begnügte man sich, die Kranken gut zugedeckt im Bett zu halten und
einen Schweißtrunk, fast durchgehends Theriak, einzugeben. Beim
Ausbleiben des Schweißes suchte man ihn mit warmen Ziegelsteinen
hervorzurufen. Nach ~Pantaleon~ wurden sie im Feuer erhitzt. Wurden die
Steine heiß verwendet, umwickelte man sie mit nassen Tüchern. In der
Regel sollten sie die Füße erwärmen; manche legten sie auch zwischen
die Schenkel oder um den ganzen Patienten herum. Als Ersatz der
heißen Steine dienten frisch aus dem Ofen gezogenes, durchgebrochenes
Brot, mit warmem Wasser gefüllte Flaschen, auch von Blech, Guttern
(enghalsige Flaschen) und Rindsblasen. Nach ~Untzer~ (1607) sollten die
am Fußende angewandten warmen Gegenstände nicht allein Schweiß treiben,
sondern auch das Gift vom Herzen ziehen. Beim Ausbleiben des Schweißes
galt der Patient für verloren[608].
[Sidenote: _Verbot des Bäderbesuches von Syphilitischen zur Vermeidung
der Ansteckung_]
Am empfindlichsten wurde das Badeleben durch das epidemische Auftreten
der Syphilis betroffen. Die Chroniken geben an, die Landsknechte
Kaiser Maximilians hätten die Seuche vom Zug gen Mailand mitgebracht.
Im Jahre 1495, sagt eine Nürnberger Chronik, „ist bös krankheit, malo
franco, welches man die Franzosen nennt, erstlich ins Teutschland
kommen“[195]. Auch von Frankreich (daher der Name Franzosenkrankheit)
und von den Niederlanden wurde sie durch die aus Italien heimgekehrten
Söldner Karls VIII. von Frankreich, unter denen 1494 die Krankheit als
Epidemie ausgebrochen war, eingeschleppt. Nach den schweizerischen
Schriftstellern der Zeit brachten die Schweizer 1495 die Krankheit aus
dem neapolitanischen Feldzuge mit in die Heimat[480].
Schon 1496 wird als Hauptpräservationsmittel angegeben, „ein gemeyns
bad, darein mangerley menschen koome“, zu fliehen (~Grünpeck~)[478].
Im gleichen Jahre erging in Nürnberg das Gesetz, „allen padern bei
einer poen zehen gulden zu gepieten das sie darob vnd vor sein, damit
die menschen, die an der Newen krankhait malum Frantzosen, beflekt
und krank sein, in Irn paden (Bädern) nicht gepadet“[195]. Die
eidgenössische Tagsatzung verbot für alle Orte (Kantone) denen, „so die
böße Blatteren habent“, den Besuch von Kirchen, Straßen, Wirtshäusern,
Bädern und Scherstuben (Abschied zu Luzern 1496). Im gleichen Jahre
wurde auf der Jahresrechnung zu Baden im Aargau bekannt gemacht: „Der
lüthen halb, so die bößen Blatteren hannd, ist angesehen, das man
alle hett geheißen vß Baden schweeren, vnd sol jederman deheim mit
denselbigen verschaffen, daß sy nit gen Baden faren (d.❆h. zur Badekur
kommen), wann die Eidtgnossen wends da nit liden noch dulden“ (Abschied
1496). Ungefähr gleichzeitig verbot der Rat von Zürich Syphilitischen
den Besuch der Badestuben[480]. In Frankfurt a.❆M. wurde im selben
Jahre dem Inhaber der am meisten besuchten Badestube, der roten,
befohlen, einen angesteckten Knecht sofort zu entlassen, widrigenfalls
die Stube geschlossen würde. Im nächsten Jahre erkrankten der Meister
selbst und seine Frau. Dies und der Umstand, daß „viel lude darinn
befleckt sin worden“, hatte den Befehl zur Schließung der Badestube
zur Folge. Erst ein halbes Jahr später wurde die Wiedereröffnung
derselben gestattet, jedoch unter der Bedingung, daß nicht nur die
Öfen, Bänke und Stuben unter obrigkeitlicher Aufsicht gereinigt und
gewaschen, sondern auch niemals Erkrankte zugelassen würden. Das
Publikum fürchtete sich jedoch so sehr vor der Ansteckung, daß der
Bader aus Mangel an Zuspruch schon drei Monate später mit seinen
Gläubigern akkordieren mußte. In Frankfurt warnte 1499 der Rat die
Bürger sogar, die „klein badstuben in den husen“, also die Privatbäder,
gemeinschaftlich mit Syphilitischen zu benutzen[127].
Die ungemein schnelle Ausbreitung und die schwere Form, in der die
Seuche auftrat, ließ die Menschen erzittern. Am 18. August 1506
schrieb ~Albrecht Dürer~ aus Venedig an ~Wilibald Pirckheimer~ nach
Nürnberg: „Saget mir vnserm prior (Eucharius Karl, bey den Augustinern
daselbst) mein willig dienst. Sprecht, dz er Gott vür mich pit, daz
ich behüt werd vnd sunderlich vor den Frantzosen, wan ich weis nix,
daz ich vbeller fürcht, wan schir iederman hat sy. Vil leut freßen sy
gar hinweg, daz sy also sterben“[195], [478]. „Vor 25 Jahren“, sagt
~Erasmus~ von Rotterdam, „war bei den Brabantern nichts beliebter
als die öffentlichen Bäder (thermae), die jetzt überall kalt stehen;
denn die neue Hautkrankheit (scabies) lehrte uns, von ihrem Gebrauche
abzustehen“[483].
[Sidenote: _Ansteckung mit Syphilis durch Schröpfen in den Badestuben_]
Im 16. und 17. Jahrhundert sind die Verbote des Badestuben- und
zuweilen auch Heilbäderbesuches für Syphilitische nicht selten, in
Luzern mußten diese sogar nach Verordnungen aus dem letzten Viertel
des 16. Jahrhunderts noch drei ganze Monate, nachdem sie aus der Kur
gekommen, die Badestuben meiden[480], [482], und doch sind trotz
dieser Vorsichtsmaßregeln mehrere kleinere durch Badestuben veranlaßte
Epidemien bekannt. Die Übertragung geschah wohl in den meisten
Fällen durch chirurgische Instrumente, namentlich beim Schröpfen.
Schon nach der Nürnberger Ratsverordnung von 1496 war es den Badern
verboten, Eisen und Messer, die sie beim Scheren und Aderlassen
Syphilitischer in deren Wohnung benutzt hatten, wieder in der Badestube
zu verwenden[195]. Nach ~Roth~ erzählt eine alte (wohl Nürnberger)
Chronik, ehrbare Leute gingen nicht gerne in die Badestuben, weil
etliche lose Landsknechte die Leute dort verderbet, daß sie elend
geworden, die Laßköpfe ausgeschworen, und sie zum Teil gestorben[195].
~Jordanus~ berichtet, daß der größte Teil jener, die am 13. Dezember
1577 das am Fuße des Spielberges in Brünn gelegene Schwitzbad besuchten
und dort sich Schröpfköpfe setzen ließen, syphilitisch infiziert
wurden[16]. 1615 geschah es in der Badestube zu Sommerach a.❆M. durch
nicht gereinigte Schröpfköpfe[144]. 1614 wurde die ganze Gemeinde
Merchendorf infiziert[393]. 1601 schreibt ~Maier~ von Wurzberg bei
Wimpfen (~Marius~), zwei Jahre vorher seien in der Gegend der Aysche
(Zufluß der Regnitz), wie auch in anderen Städten und Dörfern herum,
von dem Schröpfen in gemeinen Bädern oft zwanzig, zuweilen vierzig
auf einmal und nicht die geringsten „verunrainet“ worden. Deswegen
habe jedermann Furcht vor dem Baden bekommen. Die Leute schämten sich
dieser „Vnreine“, ließen sich heimlich von Kurpfuschern behandeln,
und so breitete sich das Übel immer weiter aus. Als die Untersuchung
keine Ursache feststellen ließ, da gab man aus, die Krankheit sei „von
einer sondern himmels constellation, auß der lufft“ gekommen, „daß
Gottes zorn dies verhengete, andere doch disputirten von Schrepffeissen
oder flitten, letzlich man gar herauß saget, von frantzosen pocken,“
und ~Marius~ begründete diese letztere Ansicht damit, daß nur Leute
betroffen worden, die im Bad gewesen waren. Die erste Veränderung
sei an den geschröpften Stellen und entsprechend dem Laßkopf rund
gewesen und erst später der Ausschlag gekommen. ~Marius~ macht in
unklarer Weise auch noch andere Umstände, z.❆B. die Zubereitung der
„flitten“, verantwortlich, „vber das einer bekant, die flitten in
zwibel (Pancratio forsan) stecken gehabt“[485]. Die Erklärung dieser
Stelle gibt uns ein Eintrag vom 13. November 1599 in das Tagebuch von
Meister ~Frantz~, des Nachrichters von Nürnberg: „Andreas Seitzen,
Badersgesell, welcher im Weißenthurmbad gearbeitet, mit seinem Gesellen
Michel uneins worden, ihme gedroht, ein Possen zu machen, daß er an
ihn gedenken soll, und ihm darauf sein Schrepfeisen in eine Zwiebel
gesteckt, auch nüchtern Erbes gekaut und das Eisen angeathmet, dieweil
nun über die 70 Personen im Bad verderbt und die Franzosen bekommen,
auch die Köpf (wohl die Stellen, wo die Schröpfköpfe gesessen hatten)
ausgefallen, wiewohl er die Franzosen selbst bekommen, acht Wochen im
Haus gelegen, hat man ihm die Schuld geben; weil aber hernachmals er
eben sowohl die Leut verderbt in andern Baden, hat man ihn aus Gnaden
mit Ruthen ausgestrichen“[484].
Wie schwer die Syphilis den Wohlstand der Bader beeinflußte, zeigen
die Würzburger Verhältnisse im 16. Jahrhundert. 1512 brachte der
Pfortenschreiber im Domkapitel vor, der Bader zu Sulzdorf habe nun die
Badestube Jahr und Tag inne, aber noch nichts bezahlt. 1544 wurde dem
Rate gemeldet, die Badestube am Sand drohe dem Einsturz; der Bader
konnte wegen Armut keinen Neubau errichten, so daß sie die Stadt
übernehmen mußte. 1551 kaufte die Stadt auch die Badestube zu Bleich.
1552 bat der Bader zum Gulden um Ausbesserung von Bänken und Boden,
sonst könne er um den Zins nicht länger bleiben, 1557 bat derselbe um
Verringerung des Zinses. 1570 drohte die Badestube zu Randersacker,
einem Marktflecken bei Würzburg, dem Verfall. 1580 brachte der älteste
Bürgermeister vor, des Spitals Badestube trage im Jahr nur 15 fl.,
davon gingen 5 fl. ab, wofür der Bader die Armen baden müsse, dagegen
sei die Baulast eine große. Es wurde beschlossen, die Badestube zu
verkaufen unter der Bedingung, daß sie auf ewig erhalten bleibe und die
Insassen des Spitals weiter baden könnten. 1588 wurde ein Armenhaus
für die Bader gebaut. 1595 erhielt ein Bürger und Bader den Bescheid,
er solle sich auf dem Lande nach einer Badestube umsehen, indem die
Mittelstube zu erbauen für ihn zu kostspielig sei[144].
[Sidenote: _Zahl der Badestuben in verschiedenen Jahrhunderten_]
Sehr deutlich spricht auch die Anzahl der Badestuben in einzelnen
Orten zu verschiedenen Jahrhunderten. Die älteste urkundlich zuerst
erwähnte öffentliche Badestube war zu Fulda. Abt Marquard, der von
1150–68 regierte, errichtete eine Fleischbank auf dem Markte und
daneben eine Badestube, macellum in foro ac juxta illud balnearia
stupa. Wenn die Badestube damals etwas ganz Außerordentliches gewesen
wäre, bemerkt ~Falk~, so würde die Klostergeschichte nicht versäumt
haben, dessen Erwähnung zu tun. Die Badestuben gehen demnach weiter
zurück[196]. Wolfger von Ellenbrechtskirchen badete auf der Reise in
öffentlichen Badestuben zu Passau und Ebbelzperg bei Linz zu Anfang
des 13. Jahrhunderts[270]. In Hildesheim wird 1295 die Badestube „bei
den kleinen Steinen“ als die frühere erwähnt[52]. Zwickau hatte 1284
mehrere Badestuben[540]. Die Reichsstadt Wimpfen am Neckar kann drei
Badestuben im 14. Jahrhundert aufweisen[196]. Noch heute besteht das
1354 zuerst erwähnte Badehaus bei den Predigern als „alte Badestube“,
aus der ein starker Strahl klaren Quellwassers hervorsprudelt[623]. Zu
Wimpfen im Tal gab es im Mittelalter ein Bad, das im 17. Jahrhundert
verboten wurde[196]. Speyer hatte im 14. Jahrhundert neun Badestuben,
eine davon wird noch im 17. erwähnt[273], Basel elf und Kleinbasel
fünf[260]. In Riga waren im 13. und 14. Jahrhundert die drei Bäder
städtisch[193]. Mainz hatte im 14. Jahrhundert vier Badestuben[127],
Regensburg im 15. ebenfalls vier[62], Ulm im Mittelalter zehn[50],
Würzburg zwölf, 1470 noch neun. Ochsenfurt hatte in der Nähe des
Spitals eine alte Badestube, die 1431 von diesem gekauft wurde. 1691
wurde sie wieder verkauft, obgleich neben ihr eine neue angelegt war.
Bald ging aber diese ein, 1717 auch die alte, in welchem Jahre der
Kessel in das städtische Waschhaus versetzt wurde[144]. Meßkirch hatte
gegen Ende des 14. Jahrhunderts vier Badestuben[149]. 1350 werden Bäder
in den Dörfern Schornheim (Schornsheim bei Mainz) und Kunigernheim
(Königernheim bei Alzei oder bei Oppenheim) erwähnt[219]. Nach Urkunden
von 1426–1515 hatten fünf Dörfer bei Ulm jedes seine eigene Badestube,
im 15. baten die Leipheimer, eine zweite errichten zu dürfen[50]. Das
Dorf Burgau bei Bülach (Schweiz) besaß Mitte des 16. Jahrhunderts bei
ungefähr fünfunddreißig Hofstätten eine öffentliche Badestube[600].
Die Zahl der Wiener Badestuben betrug im Mittelalter einundzwanzig,
1534 elf, Anfang des 18. Jahrhunderts sieben[16]. In Eger gab es im
16. Jahrhundert vier gemeine Badestuben[318]. Nach ~Guarinonius~ war
1610 in Österreich keine Stadt, kein Markt, kein Dorf so gering, daß
er nicht seine Badestube hatte[134]. Aus einer Jenaer Verordnung von
1701 geht hervor, daß dort zur Zeit mehr als eine Badestube in Betrieb
war[242]. Halle hatte 1755 fünf privilegierte Badestuben[190]. 1699
wurde nach einer im städtischen Museum zu Jena befindlichen Urkunde
eine Badestube zu Weimar von den Herzogen Wilhelm Ernst und Johann
Ernst zum Erblehen gegeben. In Frankfurt a.❆M. kommen von 1290–1500
fünfzehn öffentliche Badestuben urkundlich vor (die erste 1290), das
offizielle Bürgerverzeichnis vom Jahre 1387 gibt sogar neunundzwanzig
Bader an, wovon aber doch wohl ein Teil Gesellen gewesen sein werden.
1555 waren noch zwei Badestuben in Betrieb und diese nur an zwei
Wochentagen[127], sie bestanden noch 1706[133]. 1809 stellte auch
die letzte aus alter Zeit ihre Tätigkeit ein, die rote Badestube,
welche 1356 zuerst erwähnt wird, 1498 wegen der Syphilis und 1597
wegen der Pest eine Zeitlang geschlossen war[127]. Nürnberg hatte
nach ~Hans Sachs~ dreizehn gemeine Badestuben[498], 1671 wurden zwölf
und ein Gesundbrunnen, das Wildbad, gezählt. Dies bestand 1792 noch
mit zehn gemeinen oder öffentlichen Badestuben, darunter die älteste,
das Rosenbad, welches ehemals Burgbad hieß, und von dem die Bader
in ihren Streitigkeiten mit den Barbierern nachwiesen, daß es, wie
~Roth~ 1792 schreibt, schon siebenhundert Jahre vorher bestand[195].
Zürich hatte seit dem 14. Jahrhundert fünf Badestuben (die erste
wird 1303 erwähnt)[173], die 1605 noch in Betrieb waren[209], im 18.
Jahrhundert nur zwei. Dagegen fanden sich auf der Landschaft Zürich
im 18. Jahrhundert fast in allen Dörfern Badestuben. Mit Inbegriff
von zwölf Wirten gab es fünfundzwanzig „alleinige“ Bader in ebenso
vielen Ortschaften, wozu noch die Bader kamen, welche zugleich
Scherer waren. Die „alleinigen“ Bader übten die Baderei tatsächlich
aus und waren nicht etwa Chirurgen; denn es war ihnen nicht erlaubt,
zur Ader zu lassen. Im Dorf Steinenbach wurde sogar 1775 eine alte
eingegangene Badestube wieder eröffnet. Im selben Jahr bestand eine
zu Bassersdorf, 1774 eine zu Waldenstein bei Winterthur, 1776 eine
in Volkerschwil[243]. 1775 und 1776 prozessierte der Inhaber der
Badestube zu Horgen, die aus dem 15. Jahrhundert stammte, mit dem
Besitzer des Badrechts im Mineralbade auf Bocken, einem Feldscherer,
wegen des Schröpfens daselbst und erreichte, daß ihm eine jährliche
Geldentschädigung zugesprochen wurde, falls auf Bocken ein eigener
Badermeister angestellt wurde [243, 502]. 1730 lag der Bader von
Hinweil mit der Gemeinde wegen Holzlieferung im Streit. Sie wurde
ihm auf Grund einer Ordnung von 1563 zugesprochen, wofür er die
Dorfgenossen um einen halben Schilling billiger als andere baden
mußte[573]. Bern hatte 1820 sechs Badewirtschaften[253]. In Dießenhofen
gab es 1826 ein mit Bachwasser versorgtes Bad[88].
Im grellen Gegensatz zu den geschilderten Würzburger Verhältnissen
stehen die Darstellungen der Künstler im 16. Jahrhundert, so daß
man den Eindruck gewinnt, es habe ihnen nur daran gelegen, ein
belebtes Bild nackter Personen zu schaffen. ~Ephrussi~ behauptet
geradezu, ~Dürer~ habe die Badestuben zu Aktstudien benutzt[609].
~Beham~s Frauenbad (Abb. 40) ist übrigens nur eine abgeänderte
Nachzeichnung des gleichnamigen Bildes ~Dürer~s, das vielleicht noch
aus der vorsyphilitischen Zeit stammt. Auch ~Hans Baldung Grien~s
Frauenbad im Cabinet des Estampes zu Paris ist nach ~Ephrussi~ nur
ein Gegenstück zu einer Federzeichnung ~Dürer~s in der Kunsthalle
zu Bremen (~Ephrussi~ schreibt es deswegen ~Dürer~ zu). Jedenfalls
geht daraus hervor, daß wir Bilder des 16. Jahrhunderts mit Vorsicht
zur Beurteilung des damaligen Badewesens verwenden müssen, weil sie
zuweilen nur ein Abklatsch von Bildern älterer Zeit sind. Auffallend
ist das verhältnismäßig häufige Vorkommen des Badewedels auf Bildern,
während er von den medizinischen Schriftstellern nur einmal erwähnt
wird, nämlich von ~Ryff~, und nur als Instrument, den Dampf an den
Körper zu treiben, nicht als Schlaggerät. Natürlicher erscheinen mir
die Abbildungen der Kalender und der Anweisungen zur Erhaltung der
Gesundheit (Abb. 75, 9O). Trotz des Verschwindens des Badewedels — zum
letztenmal finde ich ihn 1677 dargestellt[76], falls der Holzschnitt
nicht aus einem älteren Werke entnommen ist — war auch in den
folgenden Jahrhunderten das Schwitzbad in den meisten Badestuben noch
vorhanden.
[Sidenote: _Die Badestuben im 18. Jahrhundert_]
Im dritten Bande von ~Zedler~s Universallexikon[468] findet sich 1733
folgende Beschreibung einer öffentlichen Badestube: „Es siehet aber
eine Badstube also aus: Es ist nemlich ein niedriges Gemach, an dessen
einem Ende ein Ofen, neben diesen Ofen aber ein Kessel mit heißen,
und ein Kübel mit kalten Wasser ist, daraus man schöpffen, und wie
man es brauchen will, die Wärme mäßigen kann. An denen Wänden sind
Bäncke vor und über einander, darauf man sich höher oder niedriger
setzen kann, nachdem man starck oder gelinde zu schwitzen verlanget,
und diese werden die Schwitz-Bäncke genennet. Diejenigen, welche naß
baden wollen, setzen sich in eine Bade-Wanne, die mit Wasser angefüllt
ist. Zu diesen Stuben nun ist insgemein iemand bestellet, welches denen
Bade-Gästen aufwartet, auch ist insgemein ein Bader bey der Hand, wenn
jemand schröpfen will.“ Den badenden Personen ging mit Abwaschen die
„Bade-Magd“ an die Hand, die auch sonst im Bad bediente. 1734 erwähnt
~Dietman~ (Baden bei Wien) die Dampfbäder von angezündetem Spiritus
oder Branntwein und die Schwitzbänke der Bader[499].
[Illustration: Abb. 90. Badestube in der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts. Holzschnitt aus: ~Dryander~, Arzneispiegel. Frankfurt
a.❆M., 1547.]
1788 kam in Zürich die „Baad-Stub“ auf Dorf zur Versteigerung. Darin
fand sich à plein pied ein Holzschopf und die Badestube selbst, in
dieser „ein mit Steinen wohl garnierter ofen, 2 küpferne Kessel in
circa 6 Tausen Wasser haltend, 2 Tollenöfen darzu, ein hölzerner
Baadkasten nebst Bänken mit Baad Gerechtigkeit darbei, in gleichem
Zimmer ist ein guter Galgbrunnen mit steinernem Wassertrog“. Von der
Badestube waren alljährlich an ewigem Zins zwei Pfund ins Säckelamt zu
entrichten. 1665 wird in derselben Badestube, die damals zu St. Anna
hieß, als Eigentum angegeben: „Drey Möschen (von Messing) Hänen, zwey
steinin trög, zwey Badkästen item die Gerechtigkeit zu einem Brunnen
und zu einer garvy (Gerberei)“[243].
Aus dem Vorhergehenden ist zu ersehen, daß mit dem epidemischen
Auftreten der Syphilis das deutsche Badeleben schwer beeinflußt,
das Badebedürfnis aber nicht vernichtet wurde, dasselbe gilt vom
Dreißigjährigen Kriege. So bauten 1660 die Bürger von Allensbach ihre
1640 im Kriege zerstörte Badestube im Frondienste umsonst wieder auf
und hatten dazu dreihundert Gulden Unkosten[129]. In Göttingen wurde
noch kurz nach dem Kriege täglich geheizt, doch bat ein Pächter den
Rat dringend, ihn von dieser Verpflichtung zu entbinden, da die Gäste
so selten wären[3]. 1655 sagt ~Zeiller~, eine berühmte Badestube sei
zu Leipzig am Ransteter Tor, schön und von Steinen erbaut, auch ganz
gewölbt[D], darin viel große kupferne Wannen und Zuber, bei deren
jedem ein hoher messingner Hahn, aus welchem das frische Wasser auf des
Badegasts Begehren nach aller Lust springen thue. Dergleichen sei auch
in anderen Badestuben, so vor der Thomaser Pforte anzutreffen. Diese
wäre jedoch nicht so „artlich vnd fest“ als die oben genannte[83].
[Sidenote: _Im Mittelalter gingen auch Vornehme / später nur das Volk
in die Badestube_]
Trotz dieser guten, anscheinend nur für Wasserbäder bestimmten
Einrichtung glaube ich, daß vornehme Leute nicht mehr, wie im
Mittelalter, ständig die öffentliche Badestube gebrauchten. Karl IV.
behielt sich in Königsfeld 1360 ausdrücklich vor „stubam balnearem“
zum eigenen Gebrauch, dem seiner Nachkommen und Erben, der Könige
von Böhmen[552]. In Bayern mußte 1294 der Viztum das Badgeld für den
Herzog zahlen, wenn dieser in den Amtsbezirk kam[534]. Den Herzog
Ludwig II. zu Brieg und Liegnitz ereilte 1436 der Tod in der Badestube
in der Liebfrauengasse zu Liegnitz[16]. Aber schon in der ersten
Hälfte des 15. Jahrhunderts sagt der Erzbischof Albicus von Prag in
seinen Verhaltungsmaßregeln zur Pestzeit nach einer Warnung vor dem
Bade überhaupt: „Du armer ... Du salt meyden gemeyne bat“[474], und
der Stadtarzt König von Bern warnt zur Pestzeit 1628 und 29 nicht den
Junker vor dem Besuch der gemeinen Schweiß- und Badestuben, sondern
rät ihm, sein Hausgesinde von diesen fern zu halten[610]. Nach dem
zu Leipzig 1715 erschienenen Frauenzimmerlexikon badete die vornehme
Frau zu Hause, nur Weibsbilder vom schlechten Stande besuchten die
öffentliche Badestube, wo die Bademagd die Bedienung besorgte[422].
Während 1610 nach ~Guarinonius~ in Steiermark die Handwerker
am Sonnabend abend ein Reinigungsbad nahmen[134], auch 1733 in
Mitteldeutschland die Badeschichten noch zum Baden benutzt wurden[468],
sagt ~Grellmann~ 1794, die Badeschichten seien ein Überbleibsel aus
früher Zeit, die bei einigen Handwerken noch in Gebrauch wären[543].
Gebadet wurde also von diesen nun auch nicht mehr.
[Sidenote: _Rückgang der Badestuben seit der Mitte des 18.
Jahrhunderts_]
+Das Zurückgehen des Badebedürfnisses beim gemeinen Mann müssen wir
in die Mitte des 18. Jahrhunderts legen.+ 1733 waren nach ~Zedler~s
Lexikon in Polen, Rußland, Littauen, Livland und den Nordländern
die Badestuben „sehr gemein, in Teutschland aber sind sie so sehr
bräuchlich nicht“, noch weniger in den übrigen Teilen Europas[468].
In Winterthur hatte die schon erwähnte Lörlibadestube durch Zuführung
eines angeblichen Mineralwassers einen Aufschwung genommen. 1670
fand sich jedoch kein einheimischer Bewerber, sondern nur Fremde.
1733 aber beschloß der Rat, die obere (Lörli-)Badestube solle wie
von alters her eine ehehafte und ein Erblehen bleiben, und als der
Bader um Erleichterung nachsuchte, gab ihm der Rat den Trost, „wenn
nach Beschaffenheit der Zeit sich keine oder nur sehr wenige Badgäste
einfinden sollten, daß er nicht erleiden möchte zu wärmen, daß dann
wohl niemand ihn dazu nötigen werde“. 1766 wurde die Badestube neu
gebaut. Der Bader erhielt 5000 fl. zu 2½ % geliehen und alles Holz zum
Baue frei. Als 1801 die Badestube der Stadt zum Ankauf empfohlen wurde,
fehlte es am nötigen Gelde, und 1804 wurde der Vorschlag gemacht, das
Badhaus zur Errichtung eines Waisenhauses anzukaufen. Durchgeführt
wurde er aber nicht. Dem Bader ließ man das Geld mit leichtem Zins
unter dem Vorbehalt, daß das Gebäude stets eine Badestube bleibe (sie
bestand schon vor 1349) und in unklagbarem Zustande erhalten werden
müsse. 1841 forderte der Rat jedoch eine Verzinsung seines Geldes zu 4
%[57], und nicht lange nach 1843 scheint die Badestube eingegangen zu
sein.
Im 17. Jahrhundert hielt man die Badestube noch für unentbehrlich. So
singt ~Greill~ 1610 von München nach Aufzählung von zweiundvierzig
Weinhäusern, vierzehn Methschenken, zweiundsiebzig Bierbrauereien und
zweiundsechzig Bäckereien:
„Vergessen hett ich schier noch eins,
Welches dannoch kein kleins,
Daß da zwölff offne Bad thut han,
Darin man sich kan putzen lan“[497].
[Illustration: Abb. 91. Deutsche Badestube zu Anfang des 18.
Jahrhunderts. Kupfer aus: ~Abraham a Santa Clara~, Etwas für Alle.
Würzburg, 1711.]