In einer Stettiner Pestordnung von 1625 wird vor unnötigen

Versammlungen in den Badestuben gewarnt und zugefügt, man könne

derselben „ad interim eine Zeitlang woll entrathen“[475]. Noch 1711

sagt ~Abraham a Santa Clara~, wer ein Freund der Reinlichkeit ist,

werde in Wahrheit auch ein Freund des Badens sein. Wie denn fast alle

Landschaften nicht ohne Bäder sein werden (Abb. 91)[288], und im

Odenwalde waren 1754 die Badestuben noch so in Brauch, daß ~Klein~

Kleidung, Gebäude (Tiguria), Bäder (Hypocausta) und Betten in einem

Kapitel beschreibt, die Badestuben demnach als zum Leben notwendige

Einrichtungen galten. Der Schilderung nach waren sie mit Holz geheizte

Heißluftbäder, aus der sich die Besucher direkt an die freie Luft

zur Arbeit begaben, ob es nun regnerisch, windig oder kalt war. Auch

Wöchnerinnen brachte man in die Badestube[645].

[Sidenote: _Im allgemeinen schröpfte man nun nur noch in den

Badestuben_]

Abgesehen von Krankheitsfällen scheint die Badestube aber von den

meisten nun nur noch zur Vorbeugung von Krankheiten einige Male im

Jahre in Verbindung mit dem Schröpfen benutzt worden zu sein. Schon

im 17. Jahrhundert wird in Muri (Aargau) dem Hofscherer befohlen, die

„Schweiß- und Schräpfbäder“ ordentlicher Zeit abzuhalten[557]. In

Ettenhausen erhielt der Wagner Zehnder 1720 von der Äbtissin Euphemia

des Klosters Tänikon eine Schweißstubengerechtigkeit mit Schenkrecht

und zwar nicht für das ganze Jahr. Die Schweißstube sollte er jeweils

vom 13. November bis zum Johannistag zum öffentlichen Gebrauche geben.

Jeden Samstag, und wenn ein Feiertag darauf fiel, am vorhergehenden

Freitag, wurde das Badezimmer geheizt. An anderen Tagen durfte niemand

mit Brot und Wein bewirtet werden. Keine Verdächtigen, besonders Fremde

und Landstreicher, sollten im Hause übernachten. Spiel und Tanz war

jederzeit untersagt. Im Sommer wurde das Bad um zehn, im Winter um neun

Uhr geschlossen[187][E].

Fast durchgehends geben die Schriftsteller gegen Ende des 18. und zu

Anfang des 19. Jahrhunderts an, daß die Bader nichts mehr mit Baden zu

tun hätten. Die Bader und Barbierer, sagt ~Gruner~ 1789, unterschieden

sich allein durch den Besitz der Bade- oder Barbierstube, die Bader

machten den bloßen Barbierer oder deutschen Chirurgen und unterschieden

sich durch weiter nichts, als durch das Ansetzen der Schröpfköpfe,

dessen sich die Barbierer schämten[654] (siehe Anm. S. 219).

Doch auch dem gewohnheitsgemäß genommenen Schweiß- und Schröpfbad

schlug die letzte Stunde. Ich erinnere an die Privatbäder der

bayerischen Bauern, die 1827 nicht mehr zum Baden Verwendung fanden.

1822 schreibt P. ~Maurus Lindenmayr~ von Österreich ob der Enns: „’s

Schrepfen, ’s Dünstbad um Quatemä ist ietzunda gar a’kemmä“[46][F].

Gleichzeitig mit dem schnellen Rückgang der alten Badestuben im

18. Jahrhundert setzt die Agitation der Ärzte für Wiedereinführung

der Bäder ein, die mit der für kalte Bäder Hand in Hand ging. Dr.

~Schelhamer~ beklagt 1747, daß die Bäder so sehr in Verachtung geraten

wären. Er sagt, daß er sich erinnere, ehemals in allen nur einigermaßen

berühmten Städten Deutschlands öffentliche Bäder gesehen zu haben,

worinnen sich das Volk täglich gebadet habe. Es wären aber dieselben

in Verfall geraten, weil die Obrigkeit jedes Orts auf dergleichen

Anstalten zu wenig acht gehabt hätte, weswegen er ihnen auch aufs

Nachdrücklichste die Wiederherstellung ans Herz legte[97] [611].

Dabei zeigte man keine große Lust, die alte deutsche Badestube wieder

einzuführen. ~Gruner~ wollte 1789, man solle bei dem herrschenden

Modegeschmack am Baden den Bader im wahren Sinne des Wortes wieder den

Bader machen, von ihm kalte und warme Bäder in der Badestube besorgen

lassen und ihm genaue Anweisung geben, wie und wo er dergleichen

anlegen und in verschiedenen Fällen bei verschiedenen Personen brauchen

solle[654].

[Sidenote: _Die russischen Dampfbadeanstalten in Deutschland_]

Der größte Teil der Ärzte gab sich gar nicht die Mühe, die

Geschichte der deutschen Badestube und deren einstige Einrichtung

zu studieren[G], obwohl in den Sammelwerken seitenlange, aus

Reiseberichten gezogene Beschreibungen fremder Schwitzbäder zu finden

sind. Die meisten Schriftsteller erwähnen sie nur flüchtig als

geheizte Kammern mit abscheulicher Atmosphäre, die teils sogar unter

der Erde gelegen sein sollten. Dies wurde besonders in einem Werk

des in russischen Diensten stehenden Arztes ~Sanchez~ hervorgehoben,

von dem ein Auszug 1789 zu Memmingen deutsch erschien[612], und

das die russischen Dampfbäder als Allheilmittel empfahl, die alle

Übelstände der deutschen Badestuben nicht haben sollten. Der bayrische

Stadtgerichtsarzt und Medizinalrat ~Hirsch~ begründete 1815 ihre

Einführung in Deutschland neben dem Nutzen für unser Volk sogar damit,

die durch Deutschland ziehende kaiserlich russische Armee bei guter

Gesundheit zu erhalten[613]. Es bedurfte nicht des Aufrufs, die Russen

halfen sich schon selbst. Aus Schlesien wird wenigstens berichtet, daß

sie gewöhnlich eine feste, ziemlich luftdichte Bauernstube zum Bad

herrichteten, indem sie den Kachelofen bis zum Heizungsherd abbrachen,

Feldsteine auflegten und wie in der Heimat badeten. Die kalte

Schlußbegießung nahmen sie auf dem Hofe beim Brunnen vor[643][H].

Das erste russische Dampfbad wurde 1781 unter dem Namen des englischen

Dampfbades (weil eins vorher in London bestand) von einem Arzte ~Uden~

in Berlin errichtet[614]. Es war in Vergessenheit geraten, als 1818

ein höherer preußischer Steuerbeamter ~Pochhammer~ in Berlin das

Mariannenbad eröffnete, in dem von den gewöhnlichen Bädern abgesondert

das „erste“ russische Dampfbad erbaut wurde. ~Sanchez~’ Buch, der Rat

eines geborenen Russen und „die Ansicht des russischen Bades, welches

des Königs von Preußen Majestät zu Ihrem Gebrauche zu Potsdam hatten

einrichten lassen“, dienten dabei zur Anleitung[652]. Dieses Bad im

Potsdamer Schlosse, das Friedrich der Große für sich erbauen ließ,

hatte um die eigentliche Badestube herum mehrere Backöfen, die ihre

„Glut“ aus Drachenköpfen in das Zimmer ergossen und einzeln durch

Hähne an- und abgestellt werden konnten[653]. In der ~Pochhammer~schen

Anstalt wurden rotglühend gemachte Kieselsteine mit Wasser begossen.

Die Badenden ließen sich nach vollständiger Durchwärmung mit

eingeseiften Birkenzweigen reiben — die in den Schriften von ~Sanchez~

und ~Hirsch~ sonderbarerweise den alten deutschen Namen „Badequästen“

führen — und danach den Seifenschaum mit lauwarmem bis kaltem Wasser

abgießen. Es fanden außerdem noch Übergießungen statt, auch in Form

der verschiedenen Duschen. Nicht selten wurde das kalte Wasserbad

mehrere Minuten lang benutzt, nachdem sich die Badenden vorher in einer

Temperatur von 50° C befunden hatten, in die sie nach dem Bad wieder

hinaufstiegen. Diese wechselwarmen Prozeduren wurden mit einer kalten

geschlossen. Gesunde kleideten sich darauf an oder begaben sich der

Gemächlichkeit wegen noch einige Zeit auf ein Ruhebett im Aus- und

Ankleidezimmer. Kranke schwitzten dort, in wollene Decken gehüllt,

nach[652]. Im großen und ganzen badete man hier wieder wie in der alten

deutschen Badestube.

Nach den Plänen der ~Pochhammer~schen Anstalt wurden in den zwanziger

Jahren des 19. Jahrhunderts ähnliche in Berlin, Frankfurt a.❆d. Oder,

Blankenburg i.❆d. Uckermark, Helfte im Mansfeldischen, Freienwalde,

Magdeburg, Groß-Salze, Potsdam, Stettin, Memel, Köln a. Rhein, Danzig

und Breslau errichtet[643][652]. Um die gleiche Zeit entstanden die

russischen Dampfbäder zu Frankfurt a.❆M., Halle, Weimar, Leipzig,

Dresden, Prag, Wien, Weißenfels, Bahrenfeld, Altona, Hamburg[643][653],

im Muskauer Hermannsbade und beim Solbad zu Elmen[622]. In Würzburg

wurde es mit einer orthopädischen Anstalt verbunden (1825)[653]; im

~Barrie~schen Alexanderbade zu Hamburg fand sich auch ein sogenanntes

türkisches Bad mit wohlriechenden Dämpfen[622][643].

[Sidenote: _Die römisch-irischen Bäder in Deutschland_]

Auch das alte deutsche Badstübchen, den Schwitzkasten, bei dem der

Kopf nicht vom Dampfe umgeben war (Abb. 54 e), führte ~Marcard~ 1778

als englische Neuheit ein[160]. Von Großbritannien mußten wir uns auch

die zweite Form der alten deutschen Badestube, das Heißluftbad mit

Übergießungen, unter dem Namen des römisch-irischen Bades holen. Der

irische Arzt ~Barther~ errichtete 1856 in St. Anns Hill bei Cork in

Irland das erste „römische Bad“. Als Neuerung (?) fügte er am Schluß

Begießungen hinzu, deren Wärmegrad allmählich abnahm[168]. Die erste

derartige Anstalt schuf in Deutschland ein Dr. ~Luther~ in Nudersdorf

bei Wittenberg in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts[501][I].

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war für die alte deutsche

Badestube, die doch in ihrer Hauptform Schwitzbad war, besonders

ungünstig, weil von ärztlicher Seite die hitzige Lebensweise, wie man

sagte, samt den Schwitzbädern bekämpft wurde. ~Zwierlein~ spottet

1793 über die „altmodischen“ Schwitzdoktoren[656]. Die kalten und

lauen Bäder waren Mode und dadurch entstanden neben den Badeanstalten

auf den Flüssen jene schon besprochenen nach französischem Muster,

die Wasserheilanstalten im heutigen Sinne waren und neben einfachen

Reinigungsbädern über einen reichlichen Badeapparat verfügten und

sich in den Einrichtungen mit den Mineralbädern deckten, ja diese zu

ersetzen strebten. Eins der Cannstatter Bäder hatte 1838 sogar ein

künstliches Salzbad mit Wellenschlag als Surrogat für Seebäder. 1838

wurden dort Schlammbäder eingeführt[154].

Der größte Teil der Bäder, welche ehemals als mineralhaltig galten,

es aber nicht waren, ging, wenn nicht zugrunde, in die genannten

Badeanstalten auf. So war die S. 46 erwähnte, im Fechthause zu Nürnberg

gelegene das alte Wildbad, das schon 1577 nach zweihundertjährigem

Bestehen in Stein neu aufgeführt wurde. Das 1628 erbaute Fechthaus

machte einen Flügel des Wildbadhauses aus und diente ursprünglich nur

als Vergnügungsraum[195].

[Sidenote: _Die deutschen Badestuben im 19. Jahrhundert_]

Mit diesen Badeanstalten war aber kein Ersatz für die alte Badestube

geboten, die große Masse des Volkes wurde von ihnen nicht berührt.

~Tissot~s Anleitung für das Landvolk war in fast alle europäischen

Sprachen, ja in Dialekte übersetzt. Gelesen wurde sie aber nach

zeitgenössischem Urteil von dem, für den sie bestimmt war, nämlich

vom Bauern, nicht[663]. ~Hufeland~s nötige Erinnerung an die Bäder,

zur Belehrung des Volkes geschrieben, erließ ~Bertuch~ im Journal des

Luxus und der Moden[518], und das las der gemeine Mann nicht, auch

wohl kaum die übrigen diesbezüglichen ~Hufeland~schen Schriften. So

badete denn das Volk gar nicht mehr. „Auf Baden in warmem Wasser haltet

der Roggwyler wenig“, heißt es 1835 in einer Schweizer Dorfchronik,

„dieses wird mehr für eine Mode, denn für die Gesundheit zuträglich

angesehen; obwohl auch nur die bloße Reinigung des Leibs zu empfehlen

wäre“[J][657].

Das war jedoch nicht überall so. Wir erfuhren schon, daß in München

die Handwerker noch 1836 Seelbäder, wenn auch nur einige Male im Jahr,

ankündigen ließen[46]. ~Kahtlor~ schreibt 1822 von den deutschen

Badestuben, man setze sich in denselben nur durch starke Hitze ihrer

Öfen in Schweiß. Viele Personen schwitzten in ihnen zu gleicher Zeit,

so daß die Luft bald zu einem stinkenden Qualm werde. Wohl seien viele

Badehäuser mit Flüssen in Verbindung gesetzt, manche aber, wenn sie

auch in der Nähe vom Wasser lägen, nicht. In der Badestube befänden

sich viereckige, in die Erde gegrabene, mit Brettern oder Backsteinen

belegte Löcher, in denen man nach dem Schwitzen bade. Das täten aber

nur wenige, die meisten reinigten sich durch Abwaschen. In einem

alten Badehause zu Krautheim an der Jagst sah ~Kahtlor~ neben den

erwähnten Löchern, also den in die Erde gelassenen Badewannen, noch

eine Einrichtung, die er als ein ehemals bestandenes Gußbad deutete,

das durch ein kleines, vom Berge kommendes Bächlein bewerkstelligt sein

sollte[644], die ich aber doch eher für eine verfallene Wasserzuleitung

halten würde, falls sie aus älterer Zeit stammte.

Augsburg hatte 1837 zehn Badestuben, von denen eine, die

~Breyvogel~sche, als neue Badeanstalt von ~Jäger~ rühmend hervorgehoben

wird[496]. Von ~Wetzler~ erfahren wir +1822, daß sich in Augsburg in

vier Häusern Schwitzbäder vorfanden, welche die Woche zweimal bereitet

und von den Webern, Fabrikarbeitern, Taglöhnern+ usw. +zahlreich

benutzt wurden. Viele besuchten sie das ganze Jahr hindurch, und sie

waren ihnen so zum Bedürfnis geworden, daß sie sich unwohl fühlten,

wenn sie dieselben einmal nicht besuchen konnten.+ Von vornehmen Leuten

wurden diese vier Badestuben nicht gebraucht. ~Wetzler~ erst riet

„rechtlichen Bürgern“ und sogenannten Honorationen, bei Rheumatismen

die Bäder eigens heizen zu lassen, um allein baden zu können, und im

geschlossenen Wagen hinzufahren. Sonderbarerweise bezeichnet ~Wetzler~

diese vier Augsburger Schwitzbäder nicht als Badestuben, sondern

schreibt, es sei kein Schade, daß die deutschen Badestuben eingingen.

Er habe selbst solche in Bayern und Schwaben gesehen, die enge,

finstere Löcher ohne Lufterneuerung waren, durch stark geheizte Öfen

erhitzt wurden (also keine Dampf-, sondern Heißluftbäder waren!), wo

man ungeheuer schwitzte und zugleich und im Übermaß schröpfte. Trotzdem

kann kein Zweifel darüber herrschen, daß die vier Bäder zu Augsburg

alte deutsche Badestuben waren, wodurch bewiesen wird, daß es eben zur

Zeit nicht nur enge, finstere Löcher zum Schweißbaden in Deutschland

gab[K]. Sie bestanden aus einer Schwitzstube und einem Verschlage,

wo der Badende sich aus- und ankleidete und nach dem Bad verweilte,

bis er sich abgekühlt hatte. Die Hitze fand ~Wetzler~ 36 bis 38° R.

Das Bad kostete nur vier Kreuzer. Beide Geschlechter badeten zusammen.

Leider sagt ~Wetzler~ nicht, ob Dampf entwickelt wurde. Er hielt die

Anstalten, so mangelhaft sie wären, doch für eine große Wohltat für

die Arbeiter, namentlich die Weber, welche in Augsburg auch den Winter

unter der Erde arbeiteten.

~Wetzler~ entwarf nun folgenden Plan. Die kalten Bäder hielt er zur

allgemeinen Einführung als diätetisches Mittel nicht für geeignet,

wohl aber die warmen, weil sie das ganze Jahr hindurch genommen

werden können. „Die öffentlichen allgemeinen Bäder“, sagt er, „können

keine Wasserbäder sein, die Anlegung und Einrichtung der Gebäude,

die Bereitung der Bäder würde zu viele Kosten erfordern“. So empfahl

er dann für den großen Haufen die Dampfbäder und verlangte von den

großen Städten Deutschlands als Notwendigkeit die Einführung von

Bädern, namentlich Dampf- und Duschbädern. Der Dampf sollte am besten

mit Röhren aus dem Kessel in das Badegemach geleitet werden. Vor dem

Schwitzbad sollte ein laues Bad oder eine Abwaschung mit Seife genommen

werden, im Bad wünschte er Massage und zum Schluß ein Abwaschen oder

Begießen mit Wasser von geringer und zuletzt von kalter Temperatur[370].

Vielleicht waren ~Wetzler~s Vorschläge doch nicht ganz in Vergessenheit

geraten; denn 1852 beantragte der Gerichtsarzt Dr. ~Wolfring~ in

Fürth eine Dampfbadeanstalt für Quecksilberarbeiter. Sie sollte

als Schutzmittel gegen Metallintoxikationen der Quecksilber- und

Farbwarenarbeiter dienen[615]. Tatsächlich kam sie in Verbindung

mit einer anderen Art von Badeanstalten zur Ausführung, die ihren

Ausgang von England nahm und dem Volk einen Ersatz der alten deutschen

Badestube anfangs zu bieten schien, in England ihre Aufgabe auch

erfüllte.

[Sidenote: _Die Wasch- und Badeanstalten_]

Als in England 1832 die Cholera ausbrach, erneute sich die längst

gemachte Erfahrung, daß die Seuche in den unreinlichsten Quartieren den

bösartigsten Charakter annahm und selbigen von den genannten Punkten,

wie von einem Fokus aus, auf die Nachbarschaft übertrug. Man fühlte

das Bedürfnis größerer Reinlichkeit in allen Stadtteilen und allen

Schichten der Bevölkerung. Einer armen Frau gebührt das Verdienst der

Lösung. Sie zuerst mietete in einem abgelegenen Hinterhause einen

Schuppen, stellte dort einen Waschkessel auf und machte es, unterstützt

durch die Beiträge einiger Damen, nach Anschaffung der nötigsten

Waschgeräte möglich, ihren Nachbarinnen gegen einen Wochenbetrag

von einem Penny eine Waschgelegenheit außerhalb ihrer eigenen engen

Wohnungen zu verschaffen. Nach kurzer Zeit hatte sie fünfundachtzig

Arbeiterfamilien zu ihren Kunden. Überrascht durch dieses Ereignis,

bemächtigte sich die gutgesinnte Spekulation des fruchtbaren Gedankens,

worauf dann im Jahre 1842 die erste regelmäßige Anstalt dieser Art

zu Liverpool eröffnet ward[616]. Mit diesen englischen Waschhäusern

waren Bäder verbunden, in Liverpool acht. Gleich darauf baute man in

London zwei größere Anstalten gleichen Charakters. In einer großen

Volksversammlung in London wurde nun 1844 auf die hohe Bedeutung dieser

Wasch- und Badeanstalten für das Volkswohl nachdrücklich hingewiesen;

infolgedessen befaßte sich eine Parlamentsakte von 1846 mit dem Bau

derselben, nach der den Gemeinden die Verwendung von öffentlichen

Geldern gestattet wurde und, was das wesentlichste war, die

Verpflichtung bestand, zwei Drittel der Bäder für Arbeiter einzurichten

und den Preis für ein kaltes Bad mit zehn, den für ein warmes mit

zwanzig Pfennig anzusetzen. 1854 waren schon zwölf derartige Anstalten

in England errichtet[500].

In Deutschland entstand die erste Badeanstalt nach diesem Vorbild in

Hamburg. Die Stadt gab den Grund und Boden samt der Wasserversorgung

umsonst ab. 1855 war die Anstalt fast vollendet[L] und kostete bis

dahin über hunderttausend Mark. Neben der Bade- und Wascheinrichtung

bestand auch ein Schnelltrockenraum, so daß man während des Badens

seine Leibwäsche reinigen lassen konnte[616][M]. In Fürth wurde

1857 die vierte deutsche und erste bayrische „Bad- und Waschanstalt“

errichtet, mit der das erwähnte Dampfbad für Metallarbeiter verbunden

wurde. Sie war Eigentum einer Aktiengesellschaft[615]. [617]. Wurden

durch die Verbindung von Bad- und Waschanstalt die Betriebskosten

vermindert, und konnte man dadurch Bäder um einen billigen, für den

Arbeiter aber immer noch hohen Preis bieten, so erlangten diese Bäder

doch keine Volkstümlichkeit. Die zeitgenössischen Schriftsteller heben

die Großartigkeit der Anstalten hervor, und darin lag die Ursache

ihres Untergangs. Man hätte weniger kostspielige Anstalten und mehrere

bauen sollen. Schon 1858 betont ~Pappenheim~, daß Badeanstalten, wenn

sie nützen sollen, sich mitten in der dichtesten Arbeiterbevölkerung

befinden müssen, darum waren in Berlin zu derselben Zeit die Flußbäder

außerordentlich beliebt. Sie wurden an einzelnen Sommertagen von

tausend Personen besucht, und der Preis des Bades betrug nur sechs, mit

Handtuch zehn Pfennig[618].

[Sidenote: _Die Brausebadanstalten_]

Die Lösung der Frage des volkstümlichen Bades gebührt ~Lassar~. Schon

1832 hatte ~Meissner~ als Ersatz des Flußbades für Soldaten Duschen in

leicht transportabler Form unter dem Namen Militärbad empfohlen[446],

aber ~Lassar~ hob hervor, daß das Brausebad nur dann dem Volk

von Nutzen sei, wenn es warm oder kalt mit Seife und Handtuch in

einzelner Zelle für zehn Pfennig geboten würde[620]. Auf der Berliner

Hygiene-Ausstellung führte ~Lassar~ 1883 praktisch seine Gedanken

durch. In einem Wellblechhäuschen waren zehn Brausezellen eingerichtet,

die von zehntausend zahlenden Besuchern benutzt wurden[500]. Wenn

auch vorläufig kein Grund vorhanden ist, an das Aufblühen der alten

deutschen Badefreudigkeit zu glauben, so möge doch ~Lassar~s Wunsch in

Erfüllung gehen:

„Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad!“[620].

[A] Während Kinder im 15. Jahrhundert kein Badgeld zahlten, wird es

jetzt auch für diese gefordert. In Zürich war 1604 der Badepreis

nach Altersgrenzen bestimmt. Ein Mann oder Weib zu baden kostete

einen halben Batzen. Eine mannbare Person, die schwitzte oder badete,

zahlte einen Kreuzer, Personen von neun und zehn Jahren für Baden

sechs Heller, unter neun Jahren vier Heller. Um Übervorteilungen

auszuschließen, mußten die Preise an der großen Holztür angeschlagen

werden[240].

[B] Die geheilten Fälle waren selbstverständlich nicht Aussätzige,

sondern andere Hautkranke, und die übrigen, die nicht gerade im

Bad starben, aber ihre Krankheit bis zum Tode behielten, litten am

echten Aussatz. ~Zimmermann~ sagt 1689 von Pfäfers, wenn dort die

Lepra nicht gleich anfangs abgewaschen würde, geschähe es überhaupt

nicht[428]. ~Foltz~ schreibt auch dem „bad bey kalb zuo zell

genant“, dem Liebenzeller Bad, für mit Gelbsucht und gleichzeitig

mit Schwindsucht Behaftete eine gleiche Eigenart wie Leuk zu. Wer in

vierzehn Tagen nicht gesund wurde, mußte sterben[12].

[C] Diese mit Weinbewirtung verbundenen Bäder führten den Namen

„Badwein“. 1482 kaufte sich eine Bürgerin in das Spital zu Biberach

als Pfründnerin ein „ohne Anspruch auf Wein und Fische bei Badwein

und Jahrzeiten“[436].

[D] Diese Badestube war ein Werk des Bürgermeisters Lotter. Ein

Verzeichnis von dessen Bauten aus dem Jahre 1573 sagt: „bei dem

Rannischen Thore eine gemeine steinerne Badstuben innerhalb der Stadt

und habe dieselbige lassen wölben, daß solch Gewölb kein Trauffen

oder Feuchtigkeit von sich gegeben“[196]. Es ist auffallend, daß im

16. und 17. Jahrhundert hervorgehoben wird, die Badestube sei gewölbt

gewesen. ~Ryff~ warnte vor dem Besuch der steinernen Badestuben

wegen der Feuchtigkeit, sie sollten zumindestens mit Holz getäfelt

sein[48], die Leipziger muß also ein besonders vorteilhafter Bau

gewesen sein.

[E] Diese Badestube scheint nicht für Wasserbäder eingerichtet

gewesen zu sein, dafür spricht der Betrieb vom 13. November bis

zum Johannistag, der also in den Monaten stattfand, welche die

Anweisungen zur Gesundheit im großen und ganzen zum Schweißbaden

empfahlen.

[F] Daß auch in früheren Jahrhunderten die Quatemberbäder eine

Rolle spielten, geht aus den häufig viermal im Jahr (zu Fronfasten,

Weihfasten) stattfindenden Seelbädern und den Quartalbädern der

Handwerker hervor. Es handelte sich gewiß um Bäder, die man zur

Erhaltung der Gesundheit für unbedingt notwendig hielt. Ich erinnere

daran, daß auch der Aderlaß viermal im Jahr stattfand.

[G] Charakteristisch ist, daß nach Ephrussi der Holzschnitt einer

deutschen Badestube von ~Hans Baldung Grien~ im Cabinet des Estampes

zu Paris den Namen „Bain d’Orient“ führt (s. auch Nachtrag)[609].

[H] Noch 1690 verlangte der brandenburgische Militärarzt â Gehema die

Benutzung der Badestuben auch für den deutschen Soldaten. „Das vierte

Mittel“, sagt er, „wodurch die Soldaten sich praeserviren können,

sind die Bäder und Badstuben, wodurch aller in denen poris und

Schweißröhrlein der Haut sitzende Unrath, welcher die so nothwendige

transpiration oder außdämpfung verhindert, und zu vielen Kranckheiten

uhrsache giebet, außgetrieben wird; dannenhero der Mensch hurtig,

munter, leicht, actif und frisch wird, gleich als wann er von neuen

were gebohren worden“[664]. Diese Stelle findet sich in ~Muralts~

Kriegs- und Soldatendiät von 1712 wörtlich wieder[680].

[I] Es herrschte geradezu eine Sucht, alte deutsche Badeweisen mit

fremdem Namen zu benennen. 1803 erwähnt ~Schreger~ das Schwitzen über

Weingeistdampf, wobei nach „spanischer Sitte“ der Körper in Tücher

gehüllt auf einen Lehnstuhl gebracht wird[4] (vergl. Abb. 54 d).

[J] 1663 wurde aber noch in derselben Gemeinde alles Baden in Bädern

an Sonntagen verboten[657].

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 24 / 53 段