassers natur nichts vnreines
annimt“[431]. Im 19. Jahrhundert mehrten sich aber die Stimmen, die
eine Ansteckung annahmen, dazu kamen andere, die auf eine Gefährdung
der Sittlichkeit hinwiesen[370]. Auch das Wildbad konnte nicht mehr
zurückbleiben und führte Wannenbäder ein[P]. ~Justinus Kerner~s Stimme
verhallte umsonst. Die Zukunft zeigte, daß Wildbad recht daran getan
hatte; denn schnell kam es zur Blüte. ~Kerner~s Auffassung ist so
eigenartig, daß ich sie widergebe:
[Sidenote: _Justinus Kerners Eintreten für das gemeinschaftliche Baden_]
[Sidenote: _im fließenden Mineralwasser_]
„Vor vielen Bädern und namentlich auch vor dem benachbarten Baden
haben die Quellen des Wildbades auch das voraus, daß zu ihnen nicht
leicht jemand wandert, der nicht wirklich erkrankt ist, oder der nur
der Welt und ihrer Lust fröhnen will. Zum Glücke ist hier die Natur
so sehr von Granit, daß sie den Bestrebungen der Menschen, sie den
Wünschen der verweichlichten Menge mehr anzupassen, stets widerstrebt.
Hier sprudeln einzig Heilquellen, hier sind keine Farobänke, keine
Schauspielhäuser, keine üppig besetzten Tafeln. Wer den Tumult der
Menge liebt, wen nur die Langeweile aus der gewohnten Lage treibt,
wer meint, er müsse jährlich in ein Bad, weil es die Mode so will,
der bleibe doch, um Gottes willen! fern von dieser, nur dem Kranken
geweihten, Stätte, sie würde seine Langeweile, seine Leere nur
vermehren. Zu diesen segenvollen Quellen aber komme der wirklich Kranke
mit Liebe und Vertrauen, und hält er sich hier an die so einfache,
unverweichlichte Natur, richtet er seine Lebensweise dieser gemäß
ein, wird er auch Heilung oder Linderung seiner Leiden finden. Der,
dem es Ernst ist, hier zu gesunden, der nicht bloß mit diesen Wassern
sein Spiel treiben will, der hat vor allem zu bedenken, daß nur eine
einfache Lebensweise, kräftig und naturgemäß, der stillen und einfachen
Größe der Natur dieses Heilorts entspricht. Mit Betrübniß muß man
sehen, wie solche Stätten, die die Natur einzig zur Heilung kranker
Körper bestimmte, so oft zu ihrer Vergiftung, durch die unnatürliche
Lebensweise an ihnen, mißbraucht werden. Noch scheinen, besonders auch
in den Bädern unseres Vaterlandes (was hauptsächlich aber auch noch
in dem benachbarten Baden-Baden der Fall ist), die Tafeln der Wirte
die Hauptsache zu sein, die Quellen die Nebensache. Ahme man doch hier
Bäder des Auslandes von größtem Rufe nach, wie z.❆B. das Marienbad,
das Karlsbad, wo die Wirtstafeln den Quellen, die Wirte den Ärzten,
untergeordnet sind .... Hört man doch meistens auch die Esser, die von
solchen übervollen Tafeln mißmutig und träge aufstehen, im Gefühle
ihrer Übersättigung, dem Wirte zum Danke, noch über alles, was sie
gegessen, nur schimpfen! Dem war die Trüffelpastete zu wenig pikant,
jenem das schwarze Wildbret als zahmes verdächtig; der schimpft, daß
der Aal in zu kurzen Stücken aufgeschnitten, und jener, daß die Gans
nicht mit Kastanien gefüllt gewesen, und wieder ein anderer meint,
daß er das Alles da oder dort um die Hälfte des Preises wohl besser
und reichlicher gefunden habe .... In diesen Bädern des Wildbades ist
keines Menschen Nachhülfe nötig, weder kaltes noch warmes Wasser wird
mühsam in diese Bassins getragen (Vgl. Abb. 116), ganz so, wie der
Wärmegrad dem oder jenem Körper am angemessensten ist, als hätte die
Natur diese Quellen zu nichts anderem, als zur Heilung kranker Körper,
von Anbeginn bestimmt (man kann nämlich mit diesem Wasser weder Hühner
noch Schweine brühen) steigen sie aus der geheimnißvollen Werkstätte
wohlthuender Geister herauf. Die lebenerweckende, gleichförmige
Verbindung dieses Wassers mit Wärme kann, glaube ich, kein Thermometer
so schön darthun, als das Experiment sie darthut: daß Hühnereier
beinahe zum Ausbrüten in ihm gebracht werden können. Neben diesem
immer gleichen Temperaturgrade haben die Bäder des Wildbades wohl
auch noch diesen Vorzug, — daß ihr Wasser ein lebendiges fließendes
ist. Wer in diesen Bädern badet, der badet in einem natürlich warmen
Flusse: denn dieses gerade aus seinen Felstiefen entsprungene Wasser
ist über dem reinen Flußsande in beständiger Bewegung, in einem
beständigen Ab- und Zuflusse. Der Badende sitzt umwallt von immer
sich bewegenden, krystallhellen, lebendigen Quellen, die soeben das
Licht des Tages begrüßen, umspielt von dem unaufhörlich unter ihm in
großen Blasen aufperlenden mit Wasserdämpfen geschwängerten Gas. Ein
solches Baden verdient in Wahrheit erst ein Baden genannt zu werden.
Wie arm und höchst notdürftig (auch bei seiner geringen Wassermenge)
ist dagegen jedes Zuberbad, das Röhren oder Menschenhände von seiner
Geburtsstätte tragen, mit kaltem Wasser vermischen, das in toten
Gefäßen gebunden steht und bei dem das Thermometer immer beschäftigt
ist, eine gleichförmige Wärme anzuordnen, die doch bei aller Sorgfalt
nicht erhalten werden kann! .... Das gemeinschaftliche Zusammenbaden
trägt auch vieles zur Unterhaltung bei, man spricht gemeinschaftlich
über die Gefühle im Bade, über seine Wirkung; der Hypochondrist vergißt
seine Grillen; der Gichtkranke seine Schmerzen; der an der Heilung
schon fast Verzweifelnde schöpft neuen Mut und neue Hoffnung, indem er
einen Andern die wohlthätige Wirkung des Wassers preisen hört .... Die
Bäder des Wildbads sind, wie schon öfters gesagt, warme Flüsse. Somit
vereinigt sich in diesen Bädern, als in einem Brennpunkt, alles, was
je ein kranker Organismus von der Heilkraft eines reinen, lebendigen
Brunnquells und einer immer gleichen Naturwärme zu erwarten hat. Und
wie ein schöner Frühlingstag, an welchem das Licht der Sonne im Bunde
mit dem reinsten Äther uns umströmt, fachen sie selbst im Greise wieder
neues Leben und frische Jugend an. Harmonisch, ungetrübt und wohlthuend
ergießen diese frommen Nymphen ihre Wasser, und Segen werden sie gewiß
auch dem bringen, der die Stufen ihrer Tempel mit Liebe und Glauben
betritt.“
[Illustration: Abb. 116. Mineralbad aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.
Gleichzeitige Radierung im germanischen Museum zu Nürnberg.]
„Der Wasser gute Geister singen
Hier aus krystallnen Tiefen laut:
„Bald werden Dem wir Heilung bringen,
Der liebend unsrer Kraft vertraut“.
Wie Lenzeshauch wird’s Dich durchbeben;
Frag’ nicht, wie diese Kraft man heißt;
Du kehrst ein neuer Mensch ins Leben
Und sprichst: Das that des Wildbads Geist!“
Nach diesen Ausführungen ist es verständlich, wenn ~Kerner~ das
Zuberbad von Wildbader Wasser nicht mehr ein Baden im Wildbade nennt
und die zu seiner Zeit errichteten Badekufen nur für warme Bäder mit
Zusätzen von Steinsalz, Schwefelleber, Sublimat und aromatischen
Kräutern gebraucht wissen will[Q].