Nun die besondern Bäder in den Gasthöfen betreffend, so sind diese

sehr schön ausgeputzt, und — beiden Geschlechtern gemein. Zwar

werden dieselben durch ein Getäfel gesondert, worin aber verschiedene

Ablaßfensterchen angebracht sind, durch welche man zusammen trinken

und sprechen, und sich also gegenseitig nicht bloß sehn, sondern auch

berühren kann, wie denn dies Alles häufig geschieht. Neben dem sind in

der Höhe Gänge angebracht, wo sich Mannspersonen zum Sehen und Plaudern

einfinden; und, wohlverstanden, stehet da jedem frei, in des andern Bad

einen Besuch zu machen, zu scherzen, sein Gemüt zu erheitern, und beim

Hereintritt ins Bad, sowie beim Aussteigen, hübsche Frauen am größten

Teil des Leibes nackend zu schauen. Also keine Posten bewahren hier

die Zugänge, keine Thüren — zumal keine Furcht des Unanständigen,

verschließen sie. In mehreren Bädern treten sogar beide Geschlechter

durch denselben Eingang ins Bad, und nicht selten trägt sich’s zu, daß

die Mannsperson einem nackten Frauenzimmer, und umgekehrt, begegnet.

Doch binden die Männer eine Art von Schürze vor, und die Weiber haben

ein linnen Gewand an, welches aber von oben bis in die Mitte, oder an

der Seite offen ist, so daß weder Hals, noch Brust, noch Arme, noch

Schultern damit bedeckt sind (Abb. 100). In dem Bade selbst speisen

sie öfters von allseitig zusammengetragenen Gerichten an einem Tisch,

der auf dem Wasser schwimmt (Abb. 87, 102), wobei sich natürlich auch

die Männer einfinden. In dem Haus, wo ich badete, wurde auch ich eines

Tags zu einem solchen Fest eingeladen. Ich gab meinen Beitrag, ging

aber, ob man mir gleich sehr zusetzte, nicht hin — und zwar nicht

aus Schüchternheit, die man hier für Faulheit oder bäurisches Wesen

hält, sondern weil ich die Sprache nicht verstand; denn es kam mir

abgeschmackt vor, daß ein des Deutschen unkundiger Welsche, stumm und

sprachlos zwischen Schönen, einen ganzen Tag im Bad bloß mit Essen

und Trinken zubringen sollte. Zwei meiner Freunde hingegen fanden

sich wirklich ein, aßen, tranken, schäckerten, sprachen durch einen

Dolmetsch mit ihnen, wehten ihnen mit einem Fächer Kühlung zu, und kurz

belustigten sich sehr. Denn nichts fehlte an dem Schauspiel, als die

Vorstellung Jupiters, wie er durch den goldnen Regen auf Danaen wirkte,

usw. und waren zwar meine Gefährten mit dem Linnengewand bekleidet,

das auch Männer anzulegen pflegen, wenn sie in Frauenzimmerbäder

geladen werden. Ich sah dann alles an von der Galerie, die Sitten und

Gewohnheiten dieser Ehrenleute, ihr gutes Essen, ihren angenehmen,

zwanglosen Umgang. Wunderbar ist es zu sehen, in was für Unschuld sie

leben, und mit welch unbefangenem Zutrauen die Männer zuschauten,

wie Fremde gegen ihre Frauen sich Freiheiten herausnahmen; nichts

beunruhigte sie; Alles deuteten sie zum Besten aus; oder viel mehr,

sie gaben nur nicht Acht darauf. Denn nichts ist so schwer, das,

nach den Sitten dieser guten Menschen, nicht federleicht wird. In

~Platon~s Republik, deren Sitten Alles gemein machen, hätten sie sich

vortrefflich benommen, da sie schon, ohne seine Lehre zu kennen, sich

so zu seiner Sekte neigen.

[Illustration: Abb. 101. Mineralbad. Titelholzschnitt aus: ~Gallus

Etschenreutter~, Aller heilsamen Bäder und Brunnen Natur. Straßburg,

1571.]

Einige dieser Bäder gebrauchen, wie schon gesagt, Manns- und

Frauenspersonen zugleich, wenn sie untereinander durch Bande des Bluts

oder der Freundschaft verbunden sind. — Mancher besucht täglich drei

bis vier solcher Bäder, und bringt da den größten Teil seines Tages

mit Singen, Trinken und nach dem Bade mit Tanzen zu. Selbst im Wasser

setzen sich einige hin und spielen Instrumente (Abb. 95, 101, 102,

111). Nichts aber kann reizender zu sehen oder zu hören sein, als wenn

eben mannbare oder schon in voller Blüte stehende Jungfrauen, mit dem

schönsten offensten Gesicht, an Gestalt und Benehmen Göttinen gleich,

in diese Instrumente singen, ihr leichtes zurückgeworfenes Gewand auf

dem Wasser schwimmt, und jede eine andre Venus ist. Dann haben sie die

artige Sitte, wenn Männer ihnen von oben herab zusehen, sie scherzweise

um ein Almosen bitten; da wirft man, zumal den hübschern, kleine Münzen

zu, die sie mit der Hand oder mit dem ausgebreiteten Linnengewand

auffangen, indem eine die andre wegstößt; und werden bei diesem Spiel

eben nicht selten auch die geheimen Schönheiten enthüllt. Ebenso wirft

man ihnen auch aus allerlei Blumen geflochtene Kränze herab, mit denen

sie sich das Köpfchen schmücken.

[Illustration: Abb. 102. Mineralbad unter freiem Himmel (angeblich

Leuk). Gemälde von ~Hans Bock~ d. Ä. 1597. Eigentum der öffentlichen

Kunstsammlung in Basel.]

Diese vielfältige Gelegenheit, das Auge zu ergötzen und den Geist zu

ermuntern, hatte einen so großen Reiz für mich, daß, ungeachtet ich

selber täglich zweimal badete, ich noch die übrige Zeit mit Besuchung

andrer Bäder zubrachte, und ebenfalls Münzen und Kränze hinunterwarf,

wie die Andern. Denn unter diesem immerwährenden Geräusch von Klang

und Gesang, war da weder zum Lesen noch zum Denken Zeit; und hier

allein weise sein wollen, wäre die größte Torheit gewesen, zumal für

Einen, der kein selbstpeinigender Menedem, und dem nichts Menschliches

fremde ist. Zur höchsten Lust mangelt freilich noch die Unterhaltung

durch Gespräche, die denn doch unter allen die vorzüglichste ist. Mir

blieb also nichts übrig, als die Augen an den Schönen zu weiden, ihnen

nachzugehn, sie zum Spiele zu führen und wieder zurückzugeleiten. Auch

war zum nähern Umgange Gelegenheit da, und so große Freiheit dabei, daß

man sich eben um die gewohnte Stufenleiter der Bewerbung um Gunst und

Zuneigung nicht zu bekümmern brauchte.

Außer diesen Vergnügungen gab es dann noch eine andere von nicht

geringem Reize. Hinter den Höfen, allernächst an dem Flusse, liegt

nämlich eine große, von vielen Bäumen beschattete Wiese. Hier kömmt

nach dem Essen jedermann zusammen und belustigt sich mit Gesang, Tanz

und mancherlei Spielen. Die meisten spielen Ball; aber nicht wie bei

uns, sondern Manns- und Weibspersonen werfen sich, jedes dem, den es

am liebsten hat, einen solchen Ball zu, worin viele Schellen sind.

Alles läuft zu, ihn zu haschen; wer ihn bekömmt, hat gewonnen, und

wirft ihn wieder seinem Geliebten zu: Alles streckt die Hände empor,

ihn zu fangen; und wer ihn hält, tut, als ob er ihn bald dieser,

bald jener Person zuschanzen wollte. So viele andere tausendlustige

Ergötzlichkeiten muß ich, der Kürze wegen, übergehen, und gab dir nur

das Pröbchen von einigen, um dir einen Begriff zu machen, was hier für

eine große Gesellschaft von Epikuräern sei. Bald glaub ich, das sei

der Ort, wo der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gan

Eden, d.❆i. den Garten der Wollust nennen; denn, falls anders diese uns

Glückseligkeit verschaffen kann, so seh’ ich nicht, was dem Orte hier

fehlet, um solche vollkommen zu gewähren.

Frägst du mich denn, Freund! weiter, zumal nach der Kraft des hiesigen

Wasser, so ist dieselbe eben sehr verschieden und mannigfaltig; in

einigen Stücken aber besonders groß und fast göttlich; denn auf der

ganzen Welt, glaub ich, ist kein Bad, welches mehr die weibliche

Fruchtbarkeit fördere. Kömmt eine Frauensperson hieher, deren Leib

verschlossen ist, so erfährt sie bald die bewundernswürdige Wirkung

dieser Bäder, wenn sie nur geflissen die Mittel anwendet, welche die

Kunst den Unfruchtbaren vorschreibt.

Unzählbar ist übrigens die Menge der Vornehmen und Gemeinen, die, nicht

sowohl der Kur, als des Vergnügens wegen, von 100 Meilen weit hier

zusammenkommen. Alle die lieben, alle die heiraten wollen, oder wer

sonst das Leben im Genusse setzt, strömen hieher, wo sie finden, was

sie wünschen. Viele geben körperliche Leiden vor und sind nur am Gemüte

krank. Da sieht man hübsche Frauen die Menge, die ohne ihren Mann, ohne

Verwandte, nur in Begleit zweier Mägde und eines Dieners hier anlangen

— oder etwa eines alten Mütterchens von Muhme, die sich leichter

hintergehen als bestechen läßt. Jede aber zeigt sich, so viel möglich,

in Gold, Silber und Edelgestein, so daß man denken sollte, sie wären

nicht in’s Bad, sondern zu der prächtigsten Hochzeit gekommen. Auch

Nonnen, oder, richtiger zu reden, floralische Jungfrauen, Äbte, Mönche,

Ordensbrüder und Priester, leben hier noch in größerer Freiheit als

alle übrigen; letztere baden sich wohl mit dem Frauenzimmer, schmücken

ihr Haar mit Kränzen und vergessen alles Zwanges ihrer Gelübde. Alle

nämlich haben einerlei Absicht: — Traurigkeit zu verbannen, Vergnügen

zu suchen, keinen Gedanken zu haben als wie sie des Lebens und seiner

Freuden genießen mögen. Keiner bemüht sich dem Gemeinschaftlichen etwas

zu entziehen; vielmehr sucht jeder, das Besondere allgemein zu machen.

Und zum Erstaunen ist es, wie bei einer so großen Menge (es mögen

immer an die tausend Menschen da sein) bei so verschiedenen Sitten,

in einem so freudetrunkenen Gemische, keine Händel, kein Zwist, kein

Schimpfwort, nur kein Murmeln noch Beschweren des einen über den andern

entsteht. Da sehen Männer, wie mit ihren Weibern getändelt wird, und

treffen sie mit einem wildfremden Manne unter vier Augen an; das Alles

bewegt sie nicht, sie wundern sich über nichts, und glauben, daß alles

auf die eingezogenste Art, im Vertrauen des redlichsten Hausfreundes

geschieht. So ist der Teufel der Eifersucht, der anderswo bald alle

Männer plagt, hier ein unerhörter Gast, und da sie die Sache nicht

kennen, auch dem Namen nach unbekannt. O Sitten, wie unähnlich den

unsrigen! Wir Welsche sehen alles von der schlimmsten Seite an und

finden an Verläumden und Verkleinern Geschmack, daß, wo der schwächste

Schein zum Argwohn ist, wir sofort auf die schwärzesten Verbrechen

schwören.

Schon mehr als einmal hab ich daher die unzerstörbare Gemütsruhe

dieser guten Menschen beneidet, und dagegen unsre verkehrte Denkart

verwünscht, die wir immer klagen, immer begehren, durch keinen Gewinn

befriedigt, durch keinen Wucher gesättigt, Himmel und Erde umkehren

wollen, um nur Geld zu erwerben. Da werden wir von ewigem Kummer und

Angst umhergetrieben, und erbeben meist vor erst künftigem Elend; um

nicht unglücklich zu werden, hören wir nie auf, unglücklich zu sein,

starren mit unverwandtem Blick unsern Mammon an, und wissen weder dem

Leib noch dem Geist gütlich zu thun. Diese Glücklichen hingegen, mit

Wenigem vergnügt, leben nur für heute, machen sich jeden Tag zum Feste,

verlangen nicht nach Reichtum, der ihnen wenig nützen kann, freuen sich

dessen, was sie haben, und zittern nie vor der Zukunft. Begegnet ihnen

je etwas Widriges, so tragen sie es mit Geduld, und ihr größter Schatz

ist der Wahlspruch: „Der lebte, der seines Lebens genoß!““

Sehen wir von Ungenauigkeiten ab, die ~Poggio~, um möglichst schön zu

reden, der Wahrheit entgegen, sich erlaubt und selbst widerruft, so

ist sein Bericht im großen und ganzen richtig und wird von anderen

noch ergänzt. Man hat angenommen, daß ein derartiges Leben sich nur

zu Baden abspielte, und ~Johannes von Müller~ hat darauf hingewiesen,

daß tausende von zügellosen Kriegern während der Sommermonate in Baden

zubrachten, wenn sie nicht durch Feldzüge ferngehalten wurden[317].

Doch finden wir ja nach ~Henricus’ de Hassia~ Bericht ein gleiches

Leben zu Wiesbaden.

[Sidenote: _Die Geistlichen in den Mineralbädern_]

Auffallend ist hier wie dort das Treiben der Geistlichkeit, das in

Baden derartig anstößig war, daß Bischof Burkhard von Konstanz 1463

dem jeweiligen Leutpriester zu Baden Vollmacht erteilte und befahl,

fehlbare Geistliche, wenn nötig mit Hilfe des weltlichen Armes,

festnehmen zu lassen und dem bischöflichen Vogte zu Kaiserstuhl zur

Bestrafung auszuliefern, was bis 1498 mehrmals wiederholt wurde.

Veranlaßt wurde die Verfügung auf Wunsch des Rates von Baden, weil

bei dem Zusammenströmen von Leuten verschiedener Nationen in die

Bäder „von Priestern oft enorme, ärgerliche und strafbare Excesse

verübt werden“[32]. 1415 verkaufte die Äbtissin des Frauenmünsters

in Zürich den gesamten Meierhof von Stadelhofen, um die Kosten einer

Badenfahrt bestreiten zu können. Der Bericht über den Verkauf des

Kelnhofes lautet: „es ist zu wissen als die Äbtissin Frau Anastasia von

Hohenklingen den Kelnhof zu Stadelhofen entfremdet hat, und Recht und

Herrlichkeit der Lechen mit Zins und aller Zubehörd gegeben den Frauen

und Kloster am Oetenbach. Und haben dieselben Frauen der Äbtissin darum

geschenkt eine Summe Gelds zu einer Badenfahrt, die sie dazumal wollt

haben; Gott gesegne ihr das Bad in jener Welt!“[90]. Die Klosterfrauen

zu Töß erkauften sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts für schweres Geld

päpstliche Bullen und Indulgenzen, um nach Baden zu fahren und daselbst

unter dem Skapulier weltliche Kleider tragen zu dürfen, falls sie, wie

die Erlaubnis besagte, im Kloster nicht alle nötigen Hilfsmittel, ihre

Gesundheit herzustellen, finden könnten. Der im Jahre 1492 zum Abt in

Kappel erwählte Ulrich Trinkler von Zürich war berüchtigt durch seine

dem Kloster höchst nachteiligen Badenfahrten. Er hielt in den Bädern

wochenlang und täglich für mehr als zwanzig Personen offene Tafel und

ward sogar eines näheren Umgangs mit den daselbst befindlichen Nonnen

verdächtigt. Am Ende aber trieb er es so arg, daß er aus seiner Abtei

verstoßen wurde[315].

Anno 1566 „haben einige Chorherrn im Hof (zu Luzern) den Rath um

Erlaubniß gefragt, mit ihren Metzen gan Baden eine Badfahrt z’han,

das ihnen aber um der Ergerniß wegen abgeschlagen worden“[320]. Die

Bitte der Chorherren erscheint gar nicht auffällig, wenn man folgende

Weisung von Rat und Schultheiß der Stadt Baden vom Jahre 1520 an die

beiden Stadtknechte bedenkt: „Sy söllent zu den Bädern niden deheinen

an Si gmach gan noch uff tun, Sy wissent dann wol, das er ein metzen

by im da inn habe. Unnd ob ein priester har gen Baden keme und ein

Junckfrowen mit im brechte, und ein gemach empfienge, denselben söllent

si nit uffnemen; ob er aber ein priester ein frye metzen zu im in

siner kamer fürte, den mögent si uffnemen. Sy söllent ouch erenlütten

nit in ir kamer noch gemach gan, Sy wissent dann wol, das er ein

metzen by Im hette. Sy söllent ouch die so sie uffheben in der Setzung

bescheidentlichen halten je nach gestalt der personen und des Handels.

Unnd insunders so sollent si kein Dietrich me bruchen noch haben“[32.]

[Illustration: Abb. 103. Das St. Verenabad zu Baden im Aargau 1820.

Bleistiftzeichnung von ~Ludwig Vogel~. Landesmuseum Zürich.]

[Sidenote: _Der Verenakultus_]

Entspricht diese Anweisung der sonst üblichen Auffassung des

Mittelalters, so wird sie für Baden besonders verständlich, wenn man

bedenkt, daß in der Nähe Zurzach, der Hauptort des Verenenkultus,

lag. Baden selbst hatte zu diesem durch sein Verenaloch, die Quelle

im Verenabad, Beziehung. Hier stand die Bildsäule der Heiligen (Abb.

46, 103)[E] bis zum Abbruch des Bades. Sie wurde am Verenentage mit

einem Blumenkranz geschmückt und acht Tage und Nächte hindurch mit

fünf geweihten Kerzen beleuchtet. Jahrhundertelang wurde das Bad von

Frauen aller Stände besucht, die durch seinen Gebrauch Kindersegen

erhofften. Sonst wurde es von Vornehmen nicht benutzt. Es war das

Bad der Armen und Hilfsbedürftigen, denen Verena wieder Heilung und

Genesung gab. Sie selbst soll gegen Ende des 3. Jahrhunderts dem

Volksglauben nach dort Arme und Kranke gepflegt und ihnen das Bad

bereitet haben[315], obwohl die Legende nichts davon erzählt. Aber

Verena war nicht nur die Schutzpatronin der Armen. Im Siggentale sang

man einst ein Lied vom Tannhäuser, der in Frau Vrenelis Berg gegangen

sei. Vreneli und Venus sind beide identisch. An St. Verenas Grab zu

Zurzach war ein Jahrtausend lang der Ort ausgesuchtester Sinnlichkeit

und zügellosester Üppigkeit. Zwar finden wir auch hier Eheleute, die

ehelichen Segen erflehten. So soll König Konrad von Burgund mit seiner

Gemahlin zu St. Verenas Grab gewallfahrtet haben und nachher mit einem

Prinzen beschenkt worden sein. Desgleichen wurde daselbst der Herzog

Hermann von Alemannien erhört. Hier flehte auch König Ottokars von

Böhmen Tochter Agnes, die Gemahlin des Herzogs Rudolf von Österreich,

um einen Prinzen, der ihr dann auch in Johann Parricida geschenkt

wurde[32]. Zur Zeit der einst weltberühmten Märkte sammelte sich dort

aber ein anderes Volk. Wie Pfeifer und Keßler an bestimmten Orten

einmal im Jahr zusammenkamen, fanden sich zu Zurzach die fahrenden

Weiber ein. Der Landvogt von Baden hatte den Zurzacher Markt zu der

Eidgenossen Lob und Ehre mit „Pfiffern und Trummeteren“ zu versehen

und sich laut Verordnung der Tagsatzung von 1418 mit vier ehrbaren

Männern aus der Stadt, den Untervögten und deren Knechten selbst

hinzubegeben[32]. Dort eröffnete er den Matzentanz und beschenkte die

Schönste mit einem Gulden[F], weil 1308 Kaiser Albrecht in den Armen

einer Dirne gestorben war. Die vermeintliche Stiftung soll von der

Königin Agnes von Ungarn gemacht worden sein[38]. Als die reformierten

Stände im Jahre 1535 dem Treiben zu Zurzach etwas Einhalt tun wollten

und der Landvogt Schütz einen bezüglichen Antrag an die Tagherren

brachte, verwahrten sich die katholischen Orte gegen „diese ketzerische

Neuerung“. Es wurden auch die unsittlichen Tänzereien während der Messe

beibehalten; denn, sagte der Tagherr von Luzern, es tanze da mancher

gute Geselle mit einer armen Dirne und behelfe sich mit ihr, während er

sonst etwas Böseres tun könnte[32] (vgl. S. 266).

[Sidenote: _Sittenlosigkeit zu Baden im Aargau und Baden-Baden_]

Wie es zur Zeit der Zurzacher Messe im nahen Baden zuging, braucht

nicht durch Quellen belegt zu werden. Bedenkt man noch die Anwesenheit

von zahlreichen Landsknechten, dann wird kein anderer Kurort Baden um

sein Gesindel beneidet haben. Im Jahre 1486 lag der Hauptmann Ruppli

aus dem luzernischen Amte Rothenburg längere Zeit in Baden eingetürmt,

weil er in Ennetbaden (den kleinen Bädern) mit gezücktem Schwerte

eine Dirne aus dem Bade gerissen, um seine Lust mit ihr zu treiben,

und versucht hatte, den im Bade sitzenden Nebenbuhler zu verwunden.

Ruppli war deshalb zum Tode verurteilt worden; allein die Bitten

einflußreicher Freunde und Verwandter konnten zuletzt seine Begnadigung

erwirken. Er mußte Urfehde schwören und dem Landvogte, sowie der Stadt

Baden eine beträchtliche Buße zahlen[32]. Auch in den beiden freien

Bädern zu Baden-Baden waren vor Jahren, wie es 1488 heißt, Tag und

Nacht von Heimischen und Fremden allerhand „vnfuren“ begangen, weswegen

der Bader angewiesen wurde, starke (kräftige) Bettler, fahrende Schüler

und Dirnen, die in den Herbergen hinter dem freien Bade ihr Wesen

trieben, vor den Schultheißen zu bringen, „damit man mit denselben

lüten alles überlasts, betrugs vnd vnwesens vertragen blybe, auch

vnfuren vnd bubereyen tags vnd nachts im großen vnd kleinen Bade

dardurch abbestallt“[40].

Am tollsten ging es in Baden (Schweiz) vielleicht Anfang des 16.

Jahrhunderts zu. Die Eidgenossen hatten dem Kaiser Maximilian einen

Römerzug versprochen, den Frankreich zu verhindern und die Eidgenossen

für sein Heer zu gewinnen suchte. Geld, das dem Kaiser fehlte, stand

Ludwig XII. in Menge zur Verfügung. Zürich wurde 1505 vom Gesandten

Rocquebertin bearbeitet, der zu Baden fürstliche Tafel hielt, die

Badenfahrten vieler Weiber, öfters die ganze Zehrung aller Gäste

bezahlte. Er hatte beständigen Zulauf an feilen Dirnen, warf Geld in

die Bäder und unter die Weiber[315. 317].

Selbst Zürichs Bürgermeister Waldmann (1489 hingerichtet), der in

seiner Stadt durch strenge Sittenmandate den Ausschweifungen wehrte,

ging, als wären die Mandate nicht für ihn gemacht, häufig mit einer

Schar lockerer Gesellen nach Baden, um auf die zügelloseste Art der

Freude und Lust zu frönen[32]. Ein St. Galler war Augenzeuge, daß der

Bürgermeister auf einer Gesandtschaft nach Baden neben seiner Frau

noch sechs Weibsbilder bei sich führte und zugleich einer Baslerin

durch Geschenke vergebens nachstellte. Endlich konnte er den Badwäscher

bestechen, der ihn zu ihr führte. Sie aber widerstand und klagte

nachher Waldmann öffentlich an[321]. Wir finden auch in späteren

Jahrhunderten die Züricher öfter in Baden, um die heimatlichen Sitten-

und Luxusgesetze zu umgehen, weswegen die Badenfahrten zu wiederholten

Malen verboten wurden.

[Illustration: Abb. 104. Geselliges Treiben in einem kleinen

Mineralbade am Bodensee im 15. Jahrhundert. Aus dem Hausbuch der

Familie Goldast zu Konstanz, wahrscheinlich von Bartholomäus Zeitblom.

Nach dem mittelalterlichen Hausbuch.]

Zürich sah überhaupt darauf, daß seine Bürger sich in Baden anständig

aufführten. 1492 ist im Ratsprotokoll verzeichnet: „J. Aberli und L.

Holzhalb sollen nachgohn als etlich Mann und Frauen nackend gesessen

und by enandern getrunken haben“[317]. Aus den Verordnungen und

verfügten Strafen des Rates von Baden geht ebenfalls hervor, daß man

das unsittliche Leben nicht billigte und den guten Willen hatte, es

abzustellen, und selbst ~Poggio~ gibt zu, daß Männer Frauenbäder im

Bademantel besuchten. ~Montaigne~ empfiehlt im 16. Jahrhundert sogar

Baden den Frauen, die abgesondert und züchtig zu baden wünschen, als

geeigneten Ort[326]. In den vornehmen Bädern ging es gewiß ehrbar zu.

~Hans von Waldheim~ badete 1474 nur mit Männern, schwäbischen Adeligen

und Züricher Geistlichen zusammen. Von ihm erfahren wir auch, daß

„graven, hern, rittere und knechte und vile eddil luthe usz Swabin

und usz andern landen, und dorczu vile schoner frawen, burgere und

burgerynne von Basil von Kostenicz und von Lyndouwe, die gar kostlich

mit yren cleydern und silbern tringgefesse do weren“[32].

Trotz der großen Zahl anwesender Badegäste[G] befand sich im 15.

Jahrhundert in Baden noch kein Arzt. Als im Jahre 1478 Frau Anna geb.

Gräfin von Kirchberg beim Spiele plötzlich unwohl wurde, mußte man

nach Zürich zum Arzte schicken. Als dieser erschien, war sie dem Tode

nahe[32].

Das Treiben in einem Bade um die Mitte des 15. Jahrhunderts zeigt uns

ein Bild des mittelalterlichen Hausbuches (Abb. 104)[150]. Es stellt

den Typus eines kleinen Bades dar, wie wir ihn bis ins 19. Jahrhundert

finden. Neben dem Badehaus liegt der Lustgarten. Das Ganze ist durch

eine Mauer von der Umgebung vollkommen abgeschlossen und mitten im Feld

gelegen. Ein größeres Bad stellt eine ebenfalls aus Konstanz stammende

und auch um die Mitte des 15. Jahrhunderts gemalte Blockwand des

Schweizerischen Landesmuseums in Zürich vor. Leider ist das Bad selbst

nur in Resten vorhanden und der größte Teil abgesägt.

[Sidenote: _Häufigerwerden der Badenfahrten im 15. Jahrhundert_]

Im 15. Jahrhundert mehren sich die Nachrichten von Badenfahrten.

Das Protokoll des Frankfurter Rates enthält schon häufig

Urlaubsbewilligungen für Beamte, vorzugsweise für die angeseheneren,

wie den Stadtschultheiß, die Dorfamtmänner und den Stadtarzt[127].

Luzern ließ sogar mehrere in der Schlacht bei Murten (1476) verwundete

Krieger auf Staatskosten in Bäder gehen; auch Zürich tat dies 1532 im

Kappeler Kriege[229]. Man besuchte jetzt auch entfernt liegende Bäder.

Herzog Wilhelm von Sachsen weilte 1476 im Wildbade zur Kur. Auf einen

Brief an den Kurfürsten Ernst von Sachsen antwortete ihm dieser, er

freue sich, daß Herzog Wilhelm dort die Gemahlin des Grafen Ulrich von

Württemberg angetroffen habe und „neben uwer libe in underscheyd gebatt

und sich fruntlich irköset (unterhalten)“. Der Herzog badete alle Tage

acht oder neun Stunden[54]. Für das Wildbad schlägt ~Mechinger~ auch

1513 bis neun Stunden tägliche Badezeit vor[346].

[Sidenote: _Der Badeausschlag_]

Philippine Welser gebrauchte 1571 wegen Gallensteine die Kur in

Karlsbad. Nach den Aufzeichnungen ihres Leibarztes Dr. ~Georg Handsch

de Limusa~ trank sie während der ersten Wochen nur das Wasser und zwar

bis acht Seidel am Tage. Am vierzehnten Tage begann sie zu baden, mit

je einer Stunde am Vor- und Nachmittag beginnend und bis zu je fünf

Stunden steigend, also zehn Stunden am Tage. Am sechzehnten Badetage

nahm der „Badeausschlag“ einen rotlaufartigen Charakter an; von diesem

Tage an wurden wärmere Bäder von kürzerer Dauer genommen, „damit der

Ausschlag wieder abtrockene“[347].

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 27 / 53 段